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Wieder eine Daten-CD mit Namen von Steuerbetrügern. Aufgeführt unter den mehr als 2000 Personen sind jedoch nur Prominente, davon die meisten aus der Politik, bis hin zu Ministern. Weiterhin Künstler, Schauspieler, Manager und andere Spitzen der Gesellschaft. Vermittler ist ein ehemaliger Angestellter des Finanzamtes Trier. Die Landesregierung in Düsseldorf kann nicht anders, sie muss die CD ankaufen, nachdem klar wird, wer alles betroffen ist. Man kommt überein, den Vorfall diskret abzuhandeln. Aber die Presse bekommt Wind und so wird eine Strategie entwickelt, wer geopfert werden soll, um glaubwürdig zu erscheinen. Die bekanntesten Politiker will man dadurch schützen. Das funktioniert so lange, bis der Vermittler einige Namen preisgibt. Was die Jagd auf ihn eröffnet.
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Seitenzahl: 597
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Patrick Morode
Der Spiegeltanz
Patrick Morode
Spiegeltanz
Thriller
swb media publishing
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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1. Auflage 2015
ISBN 978-3-944264-78-3
© 2015 Südwestbuch Verlag, Gaisburgstraße 4 B, 70182 Stuttgart
Lektorat: Catrin Stankov, Bernau
Titelgestaltung: Sig Mayhew/www.mayhew-edition.de
Titelfoto: © Tobias Bräuning_pixelio.de
Satz: Südwestbuch
Druck, Verarbeitung: Rosch-Buch, Scheßlitz
Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.
www.swb-verlag.de
I
Es gab für ihn zwei Optionen. Welche er auch wählte, er würde in zehn Minuten tot sein. Unwiderruflich. Was also nützten ihm die Optionen? Im Grunde genommen nichts. Aber seiner Familie. An mehr konnte er nicht denken. Und alles andere interessierte ihn deshalb auch nur am Rande.
Nachdenklich starrte er auf das offene Fenster, welches später eine gewisse Rolle spielen sollte. Bei beiden Optionen. Langsam wanderten seine Augen zum Bett, auf dem sich eine nackte Frau räkelte, die an alles andere als den Tod dachte. Ihr Blick versprach so viel, jede ihrer Bewegungen war ein Versprechen und lockte ihn. Aber dazu würde es wohl nicht mehr kommen. Eigentlich schade.
Erneut trank er einen Schluck Champagner und betrachtete mit Interesse das Etikett. Seufzend stellte er die Flasche vor sich auf den Schreibtisch. Ob der Alkohol bereits seine Wahrnehmung trübte? So viel hatte er doch noch nicht getrunken. Aber dennoch fühlte er in seinem Kopf eine unangepasste, dämpfende Leichtigkeit. Die Barrieren der Angst hatten sich verschoben. Das Reale seinen Schrecken verloren.
Es war schon seltsam, wie unnatürlich ruhig und gefasst er den Umstand seines Ablebens feststellte, als sei er überhaupt nicht betroffen, sondern ein Außenstehender. Ob er sich dagegen aufbäumte oder nicht, es schließlich sogar sein eigener Entschluss war oder der eines anderen, was spielte das jetzt, wo es für ihn definitiv keine andere Wahl mehr gab, noch für eine Rolle? Wohl deshalb war seine anfängliche Angst längst einer seltsamen Form der Lethargie gewichen. Ich sterbe gleich und rege mich nicht auf. Es ist mir … fast egal. Kann eh nichts ändern, habe mich bereits damit abgefunden. So einfach kann sterben sein!
Er beugte sich über das Blatt und las erneut die wenigen Zeilen, die er geschrieben hatte. Was dort stand, würde für Option eins in Frage kommen. Wenn es denn nach einem Selbstmord aussehen sollte. Sein handschriftlicher Abschied, zwei Sätze der Reue und einige Worte an seine Familie gerichtet. Für Option zwei benötigte er überhaupt nichts, außer einem gewissen Mindestmaß an Mut. Oder auch Verachtung, was sein Leben betraf. Er würde es irgendwie wegwerfen. Nicht freiwillig, aber unumstößlich. Einfach wegwerfen. Das war es. Aus, Schluss.
Er wandte den Kopf nach rechts und spürte den Schalldämpfer der Pistole an der Schläfe.
„Ist es so recht“, fragte er und deutete auf die wenigen Zeilen.
Der neben ihm stehende Mann nickte. „So kann man es lassen.“
„Und jetzt?“
Der Mann ging zurück zu seinem Sessel, setzte sich und legte die Pistole griffbereit auf den Tisch. Neben ihm saß ein zweiter, der in den letzten zwanzig Minuten noch kein Wort gesprochen hatte. Sie trugen dunkle Anzüge, Hemden mit Krawatten und Handschuhe und hatten über ihre Schuhe Plastikhauben gezogen, wie man sie in Krankenhäusern in sterilisierten Bereichen benutzte. Ähnliche Hauben hatten sie sich auch über den Kopf gestülpt.
„Wie gesagt, es gibt die zwei Möglichkeiten. Sie allein entscheiden, Herr Wieland.“
Wieland nickte und schaute auf seine Finger. Er trug keinen Anzug und kein Hemd und keine Krawatte und keine Überzieher, er saß nackt auf einem Stuhl an einem kleinen Schreibtisch, wie man sie zuweilen in Hotelzimmern antreffen konnte. Aber entblößt fühlte er sich nicht, dazu war es auch zu spät.
„Das mit der Versicherung geht wirklich in Ordnung?“
Der Mann mit der Pistole nickte. „Vor einigen Jahren hat ihr Arbeitgeber eine Versicherung auf Sie abgeschlossen. Fünfhunderttausend. Und bei Unfalltod das Doppelte. Sie ist nie gekündigt worden.“
„Dann käme das Geld meiner Frau und meinen beiden Kindern zugute.“
„Bei einem Unfall. Also der zweiten Option.“
„Können Sie mir das garantieren?“
Der Angesprochene lächelte leicht. „Was wollen Sie denn überhaupt noch mit Garantien anfangen? Und wie wollen Sie sie überprüfen?“
Wieland fand seine Frage unpassend. „Aber es würde bei der Abmachung bleiben.“
„Ja. Sie brauchen doch das Geld. Für ihre Familie, oder nicht?“
Wieland bestätigte es. Von den zwei Millionen, die er seinerzeit erhalten hatte, war nicht mehr viel übrig. Im Überschwang seines Erfolges hatte er sich, obwohl sein Beruf ihm andere Verhaltensweisen vorgab, alle Wünsche erfüllt, auch einige exotische und sehr kostspielige. Für ihn war das eine neue Welt gewesen, in der er gerne länger geblieben wäre. Seine Frau hatte ihm inzwischen die Eskapaden verziehen.
„Und mein Abschiedsbrief ist für den Fall gedacht, dass ich es wie einen Selbstmord aussehen lasse, aus Reue oder wie auch immer. Um mein Gewissen zu beruhigen.“
„So ist es. Ein Schuldeingeständnis wenige Meter entfernt von der Bank, bei der Sie die Daten gestohlen haben. Sozusagen im Angesicht des Ortes ihrer verwerflichen Tat. Das wirkt bestimmt und kommt überzeugend rüber. Entlastet auch ihre Familie, kann ich mir denken. Aber was bringt es Ihnen noch, außer womöglich posthum ein bisschen Ehre? Ein bisschen Seelenfrieden? Darauf können Sie doch verzichten. Es sei denn, Ihnen ist daran mehr gelegen als an dem Geld.“
Wieland kaute auf den Fingernägeln. Er wollte keine Zeit herausschinden, das würde ihm eh nicht gelingen. Er überlegte, was die bessere Option sei. Durch die eine würde er seine Schuld eingestehen und sich das Leben nehmen. Bei Selbstmord war von Seiten der Versicherung eine Zahlung ausgeschlossen. Aber er hätte sich vielleicht mit der Bank versöhnt. Und die Medien würden nicht so hart mit ihm umspringen und damit auch seine Familie schonen.
Durch die andere, und hier kam die Nackte im Bett ins Spiel, das genaue Gegenteil. Im Angesicht der Bank, über deren Sicherheitssystem er vor einiger Zeit triumphiert hatte, war er in diesem Hotel abgestiegen um zu feiern. Und mit Britta, so der Name der Frau, wollte er den Erfolg genießen. Britta war telefonisch bestellt worden, aber nicht von ihm, sondern den beiden Männern.
„Trinken Sie noch etwas“, forderte ihn der Mann mit der Pistole auf. „Es soll doch echt aussehen. Gleichgültig, wie Sie sich auch entscheiden.“ Sein Gesicht blieb ernst, als wollte er bereits jetzt ein gewisses Maß an Pietät signalisieren.
Wieland griff automatisch die Champagnerflasche und trank. Er machte große Schlucke und hoffte auf eine weitere Betäubung durch den Alkohol.
Er setzte die Flasche wieder ab, wischte sich über den Mund und rülpste. Mit leeren Augen schaute er zu Britta. Würde er Option zwei wählen, dann bestätigte sie später vor der Polizei, dass er total aufgedreht gewesen sei, ihr stolz von seinem Erfolg berichtet, mit ihr ausdauernden Sex gehabt und dem Alkohol zugesprochen habe. Im Überschwang seiner Gefühle sei er aus dem Bett gesprungen, an das Fenster getreten, um ihr die Bank zu zeigen, und dabei über den Teppich gestolpert, den man schon mal umgeschlagen hatte. Anschließend sei er gegen das Geländer gefallen, habe das Gleichgewicht verloren und in die Tiefe …
Also ein makelloser Unfall.
