Beschreibung

"Dein Todesduft und deine Seele sind so einzigartig wie Du ... bitte lass mich nie alleine." In einem Linzer Nobelvorort wird scheinbar grundlos eine angesehenen Arztfamilie ermordet und die sechsjährige Tochter Hannah entführt. Es gibt keine Lösegeldforderungen und somit auch kein offensichtliches Motiv für die Bluttat.  Doch jemand verfolgt mit dem Duft des Todes einen eigenen Plan...  Kann es sein, dass man sich seine neue Familie durch Mord erschafft? Was verbindet dieses Verbrechen mit dem ehemaligen Insassen einer amerikanischen Irrenanstalt? Kann ein entführtes Kind eine Familie ersetzen?  Und für welchen Duft des Todes ist der letzte gläserne Behälter reserviert, der die Aufschrift "MOM" trägt?  In seinem neuen Fall jagt der Linzer Chefinspektor Tony Braun einen mysteriösen Mörder, der seine Mutter, seine MOM sucht und vielleicht auch findet… Über 1 Mio Leser haben bisher die Thriller mit dem unkonventionellen Chefinspektor gelesen und waren von den spannenden Handlungen und den einzigartigen Charakteren begeistert. Alle Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Tony-Braun-Thriller-Reihe: "Totes Sommermädchen" - wie alles begann - der erste Tony Braun Thriller "Töten ist ganz einfach" - der zweite Fall "Freunde müssen töten" - der dritte Fall "Alle müssen sterben" - der vierte Fall "Der stille Duft des Todes" - der fünfte Fall "Rattenkinder" - der sechste Fall "Rabenschwester" - der siebte Fall "Stiller Beobachter" - der achte Fall "Strandmädchentod" - der neunte Fall "Stilles Grabeskind" - der zehnte Fall

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 562


Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Linz Mai 2014.

ISBN: 978-3-9503399-8-7

Lektorat: Wolma Krefting, www.bueropia.de

Titelgestaltung: www.afp.at

Bildrechte: abstract background: 62360824, idea for life, copyright shutterstock

Collection of burnt holes: 175522223 , shalinrad, copyright shutterstock

Anmerkung

Wir haben uns erlaubt einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

Über die Autoren B.C. Schiller

Barbara und Christian Schiller leben und arbeiten mit ihrem Rhodesian Ridgeback Jabali in Wien und auf Mallorca. Gemeinsam waren sie seit über 20 Jahren in der Marketing- und Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für rasante Thriller.

DER STILLE DUFT DES TODES ist der vierte Fall mit Chefinspektor Tony Braun. Dieser Thriller ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von ersten drei Tony Braun Thrillern gelesen werden.

Die Tony Braun Thriller-Serie:

Über 350.000 Leser waren bisher von den spannenden Thrillern mit Chefinspektor Tony Braun begeistert.

TÖTEN IST GANZ EINFACH – Tony Braun 1

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – Tony Braun 2

ALLE MÜSSEN STERBEN – Tony Braun 3

NEUHEITEN 2015:

JULI 2015: TOTES SOMMERMÄDCHEN – Tony Braun 0, wie alles begann

OKTOBER 2015: RATTENKINDER – Tony Braun 5

Wir freuen uns über jeden neuen Fan auf Facebook und Follower auf Twitter – DANKE!

www.twitter.com

www.facebook.com

www.bcschiller.com

B.C Schiller

Der stille Duft des Todes

Thriller

3. Auflage / Juni2015

So starke Düfte gibt´s, dass sie den Stoff bezwingen,

Mit ihrer feinen Kraft Glas und Kristall durchdringen.

Da liegt ein Glasgefäß, das deiner sich entsinnt,

Draus eine Seele strömt und sprudelnd überrinnt.

(Charles Baudelaire Schiller Remix)

Prolog

Fünfundzwanzig Jahre zuvor – Corpus Christi, Texas, USA

ALS DER DUFT DES TODES durch die Ritzen weht, kriecht der kleine Junge durch das Loch in den Keller. Voller Angst und doch gespannt vor Neugierde starrt er auf die im Todeskampf zuckenden Füße. Der Schemel, auf dem diese Füße gestanden hatten, ist umgekippt und so schweben die Füße etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden aus gestampftem Lehm. Noch immer zucken diese Füße und noch immer ist der intensive Geruch dieser sterbenden Frau zu spüren, die an einem Strick von der Kellerdecke baumelt.

Wie von Sinnen kriecht der Junge im Kreis um diese Füße herum, wagt aber nicht, an den Beinen entlang hinaufzusehen. Der Blick des Jungen fällt auf die vielen Gläser und Flaschen, die in den Regalen des düsteren Kellers verstauben und eine Idee nistet sich in seinem Kopf ein. Schnell läuft er zu einem der Regale, greift mit seinen kleinen Händen nach den großen verschraubten Glasbehältern und setzt sie nacheinander auf dem Boden ab. Jetzt wird er von einer seltsamen Hektik erfüllt und hastig packt er so viele dieser Glasbehälter, wie er tragen kann. Vor den pendelnden Füßen bleibt er stehen und stellt die Glasbehälter darunter, in einem Kreis angeordnet.

Während er auf dem Boden kniet und die Blechdeckel aufschraubt, bemerkt er auch zum ersten Mal das kleine Mädchen, das regungslos neben dem umgekippten Schemel auf dem Boden liegt und aus dessen Mund weißer Schaum geflossen ist. Instinktiv spürt er, dass seine Mutter auch dieses kleine Mädchen getötet hat und er beginnt zu weinen.

„Sarah“, stammelt der Junge und streicht seiner sechsjährigen Schwester über die blonden Haare. „Sarah!“ Doch noch ehe er von einem neuerlichen Weinkrampf geschüttelt wird, verstummt er und beißt sich auf die Nägel. Zögernd schleicht er um die Frau herum, tippt neugierig mit seinen Fingerspitzen gegen ihre Beine und sie beginnt wie ein Pendel sanft hin- und herzubaumeln. Jetzt schaut der Junge zum ersten Mal nach oben, sieht das strähnige rote Haar, das in Wellen über eine Hälfte ihres Gesichts fällt, sieht ihre aus dem Mund quellende blau verfärbte Zunge, sieht in die blutunterlaufenen toten Augen. Zärtlich umarmt der Junge die kalten Beine der Frau, drückt seinen Kopf gegen die nackte Haut und atmet diesen einzigartigen Geruch seiner Mutter zum letzten Mal tief ein.

In diesem Augenblick vergisst er seine Angst und genießt den Moment, in dem der Duft seiner toten Mutter durch seine Nase bis in sein Gehirn kriecht und seine Gedankenwelt vollkommen verändert. Mit angehaltenem Atem bückt er sich und pustet ihren Duft in einen der Glasbehälter, die auf dem Boden stehen. Langsam schraubt er den Deckel zu und öffnet das nächste Glas. Er trägt es zu seiner toten Schwester Sarah und stellt es neben sie. Vorsichtig legt er sich neben seine Schwester auf den gestampften Lehmboden und schnüffelt wie ein Hund an ihrem toten Körper entlang. Schnell und immer schneller saugt er den Duft ihrer toten Haut ein, lässt sie in seinem Kopf zirkulieren. Auch diesen Geruch bläst er in seinen Glasbehälter und schraubt ihn zu.

Erst als auch das letzte Schraubglas mit dem Duft des Todes gefüllt ist, kommt der Junge zur Ruhe. Konzentriert reiht er die Glasbehälter auf dem Kellerboden auf und setzt sich davor. Stundenlang verharrt er so regungslos in dem düsteren Keller, starrt unentwegt auf die Gefäße, in denen er den Geruch seiner toten Mutter und seiner Schwester eingefangen hat und flüstert mit banger Stimme: „Wo bist du, MOM?“

1.

Eine Fliege setzte sich auf die Stirn des Toten und krabbelte rund um das blutverkrustete Einschussloch. Er konnte den Blick nicht von dieser Fliege losreißen, die mehrere Sekunden lang regungslos auf der Leiche verharrte. Still blieb er neben der Leiche stehen und versuchte, die Schwingungen des Raumes aufzunehmen. Doch die Stimmen der anderen, die bereits ungeduldig draußen auf der Treppe warteten, störten seine Konzentration. Ein Tritt seines Springerstiefels stieß die geöffnete Eingangstür zu, die laut knallend ins Schloss fiel. Die Fliege schreckte auf, umschwirrte mit einem tiefen Summton noch einmal hektisch den Toten, flog durch die geöffneten Flügeltüren Richtung Küche, machte dann aber wieder kehrt, so als würde sie auf ihn warten. Natürlich hätte er die Fliege einfach verjagen können, aber das würde die stumme Zwiesprache mit dem Toten stören.

Erzähle mir, was passiert ist. Was hast du gefühlt, als dich die plötzliche Erkenntnis durchzuckte, dass du sterben wirst. Wem galten deine letzten Gedanken? Dem Mörder, dem du die Tür so bereitwillig geöffnet hast? Oder deiner Familie, die du nicht mehr schützen konntest? Es klingelt und das ist ungewöhnlich, so früh am Morgen. Aber du kennst das ja, denn du bist Arzt. Es könnte ein Notfall sein, deshalb wirst du auch nicht misstrauisch. Nicht in diesem Haus, nicht in diesem Stadtteil, der die Sicherheit von großem Geld verströmt. Von Geld, mit dem man sich eine teure Alarmanlage und auch eine eigene Security leisten könnte. Aber die Alarmanlage ist ausgeschaltet und eine Security hast du nicht, brauchst sie nicht in dieser Stadt. So dachtest du bis zu jenem Augenblick.

