Der Sommernachtsball - Stella Gibbons - E-Book

Der Sommernachtsball E-Book

Stella Gibbons

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Beschreibung

Ein bezauberndes Aschenputtelmärchen aus dem England der 30er-Jahre

Viola Withers Leben ist gerade alles andere als märchenhaft. Arm wie eine Kirchenmaus ist die junge Witwe dazu gezwungen, mit der Familie ihres verstorbenen Ehemannes unter einem Dach ein eher freudloses Dasein zu fristen. Der mürrische Mr. Wither ist ein tyrannischer Geizhals, der keinen Hehl daraus macht, wie wenig er von seiner Schwiegertochter hält, und Violas Schwägerinnen sind beide keinen Deut besser. Allein die Aussicht auf den großen Wohltätigkeitsball kann Violas Laune heben – besonders, da Victor Spring ebenfalls dort sein wird, Spross der wohlhabendsten Familie am Ort und in Violas Augen ein wahrer Märchenprinz. Doch Victors Absichten in Bezug auf Viola sind, kurz gesagt, nicht besonders ehrenhaft …

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Das Leben der einundzwanzigjährigen Viola ist gerade alles andere als märchenhaft. Ihr Mann Teddy Wither verstarb vor Kurzem. Zwar verdiente der über zwanzig Jahre ältere Teddy gutes Geld, doch gab er selbiges auch gerne wieder aus. Arm wie eine Kirchenmaus ist die junge Witwe auf die Hilfe der Familie ihres verstorbenen Ehemannes angewiesen. Viola ergibt sich in ihr Schicksal und zieht von London auf den Landsitz der Withers in Sussex. Dort findet sie zwar ein Dach über dem Kopf, muss sich allerdings auch mit einem Leben zufriedengeben, das sie sich so gar nicht erhofft hatte. Der mürrische Mr. Wither ist ein tyrannischer Geizhals, der keinen Hehl daraus macht, wie wenig er von seiner Schwiegertochter hält, und Violas Schwägerinnen sind beide keinen Deut besser. Allein die Aussicht auf den großen Wohltätigkeitsball kann Violas Laune heben – besonders, da Victor Spring ebenfalls dort sein wird, Spross der wohlhabendsten Familie am Ort, charmant, charismatisch und in Violas Augen ein wahrer Märchenprinz. Doch Victor ist wahrlich kein Kind von Traurigkeit, und seine Absichten in Bezug auf Viola sind, kurz gesagt, nicht besonders ehrenhaft …

STELLA GIBBONS

DER SOMMER-

NACHTSBALL

ROMAN

AUS DEM ENGLISCHENVON GERTRUD WITTICH

MANHATTAN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe erschien 1938 unter dem Titel »Nightingale Wood« bei Longman, London.

Anmerkung:Sämtliche Personen und Orte sind fiktiv.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe

1938 by Stella Gibbons

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Die Nutzung des Labels Manhattan erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Hans-im-Glück-Verlags, München

Umschlaggestaltung und Konzeption: Buxdesign/München unter Verwendung einer Illustration von Die Kleinert/Natascha Römer

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10799-4V002www.manhattan-verlag.de

Eine romantische Komödie für Renée und Ruth

»… all diese jungen bezaubernden Reize«

THOMAS MOORE

1. KAPITEL

Es ist gar nicht so einfach, einen ausgesprochen langweiligen Garten anzulegen, aber Mr Wither war dies gelungen.

Er pflegte das Grundstück unweit von Chesterbourne, Essex, auf dem sein Haus lag, natürlich nicht selbst, aber sein Desinteresse und seine Abneigung, Geld für Pflege und Erhaltung des Gartens auszugeben, blieben nicht ohne Einfluss auf den Gärtner. Das Ergebnis waren ein kümmerlicher Rasen, ein weitläufiger Steingarten mit kaum etwas darin und etliches langweilige Gesträuch, das Mr Wither praktisch fand, weil es pflegeleicht war und Platz einnahm. Vor allem sollte alles ordentlich sein. Was für eine Plage diese Gänseblümchen doch sind, dachte er, als er eines schönen Aprilmorgens am Fenster des Frühstückszimmers stand. Elf Stück wuchsen mitten auf seinem Rasen. Man musste Saxon anweisen, sie zu entfernen.

Mrs Wither kam herein. Er beachtete sie nicht, denn er kannte sie ja. Sie nahm an einem der Gedecke Platz. In diesem Moment ertönte in der Diele ein Gong, worauf Mr Wither mit schwerem Schritt den Raum durchmaß und am anderen Ende des Tisches Platz nahm. Dann schlug er die Morning Post auf. Mrs Wither reichte ihm eine Tasse Tee und eine Schüssel mit Marken-Frühstücksflocken, die sich in Geruch und Geschmack nicht von allen anderen Frühstücksflocken unterschieden. Drei Minuten vergingen. Mrs Wither nippte an ihrem Tee und starrte über Mr Withers bis auf zwei einsame Haarsträhnen kahlen Schädel hinweg auf eine Amsel, die unter der Chilefichte herumstolzierte.

Mr Wither blickte langsam auf.

»Die Mädchen sind schon wieder unpünktlich.«

»Sie kommen ja gleich, Lieber.«

»Sie sind unpünktlich. Dabei wissen sie ganz genau, wie viel Wert ich auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten lege.«

»Ich weiß, Lieber, aber Madge hat verschlafen, weil sie gestern nach dem Tennis todmüde war, und Tina ist noch …«

»Zupft noch an ihrer Frisur herum wie immer, nehme ich an.«

Mr Wither wandte sich wieder der Zeitung zu, und Mrs Wither nippte erneut am Tee und starrte aus dem Fenster.

Madge, die ältere Tochter, kam herein. Sie rieb sich die Hände.

»Morgen, Mama. Entschuldige die Verspätung, Vater.«

Mr Wither antwortete nicht, und sie setzte sich. Sie war neununddreißig Jahre alt, eine wuchtige Frau mit groben Gesichtszügen, einem kurz gestuften Bubikopf und unverschämt roten Backen, die am liebsten Tweedkostüme trug.

»Wie kannst du bloß dieses Sägemehl essen, Vater?«, bemerkte sie und machte sich über Eier und Speck her. Ihre Stimme klang fröhlich, denn es war ein schöner Morgen und erst zehn nach neun. Zu Beginn eines Tages bestand immer die Möglichkeit, dass er anders wurde als all die anderen. Vielleicht passierte ja mal was. Und dann wäre alles viel netter.

Madge befasste sich nie eingehender mit ihrem Gefühlsleben; sie wusste nur, dass sie beim Frühstück immer bessere Laune hatte als beim Abendessen.

Mrs Wither lächelte schwach. Mr Wither schwieg.

Durch die weite geflieste Eingangsdiele näherten sich eilige, aber sichtlich widerwillige Schritte, und schon tauchte Tina auf, mit rosa geschminkten Lidern. Das dünne, glanzlose Haar war seitlich gescheitelt und hing ihr wie immer in einer schlaffen, welligen Tolle ins schmale kleine Gesichtchen, für das Augen und Mund viel zu groß zu sein schienen. Sie war fünfunddreißig und trug – offenbar um sich selbst eine Freude zu machen – ein hübsches grünes Kostümchen mit einer weißen Rüschenbluse. Sie hatte zierliche kleine Hände, deren Nägel, passend zum Lidschatten, hellrosa lackiert waren.

»Guten Morgen. Entschuldige die Verspätung, Vater.«

Mr Wither nahm seine kurzen, stämmigen Beine – die erstaunlicherweise in einer Hose mit Schottenkaro steckten – auseinander und überkreuzte sie erneut, blickte aber nicht auf. Mrs Wither lächelte ihrer Tochter zu und sagte leise:

»Sehr hübsch, Liebes.«

»Was? Wie?« Mr Withers blutunterlaufene, blassblaue Augen mit den dicken Tränensäcken richteten sich unversehens auf Tina.

»Ach – bloß mein neues Kostüm, Vater.«

»Neu, was?!«

»Ja – äh – ja.«

»Wozu denn neue Kleider? Du hast doch schon genug!« Mr Wither vertiefte sich wieder in den Wirtschaftsteil.

»Speck, Tina?«

»Ja, bitte.«

»Eine oder zwei Scheiben?«

»Och, bloß eine, bitte. Nein – die kleine da. Danke.«

»Du isst viel zu wenig!«, meinte Madge missbilligend. Sie bestrich sich eine Scheibe Toast mit Butter. »Das steht dir nicht. Du bist doch ohnehin so dünn. Weiß nicht, warum du überhaupt abnehmen willst; siehst richtig verhungert aus.«

»Das hängt doch davon ab, wie man sich fühlt, oder? Und ich fühle mich um Meilen besser, als …«

»Um Meilen? Wie kannst du dich um Meilen besser fühlen?«, ließ sich Mr Wither vernehmen. Er legte die Morning Post beiseite und starrte seine jüngere Tochter streng an. »Eine Meile ist ein Längenmaß. Damit kann man nicht einen menschlichen Zustand beschreiben. Man kann sich merklich besser fühlen. Oder beträchtlich. Oder … nun ja. Aber jedenfalls nicht um Meilen besser. Das ist ganz und gar unmöglich.«

»Also, äh …« Tina rieb raschelnd ihre trockenen Hände, die sie in den Schoß gelegt hatte. Sie lächelte zittrig. »Dann fühle ich mich eben beträchtlich besser, seit ich mit der Brash-Diätangefangen habe.«

Ihr Lächeln enthüllte unregelmäßige Zähne, ließ aber ihr Gesicht entspannter und jünger erscheinen.