Wieland betrachtete sich den umgeschlagenen Teppich und das Geländer, die Geschichte war stimmig. Und Alkohol hatte er auch genügend im Blut. Sie hatten an alles gedacht. Nur er hatte nicht an alles gedacht. Nie hätte er gedacht, dass man seinen Namen herausfinden würde. Denn er arbeitete immer noch bei der Bank. Zwar nicht hier in Zürich, aber in einer Filiale in Frankfurt, die bisher von seinen Eskapaden nichts mitbekommen hatte. Das war unverfänglich, dachte er. Wer also hatte ihn verraten? Seinen Namen preisgegeben? Eigentlich kam dafür nur einer in Frage, und zwar der Staatsanwalt, der damals die Aktion geleitet hatte.
„Dieses perverse Arschloch“, knurrte Wieland vor sich hin. „Der sich immer so den Medien angebiedert und unentwegt gelächelt hat.“
„Wie bitte?“
„Ach nichts, habe nur laut gedacht.“ Wieland seufzte. Seine Entscheidung stand fest. Es ging um seine Familie. Es ging darum, dass sie abgesichert sein würde und nicht noch mehr unter ihm leiden sollte. Aber es ging auch darum, dass er tief im Innern ein bisschen all das bereute, was er angestellt hatte. Besonders jetzt, hier in diesem Hotelzimmer und wegen des Umstandes, dass ihm kaum noch Geld verblieben war. Mit diesem Zwiespalt würde er sterben. Von seiner heimlichen Reue würde jedoch niemand etwas mitbekommen. Warum hatte er aber dann überhaupt den Abschiedsbrief geschrieben? Nur weil er von dem Pistolenmann dazu gedrängt worden war? Spielte jetzt auch keine Rolle mehr.
„Also, wie verbleiben wir jetzt?“, fragte ihn der Mann und er griff nach seiner Pistole. „Die hier“, er wedelte mit der Waffe, „die hier möchte ich nur sehr ungern einsetzen. Nur im äußersten Notfall. Aber dann gibt es keine Optionen mehr. Dann gibt es eine mordsmäßige Untersuchung, und Ihr Name taucht in allen Zeitungen auf. Schlechte Medien, schlechtes Karma. So jedoch, wenn Sie einsichtig sind, interessiert sich niemand für Sie.“
Wieland hatte verstanden. Er stand auf, ging zu seiner Jacke, die akkurat über einem Kleiderbügel hing, und nahm seine Brieftasche. Er schlug sie auf und betrachtete das Foto von seiner Frau und den beiden Töchtern. Er spürte die innerliche Verkrampfung, Tränen liefen ihm über die Wangen. Aber es war … zu spät.
Als hätte sein Pistolenmann mit einer unerwarteten Reaktion gerechnet, war er neben ihn getreten und drückte ihm das harte Metall des Schalldämpfers in die Seite. „Versuch es erst gar nicht“, warnte er ihn.
Wieland seufzte als Zeichen der Aufgabe, ließ die Brieftasche fallen und lief auf das Fenster zu. Es war ganz leicht, über das Geländer zu fallen. Als Letztes glaubte er noch, so wie abgesprochen, den Schrei von Britta zu hören. Aber vielleicht täuschte er sich auch. Zwei oder drei Sekunden war er schwerelos, erleichtert, dann schlug er auf. Niemand würde jemals herausfinden, ob er noch etwas gespürte hatte oder ob der Tod schneller gewesen war.
Die einen sagen, er sei der Motor für alles. Die anderen behaupten das Gegenteil, er zerstöre und zersetze. Wissenschaftler hingegen nehmen es genau und unterscheiden zwischen weißem und schwarzem Neid. Der weiße, positive, sei aufbauend und stimulierend in der Art, demjenigen nachzueifern, auf den sich dieser Neid projiziere. Daraus erwachse eine Motivation, die wiederum, über eine längere Zeit kanalisiert, helfe, bessere Leistungen zu erbringen. Ob im Sport oder der Wirtschaft und der Kunst, das spiele keine Rolle. Sogar in der Politik funktioniere es.
Interessanter jedoch für die meisten sei, da waren sich fast alle einig, der schwarze Neid. Ohne Stimulation, ohne Motivation, ohne sich zu quälen in der Hoffnung, eine bessere Leistung zu erzielen, war er extrem einfach zu handhaben. Man musste ihn nur gewähren lassen und ihm Zeit geben, zu wirken und zu arbeiten und zu fressen. Das zersetzende, wohlige Gefühl stellte sich von selbst ein.
Kilian Barthelmes sollte es zu spüren bekommen. Viele waren neidisch auf ihn, aber keiner traute sich, offen etwas zu sagen. Das zeichnete den schwarzen Neid aus, denn er wucherte nur im Verborgenen und artikulierte sich meist über Gerüchte. Und wenn es damit nicht schnell genug ging, wurden noch einige hinzugestreut. So waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Und einmal im Umlauf, wurden sie mehr und mehr zum Selbstläufer. Dagegen anzukämpfen war fast unmöglich.
Beruflich konnte man Kilian Barthelmes, dem ungekrönten Star der Trierer Steuerfahndung, nichts vorwerfen. Seine Erfolgsquote sprach für ihn, und seine Methoden auch, die man erst gar nicht in Frage stellte. Dabei benutzte er die gleiche Software wie alle anderen auch, hatte die gleichen Vorgaben, die gleichen Unterlagen und dieselben Vorschriften zu erfüllen. Was ihn von anderen unterschied, war die Art zu denken. Er versetzte sich stets in die Lage der Betroffenen, als lege er es selbst darauf an, Steuern zu hinterziehen, Geld ins Ausland zu verbringen oder Scheinrechnungen auszustellen, deren Bezahlung anschließend über ausländische Tochterfirmen in dunkle Kanäle floss.
Und weil er beruflich nicht angreifbar, erst vor kurzem befördert und zum Leiter einer Abteilung ernannt worden war, konzentrierte man sich auf sein Privatleben. Da sah es desolat aus. Seit sechs Jahren verheiratet, bastelte er schon seit geraumer Zeit am Erhalt der Beziehung, allerdings ohne die Mitwirkung seiner Ehefrau, die alle Bemühungen sabotierte. Und die Leidtragenden waren seine beiden Kinder, ein Sohn von vier und eine Tochter von zwei Jahren.
„Er ist doch abhängig von seiner reichen Frau“, lautete einer der Vorwürfe, die man hinter vorgehaltener Hand unverkennbar mit einer gewissen Gehässigkeit aussprach. „So etwas kann doch nie gut gehen. Das frisst am Stolz eines Mannes, wenn er ihren Lebensstil nicht finanzieren kann.“
Da war etwas dran, wie Kilian zugeben musste. Und in den letzten Monaten hatte ihn Annegret genau diesen Aspekt mehr und mehr spüren lassen. Sie, die reiche Tochter und einzige Erbin eines Immobilienimperiums mit vielen wertvollen Stücken in den Innenstädten von Trier und Köln, lebte finanziell dermaßen ungezügelt, dass auch das dreifache Einkommen eines Beamten im höheren Dienst nicht ausreichen würde. Und weil Kilian nur sechs Wochen Urlaub im Jahr zustanden, was ihr nicht genügte, war sie ständig mit den Kindern irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs. Seit Wochen sprach sie davon, sich in Monaco ein Apartment zu kaufen. Für zwei Millionen habe man ihr eines angeboten, gleich am Hafen. Tolle Gelegenheit. Und über ihr wohne ein Tennisstar.
Obwohl sich Kilian einredete, gegen die spitzen Bemerkungen immun zu sein, die man gezielt an ihn herantrug oder die er, wie beabsichtigt, auf Umwegen zu hören bekommen sollte, nagte die Unsicherheit an ihm und die Ungewissheit, was mit seiner Ehe geschehen würde. Allerdings hatte er es längst aufgegeben, seine Frau zu verteidigen, auch wenn man sie irgendwo mit einem fremden Mann gesehen haben wollte. Nicht der Mangel an Stolz ließ ihn so handeln, sondern die Einsicht, nichts dagegen unternehmen zu können. Falls er Annegret einmal zur Rede stellte und all die Punkte ansprach, gewann er anschließend das Gefühl, als beschleunigten sich noch all ihre Aktivitäten. Sozusagen aus Trotz oder was auch immer. Dabei wurde sie nicht müde, unentwegt zu versichern, nichts gehe ihr über die Familie. Womit, wie sie betonte, sie auch ihn meinte. Den Vater ihrer Kinder.
„Heute Mittag um drei Uhr, denk bitte daran“, wurde Kilian in der Kantine von einem Kollegen aus seinen Gedanken gerissen. „Wichtige Sitzung. Bist du vorbereitet?“
Kilian zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. Er war immer vorbereitet.
„Da ist was im Anmarsch. Allmählich machen sie Ernst.“
Kilian, groß, schlank, mit sehnigen Unterarmen und Händen, an denen auf der Rückseite deutlich die Adern hervortraten, aß einen Salat und ging wenig später wieder in sein Büro. Er saß an einem Fall, der ihm alles abverlangte. Eine neue EU-Regelung, mit deren Hilfe deutsche GmbHs mit einer englischen Limited verschmolzen werden konnten, hatte zu ungeahnten unversteuerten Vermögensverschiebungen ins Ausland geführt. Und weil nun die ehemaligen Geschäftsführer der GmbHs nach wenigen Wochen entlastet waren, galt es einen Weg zu finden, das ins Ausland verschobene Vermögen der deutschen Besteuerung zu unterziehen. Was wäre doch Europa so schön, wenn nicht diese Verwaltungswege so unendlich lang und die Bürokratie so unermesslich kompliziert wäre. Und nicht jedes Land darauf beharrte, das alleinige Recht der Umsetzung für sich gepachtet zu haben.
