Der stumme Tod - Volker Kutscher - E-Book
Beschreibung

Tod vor laufender Kamera – Kommissar Rath ermittelt hinter den Kulissen der Filmmetropole Berlin März 1930: Der Tod einer Schauspielerin führt Gereon Rath in die Studios der Filmmetropole Berlin. Der junge Kommissar lernt die Schattenseiten des Glamours kennen und erlebt eine Branche im Umbruch. Der Tonfilm erobert die Leinwände, und dabei bleiben viele auf der Strecke: Produzenten, Kinobesitzer – und Stummfilmstars. Die gefeierte Schauspielerin Betty Winter wird bei Dreharbeiten zu einem Tonfilm von einem Scheinwerfer erschlagen, und zunächst sieht alles nach einem Unfall aus. Bis Gereon Rath, der Kölner Kommissar in der Berliner Mordinspektion, Indizien entdeckt, die auf Mord hindeuten. Während die Kollegen den flüchtigen Beleuchter verdächtigen, ermittelt Rath auf eigene Faust in eine andere Richtung – und steht schnell alleine da. Eine zweite Schauspielerin wird tot aufgefunden und gibt der Polizei Rätsel auf. Die Todesursache ist unklar, aber es handelt sich um ein Gewaltverbrechen: Der Leiche fehlen die Stimmbänder. Die Ermittlungen führen Rath zwischen die Fronten rivalisierender Filmproduzenten, ins Berliner Chinesenviertel, in die Unterwelt – und hart an die Grenzen der Legalität. Während es bei der Beerdigung von Horst Wessel zu einer Straßenschlacht zwischen Nazis und Kommunisten kommt, muss Rath seinem Vorgesetzten Böhm aus dem Weg gehen, der ihn von dem Fall abziehen will. Als sein Vater ihn bittet, dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer in einem Erpressungsfall zu helfen, und seine Exfreundin Charly eine erneute Annäherung wagt, droht Rath alles über den Kopf zu wachsen. Volker Kutscher gelingt es, nahtlos an seinen Bestseller Der nasse Fisch anzuknüpfen und das Berlin der 30er Jahre in einem vielschichtigen und spannenden Kriminalfall lebendig werden zu lassen. Er zieht seine Leser mitten hinein in eine Zeit, die unserer Gegenwart viel näher ist, als man vermutet.

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Seitenzahl:788


Volker Kutscher

Der stumme Tod

Roman

Kurzübersicht

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> Inhaltsverzeichnis

> Über Volker Kutscher

> Über dieses Buch

> Impressum

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Inhaltsverzeichnis

MottoFreitag1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. KapitelSamstag7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. KapitelSonntag14. Kapitel15. Kapitel16. KapitelMontag17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. KapitelDienstag21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. KapitelMittwoch26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. KapitelDonnerstag30. Kapitel31. KapitelFreitag32. Kapitel33. Kapitel34. KapitelSamstag35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. KapitelSonntag39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. KapitelMontag43. Kapitel44. KapitelDienstag45. Kapitel46. Kapitel47. KapitelMittwoch48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. KapitelDonnerstag60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. KapitelFreitag64. KapitelDankGereon-Rath-Website
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Das Organ der Künstlerin kam sehr gut und in allen Lagen schlackenfrei im Lautsprecher durch; einige, für den Tonfilm wenig geeignete Spracheigentümlichkeiten dürften sich beheben lassen.

Film-Kurier (1929)

Also dient der Tonfilm Unbeseeltem? Meine werten Schauhörer: Wem er dienen wird, das liegt allein bei uns.

Fritz von Unruh (1929)

What have I become?

My sweetest friend

Everyone I know

Goes away in the end

You could have it all

My empire of dirt

I will let you down

I will make you hurt

Nine Inch Nails (1994)

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Freitag

28. Februar 1930

1

Der Lichtstrahl tanzt durch die Dunkelheit, noch haltloser als sonst, so scheint es ihm, unruhig und wild. Bis sich das Flackern beruhigt und Formen annimmt.

Die sanften Linien eines Gesichts, auf die Leinwand gezeichnet allein vom Licht.

Ihr Gesicht.

Ihre Augen, die sich öffnen.

Und ihn anschauen.

Für die Ewigkeit gemeißelt in Licht, für immer und für alle Zeit gerettet vor der Vergänglichkeit. Wann immer er will, sooft er will, kann er sie leuchten lassen in diesen dunklen Raum, in dieses dunkle Leben.

Sein Leben. Ein Leben, dessen trostlose Dunkelheit stets nur eines zu erhellen vermochte: der tanzende Lichtstrahl eines Projektors auf einer Leinwand.

Er sieht, wie sich ihre Augen weiten. Sieht es, weil er es weiß. Weil er genau weiß, was sie spürt. Etwas, das ihr fremd ist und ihm so vertraut. Er fühlt sich ihr so nah. Fast wie in jenem Moment, der da auf ewig auf Zelluloid gebannt ist.

Sie schaut ihn an und begreift. Glaubt zu begreifen.

Ihre Hände fassen an den Hals, als fürchte sie zu ersticken.

Sie spürt keinen großen Schmerz, sie merkt nur, dass etwas anders ist.

Dass etwas fehlt.

Ihre Stimme.

Sie will etwas sagen, doch da ist nichts mehr.

Keine falsche Stimme mehr. Diese unerträgliche Stimme, die nicht zu ihr gehört. Er hat sie befreit von dieser Stimme, die plötzlich Besitz von ihr ergriffen hatte wie eine fremde, böse Macht.

Ihre Augen zeigen mehr Überraschung als Entsetzen, sie versteht nicht.

Dass er sie liebt, dass er nur aus Liebe zu ihr, zu ihrem wahren, engelsgleichen Wesen so gehandelt hat.

Aber es geht auch nicht darum, dass sie versteht.

Dann öffnet sie ihren Mund, und es ist wie früher. Endlich hört er sie wieder. Endlich wieder ihre Stimme! Ihre wahre Stimme, die ewig ist und die ihr niemand nehmen kann, die außerhalb der Zeit steht und nichts hat vom Schmutz und der Gewöhnlichkeit der Gegenwart.

Die Stimme, die ihn verzaubert hat, als er sie zum ersten Mal hörte. Wie sie zu ihm sprach, allein zu ihm, obwohl so viele andere neben ihm saßen.

Er erträgt kaum, wie sie ihn anschaut. Sie hat über den Rand geblickt, hat alles gesehen, nicht mehr lange und sie wird die Balance verlieren.

Der Moment, in dem sie zu Boden geht.

Ihr Blick, der mit einem Mal so anders ist.

Die Ahnung des Todes in ihren Augen.

Das Wissen zu sterben.

Jetzt zu sterben.

Keine Rückkehr.

Der Tod.

Ist in ihren Augen.

Angekommen.

2

Der Mann im dunklen Abendanzug lächelte der grünen Seide gelassen entgegen. Eine Hand in der Tasche vergraben, in der anderen ein Cognacglas, hielt er stand, wich keinen Schritt zurück. Nicht einmal ein kurzes Flattern verirrte sich in seine Augen, als die Frau im Abendkleid nur wenige Zentimeter vor ihm stehen blieb.

Die grüne Seide bebte von einem heftigen Atmen.

»Habe ich mich da gerade verhört?«, fauchte die Frau.

Er trank einen Schluck Cognac. »Wenn ich mir Ihre entzückenden Ohren so anschaue, kann ich mir kaum vorstellen, dass Sie sich damit verhören.« Sein Lächeln zog sich immer mehr zu einer Art amüsiertem Grinsen in die Breite.

»Sie glauben also tatsächlich, dass Sie so etwas mit mir machen können!?«

Ihre Wut schien ihm zu gefallen, je wütender sie wurde, desto unverschämter griente er sie an. Er machte eine Pause, als müsse er sich die Antwort reiflich überlegen. »Ich denke schon«, sagte er dann mit einem anerkennenden Nicken. »Wenn ich mich nicht täusche, hat doch Herr von Kessler genau das mit Ihnen machen können, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht, mein lieber Graf Thorwald!«

Amüsiert beobachtete er, wie sie ihre Hände in die Hüften stemmte. Durch das Fenster blitzte es hell.

»Das ist keine Antwort«, sagte er und schaute in sein Cognacglas.

»Reicht Ihnen das als Antwort?«

Noch während des Satzes hatte sie ausgeholt. Er schloss die Augen in Erwartung einer gepfefferten Ohrfeige. Doch dazu kam es nicht. Ein lautes Wort, das aus einer anderen Welt zu kommen schien, reichte aus, um sämtliche Bewegungen augenblicklich einfrieren zu lassen.

»Auuus!«

Für den Bruchteil einer Sekunde verharrten beide so unbeweglich wie auf einer Fotografie, dann ließ sie ihre Hand sinken, er öffnete die Augen, beide drehten ihre Köpfe und schauten ins Dunkel, dorthin, wo das Parkett, auf dem sie standen, von einem schmutzigen Betonboden abgelöst wurde. Sie blinzelte in die Wand aus Licht, nur schemenhaft konnte sie den Klappstuhl erkennen, auf dem der Mann saß, der mit einer einzigen Silbe alles kaputt gemacht hatte und nun aufstand, seine Kopfhörer über den Stuhl hängte und ins Licht trat, ein drahtiger Mann, die Krawatte nachlässig gebunden, die Hemdsärmel nach oben geschoben. Eben noch hatte er so laut gebrüllt, dass alle zusammenfuhren, jetzt klang seine Stimme samtig weich.

