Der stille Ruf des Todes - Michaela Stadelmann - E-Book
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Der stille Ruf des Todes E-Book

Michaela Stadelmann

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Beschreibung

Zwei Mädchen werden als Höhepunkt der gleichen Fashion Show gebucht, ohne voneinander zu wissen: Um die Familienschulden abzubezahlen, unterschreibt Liliana, 15, im sibirischen Bolturino einen Vertrag mit einer Modelagentur, die blutjunge Mädchen für Foto-Shootings und Fashion Shows vermittelt, erotische Aufträge inbegriffen. Statt ein Leben in Saus und Braus zu führen, wird Liliana weit weg von ihrer Familie in einem zugigen Plattenbau in Krasnojarsk untergebracht und mit perfiden Methoden der Modelscouts gefügig gemacht. Als sie nach Malmö engagiert wird, scheint ihr Wunsch nach einer Model-Karriere in Erfüllung zu gehen. Nach der wöchentlichen Routineuntersuchung in der Poliklinik verschwindet die an Magersucht erkrankte Rita spurlos, genau wie der 16-jährige Liam, der vor einem Jahr tot im Malmöer Pildammspark gefunden wurde. Todesursache: Organversagen aufgrund starker Auszehrung, denn Liam litt ebenfalls an einer Essstörung. Der Hinweis, dass Rita mit einer Frau im blauen Mantel mitgefahren ist, bringt die Polizei nicht weiter. Was niemand ahnt: Emily mit dem blauen Mantel ist Modelscout und besessen davon, Rita bei der Malmöer Fashion Show laufen zu lassen. Rita verweigert jedoch die Nahrungsaufnahme. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide. Emily will nicht wahrhaben, dass Rita kurz vor dem Kollaps steht und eigentlich schon zu schwach ist, um zu laufen. Sie zwingt Rita dazu, ihren Walk zu trainieren und riskiert damit das Leben des Mädchens. Zwei Schicksale, die mit der Welt der Mode verknüpft sind und beide tödlich enden können.

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Seitenzahl: 312

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Impressum

Textflash
© 1. Auflage 2018 Michaela Stadelmann 
ISBN 978-3-940582-85-0
Coverdesign: Esther Wagner

Morgon Expressen, Schweden

Sommer 2014

Malmö. Am Montagabend wurde im Pildammspark von Spaziergängern eine Leiche gefunden. Dabei handelt es sich um Liam L., der bereits vergangene Woche als vermisst gemeldet wurde. Laut Auskunft des Malmöer Polizeipräsidiums ist der Sechzehnjährige an Herzversagen gestorben. 

„Nach der Befragung des Vaters wurde deutlich, dass L.s früher Tod auf eine massive Essstörung zurückzuführen ist. Die Leiche weist alle Symptome einer Anorexie auf“, so der Polizeisprecher. Zum Thema „Essstörung“ finden Sie im Regionalteil ein Interview mit Dr. Karsten Johansson, Kinder- und Jugendpsychiater.

Oktober 2015

Eine Turnhalle in Bolturino, Sibirien

„Steht gerade! Wo sind eure Brüste? Raus damit! Wer keinen Hintern hat, macht gefälligst ein Hohlkreuz!“

Automatisch drückte Liliana die Schultern nach unten und streckte den Hals. So hatte sie es von der allerersten Ballettstunde an gelernt. Madame hatte ihr beigebracht, dass sie nur so schön aussah.

Die Matrone, die sie heute Morgen von der Busstation abgeholt hatte, unterbrach ihre Wanderung durch die Halle. Einen Moment bestand die Welt nur noch aus ihren schwarz gefärbten Haaren, dem tonnenförmigen Körper und dem ranzigen Geruch nach altem Holz und Schweiß. Sie musterte Liliana eingehend. 

„Was ist das?“ Grob schob sie die Schultern des Mädchens nach hinten, sodass sich ihr Brustkorb automatisch herauswölbte.

„Jetzt macht sie einen Entenarsch“, flüsterte jemand. 

Am liebsten wäre Liliana vor Scham gestorben.

„Titten und Hintern!“ Ärgerlich lief die Matrone weiter. „Und eine gute Figur. Mehr braucht ihr nicht, wenn ihr Model werden wollt!“

Wenn Madame das gehört hätte! Liliana kam sich lächerlich vor. Auf ihren kleinen, unschuldigen Brüsten bildete sich Gänsehaut. Hinter ihr rasselte und hustete eine uralte Heizung, vielleicht noch persönlich von Stalin zu Sowjetzeiten in Auftrag gegeben. Stumm betete Liliana, dass sie genau hier stehen bleiben durfte, bis sie dran war. Die Heizung war die einzige Wärmequelle. 

Verstohlen schielte sie nach links und rechts auf die anderen blassblauen Mädchenkörper in winzigen Bikinis oder Unterwäsche. Dicht gedrängt waren sie vor den deckenhohen Spiegeln aufmarschiert wie zu dünne Soldaten. Unauffällig lehnten sie sich an die abgegriffenen Ballettstangen. Madame hätte das nie geduldet. Aber Madame war nicht mehr wichtig. 

„Wie gut, dass ich meinen Push-up-BH mitgenommen habe“, wisperte Alina neben ihr. Ihre eiskalten Hände streiften Lilianas nackte Oberschenkel. 

Liliana lächelte verkrampft und bemühte sich, nicht zusammenzucken. So ein Push-up war nicht schlecht. Ihren hatte sie vor Aufregung zu Hause liegen lassen.

„Du musst immer geputzte Schuhe haben, Mädchen, wenn du einen Vertrag haben willst“, sagte die Matrone. Uljana aus Norilsk biss sich auf die Lippen und errötete. Verschämt senkte sie den Kopf, damit niemand sah, wie ihr die Tränen kamen. Betreten schauten die anderen mageren Mädchen woanders hin. Nur der Spiegel reflektierte Uljanas Tränen gnadenlos bis in die Unendlichkeit. Die Matrone seufzte und reichte ihr ein Taschentuch.

Alina kicherte verschämt. „Da nützt ihr die berühmte rote Sohle auch nichts!“

„Wer nicht still ist, fliegt raus“, dröhnte die Stimme der Matrone durch die Turnhalle. Alina fuhr zusammen, Liliana hielt erschrocken den Atem an. 