Du öffnest die Tür und blickst in die Mündung einer Pistole. Nur ganz kurz denkst du, jemand will sich einen Scherz mit dir erlauben, aber der Gesichtsausdruck deines Mörders belehrt dich eines Besseren. Jetzt weichst du zurück, stolperst über den dicken flauschigen Teppich, versuchst noch, mit deinem Mörder zu reden, willst Blickkontakt mit ihm herstellen. Du hast ja gehört, dass Mörder zögern, ihre Tat auszuführen, wenn ihnen das Opfer direkt ins Gesicht sieht. Aber während dir diese Gedanken durch den Kopf gehen und du panisch einen Ausweg suchst, trifft dich bereits die Kugel. Du bist tot, noch ehe du auf dem Boden aufschlägst.

Er nahm sich Zeit den Toten, der auf dem Rücken lag und die Arme seitlich weggestreckt hatte, genauer zu betrachten: Ein Mann in den Fünfzigern mit einem kantigen entschlossenen Gesicht und einem durchtrainierten Körper, der in Markenkleidung steckte. Ein Winner-Typ eben. Im Dämmerlicht des Foyers wirkte es so, als würde der Mann schlafen, aber natürlich schlief er nicht sondern man hatte ihn erschossen.

Das Smartphone klickte unangenehm laut, als er damit einige Fotos von der Leiche machte. Ein einziger Schuss in den Kopf hatte den Mann getötet und die Kugel war am Hinterkopf wieder ausgetreten. Vorsichtig bückte er sich zu dem Kopf des Mannes hinunter, um die Wunde genauer in Augenschein nehmen zu können. Knochensplitter und Gehirnmasse hatten sich mit dem Blut vermischt und den beigen Teppich besudelt.

Währenddessen zog die Fliege einen weiten Kreis durch das Foyer und steuerte an den Flügeltüren vorbei in die Küche. Er folgte ihr wie einem Scout, einem Führer des Grauens und schlüpfte in die Gestalt des Mörders.

Du hast deinen ersten Mord begangen und hörst jetzt aus der Küche laut die überdrehten Stimmen der Moderatoren einer Morgenshow im Radio. Gute-Laune-Songs und der detaillierte Wetterbericht wechseln sich ab. Der Klang der Stimmen und die Musik vermischen sich in deinen Ohren zu einem undefinierbaren Rauschen, zu deinem Soundtrack des Todes. Konzentriert gehst du weiter, denn du hast noch eine Aufgabe zu erledigen. Jetzt darfst du dir keine Schwäche erlauben. Von dem ersten Schuss bis jetzt sind nur wenige Augenblicke vergangen. In der Küche hat man den Schuss vielleicht gehört, ihn aber nicht einordnen können. Während sie noch überlegen, stehst du schon auf der Türschwelle und hebst deine Pistole. Das plötzliche Auftauchen des Bösen in ihrer behüteten Welt paralysiert sie. Du zielst sorgfältig, während der Moderator von einem neuen Gourmet-Restaurant schwärmt. Mit dem ersten Mord hast du eine Grenze überschritten. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Langsam ging er durch die offene Küche und die dünne Plastikfolie, mit der er seine Springerstiefel überzogen hatte, um keine Abdrücke zu hinterlassen, machte ein raschelndes Geräusch. Die Fliege surrte hektisch umher, angelockt durch den Geruch von Blut und Tod. Mit einem lauten Brummen landete sie jetzt auf einem großen Klecks Ketchup, der über eine getoastete Scheibe Brot auf die Tischplatte geronnen war. Doch es war nicht Ketchup, sondern Blut. Blut, das aus der Schläfe einer Frau getropft war, die scheinbar friedlich aber zusammengesunken auf ihrer Bank am Küchentisch kauerte.

Die Frau hatte langes schwarzes Haar, das an einer Seite auf ihrem Gesicht festklebte oder besser dort festklebte, wo früher ihre Gesichtshälfte gewesen war. Auf Zehenspitzen trat er näher, denn er wollte die tödliche Stille nicht durch laute Bewegungen zerstören, sondern hören und spüren, was ihm die Tote zu sagen hatte.

Du blickst deinem Mörder mitten ins Gesicht und verstehst nichts. Vielleicht stehst du auch unter Schock, beginnst zu zittern und lässt die Kaffeetasse fallen. Willst noch um Erbarmen betteln, aber dir versagt die Stimme, als dir die Ausweglosigkeit deiner Situation bewusst wird. Was ging wohl in dir vor … in diesen letzten Augenblicken? Noch vor wenigen Minuten warst du fröhlich und voller Zukunftspläne. Hast vielleicht einen Song im Radio mitgeträllert, warst mit dir und der Welt im Einklang. Dann ist dein Mörder wie ein schwarzer Orkan in deine heile Welt eingedrungen und hat dich eiskalt liquidiert.

Eine unbändige Wut stieg in ihm auf. In Augenblicken wie diesen wusste er, warum er tat, was er tun musste. Er wusste, dass er sich wieder auf die einsame Jagd begeben würde, Tage und Nächte damit verbringen würde, die vielen kleinen Mosaiksteinchen zusammenzutragen, um so das Bild zu vervollständigen, das er bis jetzt in seiner Gesamtheit noch nicht erfassen konnte. Er wusste auch, dass er die nächste Zeit wohl oder übel mit zu wenig Schlaf und zu viel Bier zubringen würde, dass seine privaten Kontakte wie immer auf der Strecke blieben und er bald ein Wrack wäre, wenn er sich nicht zusammenriss. Wenn er für sein Leben nicht bald die richtige Balance fand.

Deshalb dachte er auch an die Worte seiner Psychotherapeutin und tauchte gedanklich in kaltes klares Wasser ein, hielt die Luft an und schwamm durch den Tunnel, an dessen Ende sich das verheißungsvoll leuchtende Sonnenlicht einer neuen Perspektive zeigte, die es ihm ermöglichte, weiterzuleben, ohne sich eine Kugel in den Kopf zu schießen.

Es war immer das Gleiche, Schauplätze wie dieser waren Orte der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, waren Szenarien von Gewalt und Tod. Wieder machte er Fotos, versuchte jede Nebensächlichkeit zu speichern, nichts zu übersehen, denn aus Erfahrung wusste er, dass der erste Eindruck entscheidend war, dass die Spur noch heiß und die Chance auf Erfolg groß war, den Täter zu schnappen.

Er betrachtete die Fotos, die mit bunten Magneten an der Kühlschranktür befestigt waren. Alle in einer Reihe aufgefädelt, das war schon seltsam. Wer machte so etwas? Die Bilder auf dem großen amerikanischen Kühlschrank zeigten eine glückliche Familie, zeigten ein sonniges Leben, zeigten Gesichter die lachten. Aber das Leben war durchscheinend wie Glas, war kostbar und sehr zerbrechlich. Schon ein einziger Stoß genügte und alles lag in Scherben so wie jetzt.

Die merkwürdige Anordnung der Fotos auf dem Kühlschrank, das durfte er auf gar keinen Fall vergessen. Automatisch fotografierte er die Alutür, dann die chinesischen Porzellanschalen für das Müsli, die angebrochene Milchpackung und er hörte die Fliege, die ihn mit ihrem enervierenden Brummen darauf aufmerksam zu machen schien, dass der Horror noch nicht zu Ende war, dass es noch eine Leiche gab. Und auf deren Hinterkopf ließ sie sich jetzt nieder, um in dem Blut zu baden.

Der vierjährige Junge ist sprachlos vor Entsetzen. Er begreift überhaupt nicht, was rings um ihn passiert. Wahrscheinlich denkt er, dass alles nur ein Spiel ist, dass seine Mama ihm nur einen Schrecken einjagen will und der Mann nicht böse ist und die Waffe nur eine Attrappe, ein Spielzeug. Deshalb beugt er sich auch über seine Schale, um nichts zu sehen, damit der Mann verschwindet und Mama wieder das Lied mitsummt und nicht so still dasitzt mit ihrem halben Gesicht. Er spürt die Pistole in seinem Nacken und hält den Atem an. Presst die Augen fest zusammen, träumt sich in die Welt seiner Bilderbücher und Stofftiere. Dann drückt der Mörder ab.

Was erzählte ihm dieser Tatort? Dass eine Familie beim Frühstück gesessen hatte, als es an der Tür läutete und der Tod Einlass begehrte. Dass auf morgendliches Lachen eine tödliche Stille folgte, die bis jetzt anhielt und die diesen Schauplatz noch trauriger und schwärzer machte. Die Stille war so unerträglich, dass er sich fast nicht mehr beherrschen konnte und am liebsten laut geschrien hätte, am liebsten seine Wut hinausgeschrien hätte, über das, was er hier vorfand.

Schnell ging er an dem Esstisch vorbei bis ins Wohnzimmer. Dort blieb er vor den großen Glastüren stehen, die nach draußen in den Garten führten. Er atmete tief durch, immer und immer wieder. Natürlich wusste er, dass er sich professionell verhalten musste, das war sein Job, das war seine verdammte Aufgabe. Also strich er sich die kinnlangen schwarzen Haare aus der Stirn und sah durch die riesigen Glastüren nach draußen in den Garten. Dort blühte die Natur auf, im Haus war das Leben erloschen.