»Du hast die letzten Worte in die falsche Richtung gesprochen, Betty, mein Engel«, sagte er. »Die Mikrofone haben dich nicht drauf.«

»Die Mikrofone, die Mikrofone! Ich kann das nicht mehr hören, Jo! Das hat doch mit Film nichts mehr zu tun!« Ein kurzer Seitenblick zum Tonmeister reichte, um den Mann an den Knöpfen rot werden zu lassen. »Film«, fuhr sie fort, »Film, das ist Licht und Schatten, das muss ich dem großen Josef Dressler doch nicht erklären! – Mein Gesicht auf Zelluloid, Jo! Ich wirke doch nicht über die … Mikrofone!«

Sie legte eine Betonung auf das letzte Wort, dass es sich anhörte, als spreche sie von einer neu entdeckten, besonders ekelhaften Insektenart.

Dressler holte tief Luft, bevor er antwortete. »Ich weiß, dass du deine Stimme nicht brauchst, Betty«, sagte er, »aber das war die Vergangenheit. Mit diesem Film beginnt deine Zukunft! Und die Zukunft spricht!«

»Blödsinn! Es gibt so viele, die lassen sich nicht verrückt machen, die drehen noch richtige Filme. Ohne Mikrofone. Meinst du, der große Chaplin irrt? Wer weiß denn schon, ob der Sprechfilm nicht nur eine Mode ist, der im Moment alle hinterherlaufen und die bald wieder vergessen sein wird?«

Dressler schaute sie erstaunt an, als sei es nicht sie, die da gesprochen habe. »Ich weiß es«, sagte er, »wir alle hier wissen es. Und du weißt es auch. Der Tonfilm ist wie geschaffen für dich, du bist wie geschaffen für den Tonfilm. Der sprechende Film wird dich wirklich groß machen. Du musst nur eines tun: daran denken, in die richtige Richtung zu sprechen.«

»Denken! Wenn ich eine Rolle spiele, muss ich sie leben!«

»Sicher. Lebe deine Rolle. Aber sprich dabei in Victors Richtung – und hol erst zum Schlag aus, wenn du deinen Dialog zu Ende gebracht hast.«

Betty nickte.

»Und schlag nicht so fest wie in den Proben, du musst ihn nur berühren. Die Ohrfeige soll man nicht hören, nur den Donner.«

Alle lachten, auch Betty. Der Ärger war verraucht, die Stimmung wieder gelöst. Das konnte nur Jo Dressler. Betty liebte ihn dafür.

»Also: alles auf Anfang, wir machen das gleich noch mal!«

Der Regisseur war zu seinem Platz zurückgekehrt und setzte sich die Kopfhörer auf. Betty nahm wieder ihre Position an der Tür ein, Victor blieb am Kamin stehen und stellte nur sein Gesicht auf Anfang. Während hinter den Kulissen noch hektische Betriebsamkeit herrschte, nutzte sie die Zeit und konzentrierte sich auf ihre Rolle. Eine Hotelangestellte, die ihrem Chef zuliebe eine Millionärstochter spielt und sich mit den Folgen herumschlagen muss, empört über die Unterstellungen, die ihr dieser dahergelaufene Hochstapler an den Kopf geworfen hat. Dieser Hochstapler, den sie am Ende der Szene noch küssen würde – und der in Wahrheit kein Hoch-, sondern ein Tiefstapler war.

Ton und Kamera liefen wieder, im Atelier wurde es still wie in einer Kirche vor dem Segen.

Die Klappe zerhackte die Stille.

»Liebesgewitter dreiundfünfzig, die zweite!«

»Uuund bitte«, hörte sie Dressler sagen.

Victor legte los mit seinen Unverschämtheiten, und sie steigerte sich wieder in ihre Wut hinein. In ihre Filmwut. Sie wusste genau, wo die Kamera stand, immer wusste sie das, und doch konnte sie so agieren, als gebe es kein gläsernes Auge, das jede ihrer Bewegungen festhielt.

Sie hatte ihre Position am Kamin erreicht und giftete Victor an. Ein dickes Mikrofon hing genau über seinem Kopf, sie versuchte es ebenso zu ignorieren, wie sie die Kameras ignorierte, sie musste nur mit Victor sprechen, dann sprach sie auch ins Mikrofon, es war ganz einfach, Jo hatte recht. Sie merkte, dass sie gut war. Wenn Victor jetzt nicht patzte, womit leider immer zu rechnen war, hätten sie die Szene gleich im Kasten. Sie registrierte den Blitz, er kam zum richtigen Zeitpunkt. Dann ließ sie sich von ihrem eigenen Rhythmus tragen, zählte langsam rückwärts, während sie die letzten Worte der Szene sprach.

»Reicht Ihnen das als Antwort?«

Jetzt.

Genau jetzt die Ohrfeige.

Sie spürte, wie sie sein Gesicht traf. Nun hatte sie doch zu fest zugeschlagen! Na, Victor würde es schon überleben. Umso realistischer würde ihr Streit wirken.

Da erst fiel ihr auf, dass etwas nicht stimmte.

Kein Donner.

Stattdessen ein helles metallenes Geräusch, ein leises Pling; hinter ihr musste ein kleines Metallteil auf den Boden geknallt sein.

Sie schloss die Augen. Nein! Bitte nicht!

Nicht irgendeine bescheuerte Technikpanne! Nicht, wo sie gerade so gut gewesen war!

Doch.

»Scheiße«, hörte sie Dressler fluchen. »Auus!«

Trotz ihrer geschlossenen Augen merkte sie, dass sich das Licht veränderte. Bevor sie die Lider wieder öffnen konnte, spürte sie den Schlag. Ein Schlag wie von einem riesigen Hammer, er traf sie an der Schulter, am Oberarm, im Nacken, ein einziger gewaltiger Schlag. Als sie die Augen wieder aufriss, fand sie sich schon am Boden. Was war passiert? Sie hörte etwas knacken und spürte, es kam aus ihrem Körper, etwas in ihr musste zerbrochen sein. Der Schmerz packte sie so unvermittelt und brutal, dass ihr für einen Moment schwarz vor Augen wurde. Sie sah die Tücher und Stahlgerüste an der Studiodecke, Victors entsetztes Gesicht, das sie anstarrte, bevor es aus ihrem Blickfeld verschwand.

Sie wollte aufstehen, doch es ging nicht, sie wollte weg, denn etwas verbrannte ihr Gesicht, verbrannte ihre Haare, die ganze linke Seite, es schmerzte unerträglich. Nicht einmal den Kopf konnte sie wegdrehen, irgendetwas drückte sie zu Boden und wollte sie verbrennen. Alles in ihr wollte sich aufbäumen gegen den Schmerz, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht, sie bewegten sich nicht mehr, nichts an ihrem Körper bewegte sich; wie eine meuternde Armee verweigerte er sämtliche Befehle. Sie roch versengtes Haar und verbrannte Haut, hörte jemanden schreien, stellte irritiert fest, dass das ihre eigene Stimme sein musste, und dennoch schien es ihr, als schreie da jemand anders, als könne sie das gar nicht sein, als gehöre das gar nicht zu ihr, das da schrie und schmerzte und sich einfach nicht mehr bewegen wollte, nur noch schreien wollte, schreien, schreien, schreien.

Victors Gesicht kehrte zurück, kein Gesicht mehr, eine Grimasse, weit aufgerissene Augen, die sie anstarrten, ein bizarr verzerrter Mund, nicht das Gesicht seiner Filmhelden, gleichwohl entschlossen. Erst als sie das Wasser auf sich zukommen sah, das wie eine unförmige Qualle unendlich lang in der Luft zu schweben schien, bevor es sie erreichte, erst in diesem unendlichen Augenblick wusste sie, was er da tat.

Und wusste, dass es das Letzte war, das sie jemals sehen würde.

Dann war da nur noch Licht. Ein gleißendes Licht, das sie restlos umgab, nein, nicht nur umgab: Sie selbst war Licht, für den Bruchteil einer Sekunde war sie Teil einer nie zuvor erfahrenen Helligkeit und sah so klar wie noch nie. Und wusste, dass es genau diese Helligkeit war, die sie unumkehrbar und für immer in die Dunkelheit stürzen würde.

3

Die Sch. wehrte sich heftig. »Baumgart« zwang sie aber auf den Rücken und versuchte, ihr das Beinkleid herunterzuziehen. Auf ihre Drohung, sie werde schreien, wenn er nicht von ihr abließe, meinte »Baumgart« höhnisch, sie solle nur schreien, hier höre sie doch niemand. Im weiteren Ringen sagte die Sch. dann, daß sie eher sterben würde, als ihm zu Willen zu sein, worauf »Baumgart« erwiderte: »Dann sollst du sterben …«

»Haben der Herr noch einen Wunsch?«

»Dann sollst du sterben«, murmelte er.

»Wie bitte?«

Rath blickte von seiner Zeitschrift auf. Der Kellner stand an seinem Tisch, in der Hand ein Tablett mit schmutzigem Geschirr. »Ach, schon gut«, sagte Rath. »Nicht weiter wichtig.«

»Kann ich dem Herrn noch etwas bringen?«

»Im Moment nicht, danke. Ich erwarte noch jemanden.«

»Sehr wohl.«

Der Kellner räumte die leere Kaffeetasse vom Tisch und drehte ab. Ein beleidigter Pinguin. Rath blickte ihm hinterher, wie er sein Tablett durch die Stuhlreihen balancierte. Das Café füllte sich langsam. Bald würde er den freien Stuhl an seinem Tisch verteidigen müssen.

Sie kam zu spät. Sie kam sonst nie zu spät. Ob sie nicht begriffen hatte, um was es ging? Oder kam sie nicht, weil sie es begriffen hatte?

