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Die Erzählung versetzt Sie direkt ins Herz des Ersten Weltkriegs. Friedrich Wolf, ein Meister des literarischen Realismus, zeichnet ein bewegendes Bild vom Leben und Sterben an der Front. Tauchen Sie ein in die intensive Freundschaft zwischen zwei Soldaten, die durch die Hölle des Krieges gehen, und erleben Sie die Schönheit und Brutalität der Natur, die als stummer Zeuge dieser tragischen Ereignisse dient. Dieses E-Book bietet nicht nur eine eindrucksvolle Schilderung des Krieges, sondern auch tiefgehende Reflexionen über das Menschsein, Mut, den Tod und die Suche nach Sinn in einer chaotischen Welt.
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2024
Friedrich Wolf
Der Sprung durch den Tod
ISBN 978-3-68912-100-6(E–Book)
Die Erzählung ist 1917 entstanden.
Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.
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Grün und saftig stand schon das Gras. In weiße Sonne gebadet, erhob sich der flandrische Himmel. Fern spannten ein paar grüne Wellenlinien, Landwellen von Ypern. Eine satte See lag das Land, Pferde weideten, stille Pferde, niedere Haselhürden kämmten die Fläche, der Bien summte, Flachs und Schaumkraut dufteten leis, ein Seehauch wehte, ich lag ganz still.
Die kühle Erde unter mir trug mich lind, ihre Gräser hielten mich gefangen, diese schwebende Erde, vom Meer unterspült, sie bebte unmerklich, mich kümmerte nicht: woher, ihre Halme witterten in kleinster Schwingung, ich sprach zu mir: Seewind. Wenig Blumen nur trägt der schwanke Grund, doch viel biege, lanzenblättrige, grasfeine Gewächse, den Hanf, das Schaumkraut, die gelbrötliche Gratiole und am sandigen Weg den Lavendel. Wie gut ruhte sich’s im Schoße dieses Sterns! Rippe am Stein, Haut nackt an Halm und Moos und das weiße Gestirn durchs Augenlid sengend. Hoch zu Häupten – nur gespürt – spiegelte die Himmelskuppel diese Erde wie ein Traum.
Und drei Tage zurück flog mein Herz, da wir aus dem Hinterland der Schelde in Eilmärschen hierhergeritten. Paulus und ich voraus, Quartiere schaffend, tags durch die brütend traumschwere Trift, die Dörfer in Buchenhecken versackt, die schweren, gelben Kühe lagen wie Steine am Weg, und abends bei schmaler Sichel des Mondes ins Dorf. Ich hielt die Pferde, Paulus hinein zum Maire.
Anna!
Da flog eine Stimme herüber durchs Fenster: An die ferne Geliebte! Ich stand wie gebannt auf dem flämischen Backsteinmarkt. Stille … schon rauschte die Appassionata über den engen gevierten Platz, der wie ein einziger Mund den Töneschall in die Lüfte stieß.
Und wir saßen drinnen im steingetäfelten Gemach. Anna ging aus und ein, bot Schinken und weißes Brot und dunkles Gerstenbier. So gastlich und warm war die Luft; nur fern donnerte der Westen, pausenlos. Doch meine Sinne waren gefangen in ihrem Bannkreis, den weidlichen Armen, dem steilen römischen Nacken, den wackeren Augen.
Nach der Speisung begannen wir zögernd von dem Leben, das hinter uns lag. Und auch sie hub an und sprach – war das alles ein Traum – uns Dantes goldene Terzinen im besten Firenzerlaut; wir staunten, sie lächelte aus schmalen Augen, und wie ein verflogen Zwielicht überm Meer ward ihre Stirn wieder feierlich, da sie uns mit blankstem Deutsch entgegentrat:
„Die Schönheit, die ich schaute, überfließet,
gewiss nicht unser Maß allein – ich merke,
dass nur ihr Schöpfer völlig sie genießet …“
Süden und Norden umarmten sich wie Eis und Feuer in dieser Gestalt, Wildheit und Hoheit, Anmut und Sinnenkraft. Es war ein sichtbar unlöslicher Kampf in diesem Mädchen, jenseits des Maßes und der Harmonie, auf blankem flämischem Frauenleib ein römischer Kopf … fromme Mänade!
Bald kam der Vater. Wir dankten, attestierten die gute Bewirtung und verabschiedeten uns, da wir in der vierten Frühstunde weiterzureiten gedachten. Anna sah mich plötzlich an, und ich musste ihrem Blick weichen. Wir gingen hinauf in unser Zimmer, ein betäubender Geruch; unbegreiflich, das Fenster war geöffnet, die Blütezeit längst vorbei. Als ich mein Bett hochschlug, frischbezogen und in harten blendendweißen Falten gestrafft, strömte mir eine Wolke entgegen … Eau de Cologne! Eine ganze Flasche musste eben hineingeschüttet sein! Wir schlugen eine barbarische Lache auf, Paulus heulte vor Wonne, o sancta Susanna phrygica, parisianna! O ewige Eva, Beatrice und Flandernweib! O tolle Welt! Und wir sanken in derben Schlaf.
