Der Stadtkannibale - Thomas Reich - E-Book

Der Stadtkannibale E-Book

Thomas Reich

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Beschreibung

Wie schmeckt ein Mensch? Für Andreas ist die familiäre Metzgerei mehr als nur ein Beruf. Getrieben von dunklen Begierden erweitert er seine persönliche Speisekarte. Bald schon landet das verbotene Fleisch täglich auf seinem Teller. Vorsicht! Nicht jedes Rezept ist zum Nachkochen empfohlen... KOSTPROBE "Während das Muttertier im Tannenrauch hing, schnitt er grobe Brocken aus dem Kalbfleisch. Briet sie mit braunen Champignons scharf an, und löschte sie mit Weißwein ab. Goss Sahne dazu, und ließ es mit einem Bündel frischer Küchenkräuter einkochen, bis die Sauce eine gewisse Sämigkeit erreichte. In der gusseisernen Pfanne brutzelten die original Schweizer Rösti, die er aus frisch geriebenen Kartoffeln selbst gewonnen hatte. Es ging nichts über eine frische und nachhaltige Küche. In den Kartoffelteig arbeitete er noch Emmentaler ein, der kräftig Fäden zog. Gerne hätte er noch ein paar Speckwürfel der Mutter beigefügt, aber der Speck war noch lange nicht fertig. Er begnügte sich damit, ein paar Grieben des Muttertiers als Schmalz auszulassen, in dem er die Champignons anbriet. Die ganze Familie auf einem Teller vereint."

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Thomas Reich

Der Stadtkannibale

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Der Stadtkannibale

Der Stadtkannibale

 

 

Thomas Reich

Text 2013 © von Thomas Reich

 

Coverphoto © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Entrec%C3%B4te_charolais_02_fcm.jpg + https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Sinnbild_Autobahngasthaus.svg mit Änderungen

 

Impressum: Thomas Reich

Bachenstr. 14

78054 Villingen-Schwenningen

Über das Buch:

 

Wie schmeckt ein Mensch? Für Andreas ist die familiäre Metzgerei mehr als nur ein Beruf. Getrieben von dunklen Begierden erweitert er seine persönliche Speisekarte. Bald schon landet das verbotene Fleisch täglich auf seinem Teller.

 

Vorsicht! Nicht jedes Rezept ist zum Nachkochen empfohlen...

I: Ein Leben für das Fleisch

Andreas saß in der elterlichen Küche, eine kühle Fanta vor sich. Kondenswasser perlte an der Glasoberfläche, Eiswürfel klirrten friedvoll. Das Quecksilber im Fenster zeigte bereits zwanzig Grad an; es versprach ein heißer Tag zu werden. Im Radio dudelte der Hitbox-Moderator die neusten Clubsounds zur Beachparty, die am Marktplatz stattfinden würde. Wenn sein Vater es ihm erlauben würde, so wollte Andreas mit ein paar Freunden hingehen. Ein heikles Unterfangen, aber er würde den alten Herrn schon einwickeln. Denn richtig abgehen würde die Party erst zu später Stunde. Aber waren nicht Sommerferien? Also Scheiß drauf, sagte sein Herz. In der Münztasche seiner ausgefransten Jeans hatte er ein paar Kaugummis eingesteckt. Das Herz eines Jungen schlägt unweigerlich für das Abenteuer. Er würde die Sandalen aus dem Wirrwarr im Boden seines Kleiderschranks puhlen, und an den Bach gehen. Die Flusskrebse studieren, und sich über die filigranen Muster wundern, die das Wasser in die Steine gespült hatte. Sein Vater kam im Unterhemd in die Küche, eine Zigarette baumelte ihm lässig im Mundwinkel.

„Heute mache ich einen Mann aus dir.“

„Hm?“

„Wirst schon noch sehen. Eine Überraschung.“

Mit dem großen Transporter ging es hinaus aufs Land. Duftige Salbeilandschaften zogen an ihnen vorbei. Bienen summten, irgendwo bellte ein Hund. Zwischen langen Alleen sprenkelte die Sonne ihre Gesichter. In der Luft lag die freudige Erwartung eines perfekten Sommertages. Ein Junge und sein Vater, die einen Ausflug machten. Der Wind des offenen Seitenfensters zerzauste Andreas Haare.