Sie hätte ihn nicht im Büro anrufen dürfen. Sie hatte es einfach nicht verstanden. Sie hatte ihm einen Gefallen tun wollen, so wie sie ihm immer und immer wieder Gefallen tun wollte, nach denen er überhaupt nicht verlangt hatte. Nur deswegen hatte sie unbedingt mit ihm ins Resi gewollt, das müsse ihm doch gefallen, als Rheinländer, hatte sie gesagt und ihm die Karten für den Kostümball gezeigt.

Fasching!

Allein schon dieses Wort!

Aber so nannten sie das hier, Fasching. Rath ahnte, was ihn da erwartete. Kostümzwang, Weinzwang, Gutelaunezwang, Ichliebedichzwang, Wirgehörenaufewigzusammenzwang.

Das missglückte Telefonat hatte ihn unbarmherzig daran erinnert, was das mit Kathi wirklich war: eine Silvesterbekanntschaft, die es viel zu weit ins neue Jahr geschafft hatte.

Er hatte sie erst kurz vor Mitternacht kennengelernt, zusammen hatten sie auf das neue Jahr angestoßen und sich, beide schon recht angeschickert, spontan geküsst. Gemeinsam waren sie dann zur Bowleschüssel gegangen, an der irgendein Schlauberger jedem, der es nicht hören wollte, alle Hoffnungen auf das neue Jahrzehnt schon gleich zu Beginn zerstörte, indem er behauptete, das sei doch noch gar nicht das neue Jahrzehnt, da müsse man sich noch gedulden, das beginne erst mit dem Jahr 1931, mathematisch korrekt sei 1930 vielmehr das letzte Jahr der Zwanziger.

Rath hatte den Kopf geschüttelt und die Bowlegläser nachgefüllt, während Kathi dem mit Missionsdrang gesegneten Mathematiker fasziniert gelauscht hatte. Er hatte sie regelrecht wegzerren müssen von der Nervensäge, zurück auf den Dachgarten, wo die Festgesellschaft das Feuerwerk am Nachthimmel über Charlottenburg bestaunte, und in eine dunkle Ecke, in der er sie wieder küsste, während um sie herum die Leute lachten und grölten und die Feuerwerksraketen pfiffen und krachten. Er küsste sie heftig, bis sie einen kurzen spitzen Schrei ausstieß, einen Schmerzensschrei. Ihre Lippe blutete, und sie schaute ihn für einen Moment so überrascht an, dass er schon eine Entschuldigung formulierte. Doch dann lachte sie und zog ihn wieder zu sich.

Sie hielt es für Leidenschaft, doch eigentlich war es Wut, eine unbenennbare Aggression, die sich Bahn brach und an einer Unschuldigen austobte, auch später, als sie ihn mit in ihr kleines Dachzimmer genommen hatte und er sich austobte, als habe er hundert Jahre keine Frau mehr gehabt.

Sie nannte es Liebhaben.

Und seine Wut nannte sie Leidenschaft.

So missverständlich wie alles, was danach kam, ihre Liebe, wie sie es nannte, das, was da zwischen ihnen war, für das er keinen Namen fand, das angefangen hatte mit Feuerwerk und Zukunftswünschen und dennoch keine Zukunft hatte, von Anfang an nicht. Geahnt hatte er das schon während der ersten Küsse, als Alkohol und Hormone jegliche Bedenken beiseitefegten, gewusst hatte er es spätestensam Neujahrsmorgen, als sie ihm mit verliebtem Blick frischen Kaffee ans Bett gebracht hatte.

Über den Kaffeeduft hatte er sich zunächst gefreut. Dann hatte er ihr verliebtes Gesicht gesehen.

Er hatte den Kaffee getrunken und sie müde angelächelt.

Seine erste Lüge. Die erste von vielen, die folgen sollten. Ohne dass er lügen wollte, ja, ohne dass er manchmal überhaupt wusste, dass er gerade log. Mit jedem Tag war seine Lüge größer geworden, mit jedem Tag unerträglicher. Er hätte es ihr schon längst sagen müssen.

Ihre Stimme, die vorhin aus dem Hörer drang, ihr so gezwungen fröhliches Gerede über den Faschingsball, über Verabredungen und Vergnügen und Kostüme und sonstiges belangloses Zeug hatten ihm die Augen geöffnet. Es war Zeit, endgültig Zeit, das Ganze zu beenden.

Nur nicht am Telefon. Und ganz bestimmt nicht am Diensttelefon. Rath hatte zu Gräf hinübergeschielt, zu dem konzentriert durch irgendeine Akte blätternden Kriminalsekretär, und hatte Kathi kurzerhand ins Uhlandeck bestellt. Zum Reden.

»Was willst du am Ku’damm, wir müssen nach Schöneberg«, hatte Gräf gefragt, ohne von seiner Akte aufzublicken.

»Du fährst nach Schöneberg.«

Rath hatte seinem Kriminalsekretär die Wagenschlüssel gegeben und sich am Uhlandeck absetzen lassen. Kathi arbeitete ganz in der Nähe.

Und ließ sich dennoch nicht blicken.

Rath schlug die Kriminalistischen Monatshefte wieder auf, in denen er gelesen hatte, bevor der Kellner kam. Kriminalrat Gennat, sein Chef am Alex, berichtete dort über die spektakulären Ermittlungen in Düsseldorf, eine grauenhafte Serie unaufgeklärter Morde, bei denen Gennat und ein paar handverlesene Berliner Kollegen der örtlichen Kriminalpolizei auf die Sprünge helfen sollten. Rath hatte es abgelehnt mitzukommen, obwohl er wusste, dass er den Buddha mit dieser Absage enttäuschte und seine eigene Karriere damit ausbremste: Von Gennat ausgewählt zu werden war eine Auszeichnung, etwas, das man nicht so einfach ablehnte. Aber selbst Raths Vater hatte von einer Rückkehr in die Rheinprovinz abgeraten, auch wenn es nur um Düsseldorf ging und nicht um Köln. Zu gefährlich, hatte Kriminaldirektor Engelbert Rath gesagt, LeClerk und seine Zeitungen könnten davon Wind bekommen, dass Gereon Rath noch als Polizist arbeitete, und dann wäre alles umsonst gewesen, was man vor einem Jahr arrangiert habe.

Ärgerlich! Die Düsseldorfer Mordserie war der spektakulärste Kriminalfall Preußens seit Jahren: neun Morde, dazu weitere Mordversuche binnen weniger Monate. Die Düsseldorfer Polizei war von einem einzigen Täter ausgegangen und hatte damit eine unbeherrschbare Hysterie in der Stadt ausgelöst. Gennat hielt nichts von solch voreiligen Schlüssen, er hatte für jeden einzelnen Düsseldorfer Mord dessen jeweilige Besonderheiten herausgearbeitet. Ein Fall wie geschaffen für die Monatshefte. In jeder Ausgabe berichtete Gennat über den Stand der Ermittlungen, die allerdings auch mit der prominenten Berliner Hilfe nicht vom Fleck kamen. Mangels anderer vorzeigbarer Ergebnisse hatte Gennat die Opfer akribisch aufgelistet: die neun Toten, aber auch vier Schwer- und fünf Leichtverletzte, alle binnen weniger Monate im Raum Düsseldorf aktenkundig geworden. Die sechsundzwanzigjährige Hausangestellte Sch., deren Schicksal Gennat so eindringlich beschrieb, hatte nur deshalb mit schweren Verletzungen überlebt, weil der Täter gestört worden war.

Rath hatte jede Folge gelesen, während er am Alex die Stellung hielt und sich mit Kleinkram herumschlagen musste. Mit den Resten, die Oberkommissar Böhm bis zu ihm unter den Tisch fallen ließ, denn ausgerechnet Bulldogge Böhm hatte Gennat am Alex für die Zeit seiner Abwesenheit mit der Leitung der Mordinspektion betraut. Und das bedeutete für Gereon Rath: stumpfsinnige Laufburschendienste oder bestenfalls Fälle, die sonst niemand haben wollte. Wie der von Isolde Heer, die in Schöneberg vor zwei Tagen ihren Gasherd aufgedreht hatte, ohne ihn anzuzünden: Suizide, die zwar viel Arbeit machten, bei denen man aber garantiert nicht Gefahr lief, sich mit Ruhm zu bekleckern. Solche Fälle gab es derzeit reichlich, Selbstmorde hatten Konjunktur diesen Winter. Meistens wurden sie von der örtlichen Kriminalpolizei in den jeweiligen Revieren bearbeitet, ein paar schafften es aber immer mal wieder bis zum Alex. Und dort landeten sie zielsicher auf dem Schreibtisch von Gereon Rath.

Eine deprimierende Arbeit.

Rath blätterte in der Zeitschrift und suchte die Stelle, an der ihn der Kellner unterbrochen hatte.

Hiernach spürte die Sch. plötzlich einen Messerstich oder Schnitt am Halse und schrie laut um Hilfe. Sie glaubte, auf ihre Hilferufe sofort Gegenrufe gehört zu haben. »Baumgart« stach nun wahllos von vorn auf sie ein und versetzte ihr schließlich einen heftigen Stich in den Rücken. Hierbei brach, wie bereits mehrfach erwähnt, die Spitze des Dolches ab und blieb im Rücken stecken …

»Telefon für Kommissar Rath!« Ein Boy spazierte durch die Tischreihen und reckte ein Pappschild in die Luft, auf dem große Blockbuchstaben das Wort Fernsprecher bildeten. »Kommissar Rath bitte ans Telefon!«

Rath brauchte ein paar Sekunden, bis er merkte, wer gemeint war, und hob die Hand wie in der Schule. Einige Gäste drehten den Kopf nach ihm um, als der Boy an seinen Tisch trat.