Seine Aufgabe war es, ganz kühl zu bleiben und rational die Fakten aufzunehmen. Das sagte sich so einfach, war es aber nicht. Jahrelang schon machte er diesen Job und immer wieder passierte es, dass ihm die Toten zu nahe rückten, so wie diesmal. Er konnte nichts dagegen machen, musste seine Wut im Alkohol ertränken, um nicht verrückt zu werden. Das war der Rest an Sensibilität, den er sich noch gestatten durfte, der andere Rest war sorgfältig verborgen hinter einer Mauer aus Ruppigkeit und Zynismus. Dieses Verbergen seiner Gefühle machte ihn einsam. In der großen Glasscheibe spiegelte sich sein Gesicht, der kurze schwarze Dreitagesbart mit den grauen Einsprengseln, die tiefen Einkerbungen an den Wangen und die braunen Augen, die schon so oft das Grauen und den Tod gesehen hatten. Das Grauen, das dieser Tatort verströmte, das Grauen, das in der Luft hing und nach Blut, Entsetzen und Tod roch.

„Scheiß drauf!“, sagte er laut zu sich selbst und damit war der Bann der erdrückenden Stille gebrochen. Er ging zurück in die Küche und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf den Esstisch, ließ den Blick über jedes Detail schweifen, fixierte die Müslischalen. Vier Schalen, eine davon zerbrochen, das war die des Jungen. Vier Schalen und drei Tote. Er runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Dann blickte er sich suchend um, entdeckte etwas das seine Aufmerksamkeit erregte. Es war die Tür des Kühlschranks mit den merkwürdig exakt ausgerichteten Fotos. Was er dort sah waren Bilder einer glücklichen Familie: Vater, Mutter, Sohn und Tochter.

Natürlich, das war es! Verdammt, wo war die Tochter? Hatte der Mörder sie im oberen Stockwerk erwischt? Hatte sie vielleicht Glück gehabt und sich verstecken können. Wo konnte sie sich versteckt haben?

Vorsichtig zog er seine Pistole aus dem Halfter, entsicherte sie und schlich die Stufen nach oben, drückte sich eng an die Wand, um keine Zielscheibe abzugeben. Wer weiß, was ihn oben erwartete. Im ersten Stockwerk befand sich eine große Galerie, die als Büro genutzt wurde und von der verschiedene Türen abgingen, die alle offen standen. Hastig durchsuchte er oberflächlich alle Zimmer, doch sie waren leer und es gab kein Anzeichen dafür, dass sich hier jemand versteckt hatte.

Gerade als er sich langsam entspannte und seine Pistole wieder in das Holster stecken wollte, hörte er den Schrei. Es war ein langgezogener Schrei, der von draußen kam und so unglaublich laut war, das er ihn auch durch die geschlossenen Terrassentüren deutlich hören konnte. Es war ein auf- und abschwellender schriller Schrei, der ihm durch Mark und Bein ging.

2.

Der Schrei war so laut, dass die Schwester ohne anzuklopfen die Tür aufriss und in das Zimmer stürzte.

„Ist etwas passiert?“, rief sie und konnte die Panik in ihrer Stimme nur mühsam unterdrücken. Jetzt war nichts mehr von ihrer noblen Zurückhaltung zu bemerken, die sie sonst Patienten gegenüber an den Tag legte.

Abrupt hörte das Schreien auf und Stille legte sich über den Raum. Durch das bis auf den Boden reichende Panoramafenster, das direkt auf die Donau hinauswies, hatte man den Eindruck, als würde der breite Fluss direkt durch das Zimmer rauschen.

„Ich übe!“, schnaubte die Patientin gekränkt und drehte sich langsam um. „Ich bin Sängerin und übe die Tonleitern, damit meine Stimme bis in die höchsten Töne geschmeidig bleibt und nicht in den hohen Lagen unsicher wirkt und zittert.“

Mit einem abschätzigen Blick taxierte sie die Schwester. Jung, hübsch und dumm, dachte sie. Aber dass sie dumm war zählte natürlich nicht, denn sie war jung, verdammt jung!

„Ich würde jetzt gerne mit dem Chefarzt die Behandlung besprechen“, sagte sie mit einem Lächeln und ihre ebenmäßigen weißen Zähne blitzten dabei auf.

„Dr. Martius ist leider noch nicht eingetroffen. Er wird aber jeden Augenblick erwartet.“ Yolante, so hieß die Schwester, machte ein betrübtes Gesicht und zuckte bedauernd mit den Schultern. „Aber vielleicht darf ich Ihnen in der Zwischenzeit eine Führung durch unsere Klinik anbieten, Frau Fürstenberg?“

„Ja, warum nicht“, seufzte Olga Fürstenberg und war froh darüber ein wenig abgelenkt zu werden, um nicht immer an ihr Leben und ihre Zukunft denken zu müssen, die im krassen Gegensatz zu ihrem strahlenden Lächeln stand. Sie befand sich knapp vor ihrem fünfundvierzigsten Geburtstag und das war ein echtes Problem für sie. Nicht nur, dass die Rollen als jugendliche Geliebte schon seit Längerem ausblieben, sondern auch die Tatsache, dass ihr Mann sie nach zwanzig Jahren Ehe für eine Jüngere verlassen hatte, ließ sie in ihren sehr einsamen Nächten verzweifeln.

Deshalb hatte sie sich auch kurz entschlossen in die Schönheitsklinik Pura Vida begeben, um diese neuartige Verjüngungstherapie auszuprobieren. Doktor Rainer Martius, der Chefarzt war eine Kapazität auf dem Gebiet der Schönheitsbehandlungen und mit seiner Hilfe wollte sie ihr schwindendes Selbstbewusstsein wieder aufbauen.

Die Schönheitsklinik Pura Vida war auf vermögende Frauen spezialisiert, die ihre beste Zeit bereits hinter sich hatten. Mit einem von der Klinik entwickelten neuartigen Verfahren ließen sich Falten schnell glätten und Wangen einfach wieder aufpolstern. Die Haut wurde elastisch und geschmeidig, der Teint rosig wie der eines jungen Mädchens. So zumindest stand es auf der Homepage der Klinik. Natürlich glaubte Olga nicht an die ewige Jugend, aber auf der Homepage hatte die Geschäftsführerin Paola de Winter unverschämt jung ausgesehen, obwohl sie nach eigenen Angaben auch schon über fünfzig Jahre alt war.

„Frau Fürstenberg, Doktor Martius ist noch immer nicht eingetroffen. Sollen wir mit der Besichtigung fortfahren?“

Entfernt hörte Olga die Stimme der Schwester. Wie hieß sie doch gleich? Ach ja, richtig. Yolante. Und sie war jung und arrogant, denn sie besaß alles, wonach Frauen wie Olga gierten. Sie hatte eine tolle Figur, straffe Haut und ein faltenfreies Gesicht. Aber auch sie würde älter werden, dachte Olga und lächelte gequält.

„Ja, sehen wir uns die Klinik weiter an, wenn Sie meinen.“

Die Schönheitsklinik war tatsächlich ein atemberaubender Bau, das war nicht zu leugnen, als beide in den großen Speisesaal schritten, der weit über den Fluss hineinragte und dessen vorderer Teil einen Glasboden hatte, durch den man unter sich das grünlich schimmernde Wasser der Donau sehen konnte. Die ursprüngliche Anlegestelle einer Donaufähre war um einen gewölbten weißen Bau erweitert worden, der die Form eines Eis hatte, aber trotz seiner Größe beschützend wirkte. Ein Schüler von Zaha Hadid hatte die Idee gehabt und russische Investoren das Geld. Aber Patientinnen wie Olga Fürstenberg interessierten sich weniger für die Architektur sondern mehr für die Therapie. Doch darüber konnte oder wollte Yolante keine Auskunft geben.

„Das wird Ihnen Dr. Martius alles selbst erklären“, blockte sie die betreffende Frage entschieden ab. „Der Herr Doktor müsste eigentlich jeden Augenblick eintreffen. Das ist so gar nicht seine Art. Er ist sonst immer so überpünktlich. In der Zwischenzeit zeige ich Ihnen noch die anderen Räumlichkeiten.“

Langsam schritten sie durch breite weiße Gänge und aus versteckten Lautsprechern hüllten sie angenehme elektronische Musikklänge ein. Plötzlich blieb Yolante stehen und starrte ängstlich auf eine weiße Tür am Ende des breiten Flurs, die sich in diesem Moment lautlos öffnete. Ein kantiger untersetzter Mann mit Bürstenhaarschnitt trat heraus, sah die beiden Frauen und blieb breitbeinig mit verschränkten Armen mitten in dem Flur stehen. Als sie an ihm vorbeigehen wollten, rührte er sich nicht von der Stelle, sondern streckte nur arrogant den Kopf zur Seite und man konnte den Rand eines Tattoos erkennen, der über dem Kragen seines weißen Hemdes herauslugte.

„Das ist Boris Dugalov, unser Sicherheitsbeauftragter“, sagte Yolante mit gepresster Stimme und nickte dem Mann zu, der noch immer kein Wort gesprochen hatte und auch keine Anstalten machte, sie vorbeizulassen. Stattdessen streckte er seinen Zeigefinger aus, so als würde er auf sie zielen. Die beiden Frauen erstarrten und der Mann grinste böse. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand schnell wieder hinter der weißen Tür.