»Also, ich kann nur sagen, sie sieht nicht gut aus. Was meinst du, Vater?«

Schweigen. Die Amsel zwitscherte einmal laut und süß und flog dann davon.

»Was hast du heute vor, Liebes? Willst du Golf spielen?«, wandte sich Mrs Wither in gedämpftem Ton an ihre ältere Tochter. Madge, die gerade den Mund voll hatte, nickte nur.

»Und wirst du zum Lunch hier sein?«, hakte ihre Mutter behutsam nach.

»Kommt drauf an.«

»Du musst doch wissen, ob du zum Lunch hier sein wirst oder nicht, Madge«, mischte sich Mr Wither ein, der im Wirtschaftsteil soeben etwas gelesen hatte, das seine Tage, die nie sonderlich hell waren, verdunkelte. »Kannst du deiner Mutter denn nicht sagen, ob du nun kommst oder nicht?«

»Leider nein, Vater«, antwortete Madge fest und wischte sich den Mund ab. »Reich mir doch mal den Sportteil, falls er frei ist.«

Mr Wither nahm den Sportteil heraus und reichte ihn stumm herüber. Der Rest der Zeitung segelte trübe zu Boden.

Alle schwiegen. Die Amsel tauchte wieder auf.

Eine schwere, schwarzlila Wolke hing nun über Mr Withers Gemüt. Bevor er den Artikel im Wirtschaftsteil las, war er so wie immer gewesen, beim Frühstück. Oder beim Mittag- oder Abendessen. Aber jetzt (so dachten Mrs Wither und Madge und Tina) machte sich Vater Sorgen. Und das würde den ganzen restlichen Tag überschatten.

Mr Withers Hauptsorge galt natürlich seinem Geld, von dem ihm etwa 2800 Pfund pro Jahr zur Verfügung standen: Zinsen aus einem hübschen Vermögen, das ihm sein Vater hinterlassen hatte. Es stammte aus einem Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Gasunternehmen, bei dem der verstorbene Mr Wither die Aktienmehrheit innegehabt hatte.

Der jüngere Mr Wither, der so gut wie nichts von Gas verstand, aber eine Menge davon, wie man Leute herumkommandiert und seinen Willen durchsetzt, hatte das Unternehmen während seines aktiven Berufslebens mit einigem Erfolg weitergeführt. Mit fünfundsechzig (vor fünf Jahren) hatte er die Firma schließlich verkauft, den Erlös angelegt und sich zur Ruhe gesetzt. Seinen Ruhestand genoss er nun auf »The Eagles«, seinem Anwesen unweit von Chesterbourne in Essex, wo er schon die dreißig Jahre zuvor gelebt hatte.

Mr Withers Investitionen waren so sicher, wie Investitionen in dieser Welt eben sein können; aber das war nicht sicher genug für Mr Wither. Er wollte, dass sie ganz sicher waren, allzeit produktiv, solide wie ein Fels und verlässlich wie der Einbruch der Nacht.

Aber es nützte nichts: Sie gingen rauf und runter, beeinflusst durch Kriege, Geburten, Abdankungen und Flughäfen. Er konnte nie sicher sein, was sein Geld jetzt wieder anstellen würde. Nachts wachte er auf und lag im Dunkeln und fragte sich, was wohl gerade mit seinem Geld geschah. Und tagsüber durchforstete er unbehaglich die Spalten des Wirtschaftsteils.

Er war kein Geizhals (sagte er sich), aber er hasste es nun mal, gutes Geld verschwendet zu sehen. Er bekam Magenschmerzen, wenn er ohne einen wirklich guten Grund Geld ausgeben musste. Geld war schließlich nicht zum Ausgeben da. Geld war da, um GESPART zu werden. Dafür war es uns gegeben worden.

Verzweifelt starrte er in seine schwammigen Frühstücksflocken und dachte an all das schöne Geld, das man ihm aus dem Kreuz geleiert hatte. Wie er es gehasst hatte, all die Schul- und Studiengebühren für seine Töchter zu bezahlen, in den zehn Jahren, in denen sie eine berufliche Laufbahn angestrebt hatten. Hunderte von Pfund, alles zum Fenster hinausgeworfen. Gutes Geld für nichts und wieder nichts. Kunstschulen und Wirtschaftsschulen, Sekretärinnenkurse und Journalismusstudien, Hundepflege und Handweberei. Alles sündteuer. Und wozu? Was konnten die Mädchen vorweisen?

Nichts. Mr Wither hielt sie für unwissend und unfähig, sich korrekt auszudrücken. Sie konnten weder etwas mit den Händen anfangen noch mit dem Hirn. Er bildete sich ein, dass sie nach einer derart allumfassenden Ausbildung über ein ebenso allumfassendes Wissen verfügen sollten wie ein Sir Francis Bacon. Aber dazu war es irgendwie nicht gekommen.

»Wann, sagtest du, kommt Violas Zug an?«, erkundigte sich Tina bei ihrer Mutter; sie fand das Wither-Schweigen manchmal schier unerträglich.

»Um halb eins, Liebes.«

»Also gerade rechtzeitig zum Lunch.«

»Ja.«

»Warum fragst du? Du weißt ganz genau, dass Viola um halb eins ankommt«, bemerkte Mr Wither. Er hob langsam den Kopf und musterte seine Tochter missbilligend. »Das hast du doch schon gestern gefragt. Du redest, selbst wenn du nichts zu sagen hast. Eine dumme Angewohnheit.« Sein Kopf senkte sich langsam wieder über seine matschigen Frühstücksflocken.

»Das hatte ich ganz vergessen«, sagte Tina hilflos. Mit verzweifelter Munterkeit fuhr sie fort: »Hasst du es auch so, am späten Vormittag irgendwo anzukommen, Madge? Zu spät zum Frühstück, aber zu früh zum Mittagessen?«

Alle schwiegen. Da fiel ihr ein, dass sie auch das schon gestern beim Abendessen gesagt hatte, als man Violas bevorstehende Ankunft diskutierte. Madge und Mr Wither hatten sich wegen des Zugfahrplans in die Haare gekriegt. Sie wurde rot und knetete erneut raschelnd ihre kleinen, trockenen Hände. Wie scheußlich es mal wieder beim Frühstück war! Aber es machte nichts, ihr neues Kostümchen stand ihr wirklich gut, und Viola würde heute eintreffen. Das brachte ein wenig Abwechslung ins Haus; und vielleicht sorgte ihre Anwesenheit ja dafür, dass Vater sich nicht mehr so oft Sorgen machte. Und dass Madge sich nicht mehr so oft mit ihm stritt. Viola war keine aufregende Person, aber immer noch besser als die reine, unverdünnte Familie.

Tina hatte gerade Selenes Töchter gelesen, ein Buch über weibliche Psychologie, das ihr eine Schulfreundin geliehen hatte, und sie war nun fest entschlossen, all ihren Fehlern und Schwächen, egal wie erschreckend, ja abstoßend sie sein mochten, ehrlich ins Auge zu blicken. (Das Buch warnte seine Leserinnen davor, dass die Wahrheit über einen selbst oft erschreckend, ja abstoßend sein konnte.) Und eine der Wahrheiten, der sie nun ehrlich ins Auge blickte, war, dass sie ihre Familie nicht sonderlich mochte.

Nicht mal ihren Bruder Teddy, und das war wirklich erschreckend, denn er war schließlich tot, seit drei Monaten.

Viola war seine Witwe. Sie war kaum ein Jahr lang mit ihm verheiratet gewesen. Und diese Viola kam nun, um bei ihnen auf The Eagles zu leben. Immer wenn Tina daran dachte, dass sie Teddy nicht sonderlich gemocht hatte, fühlte sie sich noch schlechter als ohnehin schon, denn schließlich hatte Viola, die jung und hübsch war und sicher viele Verehrer gehabt hatte, Teddy genommen. Sie musste ihn ja geliebt haben, sonst hätte sie ihn wohl kaum geheiratet. Wahrscheinlich bin ich einfach unnormal, dachte Tina. Allerdings haben wir Teddy als Erwachsenen kaum noch zu Gesicht bekommen. Er hat sein Leben nicht mit seinen Eltern und Schwestern geteilt, so wie andere Männer. Trotzdem, irgendwas stimmt nicht mit mir, dachte sie, wenn ich nicht mal fähig war, meinen einzigen Bruder zu lieben.

Madge, die bereits an der Tür stand, fragte: »Mama, soll ich dich zum Bahnhof fahren?«

»Aber dafür wirst du doch gar nicht rechtzeitig zurück sein, Liebes?«

»Och, das macht nichts; ich kann eher kommen, wenn ich dich fahren soll.«

Madge fuhr für ihr Leben gern Auto, durfte es aber fast nie, da Mr Wither der Meinung war, dass sie es nicht konnte.

»Ach, danke, Liebes, aber ich habe schon Saxon gebeten. Er wird den Wagen um zehn nach zwölf vorfahren.«

»Na gut, wenn dir Saxon lieber ist!«

»Das ist es nicht, Liebes. Außerdem kann Saxon mittlerweile recht gut Auto fahren.«

»Will ich auch hoffen, nach zwei Verwarnungen, einem neuen Kotflügel und einem Strafzettel!«

Madge ging pfeifend hinaus. Mrs Wither wollte sich nach der Zeitung bücken, doch Mr Wither streckte scheinbar abwesend die Hand danach aus, und so überließ sie sie ihm.

»Willst du heute üben, Tina?«, erkundigte sie sich und drückte im Hinausgehen die schmächtige Schulter ihrer Tochter.