Der kleine Besprechungsraum war für das Meeting groß genug. Sechs Personen saßen um einen rechteckigen Tisch, unter ihnen zwei Frauen. Die etwa fünfzigjährige Rothaarige mit der etwas aufgedonnerten Frisur und der nicht gerade modisch weiten Kleidung war eine Kollegin von ihm aus Trier, Gerda Fantes, die stellvertretende Chefin des Finanzamtes. Seit zwei Jahren kämpfte sie gegen das Gerücht, sie habe ihre Position allein der Frauenquote zu verdanken. Und das führte manchmal zu ausgesprochen kuriosen Begebenheiten, wenn sie es darauf anlegte, mit Gewalt anerkannt und beachtet zu werden. Ihre hausinternen Anordnungen, was das Energiesparen anbelangte, waren inzwischen sehr berühmt geworden. Man nannte sie deswegen auch die Öko-Gerda oder die LED-Gerda. In allen Büroräumen hing an der Wand ein Hinweis: „Stand by überprüfen“, was bedeutete, rechtzeitig den Computer herunterzufahren oder auszuschalten.
Gerda übernahm gleich die Gesprächsführung und wies auf die Wichtigkeit des Treffens im Hinblick auf eine europäische Steuerharmonisierung hin. Sie konnte zwei neue Steuergesetze zitieren, deren Umsetzung im Einklang mit dem heutigen Treffen stünden. Dabei umschrieb sie geschickt, dass es ausschließlich darum ging, wieder einmal Schwarzgeld und Steuerbetrügern auf die Spur zu kommen. Ein seit Jahrzehnten schwelender Kampf in dieser Grenzregion, der bisher nicht zu Gunsten der Finanzämter ausgegangen war.
Neben ihr saß eine attraktive Brünette von Anfang dreißig mit langen, rosarot lackierten Fingernägeln, die Gerda als Simone Bornheim vorstellte. Sie trug Jeans und dazu eine knapp sitzende Bluse, deren oberster Knopf besonders zu kämpfen hatte und dem Stoff Falten aufzwang. Simone hatte einen schlanken, dunkelhaarigen Kollegen etwa gleichen Alters mitgebracht, Daniel Wächter, der sie unterstützten sollte. In der Art, wie Simone in die Runde schaute, das Terrain sondierte, niemand ausgemacht zu haben schien, der ihr ebenbürtig war, ging es heute ausschließlich um sie.
Simone beobachtete Kilian verstohlen von der Seite und gestand ihm etwas zu, was in ihren Augen die meisten Männer absolut nicht vorweisen konnten, und zwar Männlichkeit. Worunter sie den Gesamtkomplex aller Eindrücke und deren, besonders auch sexuelle, Wirkung auf sich selbst verstand. Als sie das Wort ergriff, spürte jeder im Raum, sie hatte das unstillbare Bedürfnis, sich und ihre Position ins rechte Licht zu rücken, sich über alle Gebühr darzustellen. Allen Anwesenden fiel auf: Sie benutzte das Wort Ich sehr häufig, was zu Lasten des Wir ging. Und man konnte ihr gewisse schauspielerische Ansätze nicht absprechen, was Gestik, Mimik und die vielen Kunstpausen anbelangte, die sie unentwegt einlegte, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Nicht zu vergessen ihre Augen, die sie je nach Erfordernis offen, halb verdeckt oder mit einem lasziven Aufschlag einsetzte. Braune Rehaugen würde man dazu sagen, wenn man sie beschreiben sollte, aber die Sanftheit, die diesem heimischen Waldtier zugeschrieben wurde, suchte man darin vergeblich.
Nach dem Vorbild von Nordrhein-Westfalen, wo man bereits gute Erfolge mit der Schwerpunktsteuerfahndung gemacht habe, sei beabsichtigt, zusammen mit Rheinland Pfalz eine Sonderkommission Finanzen zu bilden, SOFI genannt. Aufgabe von SOFI sei es, unterstützt von allen Finanzämtern beider Bundesländer, mit ungewöhnlichen Mitteln und einer ebenfalls ungewöhnlichen Machtfülle die zunehmende Steuerflucht besonders nach Luxemburg zu bekämpfen. Etwa zwanzig Mitarbeiter solle die Kommission vorerst haben, und man beabsichtige, sie nach außen als Gesellschaft für die Verwertung von Rechten und Patenten und Gebrauchsmustern zu tarnen. Als Firmensitz sei ein Gebäude im Industriegebiet auf der anderen Moselseite angedacht.
Simone hatte ihren Part so geschickt heruntergerasselt, dass die Anwesenden etwas Zeit benötigten, das Gesagte zu erfassen. Welche neuen und ungewöhnlichen Methoden der Bekämpfung man denn anzuwenden gedenke, fragte Kilian, als Simone Bornheim nach ihrer Einführung auffordernd und provokant zugleich in die Runde schaute. Dieses Verhalten war ungewöhnlich oder zumindest ungeschickt, denn wie sich herausstellen sollte, buhlte sie um die Zusammenarbeit mit dem Trierer Finanzamt. In solchen Fällen zeigte man sich etwas devoter und kooperativer.
Zuerst zu nennen sei die totale Vernetzung mit allen wichtigen Stellen, begann Simone. Die Finanzbehörden länderübergreifend untereinander, dann die mit der Polizei zum Beispiel, um eventuell über Kfz-Kennzeichen gewisse Muster von gewissen Personen zu erstellen. Das war eigentlich nicht neu, denn jeder wusste, dass die Länder zu autark agierten und sich nicht immer gern in die Karten schauen lassen wollten. Besonders was die Einkommenssteuer und die Gewerbesteuer und deren Erhebung anbelangte.
„Also auch Nummernschilder fotografieren“, wurde Kilian deutlicher. „Wo und wie soll das geschehen?“
Gerda Fantes, die Vizechefin des Finanzamtes, betonte an dieser Stelle erneut, dass alles, was man hier und heute sage, vertraulich behandelt werden müsse. „Immerhin handelt es sich um ein Pilotprojekt, alle werden auf uns schauen, und wir wollen deshalb keine Fehler machen“, fügte sie bedeutungsvoll hinzu. Pilotprojekt klang immer gut, überlegte Kilian. Wie Neuland betreten. Die Toleranzgrenze der Fehlerquote durfte in solchen Fällen anfänglich wesentlich höher sein.
Schließlich bequemte sich Simone Bornheim zuzugeben, dass man dies besonders mit Hilfe der Mautbrücken bewerkstelligen wolle, die man über die Autobahnen gebaut habe. Denen wenige Kilometer vor der Luxemburger Grenze an der A 64, im Nachbarland sei es die A 1, komme damit eine besondere Bedeutung zu. Gleichfalls an der A 60 in der Eifel in der Nähe von Winterspelt kurz vor der belgischen Grenze.
Das sei doch ein Widerspruch zu der Vorgängerregierung, die bei der Mauteinführung versichert habe, es würden keine Kameras zur Verkehrskontrolle in diesen Brücken eingebaut, gab Kilian zu bedenken.
„Wir müssen uns den Gegebenheiten anpassen“, entgegnete Simone lapidar. „Unsere Gegner nehmen auch keine Rücksicht und sehen ausschließlich ihren eigenen Vorteil.“
Ob man auch Gesichter fotografiere und sie anhand einer BKA-Software einspeichere, um später darauf zurückzugreifen. Simone wand sich - die Vorratsdatenspeicherung geisterte in den Medien, die Bevölkerung war wegen der Vorkommnisse in den USA sehr sensibilisiert - und umschrieb, dass es so nicht geplant sei, denn das verstoße gegen den Datenschutz und gegen das Persönlichkeitsrecht. Aber sie wisse auch nicht, wie man es vermeiden könne. Und vor allem nicht, warum.
„Aber wir müssen uns doch den Gegebenheiten anpassen“, konterte Kilian und wusste in dem Augenblick, er hatte sich eine neue Feindin gemacht. Simone lief etwas rot an und ordnete die Unterlagen, die vor ihr lagen. Und Kilian wurde deutlich, sie interessierte sich absolut nicht für den Datenschutz und das Persönlichkeitsrecht. Hauptsache, der Erfolg stellte sich ein. Ihr Erfolg stellte sich ein.
Simone kam auf die unterschiedlichen Wege zu sprechen, wie das Geld aus Deutschland ins steuerbegünstigte Ausland verbracht werde. Überweisen würde man es nur noch, um Scheinrechnungen zu bezahlen. Alles was über zwölftausendfünfhundert sei, würde automatisch der Landesbank gemeldet. Deshalb liefen die großen Brocken vielfach gestückelt, meist über eine Briefkastenfirma der Kanalinseln oder in der Karibik. Immer noch sehr bedeutungsvoll sei der Transport in kleinen schwarzen Köfferchen, wie sie es bezeichnete. Es gebe inzwischen richtige Kurierdienste, die das bewerkstelligten. Aber oft auch fahre der Handwerksmeister persönlich nach Luxemburg oder in die Schweiz. Oder der Rechtsanwalt, der Steuerberater, der Freischaffende und wer auch immer. Und über diese Geldströme müsse man eine totale Kontrolle erlangen. Beliebt sei auch der Ausflug in das Nachbarland mit der ganzen Familie, denn nur der Betrag, der über zehntausend Euro pro Person hinausgehe, sei bei einer Kontrolle durch den Zoll zu deklarieren. Schnell könne man so bis zu vierzigtausend Euro auf die andere Seite schaffen, wenn Vater, Mutter und zwei Kinder am Ausflug teilnähmen. Zehn Ausflüge im Jahr … Die Anwesenden konnten rechnen.