»Wenn Sie mir bitte folgen wollen …«

Rath legte die Zeitschrift als Platzhalter auf den Tisch. Ob Kathi ihm telefonisch eine Absage erteilen wollte, rätselte er, als er dem Pappschild zu den Telefonzellen folgte. Wenn sie es so wollte! Dann müssten sie es eben am Telefon hinter sich bringen!

»Kabine zwei«, sagte der Boy.

Hier gab es gleich zwei Fernsprecher, hinter verglasten Türen aus dunklem Holz. Über der rechten leuchtete ein Lämpchen. Der Boy zeigte auf die messingglänzende Zwei direkt neben dem Lämpchen.

»Nehmen Sie einfach den Hörer ab«, sagte er, »Ihr Gespräch ist bereits durchgestellt.«

Rath ging hinein und schloss die Tür. Vom Stimmengemurmel aus dem Lokal war kaum noch etwas zu hören. Er nahm den Hörer in die Hand, holte tief Luft und meldete sich.

»Rath? Sind Sie das? Na endlich!«

»Herr Oberkommissar?«, fragte Rath. Überflüssigerweise. So bellte nur einer seine Worte ins Telefon.

Oberkommissar Wilhelm Böhm.

Die Bulldogge hatte ein unfehlbares Gespür dafür, ihn auf dem falschen Fuß zu erwischen. »Wo treiben Sie sich denn rum, Mann? Sie sollten Ihre Mitarbeiter etwas gründlicher instruieren! Fräulein Voss konnte mir nicht einmal sagen, was Sie da im Westen überhaupt machen!«

»Isolde Heer«, nuschelte Rath, »ihr Suizid steht nun fest. Der Bericht ist so gut wie fertig. Liegt morgen auf Ihrem Schreibtisch.«

»Sind Sie unter die Literaten gegangen? Oder warum schreiben Sie Ihre Berichte im Café?«

»Ein Zeuge arbeitet in der Nähe und hat den Treffpunkt vor…«

»Na, ist ja auch egal. Lassense mal diesen unwichtigen Mist liegen und schnappen sich Ihren Kriminalassistenten …«

»…sekretär …«

»… und fahren nach Marienfelde raus. Terra-Atelier. Tödlicher Unfall. Kam gerade rein. Die Kollegen vom Zwohundertzwoten haben um Unterstützung gebeten. Ist wohl komplizierter als gedacht.«

Oder die Kollegen im 202. Revier bangen um ihren pünktlichen Feierabend, dachte Rath.

»Ein Unfall«, sagte er. »Hört sich ja spannend an. Was für ein Atelier war das gleich noch?«

»Terra. Filmfritzen. Irgendjemand vom Gerüst gefallen oder so. Ich habe Ihnen einen Wagen geschickt, die Kollegen kennen den Weg.«

»Da bleibt mir ja nur noch, Ihnen zu danken.«

Böhm tat so, als habe er Raths Sarkasmus nicht bemerkt.

»Ach, Herr Kommissar«, sagte er nur, »da wäre noch etwas.«

Scheiße! Ärgere nie deine Vorgesetzten!

»Ja?«

»Dieser Wessel wird morgen um fünf beerdigt. Ich möchte, dass Sie sich das Spektakel mal anschauen. Diskret natürlich.«

Natürlich! Hatte die Bulldogge noch etwas gefunden, um ihm das Wochenende zu versauen! Die ideale Kombination: eine undankbare Aufgabe, idealerweise am dienstfreien Samstagnachmittag und garantiert ohne Bedeutung für die weiteren Ermittlungen!

»Und was genau soll ich da beobachten, Herr Oberkommissar?«, fragte Rath. Er sah nicht den geringsten Nutzen darin, morgen auf dem Friedhof herumzulungern, nicht in einem politisch derart aufgeheizten Fall, in dem der Tathergang überdies längst geklärt war. Das mochte für die Politische Polizei interessant sein, nicht aber für die Inspektion A.

»Ich muss Ihnen doch wohl nicht erklären, wie die Kriminalpolizei arbeitet«, schnauzte Böhm durch den Hörer. »Das ist Routine! Halten Sie einfach die Augen auf!«

»Jawohl, Herr Oberkommissar.«

Ein höflicher Abschied erübrigte sich, die Bulldogge hatte bereits aufgelegt.

Die Beisetzung von Mordopfern zu besuchen gehörte tatsächlich zur Routine der Inspektion A – nur war klar, dass die Beerdigung morgen eher einer politischen Kundgebung gleichen und unter Garantie keine neuen Aufschlüsse liefern würde in einem Fall, der ohnehin sonnenklar war: Vor ein paar Wochen hatte ein Zuhälter einem jungen SA-Führer, der ihm eins seiner Pferdchen ausgespannt hatte, eine Kugel in den Mund geschossen. Der Mann saß bereits seit sechs Wochen in U-Haft und war geständig, berief sich allerdings auf Notwehr, obwohl er mit ein paar kommunistischen Kumpels gewaltsam in die Wohnung eingedrungen war. Am Sonntag war das Opfer gestorben, und Goebbels’ Angriff hatte aus dem Jüngling, der sich in eine Hure verliebt und das mit dem Leben bezahlt hatte, einen Heiligen gemacht, einen Märtyrer der Bewegung, einen Blutzeugen, wie die Völkischen das nannten. Entsprechend aufgeheizt war die Stimmung. Die Polizei rechnete mit Schlägereien zwischen Nazis und Kommunisten und hatte ein paar Hundertschaften Schupo bereitgestellt. In diesen Hexenkessel wollte Böhm ihn schicken. Vielleicht hoffte der Oberkommissar, dass irgendein Nazi oder Kommi Rath aus Versehen niederschlug.

Rath blieb gleich am Telefon, er rief in Schöneberg an und erreichte Gräf noch in der Wohnung Heer. Fünf Minuten später stand er auf dem Gehweg am Uhlandeck und wartete. Kathi war noch immer nicht erschienen. Jetzt war es für eine Aussprache auch zu spät.

Das Mordauto hatte Böhm ihm nicht gegönnt. Ein grüner Opel der Fahrbereitschaft hielt in zweiter Reihe auf dem Ku’damm. Kriminalsekretär Czerwinski schälte seinen zu schweren Körper aus dem Beifahrersitz, als er den Kommissar erblickte, und öffnete die Tür zum Fond. Am Steuer saß Kriminalassistent Henning. Rath seufzte. Plisch und Plum, wie die unzertrennlichen Kollegen in der Burg genannt wurden, waren nicht gerade die ehrgeizigsten Kriminalisten am Alex, wahrscheinlich schanzte Böhm sie ihm deshalb immer mal wieder zu. Henning tippte kurz an seinen Hut, als Rath sich auf den Rücksitz zwängte. Lange, harte Holzstäbe und eine unförmige Kiste ließen ihm kaum Platz.

Rath fluchte. »Was ist denn das?«

»Der Fotoapparat«, meinte Henning, »passt nicht in den Kofferraum von diesem Scheiß-Opel!«

»Ins Mordauto hätte er gepasst!«

Henning zuckte entschuldigend die Achseln. »Das braucht Böhm«, sagte er.

»Um damit zu Aschinger zu fahren, oder was?«

Henning lachte geflissentlich, wie es von seinem Dienstrang erwartet wurde, wenn ein Kommissar Witze riss. Kaum hatte Czerwinski wieder auf dem Beifahrersitz Platz genommen, gab der Kriminalassistent Gas. Mit quietschenden Reifen wendete der Opel und wechselte auf die Gegenfahrbahn. Rath stieß sich den Kopf am Verdeckscharnier und fluchte. Als das Auto in die Joachimsthaler Straße einbog, meinte er, Kathis roten Wintermantel im Rückspiegel zu erkennen.

4

Das Filmatelier lag ganz in der Nähe der Pferderennbahn. Henning parkte gleich neben dem sandfarbenen Buick, der schon auf dem Hof stand. Gräf hatte sich beeilt; die Aussicht, etwas anderes zu bearbeiten als diesen deprimierenden Suizid, und sei es nur ein einfacher Unfall, schien ihn beflügelt zu haben. Immerhin ein Unfall in einem Filmatelier. Vielleicht liefen sie ja Henny Porten über den Weg.

Eine lange Backsteinmauer säumte das Gelände. Das eigentliche Atelier erhob sich etwas abseits der Straße und sah aus wie ein zu groß geratenes Gewächshaus, ein Gebirge aus Glas, das inmitten der schmucklosen preußischen Industriearchitektur dieser Gegend etwas deplatziert wirkte. Am Eingang stand ein Schupo vom 202. Revier Wache, so dezent, dass man die blaue Uniform von der Straße aus nicht sehen konnte.

»Hier entlang, die Herren«, sagte er, als Rath seine Marke zückte, und zeigte auf eine große Stahltür. »Ihr Kollege ist schon drinnen.«

»Was ist denn passiert?«, fragte Rath. »Wir wissen nur von einem Unfall.«

»’ne Schauspielerin hat’s erwischt. Mitten in den Dreharbeiten. Mehr weeß ick ooch nich.«

Hinter Rath keuchte es. Henning mühte sich unter dem Fotoapparat ab, den er aus dem Opel gewuchtet hatte. Der Schupo öffnete die Stahltür, und der schmächtige Kriminalassistent manövrierte die Kamera mit dem sperrigen Stativ hindurch. Rath und Czerwinski folgten ihm.