»Ja, vielleicht.«

»Du solltest rausgehen«, verkündete Mr Wither und tauchte aus seiner Trübseligkeit auf wie ein Seehund aus dem Meer, um Luft zu holen. »Zu Hause herumsitzen und Trübsal blasen bringt gar nichts.« Damit tauchte er wieder unter.

Mrs Wither ging hinaus.

Tina trat ans Fenster, wo sie ein Weilchen stehen blieb und zu den weißen Wolken emporblickte, die sich hinter den dicken schwarzgrünen Nadeln der Chilefichte abzeichneten. Wie jung die Welt heute Morgen aussah! Sie dagegen fühlte sich alt und verwelkt, konnte jede sorgfältig eingecremte und massierte Gesichtsfalte fühlen und das allmähliche Steifwerden ihrer Knochen. Alles, was sie sich wünschte, alles, woran sie an diesem frischen jungen Tag dachte, war DIE LIEBE.

Mr Wither verließ den Raum, überquerte die mit kalten blauen und schwarzen Fliesen ausgelegte Diele und verschwand in seinem Arbeitszimmer, einem stickigen kleinen Kabäuschen. Darin befanden sich ein hässlicher großer Schreibtisch, ein alter, abgetretener Teppich, Nachschlagewerke zum Finanzwesen sowie ein riesiger alter Kamin, der, wenn entzündet (was nur selten der Fall war), eine höllische Hitze verströmte.

An diesem Morgen jedoch war er entzündet worden. Mr Wither hatte das nicht leichtfertig entschieden, im Gegenteil, er hatte es sich sorgfältig überlegt. Das Feuer würde nicht verschwendet sein, obwohl eine erschreckende Menge Kohle verbrannt werden musste, wenn es nicht vor halb drei Uhr nachmittags ausgehen sollte.

Mr Wither plante, Viola nach dem Lunch zu einem kleinen Gespräch in sein Arbeitszimmer zu bitten, und hoffte, sie mit dem Feuer ein wenig gefügiger zu machen. Frauen klagten ja immer, dass sie froren.

Mr Wither konnte den Gedanken kaum ertragen, dass ein törichtes junges Ding wie Viola die Kontrolle über ihr Vermögen haben sollte. Selbst wenn es nicht sehr groß sein konnte. Nicht einmal, wenn man das Erbe ihres Vaters zu dem dazuzählte, was ihr Teddy hinterlassen hatte. Es kann nicht mehr sein als, sagen wir, hundertfünfzig Pfund im Jahr, dachte Mr Wither, der aufrecht in seinem durchgesessenen alten Ohrensessel aus schwarzem Leder saß und trübe in das höllisch prasselnde Feuer starrte. Aber auch um hundertfünfzig Pfund pro Jahr musste man sich ordentlich kümmern, und Mr Wither und sein Finanzberater, der Major-General E. E. Breis-Cumwitt, Träger der Tapferkeitsmedaille, waren sicherlich besser dazu geeignet als Viola.

Wenn es nach Mr Wither gegangen wäre, dann hätte er längst gewusst, wie viel Geld Viola besaß, aber zum Zeitpunkt des Todes seines Sohnes schien sich alles gegen ihn verschworen zu haben.

Zunächst mal war Teddy schon immer irritierend geheimniskrämerisch gewesen, wenn es um sein Geld ging (und nicht nur um das, eigentlich um alles, was sein Leben betraf). Sein Vater wusste zwar, wie viel er verdiente, aber nicht, wie viel davon er sparte. Er hatte Teddy während seines Lebens ungefähr alle vierzehn Tage danach gefragt. Sparst du auch etwas? Und Teddy hatte immer »ja, natürlich, Vater« geantwortet und dann das Thema gewechselt. Gezielten Fragen nach dem Wie und Wieviel war er stets ausgewichen; hatte geantwortet, das ginge niemanden außer ihn selbst was an. Dennoch war sein Vater davon ausgegangen, dass er wenigstens einen gewissen Betrag auf die hohe Kante legte.

Als sein Sohn dann plötzlich an einer Lungenentzündung verstarb, war Mr Wither nicht in der Lage gewesen, zur Beerdigung zu kommen (die, auf Violas Wunsch, in London stattfand), geschweige denn sich um die Hinterlassenschaft seines Sohnes zu kümmern, wie er es sich wünschte. Denn ausgerechnet zu dem Zeitpunkt hatte ihn ein fürchterlicher Hexenschuss geplagt.

Aber er wusste immerhin, dass es kein Testament gab, was an sich schon beunruhigend war.

Er schrieb an Viola; er schrieb zwei längere, ernste Briefe, in denen er ihr VERMÖGEN erwähnte. Als Antwort kam nur ein kurzes, vages Schreiben, in dem Viola ankündigte, sie würde bis auf weiteres zu ihrer Freundin Shirley ziehen. Eine Adresse gab sie nicht an.

Mrs Wither sagte, dass Shirleys Nachname Davis war und dass sie in einem Viertel namens Golders Green lebte.

Mr Wither machte sich die Mühe, im Telefonbuch von London nachzuschlagen. Aber in Golders Green wimmelte es nur so von Davis’, das nutzte also auch nichts.

Er schrieb noch einen längeren Brief und schickte ihn an die alte Adresse seines Sohnes. Darauf bekam er immerhin eine kurze Antwort mit der Anschrift der Davis’. Von Geld war darin nicht die Rede, nur davon, dass Viola offenbar Schwierigkeiten hatte, ihre alte Wohnung zu vermieten.

Daraufhin schrieb Mr Wither ein letztes Mal. Diesmal erwähnte er nichts von Geld, verlangte aber entschieden, dass seine Schwiegertochter so schnell wie möglich zu ihnen ziehen müsse.

Das war die einzige Möglichkeit. Solange Viola in London lebte, konnte er nicht darauf hoffen, ihr Geld zu verwalten. Und dieser Gedanke schlug ihm mehr und mehr auf den Magen. Noch schlimmer war, dass er nicht mal wusste, um wie viel es sich handelte. Möglicherweise waren es sogar dreihundert im Jahr!

Er hielt Viola für ein törichtes, gewöhnliches junges Ding, hatte aber, abgesehen davon, nichts gegen sie. Natürlich war es eine Schande, wirklich eine Schande, dass sie nur eine kleine Verkäuferin gewesen war, aber immerhin hatte ihrem Vater die Hälfte des Geschäfts gehört, in dem sie angestellt gewesen war. Und es war ein anständiges Geschäft, ein solide geführter, gut besuchter kleiner Laden. Und das war gut so. Mr Wither mochte das Gefühl, von Geld umschlossen zu sein wie von einem Wall; er mochte die Vorstellung, dass selbst die entferntesten Verwandten ein wenig beiseitelegten (was fast alle Withers taten).

Nein, es machte ihm nichts aus, dass Viola von nun an hier bei ihnen leben würde. The Eagles war ein großes Haus; er würde sie nicht oft zu Gesicht bekommen. Und wenn, dann konnte man sie in den Griff kriegen. Und er konnte endlich Teddys Geld für sie verwalten und darauf achten, dass es nicht sinnlos verschwendet oder anderweitig missbraucht wurde. Wäre ein hübsches Hobby für sie, überlegte er. Sie konnte sich seinem klugen Management ihres kleinen Vermögens beugen und mit den Jahren (so hoffte er) ein wenig klüger und gefügiger werden.

Natürlich hatte er nie etwas anderes erwartet, als dass Teddy ein charakterloses Geschöpf wie sie heiraten würde. Was ihn nicht davon abhielt, sehr verstimmt zu sein, als Teddy es tatsächlich tat. Töchter, die nie einen Mann kriegen würden, und ein Sohn, der eine kleine Verkäuferin heiratete. Und dazu Mrs Wither, die so enttäuscht war über die Einstellung ihrer drei Kinder zur Ehe. Nein, Mr Wither wollte von DIESEM Thema wahrhaftig nichts mehr hören.

Hinzu kam, dass Teddy so gut wie keinen Ehrgeiz besessen hatte. Mr Wither hatte ihm, als er zweiundzwanzig wurde, eine zwar unbedeutende, aber aussichtsreiche Stelle in der Gasfirma verschafft, mit der Prämisse, dass er sich von nun an »hinaufarbeiten« würde. Wohin, war unklar.

Aber weiter war Teddy nie gekommen. Zwanzig Jahre lang war er auf demselben Posten geblieben; sein Gehalt war um fünf Pfund jährlich gestiegen, weil das in dieser Firma, ab einer gewissen Stellung, so üblich war. Nicht, dass er mit seiner Stelle zufrieden gewesen wäre, in der er so wenig verdiente, dass sich Mr Wither bei dem Gedanken daran schämte. Mr Withers Bekannte und Verwandte rieben ihm immer wieder unter die Nase, dass Teddy in Wahrheit davon geträumt habe, Architekt oder Maler zu werden: irgendwas Künstlerisches. All dies verstimmte Mr Wither zutiefst.

Er war sicher, dass seine Bekannten hinter seinem Rücken darüber redeten, dass er seinem Sohn mehr hätte bezahlen sollen. Aber das hatte er aus mehreren guten Gründen nicht tun können. Erstens hatte Teddy nicht mehr Geld verdient; niemand, der diese Stelle hatte, erhielt mehr als das, was er bekam. Außerdem konnte er seinen Sohn ja schlecht bevorzugen. Und schließlich brauchte Teddy gar nicht mehr Geld: Er war ja nicht verheiratet. Und so weiter und so fort.