Kilian wunderte sich, dass Simone die unterschiedlichen Arten der Verschiebung, die sie aufgeführt hatte, als so gravierend einstufte. Ihm waren wesentlich effektivere Möglichkeiten bekannt, durch den Kauf von anonymen Inhaberanteilen einer Societé oder die Hinterlegung von Grundschuldbriefen, um durch die Bank ein Darlehen zu erhalten. Nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Betrug der Mehrwertsteuer. Dabei ließ man Waren in den Eurostaaten kreisen. Der jeweilige „Käufer“ ließ sich die Mehrwertsteuer erstatten, ohne die Ware jedoch an Endverbraucher zu verkaufen. Dafür tauchte sie mit neuer Rechnung im nächsten Land auf, wo wiederum die Mehrwertsteuer erstattet wurde. Sein bisher spektakulärstes Ergebnis war eben das Aufdecken eines solchen Schieberringes gewesen, in dessen Zentrum eine Aktiengesellschaft hunderttausende von Handys verschob, die aus Polen nach Deutschland geliefert worden waren. Auf neuen Papieren erhielten sie andere Nummern, kreisten anschließend nur noch auf den Scheinrechnungen in Richtung Belgien, wo die Formalitäten am einfachsten waren, und von dort weiter in andere Staaten der EU. Mehr als zwanzig Millionen Euro Mehrwertsteuer hatte man so hinterziehen können, und er war dem Syndikat auf die Spur gekommen, weil sie nachts in einem Parkhaus die Ware von einem Transporter in Pkw umluden. Leider wurde sein Erfolg dadurch geschmälert, dass die Aktiengesellschaft Insolvenz anmeldete und sogleich ihren Sitz ins benachbarte Luxemburg verlagerte. Die Hintermänner waren, bis auf einen Polen, nicht mehr zu greifen.
„Wird SOFI auch direkt in Luxemburg tätig werden?“, fragte Kilian schließlich frei heraus, weil er wusste, dies wäre die wirkungsvollste Art. Vor Ort in der Nähe der Banken oder an den Stellen, an denen sich die Banker bewegten, das war immer noch am effektivsten. Manche Banker, stolz auf ihre Kompetenzen und Möglichkeiten, plauderten ungeniert mit Kollegen über ihre großen Fische und wie sie das Geld hatten verschwinden lassen.
„Absolut nicht“, widersprach Simone. „Das verbietet uns doch das Länderabkommen mit Luxemburg.“
Kilian lächelte. „Daran haben sich aber in der Vergangenheit nicht alle Kollegen gehalten.“
„Wie meinen Sie das?“, wollte Simone wissen.
„Nun, es sind schon mal hie und da deutsche Finanzbeamte in Luxemburg auffällig geworden, die vor Ort ermittelt haben. Man hat ihnen dann anschließend für fünf Jahre verboten, in das Land einzureisen.“
Simone schaute die Vizechefin des Finanzamtes an und diese zuckte mit der Schulter, als habe sie davon noch nie etwas gehört. „Muss wohl vor meiner Zeit gewesen sein“, fügte sie entschuldigend hinzu.
Simone erhielt nun Schützenhilfe von ihrem Kollegen Daniel Wächter, der sich nicht nur Gel ins Haar schmierte, sondern auch regelmäßig zur Maniküre zu gehen schien, wie Kilian mutmaßte. Am linken Ringfinger trug er einen auffälligen Siegelring. Und sein Gesicht war für die Jahreszeit viel zu stark gebräunt.
Wächter beschränkte sich in seinen Ausführungen mehr auf die Organisationsform. Es sei schon vieles erreicht, wenn man es schaffe, ausreichend Informationen von allen Stellen zu erhalten, um diese dann zu bündeln und zentral durch das Essener Finanzamt für Steuerstrafsachen und Steuerfahndung mit denen des Heimatfinanzamtes abgleichen zu lassen. Noch arbeiteten alle Landesfinanzbehörden mehr oder weniger autark, und die beiden Länder Rheinland Pfalz und Nordrhein Westfalen würden zum ersten Mal neue Wege der Zusammenarbeit beschreiten. Nicht zuletzt auch deswegen, weil man hier in Trier große Erfahrung habe mit dem Nachbarland Luxemburg. Auch was die Pendler betreffe und deren fiskalische Bearbeitung. Allein daraus müssten sich doch schon bereits signifikante Anhaltspunkte ergeben, bei denen man ansetzen könne.
„Die Steuerhinterziehung und der Steuerbetrug fangen bereits bei einem Autofahrer an, der mehr als zwanzig Liter Benzin in Reservekanistern über die Grenze bringt“, warf Kilian ein. Er tat es in einem normalen Tonfall und wusste doch, es würde provokant aufgefasst werden.
Die seien nicht gemeint, entgegnete Wächter süffisant und spielte mit seinem Ring. Man sei eher an den größeren Brocken interessiert. Auch Zigarettenschmuggler lasse man außen vor.
„Wo endet denn die Bagatellgrenze?“, fragte Kilian.
Wächter schaute Simone an und meinte: „Alles, was über hunderttausend ist, wird für uns interessant. Das ergibt in einem Erfolgsfall eine Nachzahlung inklusive einer Strafe und der Verzinsung in Höhe von etwa sechzigtausend.“
„Und von welcher Gesamtsumme geht man aus, die Deutsche in Luxemburg gebunkert haben sollen?“ Kilian kannte die Summe.
„Mindestens zweihundert Milliarden.“
Kilian war nicht von dieser Zahl überrascht, weil sie bereits seit Jahren kursierte. Erstaunlicherweise sollte in der Schweiz noch einmal die gleiche Summe liegen, und sie hatte weder ab- noch zugenommen. Immer wieder war auf den westlichen Nachbarn bezogen von zweihundert Milliarden unversteuertem Geld, was nicht unbedingt Schwarzgeld sein musste, die Rede. In den Hochrechnungen ging man einfach von einem Viertel Gewinn aus, der in den Jahren nicht versteuert worden sei. Astronomische Einnahmen kursierten deshalb innerhalb der Steuerfahndungsabteilungen der einzelnen Finanzämter in der Größenordnung von bis zu fünfzig Milliarden, auf die der Staat ein Anrecht habe.
Kilian dachte nun, dass die Unterredung beendet sei. Man hatte sie informiert und es war offenkundig, dass man mit dem Finanzamt Trier zusammenarbeiten wollte. Aus geografischen Gründen wie auch wegen der Erfahrung, die man im Grenzraum gesammelt hatte. Dem stand aus seiner Sicht nichts im Wege.
„Herr Barthelmes“, begann seine Chefin, „wir haben uns gedacht, dass Sie als Koordinator zwischen uns und der neuen Stelle fungieren sollten. Sie haben mit die besten Erfolge in der Bekämpfung der Steuerhinterziehung.“
Kilian runzelte die Stirn und schaute zwischen den beiden Frauen hin und her. Was hatten sie bereits intern abgesprochen, ohne ihn zu fragen?
„Und was wird meine Aufgabe sein?“, wollte er wissen.
„Frau Bornheim beim Aufbau der diskreten Abteilung in allen Belangen zu unterstützen.“
„Werde ich dadurch von meinem jetzigen Arbeitsplatz freigestellt?“, wollte Kilian wissen.
Gerda lächelte und betrachtete den dreiunddreißigjährigen, braunhaarigen Mann etwas länger als nötig, dessen stets freundlicher Blick sie etwas irritierte. Er war so ganz anders als die meisten ihrer Mitarbeiter, von denen etwas Verbissenes ausging, gepaart mit einem Verhalten, welches krampfhaft nach Beachtung strebte. Immerhin verkörperten sie den Staat. Schöne Zähne hatte Kilian auch noch, musste sie zugeben. Und er sah verdammt sportlich aus in dem weißen Hemd mit den kurzen Ärmeln, das nicht die Konturen des Oberkörpers verbergen konnte, auch nicht die muskulösen Oberarme und die breiten Schultern. Schnell wandte sie ihren Blick ab, um nicht zu verraten, dass sie ihn trotz ihres Alters attraktiv fand, und bemerkte in einem geschäftsmäßigen Ton: „Herr Barthelmes, Sie kennen doch unsere Personalsituation sehr genau. Das ist leider nicht möglich.“
„Und wie soll ich die Mehrarbeit in meine achtunddreißig Stunden hineinpacken?“, fragte Kilian in einem ganz neutralen Ton, denn er wollte nicht dazu beitragen, die Stimmung noch weiter aufzuheizen.
„Wir erwarten schon, dass Sie nicht immer wieder auf die Uhr starren“, wurde er zurechtgewiesen. „Zum einen ist es nur vorübergehend und zum anderen sollte doch ausgerechnet Ihnen eine wirkungsvollere Bekämpfung der Steuerflucht sehr am Herzen liegen.“
Seine Vizechefin und zwei weitere Mitarbeiter des Finanzamtes Trier verließen den Besprechungsraum und Kilian hatte das wohl eher eingeschränkte Vergnügen, die weitere Vorgehensweise mit Simone und Daniel zu erörtern. Simone wollte zuerst aufgeklärt werden, was seine bevorzugten Methoden seien. Kilian gab sich sehr bedeckt und antwortete eher ausweichend. Aber Simone hatte sich vorab informiert.
Daniel Wächter war nun, da sie praktisch unter sich waren, bemüht, einen freundlichen und kollegialen Ton anzuschlagen. Man habe von Kilians Erfolgen gehört und sei deswegen sehr an ihm interessiert. Natürlich habe man auch erfahren, dass es familiäre Probleme gebe.
„Spielen die etwa eine Rolle?“, wollte Kilian wissen und sein Tonfall war härter als beabsichtigt.
Daniel setzte ein unverbindliches Lächeln auf, bei allen Gelegenheiten einsetzbar, aber seine stechenden und Kilian fixierenden Augen widersprachen dem Gesamtbild. „Vielleicht in dem Fall, wenn sich herausstellen sollte, dass Ihr Schwiegervater auch das Nachbarland und dessen fiskalische Diskretion zu schätzen weiß.“
Zwei Wochen später hatte sich die Abteilung im Industrie- und Gewerbegebiet komplett eingerichtet. Im Erdgeschoss war eine Rezeption, und die Dame dort machte auch Termine mit einem Anwalt, dessen Büro sich nebenan befand, falls es tatsächlich einmal um Rechte, Patente und Gebrauchsmuster gehen sollte. Auch in dieser Beziehung war die Tarnung perfekt. Auf der gleichen Etage gab es noch einen Besprechungsraum, während die fast zwanzig Mitarbeiter von SOFI im Obergeschoss ihre Wirkungsstätten hatten. Ausgestattet mit den neuesten und leistungsfähigsten PCs, angeschlossen an diverse Rechner und mit einem Sicherheitssystem, wie es wohl noch nicht einmal das Bundeskriminalamt vorweisen konnte. Über Nacht wurden vorsichtshalber sämtliche Daten auf einen externen Server geladen, am kommenden Morgen transportierte der Erste, der das Büro betrat, alles wieder zurück an die PCs.