„Ich bin sicher nicht die Erste, die es euch sagt, und ich werde nicht die Letzte sein“, fuhr die Matrone fort. „Euer Körper ist euer Kapital. Aber eure Schuhe, Kleider, eure Schminke und euer Auftreten sind die kleinen Empfehlungen, auf die es bei einem Model-Vertrag ankommt!“ Ernst glitt ihr Blick über die Mädchen vor den Spiegeln. „Ihr müsst nicht klug sein, um ein angenehmes Leben zu führen. Saubere Fingernägel, geputzte Schuhe und gute Manieren sind die Eintrittskarten in die Häuser der Reichen. Für jede von euch. Auch für dich, kleines Fräulein!“ Mit ausgestrecktem Finger kam sie geradewegs auf Alina zu. Alina wäre am liebsten davongerannt, als die Matrone sie zwei Schritte vortreten ließ. 

„Deine Schritte sind klein wie dein Mut. Wie heißt du?“

„Alina“, flüsterte Alina.

„Wie bitte?“

„Alina!“

Die Matrone atmete auf. „Gut, Alina. Du bist hübsch. Und du bist vielleicht ein bisschen zu klug für diesen ganzen Zirkus. Aber verdirb es den anderen nicht, hörst du?“ Sie drohte Alina mit dem Finger. „Wenn du dich nicht benimmst, schicken die Scouts euch alle wieder nach Hause. Ich habe es schon erlebt. Willst du das? Willst du mit dieser Schande zu deinen Eltern zurückkehren?“

„N-nein“, stammelte Alina. Ihre Knie zitterten. 

„Dann stell dich wieder an deinen Platz und halt den Mund, bis du aufgerufen wirst.“ Ein Blick auf die große Uhr über der Tür der Sporthalle. „Noch zehn Minuten.“ Schwer hallten die Schritte der Matrone auf dem dunklen Parkettboden, als sie davonging. 

Liliana bekam vor Aufregung Schluckauf. „Lass sie es probieren“, hatte Mama Papa zugeflüstert. „Denk an die Schulden für das Haus!“ Daraufhin hatte Papa genickt. Der schwere Seufzer war Liliana nicht entgangen. Ihr nackter Bauch zuckte, alle konnten es sehen, aber niemand wagte es, einen Ton von sich zu geben oder ein Lächeln zu riskieren. Wie viele Stunden hatten sich die Mädchen hier die Füße blutig getanzt in der Hoffnung, dass auch sie das Zeug zum Ballettstudium an der staatlichen Ballettakademie in Krasnojarsk hatten? Die meisten waren nicht einmal bis zum Probeunterricht gekommen, auch Liliana nicht. Die letzte Möglichkeit, die sibirische Einöde hinter sich zu lassen, war dieses Casting. Jedes einzelne Mädchen wollte einen Agenturvertrag für Tokio, wo man Mädchengesichter mit eurasischen Zügen liebte. Nur deshalb zitterte Liliana hier neben Alina und ließ sich die Zehen von den viel zu engen High Heels zusammenpressen.

„Und habe ich nicht gesagt, ihr sollt euch nicht schminken?“, fuhr die Matrone ein Mädchen an, dessen Beckenknochen scharf durch die Haut stachen. „Warum hast du dir das Gesicht zugespachtelt?“

„Sie hat Augenringe“, flüsterte ihre Nachbarin. „Sie hat während der Fahrt nicht schlafen können und …“

„Ich habe dich zwar nicht gefragt, aber es ehrt dich, dass du ihr helfen willst.“ Kopfschüttelnd zog die Matrone das dürre Mädchen aus der Reihe. „Himmel. An dir ist ja nichts dran! Kriegst du zu Hause nichts zu essen?“

„Ich bin wie Kate Moss“, trumpfte die Dürre auf. „Magerlook ist immer wieder gefragt.“

Abschätzig drehte die Matrone die Dürre herum, fuhr mit den Fingern über ihren Nacken. Trotz der trüben Deckenbeleuchtung warfen die Schulterblätter scharfe Schatten. „Ich kann meine Finger zwischen deine Nackenwirbel stecken. Und du bist behaart wie ein Tier! Keine Ahnung, ob das den Japanern gefällt.“

Trotzig warf die Dürre den Kopf zurück und stellte sich wieder in die Reihe. „Bei uns hat es schon Anfang des Monats geschneit. Ich kann nichts dafür, dass mein Körper sich schützen will.“

„Und zuhören kannst du auch nicht“, murmelte die Matrone. „Sei einfach still, sonst …“ 

Sonst schicken sie uns alle zurück, dachte Liliana. Sie war furchtbar erschrocken, als sie die Schulterblätter der Dürren gesehen hatte. Davon würde sie ewig Albträume haben. Immerhin war der Schluckauf weg. 

„Habt ihr eure Schilder? Haltet sie nicht vor eure Bäuche, sondern so tief wie möglich vor eure Oberschenkel.“ Die Matrone begann, die Mädchen nach ihren Maßen zu sortieren. War der Umfang des Beckens größer als der der Oberweite, schüttelte die Matrone leicht den Kopf. Schlechte Chancen, bedeutete das. Aber sie schickte niemanden in die Umkleidekabine zurück. Das überließ sie den Scouts.

„Ich muss mal“, hauchte Alina. „Kommst du mit zu den Waschräumen? Die Toilettentüren schließen nicht.“

Alina war raffiniert. Sie verleitete andere dazu, etwas Unsinniges zu tun, wenn sie sich einen Vorteil davon versprach. Das war schon immer so gewesen. Liliana konnte sich auch denken, warum Alina es ausgerechnet jetzt bei ihr probierte. Alinas Maße waren nicht ideal, obwohl sie regelmäßig joggte, auf ihre Ernährung achtete und sich pflegte, so gut es in Bolturino ging. Aber ihr Körper war ein undankbarer Klops mit Muskeln, die wuchsen, wenn man sie beanspruchte. Sie hungerte gegen ihren eigenen Körper an, aber diesen Wettkampf würde sie nicht gewinnen. Nie. Außer sie vergrößerte ihre Chancen auf einen Vertrag, indem sie wenigstens eine ihrer Konkurrentinnen ausschaltete: Liliana. 

„Jede Tür kann so verkeilt werden, dass man sie nicht mehr aufbekommt“, flüsterte Liliana so leise in Alinas Ohr, dass sie ihre Stimme selbst kaum hörte. „Wenn du musst, geh allein. Ich lasse ich nicht von dir an der Nase herumführen.“

Alina zwinkerte ihr grinsend zu. Wart’s ab, sollte das heißen. Ich kriege dich schon noch dran. 