„Ist es noch weit?“

„Gleich da vorne. Siehst du den Schopf?“

„Ein paar Schindeln sind lose, Papa. Waren wir schon einmal hier?“

„Als du noch viel kleiner warst, ja. Ich dachte nicht, dass du dich erinnern würdest.“

„Da waren andere Kinder, mit denen habe ich im Maisfeld verstecken gespielt.“

„Dein Vater kommt jede Woche hierher, um Nachschub zu holen.“

„Du meinst Fleisch?“

„Bevor wir Fleisch essen können, ist es ein lebendiges Tier. Ach, die Jugend von heute! Wir kannten keine Supermärkte, als wir klein waren! Uns konnte niemand vormachen, eine Kuh wäre lila.“

Andreas sah betreten zu Boden.

„Entschuldigung.“

„Brauchst dich nicht für entschuldigen, Kleiner. So ist die moderne Welt eben. Aber solange du dich an deinen Vater hältst, lernst du ein paar der guten alten Werte. Und nun hopp, wir werden erwartet.“

Hinter ihnen fiel die Wagentür scheppernd ins Schloss. Andreas fiel auf, wie alt und runtergewirtschaftet ihr Sprinter war. Die Verkleidung der Türen hing an einigen wenigen, nicht abgebrochenen Kunststoffzapfen. In den Flanken sammelte sich Rost, wie eine krebsartige Geschwulst. Ein treuer Muli, der in die Jahre gekommen war. Schwäbische Sparsamkeit gehörte zu den Tugenden, die sein Vater ihn lehrte.

Aus der Scheune kam ein Stallhund angekläfft, mit Weizenspreu im Fell. Aufgeregt sprang er an den Beinen hoch, doch Andreas war nicht zum Spielen zumute.

„Erwin, pack deine dumme Töle weg!“

Aus dem Wohnhaus kam ein wettergegerbter Bauer, einen dunkelbraunen Filzhut keck in den Nacken geschoben. Zwischen seinen schmalen Lippen glimmte eine selbstgedrehte Zigarette. Er nickte dem Jungen freundlich zu, und schüttelte dem Vater die Hand. Andreas bemerkte gelbe Nikotinschwielen.

„Schön, dich zu sehen. Groß geworden, dein Sohn. Letztes Mal ging er mir gerade mal bis hier.“

Mit der flachen Hand deutete er Andreas alte Größe an. Dann lachte er, und fuhr ihm durchs Haar.

„Sind die Sauen schon soweit?“

„So bereit, wie eine Sau halt sein kann. Die haben schon ihr Testament gemacht.“

Der Alte kicherte unbändig über seinen kleinen Scherz. Wie Kies, der unter den Halbschuhen knirscht. Andreas hingegen zog die Nase kraus, als sie sich den Schweinekoben näherten.

„Riecht ein wenig streng, was? Nun, wir Menschen pissen auch nicht gerade Rosenwasser.“

„Geh dir eine aussuchen, Junge.“

„Ich nehm die da vorne.“

„Gutes Augenmaß, die hat ordentlich Speck auf den Rippen. Kennst dich halt aus mit Fleisch.“

„Wie der Vater, so der Sohn. Und nun mach mich stolz.“

„Alleine wird er's wohl nicht schaffen. Die Sau reißt ihn sicher zu Boden.“

„Gib mir mal ein Seil. Ich lege es der Sau um den Hals, dann können wir sie raus in den Hof zerren.“

„Besser ist. Wenn sie quieken, wird die Herde unruhig. Nicht dass mir wieder eine vor lauter Stress den Schnapper macht.“

Doch eine Sau einzufangen, die ihr baldiges Ende schon schnuppern konnte mit ihrem dicken Rüssel, war schwer beizukommen. Quiekend nahm sie vor den beiden Männern Reißaus, während Andreas sich bedeckt hielt. Sie hatten ihn nicht um Hilfe gebeten. Und Erwachsenen ins Handwerk zu pfuschen schien selten eine gute Idee. Wie schnell galt man doch als Naseweis!

Nach einigen Runden zähen Ringens hatten Erwin und sein Vater die Sau an der Leine, und zerrten sie in den Hof.

„Steh nicht so dumm rum, schnapp dir den Zinkeimer!“

Sein Vater saß nun rittlings auf der Sau, und drückte sie mit seinen Oberschenkeln in den Boden. Auf seiner Stirn traten Adern hervor, die man selten sah. Es kostete ihn sichtlich Mühe, die Sau zu halten. Und doch lächelte er seinem Sohn zu.

„Diese ist für dich. Mach mich stolz.“

Erwin zog ein Jagdmesser aus seinem Gürtel und reichte es Andreas. Der harte Stahl der Klinge funkelte in der Mittagssonne.