Kilian konnte in diesen Wochen nicht allzu viel beisteuern, außer dass er sich hie und da mit Simone Bornheim, der Leiterin, und ihrem Adlatus Daniel Wächter besprach. Simone, welche die anfängliche Reserviertheit bei Kilian gespürt hatte, bemühte sich in der Folgezeit um einen moderaten Ton und unterließ alle Anspielungen. Trotzdem konnte sich Kilian des Eindrucks nicht erwehren, dass er bei jedem seiner Besuche bei SOFI wie ein Eindringling behandelt und beobachtet wurde. Eine nicht zu erklärende diffuse Stimmung schlug ihm entgegen, die er als feindlich empfand. Er gehörte nun mal nicht dazu. Zumindest nicht zum Kern dieser neuen Steuereliteeinheit.
Eine Aufgabe bestand darin, alle Datenströme von gemeldeten grenzüberschreitenden Kfz zu sondieren. Kilian hatte ein System erarbeitet, wonach diejenigen, die sich bereits nach vierzig bis achtzig Minuten wieder auf dem Rückweg befanden, weder für die Steuerverkürzung noch für den diskreten Geldtransport in Frage kamen. In den grenznahen Orten Grevenmacher und Wasserbillig gab es bis auf eine Ausnahme nur Filialen von lokalen Luxemburger Banken, die wegen ihrer eingeschränkten Geschäftstätigkeit uninteressant waren. Und um die Ausnahme aufzusuchen, hätte man vor der Mautbrücke, an welcher die Kfz fotografiert wurden, bereits die Autobahn verlassen müssen. Dadurch schrumpfte die zu überwachende Menge der Pkw um mehr als siebzig Prozent. Und diese siebzig Prozent, die Luxemburg so schnell wieder verließen, waren Kurzbesucher, meist nur Kunden an Tankstellen und welche, die schnell mal etwas einkauften, was billiger war als in Deutschland. Also überwiegend Zigaretten, dann auch noch diverse Kaffeesorten und chemische Mittel gegen Unkraut und Maulwürfe, wegen der weniger restriktiven Bestimmungen im Nachbarland.
Wer immer sich bis in die Hauptstadt wagte und dort eines der mehr als hundertfünfzig Bankinstitute aufsuchte, blieb demnach mindestens eineinhalb Stunden im Lande.
Weiterhin aufgeteilt wurden die Kfz nach Tageszeiten und Herkunft. Diejenigen, die frühmorgens einreisten und am späten Nachmittag oder Abend wieder nach Deutschland zurückkamen, waren überwiegend Pendler. Am Ende gab es nur noch maximal zehn Prozent, die man genauer zu überwachen hatte. Aber das waren immer noch mehr als viertausend Pkw pro Tag. Mit der Zeit versuchte man, ein Muster zu erstellen. In welchem Rhythmus fuhren gewisse Pkw über die Grenze, wie lange blieben sie, wie viele Personen saßen darin. Hochgradig verdächtig war derjenige, der etwa alle zwei bis vier Wochen in das Nachbarland fuhr und ein Kennzeichen aus der Koblenzer, Kölner oder Düsseldorfer Gegend hatte. Je größer die zeitlichen Abstände wurden, desto mehr wanderten die Kfz und deren Besitzer in andere Kategorien. Selbstredend war man sich darüber im Klaren, dass bei einer Fahrt wesentlich mehr Geld über die Grenze gebracht werden konnte als bei vielen sich wiederholenden.
Alle auffälligen Kennzeichen wurden an den Zoll weitergegeben, der nun, da es keine Landesgrenzen mehr gab, die Überwachung und Überprüfung weiter im Landesinnern bewerkstelligte. Und die ersten positiven Ergebnisse trudelten bereits nach vier Wochen ein, als man mehr und mehr KFZ anhielt, deren Fahrer große Summen Bargeld mit sich führten und vergessen hatten, dieses, falls es sich um mehr als zehntausend Euro handelte, bei der Einfuhr nach Deutschland zu deklarieren. Und wenn sie es deklarierten, waren sie in der unangenehmen Zwangslage, auch genau nachzuweisen, woher es stammte. Also unterließ man es geflissentlich.
„In den letzten acht Tagen gab es für uns elf glücklose Zugriffe“, begann Simone die allwöchentliche Besprechung. „Zwar hatten die Autobesitzer in jedem Fall mehr als fünfzigtausend dabei, aber sie konnten zweifelsfrei dokumentieren, woher das Geld stammte.“
Kilian legte eine Hand vor den Mund und schmunzelte.
„Herr Barthelmes, für uns ist das ganz und gar nicht lustig“, wies ihn Simone zurecht. „Ich darf Sie daran erinnern, was unsere Aufgabe ist.“
Kilian schaute hoch, immer noch war das Lächeln in seinem Gesicht. Simone irritierte, dass seine Augen intensiv auf sie gerichtet waren, als unterzöge er sie einer Prüfung. Das mochte sie nicht so gerne.
Ruhig und in der gewohnt tiefen Tonlage sagte Kilian: „Es ist doch schon frappierend, wie leicht man den Zoll und SOFI austricksen kann.“
Den Zoll austricksen, das war noch hinzunehmen. Aber SOFI, die neue Eliteeinheit der Steuerbekämpfung, diese Unterstellung konnte Simone nicht auf sich und der Behörde sitzen lassen. Nicht zuletzt auch, weil es heute weitere Zeugen dieser Unterstellung gab. Die Vizechefin des Finanzamtes, Gerda Fantes, war gleichfalls zugegen.
„SOFI kann nicht so leicht ausgetrickst werden“, widersprach Simone. „Wenn dem so ist, dann können wir ja einfach weitermachen wie bisher“, entgegnete Kilian. Das wiederum störte Simone, denn der Vorwurf stand immer noch ungeklärt im Raum.
„Inwiefern wird SOFI ausgetrickst?“
Kilian beugte sich nach vorn und stützte seine Ellbogen ab. „All die Fälle, in denen man größere Geldbeträge gefunden hat und deren Herkunft zweifellos nachgewiesen worden ist, sind doch hier auf dieser Liste aufgeführt.“
„Ja.“ Simone bestätigte es.
„Zweihundertzwanzigtausend, hundertachtzigtausend, hundertfünfzigtausend …“
„Wir können auch lesen“, unterbrach Simone Kilian. „Jeder Betroffene hat uns die Bankbelege gezeigt. Es ist ordnungsgemäß in Deutschland abgehoben worden. Kein Schwarzgeld wohlgemerkt.“
„Und was wollten die Eigentümer mit dem Geld anfangen? Warum haben sie es wieder aus Luxemburg mit zurückgebracht?“
Simone schaute nun auf ihre Unterlagen. „Hier steht es doch: Kauf eines Oldtimers, Kauf von alten antiken Möbeln und einem Teppich, Kauf von Schmuck auf Auktionen, Kauf von Kunst.“
„Ich kann auch lesen“, konnte sich Kilian nicht verkneifen. Seine Chefin Gerda bemühte sich zu schlichten und meinte: „Herr Barthelmes, Sie denken doch an etwas Besonderes.“
Kilian lehnte sich zurück und machte eine Pause. Wenn er schon zur Aufklärung mit beitrug, dann sollte auch der Erfolg auf ihn allein zurückfallen.
„Nichts einfacher als das, was wir hier sehen und geboten bekommen. Mit der beste Weg, Geld in ein Nachbarland zu schleusen, ohne dass es ruchbar wird. Gewissermaßen abgesegnet durch die Hausbank.“
So wie die Leiterin von SOFI den Trierer Steuerfahnder Barthelmes anschaute, verstand sie im Augenblick absolut nichts. Und das war für die Anwesenden ein Eingeständnis, auf ihrem eigenen Terrain nicht präsent zu sein.
„Ich gehe zu meiner Bank und sage, bitte gib mir mal hunderttausend von meinem Konto“, begann Kilian. „Ich erhalte das Geld, schön mit Banderolen versehen, und lasse mir natürlich den Beleg aushändigen. Dann fahre ich von … Köln nach Luxemburg, denn in der Zeitung habe ich gelesen, dass man dort einen erstklassigen Jaguar E, Baujahr 1966, für neunzigtausend anbietet. Ich habe mir die Anzeige ausgeschnitten, mit dem Verkäufer telefoniert, ihm meinen Namen genannt und einen Termin vereinbart. Ich komme hin, das Auto gefällt mir nicht, ich fahre wieder nach Hause. So würde ich dem Bundesgrenzschutz meine Geschichte erzählen und ihm den Bankbeleg zeigen sowie die mit Banderolen versehenen Geldbündel. Ich habe ja nichts ausgegeben.“
Immer noch schien Simone nichts zu verstehen und ordnete die Unterlagen, die vor ihr lagen.