Von den riesigen Fenstern, die das Gebäude von außen wie ein Tropenhaus wirken ließen, war hier drinnen nichts mehr zu sehen, schwere Tücher hingen unter der Decke, auch die Wände waren komplett mit Stoffbahnen verkleidet. Der schwer bepackte Henning musste aufpassen, dass er nicht stolperte, überall schlängelten sich Kabel über den Boden, andere waren quer durch den Raum gespannt. Rath bewegte sich vorsichtig durch den Kabeldschungel und schaute sich um. Alles hier war vollgestopft mit technischem Gerät. Scheinwerfer auf Stativen, dazwischen ein verglaster Kasten, der an einen schmucklosen Beichtstuhl erinnerte. Hinter der dicken, aber blitzblank geputzten Glasscheibe erkannte Rath die Silhouette einer Filmkamera. Eine zweite Kamera stand mitsamt Stativ auf einem Wagen, eingekapselt in ein schweres Metallgehäuse, aus dem nur noch das Objektiv herauslugte. Daneben ein futuristisch aussehendes Schaltpult mit unzähligen Reglern, Röhren und blinkenden Lämpchen, auf dem ein Kopfhörer lag. Ein dickes Kabel führte von diesem Pult nach hinten, dünnere Kabel verbanden es mit einer Art Galgen, an dem zwei silbrig-schwarze Mikrofone hingen, die wie zwei fette Spinnen über einem Salon schwebten, dessen Boden von Kabeln und Technik komplett freigehalten war: teures Parkett, dunkle Kirschholzmöbel, sogar ein Kamin – es sah aus, als habe sich ein elegantes Hotelzimmer in die falsche Gegend verirrt. Ebenso deplatziert wirkte die Menschentraube inmitten der Eleganz: hemdsärmeliges Räuberzivil neben grauen und weißen Arbeitskitteln. Der einzige Mensch, der einen zu dieser Umgebung passenden Abendanzug trug, saß etwas abseits auf einem der Klappstühle, die rings um das Parkett zwischen Scheinwerferstativen und Kabelsträngen standen, ein blonder Mann, der sein Gesicht in den Armen verborgen hatte. Eine junge Frau in mausgrauem Kostüm schien ihn trösten zu wollen, sie hatte sich über ihn gebeugt und drückte seinen Kopf an ihren grauen Bauch. Ab und zu schluchzte der Mann laut auf, das einzige vernehmbare Geräusch hier, denn in der Traube auf dem Parkett sprachen alle so leise, als werde hier tatsächlich noch ein Tonfilm gedreht, wie es das Warnschild draußen über der Tür beharrlich blinkend verkündete.

Rath drängte sich hinter Henning an einem sperrigen Scheinwerferstativ vorbei auf die Szene. Er nickte dem Kriminalassistenten zu, und der ließ das schwere Kamerastativ so laut auf den Boden knallen, dass sich alles umdrehte. Die Menschentraube lichtete sich etwas, und Rath erkannte Gräf neben zwei Schupos. Und dann sah er, warum hier niemand laut sprach, warum alle höchstens zu flüstern wagten. Zu Gräfs Füßen glänzte dunkelgrüne Seide in beinah elegantem Faltenwurf, drapiert wie für ein Gemälde, in Wirklichkeit jedoch einen unnatürlich gekrümmten Frauenkörper einhüllend. Unmöglich, das Gesicht zu erkennen, zur Hälfte war es völlig entstellt, verkohlte Haut, rohes Fleisch, aufgeplatzte Brandblasen. Die andere Hälfte war größtenteils verdeckt und ließ erahnen, wie schön dieses Gesicht einmal gewesen sein musste. Rath musste unwillkürlich an einen Januskopf denken, an Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Das hellblonde Haar, rechts zu einer perfekten Frisur geformt, war auf der linken Kopfseite nahezu komplett abgesengt. Kopf und Oberkörper glänzten feucht, die Seide klebte nass und dunkel an Brust und Bauch. Den linken Oberarm drückte ein schwerer Scheinwerfer auf den Boden.

Gräf ließ die Schupos stehen, als er Rath erblickte. Er musste einen Bogen um die Leiche machen, um zu seinem Chef zu gelangen.

»Hallo, Gereon«, sagte er und räusperte sich. »Üble Sache. Das ist die Winter, die da liegt.«

»Wer?«

Gräf schaute ungläubig. »Betty Winter. Sag bloß, die kennst du nicht?«

Rath zuckte mit den Schultern. »Müsste das Gesicht sehen.«

»Besser nicht. Ist total entstellt.« Gräf schluckte. »Passierte mitten in den Dreharbeiten. Der Scheinwerfer hat sie genau erwischt. Von da oben runtergefallen.« Der Kriminalsekretär deutete nach oben. »Gut und gerne zehn Meter. Und das Ding ist schwer. Außerdem war es in Betrieb. Also glühend heiß.«

Rath legte den Kopf in den Nacken. Unter der Decke hing ein stählernes Gerüst, ein Netz von Laufgittern, an denen ganze Batterien von unterschiedlich großen Scheinwerfern angebracht waren, dazwischen die senkrechten dunklen Tuchbahnen, die wie monotoner, düsterer Fahnenschmuck wirkten. An einigen Stellen hing der große, schwere Stoff noch tiefer als die Beleuchtungsbrücken, die er teilweise verdeckte. Genau über der Leiche klaffte eine Lücke in den Scheinwerferreihen. Nur das schwarze, straff gespannte Kabel, das dort oben immer noch irgendwo mit dem Stromnetz verbunden sein musste, zeigte, dass hier einmal etwas gehangen hatte.

»Warum brauchen die hier so viel Scheinwerfer«, fragte Rath, »warum lassen die nicht das Licht von draußen rein? Deswegen sind Filmateliers doch aus Glas.«

»Tonfilm«, sagte Gräf, als erkläre das alles. »Glas hat eine schlechte Akustik. Deswegen hängen die hier alles zu. So macht man aus einem Stummfilmatelier auf die Schnelle ein Tonfilmatelier.«

»Du kennst dich aber gut aus!«

»Hab schon mit dem Kameramann gesprochen.«

Der Scheinwerfer, der die Schauspielerin erwischt hatte, war deutlich größer als die, mit denen die Kripo nächtliche Tatorte ausleuchtete; der stählerne Zylinder hatte mindestens den Umfang einer Basstrommel. Das Stromkabel hatte den Sturz nicht ernsthaft bremsen, geschweige denn aufhalten können, nur die Isolierung hatte es herausgerissen, sodass an einigen Stellen der blanke Draht zu sehen war.

»Und dieses Monstrum hat die arme Frau auf dem Gewissen?«, fragte Rath.

Gräf schüttelte den Kopf. »Ja und nein.«

»Wie?«

»Sie war nicht sofort tot.« Gräf schluckte. »Sie muss geschrien haben wie am Spieß. Der heiße Scheinwerfer hat sie förmlich gebraten, zumal die Stromverbindung nicht abgerissen war und er immer noch brannte. Und ihr Partner stand direkt daneben …«

»Das Häufchen Elend im Smoking?«

»Ja. Victor Meisner.«

»Ich glaube, den kenn ich.«

Gräf hob die Augenbrauen. »Du gehst also doch ins Kino?«

»Hab ihn mal in ’nem Kriminalfilm gesehen. Hat dauernd mit einer Knarre rumgefuchtelt und irgendwelche Frauen gerettet.«

»Retten wollte er jetzt wohl auch. Nur dass er statt einer Knarre einen Eimer Wasser benutzt hat, einen Löschwassereimer. Stehen hier überall rum, wegen der Brandgefahr. Und damit hat er der Winter einen satten Stromschlag verpasst, wie’s aussieht. Jedenfalls hat sie sofort aufgehört zu schreien, und die Sicherungen sind rausgeflogen.«

»Sie hätte den Unfall womöglich überlebt?«

Gräf zuckte die Achseln. »Warten wir ab, was der Doktor sagt. Ihre Karriere als Schauspielerin jedenfalls war in dem Augenblick vorbei, als der Scheinwerfer sie getroffen hat. Selbst wenn sie es überlebt hätte, wäre sie wohl kaum noch in Liebesfilmen aufgetreten.«

»Sieht so aus, als wüsste der Unglücksrabe, was er angerichtet hat.« Rath deutete auf den schluchzenden Meisner.

»Scheint so.«

»Schon mit ihm gesprochen?«

»Die Kollegen haben’s versucht. Zwecklos …«

»Nicht ansprechbar?«

»Jedenfalls noch keine verwertbare Aussage …«

Ein lautes Poltern riss Gräf aus seinem Satz. Der Kriminalsekretär warf Czerwinski und Henning, die gerade umständlich begonnen hatten, das Kamerastativ auseinanderzufalten, einen kurzen Blick zu. »Vielleicht sollte ich lieber die Fotos machen«, meinte er. »Bevor die Kollegen die Kamera komplett zerlegen.«

Rath nickte. »Mach das. Lass die beiden das Fußvolk hier befragen und Personalien aufnehmen. Die haben doch wahrscheinlich alle was gesehen.«

Gräf zog die Schultern hoch. »Der Kameramann jedenfalls hat alles gesehen. Der Regisseur auch. Das gehört zu ihrer Arbeit.« Der Kriminalsekretär deutete auf einen sehnig-schlanken Mann, der ebenso eindringlich wie ruhig auf einen gut gekleideten Mittfünfziger mit Halbglatze einredete.

Rath nickte. »Den nehme ich mir gleich mal vor. Und wo ist der Mann, der für die Scheinwerfer verantwortlich ist?«

»Keine Ahnung. Kann mich ja nicht um alles kümmern.«

»Sag Henning, er soll den Mann ausfindig machen und zu mir schicken.«

Gräf drehte ab, und Rath wandte sich dem flennenden Meisner zu. Mit einem Helden hatte der Schauspieler im Augenblick wenig gemein. Als Rath direkt vor ihm stand, hörte er auf zu schluchzen und schaute aus verheulten Augen hoch. Die graue Maus streichelte ihm beruhigend über die Schultern, und Rath zeigte ihm seine Marke. Der Mann schaute ihn fast flehentlich an, das Gesicht tränennass. Plötzlich brach die Verzweiflung aus ihm heraus.