„Sie wird mich beißen.“

„Du musst unterm Kinn ansetzen; dort, wo die zwei Hautlappen zusammenlaufen. Der Trick dabei ist, nicht zu zaudern. Zieh die Klinge einfach bis zur anderen Seite rüber.“

Andreas zitterte. Nicht vor Angst, sondern vor Erregung. Unter seiner Knabenhose spannte sich ein gewaltiges Zelt. Wenn es die beiden Männer mitbekamen, so sahen sie geflissentlich darüber hinweg. Oder erinnerten sich wehmütig an ihre erste Sau. Und das Gefühl von Macht, welches in den Fingerspitzen kribbelt, und sich bis in die Lenden ausbreitet. In den Augen des Tieres brach das Licht, wie eine verlöschende Kerze. Am anderen Ende des Tunnels stand Andreas, die Augen zu konzentrierten Schlitzen gepresst. Unter seiner Hand quiekte das warme Tier, und bäumte sich unter dem festen Griff von Erwin und seinem Vater. Bereitwillig gab das zarte Fleisch nach, Erwin hielt sofort den Zinkeimer darunter. Der Geruch von Blut stieg ihm urplötzlich in die Nase, schwer und bleiern. Er empfing ihn wie eine heilige Kommunion.

„Gut hast du das gemacht. Wichtig ist, das Blut aufzufangen, solange es noch warm ist. Wenn es einmal im Körper stockt, ist das Fleisch verdorben. Außerdem kann man Blutwurst daraus herstellen.“

Andreas hörte kaum zu. Adrenalin jagte durch seinen Körper wie Autos auf einer Rennbahn. Man musste töten, um sich so lebendig zu fühlen. Sein Arm ging wieder nach oben, um mit einer gezielten Geste in den Rippen der Sau zu landen.

„Nicht so stürmisch, kleiner Mann. Hilf uns, sie hochzuziehen.“

„Warum?“

„Stell dir die Sau als einen nassen Lappen auf der Wäscheleine vor.“

„Ein roter Lappen.“

„Meinetwegen. Jedenfalls läuft die Flüssigkeit besser nach unten ab.“

„Okay, Papa.“

Zusammen banden sie der Sau ein Hanfseil um die Füße, und zogen sie an der Teppichklopfstange hoch. Die Szene erinnerte ihn unwirklich an den Waschtag, wenn er Mutter half, die Wäsche aufzuhängen. Mittlerweile war seine Erektion abgeklungen, nicht aber die Erinnerung daran, wie die Klinge durch das Fleisch geglitten war. Erwin war im Wohnhaus verschwunden, ein paar Eiswürfel für den Bluteimer holen. Mücken schwirrten in der Luft, und heute Abend würden ihre Stiche tierisch jucken. Eine Katze streunte schnurrend um seine Beine, um sich auf einem gelben Grasflecken einzurollen. Andreas war zum Mann geworden.

*

Aus dieser Prüfung war er verändert herausgegangen. Sein kindlicher Blick war einer neuen Sicht gewichen. Einem fernen Verwandten, der ihn länger nicht mehr gesehen hatte, wäre der verschlagene Glanz aufgefallen, wie man ihn von alten Straßenkötern kennt. Andreas hatte Dinge gesehen, von denen seine Klassenkameraden keine Ahnung hatten. War für einen kurzen Augenblick der Meister über Leben und Tod gewesen. Nur Gott konnte sich ähnlich fühlen. Auch Georg Orms war die Veränderung nicht entgangen. In der Mittagspause zog er ihn zu einem Vater-Sohn-Gespräch zur Seite.

„Nun weißt du also, wo das Fleisch herkommt.“

„Ach Papa, das wusste ich doch schon.“

„Na dir kann man nichts vormachen. Ganz mein Sohn.“

„Was sollte ich denn sonst denken, wenn du eine Schweinskopfsülze machst?“

„Tiere sind notwendig, um zu überleben. Wir essen diejenigen auf, die schwächer sind als wir. Manchmal auch nur langsamer, auf der Jagd. Alles ist ein ewiger Kreislauf, mein Sohn. Fressen oder gefressen werden. Das verstehst du doch, oder?“

„Klaro.“

„Wir Menschen sind nur eine von Gottes Kreaturen. In der Wildnis gibt es Krokodile und Tiger, die nicht eine Minute zögern würden, uns aufzufressen. Es ist also unser gottverdammtes Recht, alle anderen Tiere zu essen, die unter uns stehen.“

„Weil nur die Stärksten überleben.“

„Du hast es erfasst. Hilf mir mal bei den Würsten, ja?“

Andreas war gern mit seinem Vater zusammen. Er schätzte die gemeinsamen Stunden in der Metzgerei. Letztes Jahr hatte es ein ähnliches Gespräch gegeben; darüber, wo die Babys herkommen. Dieses jedoch fühlte sich realer an für Andreas. Das Leben war eben kein Kindergarten. Die großen Fische fraßen die Kleinen. Und ganz sicher wollte er kein kleiner Fisch sein!