Als Teddy dann schließlich im Alter von einundvierzig Jahren doch noch heiratete, sah sich Mr Wither in der glücklichen Lage, sein Gehalt nicht mehr erhöhen zu können, da er seinen Anteil an der Firma zu dem Zeitpunkt bereits verkauft hatte. Er gewährte Teddy ein jährliches Taschengeld von achtzig Pfund und war der Meinung, dass dies ausreichen müsse. Aber Teddy war kaum ein Jahr lang in den Genuss der Apanage gekommen, als er auch schon starb, und Mr Wither konnte sie wieder zurücknehmen.

Mr Wither starrte blicklos ins Feuer und sinnierte, dass es manche Männer ziemlich hart traf, wenn sie ihre Söhne verloren. Also ihn hatte es nicht sehr hart getroffen, das musste er zugeben. Natürlich war es ein Schock gewesen. Natürlich. Schon seltsam, dass es ihn nicht härter traf. Er war nie sonderlich gut mit Teddy ausgekommen, nicht mal, als er noch ein Kind war. Das Wort »Schwächling« kam ihm in den Sinn. Und dennoch: Irgendwas musste ja an ihm dran gewesen sein. Sonst hätte ein Mädel wie Viola, ein ziemlich hübsches Mädel, das sicher viele Verehrer und jede Menge Auswahl gehabt hatte, ihn wohl kaum geheiratet.

Nicht, dass er keine gute Partie gewesen wäre: im Gegenteil. Das Mädel wusste zweifellos, auf welcher Seite ihr Brot gebuttert war, dachte Mr Wither, während er sich aufrichtete und grimmig nickte. Und heute nach dem Mittagessen würden er und Viola ein kleines Gespräch führen.

Vorher wollte er jedoch noch den Major-General Breis-Cumwitt anrufen und mit ihm über die schlechten Nachrichten aus dem Wirtschaftsteil reden. (Er hatte mit einem schwarzen Stift sorgfältig einen Trauerrand darum herum gemacht.)

Nicht, dass der Major-General Breis-Cumwitt viel dagegen machen konnte: eigentlich nichts. Wenn eine Anlage erst einmal so wackelig wurde, konnte man nichts tun, als sich zu beraten und gegenseitig zu trösten. Und danach würde sich Mr Wither besser fühlen (obwohl der Anruf nach London einen Shilling und drei Pence kostete).

Punkt zehn nach zwölf fuhr das Auto von der Garage über die kurze, geschwungene Auffahrt vor und blieb vor dem Haus stehen.

Der Chauffeur hielt sein schönes Profil geflissentlich vom Hause abgewandt: Ein korrekter Chauffeur glotzt nicht zu den Schlafzimmerfenstern hinauf oder starrt ungeduldig zur Eingangstüre. Er bleibt vollkommen unbewegt, und wenn Saxon etwas war, dann korrekt. Das Haus mit seiner dunkelgrauen Stuckfassade wirkte völlig überdimensioniert und schien sich bedrohlich über das Grundstück zu beugen. Auch im Vorgarten gab es jede Menge langweilige Sträucher, sie umrahmten die Eingangstür, zu der eine ganze Anzahl steiler Stufen hinaufführte. Die Fenster im Erdgeschoss waren mit schweren dunklen Samtvorhängen behangen, die im oberen Stockwerk besaßen weiße Halbstores mit grober Spitze, die man häufig in Krankenhausfenstern findet und die den Eindruck erwecken, dass sich dahinter große, zugige Schlafzimmer verbergen.

Auf den zwei Säulen, die das Eingangstor flankierten, hockten zwei große Gipsadler, denen das Anwesen seinen Namen verdankte. Diese Vögel gingen Mr Wither auf die Nerven, aber er wagte nicht sich zu erkundigen, was es kosten würde, sie zu entfernen. Das Haus hatte schließlich seinem Vater gehört, dem die Gipsadler wohl zugesagt hatten, denn sonst hätte er sie ja nicht dorthin setzen lassen. Also blieben sie hocken, wo sie waren.

Saxon merkte ganz genau, wann Mrs Wither aus dem Haus kam, auch wenn er nicht dorthin schaute. Er sprang aus dem Wagen und hielt ihr geflissentlich die Tür auf, den Finger an die Mütze gelegt.

»Guten Morgen, Saxon. Ein schöner Tag, nicht?«

»Guten Morgen, Madam. In der Tat, Madam.«

»Wie schön für Mrs Theodore«, fuhr Mrs Wither fort, während ihre Füße von Saxon in eine grässliche alte Decke aus unbestimmtem Fell gewickelt wurden, die aus dem Verkehr zu ziehen sich Mr Wither strikt weigerte. »Dass sie ausgerechnet an einem so schönen Tag zu uns kommt, meine ich.«

»Ja, Madam.«

Mrs Wither, die sich einst gerne mit ihren Dienstboten unterhalten hatte, warf ihm einen Blick zu und sagte nichts mehr. Saxon wirkte nicht sehr gesprächig.

Der geneigte Leser fragt sich nun sicherlich, warum um alles in der Welt jemand einen Mann wie Mr Wither heiraten konnte. Ihm sei an dieser Stelle mitgeteilt, dass es (wie man hört) einer der ältesten Gründe der Welt war: Mrs Wither fürchtete, sonst überhaupt keinen Mann mehr abzukriegen.

Außerdem war Mr Wither in jungen Jahren nicht ganz so schlimm gewesen: Er hatte eine schneidige, forsche Art mit Frauen, fast wie eine kleine Bulldogge. Er verstand sich darauf, Kellner herumzukommandieren und sich mit den Ellbogen eine Kutsche zu erobern. Auch hatte er einen reichen Vater. Mrs Wither, die nicht romantisch veranlagt war, fand, dass sich eine junge Frau einem Mann wie Arthur Wither getrost anvertrauen konnte, und das tat sie. So schlecht konnte ihre Ehe nicht gewesen sein, denn die beiden lebten immer noch (er siebzig und sie vierundsechzig Jahre alt) gemeinsam in The Eagles, mit zwei Töchtern, einer jungen Schwiegertochter und dem Gedenken an einen toten Sohn.

Mrs Wither tat der arme Arthur leid: Er machte sich immer solche Sorgen. In seiner Abwesenheit grübelte sie viel und fühlte mit ihm. Und obwohl sie sich in seiner Anwesenheit eigentlich nie richtig wohlfühlte und in seiner Abwesenheit eigentlich immer, so war sie ihm, auf ihre Art, durchaus zugetan. Mr Wither seinerseits missbilligte Mrs Wither weniger als jeden anderen Menschen, den er kannte, auch wenn er dies nie zeigte.

Was für hochtrabende Lügen über die Ehe verbreitet werden! Dabei ist nur eines sicher: »Es werden die zwei ein Fleisch sein.«

2. KAPITEL

Saxon fuhr langsam, denn Mrs Wither hatte, wie üblich, den Wagen viel zu früh geordert, und er hasste es, vor dem Bahnhof in Chesterbourne »blöd herumzustehen«, wie er es insgeheim bezeichnete. Die Gegend, durch die sie fuhren, bestand hauptsächlich aus Weideland, durchzogen von einigen Weizen- und Gerstefeldern. Sie besaß den unkonventionellen Charme der Grafschaft Essex: sanfte Hügel, gekrönt von kleinen Eichenwäldchen, die nun die ersten braun-rosa Blätter trieben, die funkelnden Windungen eines Flusses in einem bewaldeten Tal, in dem alle Straßen zusammenzulaufen schienen. Dazu von nah und fern das Zwitschern der Vögel, als würde das Land selbst singen. So viele von ihnen tummelten sich in Hecken und Wäldern, denn sie lieben eine Landschaft wie diese: flach, bewaldet und von Flüssen durchzogen.

Die Landschaft um Sible Pelden, die kleine Ortschaft, der The Eagles am nächsten lag, war nahezu unbebaut. Es gab nur eine größere Straße, die nicht allzu weit entfernt an der Ortschaft vorbeilief, aber nicht nahe genug, um ihren ländlichen Charakter zu ruinieren. (Die Einwohner freilich hätten sie am liebsten mitten hindurchgeleitet.) Es war ein stiller Landstrich mit einigen wenigen einfachen Dörfern und ein oder zwei größeren Anwesen reicher Leute, die seit kaum hundert Jahren in der Gegend wohnten, was hier so gut wie nichts war. London lag nur eine gute Stunde weit weg, wenn man einen schnellen Zug erwischte. Das Meer lag dreißig Meilen entfernt, dazwischen Marschen, in denen Schwäne und viele seltene Vögel nisteten. Im Sommer schien das Land unter einer silbrigen Sonne zu dösen (es war so flach, dass der Himmel ungeheuer weit und hoch wirkte und fast wie Dunst herabzufallen schien), und im Winter wirkte es erstaunlich öde. Es gab nur zwei historisch bedeutsame Orte und keinerlei nennenswerte Sehenswürdigkeiten.

Außerhalb von Chesterbourne war eine neue Siedlung entstanden. Als der Wagen an den nichtssagenden neuen Bungalows vorbeifuhr, fiel Mrs Wither ein, dass ihr Sohn und Viola kurz vor Teddys Tod noch überlegt hatten, ob sie nicht einen davon kaufen und hierherziehen sollten, statt weiter in ihrem kleinen Apartment in einem Vorort von London zu bleiben. Zumindest Teddy hatte davon gesprochen, Viola hatte kein Wort gesagt. Mrs Wither schloss daraus, dass Viola lieber in Greater London wohnen wollte und dass sie ein vergnügungssüchtiges Ding war, das wahrscheinlich ganz versessen auf Tanzen, neue Kleider, Lippenstift und vielleicht sogar Cocktailpartys war.