»Ich habe sie umgebracht«, rief er, »ich habe Betty umgebracht! Mein Gott, was habe ich getan?«

Meisners Hände krallten sich in Raths Hosenbeine. Wohl doch keine gute Idee, jetzt mit dem Mann sprechen zu wollen.

»Sie haben niemanden umgebracht«, sagte Rath, »es war ein Unfall.«

Er versuchte sich aus der Umklammerung zu befreien, doch das war gar nicht so einfach. Die graue Maus kam ihm zu Hilfe.

»Schon gut, Victor«, sagte sie mit ruhiger Stimme, »du hörst doch, was der Kommissar sagt.«

Die Frau nahm die schmalen Hände des Schauspielers, und der krampfende Griff löste sich. Sie zog ihn weg von Rath und zurück auf den Regiesessel, wo er sein Gesicht in ihrem grauen Rock vergrub.

»Sie sehen doch, dass er nicht reden kann«, sagte sie, »er steht unter Schock! Ich hoffe, dass bald mal ein Arzt auftaucht.«

Rath wusste, dass Doktor Schwartz unterwegs war, doch er bezweifelte, dass der Gerichtsmediziner der richtige Mann war, um eine zarte Seele wie Victor Meisner wieder aufzurichten. Er reichte der Frau seine Karte.

»Herr Meisner muss jetzt nicht aussagen; er kann auch ins Präsidium kommen«, sagte er. »Wenn es ihm wieder besser geht. Aber spätestens Montag.«

Die Frau schaute ihn an, doch Rath hatte das Gefühl, als ob ihr Blick durch ihn hindurchginge. Er schrieb das Datum auf die Karte und auch gleich eine Uhrzeit. Elf Uhr. Mehr Schonfrist konnte er dem armen Teufel beim besten Willen nicht gewähren.

»Kümmern Sie sich jetzt um ihn«, sagte er zu der Frau. »Am besten, Sie bringen ihn ins Krankenhaus.«

Die Frau nickte zögerlich, als könne sie das allein gar nicht verantworten.

»Tu bitte, was der Herr sagt, Cora«, hörte er eine tiefe Stimme hinter sich, »es ist besser, Victor bleibt nicht länger hier als nötig.«

Als Rath sich umdrehte, erblickte er die Halbglatze, die sich vorhin mit dem Regisseur unterhalten hatte. Cora führte Victor Meisner zum Ausgang. Der Schauspieler trottete ihr hinterher wie eine Marionette mit ausgeleierten Fäden.

»Bellmann«, sagte die Halbglatze und streckte Rath eine Hand entgegen. »La Belle Filmproduktion. Ich bin der Produzent von Liebesgewitter.«

»La Belle?«, fragte Rath und schüttelte die Hand. »Ich dachte, wir sind hier bei der Terra-Film.«

»Die Räume, aber nicht die Produktion. Ein eigenes Atelier können sich die wenigsten Filmgesellschaften leisten. Wir sind doch nicht die Ufa«, meinte Bellmann, und es klang beinahe entschuldigend. Er zeigte auf den Regisseur, der ebenfalls herangekommen war. »Jo Dressler, mein Regisseur.«

»Jo?«

»Josef klingt zu altmodisch«, erklärte Dressler und streckte ebenfalls die Hand aus. »Tag, Herr Kommissar.«

»Wir können es immer noch nicht fassen«, sagte Bellmann. »Mitten im Dreh!« Der Produzent wirkte ernsthaft erschüttert. »In zwei Wochen sollte Liebesgewitter in die Kinos kommen.«

»So schnell?«, staunte Rath.

»Zeit ist Geld«, sagte Bellmann.

»Wir hatten noch zwei Drehtage angesetzt«, erklärte Dressler. »Heute und morgen.«

»Der Film ist fast fertig?«

Dressler nickte.

»Eine Tragödie«, sagte Bellmann. Dann lachte er nervös und verbesserte sich. »Also, der Unfall, meine ich. Der Unfall ist eine Tragödie, der Film ist natürlich eine Komödie. Eine göttliche romantische Komödie, etwas ganz Neues. Göttlich im wahrsten Sinne des Wortes.«

Rath nickte, obwohl er nichts verstand. »Haben Sie gesehen, wie es passiert ist?«

»Nein.« Bellmann schüttelte den Kopf. »Als ich hinzukam, lag sie schon da und rührte sich nicht. Aber Jo, du kannst dem Kommissar doch erzählen …«

Der Regisseur räusperte sich. »Nun, wie ich Ihren Kollegen schon gesagt habe … Es war kurz vor Ende der Szene. Wir drehten sie gerade zum zweiten Mal, und es lief wirklich gut. Fehlten nur noch ihre Ohrfeige und der Donner, dann wären wir aus der Szene raus …«

»Donner?«

»Liebesgewitter handelt von Thor, dem alten nordischen Donnergott, der sich in ein Berliner Mädchen verliebt hat und ihr als Graf Thorwald den Hof macht. Und immer wenn sie sich gerade näherkommen, donnert es.«

Rath nickte wieder und dachte sich seinen Teil. Hörte sich reichlich verdreht an, die Geschichte. Und damit sollte Betty Winter groß rauskommen?

»Tja«, fuhr Dressler fort, »und dann krachte plötzlich der Fluter von der Decke.«

»Der was?«

»Der Scheinwerfer, der Betty erwischte. Er riss sie zu Boden und begrub sie unter sich. Mein Gott, wie sie da lag und schrie und keiner konnte helfen – es war einfach fürchterlich …«

»Warum hat ihr denn niemand geholfen?«

»Sie haben gut reden! Wissen Sie, wie heiß so ein Scheinwerfer wird? Den fassen Sie nicht so ohne Weiteres an und ziehen ihn weg!«

»Aber einer wollte helfen …«

»Sie meinen Victor?« Dressler zuckte mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht, was da in ihn gefahren ist! Es war ihre gemeinsame Szene, er stand direkt neben ihr, als es passierte, wer weiß, was da in einem vorgeht? Ein Mensch direkt neben dir, und du riechst die verbrannte Haut, hörst ihn schreien, da willst du doch helfen! Und wie sie geschrien hat!« Er schüttelte den Kopf, als könne er die Erinnerung mit dieser Bewegung abschütteln und alles ungeschehen machen. »Wir waren doch alle wie gelähmt. Ehe wir begriffen, was er vorhatte mit dem Löscheimer, hatte er das Wasser schon über sie gekippt.«

Dressler räusperte sich, bevor er weitersprach. »Sie hat sofort aufgehört zu schreien, ein … ein Zucken ging durch ihren Körper … wie … wie ein Aufbäumen. Und dann knallte es auch schon; sämtliche Sicherungen flogen raus, und das Licht ging aus.«

»Und weiter?«

»Es dauerte ein paar Sekunden, bis wir wieder etwas sehen konnten. Ich war als Erster bei ihr, nach Victor, meine ich. Betty war tot.«

»Wie haben Sie das festgestellt?«

»Ich … ich habe ihre Halsschlagader gefühlt, da war nichts mehr. Sie war tot.«

»Unfassbar, nicht wahr«, mischte sich Bellmann wieder ein, »ein ungeheurer Verlust für den deutschen Film.«

Rath schaute den Produzenten an. »Kommt so etwas eigentlich öfter vor?«, fragte er.

»Was?«

»Na, dass Scheinwerfer einfach so vom Himmel fallen? Die Konstruktion da oben sieht mir ein bisschen wacklig aus.«

Er hatte eine empfindliche Stelle getroffen, Bellmann sprang sofort aus dem Hemd. »Hören Sie, Herr Kommissar, das mag vielleicht etwas provisorisch aussehen, aber glauben Sie mir, das ist alles überprüft und genehmigt, fragen Sie Ihre Kollegen von der Baupolizei!« Bellmann redete sich in Rage; mit jedem Satz wurde er lauter. »Das hier ist ein Glashaus, optimal für Filmaufnahmen, aber eben nicht für die Tonaufzeichnung. Deswegen wurde hier auch umgebaut – wir sind immer noch dabei. Schalldämmung, Sie verstehen. Die ist beim Tonfilm wichtiger als Tageslicht. Darauf müssen wir leider verzichten. Aber was die Beleuchtung angeht, da waren wir hier schon immer bestens ausgestattet, unsere Scheinwerfer gehören zum Modernsten, was Sie heute in der Branche finden, sogar Nitraphotlicht …«

Bellmann schien plötzlich zu bemerken, wie unpassend seine Bemerkung war angesichts einer durch eben solch einen modernen Scheinwerfer umgekommenen Schauspielerin. Er verstummte.

Rath tat nichts gegen das verlegene Schweigen, das nun entstand. Manche Leute ließen sich durch so etwas aus der Reserve locken. Aber Bellmann hatte sich im Griff. Diese Fähigkeit brauchte man wohl in seinem Beruf. Der Regisseur schien da schon unruhiger zu sein, er trat von einem Bein aufs andere, als müsse er mal. Bevor er etwas Unbedachtes sagen konnte, störte jedoch Henning das Schweigen. Der Kriminalassistent erschien mit einem schmächtigen Mann im Schlepptau, den er als Hans Lüdenbach vorstellte.

Rath musterte das Männlein, das in seinem grauen Arbeitskittel wie ein unterbezahlter Hausmeister wirkte.