„In Wirklichkeit“, sprach Kilian weiter, „hatte ich überhaupt nicht die Absicht, diesen Jaguar zu kaufen. Ich nehme die Banderolen, das Geld lasse ich zu Hause, und fahre bei dem Verkäufer vorbei. Wie gesagt, das Auto will ich nicht, er soll mich gesehen haben, er ist also mein Alibi. Dann gehe ich schnurstracks zu meiner Bank, hebe hunderttausend ab, stopfe die Scheine in die Banderole, das geht ganz einfach, wenn man zuerst nur zehn hinein schiebt und die anderen einfach dazwischen packt, und fahre zurück nach Deutschland. Werde ich angehalten, erzähle ich meine Geschichte. Sie wird überprüft, alles stimmt, nichts geschieht. Werde ich nicht angehalten, fahre ich weiter und habe unbehelligt hunderttausend von einem Luxemburger Konto nach Deutschland gebracht. Am kommenden Tag könnte ich das Spielchen wiederholen, und auch am dritten und vierten. Irgendwann gehe ich zu meiner Bank, zahle die original abgehobenen hunderttausend zurück auf mein Konto und sage, aus dem Geschäft sei nichts geworden.“
„Und die anderen hundert-, zwei- oder dreihunderttausend?“, fragte Simone, die damit zeigte, sie hatte verstanden, worum es ging.
„Habe ich zur freien Verfügung. Niemand weiß es, und das ist ja der Sinn der Steuerhinterziehung.“
„Haben Sie Ihrem schwerreichen Schwiegervater auf diese Art und Weise geholfen, sein Schwarzgeld aus Luxemburg wieder zurück zu bringen?“ Als Kilian überrascht zu Simone schaute, waren ihre Augen ausdruckslos. Und der Vizechefin des Finanzamtes verschlug es die Sprache, was ausgesprochen selten vorkam.
An diesem Nachmittag vollzog Kilian die innere Kündigung mit SOFI. Zwar entschuldigte sich Simone wenig später, nachdem Gerda Fantes mit ihr gesprochen hatte, aber Kilian nahm die Entschuldigung nicht an. Obwohl er zustimmend zu ihren Worten nickte, sie anschaute, woraufhin Simone die Augen senkte. Fortan war er fast nur noch Zuhörer in den Besprechungen und er vermied es, neue Impulse zu geben. Sollten sie doch schauen, wie sie ohne ihn zurechtkamen. Und er traf gewisse Vorkehrungen, die ihm helfen sollten, sich später zu entlasten, falls es erforderlich sein sollte. Eine davon war, dass er sich Notizen machte, sogenannte Gedächtnisprotokolle. Die andere würde zwar vor Gericht keinen Bestand haben, weil die Zustimmung der Gegenseite fehlte, aber sie verschaffte ihm einen Hochgenuss an Zufriedenheit. Er zeichnete alle Gespräche auf, an denen er beteiligt war. Vielleicht war das nicht ganz fair, gab er sich gegenüber zu. Möglicherweise hatte Simone auch noch eine weitere Chance verdient. Aber er wollte nicht den Punkt verpassen, an dem gewisse Weichen gestellt oder Dinge besprochen und in die Wege geleitet wurden, an die sich später aus unterschiedlichen Gründen niemand mehr erinnern wollte. Oder konnte. Oder durfte, um sich nicht selbst zu belasten.
Der Fauxpas schien an Simone genagt zu haben. Mehr und mehr suchte sie das Gespräch mit Kilian, ihr Ton war ausgesprochen freundlich, die Worte wohl gewählt, alle Signale deuteten auf Waffenstillstand und Entgegenkommen. Kilian registrierte es und zeigte keine Reaktion. Weder Zustimmung noch Ablehnung. Sein Verhalten war an Neutralität und Emotionslosigkeit nicht mehr zu überbieten. Simone schien das zu irritieren.
Aber sie bemühte sich weiterhin dermaßen intensiv, dass sie es sogar darauf anlegte, Kilian in interne SOFI Prozesse einzubinden oder zumindest zu informieren. Das war ihre Art, den Fehler auszubügeln. Ich ziehe dich ins Vertrauen. Bitte lehne es nicht ab.
Etwa zwei Wochen nach diesem bewussten Vorfall kam sie zu Kilian. „Heute biete ich Ihnen einen Leckerbissen. Nicht bei uns, sondern in den Räumlichkeiten des Finanzamtes. Wollen Sie dabei sein?“
Natürlich wollte Kilian. Es gab genügend andere, die dumm starben. Informiert zu sein war in seinem Beruf eine der Maximen. Aber er ließ keine überschäumende Reaktion erkennen und er fragte noch nicht einmal nach, was der Anlass sei. Simone war dadurch etwas verwundert. Dieser Barthelmes war für sie nicht einschätzbar. Sie ging zu sehr von sich und den Reaktionen anderer aus und meinte das auf ihn übertragen zu können. Was ihr am meisten zu schaffen machte war der Umstand, dass Barthelmes sie als Frau überhaupt nicht wahrnahm. Dabei sah sie hervorragend aus und war mit all den Attributen gesegnet, die Männer nun mal am anderen Geschlecht mochten. Und all ihre Augenspiele waren bisher auch wirkungslos verpufft.
„Wollen Sie denn nicht wissen …“
„Werde ich doch heute erfahren. Um welche Uhrzeit?“
„Fünfzehn Uhr.“
Als benötigte Simone ein Alibi, war auch heute wiederum Gerda zugegen. Oder wollte sie einen Zeugen für ihr geschicktes Taktieren in der Hinterhand haben? Den man dann, falls erforderlich, ins Spiel bringen konnte, wenn man beabsichtigte, die Karriereleiter hochzusteigen. Und dass Simone danach trachtete, war für Kilian so sicher wie das Amen in der Kirche.
Kilian saß mit drei Frauen am Tisch, denn der von Simone versprochene Leckerbissen war auch weiblichen Geschlechts.
„Frau Cornelia Mauerbeer“, stellte Simone den Besuch vor und machte ihn mit Kilian und Gerda bekannt.
„Frau Mauerbeer arbeitet in Luxemburg in einer Bank.“
Simone verteilte an jeden ein Blatt, auf dem Zahlen aufgelistet waren. Unter ihnen standen Anmerkungen und Erläuterungen.
„Ich habe mit Frau Mauerbeer ein Vorgespräch geführt, alle Fragen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte sind angesprochen und beantwortet worden, deshalb können wir gleich in die Materie einsteigen“, begann Simone gut gelaunt. „Auf dem Blatt sind Zahlen vermerkt, und zwar handelt es sich um Einnahmen, die fiskalisch nie erfasst worden sind. Alles ist demnach unversteuert. Es sind Einnahmen des Ehemannes von Frau Mauerbeer, er ist freier Architekt. Insgesamt wurden in den vergangenen vier Jahren der Besteuerung mehr als vierhunderttausend Euro vorenthalten. Ein dicker Brocken.“
Simone schaute zu Cornelia, die den Kopf schuldbewusst gesenkt hatte. Dann mit einem triumphierenden Ausdruck zu Gerda und zu Kilian, als wolle sie sagen: Guckt mal, wie gut ich bin.
„Ich habe Frau Mauerbeer auf die möglichen Konsequenzen hingewiesen. Sie hat mit ihrem Mann gesprochen, er hat alles ihr gegenüber zugegeben. Die Steuervermeidung lief nach dem Muster ab, dass Herr Mauerbeer geringe oder fast gar keine Einnahmen in Deutschland für eine Immobilien- und Investmentgesellschaft generierte, obwohl er sehr rege tätig war, und sich die ihm zustehenden Honorare auf Bauvorhaben in Luxemburg auszahlen ließ. Dafür hat er eine eigenständige Firma gegründet. In diesem Fall kann man sagen, dass schon eine gute Portion kriminelle Energie aufgewendet worden ist, um alles zu verschleiern.“
Die kriminelle Energie war das Schlagwort und machte oft den Unterschied aus zwischen einer späteren Geldstrafe und einer Verurteilung zu Gefängnis mit Bewährung. Die Frage war nicht, ob diese Energie überhaupt vorhanden war, sondern wie geschickt ein Staatsanwalt sie argumentativ aus dem Hut zaubern konnte. Das konnte vor Gericht unter Umständen auch ein Schwachpunkt sein. Gleichfalls die Beweislast, die der Staatsanwalt herbeizuführen hatte. Kilian kam es vor, als sei sie in diesem Fall nicht so leicht zu bewerkstelligen. Er kannte einige Konstruktionen, an denen sich deutsche Gerichte die Zähne ausgebissen hatten.
„Warum ist Herr Mauerbeer nicht anwesend?“, gab Kilian zu bedenken.
„Es ist der Wunsch von Frau Mauerbeer, mit uns über ihren Mann, aber zugleich auch ohne ihn zu reden.“
Cornelia nickte zu Simones Worten.
„Um es noch einmal zu verdeutlichen“, begann Simone, „wird auf Herrn Mauerbeer ein Strafverfahren zukommen und das Strafmaß wird sich, und da brauche ich kein Prophet zu sein, bei der Größenordnung um die zwölf Monate auf Bewährung bewegen. Und genau darum geht es. Genauer gesagt um die Frage, ob man das vermeiden kann.“
Für Kilian lichtete sich der Wald. Und wenn das zutraf, was er nun vermutete, dann griff Simone verdammt tief in die schmutzige Trickkiste. Demnach bewegte sie sich nicht mal mehr am Rande der Legalität, denn ihr Vorhaben lief auf eine einfache Erpressung hinaus.
„Frau Mauerbeer, bitte“, gab Simone das Wort weiter.
Cornelia begann mit stockender Stimme. „Natürlich hat mich diese Beschuldigung tief getroffen und ich bin mir auch der Tragweite bewusst, der strafrechtlichen Tragweite“, verdeutlichte sie. „Wir sind seit zwölf Jahren verheiratet, führen eigentlich eine glückliche Ehe, haben zwei Kinder und ich möchte meinem Mann helfen. Im Augenblick macht er schwere Zeiten durch. Er bereut sein Verhalten, aber dazu ist es nun zu spät.“
„Frau Mauerbeer, es ist möglich, dass Sie Ihrem Mann helfen können. Ich habe hier ein Schreiben des Finanzministeriums, wonach man bei entsprechender Kooperation Ihrerseits auch Ihrem Mann entgegenkommen wird. Ohne ein genaues Strafmaß zu versprechen, wird es sich jedoch im Bereich von vierzig Tagessätzen bewegen, was bedeutet, Ihr Mann ist nicht vorbestraft.“ Simone zeigte das Schreiben und gab es Frau Mauerbeer zu lesen.