*

Sonntags stand die Familie Orms beizeiten auf, und zog ihren feinsten Zwirn aus dem Schrank. Sonja strich ihrem Sohn die widerspenstigen Haare mit Zuckerwasser glatt, der die Prozedur bereitwillig über sich ergehen ließ. Bloß die klobigen Halbschuhe mochte er nicht leiden. Er tröstete sich mit der Vorstellung, dass er nach dem Gottesdienst in bequemere Turnschuhe schlüpfen konnte. Den Nachmittag hatte er zur freien Verfügung. Da spielte er mit den anderen Jungs am Bach. Ihre Schiffe auf Ästen und Lederhäuten waren fast fertig. Das würde ein Wettrennen geben!

Glauben war eine Gewohnheit. So wie Rauchen oder Fußnägel schneiden am Küchentisch. Man tat es ohne zu fragen. Weil alle es taten. Und weil es leichter fiel an Gott zu glauben, wenn er einen nicht wie Hiob behandelte. Solange die Leberwurst dick auf's Brot kam, ging es ihnen doch gut. Sie hatten alles. Nie wären seine Eltern auf die Idee gekommen, mehr vom Leben einzufordern. Der kleine Laden reichte ihnen vollständig. Von seiner eigenen Hände Arbeit leben zu können, war genau die Gnade, die Gott ihnen zugeteilt hatte. Genauso demütig und ergeben nahmen sie dieses Schicksal an, und würden einmal mit einem Dienerknicks von der Bühne des Lebens abtreten. Diese Werte versuchten sie auch Andreas zu vermitteln. Ein Familienausflug mit Gottes Segen erschien da genau richtig. Es würde dem Jungen moralische Werte vermitteln, und schweißte sie als Familie enger zusammen.

Andreas war gern in der Kirche. Er mochte das majestätische Dröhnen der Orgel. Die bunten Fenster mit den Szenen aus dem alten Testament. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Den würzigen Weihrauch, der in Schwaden hinter den Messdienern herzog. Bloß die Hostien konnte er nicht leiden, die schmeckten ihm zu trocken. Viele der Kirchenlieder kannte er auswendig. Vor allem das "Danke für diesen guten Morgen", welches ihr Religionslehrer sie jedes Mal singen ließ, wenn ihm nichts besseres einfiel. Andreas verfügte über eine gute Singstimme, die auch der Musiklehrer beim Elternabend stets lobend erwähnte. Er nahm das Gesangbuch aus der dunklen Holzablage vor ihm, wischte das Lesebändchen zur Seite, und hob seine Stimme an, um den Herrn zu lobpreisen.

*

Nach dem Gottesdienst ging es in die Jugendgruppe unter Pfarrer Klopfstock. Seine Eltern fuhren mit ihrem Audi nach Hause, und ließen ihn zurück. Wobei er es nicht weit hatte, bis zum Elternhaus war er in einer halben Stunde gelaufen. Zuhause blieb keine Stunde für Müßiggang; das Fleisch für den Wochenanfang musste vorbereitet werden. Den Sohn sparten sie noch bei solchen Strapazen aus, bis er größer war. Sollte er nur die Kommunion erhalten und im Blute Christi baden. Überhaupt schien Blut das Bindeglied der westlichen Gesellschaft zu sein. Um die Menschen von etwas zu überzeugen, musste erst Blut fließen.

In der Jugendgruppe knurrten die hungrigen Mägen, die seit dem Frühstück keinen festen Happen mehr gesehen hatten. Im alten Pfarrhaus waren die Mehrzweckstühle zu einer geselligen Runde zusammengeschoben, über der Tafel prankte das Zeichen des Fisches. Ein einfaches Symbol, an dem sich die Jesusjünger in der gesamten Welt orientierten. Pfarrer Klopfstock reichte Kuchen und Multivitaminsaft, um die Mäuler zu beruhigen. Geruhsam gingen sie den Sonntag an, auch der Herr pflegte an diesem Tag die Hacken hochzulegen.