„Dugalov ist sehr speziell“, entschuldigte sich Yolante und zog die Patientin Olga schnell weiter. „Hier ist unser Rundgang auch schon zu Ende“, erklärte sie, als beide wieder das runde Foyer mit dem wellenförmig geschwungenen Empfangstresen erreicht hatten. „Wenn Sie möchten, können Sie in der Zwischenzeit natürlich gerne in den Park hinausgehen und die Morgensonne genießen, bis Dr. Martius kommt.“

Durch die hohen Fenster des ehemaligen Fährhauses konnte man in den beeindruckenden Park hinaussehen. Prächtige Pfauen stolzierten über den Rasen und stießen von Zeit zu Zeit durchdringende Laute aus, die Olga einen kalten Schauer über den Rücken jagten, da sie an die Schreie eines Kindes erinnerten.

Das Telefon der Rezeption summte diskret und Yolante nahm mit einem entschuldigenden Lächeln das Gespräch entgegen.

„Schönheitsklinik Pura Vida – Ihr bestes Institut für natürliche Schönheit“, meldete sie sich mit einer melodisch einschmeichelnden Stimme. Doch schon nach wenigen Sekunden erstarb ihr Lächeln und ihre Stimme zitterte als sie den Hörer auflegte:

„Dr. Martius ist tot! Er wurde ermordet!“

3.

„Scheiße!“ Chefinspektor Tony Braun, der Leiter der Mordkommission Linz hörte die schrillen Schreie, die von draußen durch die geschlossenen Fenster drangen. Er war noch immer in der Villa der Familie Martius in dem Linzer Nobelvorort, dem Tatort eines dreifachen Mordes. Im oberen Geschoss hatte Braun alle Räume durchsucht, denn es musste noch ein kleines Mädchen geben. Doch dieses Mädchen war wie vom Erdboden verschwunden.

Mit einem Sprung über das Treppengeländer war Braun wieder unten im Wohnzimmer, riss die Verandatür auf und stürzte nach draußen. Die Terrasse lag bereits in der Morgensonne, der dichte Wald hinter der Hecke am Ende des Gartens war noch dunkel, abweisend und nebelverhangen. Von dort waren auch die Schreie gekommen. Bruno Berger, sein Kollege kam gerade mit gezogener Waffe um das Haus gelaufen.

„Was war das?“, rief er Braun schon von Weitem zu. „Hörte sich an wie Schreie einer Frau!“

„Dachte ich mir auch! Die Schreie kamen von dort aus dem Wald.“ Braun wies mit der Hand in die Richtung, wo sich die Bäume eng an die Hecke schmiegten. Mit weit ausholenden Schritten lief er über das Grün. Der Rasen war nass vom morgendlichen Tau und immer wieder rutschte er mit seinen Springerstiefeln auf dem feuchten Gras aus.

Hinter der Hecke begann sofort der Wald. Unheimlich und düster ragten die hohen Bäume aus dem Morgennebel, die Sonne hatte noch nicht genügend Kraft, den Nebel zu durchdringen und der Dunst machte alles unwirklich, wie in einer Traumsequenz. Doch es war kein Traum sondern die Wirklichkeit und diese Wirklichkeit wurde wieder von einem lauten Schrei erschüttert. Hinter sich hörte Braun seinen Kollegen Bruno über das nasse Gras rutschen. Jetzt kamen auch die beiden Streifenpolizisten, die als Erste am Tatort gewesen waren, über den Rasen gelaufen.

„Alle sofort in den Wald. Von dort kommen diese Schreie“, brüllte Braun und wies ihnen die Richtung.

Wieder erklang ein durchdringender Schrei, laut, kreischend beinahe unmenschlich. Sie erreichten die Hecke, die an die zwei Meter hoch war und ein fast unüberwindliches Hindernis darstellte.

Verdammt, wie schaffte es jemand, über diese Hecke in den Wald zu kommen? Hektisch lief Braun an den Büschen entlang, fand schließlich eine kleine verrostete Gartentür, die weit offen stand und windschief in den Angeln hing. Ringsum war das Gras niedergetreten.

„Hier durch. Schnell!“, trieb Braun seine Kollegen an und war auch schon draußen auf der feuchten Wiese. Wie ein Spürhund folgte er dem niedergetretenen Gras, bemühte sich selbst nicht darauf zu treten, sondern sich immer seitlich davon zu halten. Dann hatte er endlich den Waldrand erreicht und die Spur löste sich in einer Menge von Schuhabdrücken, Fahrradspuren und Pfotenabdrücken auf.

„Was machen wir jetzt?“ Bruno war völlig außer Atem und hatte seine schwarze Strickmütze abgenommen, seine grauen dünnen Haare waren schweißverklebt. Mit einer Hand hielt er sich an einem Baum fest, fast hatte es den Eindruck als würde er gleich umkippen.

„Wir nehmen diesen Weg hier“, entschied Braun und lief weiter. Links und rechts vom Weg war dichtes Unterholz, das dunkel und feucht schimmerte.

„Los weiter!“ Ungeduldig packte Braun seinen Kollegen am Arm. „Von dort kamen die Schreie!“ Er deutete auf den Waldweg, der sich zwischen den hohen Bäumen entlangschlängelte und noch immer im dichten Nebel lag. Hatte der mutmaßliche Mörder das Mädchen entführt? Im Augenblick deutete alles darauf hin. Doch was hatten diese Schreie damit zu tun? Es waren nicht die Schreie eines Kindes gewesen, sondern die einer erwachsenen Frau!

Tut mir leid, tut mir leid! Aber ich kann dich jetzt nicht mit dem gebührenden Respekt behandeln. Ich muss dir den Mund zukleben, damit du nicht laut losschreist. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns und es wäre schlimm, wenn wir gestört werden. Ja, das wäre schlimm, ganz schlimm. Deshalb musst du auch aufhören zu strampeln. Bleib doch einfach ruhig, dann kann dir nichts geschehen. Du wirst sehen, es passiert dir nichts. Noch nicht.

Braun und Bruno liefen weiter durch das Unterholz, horchten auf jedes Geräusch, aber es waren keine weiteren Schreie mehr zu hören, nur das dumpfe Knacken der Äste und manchmal flatterte ein durch ihr Keuchen aufgeschreckter Vogel durch den Waldnebel.

Dann sahen sie plötzlich eine Gestalt vor sich, die an einen Baum lehnte. Es war eine kleine, untersetzte Frau. Sie trug einen blauen Arbeitsmantel und aus ihrem geflochtenen Zopf hatten sich einige blauschwarze Strähnen gelöst, die ihr jetzt in das indianisch wirkende Gesicht hingen. Mit ihrem Hinterkopf schlug sie ständig gegen den Baumstamm und riss dabei den Mund auf, ohne einen Laut auszustoßen. Als sie die heranstürmenden Polizisten bemerkte, verzerrte sich ihr Gesicht vor Entsetzen.

„Polizei, Sie sind in Sicherheit!“, schrie Braun schon von Weitem. „Es kann ihnen nichts mehr passieren.“

Doch die kleine Frau schien ihn nicht zu hören, sondern sank langsam in die Knie und begann hysterisch zu zucken. Als Braun sie erreichte, fasste er sie an den Schultern und schüttelte sie kräftig.

„Sehen Sie mich an. Ich bin von der Polizei. Sie sind in Sicherheit. Was ist passiert?“

„Es war Blut, überall Blut, Blut, Blut“, stammelte die Frau in gebrochenem Deutsch, in das sich immer wieder spanische Wörter mischten.

„Beruhigen Sie sich bitte. Was ist denn passiert?“ Braun ging in die Hocke, fasste vorsichtig mit beiden Händen den Kopf der Frau und drehte ihr Gesicht zu ihm hoch, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.

„Wie heißen Sie?“, fragte er und fixierte die Frau mit seinen braunen Augen.

„Dolores.“

„Es ist alles in Ordnung, Dolores. Sehen Sie mich an.“ Wieder versuchte Braun Blickkontakt mit Dolores herzustellen, aber ihr Blick schwirrte nach wie vor ängstlich umher, sog sich an einem Baum fest. „Ich bin Chefinspektor Tony Braun von der Kriminalpolizei und das ist mein Kollege Bruno Berger.“ Dolores nickte und biss sich ängstlich auf ihre Lippen.

„Familie alle tot. Der Doktor tot. Auch Ana, seine Frau und der kleine Felix. Mein Gott, das ist so entsetzlich“, schluchzte sie plötzlich und verfiel wieder in einen spanischen Dialekt, den Braun nur ein wenig verstand.

„Dolores, es gibt noch ein kleines Mädchen. Wie heißt das Mädchen?“

„Hannah!“

„Heißt so das Mädchen? Hannah?“, fragte Braun und die Frau nickte.

„Wo ist Hannah? Was ist mit ihr passiert? Ist sie geflüchtet?“

Tränen liefen Dolores über ihre ausgeprägten Wangenknochen, als sie abgehackt zu reden begann.

„Nein, nein! Er, er hat Hannah einfach hochgehoben und ist weggelaufen“, keuchte sie und ihre Augen rollten plötzlich nach oben, so als würde sie gleich ohnmächtig werden. „Er hat sie einfach hochgehoben und wie ein Bündel unter den Arm genommen. Dann ist er mit ihr im Wald verschwunden.“

„Wann war das?“, fragte Braun und Dolores holte tief Luft, versuchte sich zu erinnern.

„Ungefähr vor einer halben Stunde. Habe dann Polizei angerufen und bin ihm hinterhergelaufen, aber Mann war schon weg.“

„Es war also ein Mann, stimmt das?“

Dolores nickte hektisch.

