Beschreibung

Kaum zu glauben, dass eine Mutter so etwas tut: Selina Kasten soll absichtlich einen Autounfall herbeigeführt und anschließend mit einem Messer auf ihren Sohn eingestochen haben. Wegen Verdachts auf einen erweiterten Suizidversuch kommt sie in die Psychiatrie, während Mats in die Obhut seines Großvaters Paul Yilmaz gegeben wird. Was wirklich passiert ist, weiß niemand – Selina will nicht reden und Mats kann nicht. Durch den Schock hat er die Sprache verloren. Auch was er im Keller des Hauses entdeckt, das er mit seiner Mutter bewohnte, bleibt sein ungeheuerliches Geheimnis. Als die ehemalige Kriminalkommissarin Anne Schall zufällig auf ihren alten Freund Paul und dessen verstörten Enkel trifft, will sie helfen. Sie ahnt nicht, was sie mit ihrer Unterstützung auslöst …

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Seitenzahl: 292

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Christiane Höhmann

Der stille Zeuge

Kriminalroman

Krimis mit Anne Schall (alle auch als E-Books erhältlich):

Untervörde. ISBN 978-3-89425-449-0

Skywalk. ISBN 978-3-89425-461-2

Der stille Zeuge. ISBN 978-3-89425-479-7

© 2016 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str.31, 44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagfoto: Ulli 19:46 / photocase.de

Die Autorin

Christiane Höhmann

Kaiser Wu von Liang fragte den großen Meister Bodhidharma:»Was ist der höchste Sinn der heiligen Wahrheit?«

Bodhidharma sagte: »Leer, nichts Heiliges.«

Biyan Lu

Dienstag, 25.März

Prolog

Die ganze Nacht das Sausen auf dem Beton. Ein Fahrzeug jault auf, wieder eins, viele. Wenn sie in Höhe des Hauses sind, kreischt und dröhnt es in ihrem Kopf.

Ein Streifen Licht hinter den Augenlidern, ein Blinzeln. Nicht aufwachen, noch ein bisschen dösen. Schlaf gibt es kaum noch, und wenn, dann nur oberflächlich, für ein paar Stunden.

Jetzt übertönt ein Zwitschern den Autolärm, pocht spitz an die Stirn. Die Meise sitzt auf dem Zweig vor dem Fenster, über dem der Knödel hängt. Von hier wird sie gleich zum Vogelbad in den Hof fliegen und Wasser zu allen Seiten spritzen.

Maria richtet sich auf, mit Stöhnen wegen der Rückensteife und den Knien, morgens ist es schlimm. Angelt nach den Pantoffeln, versucht, sich auf die wackligen Beine zu stellen.

Es hilft nichts, man muss ja.

Märzwind stößt kühl ins Zimmer, als sie das Fenster öffnet, der Fensterrahmen erzittert für einen Augenblick von einem schweren Fahrzeug. Was soll das? Sie steht doch nicht dort drüben, auf der Brücke, die ächzende Geräusche von sich gibt und mitschwingt, wenn die Autos darüber rasen.

Maria lässt ihren Blick schweifen. Noch erstrecken sich die Felder bräunlich und leer vom Autobahnparkplatz bis zum kahlen Wald. Aber, Gott sei Dank, es ist Ende März. Lange dauert es nicht mehr, bis die Kälte nicht mehr durch die Beine fährt und der Wind alle angenehmen Gedanken wegfegt.

Eine kurze Pause tritt ein, dann nähert sich wieder ein Fahrzeug. Sie hört eine leise Melodie und möchte sie einordnen. Sind das Simon and Garfunkel?

Jedenfalls die Zeit ist es, ja, tatsächlich Bridge over Troubled Water, gibt es das noch? Es ruft Erinnerungen hervor an Lagerfeuer im Zeltlager, an ein gelbes Sommerkleid aus Jersey im Charleston-Stil, das sie trug, als sie mit einem Jungen am Landwehrkanal spazieren ging und später auf einer Wiese im Löwenzahn lag. Dieser Typ, dessen Name ihr kaum mehr einfallen will, ging nie ohne Gettoblaster in die Wiesen oder in den Wald.

Sie war so daran gewöhnt, dass sie später immer Musik hören musste, wenn sie in einem fremden Bett lag. Im Takt, entrückt von Musik und Lust.

Maria lächelt unwillkürlich, lässt für einen Augenblick die Fensterbank los und richtet sich auf. Dann knickt sie ein, sinkt nach vorne und stützt sich wieder ab. Sie reibt sich die Handgelenke. Im Alter bedauert man einiges, o ja, denkt sie, aber niemals bedauert man die Dinge, die man getan hat, immer nur die, die man verschoben oder aus anderen Gründen nicht erlebt hat.

Die Musik wird lauter und lässt sie wieder auf die Fahrbahnen sehen. Ein Auto, ganz nahe. Trotz der Morgenkälte sind die Fenster heruntergekurbelt. Ein Junge schläft auf dem Beifahrersitz.