„Kann ich davon eine Kopie …“
Simone verneinte. Das ginge allein schon aus dem Grunde nicht, weil ihr Deal quasi unter Verschluss bleiben müsse. Und dazu habe sie gewisse Dinge auf dem Verwaltungswege anders darzustellen. Aber auf ein Ministerium könne man sich schon verlassen.
Cornelia sah das ein.
„Nun, Frau Mauerbeer, lassen Sie uns zu Ihrer Gegenleistung kommen. Sie arbeiten bei der Dexia-Bank?“
„Ja.“
„Und sind in welchem Bereich tätig?“
„Ich bin Kundenberaterin.“
„Privatkunden?“
„Ja.“
„Und in welcher Größenordnung bewegen sich in etwa deren Einlagen?“, wollte Simone wissen.
„Überwiegend im Millionenbereich.“
„Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich um diskret angelegtes Geld handelt?“
Frau Mauerbeer senkte den Kopf.
„Trifft das zu?“, wurde Simone deutlicher.
„Ja, in fast allen Fällen. Zumindest vermute ich es.“
„Inwiefern vermuten Sie es?“
„Die Kunden verlangen nie am Ende des Jahres eine nach steuerlichen Gesichtspunkten angefertigte Aufstellung, und zwar die einer Gewinn- und Verlustrechnung.“
„Einmal hypothetisch gefragt: Auf wie viele dieser Kundenkonten können Sie zurückgreifen?“
Frau Mauerbeer schwieg. Kilian sah ihr an, dass sie mit sich kämpfte. Unter vier Augen hätte er ihr einen dringenden Rat gegeben, aber dazu war es jetzt zu spät.
„Falls erforderlich, auf fast alle. Lediglich die Premiumkunden, also alle mit mehr als zehn Millionen, haben andere Absicherungen. Da ist jeweils die Zustimmung eines weiteren Kollegen und die des Abteilungsleiters erforderlich.“
Simone nickte, als hätte sie so etwas erwartet. Sie beugte sich über den Tisch, legte die Unterarme auf und verschränkte die Hände.
„Frau Mauerbeer, darf ich fragen, wie weit Ihre Bereitschaft geht, uns zu helfen, damit wir Ihrem Mann helfen können?“
Kilian verschlug es vor so viel vorgetäuschter Feinfühligkeit fast die Sprache.
„Ich glaube, für meinen Mann würde ich alles tun. Er war sich seines Handelns noch nicht einmal richtig bewusst.“
Kilian warf einen Blick zu seiner Chefin, sie schaute ihn an, mit leeren Augen, und sie wandte sich sofort wieder ab. Duldete sie Simones Vorgehen oder unterstützte sie es sogar, fragte sich Kilian.
„Nun, wir sind uns der Lage bewusst und der Tatsache, dass wir ausgesprochen behutsam vorzugehen haben, Frau Mauerbeer. Zum einen sind Sie für uns nur wertvoll, wenn es gelingt, eine längerfristige Zusammenarbeit aufzubauen. Zum anderen erwarten wir aber auch schnelle Ergebnisse, damit wir schon etwas vorarbeiten können. Selbstverständlich werden wir so vorgehen, dass nicht der Hauch eines Verdachtes auf Sie fällt. Habe ich mich diesbezüglich klar ausgedrückt?“
Frau Mauerbeer nickte, sie hatte alles verstanden. Aber ihr war die Situation mehr als peinlich. Nicht nur, dass sie aus ihrer Sicht ihren Mann verriet. Sie würde auch ihre Bank verraten und ihre Kunden. Und für ihr Verhalten gab es Zeugen, Kilian und seine Chefin. Vielleicht war genau dieser Umstand der Grund, der es ihr besonders schwer machte zuzustimmen.
„Bitte erwarten Sie von mir keine schnellen Ergebnisse“, warf sie ein. „Ich muss zum einen mit der neuen Lage fertig werden und zum anderen nach Wegen suchen, die es mir ermöglichen, aus dem Hintergrund zu agieren. Glauben Sie mir, es ist nicht einfach für mich.“
Simone hatte das allergrößte Verständnis für ihre Lage. Kilian musste trotz der Ressentiments, die er gegen sie hegte, zugeben, dass sie ausgesprochen geschickt vorging. Sie der armen Frau überhaupt keine andere Wahl ließ, als mitzuspielen.
„Frau Mauerbeer, als Erstes würde uns eine Namens- und Adressenliste genügen“, meinte Simone. „Und vielleicht die Höhe der Einlagen.“
Cornelia schüttelte den Kopf. „So geht es nicht. Wir haben ein verdammt ausgetüfteltes Sicherheitssystem. Seit die ersten Steuerdaten verkauft worden sind, ist es unmöglich, Daten aus dem Computer abzuzweigen.“
„Wie das?“, fragte Simone leicht pikiert.
Cornelia erläuterte, dass sie nicht nur ein Codewort habe, was sie eingeben müsse, sondern sie habe auch den Zugang zu bestätigen. Falls sie etwas ausdrucken wolle, benötigte sie einen erneuten Zugang. Und dieser wurde dann an ihren Abteilungsleiter gemeldet. Und der wisse natürlich auch, was ausgedruckt worden sei. Falls sie das Konto eines nicht ihr direkt anvertrauten Kunden zur Einsicht anklickte, begann das Prozedere von vorn. Und etwas abspeichern, das könne sie überhaupt nicht. Ihre Hardware hatte dafür keine Möglichkeit. Es gab keinen Schacht für eine CD und keinen USB-Anschluss.
Simone überlegte. Das passte ihr nicht in das Konzept. „Was gibt es dann noch an Möglichkeiten?“, wollte sie wissen. Sie schien mit ihrem Latein am Ende zu sein.
„Abfotografieren. Was ich kann, ist den Bildschirm abfotografieren.“
Simones Augen leuchteten, das war gut.
„Aber auch darauf ist unser System ausgelegt. Unsere Firmenhandys liegen alle auf einem Tisch in der Mitte des Raumes. Wir müssen aufstehen, wenn wir telefonieren wollen, und dürfen nicht mit ihnen an einen PC herantreten. Private Telefonate und private Handys sind verboten. Was wir an unserem Arbeitsplatz direkt haben, sind die Telefone für das übliche Festnetz.“
„Da wird mir schon was einfallen“, versprach Simone und Kilian konnte sich denken, in welche Richtung sich ihre Überlegungen bewegten. Inzwischen gab es ausgeklügelte Möglichkeiten, diskret etwas zu fotografieren. In Brillen versteckt war nichts zu erkennen. Oder eine Minikamera um den Hals hängend in einen Anhänger eingebaut, die auf die Stimme reagierte.
Nach knapp zwei Stunden war man sich einig. Simone hatte alle wichtigen Punkte abgeklärt und Cornelia war nichts anderes übrig geblieben, als ihre Bereitschaft zu signalisieren.
Sie standen auf, Cornelia verabschiedete sich von jedem per Handschlag. Kilian bemerkte eher zufällig bei einem Blick auf ihre Handtasche, dass sie nicht ganz unvorbereitet zu dem Gespräch gekommen war. Und Cornelia bemerkte, dass Kilian etwas bemerkt hatte. Aber der wandte so schnell seinen Kopf, dass sie keinen Augenkontakt herstellen konnte. Und beim Herausgehen ergab sich für sie keine Möglichkeit, ihn anzusprechen und vorzufühlen, inwieweit sich dieser Umstand negativ auf sie auswirken konnte.
Am kommenden Morgen ersuchte Kilian um ein Gespräch mit seiner Chefin. Sie ahnte, worum es ging. Deshalb begann sie auch sogleich, sich für die Art, wie man mit Frau Mauerbeer umgesprungen war, zu entschuldigen. Allerdings habe sie auch nichts unternommen, um diese Variante der erzwungenen Zusammenarbeit zu unterbinden, gab sie auf Kilians Frage zu. Das habe ihr auch nicht zugestanden, denn SOFI sei nun mal eine eigenständige Einrichtung, bemühte sie sich dann doch noch um eine Rechtfertigung.
„Genau das ist der Grund, warum ich nicht mehr mit SOFI und dieser Tussi Simone zusammenarbeiten will“, sagte Kilian despektierlich. Die Verachtung war herauszuhören und auch, dass sein Entschluss etwas Endgültiges hatte.
Gerda konnte ihn verstehen. Allerdings machte sie deutlich, dass Simone sehr viel Wert auf ihn und seine Kompetenz lege und nicht auf ihn verzichten wolle. Und dass sie es nicht so einfach hinnehmen, sondern auf seine Mitarbeit drängen werde. So wie sie es sehe, könnte Simone sehr unangenehm werden. Er sei nun mal in ihren Plan eingebunden, und der lautete: Ich will nach oben.
„Meine Entscheidung ist unumstößlich. Gesetze hin, Gesetze her, wir sind nicht der Papst und weit davon entfernt, unfehlbar zu sein. Aber das, was sich diese Simone ausgedacht hat, ist eine ausgemachte Schweinerei.“
Gerda stimmte ihm zu, aber es werde von SOFI erwartet, ungewöhnliche Wege zu gehen, um ungewöhnliche Ergebnisse zu erzielen. Vielleicht müsse man in solchen Fällen die Toleranzbreite etwas großzügiger auslegen. Auch im Sinne der Allgemeinheit, der man verpflichtet sei. Schließlich ging es hier um das Geld aller Bürger, die ein Anrecht auf gerechte Besteuerung hätten.
„Auch auf illegalem Wege?“, warf Kilian ein und Gerda hüstelte an Stelle einer Antwort.