„Was ist weiter passiert? Dolores, es geht jetzt um das Leben von der kleinen Hannah. Da zählt jede Sekunde, wenn wir ihr helfen wollen.“

Doch anstatt zu antworten, begann Dolores einfach hemmungslos zu schluchzen.

„Dolores, so reden Sie doch bitte mit mir.“ Braun wischte ihr die Tränen von den Wangen und sah ihr dabei unverwandt in die Augen. „Sie sind eine tapfere Frau Dolores und wollten sicher Hannah retten. Was haben Sie dann gemacht?“

„Ich ihm nachgelaufen, aber Mann war doch viel schneller, obwohl er Hannah unter dem Arm trug, trotzdem war Mann schneller, viel, viel schneller“, flüsterte Dolores und ihre Stimme erstarb.

„Konnten Sie den Mann erkennen, der Hannah mitgenommen hat?“

„Nein, nein! Nicht genau sehen, Mann hatte T-Shirt so mit Kapuze.“

„Versuchen Sie sich zu erinnern, Dolores. Jede Kleinigkeit ist wichtig.“ Aber Dolores war am Ende ihrer Kräfte, schüttelte bloß verwirrt den Kopf und begann erneut zu schreien.

„Hannah! Hannah!“, kreischte sie hysterisch und wies mit ihrer kleinen Hand den Waldweg entlang. „Da ist Mann gelaufen. Er hat sie mitgenommen. Mann böse, wird sie umbringen, mein Gott, er wird sie auch umbringen!“, schrie sie in höchsten Tönen und rutschte dann wimmernd an dem Baumstamm entlang zu Boden.

„Beruhigen Sie sich. Sie waren ganz tapfer, Dolores“, redete ihr Braun gut zu. „Man wird sich jetzt um Sie kümmern.“

„Wir brauchen einen Arzt!“, schrie Braun einem der Streifenpolizisten zu. „Und sofort einen Hubschrauber. Der ganze Scheißwald muss durchsucht werden und zwar augenblicklich.“

Braun hörte, wie einer der Polizisten hektisch telefonierte und den Standort durchgab. Aber Braun konnte nicht einfach untätig herumstehen und auf Verstärkung warten. Er musste handeln und musste in Bewegung bleiben. Obwohl es sinnlos war, lief er den schmalen Waldweg in die Richtung, in die Dolores gezeigt hatte. Ein leichter Wind war aufgekommen und die Bäume raschelten bedrohlich. Erste Sonnenstrahlen brachen sich Bahn durch den Nebel, aber noch immer herrschte eine ziemlich eingeschränkte Sicht. Ungefähr 100 Meter vor ihnen mündete der Weg in eine kleine Lichtung. Hier hatte sich der Nebel bereits verzogen und die feuchten Büsche glitzerten im Sonnenlicht. Doch weit und breit war keine Spur von dem Entführer. So hatten sie nicht die geringste Chance, ihn zu fassen.

„Wo bleibt der Hubschrauber?“, schrie Braun, denn er klammerte sich an diese Chance, obwohl er ahnte, dass bereits viel zu viel Zeit seit der Entführung des kleinen Mädchens vergangen war. Wenn nur die Haushälterin früher um Hilfe gerufen hätte.

„Verdammt, wo ist der Hubschrauber?“

„Der Oberstaatsanwalt prüft den Fall und erteilt dann die Genehmigung“, rief ihm jemand zu.

„Verdammte Bürokraten!“, fauchte Braun und wählte eine Nummer auf seinem Handy.

„Braun hier“, sagte er kurz angebunden, als sich Oberstaatsanwalt Cornelius Ritter meldete. „Es geht um den dreifachen Mord und jetzt auch um eine Entführung.“ Er hörte kurz zu, was Ritter zu sagen hatte, doch dann fiel er ihm einfach ins Wort. „Ein kleines Mädchen wurde entführt, kapieren Sie das? Wenn es stirbt, mache ich Sie persönlich dafür verantwortlich!“ Er atmete wütend aus. „Ich brauche Jesus Makombo und einen Hubschrauber.“

Während Ritter wieder etwas zu ihm sagte, trat er genervt von einem Fuß auf den anderen. „Ich weiß, was das kostet“, schnaubte er. „Aber wollen Sie, dass ein kleines Mädchen stirbt?“ Der Oberstaatsanwalt wollte noch etwas erwidern, doch Braun schnitt ihm das Wort ab. „Ja oder nein?“

„O.k.! Dann organisiere ich alles.“ Grußlos trennte er die Verbindung und schickte eine SMS mit seinen Koordinaten an Jesus Makombo.

Wer hätte gedacht, dass du sechs Jahre alt bist. Hast du mir auch die Wahrheit gesagt, als ich dich nach deinem Alter gefragt habe? Du brauchst nicht zu weinen, denn es ist alles genauso geschehen, wie es in dem Buch steht. Bist du wirklich sechs Jahre alt? Ist das ein Wink des Schicksals? Wendet sich jetzt alles zum Guten? Werden wir eine richtige Familie? Du musst ganz ruhig sein. Wenn Du gehorchst, wird dir nichts passieren, vorerst. Aber du darfst keinen Laut von dir geben, sonst wird alles noch böse enden.

Mittlerweile waren der Forstweg und die Lichtung von uniformierten Beamten mit breiten Plastikbändern abgesperrt worden und zwei Dutzend Polizisten waren bereits eingetroffen, um den Wald zu durchsuchen. Braun lief zu der beinahe kreisrunden Lichtung, die von dicht beieinander stehenden Bäumen gesäumt war – wie eine schwarze undurchdringliche Mauer. Lautes Geknatter ertönte, wenige Augenblicke später tauchte auch der schwarze Hubschrauber des mobilen Einsatzkommandos auf und Braun ging an Bord. Nachdem er das Headset aufgesetzt hatte, hörte er die laute Stimme von Jesus Makombo, der hinter dem Piloten saß und seine Kommandos nach vorne bellte.

„Braun, wir haben eine Wärmebildkamera an Bord, damit erkennen wir alles, was sich zwischen den Bäumen bewegt. Keine Sorge, den Kerl kriegen wir“, rief er optimistisch, streckte den Daumen seiner Hand in die Höhe und grinste mit seinen strahlend weißen Zähnen. Jesus Makombo war der einzige Schwarze bei der Linzer Polizei und Braun hatte bereits verschiedene Spezialeinsätze mit ihm durchgeführt. Er arbeitete gerne mit Makombo zusammen, denn der war wie ein Bluthund. Wenn er eine Fährte aufgenommen hatte verließ er sie nicht mehr, genauso wie Braun.

„Braun, da vorne“, riss ihn die Stimme von Jesus Makombo aus seinen Gedanken. Makombo hielt ihm aufgeregt die Wärmebildkamera hin. Auf dem Display war ganz deutlich eine Gestalt zu erkennen, die abseits der Forstwege durch das Unterholz hetzte.

Hatten Sie tatsächlich so ein unverschämtes Glück und erwischten den Entführer doch noch? Kaum zu glauben, aber die schemenhafte Gestalt auf der Wärmebildkamera ließ keinen Zweifel offen.

„Trägt der Kerl etwas unter dem Arm?“, fragte Braun und deutete auf ein unscharfes Knäuel, das ebenfalls in Rot und Gelb leuchtete.

„Kann schon sein, Braun. Wir fliegen ein wenig tiefer, dann wird das Bild schärfer.“

Auf einem Display tauchten jetzt Koordinaten auf, die den Standort der durch das Unterholz laufenden Gestalt anzeigten und ihn direkt an die Polizisten weiterleiteten, die im Wald die Verfolgung aufgenommen hatten und bereits großflächig ausschwärmten. Der Körper auf der Wärmebildkamera lief zickzack und das Bündel, das er unter dem Arm trug, schlenkerte heftig hin und her.

Es musste der Entführer sein. Kein normaler Wanderer lief im Zickzack durch den Wald, wenn er nichts zu verbergen hatte oder auf der Flucht war.

„Jesus, kannst du hier irgendwo landen?“

Makombo schüttelte den Kopf und deutete nach unten, wo die dichten Baumkronen jedes Landemanöver unmöglich machten.

„Braun, absolut keine Chance! Wir können ihn verfolgen und dann vielleicht auf dem Feld hinter der Landstraße landen, aber wenn er sich noch länger im Wald versteckt hält, wird es sehr schwierig ihn aufzuspüren. Besonders wenn es dunkel wird.“

„Klingt ja nicht gerade optimistisch, Jess.“ Wütend schlug Braun mit der Handfläche auf die Lehne des vorderen Sitzes und dachte kurz nach. „Ich brauche sofort einen Fallschirm!“

„Aus dieser Höhe? Spinnst du? Alles was wir an Bord haben ist ein Seil mit Winde!“

„Auch gut. Hör mir zu, Jess! Ich gehe mit dem Seil runter und schnappe mir den Kerl!“

„Bist du verrückt. Das hast du doch noch nie gemacht.“

„Scheiß drauf! Hier geht es um ein kleines Mädchen, das der Entführer wahrscheinlich unter dem Arm trägt, und um eine tote Familie. Ich muss da runter“, ließ sich Braun nicht von seiner Idee abbringen.