Mrs Wither seufzte. Wie schrecklich, dass der Kummer um den toten Sohn bereits nachließ. Sie hatte um ihn getrauert, natürlich hatte sie um ihn getrauert. Sein Tod war ein Schock gewesen, ein großer Schock. Aber sie hatte ihm nie so nahegestanden wie Madgie oder sogar Tina (die allerdings manchmal recht schwierig sein konnte. Sie sagte rüde Sachen und lachte über Dinge, die überhaupt nicht witzig waren). Mrs Wither wusste selbst, dass sie mit Männern nicht sehr gut zurechtkam: sie machten sie nervös. Teddy hatte sich diesbezüglich nicht vom Rest seiner Geschlechtsgenossen unterschieden. Er war ihr fremd gewesen, selbst als kleiner Junge, auch wenn es schrecklich war, so etwas zu denken. Er hatte sich immer lieber mit anderen Müttern und Nannys unterhalten als mit seiner eigenen; selbst als Erwachsener hatte er ihr nie etwas anvertraut, war manchmal sogar ausgesprochen grob geworden.

An dieser Stelle unterbrach Mrs Wither mit einem schlechten Gewissen ihren Gedankengang. Immerhin war sie dabei, seine Witwe in Empfang zu nehmen, eine junge Frau, die (wenn auch vergnügungssüchtig) Teddy genug geliebt hatte, um ihn aus einer ganzen Anzahl von Bewerbern zu erwählen (manche davon sicher um einiges jünger als der arme Teddy) und zu heiraten.

Der Wagen hielt vor dem Bahnhof.

Saxon öffnete Mrs Wither die Tür und half ihr fürsorglich aus dem Wagen. Dann eilte sie zum Ankunftsgleis, denn der Zug war bereits eingetroffen.

Und da war sie, Viola, schlank und rank. Mit einem der neuesten Hutmodelle wirkte sie irgendwie fehl am Platz. Hellblonde, weiche Locken quollen unter dem Hütchen hervor. Mit einem schweren Koffer in der einen Hand, mit der anderen den Hut festhaltend, kam sie den Bahnsteig hinunter, wobei sie sich suchend umsah.

»Da bist du ja, Viola«, begrüßte Mrs Wither die junge Frau und hielt sie am Arm fest. Viola beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen ungeschickten Kuss.

»Hallo, Mrs Wither.«

Ihre Stimme war ein wenig tiefer als die anderer Frauen. Hätte sie sich in den entsprechenden Kreisen bewegt, wäre sie dafür umschwärmt worden. Trotzdem war sie keine Sirene, sondern vielmehr eine junge, einundzwanzigjährige Frau, die elegant zu wirken versuchte. Viola trug ein billiges schwarzes Kostüm, dazu eine rosa Seidenbluse und Handschühchen mit Spitzenmanschetten, die Mrs Wither zu frivol fand. Sie war blass, hatte träumerische, schmale, hellgraue Augen, einen kindlichen, vollen Mund mit kleinen, halb geöffneten Lippen und hübschen Zähnen. Wie eine Lady wirkte sie nicht, was nicht verwunderlich war, denn sie war keine.

»Hattest du eine angenehme Fahrt?«

»O ja, danke, war ganz bequem.«

»Dein Schrankkoffer ist bereits eingetroffen.«

»O prima!«

Sie gingen nach draußen zum Wagen. Viola war einen ganzen Kopf größer als Mrs Wither. Saxon legte grüßend den Finger an die Mütze und verstaute ihren Koffer. Den Blick höflich gesenkt setzte er sich wieder hinters Steuer, und die beiden Damen nahmen auf dem Rücksitz Platz. Dann fuhren sie los.

»Wie famos es hier aussieht«, bemerkte Viola, deren Blick bewundernd über die Landschaft schweifte.

»Das liegt am Regen. Wie ich immer sage: Erst ist er lästig, aber hinterher wächst alles so schön.«

»Ja, hübsch.«

»Und wie geht es dir?«, erkundigte sich Mrs Wither pflichtbewusst. »Alle Erkältungen auskuriert?«

»Ja, danke. Mir geht’s wieder gut.«

»Und hat alles geklappt – mit der Wohnung, den Möbeln und den Katzen?«

»Ach, ja, danke. Das hat Geoff alles für mich erledigt. Sie wissen schon, Geoff Davis, der Mann meiner Freundin Shirley.«

Mrs Wither nickte. Sie war ein wenig verlegen. Seit der Beerdigung hatte sie Viola nicht mehr gesehen und fühlte sich in ihrer Gegenwart nun ein wenig fremd und unbehaglich. Nicht, dass sie ihre Schwiegertochter je sonderlich gut kennengelernt hatte. Und die Sache mit dem Londoner Apartment war ein wenig peinlich. Das Apartment war der Grund, warum Viola erst jetzt, drei Monate nach Teddys Tod, zu ihnen ziehen konnte. Immer wieder hatte sie ihre Ankunft brieflich aufgeschoben und als Grund die Probleme beim Verkauf des Apartments angegeben, bis Madge schließlich in ihrer geradlinigen, unverblümten Art gesagt hatte, es sei klar wie Kloßbrühe, dass die Kleine keine Lust hatte, zu ihnen zu ziehen.

Und dann noch die Sache mit den Katzen.

Teddy hatte sie geliebt, diese Katzen. Sie hießen Sentimental Tommy und Valentine Brown, nach zwei Figuren aus dem Werk von Sir J. M. Barrie, seinem Lieblingsautor. Viola hatte es für ihre Pflicht gehalten, ein gutes Heim für die beiden zu finden, was Zeit brauchte, da sie nicht nur riesengroß, fett und gefräßig waren, sondern sich auch nicht trennen ließen. Wenn man es versuchte, ging es rapide mit ihnen bergab. Schließlich gelang es Viola mit Shirleys Hilfe, sie in einem Rasthaus in der Nähe von St. Albans unterzubringen, wo man noch an den persönlichen Touch glaubte.

Wie gesagt, all dies hatte Zeit in Anspruch genommen, und Mrs Wither, die die Befangenheit in Violas Stimme bemerkte, fragte sich zum hundertsten Mal, ob die junge Frau wirklich bei ihnen auf The Eagles wohnen wollte.

Falls nicht, war das höchst undankbar und unschön von ihr.

»Shirley Davis? Ja, ich glaube, die hast du schon mal erwähnt, oder?«

»Och, bestimmt hundert Mal, wette ich. Sie ist meine beste Freundin, wissen Sie. Sie war auch auf meiner Hochzeit.«

»Ja, ich kann mich noch genau erinnern. Ziemlich auffallendes Mädchen.«

Gefärbte Haare, da war sich Mrs Wither sicher. Ein solches Rot konnte nicht natürlich sein.

Es folgte ein kurzes, belangloses Gespräch über die Londoner Wohnung, während sich der Wagen durch die engen, belebten Straßen von Chesterbourne zwängte. Viola beantwortete Mrs Withers Fragen zwar höflich und zuvorkommend, doch man merkte ihr an, dass sie mit ihren Gedanken woanders war. Als sie schließlich, an einer Ecke der Main Street, an einem kleinen Damenmodegeschäft vorbeikamen, lehnte sie sich spontan aus dem Fenster und rief: »Ach, da ist es ja! Wie schön, endlich mal wieder hier zu sein! Ach! Und da ist Catty! Bei der Tür, sie misst irgendwas aus!« Sie verrenkte sich den Hals, während der Wagen Burgess and Thompson, Damenmode, hinter sich zurückließ.

Mrs Wither schwieg, die übliche Methode der Withers, jemandem zu zeigen, dass er sich danebenbenahm. Viola lehnte sich langsam zurück und zerknüllte ihre frivolen Spitzenhandschühchen. Auch sie schwieg.

Nach einer angemessenen Pause hielt es Mrs Wither für angebracht, die kleine Rede zu halten, die sie für Viola vorbereitet hatte. Sie versicherte ihr, wie sehr sie sich freute, Viola bei sich zu haben, und dass sie sich auf The Eagles wie zu Hause fühlen solle.

Mrs Wither kam gar nicht auf den Gedanken, sich dafür zu entschuldigen, dass The Eagles kein Nachtleben zu bieten hatte (oder überhaupt irgendeine Art von Leben), denn sie hätte niemals angenommen, dass sich eine junge Witwe nach Leben sehnen könnte. Mr Wither hatte bestimmt, dass Viola zu ihnen ziehen müsse, da sie sonst Teddys Finanzen in Unordnung bringen würde. Außerdem würde es sonst GEREDE bei den Verwandten geben. Deshalb zog Viola zu ihnen. Mrs Wither erfüllte mit ihrer kleinen Rede nur ihre Pflicht, auch wenn sie Viola nicht sonderlich mochte (so jung, so vergnügungssüchtig, so gewöhnlich). Insgeheim graute ihr vor der neuen Hausbewohnerin.

Sie versuchte darüber hinwegzusehen, dass Viola nur eine kleine Verkäuferin gewesen war. Es wäre unchristlich gewesen, ihr das vorzuwerfen. Tina machte es nichts aus. Der armen Madge dagegen schon. »Was würde man im Sportclub sagen?«, hatte sie gezetert. Wegen Madge hatte Mrs Wither ihre Missbilligung zum Ausdruck gebracht, als Viola verzückt auf das Damenmodegeschäft starrte.

Violas Reaktion auf Mrs Withers Rede war ein nervöser Blick und ein scheues Lächeln. Nun, da sie ihre Pflicht erfüllt hatte und der peinliche Vorfall vorbei war, lehnte sich Mrs Wither ein wenig behaglicher zurück.