„Es wird doch einen Grund geben, warum man SOFI ins Leben gerufen hat“, meinte sie zurückhaltend. „Und SOFI aus allem herausgelöst hat“, fügte sie hinzu. „Zumindest geraten wir als Finanzamt dadurch nicht ins Zwielicht.“
Kilian bemühte sich nicht, die Unterhaltung fortzusetzen und wollte sich verabschieden. Gerda hielt ihn mit den Worten zurück: „Stimmt es, was man sich erzählt? Sie lassen sich scheiden?“
Kilian verneinte. „Meine Frau möchte sich scheiden lassen“, stellte er klar. „Ich will nicht, wegen der Kinder. Sie sind noch zu jung.“
„Auf Dauer können Sie es nicht verhindern“, entgegnete sie. „Glauben Sie mir, ich kann es Ihnen aus meiner eigenen Erfahrung heraus sagen. Lassen Sie Ihre Frau ziehen, vielleicht kommt dann etwas mehr Ruhe in Ihr Leben.“
Als Kilian die Tür hinter sich geschlossen hatte, war Gerdas Ratschlag von ihm schon als wenig brauchbar zur Seite gelegt worden. So wie die vielen anderen Ratschläge von Bekannten und Freunden auch, was sein Privatleben betraf. Allerdings reagierte er in diesem Punkt auch sehr sensibel und er musste sich hüten, nicht alles in schwarz-weiß zu sehen und sich dadurch eine eigene Wahrheit zurechtzubasteln. Das war leicht gesagt, war ihm doch in den vergangenen Jahren täglich eine Dosis Frustration injiziert worden, die ihn zum Teil uneinsichtig und verbittert hatte werden lassen. Dabei stand ihre Ehe anfangs unter einem guten Stern. Die Hauptvoraussetzung, Liebe, war auf beiden Seiten im Übermaß vorhanden. Und wenn er sich heute fragte, wieso sie nicht ausreichte oder was sie hatte reduzieren oder sogar tilgen können, er wusste es nicht. Schleichend, wie ein Gift, war der Prozess abgelaufen, ohne ihm eine Chance der Gegenwehr zu bieten. Als er die Entwicklung endgültig erkannt hatte, war es zu spät.
Natürlich spielte Annegrets Herkunft eine große Rolle. Und ihre Eltern gleichfalls, die zwar nicht offen gegen ihre Verbindung waren, aber bei vielen Gelegenheiten mehr oder weniger deutlich seinen aus ihrer Sicht nicht ausreichend vorhandenen Vermögensstand kritisierten. Er passe nicht zu ihnen, sei aus einer anderen Welt. Wie er denn gedenke, ihrer Tochter all das zu geben, was sie von zu Hause aus gewohnt sei. Allein schon ihr Cabrio koste fast hunderttausend.
So richtig ernst hatte Kilian die Bedenken nicht genommen, denn er war gerade in dem Alter, und auch in der physischen Verfassung, die Welt aus den Angeln zu heben. Dabei hatte er jedoch vergessen, dass nie diejenigen, die sie aus den Angeln hoben, auch dafür das Lob und den Erfolg einstrichen. Das taten dann andere, die sich und ihre scheinbaren Vorzüge so hervorragend verkaufen konnten, als seien sie es gewesen.
Ihre Hochzeit war perfekt, weil Annegrets Mutter eine perfekte Hochzeit haben wollte. Sie nahm alles in die Hand und delegierte so geschickt, dass letztendlich nur noch die Fernsehkameras gefehlt hatten.
Auf die vielleicht fünfzehn Freunde und Verwandten von Kilian kam eine Hundertschaft der oberen Gesellschaft von Trier und Rheinland Pfalz bis hin zu einem Landesminister, der seinen speziellen Freund, den Alkohol, mitgebracht hatte. Ein pompöses Beiwerk, das allerdings aus Kilians Sicht lediglich dazu diente, ein perfektes Paar, ihn und Annegret, standesgemäß einzurahmen.
Schnell stellte sich heraus, sein Einkommen genügte nicht für Annegrets Lebensstil, trotz all ihrer Versprechungen und Zusicherungen vor der Hochzeit. Ihre Eltern unterstützten sie offen. Und als Kilian sein Eigenheim baute - vieles machte er aus Kostengründen mit seinem Vater selbst, auch, weil beide hervorragende Handwerker waren -, klangen die Bemerkungen schon etwas hämisch, warum er sich denn nicht eine Firma leisten könne. Man arbeite in ihren Kreisen doch heutzutage nicht mehr selbst.
Die Geburt von Julian vervollkommnete das Glück, kurz darauf zogen sie in das Haus, die Geburt von Saskia zwei Jahre später kittete es nur noch vorübergehend, die Differenzen wurden unüberbrückbar. Kilian zog in die Einliegerwohnung und besuchte seine Familie ein Geschoss höher nur noch zu den Mahlzeiten und zu gewissen Freizeitaktivitäten im Garten. Seit einem halben Jahr wohnte er in der Hauptwohnung, weil Annegret mit den Kindern zu ihren Eltern gezogen war. Und als Saskia letzten Monat ihren zweijährigen Geburtstag feierte, wollte ihm sein Schwiegervater sogar den Zugang verwehren. Da er Kilians körperliche Fähigkeiten kannte und richtig einschätzte, und auch wusste, dass er sich die Anwesenheit nicht verbieten lassen würde, hatte er zwei kräftige Männer abgeordnet, die allerdings nur wenige Sekunden herausschinden konnten. Und als Kilian anschließend seinen Schwiegervater am Kragen packte, dieser vor vielen Zeugen vor Angst schlotterte und stotterte und winselte - zugegeben, Kilian sah auch furchterregend aus mit dem Blut auf dem Hemd und der offenen Schramme an der Stirn -, war der endgültige Familienbruch vollzogen. Nun erhielt Kilian Briefe von seinem Rechtsanwalt. Die Scheidung würde nicht das Problem sein, man hatte vor der Ehe Gütertrennung vereinbart, auch nicht seine noch fehlende Zustimmung. Es ging um Hausfriedensbruch und Körperverletzung, die man ihm anlastete. Und es ging darum, dass sein Schwiegervater den ermittelnden Staatsanwalt Kloos aus dem Golfclub kannte.
„Er wird noch wie ein kleiner Pinscher gekrochen kommen“, war Kilian von ihm zugetragen worden, „denn er kann das Haus nicht abbezahlen. Und auf meine Unterstützung wird er vergeblich warten müssen.“
Ganz so schlimm war es nicht, Kilian hatte bezüglich des Hauses nie von seinem Schwiegervater finanzielle Unterstützung erhalten, aber die Belastung war ihm dennoch zu hoch. Sein Fehler lag darin, dass er dachte, er müsse seiner Frau eine standesgemäße, gewohnte Unterkunft bieten, weshalb das Eigenheim bezüglich der Größe und der Ausstattung etwas aus den Fugen geraten war und seinen finanziellen Rahmen sprengte. Heute würde ihn Liebe nicht mehr auf diese Art und Weise blind machen, sein Portemonnaie hätte eine größere Mitsprache.
Um einen Weg zu finden, die Belastung freundlicher zu gestalten, verhandelte er mit der Sparkasse über die Verlängerung des Darlehens.
„Herr Barthelmes, das ist aus unserer Sicht die Lage, in der Sie sich befinden“, sagte Hauser, sein Kundenberater. „Dreihunderttausend Grundschulden, eine Nachfinanzierung von achtzigtausend, das Konto um zwanzig überzogen, es gilt die Reißleine zu ziehen.“
Kilian saß mit Hauser auf der Terrasse und sie hatten einen schönen Blick über das Moseltal auf Trier.
„Ich will sie nicht drängen, Herr Barthelmes, aber die Zinsfestschreibung ist bereits vor zwei Monaten ausgelaufen und wir müssen zu einem Ergebnis kommen.“
Kilian schaute den älteren, etwas übergewichtigen Mann um die fünfzig an, den er bereits seit vielen Jahren kannte. Ob er seine Instruktionen von oben erhalten hatte? Arno, sein Schwiegervater, auch hier etwas an den Fäden zog, um ihm das Leben schwer zu machen?
„Wie hoch kommt denn die monatliche Belastung, wenn wir alles in ein neues Darlehen verpacken?“
Hauser schaute bedrückt. „Da gibt es ein kleines Problem, Herr Barthelmes, und zwar ist das die Beleihungsgrenze. Die liegt, und das wissen Sie auch, bei sechzig Prozent.“
„Aber mein Haus ist doch mindestens achthunderttausend wert.“ Für Kilian war damit dieser Punkt geklärt. Alles in allem fast vierhundert Quadratmeter Wohnfläche auf einem Grundstück von mehr als tausend Quadratmeter in dieser ausgesuchten Lage. Was wollte man mehr?
„Nun, Herr Barthelmes, Sie dürfen nicht den möglichen Marktpreis Ihres Hauses verwechseln mit den internen Beleihungsgrenzen der Sparkasse. Wir gehen von fünfhundertfünfzigtausend aus, die wir jederzeit erzielen können. Demnach läge die Grenze des neuen Darlehens bei dreihundertdreißigtausend, aber Sie benötigen vierhunderttausend.“
Kilian runzelte die Stirn und dachte an seinen Vater, der ihm als Warnung mit auf den Weg gegeben hatte: Begib dich nie in die Abhängigkeiten von Banken, der Kirche, den Gewerkschaften oder denen einer politischen Partei. Du wirst anschließend nur noch benutzt. Und da war was dran, wie Kilian jetzt zugeben musste. Längst hatten Banken ihre vorübergehende devote Grundhaltung als Folge der Krise aufgegeben und gingen wieder genauso aggressiv zu Werke wie zuvor.
„Bei allem dürfen wir den zweiten Aspekt auch nicht vergessen. Sie verdienen im Monat, noch sind sie verheiratet und haben zwei Kinder, dreitausendachthundert netto. Nach der Scheidung …“
„Woher wissen Sie davon?“
Hauser hüstelte. „Ihre Frau hat es mir gesagt. Vertraulich selbstverständlich.“