„Also gut. Wir setzen dich zweihundert Meter weiter nördlich ab. Dann läuft dir der Täter direkt in die Arme.“

Makombo befestigte einen breiten Brustgurt um Brauns Oberkörper, der vorne einen großen Metallring hatte, in den das Seil eingehakt wurde. Als Braun, dessen Beine bereits im Freien baumelten in der offenen Cockpit-Tür saß, dachte er, dass es vielleicht keine so gute Idee gewesen war. Unter sich sah er den Wald, klein wie Spielzeug, undurchdringlich und dunkel, von dünnen Nebelschleiern durchzogen, während hier oben bereits die Sonne schien. Der Ladebaum wurde ausgeklappt und Makombo gab Braun ein Zeichen und zählte den Countdown.

„Los, Braun du musst dich nach draußen werfen. Durch den Ladebaum, über den das Seil läuft, hast du genügend Abstand zu den Rotoren des Helikopters.“

„Das ist aber nicht dein Ernst, Jess! Ich soll einfach ins Leere springen?“ Brauns Adrenalinpegel stieg rapide an und er hatte plötzlich einen völlig trockenen Mund.

„Du wolltest es nicht anders. Denk an das Kind und außerdem hängst du am Seil, Braun.“

Bei Zero stieß sich Braun von der Kante ab und hing plötzlich draußen in der freien Luft. Mit rasender Geschwindigkeit stürzte er an dem Seil auf die Bäume zu. Das Blut rauschte in seinen Ohren und sein Herz pochte wie verrückt. Wie durch eine Wand hörte er die verzerrte Stimme von Makombo in seinen Kopfhörern, hörte etwas von einem Loch im Wald, wo sie ihn herunterlassen würden, deshalb die Geschwindigkeit, mit der man das Seil abspulte.

Dann hing er plötzlich zwischen den Bäumen und die Spitzen der Äste peitschten ihm schmerzhaft ins Gesicht. Jetzt bereute er es, den Helm abgelehnt zu haben, den ihm Makombo angeboten hatte. Unsanft landete Braun in einem Dickicht, rappelte sich sofort wieder auf, zog sein Smartphone aus der Tasche und überprüfte die Koordinaten. Wenn der Flüchtende seine Richtung beibehielt, musste er Braun direkt in die Arme laufen. Über sich hörte er das Knattern des Hubschraubers, das immer schwächer wurde und sich langsam entfernte.

Das Schicksal hat uns zusammengeführt, denn ich konnte nicht wissen, dass du sechs Jahre alt bist. Doch jetzt weiß ich, dass meine Entscheidung richtig war. Du bist die Bestätigung dafür. Ich habe es genauso gemacht wie früher und alles ausgelöscht, was zwischen uns steht. Wenn du ruhig und gehorsam bist, wird alles schnell vorüber sein, dann sind wir wieder alle vereint. Das dauert nicht mehr lange. Doch wenn du ungehorsam bist, muss ich dir eine Lektion erteilen.

„Noch zwei Minuten! Achtung Braun, die Person hält direkt auf dich zu“, hörte er jetzt im Kopfhörer die verzerrte Stimme von Makombo. Der Entführer wird schießen, dachte er bei sich, denn er hatte nichts zu verlieren. Nicht nach dem blutigen Massaker, dass er in der Villa angerichtet hatte. Doch zu allererst musste er an die entführte Hannah denken, deren Leben es unter allen Umständen zu schützen galt. Deshalb war eine direkte Konfrontation beinahe unmöglich, denn das hätte eine tödliche Gefahr für Hannah bedeutet.

„Den Überraschungseffekt nutzen“, murmelte Braun und versuchte durch das leiser werdende Geknatter des Hubschraubers noch andere Geräusche wahr zu nehmen. Den Gegner überrumpeln. Es war klüger, wenn er den Flüchtigen erst vorbeiließ und dann versuchte ihn von hinten auszuschalten. Dann hätte der Entführer keine Zeit mehr, das Kind als Schutzschild zu benutzen.

Doch womit sollte er den Entführer unschädlich machen? Ihn mit der Glock niederschießen? Viel zu riskant, er könnte Hannah treffen oder noch schlimmer, der Entführer könnte Hannah töten, wenn er das Gefühl bekäme, verloren zu haben. Also musste Braun sich etwas anderes einfallen lassen.

Wir werden uns an einen sicheren Ort zurückziehen und über alles nachdenken. Stufe eins ist erreicht, doch es gibt noch viel zu tun. In dem Buch, das sie mir gezeigt hat, ist alles so klar beschrieben. Man braucht sich nur an die Anweisungen zu halten, dann nähert man sich unaufhaltsam seinem Ziel. Wenn du nicht aufhörst, dich zu widersetzen, dann muss ich dich bestrafen. Diese Bestrafung hast du dir selbst zuzuschreiben. Du bist schuld, wenn die Familie auseinanderbricht.

„Exakt 45 Sekunden, Braun! Dann ist er bei dir.“ Makombos Stimme aus dem Kopfhörer klang angespannt und wirkte auf Braun kalt wie Eis. Die Zeit raste unerbittlich dahin. Suchend blickte er sich nach einer anderen Waffe um, fand schließlich einen handlichen Ast auf dem Boden. Das musste reichen.

„30 Sekunden. Er bleibt auf deiner Linie.“ Jetzt wurde auch Makombo nervös, das war an seiner gepressten Stimme deutlich zu hören.

„Ich takte dich ein, Braun!“ Makombo zählte einen Countdown wie ein Sportreporter und Braun spürte, wie das Adrenalin durch seine Adern schoss. Noch immer war nichts von dem Entführer zu sehen, doch dann hörte Braun das Rascheln der Blätter und Tannennadeln, das Knacken von abbrechenden Ästen und schließlich ein hektisches Keuchen.

Plötzlich war der Entführer in Sichtweite. Er trug derbe Schuhe und einen Anorak mit Kapuze, die Haushälterin hatte mit ihrer Beschreibung also recht gehabt. Unter dem Arm trug der Mann ein in eine schmierige Decke gewickeltes Bündel, das fachgerecht verschnürt war und ziemlich schwer zu sein schien, denn der Mann ächzte und stöhnte, während er den schmalen Waldweg entlanglief.

Jetzt hatte der Mann Braun passiert, ohne ihn zu entdecken, denn der hatte sich im hohen Gestrüpp hinter einem Baum versteckt. Ganz leise nahm er die Kopfhörer ab und legte sie auf den feuchten Boden. Mit beiden Händen umfasste er den Ast, schätzte die Entfernung ab, sprang mit einem Satz aus dem Gebüsch, schrie dabei laut und durchdringend und holte mit dem Ast aus.

Braun hatte die Situation richtig eingeschätzt: Vor Schreck ließ der Mann das Bündel zu Boden fallen und griff automatisch nach dem Gewehr, das er an einem Riemen über der Schulter trug. Doch noch ehe er die Waffe auf Braun richten konnte, traf ihn auch schon der Schlag mit dem Ast auf den Kopf und der Mann sackte mit einem leisen Stöhnen bewusstlos zusammen.

Braun griff nach seinem Kopfhörer und schaltete das Mikro ein:

„Hallo Jess“, rief er und Makombo meldete sich augenblicklich. „Ich habe den Entführer erwischt und unschädlich gemacht.“

„Was ist mit dem kleinen Mädchen?“, fragte Makombo aufgeregt.

„Ich sehe sofort nach, Jess!“ Braun bückte sich nach dem verschnürten Bündel und zum ersten Mal an diesem schwarzen Morgen konnte er etwas lächeln.

4.

Für Franka Morgen war das Leben ein ständiger Kampf gewesen. Ein Kampf, der schon in ihrer frühesten Kindheit begonnen hatte, als sie um die Anerkennung ihrer Adoptiveltern kämpfen musste. Später war es dann ein Kampf um die Gunst hochnäsiger Klassenkameraden, die sie wie eine Aussätzige behandelten. Dann begann der Kampf um die besten Zensuren und – nicht zu vergessen – der endlose Kampf gegen zu viele Kilos. Jetzt mit dreiundzwanzig Jahren hielt sie mit viel Sport ihr Gewicht mehr oder weniger konstant und hatte ihre Ausbildung abgeschlossen. Langsam fiel die Anspannung der letzten Wochen von ihr ab. Der Kampf war vorüber.

Doch so recht konnte sie auch an ihrem ersten Arbeitstag nicht daran glauben, deshalb hatte sie auch drei Wecker gestellt, die alle innerhalb von kurzen Abständen klingelten und surrten. Aber selbst dieser infernalische Lärm hatte sie nur sehr langsam aus ihren Schachtelträumen geholt, in denen sie von einem Albtraum in den nächsten taumelte und jedes Mal dachte, sie wäre aufgewacht. Umso schlimmer war dann die Erkenntnis, dass sie einfach in die nächste Ebene gesackt war und der Traum kein Ende nehmen wollte. Der Traum kreiste wie immer um ihre frühe Kindheit, die aus einem grauen Gemenge aus holprigen Straßen und zugigen Wohnwagen bestand und an die sie sich nicht genau erinnern wollte und konnte. Wie gerne hätte sie in den Armen ihres Freundes Ben gelegen und sich sicher und beschützt gefühlt. Doch Ben hatte noch nie bei ihr übernachtet. Trotzdem wäre das Leben ohne ihn noch viel einsamer gewesen.

Der heutige Kampf ist vorbei, dachte sie, als sie sich aus ihren verschwitzten Laufsachen schälte und unter die Dusche stieg. Wie sie es hasste, so früh am Morgen bereits aktiv zu sein. Aber daran war nichts zu ändern. Sie musste im Morgengrauen durch die Stadt laufen, wenn die Straßen noch menschenleer und nur vereinzelt Autos unterwegs waren, denn dann fühlte sie sich unbeobachtet. Dann hatte sie nicht das Gefühl, dass man ihr mitleidig hinterherstarrte, wenn die enge Laufhose unbarmherzig signalisierte, dass sie drauf und dran war, den Kampf gegen die Pfunde zu verlieren.