Um Mitternacht weckte mich der Alte: Anna fiebere, rede wirr; ich, der Doktor, müsse helfen. Schlaftrunken, wütend folge ich. Anna liegt mit purpurnen Wangen im Bett, unleugbar Fieber, hohes Fieber! Ich gebe Tropfen und empfehle eine Packung. Sie weist den Vater hinaus. Ich stehe da, ein Ochs vor der Mauer. Es hilft nichts, es heißt die Packung selber machen. Doch wie ich mit den nassen Tüchern über ihren Rumpf mich niederbeuge, da wirft sie ihre Arme um meine Schulter und reißt mich zu sich hinab; die Kerze gestürzt, Dunkelheit. Sie rang mit mir und umklammerte mich mit eiserner Kraft. Dann knieten wir beide und beteten um die Morgenröte. Doch als der Himmel sich leise färbte, da weinte sie fassungslos, bedeckte mich mit ihren Küssen und segnete mich im Namen der Heiligen Jungfrau. Heilige, feierliche Welt!
Paulus und ich ritten einen schweigenden Tag.
Nun war er vorn, und ich lag hier im stillen Gras. O hoher Himmel, wir schauten die Wunder des Lebens, wir lagen Gott am Herzen, und der Teufel kniff in unsere Sohlen, vom Untergang bis zum Aufgang sahen wir diese wilde Erde. So lass uns jung sterben, Herr des Lebens, in der Fülle und im warmen Blut, dass sich das Einmalige nicht wiederhole und erkalte! Lass uns sterben auf der Sturmflut der Seligkeit, lass uns nicht an Sehnsüchten schmelzen, ein Sturz aus dem Zenit in den Weltkern, so sei der Tod letzte Lust!
Vorbei … ein Zitronenfalter fächelt über die Wölbung, vorbei … Schlaf … letzte Stille.
Da schreckt mich ein Schrei empor, ein Schreilein, ein deutlicher zwerghafter Todesschrei, und nochmals, ich fahre auf die Knie: Vor mir hat eine große Natter einen Frosch am Vorderbein gepackt, umringelt mit mörderischer Umschlingung seinen Bauch und beginnt mit ihrem Leib nachschiebend langsam und unaufhaltsam das andere Froschbein und den Kopf zu schlingen. Immer noch zappelt, quackt, ja schreit der Frosch wie ein Erstickender, es ist satanisch, bannend, das Blut erstarrt, aber man muss hinsehen, ohne sich zu rühren; schließlich hat ihn die graue Schlange ganz, das Zappeln lässt nach, die Hinterbeine strecken sich im Todeskrampf, sein Kopf ist in den riesig gedehnten Natternrachen hineingestopft … ein Klatsch! Als ob man einen nassen Sack aufs Wasser schlägt. Ein Blindgänger von ferner Fliegerbeschießung saust in flacher Kurve bei uns ins Erdreich.
Mir schwindelt; träume ich, ich reibe mein Auge … da liegt der Frosch, wischt sich mit dem Hinterbein den Schädel, bläht sich, quackt einmal ärgerlich über die unbegreifliche Belästigung und hüpft in flachen Sätzen ins dichte Gras. Und vor mir liegt die Natter tot. Und neben ihr, unter ihr liegen vier weiße, glatte Haselnüsse, vier weiße Schlangeneier, eben im Luftdruck der Granate und Todeskrampf der Mutter geboren.
Gottesurteil! spricht der Mensch, bemüht, alle Begebnisse im Hauptbuch des Lebens mit Soll und Haben zur Deckung zu bringen; Gottesurteil! und er springt empor und hebt – selbst ein Gott – den Fuß, die Schlangenbrut mit einem Tritt zu zermalmen. Aber da liegen die vier Eilein so sauber und weiß, und die große Sonne scheint so mütterlich an ihre dünne Schale, dass der Gottmensch schwach wird und die Wolke seines Schicksalsbeines wieder sinken lässt. Da liegen die vier Natterlein, und die Sonne brütet an ihnen.
Der Mensch aber ging dahin, nachdenklichen Hauptes, durch die blühende Landschaft, an deren Rande der Geschützwirbel rollte und in deren Schoße Frösche, Schlangen und Erinnerungen sorglos und begierig um ihren Platz rangen.
Am Nachmittag erreichte mich der Befehl, die „Gruppe Süd“, südwestlich Langemarck, als vorgeschobenen Verbandplatz einzurichten und zu besetzen; ein Gefechtsstand der Artillerie, Paulus war dort. Ich hieß Hattlieb, meinen Sanitätssergeanten, sich sogleich fertig machen. In einer Stunde fuhren wir auf unserem Dogcart gen Poelcapelle. Aber schon hinter dem Dorf kam die erste Abreibung, das Pferd bäumte im Feuer, der Wagen schmiss um, ich schickte ihn mit einer Kolonne heim.