Als die schäbigen Türflügel der Turnhalle aufschwangen, verstummte sogar das Rasseln der Heizung. Ein paar Atemzüge stand die Welt still. Das Klacken von spitzen Absätzen, gefolgt vom Klappern genagelter Lederschuhe perlte in die Halle mit den erstarrten Leibern. Ein unsichtbarer Zeremonienmeister hatte den Ball des Königs eröffnet, der kam, um die Schönsten als seine Töchter auf sein Schloss zu holen.

Eine Frau im Chanelkostüm trat herein und blieb stehen. Der Mann zu ihrer Linken trug einen dunklen Tweedanzug, steckte die Hände in die Hosentaschen und strahlte die Mädchen verheißungsvoll an. Die beiden sahen aus, als wären sie aus einer Modezeitschrift herausgetreten. „Guten Tag, die Damen“, sagte der Mann, „warum hat mir keiner gesagt, dass ich heute die Schönsten des Landes kennenlerne?“

Die Frau lachte, die Matrone lachte, und dann lachten auch die Mädchen vorsichtig. Die Anspannung verringerte sich. Alina hätte weinen mögen vor Erleichterung. Noch wusste sie nicht, dass der Mann sie so bereits konditionierte.

Die Frau hob die Hand, die Mädchen verstummten. „Ich bin Milla, und das ist Kolja“, sagte sie. „Wir sind eure Scouts. Fühlt ihr euch alle wohl?“

Heimlich schaute Liliana zu der Matrone hinüber. Ging es ihr gegen den Strich, dass Milla sich so locker gab? Fürchtete sie, dass sie ihr die Show stahl? Nein, sie gestattete sich zwei Kerben um die Mundwinkel, die wohl ein Lächeln markierten. Liliana beschloss, dass die Matrone nicht mehr wichtig war. Lieber betrachtete sie die wunderschöne Milla. Sie trug ihre blondierte Mähne glattgeföhnt, auf ihren Lidern lag lediglich ein Hauch von Lidschatten. Ihre Wangenknochen betonte sie bestimmt mit einem ziemlich teuren Rouge. Aber am beeindruckendsten war ihr Körper. 

„Neunzig, sechzig, neunzig, das ist es, was die Japaner wollen“, sagte Milla in die atemlose Stille der Turnhalle. „Ich sehe hier eine ganze Reihe von Mädchen, die diese Voraussetzungen mitbringen. Für die Kräftigeren unter euch …“ Sie warf der Matrone einen Blick zu, die entschuldigend die Augenbrauen hochzog. „Auch für euch wird es Jobs geben. Models braucht man in jedem Bereich.“

Neben Liliana schluckte Alina trocken. Das zarte Rot ihrer Wangen verblasste. Jeder Bereich, das bedeutete im besten Fall sportliche Aufnahmen, aber auch Erotik. Oder Schlimmeres … Liliana hätte Schadenfreude erwartet, aber Alina tat ihr plötzlich leid.

Das Auswahlverfahren begann. Milla wechselte ein paar Worte mit der Matrone, deutete mal auf das eine, mal auf das andere Mädchen. Kolja hatte für jedes Mädchen ein Lächeln übrig, als er die Reihe abschritt. Dabei warf er immer wieder einen Blick in die Spiegel hinter den Mädchen, um ihre Rückseiten zu taxieren. 

Ausgerechnet vor Liliana und Alina blieb er stehen. 

„Schön warm habt ihr es hier“, meinte er. „Dass die Heizung überhaupt noch geht …“ Er schaute über Alinas Schulter. 

„Sie sind wohl öfter hier, Kolja?“, fragte Alina.

Entsetzen ließ die anderen verstummen. 

Liliana blinzelte verwirrt. Halt den Mund, Alina!

Nachdenklich legte Kolja den Kopf schief. Trat ein wenig näher. Durchdringend musterte er Alinas Gesicht, ihre Brüste, ließ den Blick weiter wandern, bis er in ihrer Mitte hängen blieb. Hob den Kopf. „Natürlich, ich schaue regelmäßig hier vorbei. In Sibirien gibt es die schönsten Mädchen. Das lasse ich mir doch nicht entgehen.“ 

„Ach, Kolja!“, tadelte Milla ihn schließlich amüsiert. „Hör auf zu flirten!“

Alina errötete und versuchte, Koljas Blick nicht auszuweichen. Er trat auf sie zu, nahm ihre Hand. Zog sie zu sich heran.

Liliana stockte der Atem vor Enttäuschung. 

Vorsichtig hob Kolja Alinas Kinn an. „In Tokio sind die Winter lang und hart“, sagte er. „Hoffentlich haltet ihr es dort auch ohne Heizung aus.“ Er schob sie am Kinn zurück in die Reihe und ließ sie los, als hätte er sich befleckt. Alina öffnete den Mund, doch jede Verteidigung, die sie sich zurechtgelegt hatte, war wie ausgelöscht. Die Blicke der anderen trieften vor Neid und Genugtuung.

„Und wer bist du? Ihre Freundin? Bist du auch so empfindlich?“

Plötzlich ragte Kolja vor Liliana auf. Vor ihren Augen hatte sich ihr Retter in einen bösen Hexer verwandelt. Ein Wort von ihm und Liliana zerfiel zu Staub. Fast hätte sie vor Angst keine Luft mehr bekommen. Stockend, als müsste sie ein Schluchzen unterdrücken, atmete sie ein. „Ich heiße Liliana und will das schönste Model der Welt werden.“

Niemand wagte auch nur zu atmen. 

Klack-klack, machten Millas High Heels. Sie kam direkt auf Liliana zu, als müsste sie das niedliche Püppchen mit eigenen Augen sehen, bevor sie es mit dem Absatz aufspießte. 

Das Blut schoss Liliana in den Kopf. „Nein, ich meine, das erfolgreichste“, korrigierte sie sich. „Wie Giselle Bündchen.“

Die Matrone brummte etwas. 