Als Viola eintraf, saß Mr Wither in seinem Arbeitszimmer und rechnete irgendwelche Zahlen durch, doch Tina tauchte winkend und lächelnd in der Eingangstür auf. Als Saxon den Damen die Wagentür öffnete, rannte sie die Stufen hinunter und gab Viola einen Begrüßungskuss.

»Wie schön, dass du da bist, Vi!« Sie legte den Arm um die Taille ihrer Schwägerin. »Ich bin ja so froh.«

Ihre Augen wurden feucht. Ja, sie mochte Viola, und sie war ihr dankbar, denn Violas Ankunft bedeutete, dass es jetzt etwas Neues gab, womit man sich beschäftigen konnte.

Außerdem war Viola Witwe – welch rätselhafter, unergründlicher Zustand! Ganz anders als alles, was die Frauen auf The Eagles, die unter Mr Withers Fuchtel standen, kannten.

Vielleicht würde Viola ja »ihre Frau stehen«?

Nicht dass Tina Streitereien liebte. Nach einer strengen, gnadenlosen Gewissenserforschung konnte sie ihrem psychologischen Frauenratgeber nun direkt ins Auge sehen und zugeben, dass sie Szenen und Streitereien hasste, ja, dass sie sie krank machten. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass ein paar Szenen dringend notwendig waren, wenn auch nur um die Anspannung zu lösen, die in diesem Haus permanent in der Luft lag.

Mit solchen Gedanken saß Tina auf Violas Bett und sah zu, wie diese ihre ungebärdige Lockenmähne kämmte, die ihr bis knapp zu den Schultern reichte.

»Sind das Naturlocken?«

»Zum Teil, aber ich hab mir natürlich eine Dauerwelle machen lassen. Shirley findet sie schrecklich. Sie lassen sich einfach nicht bändigen!«

»Ja, das stimmt. Ich komme auch nicht mit meinen Haaren zurecht. Ich habe heute früh versucht, den Scheitel mal anders zu ziehen. Was meinst du, wie das aussah! Unmöglich. Ich musste es am Ende so lassen, wie es ist. Eigentlich sollte ich dringend mal wieder in die Stadt fahren und mir eine neue Dauerwelle machen lassen. Meine ist fast rausgewachsen. Früher bin ich alle vierzehn Tage zum Friseur gefahren, nur um sie waschen und legen zu lassen.«

»Und jetzt nicht mehr?«

»Nein.«

»Wieso nicht?« Viola fragte sich, was es wohl zum Mittagessen gab.

»Kann mich einfach nicht mehr aufraffen.«

Das stimmte nicht. Der Grund war Mr Wither. Wie immer, wenn sich jemand im Haus seine Wünsche nicht erfüllen konnte.

»Wie alt bist du eigentlich?«, erkundigte sich Tina jäh. Sie starrte ihre Schwägerin an, die im blendend weißen Schein der Aprilsonne stand.

»Einundzwanzig«, antwortete diese mit einem scheuen, fröhlichen Lächeln. »Shirley sagt, ich bin noch ein richtiges Küken.«

»Ist sie denn älter als du?«

»O Gott, ja. Aber verrat’s keinem! Sie ist fast siebenundzwanzig.«

»Wie schrecklich!«, meinte Tina sarkastisch. »Ist sie denn nicht verheiratet?«

»O doch. Seit drei Jahren. Sie erwartet im Dezember ihr erstes Baby.«

»Wie schön für sie! Sie freut sich sicher riesig.«

»Ach, nein, sie ist sogar ziemlich vergrätzt. Denn das bedeutet wohl, dass sie ihre Stelle aufgeben muss.«

»Ach, sie hat also auch einen Beruf?«

»O ja. Sie ist unheimlich auf Zack. Sie ist die Sekretärin von irgendeinem alten Knaben. Bekommt ein dusselig gutes Gehalt.«

»Und was macht ihr Mann beruflich?«

»Er verkauft Autos. In einem Auto-Salon in Golders Green, da wo sie wohnen. Shirley arbeitet in der Londoner City.«

»Ein Mann, ein Beruf und ein Baby«, murmelte Tina. Sie starrte zu Boden. Erhob sich abrupt. »Na gut, ich muss jetzt gehen und mir vor dem Lunch noch die Nase pudern. Du hast alles, was du brauchst?«

Unten ertönte der Gong. Viola schaute sich in ihrem Zimmer um.

Der einzige Schmuck bestand aus zwei großen weißen Elefanten, die man irgendwo im Haus aufgetrieben hatte. Durch die Ritzen der großen alten Fenster pfiff der Wind herein; auch unter der Tür und zwischen den alten Brettern des Fußbodens war Zugluft zu spüren. Aber das Zimmer wirkte insgesamt so groß und hell und so viel Himmel schaute herein, dass der allgemeine Eindruck kein unangenehmer war.

Dennoch konnte Viola nicht umhin sich zu wünschen, dass es ein wenig kleiner wäre. Mit rosa Vorhängen anstelle von erdbraunen. Tatsächlich wünschte sie, es würde genauso aussehen wie ihr kleines Zimmerchen über dem Geschäft, in dem sie bis zu ihrer Heirat geschlafen hatte. Aber da sie sich dies schon seit ihrer Heirat wünschte, war sie an den Wunsch gewöhnt und machte sich nicht allzu viel daraus.

Wenn ich doch bloß jemanden hätte, mit dem ich reden könnte!, dachte sie traurig, während sie ins Erdgeschoss hinunterlief.

Mr Wither begrüßte sie reserviert, Madge mit einer brüsken Geste. Da Mr Wither fürchtete, sie könnte wegen Teddy in Tränen ausbrechen, überließ er Tina die Unterhaltung mit der neuen Hausbewohnerin.

Aber nachher, ja, nachher! Kurz vor dem Essen hatte Mr Wither das Höllenfeuer eigenhändig noch mit ein paar Scheiten geschürt. Er hatte mehrere Prospekte mit sicheren und höchst empfehlenswerten Investitionsvorschlägen ordentlich, aber dennoch dekorativ auf dem Schreibtisch ausgelegt, ja er hatte sogar ein schlaffes kleines Kissen aufgetrieben, das nun auf dem großen Sessel bereitlag. Mr Wither plante, es fürsorglich aufzuschütteln und Viola zu fragen, ob sie so bequem sitze. Und dann konnte ihr kleines Gespräch beginnen.

Mr Wither freute sich schon seit Tagen darauf. Er war so damit beschäftigt zu überlegen, was er sagen würde und wie viel Geld Viola wohl haben mochte, dass er gar nicht merkte, wie die Mahlzeit zu Ende ging. Als man ihm die Käseplatte unter die Nase hielt, zuckte er überrascht zusammen und winkte sie ungeduldig beiseite.

Endlich war es so weit.

Er beugte sich vor und fixierte Viola mit seinen traurigen, blutunterlaufenen Hundeaugen (wobei ihm nicht entging, dass Viola verschwenderischerweise eine ganze Butterknospe auf einen halben Cracker tat).

Mit gedämpfter Stimme verkündete er geheimnisvoll: »Wir sollten uns ein wenig unterhalten, du und ich.«

Viola fuhr der Schreck in die Glieder. Wenn jemand so auf einen zukam und sich »ein wenig« unterhalten wollte, bedeutete das meist irgendetwas Grässliches. Unangenehme Entscheidungen, die einen davon abhielten, sein Leben zu genießen, weil man sich darüber den Kopf zerbrechen musste. Teddy war ganz groß gewesen, was diese »kleinen« Unterhaltungen betraf. Etwa alle zehn Tage hatte er welche anberaumt. Viola kannte sich also bestens damit aus.

Sie bedachte Mr Wither mit einem verstörten Blick aus weit aufgerissenen grauen Augen, die sonst immer ein wenig schläfrig wirkten. Dann senkte sie die Lider und murmelte gehorsam: »Ja, Mr Wither.«

»So bald wie möglich«, beharrte Mr Wither und beugte sich noch weiter vor. »Am besten jetzt gleich. ›Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen‹, nicht wahr?«

Sie nickte bedrückt.

»Also dann!« Mr Wither erhob sich triumphierend. »In meinem Arbeitszimmer!«

Doch noch während er sich in Richtung Ausgang bewegte, bemerkte er aus den Augenwinkeln etwas Weißes, wo nichts Weißes sein sollte. Sein Blick wanderte zum Fenster.

Elf Gänseblümchen, elf unordentliche Gänseblümchen, wuchsen immer noch illegal auf seinem Rasen. Dabei war Saxon heute Morgen instruiert worden, sie zu entfernen. Was er noch nicht getan hatte. So ging das nicht. Er musste noch mal mit ihm reden. Mr Wither wandte sich entschlossen vom Fenster ab.

Viola war verschwunden.

Und nicht nur sie, auch Tina war fort. Und – o Schande! – auch Mrs Wither. Nur noch Madge lümmelte am Tisch und strich Butter auf eine unnötig dicke Scheibe Brot.

»Wo ist sie hin?«, rief Mr Wither entsetzt.

»Wer?«, nuschelte Madge mit vollem Mund.