„So. Nachdem wir nun alle getrunken und gespeiset haben, widmen wir uns dem heutigen Thema: Der Nächstenliebe. Jesus hat es uns vorgemacht, wie wir das Wort von der Liebe Gottes in den Alltag tragen können. Wer von euch kann mir sagen, was seine Botschaft war?“

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

„Und wen ich mich selbst nicht mag?“

„So wird der Herr sich deiner annehmen, denn siehe, ich bin die Liebe. Gott liebt dich, auch wenn du das nicht tust.“

„Die Bibel sagt, wir sind alle Gottes Geschöpfe.“

„Sehr richtig, mein Sohn.“

„Die Bibel sagt auch, du sollst nicht töten.“

„Eines der zehn Gebote.“

„Handeln wir in seinem Auftrag, wenn wir Tiere töten?“

„Der Herr sieht es gerne, wenn wir ihm die Kehle eines Opferlamms feilbieten. Und hieß es nicht schon in der Genesis, wir sollen uns die Erde Untertan machen?“

„Also wäre es wider Gottes natürliche Ordnung, wenn wir nicht töten?“

„Der Herr hat uns erlaubt, von seiner Schöpfung zu kosten. Nur einen Frevel hat er uns auferlegt: Du sollst nicht deines Bruders, noch deiner Schwestern Fleisch begehren.“

„Welches Recht gibt er uns, ein Tier zu verzehren, und nicht einen Menschen?“

Andreas forderte den Pfarrer gern heraus. Es war eine Mutprobe. Er wollte wissen, welcher Glaube stärker war.

„Andreas, dies ist nun wirklich nicht Punkt der Diskussion. Wir wollten uns über Nächstenliebe unterhalten.“

„Ich ebenso. Was hat Nächstenliebe mit Töten zu tun?“

„Nichts. Sie schließen sich gegenseitig aus.“

„Warum also töten wir, um uns zu nähren?“

Die feine Ader auf Pfarrer Klopfstocks Stirn begann zu schwellen. Ein Choleriker bot dem Herzinfarkt immer einen guten Kandidaten. Der christliche Nächstenliebe predigte, und harten Kruppstahl spuckte.

„Die Tiere stehen auf einer anderen Ebene als wir. Sie erkennen nicht die Güte des Herrn mit ihrem beschränkten Verstand.“

„Menschen sind auch eines von Gottes Tieren. So wie Rinder und Schweine, wie und Lämmer und Hühner.“

„Sie haben keinen Verstand um zu urteilen was Recht, ist und was Unrecht. Die Viecher sind es nicht wert, dass man ihnen eine Träne nachweint.“

„Genau das wollte ich von ihnen hören.“

Andreas war aus dieser Diskussion als Sieger hervorgegangen.

*

Der Sonntagsschuhe entledigt, den feinen Zwirn in einen Sportbeutel gequetscht, tat es Andreas dem Herrn gleich: Er genehmigte sich einen freien Sonntag.

„Unsere Schiffe brauchen noch Segel.“

„Leder wäre am besten.“

„Schon; aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?“

„Ich hätte da eine Idee.“

Rote Flecken der Aufregung erschienen auf Andreas sonst so blassen Wangen. Seine Augen suchten die Landschaft ab. Er spuckte aus, und zog einen imaginären Cowboyhut tiefer in die Stirn. Klappte das Taschenmesser auf, mit dem er auch die Weiden zurecht geschnitten hatte. Langsam schritt er am Ufer entlang, konzentriert wie ein Jäger.

„Was wird denn das?“

Andreas deutete Leon mit einem Zeigefinger am Mund an, ruhig zu bleiben. Er schlich um das plätschernde Wasser herum, ein Auge fest auf einen imaginären Punkt gerichtet. Dann stürzte er sich kopfüber ins Wasser, ohne auf seine Klamotten zu achten, die Schlammspritzer abbekamen. In den Händen hielt er nun eine Bisamratte.

„Au verdammt, du elendiges Aas!“

„Alles okay bei dir?“

„Der kleine Scheißer hat mich gebissen! Aber das wird er noch bereuen.“

Nadelglühende Schmerzen ignorierend, schlug er die Ratte mit dem Schädel auf einen Felsen. Der Griff ihrer spitzen Zähne lockerte sich, und der Bach färbte sich rot. Andreas malte sich mit dem Blut der Bisamratte Streifen unter die Augen, um sich vor der gleißenden Nachmittagssonne zu schützen. Der kleine Junge war einmal. Nun war er der letzte Überlebende einen archaischen Stammes.

„Schätze mal, die Badesaison ist rum für Meister Ratte. Legen wir ihn trocken.“