„So? Du willst sein wie Giselle Bündchen?“ Milla blieb hinter Kolja stehen. „Dann hast du dir ja viel vorgenommen. Und wer ist dein Leonardo DiCaprio?“

Erst, als Kolja anfing zu schmunzeln, merkte Liliana, dass sie ihr Namensschild fast zerdrückt hatte. „Ich, ich kenne niemanden, der das sein könnte“, sagte sie atemlos. „Ich bin zu jung dafür. Oder“, sie warf einen Blick auf Alina, die immer noch bleich wie der Tod war, „ich kenne niemanden, der das für mich sein könnte.“

Kolja griff nach ihrem Schild, reichte es an Milla weiter, ohne es anzusehen. 

Milla murmelte: „Hmja. Komm mit, Liliana.“

Das Parkett drohte unter Liliana nachzugeben, sie musste sich an Koljas Lächeln festhalten, um nicht zu fallen. „Warum?“

„Du bist die Erste auf der Auswahlliste für die zweite Runde“, sagte Kolja. Seine Zähne verwandelten sein Lächeln in ein überirdisches Strahlen. Die Spiegel, die Heizung, die Mädchen, ja, der ganze Saal dahinter. Die High Heels, die sie sich von einer Freundin geliehen hatte, tappten von allein auf Milla zu. Kolja hatte sie ausgewählt, Milla wollte sie auf die Liste schreiben … Plötzlich blieb Lilianas Schuhe wie von selbst stehen. 

„Was ist?“ In Millas perfekt manikürten Händen lag Lilianas Namensschild. Ihr Schicksal. Eine Bewegung genügte, um den dünnen Fetzen durchzureißen und fortzuwerfen. 

„Alles in Ordnung?“ In Koljas Stimme schwang Ungeduld.

Liliana musste blinzeln, um zu erwachen. Ja, ich …“ Sie schaute über die Schulter. Alinas weißes Gesicht leuchtete hinter ihr. Ein Gedanke durchzuckte sie. „Was ist mit meiner Freundin?“

„Willst du sie mitnehmen?“, fragte Kolja.

Liliana nickte. Mit dieser Geste konnte sie bis in alle Ewigkeit Alinas Loyalität einfordern. Egal, ob sie Alina mitnehmen konnte oder nur sie ein erfolgreiches Model wurde. Sie sicherte damit auch ihre Rückkehr ins Dorf, falls sie scheiterte, denn Großmut in der Fremde wurde von den Leuten im Dorf hoch geschätzt. 

Kolja seufzte belustigt. „Nun, wer kann Giselle Bündchen schon einen Wunsch abschlagen? Du, Milla?“

Mit einem langen Blick maß sie Liliana, dann Alina, ohne das Lächeln zu vergessen, und streckte die Hand nach Alinas Schild aus. 

Die Kälte kehrte zurück. Liliana und Alina durften sich ihre Sachen überstreifen, bis die zweite Runde begann, und sich auf der Bank neben der Tür ausruhen. Die Auswahl ging weiter, als wäre nichts geschehen, und die Matrone passte auf, dass sie keinen Unsinn machten.

„Warum hast du das getan?“, flüsterte Alina fast erschrocken, als die Matrone kurz abgelenkt war.

Liliana zuckte mit den Schultern. Sicher nahm auch Alina an, dass Liliana Zusammenhalt und Freundschaft demonstrieren wollte. Aber es ging Liliana vor allem um die Schilder, von denen Milla gerade Maschas in die Hand nahm. Milla las, drehte, wendete es. „Deine Schuhe könnten sauberer sein, Mascha.“

„Sag schon“, drängte Alina, doch die Matrone kehrte zurück und Liliana musste schweigen. 

Ein Lächeln streifte Lilianas Mundwinkel. Je mehr Schilder Milla in der Hand hielt, desto geringer war die Chance, dass sie ausgerechnet Lilianas aussortierte und zerriss. 

Mittwoch, 21. Oktober 2015 

Ein Club in Malmö 

„Lillemor, du kannst es drehen und wenden, wie du willst. Dir fehlt das Gesicht für deine Show. Und ich habe keinen blassen Schimmer, wie du darauf kommst, dass du es an Orten wie diesem finden könntest.“ Angewidert musterte Sabrina die anderen Gäste im Club. Der Dubstep-Sound nervte, die aufblitzenden Scheinwerfer irritierten sie. Wenn sie weiter Erdnüsse in sich hineinschaufelte, brauchte sie heute Abend sicher die doppelte Portion Anti-Pickel-Creme, um nicht morgen wie ein Streuselkuchen auszusehen. Für sie als Besitzerin eines Schönheitssalons war das ein absolutes No-Go. Aber die Erdnüsse stillten ihren Hunger.

Hakan, Art Director für Lillemors kommende Fashion Show, nahm sich eine Handvoll Salzstangen aus der Schale und fing an, die Salzkörner abzuknabbern. Einige landeten in seinem roten Vollbart. „Da hilft auch keine Schminke. Sabrina könnte die Mädchen zwar jedes Mal komplett umschminken, aber nicht in der Geschwindigkeit, in der der Kleiderwechsel stattfindet. Nicht mal, wenn sie ihr Team personell aufstockt.“ 

„Was ist mit Latexmasken?“, fragte Lillemor.

Allein der Gedanke ließ Hakan den Kopf schütteln. „Das ist doch lächerlich. Du wärst die erste Designerin, die ihren Models Latexmasken überstülpt, ohne dass es um BDSM geht.“

„Es ist zu teuer“, warf Sabrina mit vollem Mund ein. „Wir müssen die Masken alle vorher anfertigen, das macht pro Maske …“

„Ich hab’s verstanden!“, fuhr Lillemor auf. In ihrem letzten Team hatten alle darauf Wert gelegt, Kritik in schöne Worte zu kleiden. Hakan dagegen war ein Aas. Er ließ keine Gelegenheit aus, Lillemor kleinzumachen. Und Sabrina, die falsche Schlange, machte natürlich begeistert mit. Wahrscheinlich versprach sie sich davon irgendetwas, das Lillemor sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte.

Zitternd nippte sie an ihrem Gin Tonic, hielt inne und stürzte es ganz hinunter. Oh Gott, es tat gut, wenn die Bitterkeit in den Magen rutschte und sich dort auflöste! „Aber es kann doch nicht sein, dass die ganze Show floppt, nur weil uns ein einziges Gesicht fehlt!“

Hakan starrte vor sich hin. „Wir müssen einfach gut sein“, murmelte er. 