»Sie sind der Beleuchter?«

»Oberbeleuchter.«

»Dann sind Sie also verantwortlich für den Scheinwerfer, der sich da oben selbstständig gemacht hat?«

Das Männlein öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Bellmann kam ihm zuvor.

»Herr Kommissar! Die Verantwortung für all das übernehme selbstverständlich ich!« Er klang wie ein abgehalfterter Minister, der den Rücktrittsforderungen der Opposition zuvorkommen will.

»Ich meinte das eigentlich eher im praktischen Sinn«, entgegnete Rath. »Irgendwer hat offensichtlich gepfuscht. Und wenn es nicht der Hersteller der Beleuchtungsanlage war, dann doch wohl einer von Ihren Leuten, Herr Oberbeleuchter.«

»Unmöglich«, sagte Lüdenbach.

»Überprüfen Sie denn nicht regelmäßig, ob da oben auch alles richtig festgeschraubt ist?«

»Aber natürlich! Bevor das Licht nicht stimmt, kann doch überhaupt nicht gedreht werden!«

»Und mit dem Fluter war alles in Ordnung?«

»Optimal eingestellt. Einwandfreies Licht. Warum die Befestigung versagt hat, kann ich Ihnen auch nicht sagen, das müsste man sich schon oben aus der Nähe angucken.«

»Das haben Sie noch nicht gemacht?«

Lüdenbach schüttelte den Kopf. »Wie denn? Wenn Ihre Leute einem alles verbieten? Wir sollen nichts anrühren, das war das Erste, was die uns gesagt haben.«

»Natürlich.« Rath nickte. »Dann zeigen Sie mir doch mal die Stelle, wo der Fluter gehangen hat«, sagte er, und Lüdenbach steuerte auf eine schmale Stahlleiter zu, die geradewegs in den Himmel zu führen schien. Rath fragte sich, ob man so dünn sein musste wie Hans Lüdenbach, damit die Gerüste hielten. Ihm war nicht ganz wohl bei der Sache, zehn Höhenmeter, ungesichert und wacklig, reichten normalerweise, um ihm den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben. Er schaute nicht nach unten, als er die Leiter Sprosse für Sprosse nach oben stieg, immer dem grauen Kittel nach. Auch als er Lüdenbach über das wacklige Laufgitter folgte, das bei jedem Schritt quietschte und schepperte, versuchte er den Blick in die Tiefe zu vermeiden, er tastete sich voran, seine Hände umkrampften das Geländer, doch instinktiv schaute er auf seine Schuhspitze, als er einen Schritt nach vorn machte. Durch das Eisengitter unter seinen Füßen wirkte der Studioboden unendlich weit entfernt. Ein seltsamer Grundriss zeigte sich von hier oben; neben dem Kaminzimmer mit der Toten lagen eine Hotelrezeption und eine einfache Dienstbotenstube, daneben ein Straßencafé. Und die Tür des Kaminzimmers führte geradewegs in ein Polizeibüro mitsamt Arrestzelle. Wahrscheinlich sämtlich Schauplätze von Liebesgewitter. Von unten blitzte es grell nach oben. Gräf hatte mit seiner Arbeit begonnen. Rath zwang seinen Blick nach vorn. Der Oberbeleuchter war verschwunden.

»Hey!«, rief Rath über das Gerüst. »Wo stecken Sie denn?«

Das Stahlgitterlabyrinth war verwirrender, als es von unten den Anschein hatte. Das lag vor allem an den schweren Stoffbahnen, die an allen möglichen Stellen von der Decke herabhingen und die Sicht versperrten.

»Hier ist es.« Die Stimme des Oberbeleuchters klang gedämpft, schien aber ganz in der Nähe zu sein. »Wo bleiben Sie denn?«

Als Rath sich ein paar Meter vorgearbeitet hatte, sah er Lüdenbach wieder. Höchstens drei Meter entfernt hockte der graue Kittel am Boden des Laufgitters. »Bin gleich bei Ihnen«, sagte Rath. »Fassen Sie bitte nichts an!«

Seine verkrampften Hände schmerzten schon, Schweiß stand ihm auf der Stirn, doch er ließ sich nichts anmerken und arbeitete sich voran. Lüdenbach zeigte auf eine Halterung.

»Hier«, murmelte der Mann im grauen Kittel, und Rath hockte sich neben ihn, »gucken Sie sich das mal an, das gibt’s doch gar nicht!«

»So?«

»Hier müsste eigentlich ein Gewindebolzen sitzen«, erklärte Lüdenbach. »Der muss sich gelöst haben. Eigentlich unmöglich, die sind alle mit einem Splint gesichert.«

Rath schaute sich die Halterung aus der Nähe an.

»Vielleicht ist er ja gebrochen, der Bolzen!«

Lüdenbach zuckte ratlos mit den Schultern. »Dann ist da immer noch der auf der anderen Seite«, meinte er. »Hier.«

Auf der anderen Seite der Halterung bot sich jedoch das gleiche Bild: kein Gewindebolzen.

Lüdenbach wackelte mit dem Kopf wie ein Tattergreis. »Das gibt’s doch nicht«, murmelte er, »das gibt’s doch gar nicht!«

Sie standen wieder auf. Rath hielt sich an der schaukelnden Bühne fest, und sofort verkrampften sich seine schweißnassen Hände wieder. Ihm war flau im Magen, Hans Lüdenbach dagegen stand so sicher an dem schwankenden Geländer wie ein Steuermann bei schwerer See.

»Das darf eigentlich nicht passieren.« Lüdenbach schüttelte den Kopf. »Deswegen sind die Scheinwerfer doch doppelt gesichert: Bricht einer der Bolzen, ist da immer noch der auf der anderen Seite.«

»Vielleicht wollte jemand den Scheinwerfer neu justieren, und dann hat er vergessen, die Bolzen wieder festzuschrauben«, schlug Rath vor.

»Doch nicht mitten im Dreh!«

»Aber irgendwie muss sich der Scheinwerfer aus der Halterung gelöst haben. Eine doppelte Materialermüdung erscheint mir jedenfalls sehr viel unwahrscheinlicher als die Möglichkeit, dass hier einfach irgendjemand schlampig gearbeitet hat.«

Lüdenbach lief rot an. »Meine Leute arbeiten nicht schlampig«, empörte er sich. »Und gerade Glaser! Der versteht sein Geschäft!«

»Wer?«

»Peter Glaser. Mein Beleuchtungsassistent. Der ist für den Fluter zuständig.«

Rath ging die Behäbigkeit des Männleins langsam auf die Nerven.

»Und warum«, fragte er mit eisiger Freundlichkeit, »habe ich diesen Mann dann nicht längst zu Gesicht bekommen?«

»Sie wollten doch unbedingt mit mir hier hoch! Und glauben Sie, ich hätte nicht längst schon selbst mit ihm gesprochen, wenn ich wüsste, wo er sich rumtreibt?«

»Wie?«

»Heute Morgen war er noch hier oben und hat alles eingestellt.«

»Und jetzt?«

Lüdenbach zuckte mit den Schultern. »Jetzt ist er weg.«

»Seit wann denn schon?«

»Keine Ahnung. Hab ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.« Lüdenbach zuckte die Achseln. »Seit heute Mittag, wenn nicht länger. Vielleicht ist er krank.«

»Hat sich aber nicht abgemeldet?«

»Nicht dass ich wüsste.«

Rath verlor die Geduld. »Mein lieber Mann«, knurrte er. »Wenn Sie heute noch irgendetwas Sinnvolles tun wollen, zeigen Sie mir schleunigst, wie man hier wieder runterkommt!«

 

Die Suche nach Peter Glaser blieb erfolglos. Nachdem klar war, dass der Mann im Atelier nirgends aufzutreiben war, schickte Rath Henning und Czerwinski mit der Adresse des vermissten Beleuchtungsassistenten los, die Bellmann bereitwillig rausgerückt hatte, nicht ohne zu betonen, was für ein zuverlässiger Mitarbeiter gerade dieser Peter Glaser sei. Die Männer vom ED, die zusammen mit dem Gerichtsmediziner inzwischen eingetroffen waren, robbten auf der Suche nach zwei Gewindebolzen über den Boden, während Dr. Schwartz neben der Leiche hockte und die Brandwunden an Kopf und Schultern begutachtete. Kronbergs Leute suchten so systematisch, wie nur Erkennungsdienstler solch eine Aufgabe angehen konnten, dennoch war Gräf derjenige, der einen der Gewindebolzen schließlich fand, ein unscheinbares, ölig-schwarzes Metallstück, das unter ein Scheinwerferstativ gerollt war.

Lüdenbach bestätigte, dass es sich um einen Bolzen der Scheinwerferhalterung handelte. Keine Bruchstelle, das Ding war unversehrt und landete zur weiteren Untersuchung in einer Blechkiste des ED.

Der zweite Bolzen allerdings blieb unauffindbar, auch einen Splint fanden sie nicht.

»Haben wir den Filmfritzen jetzt gratis den Boden geputzt?«, schimpfte ein EDler.

»Na, wenigstens einen Bolzen haben wir«, meinte Gräf, und Rath nickte.

»Vielleicht hat Glaser den anderen«, sagte er. »Wollte Beweisstücke entsorgen, nur dass er den zweiten Bolzen nicht gefunden hat, bevor er sich aus dem Staub machte.«

»Glaubst du wirklich, der hat den Scheinwerfer mit Absicht runterfallen lassen?«, fragte Gräf. »Vielleicht war er nur zu feige, sich seiner Verantwortung zu stellen, und ist nach dem Unfall getürmt.«

Rath zuckte die Achseln. »Glauben hilft uns nicht weiter. Jedenfalls hat hier irgendjemand gehörig Mist gebaut, so viel steht …«

»Herr Kommissar?«

Rath drehte sich um. Ein junger Mann näherte sich und winkte mit einer Filmdose.