Das von dem Jungen wird sie erst später wissen, so weit kann sie ja nicht gucken. Er rührt sich nicht, als es in diesem Moment furchtbar kracht und das alte Haus erzittert. Es knallt, als sei ein Flugzeug abgestürzt und würden sich die Teile auf dem Hof verteilen. Die Welt geht unter, die Musik spielt weiter.

Als Simon and Garfunkel ihr Lied beendet haben, ist es schrecklich still.

Bis das Rauschen des Verkehrs wieder einsetzt.

Man möchte nicht der Notarzt oder die Sanitäter sein, die man gerufen hat. Als sie das Kind geborgen haben, fahren sie immer noch nicht ab. Ein Rettungssanitäter übersteigt den eingedrückten Aufprallschutz der Leitplanke und sucht etwas. Später wird Maria wissen, dass er nach dem Fahrer gesucht hat, der hier irgendwo zu finden sein muss, im Graben, im Wald.

Und wirklich: Die Mutter des Kleinen, die Unfallfahrerin, hatte wohl ihre Tür aufgestoßen, die Richtungsfahrbahn Bielefeld überquert und war im Unterholz verschwunden.

Es dauert nur wenige Minuten, bis der Sanitäter sie zu ihrem Jungen in den Rettungswagen verfrachtet.

Tatütata. Daran gewöhnt man sich nicht.

Maria fummelt mit beiden Händen am Reißverschluss ihres Rockes, dreht das Kleidungsstück schließlich mit einem Ruck nach vorne und zieht den Verschluss zu. Sie seufzt und greift nach Hassos Leine.

Der Golden Retriever steht schon an der Tür, wendet ihr seine bettelnden Augen zu und ahnt nichts von ihren Kopfschmerzen.

Erst tut die frische Luft gut, dann löst Hassos haltloses Bellen ein neues Dröhnen in ihrem Hinterkopf aus.

»Still, Hasso!«

Mittwoch, 26.März

1

Sie hatten ihm ein Riesenpflaster auf den Hals geklebt. So ein braunes Klebeding, das man nicht wieder abkriegt. Trotzdem wollten sie ihn nicht weglassen. Noch mehr Untersuchungen. Zur Sicherheit. Er schüttelte nur den Kopf, weil – er war okay, voll in Ordnung. Es blutete nicht mehr. Und er musste noch wohin. Schnell. Keine Zeit zu verlieren.

Dann kam endlich Opa. Mats atmete auf. Der alte Mann war okay, auch wenn er heute müde aussah und ein Gesicht hatte wie ein Stein. Ein alter Stein. Sein Mund ein Strich von rechts nach links. Oder von links nach rechts, je nachdem, wie man guckte. Wenn er lächelte, wurden seine Augen dunkel und warm. Mats kannte ihn noch nicht lange. Aber Opa war cool.

»Du kommst jetzt mit zu mir«, sagte er.

Nein, dachte Mats. Das geht nicht. Also, das geht wirklich nicht. Ich muss nach Hause, in den Garzweg, sofort. Er sah Opa an, die Bitte in den Augen.

»Zuerst holen wir ein paar Sachen für dich aus eurer Wohnung«, fuhr Opa fort.

Nein, nein, ich muss alleine in unsere Wohnung. Alleine. Bitte.

Aber dagegen kam man nicht an.

Mats konnte nichts erklären. Wer redet, muss erzählen, was passiert ist. Und das ging nicht. Außerdem wusste er nicht, was er erzählen sollte.

Er starrte Opa an, dann senkte er den Blick und trottete hinter ihm her durch den Krankenhausflur.

Türen öffneten sich vor ihnen und schlossen sich wieder, nachdem sie durchgegangen waren.

Als sie nach ihrem Marsch durch endlose Gänge draußen standen, fiel ihm ein, dass er Mutti nicht Tschüss gesagt hatte. Ihm wurde heiß. Er drehte sich um. Die Tür sauste auf.

»Mutti schläft«, sagte Opa. Er hatte Mats Blick durch den Flur bemerkt. »Sie kommt wieder in Ordnung.«

Wenn der das sagt. Aber Mats hatte Angst. Er hatte nur noch Mutti.

Am Bahnhof in Vlotho raus aus dem Zug. Die Weserbrücke überqueren, in die Fußgängerzone. Dann den Berg hoch. Mats lief diesen steilen Weg normalerweise nicht. Er fuhr ihn immer. Mutti lief immer, wenn sie den Opa besuchte. Runter und wieder hoch zur Wohnung, alles zu Fuß. Deshalb war Mats nicht oft mitgekommen. Er fuhr mit dem Rad kreuz und quer, sogar bis ganz oben, zur Burg. Und weite Strecken an der Weser entlang. Allein. Aber laufen – nein. Und warum wollte Mutti zum Opa nicht mit dem Auto fahren?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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