„Das reicht nicht.“ Sabrina spülte die letzten Erdnussstückchen mit ihrem Martini hinunter. „Die einzig richtige Lösung lautet Perfektionismus! Ich ertrage den Gedanken nicht, dass die Show und damit auch wir wegen einer Kleinigkeit scheitern könnten.“

Nachdenklich musterte Hakan Sabrina. „Na ja, es steht zwar Einiges für uns auf dem Spiel, aber deswegen musst du nicht gleich die Drama-Queen raushängen lassen. Notfalls fragt Lillemor Giselle Bündchen an. Das Geld leiht Ludmilla ihr bestimmt. Das hat sie doch locker in der Portokasse.“

„Hakan, jetzt spinnst du! Ich will nicht mehr als nötig mit ihr zu tun haben.“ Zu den Gefälligkeiten der Ukrainerin Ludmilla Kropidlowa gehörte auch die Bürgschaft für Lillemors Kredit über eine Million Schwedische Kronen, den sie für ihre neue Kollektion hatte aufnehmen müssen. Lillemor brauchte die Fashion Show, damit sie genug Aufträge einfuhr, um bis Mitte des nächsten Jahres schuldenfrei und unabhängig zu werden. Und zwar ohne fremde Hilfe. „Das Honorar für Giselle Bündchen geht in die Millionen US-Dollar. Das wird Ludmilla mir sicher nicht vorstrecken. Giselle passt auch nicht in mein Konzept.“ Weil meine Mode für diese Supermodel-Szene zu provinziell ist, dachte sie kleinlaut. Auf ihren Zähnen war eine zähe Schicht aus Zucker und Zitronensäure zurückgeblieben. Ekelhaft. 

„Dann werde ich die Rolle eben selbst übernehmen.“ Nachdenklich glitten ihre Hände über ihre schmalen Hüften.

„Ah-ah. Das traust du dich nicht. Du hast nicht die Figur dafür!“, platzte Sabrina heraus. 

„Mit Kleidergröße 36 passe ich sehr wohl in meine eigene Kollektion“, fuhr Lillemor sie an.

„Aber Lillemor.“ Hakans Stimme war sanft und nur ein ganz kleines bisschen rau. „Du bist die Designerin, nicht das Model. Die Journalisten wollen ein Gesicht sehen, das ihnen den Atem nimmt.“ Vorsichtig nippte er an seinem Wasser, ohne Lillemor aus den Augen zu lassen. „Du bist einfach zu – zu …“

„Gewöhnlich“, half Sabrina weiter. „Wie dein Körper. Dein Geist. Alles an dir. Deshalb schleppst du uns auch in solche Locations wie diesen Club.“

„Ich bin definitiv nicht zu gewöhnlich für meine eigene Kollektion“, hielt Lillemor empört dagegen. „Ich habe sie entworfen, ich habe sie geschneidert, ich …“ Der Barkeeper warf ihr im Vorübergehen einen Blick zu. 

Eine Hand legte sich auf ihre. „Du wirst nicht der Abyssal Angel sein. Weil du sonst alles verdirbst. Glaub mir.“ Hakan schaute Lillemor tief in die Augen. Eine hellrote Strähne hing über seine grüne Brille. „Das wäre so kurz vor dem Ziel das Dümmste, was du tun kannst. Wenn du deine Mode bis Moskau und noch weiter bringen willst, dann …“

„Ich weiß“, zischte Lillemor. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Aber ich brauche dieses verdammte Gesicht!“

„Ich könnte mich bei meinen Kundinnen im Schönheitssalon umschauen.“

Verstohlen wischte Lillemor sich über die Lider. „Was?“

Gedankenverloren ließ Sabrina die Erdnüsse durch die Finger zurück in das Schüsselchen gleiten. „Ja“, sagte sie, als hätte sie erst jetzt begriffen, was sie damit meinte. „Ein, zwei Kundinnen gibt es, die nicht nur den richtigen Körper mitbringen, sondern auch das Gesicht. Große Augen. Eine hohe Stirn. Breite Wangenknochen. Keine Bäckchen.“

„Kleidergröße?“, fragte Lillemor.

„Maximal 36, eher 34. Beide sind um die 1,70 groß.“

Alarmiert richtete Hakan sich auf. „Gewicht? 50 Kilo? 60?“

„Keine Ahnung.“ 

Hakan schüttelte den Kopf. „Hört sich nicht ideal an für den Engel. Wir brauchen Size Zero. Wenn du sie dazu bekommst, noch ein bisschen abzunehmen, dann …“

„Das finde ich übertrieben“, meinte Lillemor. „Sie sollen nur den Eindruck erwecken, dass sie schweben und nicht wirklich wegfliegen, wenn wir einen Ventilator auf sie richten. Kann man überhaupt noch laufen, wenn man so dünn ist?“

„Schalt den Fernseher ein, dann siehst du es.“ Mit einem Zug leerte Sabrina ihr Glas. „Danke für die Einladung. Ich muss los, morgen wird ein langer Tag. Meine Assistentin kommt erst gegen Mittag und das Auftragsbuch ist voll. Ich halte die Augen im Salon offen, okay?“ Zwei Küsschen knallten neben Lillemors Wangen in die Luft. Sabrina stöckelte davon.

Ein Glas und ein Geschirrtuch zwischen den Händen drehend, schlenderte der Barkeeper auf der anderen Seite des Tresens vorbei. Nichts deutete darauf hin, dass er etwas von ihrer Unterhaltung mitbekommen hatte. Trotzdem fühlte Lillemor sich belauscht. Seit ihr altes Team ihr nach der letzten Debatte über Gewicht und Statur der Models geschlossen den Rücken gekehrt hatte, fürchtete sie, dass man ihr die kleinen Niederlagen schon von Weitem ansah. 

„Ich will keine Size-Zero-Models. Nur Haut und Knochen, das ist doch ekelhaft!“ 

„Aber so ist der Style“, widersprach Hakan. Schwang etwa Resignation in seiner Stimme mit? „Willst du nicht doch mal bei Ludmilla anrufen? Oder Yuri?“

„Wir suchen weiter. Irgendwo in diesem verdammten Drecknest muss es doch ein Engelsgesicht geben.“

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Poliklinik Malmö

„Tuva? Hallo. Ist denn schon wieder Donnerstag?“

Der Name lässt mich zusammenfahren. Ich muss eingenickt sein. Abgekämpft hebe ich den Kopf und blinzele zur Anmeldung. 