»Viola!«

»Holt sich ein Taschentuch.«

»Aber … wir wollten doch … sie kann doch nicht ohne ein Wort …«

»Sie hat sich entschuldigt, aber du hast es nicht gehört, weil du aus dem Fenster geschaut hast.«

»Und deine Mutter … Christina?«

»Mama will mit Saxon wegen der Gänseblümchen reden. Und Tina will sich die Haare waschen, glaube ich.«

Mr Wither ging schweigend zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und sagte:

»Wenn Viola wieder auftaucht, sag ihr bitte, dass ich sie in meinem Arbeitszimmer erwarte.«

Aber Viola hatte sich mit einer Hauszeitschrift in einer von drei Toiletten des Anwesens eingeschlossen und kam erst wieder heraus, nachdem sie durchs Fenster gesehen hatte, wie Mr Wither das Haus verließ. Er hielt den Kopf gesenkt und drosch mit seinem Spazierstock im Vorbeigehen auf die Vegetation ein. Seine Mütze (die in den regenreichen Wintern in dieser Gegend eingelaufen war) wies dasselbe Schottenkaro auf wie seine Hose, dazu trug er einen Mackintosh. Er verließ das Haus Richtung Wäldchen, ein Ort, wo man ungestört über Geld nachdenken konnte.

Erst da wagte sich Viola wieder heraus und huschte hinauf in ihr Zimmer.

Den Rest des Nachmittags verbrachte sie mit Auspacken, wobei ihr Tina half. Tina war überhaupt unheimlich nett. Sie bewunderte Violas Kleider (obwohl ihre nicht nur teurer waren, sondern auch von mehr Geschmack zeugten, ein Talent, das Tinas junger Schwägerin offenbar abging) und half ihr, ihre Locken wieder in Form zu bringen. Trotzdem fühlte sich Viola zur Teezeit miserabel. Wie still es hier war! Und wie uralt alle waren!

Den ganzen Nachmittag lang huschten die Schatten wunderschöner weißer Wolken über die großen, hässlich möblierten Räume; nachts krochen die bleichen Strahlen des Mondes träge über klauenfüßige Mahagoni-Tische und riesige Sideboards. Nachts muss es hier schrecklich sein, dachte Viola. Totenstill.

Seit fünfzig Jahren schien sich nichts in diesem Haus verändert zu haben, nichts gewachsen zu sein. Obwohl Mr Wither das Geldausgeben verabscheute, sparte er nicht, wenn es um wesentliche Dinge ging, wie Möbel. Dann war ihm DAS BESTE NICHT GUT GENUG. Denn nur DAS BESTE war am Ende DAS BILLIGSTE; leider jedoch hielt das Beste so lange, dass das Ende nie kam. Mr Withers Möbel waren nach fünfzig Jahren noch genauso neu wie am Anfang; ihnen fehlte die Patina, die ihnen ein munteres, lebhaftes Familienleben verliehen hätte.

Keiner, der mit dem Absatz einen Kratzer in einem Möbelstück hinterließ, wenn er nachts mal betrunken nach einer Party nach Hause kam. Oder bei einer munteren Scharade dagegenstieß. Oder es als Flugzeug oder als Bärenhöhle benutzte. Keiner hinterließ Brandspuren mit einer unvorsichtig platzierten Zigarette oder Wasserränder mit einem gedankenlos abgestellten Glas. Unverrückbar, makellos poliert füllten sie zwölf große Räume und senkten sich mit ihrem Gewicht schwer auf ein törichtes junges Gemüt.

Im trägen Takt einer massigen Standuhr, die in einem Alkoven in der Eingangsdiele stand, schien die Zeit sich zu verlangsamen, zu dehnen wie Kaugummi. Über allem hing ein schwacher Geruch von Möbelpolitur. Dünne Glasvasen, gefüllt mit ein paar mageren Blumenstängeln, spiegelten sich in den polierten Mahagoni-Oberflächen. Diese Pracht wurde von drei ältlichen, puritanischen Dienstmädchen aufrechterhalten, deren Adleraugen nichts entging und die in religiöser Rechtschaffenheit so gut wie alles missbilligten, außer das Radio, dessen Programm sie leidenschaftlich gerne lauschten.

Viola war nicht nur deprimiert, sie war verängstigt. Ihr graute nach der gelungenen Flucht vor einer neuerlichen Begegnung mit Mr Wither. Als sich die Hausbewohner in dem riesigen, kahlen Speisezimmer um ein kümmerliches Feuer zum Tee versammelten, traute sie sich nicht, Mr Wither anzusehen. Den Blick geflissentlich auf ihren Teller gesenkt wurde sie, während Mrs Wither auszuschenken begann, eines knarrenden Geräuschs gewahr, das sich ihr näherte. Plötzlich beugte sich Mr Wither über sie und sagte:

»Du hast unser kleines Gespräch wohl ganz vergessen? Wo bist du denn so schnell hin verschwunden?« Und Mr Wither lachte, ein erschreckendes Geräusch.

Sie hob den Kopf und schaute stumm vor Schreck zu ihm auf. Ebenso stumm nickte sie.

»Na gut, dann eben ein andermal.« Das Knarren begann sich wieder zu entfernen. »Wirst in den nächsten Tagen wohl ziemlich beschäftigt sein, mit Auspacken und so?«

Sie nickte. Mehr wurde dazu nicht gesagt.

Aber in Mr Withers Busen keimte nun Misstrauen und Missbilligung gegenüber seiner jungen Schwiegertochter.

Ein ganzer Eimer Kohle war für das Höllenfeuer verschwendet worden. Umsonst. Das raffinierte Arrangement der Prospekte. Das ordentlich zurechtgeklopfte Kissen. Alles umsonst. Am schlimmsten jedoch war, dass Mr Wither um sein kleines Gespräch gebracht worden war und immer noch nicht wusste, wie viel Geld Viola besaß. Sie befand sich nun schon seit fünf Stunden unter seinem Dach und war das einzige weibliche Wesen in seinem Haushalt, über dessen finanzielle Situation er nicht Bescheid wusste.

Mr Wither war höchst verstimmt. Er knabberte an einem verhutzelten kleinen Teekuchen und starrte ins Feuer. Er musste sich diese Viola ordentlich zur Brust nehmen, überlegte er sich.

Nach dem Tee (mein Gott, war es noch so früh?) ging Viola wieder hinauf in ihr Zimmer. Niemand fragte sie, was sie bis zum Abendessen tun wolle. Geräusche aus einem Badezimmer ließen darauf schließen, dass sich Tina die Haare wusch; Mrs Wither und Madge schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Viola schloss die Tür hinter sich, schlurfte lustlos zum Fenster, schob die Scheibe hoch und ließ den Blick über die Landschaft schweifen, die Ellbogen aufs Fensterbrett gestützt.

Es war ein schöner Abend. Der Wind hatte sich gelegt, die Sonne ging hinter korallenroten Wolken unter. Die Luft war milde, und es duftete nach frischen jungen Blättern. Ein einzelner Stern stand am Himmel; im Wäldchen begann eine Drossel zu singen.

Es war herzzerreißend. Viola brach in Tränen aus.

Neunzehnjährige Mädchen lassen sich in zwei Kategorien einteilen: jene, die davon überzeugt sind, dass sie sehr schnell heiraten werden, und jene, die fürchten, nie einen Mann zu bekommen. Viola Thompson, einzige Tochter von Howard Thompson, Miteigentümer von Burgess and Thompson, Damenmode, hatte zu letzterer gehört.

Sie hatte keine hohe Meinung von sich. Als sich Teddy Wither in sie verliebte, war sie weniger geschmeichelt als betreten, ja erschrocken gewesen.

Teddy war während einem seiner eher seltenen Besuche bei seinen Eltern an einem Samstagmorgen in den Laden gekommen, um sich ein Taschentuch zu kaufen. Er hatte eine Erkältung, und ihm war das Taschentuch auf der Fahrt nach Chesterbourne aus der Tasche geweht.

Es ist natürlich Unsinn zu behaupten, es könne sich jeder in jeden verlieben. Teddy zum Beispiel hatte noch nie jemanden geliebt, außer sich selbst. Aber als er Viola erblickte, die lächelnd zwischen den anderen Verkäuferinnen stand und eine dicke hellblonde Locke hinters Ohr strich, verliebte er sich auf der Stelle und mit großer Heftigkeit.

Die musste es sein und keine andere. Dieses hochgewachsene, ziemlich junge und etwas ungewöhnliche Mädchen. Er fand ihren Namen heraus und bombardierte sie mit verzweifelten Liebesbriefen, in denen er sie anflehte, mit ihm auszugehen. Er gab sein Zimmer in London auf und zog vorübergehend zu seiner Familie nach Sible Pelden (ein echtes Opfer, denn er mochte seine Familie nicht sonderlich und sah sie gewöhnlich fast gar nicht). Er schickte ihr Blumen. Er lud sie – zum Ärger und Entsetzen der Familie – zum Tee auf The Eagles ein. Und schließlich bekniete er sie, bebend vor Leidenschaft, ihn zu heiraten.

Viola mochte ihn nicht sonderlich. Er tat ihr leid, dennoch machte sie sich mit ihrer Freundin Shirley Davis über ihn lustig. Shirley nannte ihn immer nur »den Klops«. Viola fühlte sich in seiner Gegenwart unbehaglich, weil er sie immer so anstarrte. Außerdem lebte sie glücklich und zufrieden in einer kleinen Dreizimmerwohnung über dem Laden, mit ihrem Vater, einem hochgewachsenen, leicht reizbaren Mann, der, wenn er nicht herumwetterte, Shakespeare zitierte und seine Tochter gerne spontan mit ins Kino nahm, um den Film dann hinterher mit Genuss auseinanderzunehmen und zu erklären, dass das glorreiche Theater, die Bretter, die die Welt bedeuteten, immer noch das Beste war, die einzig akzeptable Kunstform.