Eine Stunde war sie täglich unterwegs, sprintete über die Eisenbahnbrücke über die Donau auf den hässlichen siebenstöckigen Bau zu, der direkt in der Kurve einer Schnellstraße lag. Sie hatte Glück gehabt und eine Zweizimmerwohnung im obersten Stock bekommen, von der aus sie einen schönen Blick über die Stadt Linz hatte. Aber es war bisher zu wenig Zeit gewesen, um sich richtig einzuleben. Das würde schon noch kommen. Wie immer war sie ein wenig außer Atem, wenn sie den letzten Treppenabsatz geschafft hatte und ihre Muskeln schmerzten und pochten, aber das war richtig so, denn dann verbrannte sie noch mehr Kalorien.

Oben angekommen, schnupperte sie wie besessen an ihrer verschwitzten Haut. Sie roch Schweiß, aber auch den Gestank von Müll, feuchten Wohnwagen und schmutziger Wäsche. Das waren die Gerüche ihrer frühesten Kindheit, die sie unter allen Umständen vergessen wollte. Deshalb duschte sie auch mehrmals täglich, wenn es möglich war, und benutzte die intensivsten Deos, die es zu kaufen gab.

Nachdem Franka ausgiebig geduscht und einen Becher Magerjoghurt verdrückt hatte, stand sie unschlüssig vor dem klapprigen Schrank, der ihre wenigen Kleider enthielt. Erste Sonnenstrahlen blitzten in das Zimmer und in dem Licht tanzte der Staub, denn sie hatte sich nicht aufraffen können, ihre Wohnung am Wochenende zu saugen. Es besuchte sie ja sowieso niemand und Ben war der Zustand der Wohnung egal, denn er mochte sie so, wie sie war. Das sagte er zumindest.

Aber dieses Wochenende hatte sie ihren Freund sträflich vernachlässigt. Sie war viel zu beschäftigt gewesen, alles auszukundschaften, damit ihr heute kein Fehler unterlief oder sie sich verspäten würde. Nach einer kurzen Nachdenkphase entschied sie sich für ein schwarzes langärmeliges T-Shirt und schwarze Jeans, dazu die schweren Boots, die sie sich erst letzte Woche von ihrem Ersparten gekauft hatte. Die Schuhe drückten zwar ein wenig, denn sie waren neu, sahen aber cool aus und machten mit der dicken Profilsohle aus ihren einen Meter fünfundfünfzig gut fünf Zentimeter mehr.

Vor dem Spiegel ärgerte sie sich, dass sie sich nicht die Haare frisch blond gefärbt und ihnen einen modernen Schnitt verpasst hatte. Aber da war nichts zu machen. Trotzdem war sie mit ihrem Aussehen zufrieden, denn ihre dunklen Augen leuchteten geheimnisvoll und sexy. Wenn sie dazu mit ihren sinnlichen Lippen einen Schmollmund machte, wirkte sie ziemlich attraktiv und zu allem entschlossen. Doch die etwas ausladenden Hüften störten diesen energiegeladenen Eindruck und schweren Herzens entschloss sie sich dazu, wieder ein extralanges T-Shirt anzuziehen, um diesen Makel zumindest vorläufig zu verdecken. Aber spätestens in einem Jahr würde sie alles wegtrainiert haben, das hatte sie sich ganz fest vorgenommen. Dann wäre sie eine junge Frau wie alle anderen auch.

Das winzige tätowierte Symbol auf ihrem Handrücken zwischen ihrem rechten Daumen und Zeigefinger ließ sich allerdings nicht verbergen oder weglasern. Sie hatte es schon mehrmals probiert, aber die Tätowierung war immer wieder erschienen und die Hautärzte ratlos. Bei flüchtiger Betrachtung konnte man es durchaus für einen Leberfleck halten und wer würde schon so genau auf ihre Hände schauen. Doch mit dem Blick auf das kleine Tattoo war wieder die Vergangenheit zurückgekehrt und mit dieser Vergangenheit auch das Gefühl, für dieses Leben weiter kämpfen zu müssen. Hastig holte sie eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, trank in kleinen Schlucken, ganz so, wie sie es in einer Fitnesszeitschrift gelesen hatte. Langsames Trinken löst die Verspannung und regt den Stoffwechsel an, hatte dort gestanden. Sie glaubte fest daran.

Gedankenverloren starrte sie auf die schief in den Scharnieren hängende Schranktür, die noch immer offen stand, während sie gewissenhaft Schluck für Schluck trank. Nach und nach wurden die Gedanken an die Vergangenheit weggespült und sie konnte wieder lächeln. Langsam ging sie auf die offene Schranktür zu, stellte sich direkt davor. Die Innenseite der Tür war bis oben hin mit Fotos und Zeitungsausschnitten vollgeklebt. Es waren grobkörnige Fotos aus Zeitungen, die sie vergrößert hatte, Ausdrucke aus dem Internet in schlechter Auflösung und ausgeschnittene Originalartikel aus Tageszeitungen. Wegen dieser Ausschnitte und Bilder hätte Ben sie vielleicht für ein wenig merkwürdig gehalten, deshalb war sie auch froh, dass er sich nicht für ihren Schrank interessierte, den sie immer versperrt hielt.

Ja, vielleicht war es ein wenig manisch, wenn man sich mit dreiundzwanzig Jahren wie ein Teenager nur auf eine Person konzentrierte – auf den Chefinspektor der Mordkommission Linz Tony Braun.

Ganz hinten in ihrem Schrank hatte sie eine unscheinbare graue Schuhschachtel. Langsam zog sie die Pappschachtel hervor, stellte sie behutsam auf den Boden, schloss die Augen. Wie oft hatte sie das schon probiert. Mit den Fingerspitzen schnippte sie den Deckel hoch, griff hinein. Das dünne Papier raschelte, dann kam das Etui zum Vorschein. Es war aus mattschwarzem Plastik und hatte einen praktischen Haltegriff. Vorne gab es zwei Schnappschlösser, die aber nicht versperrt waren. Bedächtig öffnete sie das Etui. Die Pistole, die in einem ausgestanzten Stück Schaumgummi lag, glänzte schwarz und einladend. Erneut schloss sie die Augen. Beinahe zärtlich strich sie die Konturen der Waffe entlang, bis sie die Kerben der Griffschale spürte, erst jetzt packte sie zu, riss die Pistole aus dem Schaumgummi und drückte ab. Peng!

Die Waffe roch noch nach Öl und schimmerte verführerisch. Natürlich war sie ungeladen und das Magazin lag separat in der Schuhschachtel. Noch gestern Abend, als Ben schon nach Hause gefahren war, hatte sie die Pistole mit geschlossenen Augen zerlegt, wieder zusammengebaut und durchgeladen. Aus kurzer Distanz traf sie immer ins Schwarze und mit einem Gewehr mit Zielfernrohr auch über hunderte Meter. Sie war ein Ass im Schießen, das hatte man ihr in der Ausbildung attestiert. Aber würde es genügen, um als vollwertig akzeptiert zu werden? Musste sie vielleicht wieder kämpfen, um die nötige Anerkennung, um ein wenig Respekt zu erlangen? Das war die Aufgabe, der sie sich heute stellen musste, denn sie wusste: Der erste Eindruck zählt. Langsam schloss sie die Schranktür und die Bilder und Artikel über Tony Braun waren wieder unsichtbar. Das würde für immer ihr Geheimnis bleiben.

In eine Nische im Flur ihrer Zweizimmerwohnung war die Küchenzeile hineingequetscht worden, die sie so gut wie nie benutzte. Sie war bisher immer in der Mensa der Akademie gewesen oder hatte mit Studienkollegen abends unterwegs eine Kleinigkeit gegessen. Natürlich war Ben auch öfter mit einer Pizza vorbeigekommen, aber das war Gift für ihre Figur. Auf dem abgeschlagenen Küchenschrank klebten verschiedene Zettel in einer gewissen Ordnung, die sie jetzt mit konzentrierter Miene studierte. Auf einen davon war eine Wegbeschreibung gezeichnet, mit Pfeilen durch verschiedene Straßen, die alle zum Standort der Mordkommission, der Schwarzen Halle führten. Diesen Zettel brauchte sie nicht mehr, denn sie war am Sonntag bereits am Hafengelände gewesen und hatte sich die Route eingeprägt, es konnte also nichts mehr schiefgehen. Auf dem nächsten Zettel standen verschiedene Namen und Berufsbezeichnungen, die sie sich laut vorsagte und dann mit geschlossenen Augen wiederholte. So lange, bis sie nicht mehr darüber nachdenken musste. Das ging ziemlich schnell, denn sie hatte ein gutes Gedächtnis. Darauf war sie auch stolz, denn sie merkte sich Namen und Orte, vor allem aber Gesichter und konnte diese aus ihrem fotografischen Gedächtnis jederzeit wieder abrufen.

Dieses Gedächtnis hatte natürlich auch seine Nachteile. Besonders in der Nacht wurde ihr das schmerzlich bewusst, wenn sie sich unruhig in ihrem Bett hin und herwälzte und die Schatten der Vergangenheit sie nicht mehr losließen. So wie das winzige Tattoo auf ihrem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger. Es schien ein Eigenleben zu führen, war manchmal stärker, manchmal schwächer. Jetzt erinnerte es entfernt an eine Sonne, an manchen dunklen Tagen aber auch an den Kopf eines Hundes. Das passierte immer, wenn sie Pech hatte; standen jedoch ihre Sterne günstig, dann konnte man das Tattoo für ein Muttermal halten.