An der Anmeldung nimmt Tuva Eklund genervte ihre Sonnenbrille ab. „Hallo, Schwester Hiltrud. Ja, es ist schon wieder Donnerstag. Kann ich meinen Becher haben?“

Schwester Hiltrud verzieht das Gesicht. „Kleinen Moment noch. Frau Doktor möchte dich erst untersuchen.“ 

„Dr. Hoglund hat mich doch erst letzte Woche durchgecheckt.“

Das ist original Tuva. Ihr Gemaule entlockt mir ein unwillkürliches Lächeln, das Kraft kostet.

Schwester Hiltrud hebt entschuldigend die Hände. „Was Frau Doktor beschließt, werde ich nicht in Frage stellen. Ich bin hier nur …“

„... die Krankenschwester“, vollendet Tuva mit ihr und seufzt. „Wie Sie meinen. Aber machen Sie bitte schnell. Ich habe extra viel getrunken, damit auch ordentlich was durchläuft.“

„Ja ja“, murmelt Hiltrud und ist schon beim nächsten Patienten. „Hallo Herr Nyberg, wie geht es uns denn heute?“

Tuva verdreht die Augen und wendet sich ab. Ich wundere mich, dass sie immer noch zum wöchentlichen Screening vorbeikommt. Ist sie nicht schon längst clean? Wozu also der Aufwand? Damit alle ihren Reibach machen? 

Erst schlendert sie im Wartebereich an mir vorbei und lässt sich auf einen freien Stuhl fallen. Blinzelt. Erschrickt. Beugt sich dann vor. „Rita?!“

Ertappt hebe ich die Schultern. „Hej. Tuva.“

Ich weiß, dass sie nicht wegen der schlechten Flurbeleuchtung die Augen zusammenkneift, als sie mich mustert. Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen, und jetzt hat sie Mühe, mich, Rita Wiklund, wiederzuerkennen. Oder eher das, was von mir übrig ist - ein Schatten. Ganz vorsichtig, als könnte sie mir damit schaden, steht sie wieder auf und kommt zu mir herüber. „Kann ich mich zu dir setzen?“

„Klar. Der Stuhl neben mir ist frei.“

Behutsam lässt Tuva sich neben mir nieder. Im Grunde könnte sie sich auch zu mir auf den Stuhl setzen, so dünn bin ich geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Und sie hat, obwohl auch sie hochkalorische Zusatznahrung bekommt, auch nicht unbedingt zugenommen. Ich kann mir vorstellen, dass ihr Körper noch mit den Nachwirkungen ihrer Drogensucht kämpft. Das macht zwar schön schlank, ist aber auch nicht gesund. 

Was einmal meine Hand gewesen ist, wandert zu meiner spitzen Nase in meinem klein gewordenen Gesicht. Haut spannt über den Gelenken, als meine Spinnenfinger am zarten Nasenflügel kratzen. Tuva denkt wie alle anderen auch, dass ich nur noch aus Haut und Knochen bestehe. Das kann ich an ihrem Gesicht ablesen. „Und du? Warum bist du hier?“ Ihre Stimme krächzt vor Verlegenheit ein wenig.

Obwohl es mir schwerfällt, lächele ich, wie es sich für einen sozial angepassten Menschen gehört. „Wahrscheinlich nicht, weil ich zu gesund bin.“ Auch meine Stimme ist dünn und zerbrechlich geworden. Mein Atem reicht oft nicht mal mehr für einfache Sätze. 

„Da haben wir ja was gemeinsam“, murmelt Tuva betreten. 

„Und du?“ Statt unbefangen klinge ich aufgesetzt und müde. „Auch ein bisschen zu schlapp für die Welt?“ Mit meinem spitzen Kinn deute ich nach draußen. Graue Wolken ziehen über den Himmel. „Das Wetter schlägt ganz schön zu.“ Wir wissen beide, dass es bei mir nicht am Wetter liegt. Ich bin abgemagert, weil ich richtig krank bin, nicht schlapp. Aber Tuva hütet sich davor, es auszusprechen, denn auch ihre Unterarme sehen noch wie Streichhölzer aus. 

„Ja, das Wetter“, sagt sie etwas leiser. „Ich bin hier zur wöchentlichen Pissprobe, obwohl ich seit meiner Entlassung clean bin. Kommst du auch jede Woche her?“

„Muss ja.“ Keine Haut, kein Fett, kein Muskel federt mein Schulterzucken ab. Die Erschütterung läuft fast bis zu meinen Zehenspitzen. Ich könnte schreien vor Schmerz. „Sie wiegen mich. Damit ich nicht davonfliege.“

Tuva schnieft. „Hast du denn schon zugenommen?“ 

Die Frage ist ihr hoffentlich peinlich! Ich frage sie ja auch nicht, ob sie hin und wieder noch was durchzieht. Aber bei den anderen scheint es seit meiner hässlichen Diagnose kein anderes Gesprächsthema mehr zu geben. Keiner will sich mir gegenüber noch zurückhalten und tarnt die Frage nach meinem Gewicht als Besorgnis. Dabei ist es total respektlos! 

Aber ich bin ein Profi der Selbstbeherrschung und tue ihr nicht den Gefallen, wie eine Verrückte herumzukreischen. „Nein. Aber ich habe auch nicht abgenommen. Und solang das der Fall ist, komme ich her und muss nicht in die Klinik.“

„Klinik?“

„Ja, die in Växjö, du weißt schon.“ Meine großen Augen verdunkelten sich. Dort werden Essstörungen und Substanzabhängigkeiten behandelt. Tuva war auch dort, soweit ich weiß.

Das scheint sie endlich zu verstehen, dass ich hier nicht zum Spaß sitze. Sie nickt betroffen. „Musst du auch noch zu Dr. Johansson?“

„Zu dem Psychologen? Ja. Der nervt tierisch.“ Diesmal ist mein Lächeln echt und kostet nur noch halb so viel Energie. Ich hole aus zum Gegenschlag, denn das mit dem Zunehmen kann ich nicht auf mir sitzen lassen: „Sag mal, haben dir deine Eltern eigentlich verziehen?“

„Was meinst du?“

„Das mit den Drogen.“

Leider steckt in diesem Moment Schwester Hiltrud den Kopf in den Flur. „Tuva? Kommst du?“

Die Erleichterung, darauf nicht antworten zu müssen, kann Tuva beim besten Willen nicht kaschieren. „Also dann ...“ Sie steht auf und rennt fast vor mir weg. 