Er war selbst ein leidenschaftlicher Amateurschauspieler und liebte vor allem die Stücke von Shakespeare. »Viola« war keiner sentimentalen Laune entsprungen, sondern ein Wunschname für eine über alles geliebte Tochter. Violas Mutter war bei der Geburt gestorben, und so wurde sie von ihrem Vater aufgezogen wie Miranda von Prospero. Wenn so ein Vater und so eine Tochter glücklich sind, braucht es einen liebevolleren Mann als Teddy Wither, um die Tochter fortzulocken.

Aber Violas Vater wurde von einem rücksichtslosen jungen Autofahrer angefahren und verstarb innerhalb einer Stunde.

Der junge Mann bekam eine saftige Geldstrafe und eine noch saftigere Rüge und brauste dann schneller denn je vom Gerichtsgebäude fort, weil er so sauer war. Und Viola musste kurz darauf feststellen, dass ihr Vater ihr nur fünfzig Pfund hinterlassen hatte.

Mr Thompson hatte oft Geld gebraucht, um die Chesterbourne Players zu unterstützen. Er besorgte die Kostüme für ein historisches Stück, berappte die Kosten für einen besonderen Bühneneffekt oder heuerte für drei Abende einen professionellen Schauspieler an, der zusammen mit den Amateuren die Vorstellung bestritt. Das kleine Theater, in dem sie auftraten, war alt, zugig und baufällig. Mr Thompson ließ einen Ofen aufstellen, eine neue Bühnenbeleuchtung anbringen und das Dach reparieren.

So ging das zehn glückliche, erfüllte Jahre lang, wobei immer mehr von Mr Thompsons Anteil an Burgess and Thompson, Damenmode (im Austausch für Bargeld) in die Hände von Mr Burgess überging, der mehr vom Geschäft verstand.

Und so kam es, dass Viola nur mehr fünfzig Pfund übrig blieben.

Shirley Davis (geb. Cissie Cutter, Tochter des einflussreichsten Hoteliers von Chesterbourne und beste Freundin der unglücklichen, verwaisten Viola) fand, sie solle nun doch den Klops heiraten. Violas Tanten, die zwei Schwestern ihres Vaters, waren derselben Meinung, ebenso Miss Cattyman aus dem Laden. Teddys Freundlichkeit und Mitgefühl (wenn auch ein wenig belastet durch seine Eifersucht auf Violas toten Vater, was ihr zu jener Zeit aber nicht bewusst war) waren ein Trost. Und so beschloss sie, dem Rat ihrer Freunde und Verwandten zu folgen und den Klops zu heiraten.

Alle waren erleichtert, dass die arme Viola nun versorgt sein würde. Alle, außer Shirley, der man so leicht nichts vormachen konnte. Ihr tat die Freundin mehr leid als je zuvor.

Am Abend vor Violas Hochzeit lief Shirley noch einmal kurz in den Laden hinunter, um ein Stück weißen Stoffs zum Ausbessern zu holen. Die kleine Wohnung über dem Laden, wo Viola mit ihrem Vater gelebt hatte, war hell erleuchtet und voller Frauen, die alle auf einmal redeten und Violas Mitgift bewunderten, in die ein Teil der fünfzig Pfund geflossen war. Aber unten im Laden war es dunkel, nur das bleiche Licht einer einzelnen Straßenlampe sickerte herein und fiel auf halb leere Strumpfständer, geschlossene Schubladen, Stoffballen und Körbe voller Wollknäuel. Einem gerade aufgeschlagenen Ballen »Horrock’s Longcloth« entströmte ein frischer Geruch. Und daneben saß, den Kopf auf die Kurzwarentheke gelegt, die Fußgelenke um die Beine eines Kundenhockers geschlungen, Viola. Sie weinte.

»Guter Gott, Mädel! Was ist denn?«

»Ach, Shirley, ich bin ja so unglücklich!«

»Kann ich verstehen«, entgegnete ihre Freundin nüchtern. Sie hüpfte auf die Theke und ließ ihre schönen Beine baumeln. »Wäre ich an deiner Stelle auch.«

»Na, du bist mir eine! Du hast mir doch geraten, ihn zu heiraten!«, schniefte Viola.

»Doch nur, weil ich keinen anderen Ausweg sehe. Aber ich wusste ja nicht, dass du dich so grässlich dabei fühlst.«

Viola schniefte.

Shirley nahm nicht an, dass Viola um ihren Vater weinte. Ihr Schluchzen klang eher ängstlich.

»Ich kann ihn kaum ertragen«, flüsterte sie, »mir wird übel von ihm.« Sie starrte auf die trübe beleuchtete Straße hinaus.

»Was, ständig?«, fragte Shirley.

»Nein, nur wenn er mich küsst. Ich kann Küsse nicht ausstehen. Das ist abartig und widerlich!«

Shirley starrte auf den ungebärdigen Lockenkopf ihrer Freundin, der im hereinfallenden Schein der Straßenlampe aschblond schimmerte. Sie war zutiefst verstört. Jäh stieß sie hervor:

»Hör zu, Vi, dann lass es! Lass den Klops sausen und zieh zu …« Sie konnte sich gerade noch davon abhalten zu sagen »zu uns«. Stattdessen sagte sie »in unsere Nähe«. »Ich werde versuchen dir eine Unterkunft und eine Stelle zu besorgen. Das schaffe ich schon, wirst sehen.«

»O Shirley, das wäre einfach toll!«

»Sein Gesicht – wenn du morgen nicht aufkreuzt!«, kicherte Shirley, der es gar nicht in den Sinn kam, dass auch ein dicker kleiner Mann völlig am Boden zerstört sein konnte.

Aber der Gedanke daran, was Teddy für ein Gesicht machen würde, ernüchterte Viola. Wie oft hatte er ihr geschworen, sie sei der einzige Mensch, den er je geliebt habe, dass sein Leben in ihren Händen läge und es ihm das Herz bräche, sollte sie ihn je verlassen.

Man konnte jemanden, der so für einen empfand, nicht so einfach fallen lassen, das wäre eine Sünde. Viola starrte sekundenlang sehnsüchtig in Shirley’s Gesicht. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Du überlegst doch nicht etwa, jemand anderen zu heiraten, oder?« Shirley glitt erleichtert (wenn auch immer noch verstört) von der Theke herab. Viola würde es also doch durchziehen.

»Ich? Gott, nein!«

Und das stimmte. Viola hatte keinen festen Freund gehabt, als sie Teddy kennenlernte, und auch kaum Verehrer. Sie war zu still für die hiesigen Burschen, die eher jemanden wie Shirley umschwärmten, mit ihrem flammend roten Haar, der weißen Haut und den rosa Backen und der lauten, fröhlichen Stimme. Viola ging zwar gelegentlich tanzen und lernte dort Jungs kennen, und sie genoss diese Gelegenheiten, aber ebenso genoss sie es, mit ihrem Vater ins Kino oder Theater zu gehen oder ihn auf der Bühne zu erleben. Die Jungs interessierten sich nicht sonderlich für sie, und umgekehrt war es genauso. Nein, sie »überlegte« nicht, jemand anderen zu heiraten.

Trotzdem hielt sich hartnäckig die Vorstellung – wenn sie sich gelegentlich ins hinterste Hinterstübchen ihrer Gedanken zurückzog und von Hochzeit und Liebe träumte –, diese Vorstellung, eines Tages Victor Spring zu heiraten.

Alle Mädchen, die in Chesterbourne aufgewachsen waren – die Woolworth-Mädchen, die jungen Damen aus der Bank, die Friseusen in den beiden eleganten Salons, Verkäuferinnen, Tippsen und Sekretärinnen, die junge Empfangsdame im Miraflor Café und auch die dortigen Bedienungen – sie alle träumten – wenn sie sich gelegentlich ins hinterste Hinterstübchen ihrer Gedanken zurückzogen und von Hochzeit und Liebe träumten –, sie alle träumten davon, Victor Spring zu heiraten.

Er war der reichste junge Mann in der Gegend, besaß das tollste Auto, das eleganteste Haus, gab die besten Partys. Er sah so gut aus, dass jedem jungen Mädchen, wie es so schön heißt, »das Herz höher schlug«. Er strotzte nur so vor Gesundheit und Energie. Wo er gewesen war, fühlten sich alle lebendiger.

Diese Mädchen, die wie Viola in Chesterbourne oder Sible Pelden aufgewachsen waren und dort eine Anstellung gefunden hatten, wussten alles über Victor Spring, über seine verwitwete Mutter und seine Cousine Hetty Franklin, die bei ihnen lebte. Als diese Tagträumerinnen noch zur Schule gegangen waren, hatten sie ihn gesehen, wenn er an Weihnachten aus seiner Eliteschule nach Hause kam und im großen Schlitten seines Vaters durch den Ort fuhr, auf dem Weg zu irgendeiner Festivität in einem der anderen Herrenhäuser. Sein Anblick, wenn auch nur kurz erhascht, in seiner altmodischen Schuluniform (einem schwarzen Schwalbenschwanz) mit dem ebenso altmodischen, absurden, aber gleichzeitig umwerfend gut aussehenden schwarzen Zylinder, stieg ihnen sofort in die bezopften oder modisch kurz gestuften Köpfe, wo er sich jahrelang einnistete.

Keine blieb seinetwegen Jungfrau oder versuchte sich in der Bourne zu ertränken. Alle fanden sich damit ab, eines Tages den Sohn des Schankwirts, des Schneiders oder des Apothekers zu heiraten, so wie ihre Mütter vor ihnen. Dennoch hielt sich in Chesterbourne und Sible Pelden immer ein sanfter, femininer Strom aus Spekulationen über das Kommen und Gehen von Victor Spring, über sein Einkommen und über die Frau, die er möglicherweise einmal heiraten würde.