Es wurde langsam Zeit aufzubrechen. In dem schmalen Flur hatte Franka einen länglichen Spiegel aufgehängt, der ihren Körper ein wenig verzerrte und in die Länge streckte. Das gefiel ihr, denn obwohl sie ein hübsches Gesicht hatte, war sie viel zu klein, hatte daher immer die Angst, von anderen einfach übersehen zu werden. War das vielleicht ein Minderwertigkeitskomplex? Ein Psychiater würde laut Ja dazu sagen, aber einen Psychiater hatte sie bisher noch nicht nötig gehabt. Sie kompensierte ihre geringe Größe mit einer großen Klappe und mit Ehrgeiz. Für den Rest gab es Sport. Als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fiel, begann ihr Herz plötzlich vor Aufregung zu pochen. Jetzt war es bald soweit, bald würde sie dem Mann gegenüberstehen, dessen Leben sie fast besser kannte als ihr eigenes.

5.

Obwohl Elena Kafka schon viele Schauplätze von Verbrechen gesehen hatte, war sie noch immer schockiert über die Brutalität des dreifachen Familienmordes. Sie war zwar nur kurz am Tatort gewesen, um sich selbst ein Bild zu machen aber das hatte genügt. Immer wieder schoben sich die Bilder des getöteten Kindes vor ihre Netzhaut und so war es auch kein Wunder, dass sie nicht sehr konzentriert Auto fuhr und beinahe eine kleine schwarzgekleidete Frau übersehen hätte.

„Shit!“, fluchte sie laut. „Das war jetzt aber knapp.“

Mit quietschenden Reifen hielt sie vor der Schwarzen Halle der Mordkommission. Die ehemalige Theaterhalle für das Kulturprojekt Linz 2009 stand auf einem verlassenen Anlegeplatz direkt an der Donau und wirkte in der Morgensonne wie ein geheimnisvoller, mit schwarzer Teerpappe verkleideter Holzwürfel.

Gegenüber, auf der anderen Seite der Industriezeile, war das neu errichtete Parkhaus, in dem die Kriminalpolizei ihre Fahrzeuge abstellte. Das Parkhaus wurde renoviert und war komplett mit grüner Gewebeplane eingehüllt. Im Sonnenlicht sah es wie ein glitzerndes futuristisches Kunstwerk aus. Doch Elena Kafka hatte keine Lust, ihren bronzefarbenen Porsche mit den amerikanischen Stoßstangen durch ein enges Parkhaus zu manövrieren, deshalb parkte sie immer direkt am Anleger.

Schwungvoll öffnete sie die Tür ihres Porsches, blieb dann aber doch noch sitzen. Gedankenverloren knetete sie einen abgegriffenen Gummiball in ihrer Hand, der ihr einziges Bollwerk gegen das übermächtige Verlangen nach einer Zigarette war. Denn mit ihrer Ernennung zur Polizeipräsidentin von Linz hatte sie auch das Rauchen aufgegeben.

Intensiv dachte sie an die letzten Wochen. An die verstörenden Anrufe, die Treffen und ihre Beschwichtigungsversuche. Sollte sie Braun etwas davon erzählen? War das überhaupt nötig, wenn der Täter im Familienmordfall bereits gefasst war? Nein, das war ganz und gar unnötig, hätte sie bloß in einem schiefen Licht erscheinen lassen. Außerdem war der Fall ja gelöst, das jedenfalls hatte sie sich nach einem unverständlichen Anruf ihres leitenden Ermittlers zusammengereimt. Also, Schwamm drüber! Diese Gedanken gingen Elena Kafka durch den Kopf und sie hätte viel dafür gegeben, bei einer entspannenden Zigarette noch intensiver darüber nachdenken zu können.

Dafür genoss sie jetzt umso mehr den maskulinen Geruch nach Leder und Metall, den der Porsche verströmte. Niemals hätte sie gedacht, dass es außer dem Porsche für sie noch etwas anderes geben könnte. Bis sie eben Peter Witt kennengelernt hatte. Peter Witt war Schriftsachverständiger und sie hatten sich bei einem EUROPOL-Kongress über ihre Arbeit unterhalten.

Es kam nicht oft vor, dass sich Männer für ihre Arbeit interessierten. Kein Wunder, hatten doch viele von ihnen Vorurteile, wenn eine Frau als Polizeipräsidentin für die Sicherheit der Stadt Linz verantwortlich war. Das war sie: Elena Kafka, fünfzig Jahre alt und seit knapp zwei Jahren Polizeipräsidentin von Linz und noch immer umstritten, da sie sich gerne und häufig in die operative Polizeiarbeit einmischte. Sie war ja so etwas wie eine Notlösung gewesen, seit ihr Vorgänger völlig überraschend zusammengeklappt und in Pension geschickt worden war. Eine Frau an der Spitze des Polizeiapparats, das hatte den zuständigen Politikern gefallen, aber sie hatten die Rechnung ohne die harte Elena Kafka gemacht, die nach persönlichen Schicksalsschlägen konsequent und unbestechlich geworden war.

Aber durch Peter hatte sich einiges verändert. Peter Witt war Österreicher, hatte aber als Schriftsachverständiger lange für EUROPOL in Brüssel gearbeitet. Diesen Job hatte er eines Tages spontan gekündigt, um Bücher zu schreiben. Bereits seine erste Veröffentlichung, ein Buch über den Schreibstil des Serienkillers Nick Rhodes im Briefwechsel mit einem Fan – den Rhodes später während dessen Besuch im Gefängnis ermordet hatte – war zu einem Bestseller geworden und Peter wurde ein gern gesehener Vortragsgast auf Polizeikongressen. So hatten sie sich auch kennengelernt.

Bereits drei Monate später waren er und seine sechsjährige Tochter Nina bei Elena Kafka eingezogen und das war die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, obwohl Peter fast zehn Jahre jünger war als sie. Die Trauer um ihren Mann Dave, den sie vor mehr als fünf Jahren auf tragische Weise verloren hatte, verblasste mehr und mehr.

Doch ein dreifacher Familienmord war für eine österreichische Stadt wie Linz keine Kleinigkeit. Elena Kafka war kaum zum Frühstücken gekommen, denn ständig klingelte ihr Handy. Zuletzt war es der Oberstaatsanwalt Ritter gewesen, der sie über einen kostenintensiven Hubschraubereinsatz informierte, den ihr Chefinspektor der Mordkommission Tony Braun angeordnet hatte, um den Täter in dem unübersichtlichen Kürnberger Waldgebiet doch noch fassen zu können.

Erneut klingelte ihr Handy. Diesmal war es der Bürgermeister höchstpersönlich, der ihr zu ihrer Arbeit und zur raschen Lösung des Falls gratulierte. Elena Kafka war noch nicht auf dem letzten Stand und stellte den Bürgermeister mit Plattitüden zufrieden, ehe sie sich selbst ein genaues Bild machen konnte. Sie hatte zwar mit Braun und Jesus Makombo telefoniert, aber durch den Hubschrauberlärm nicht alles verstanden. Trotzdem bedankte sie sich mit standardisierten Smalltalk-Sätzen beim Bürgermeister und legte dann stirnrunzelnd auf.

Während sie Ihre ID-Karte durch den Schlitz zog, wählte sie die Nummer von Tony Braun, aber sein Anschluss war besetzt. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie die kleine schwarzgekleidete Frau, die sie zuvor beinahe überfahren hätte, die jetzt mit festen Schritten auf die Glastüren der Schwarzen Halle zusteuerte.

Was will die Frau hier?, dachte sie und kniff ihre leicht kurzsichtigen Augen zusammen.

„Franka Morgen, sind Sie das?“, fragte Elena Kafka, als sie die junge Frau endlich erkannte und streckte ihr die Hand entgegen. „Die Einsatzgruppe von Chefinspektor Tony Braun ermittelt gerade in dem dreifachen Mordfall. Davon haben sie sicher in den Frühnachrichten schon gehört.“

„Nein. Was für ein Mordfall?“ Franka schüttelte verlegen den Kopf und das Blut schoss ihr sofort in die Wangen. „Heute ist doch erst mein erster Arbeitstag.“

„Das bedeutet aber nicht, dass Sie kein Radio hören müssen“, antwortete Elena Kafka leicht verstimmt, denn sie mochte es nicht, wenn sich ihre Mitarbeiter hinter Ausflüchten verschanzten. Immerhin war Franka Morgen eine vielversprechende Absolventin der Polizeiakademie, die sie als neue Ermittlerin für die Mordkommission vorgeschlagen hatte.

„Nun, man wird Sie schnell auf den neuesten Stand bringen“, lenkte Elena Kafka ein, als sie bemerkte, dass Franka ziemlich bedrückt wirkte. „Sind Sie nervös?“

„Nein, überhaupt nicht, ich bin ja gut vorbereitet“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. „Ich habe mir am Freitag schon die Waffe besorgt, also gibt es auch jetzt keine Verzögerung. Ich kann sofort mit meiner Arbeit beginnen.“

„Ich hoffe, Sie haben Ihren Vorgesetzten Chefinspektor Tony Braun davon in Kenntnis gesetzt“, gab Elena Kafka zur Antwort, obwohl sie spürte, dass es nicht so gewesen war.