Eigentlich habe ich auch nicht ernsthaft mit einer Antwort gerechnet, aber dass Tuva mich einfach sitzen lässt, ist auch nicht in Ordnung! - Mein Blick fällt auf ihre Sonnenbrille, die sie auf dem Stuhl vergessen hat. Was ist das überhaupt für ein blöder Tic, im November mit Sonnenbrille herumzulaufen? Soll ich sie ihr etwa nachtragen? Aber das Männchen in meinem Kopf ist wachsam und flüstert mir verschwörerisch zu: Jedes Gramm zählt!

Ja. Jedes Gramm zählt bei mir. Wie bei Tuva. Nur dass Tuva wahrscheinlich mit Begeisterung ein Gramm Shit raucht, während ich mir jedes Gramm Essen hineinzwingen muss. Kurzerhand nehme ich die Sonnenbrille und stehe auf. Ich muss warten, bis die schwarzen Punkte vor den Augen verschwinden und stelle mich vor den Garderobenspiegel im Wartebereich. Löse das Haargummi. Die Sonnenbrille stecke ich tief in die Haare hinein, lege dicke Strähnen darüber, fasse sie mit den restlichen Haaren zu einem neuen Zopf zusammen. Das Haupthaar ein bisschen aufgebauscht, Haargummi drum und die Sonnenbrille ist nicht mehr zu sehen. 

Kritisch betrachte ich meine Stirn. Am Haaransatz bildet sich eine Geheimratsecke. Anscheinend sind ein paar Strähnen ausgegangen.

„Rita?“ Und schon wieder steht Schwester Hiltrud mit einem Packen Papier im Gang. „Kommst du bitte mit?“

Nein, würde ich am liebsten brüllen, wenn ich nicht so fertig wäre. Ich will mich nicht wiegen lassen. Ich weiß, dass ich zu dünn bin. Zu zerbrechlich. Zu krank. Nicht mehr lang und man wird mich im Krankenhaus behalten. Aber heute komme ich vielleicht noch mal davon.

Sonntag, 25. Oktober 2015

In einem Plattenbau in Krasnojarsk

Seit 24 Stunden bin ich Lilly, das Model. Liliana aus Bolturino gibt es nicht mehr. 

Zufrieden kuschelte Lilly sich in ihr abgenutztes Bettzeug. Die Lücke, die von ihrem Traum nach Spitzenschuhen, Seide und Taft übrig geblieben war, hatte sich geschlossen.

Über ihr im Stockbett schlief Alina, die auch einen neuen Namen angenommen hatte. Aus Alina-Anastassja war Stacey geworden. Das klang viel eleganter als Lilly, aber okay, das sollte sie nicht weiter beeinflussen.

In den unteren Kojen schlief man nicht so gut. Die Heizung war kaputt, deshalb hatte Lilly Pullover und Hose anbehalten. Unter der Decke glaubte sie, zu ersticken. Schob sie sie weg, legte sich die kalte Luft wie eine Maske auf ihr Gesicht. Und gleichzeitig war sie zu müde, um aufzustehen. 

In Krasnojarsk war die Nacht nicht so dunkel wie zu Hause. Hier leuchtete alles: die Straßen, die Fenster, die Geschäfte, an denen sie vorbeigefahren waren und die grauen, braunen und gelben Rauchwolken, die sogar nachts aus den Fabrikschlöten stiegen. Hier war die Nacht nicht echt.

Ich bin Model. 

Ihre Mutter hatte sie davon abhalten wollen, zur Frühmesse zu gehen, damit sie am Nachmittag nicht mit zerknittertem Gesicht beim Casting erschien. Aber Liliana hatte sich durchgesetzt, sie wollte selbst um den göttlichen Beistand beten. Außerdem sollte Alina auch da sein. Ihr gegenüber hatte sie sich nicht schwach zeigen wollen. Sie hockten nebeneinander und belauerten sich gegenseitig. Keine sollte mehr Segen abbekommen als die andere! Inbrünstig betete jede darum, dass sie diejenige war, die nach Krasnojarsk durfte. Aber nur bei Liliana war der Pope nach der Messe zu Hause vorbeigekommen, um sie ein letztes Mal vor der Reise zu segnen. Er hatte sich über die Scheine gefreut, die ihre Mutter ihm zusteckte. Wusste er, dass Mutter sie sich vom Mund abgespart hatte?

Die abgewetzten Fersen ihrer Pumps hatte sie mit schwarzem Filzstift angemalt. Stundenlang war sie auf dem schmalen Flur zwischen Haustür und Abstellkammer hin- und hergelaufen. Sie wollte den Walk so perfekt machen wie die Mädchen bei Russlands Top Model. Ihre Mutter war erfüllt von Stolz und Angst. Der Vater war durch den Ort gelaufen und versprach allen, dass er demnächst die Rechnungen bezahlen könnte, wenn Liliana „es“ am Nachmittag „schaffte“. Aljoscha, Lilianas böser, großer Bruder, meinte, dass sie ihren Koffer für Krasnojarsk wieder auspacken sollte, sie hätte ja doch keine Chance. Doch er hatte wieder mal nicht recht behalten.

Liliana konnte sich noch an jede Sekunde ihres Walks erinnern. Der Boden hatte unter ihren abgelaufenen Pumps gezittert. Oder waren es ihre Beine gewesen? Kurz glaubte sie, durch den abgeschabten Hallenboden zu brechen, so schwer wog die Angst um ihr Leben. Sie stöckelte auf den Tisch zu, an dem Milla und Kolja saßen und lächelten, und dann wieder zurück zur Wand mit der abblätternden Ölfarbe. Danach war alles nur noch Herzschlag und Dröhnen das Brennen in der Luftröhre, weil kaum noch Luft bekam.

Am Nachmittag hatte ihre Mutter den Stift fast nicht halten können, mit dem sie Lilianas Model-Vertrag unterschrieb, so hatte sie gezittert vor Erleichterung. Ihr Vater hatte auch unterschreiben wollen, also quetschte er seine krakelige Unterschrift neben die der Mutter. Und Liliana war so müde, dass sie sich gar nicht richtig darüber freuen konnte. Wie Alina übrigens auch. Eine halbe Stunde darauf wurde sie dann zu Stacey, und aus Liliana wurde Lilly. 

Vor der kleinen Schule hatte sie Aljoscha kurz an sich gedrückt, damit sie es hinter sich hatte. Er stank wie immer nach altem Schweiß. Dann nahm sie ihren Vater und ihre Mutter ein letztes Mal in den Arm. Die Mutter weinte, der Vater bekam kein Wort heraus. 

Lilly stieg in den Mini-Van und winkte, als er anfuhr. Ihr Blackbook mit den Sedcards hatte sie auf dem Schoß, damit sie sich die schönen Fotos, die Kolja nach der Unterschrift von ihr gemacht hatte, immer wieder anschauen konnte. Darauf sah man ihr die Erschöpfung nicht an. 

Plötzlich drehte Milla sich auf dem Beifahrersitz zu ihr um. „Sch-sch-sch, iss ein Brot“, sagte sie und reichte ihr ein Bündel. „Schau, mit Räucherwurst. Das wird dir guttun.“ 

Lilly hatte gar nicht gemerkt, dass ihr die Tränen aus den Augen liefen. Sie verstaute das Blackbook in ihrem Rucksack, biss abwechselnd in Brot und Wurst und weinte. Dann schlief sie. Als sie aufwachte, weinte sie wieder. Bis sie Staceys Blicke auffing. Seitdem waren ihre Augen trocken geblieben.

Sie war jetzt ein Model. Von ihrer ersten Provision musste sie Unterkunft, Verpflegung und Reise bezahlen. Das, was übrig blieb, überwies Milla an Lillys Eltern. Sie würden es nicht für ihre Tochter sparen können, denn sonst hätten sie die Schindeln wieder vom Dach nehmen und zurückgeben müssen. Lilly sorgte für ihre Familie. Sie sollten schließlich im Winter nicht frieren müssen. 

Dass es in der Wohnung in Krasnojarsk ab neun Uhr abends kein Wasser mehr gab, wollte Lilly ihnen nicht erzählen. Sie durfte sie sowieso nicht anrufen, zum Glück, sie wäre vor lauter Heimweh gestorben. Die Mädchen mussten die elf Stockwerke bis in die Wohnung hinauflaufen, weil der Aufzug ein mit einem Gitter verschlossener Schacht war. Stacey hatte einmal hineingeschaut und sich dann noch mehr beeilt, hinaufzukommen. Elf Stockwerke waren nicht viel, wenn man daran glaubte, dass in dieser schäbigen Wohnung aus Sowjetzeiten eine verheißungsvolle Karriere startete. Vielleicht. Und um so erfolgreich wie Giselle Bündchen zu sein, würde Lilly freiwillig alle Treppen der Welt hinauflaufen! Denn sie alle führten nach Moskau, London und Paris brächte. 

Hier, am Ufer des Jenissei, waren Arm und Reich in Straßenzügen geordnet. Wenn man in die richtige Straße einbog, konnte man sich kaum retten vor protzigen Geschäftsbauten, himmelhohen Hotels und frisch renovierten Luxuswohnanlagen. Der Mini-Van hatte aber eine Seitenstraße genommen, die genauso gut in Bolturino am Fluss Angara hätte liegen können. Erneut drohte das Heimweh Lilly zu überwältigen. Nur würde sie diesmal nicht weinen.

In der Wohnung hatten schon zwei andere Mädchen auf Stacey und Lilly gewartet. Ihre Namen hatte sie nicht verstanden, denn sie sprachen seltsames Russisch und nur ein bisschen Englisch, genau wie Stacey und Lilly. Die Models Stacey und Lilly würden sich darum kümmern müssen, dass sich das änderte. Wie Lilly das anstellen sollte, wusste sie noch nicht. Sie wusste ja noch nicht mal, ob sie sich am nächsten Tag waschen konnte. Hoffentlich gab es dann wieder Wasser. Und eine funktionierende Heizung wäre auch nicht schlecht gewesen. 

Lilly rollte sich noch fester in ihre Decke ein. Im Grunde mussten sie nur noch ein kleines Bisschen zusammenrücken, um sich gegenseitig zu wärmen. Die Einraumwohnung war höchstens 30 Quadratmeter groß. So viel Platz war da nicht fürs Frieren.

Montag, 26. Oktober 2015

Eine Wohnung in einem Plattenbau in Krasnojarsk

Alina oder Stacey, wie sie genannt werden wollte, schaute Lilly so spöttisch an, dass sie nicht mehr weiterkauen konnte. Aber Lilly hatte Hunger. Sie musste etwas essen. 

Es war noch dunkel, als sie sich pünktlich um sechs Uhr im Flur aufstellten. Milla musterte die Mädchen wohlwollend. Nur bei Lilly verzog sie das Gesicht. „Warum riechst du so streng?“

„Es gibt immer noch kein Wasser.“ Lilly schämte sich so, dass sie kaum zu sprechen wagte.

Stacey verkniff sich ein Grinsen. 

Milla wirkte nicht sonderlich begeistert. „Na ja. Wir fahren jetzt zu einer stillgelegten Werkshalle. Dort gibt es Duschräume.“ Ein letzter Blick, dann war Lilly Luft für sie, bis sie dort ankamen.

Sie fuhren kreuz und quer durch das verschneite Krasnojarsk. Milla saß selbst am Steuer und fluchte, wenn die anderen Autos nicht so fuhren, wie sie wollte. Die Stadt war im Gegensatz zu Bolturino riesig, aber Moskau war noch größer, sagte Patty, die ihren richtigen Namen ebenfalls hatte ablegen müssen. Patty wusste das so genau, weil sie schon einmal in Moskau gewesen war. 

„Warum bist du nicht dortgeblieben?“, fragte Heather, das andere Mädchen. Sie sah Patty ähnlich. Waren sie vielleicht miteinander verwandt?

Patty zuckt mit den Schultern und schwieg den Rest der Fahrt.

Lillys Magen knurrte vor Hunger. Eine Tasse Tee und eine Scheibe Brot machten nicht satt, wenn man die Tage davor fast nichts gegessen hatte. Na ja, es war gut für die Figur. Trotzdem hatte Lilly das Gefühl, dass sich ihr Bauch mit Luft füllte und immer praller wurde. Verstohlen betastete sie ihn unter ihrer dicken Jacke. Aber er war immer noch so flach wie in Bolturino, wenn nicht flacher.