»Der Kameramann«, soufflierte Gräf. »Harald Winkler.«

»Herr Kommissar«, sagte Winkler, dessen Haar sich trotz seiner Jugend schon zu lichten begann, und zeigte auf die Filmdose, »ich dachte, das interessiert Sie vielleicht.«

»Was?«

»Der Unfall. Wenn Sie wollen, können Sie sich selbst anschauen, wie alles passiert ist.« Der Kameramann hob die Filmdose. »Hier ist alles drauf.«

»Sie haben den Unfall gefilmt?«

»Ich habe die Szene gefilmt. Die Kamera ist weitergelaufen. Ich … das war so was wie Instinkt, glaube ich. Ich hab einfach weiter draufgehalten. Bis das Licht ausging. Vielleicht nützt es Ihnen ja irgendwie. Gibt jedenfalls keinen besseren Augenzeugen als meine Kamera. Unbestechlich!«

Rath nickte. »Und wann kann man sich das anschauen?«

»Nicht vor Montag. Muss erst noch ins Kopierwerk. Wenn Sie wollen, reserviere ich uns einen Vorführraum.« Winkler reichte Rath eine Karte. »Rufen Sie mich an …«

Der Kameramann blickte ihm plötzlich nicht mehr in die Augen, sondern über die Schulter. Auch Gräf schaute zur Seite. Rath drehte den Kopf und blickte in ein halbes Dutzend Objektive.

Ein ganzes Rudel Reporter musste es irgendwie geschafft haben, an dem Schupo draußen vorbeizukommen. Bevor einer der Beamten eingreifen konnte, flackerte das Blitzlichtgewitter los. Wenigstens war die Leiche schon zugedeckt.

»Wer hat diese Bande hier reingelassen?«, zischte Rath seinem Kriminalsekretär zu.

Gräf trat sofort in Aktion. »Das ist ein Tatort und kein Presseclub, meine Herren«, schimpfte er und gab einem Schupo mit einer eindeutigen Kopfbewegung ein Zeichen. Unnötig, die Blauen hatten schon damit begonnen, die Reporter zur Tür zu drängen. Erste Proteste wurden laut.

»Halt! Das können Sie mit uns nicht machen!«

Der richtige Moment für ein paar höfliche Worte. Rath stellte sich auf. »Ich darf Sie bitten, den Raum zu verlassen und die Ermittlungsarbeiten nicht zu stören«, sagte er. »Und bitte unterlassen Sie das Fotografieren!«

Er lächelte freundlich in die zurückweichende Menge, die gegen die Uniformierten keine Chance hatte.

Einige schossen noch im Rückzug ihre Fragen ab.

»War es ein Unfall oder ist es Mord?«

»Wer hat Betty Winter auf dem Gewissen?«

Sie plapperten wild durcheinander, während sie unbarmherzig zum Ausgang gedrängt wurden. Die Blauen leisteten gute Arbeit.

»Meine Herren«, sagte Rath, »ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Wir werden Sie rechtzeitig über den Fortgang der Ermittlungen informieren.«

»Soll das heißen: gleich auf der Pressekonferenz?«, fragte ein Reporter, der gerade durch die Tür nach draußen geschoben wurde. Ein letztes Blitzlicht flammte auf, es traf Rath genau in die Augen und blendete ihn für ein paar Sekunden, dann schlug die Stahltür zu, und der Tumult war vorüber.

»Wie sind diese Leute hier reingekommen?«, fragte Rath. »Ich dachte, die Tür ist bewacht!«

»Ist sie auch«, meinte Gräf. »Die müssen durch einen Hintereingang gekommen sein.«

»Und warum steht da keiner?«

Bellmann war näher gekommen und mischte sich ein. »Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, Ihre Kollegen wussten nichts davon. Ich habe vergessen, sie darauf hinzuweisen.«

»Und woher kennen diese Journalisten den Hintereingang? Woher wussten die überhaupt Bescheid?«

Bellmann zuckte die Achseln. »Berliner Reporter sind eben findig. Solche Geschichten können Sie nicht unter der Decke halten. Deswegen habe ich auch eine Pressekonferenz anberaumt. Gleich nebenan. Es würde mich freuen, wenn Sie und Ihr Kollege daran teil…«

»Sie haben was?« Rath konnte es nicht glauben. »Hier ist ein Mensch gestorben, und Sie denken nur daran, wie Sie damit in die Zeitung kommen können?«

Bellmann wirkte ein wenig beleidigt. »Na, erlauben Sie mal, Herr Kommissar! Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was heute passiert ist? Die große Betty Winter ist tot! Ihr Publikum hat ein Recht, das zu erfahren.«

Rath schaute dem Produzenten fest in die Augen. »Noch so eine Eigenmächtigkeit, und ich mache Ihnen gewaltigen Ärger, mein Lieber!«

»Ob und wie ich in meinen Räumen die Presse informiere, das ist doch wohl meine Sache«, meinte Bellmann.

»O ja«, sagte Rath und lächelte den Produzenten an. »Und ob ich Ihnen Ärger mache oder nicht, das ist ganz allein meine Sache!«

5

Er ruft den Kellner und bestellt noch einen Eiswein. Er braucht mehr Wein. Eigentlich sollte er längst schon mit dem Essen begonnen haben, sein Körper schreit nach Zucker.

»Darf ich dem Herrn jetzt die Karte bringen?«

»Warten Sie noch.« Er schüttelt den Kopf. Obwohl er langsam ahnt, dass er heute allein bleiben wird.

Eine Stunde ist sie nun schon überfällig.

Er weiß nicht, warum sie ihn versetzt hat, aber er ist sich sicher, dass es etwas Wichtiges sein muss. Sie lässt ihn nicht einfach so sitzen, er weiß, dass sie längst angebissen hat. Keinen Grund, die Pläne zu ändern, zu den Aufnahmen morgen wird sie erscheinen.

Wo bleibt der Kellner? Er muss mehr Wein trinken!

Wird er sich jemals daran gewöhnen, dass Zucker sein Leben retten kann?

 

Du wirst dich daran gewöhnen.

Mutters Lächeln.

Gewöhnen müssen.

Sein ungläubiger Blick auf das Weinglas.

Darf ich?

Du musst.

Ich muss.

Er trinkt vorsichtig und schmeckt die Süße, spürt sie die Kehle hinunterrinnen.

Eiswein. Süßer Eiswein.

Ein Traum, über Jahre geträumt. Wird wahr.

Sie sitzen im Restaurant, er und Mutter. Zur Feier des Tages. Die erste Spritze. Die erste, die er sich selbst gegeben hat, die erste Spritze nach den Tagen in der Klinik. Nach all den Versuchen mit dem Insulin.

Wieder im Leben. Nach all den Jahren des Wartens. Auf den Tod.

Seine zweite Geburt.

Die Kellner mit den Vorspeisen. Gleichzeitig stellen sie die Kristallschalen auf das weiße Tischtuch.

Mutters Lächeln.

Iss, mein Junge.

Er kann nicht essen, die Tränen fließen, er beginnt hemmungslos zu schluchzen, sieht ihr bestürztes Gesicht durch den Tränenschleier.

Sie streichelt seine Hand, er zieht sie zurück, er hält ihre Berührung nicht aus, er traut ihrer Liebe nicht, er versteht ihre Liebe nicht, glaubt ihr die Liebe nicht.

Jetzt ist es vorbei. Ich werde alles wiedergutmachen. Du bist doch mein guter Junge.

Er trocknet die Tränen, nimmt die Gabel und probiert vorsichtig. Seine Zunge schmeckt frische Krabben, Dill, die Süße von Tomaten. Die Süße überwältigt ihn, fließt durch seinen Körper.

Mutter lächelt, stochert in ihrer Schale herum, ohne zu essen. Lächelt nur und stochert und schaut ihn unentwegt an, wie er die zweite Gabel zum Mund führt und die dritte. Sie soll ihn nicht anschauen, er ist keine Jahrmarktssensation, kein Elefantenmensch, kein Monstrum, kein Weltwunder.

Du wirst leben können wie jeder andere. Leben mit den anderen.

Endlich nimmt auch sie einen Bissen.

Schweigend essen sie, ein Kellner füllt ihre Weingläser nach. Sie tupft ihren Mund mit der Serviette ab und hebt ihr Glas.

Auf das Leben!

Auf das Leben.

Sie trinken Eiswein, süßen Eiswein.

Was wirst du jetzt tun?

Ich werde studieren.

Das ist gut.

Medizin studieren.

Wieder will sie seine Hand greifen, doch noch vor der Berührung stockt ihre Bewegung, sie zieht wieder zurück. Traurigkeit in ihrem Blick.

Mein Junge, mein guter Junge!

Die Kellner kommen mit dem nächsten Gang. Gleichzeitig heben sie die silbernen Glocken von den Tellern.

Er kann es immer noch nicht glauben. Das erste richtige Essen. Das erste richtige Essen nach den Jahren endlosen Hungerns.

Es ist vorbei. Alles wird gut.

Das hat er wirklich geglaubt.

Damals.

Er hat sich geirrt, gründlich geirrt.

 

Er schaut auf die Uhr. Nein, sie wird nicht mehr kommen. Er darf es ihr nicht übel nehmen, er kann es ihr nicht übel nehmen, das ist der Preis für die Heimlichkeit ihrer Treffen. Wenn ihr etwas dazwischenkommt, kann sie ihm nicht absagen. Nicht weiter wichtig.

Wichtig ist, dass niemand von ihren Plänen erfährt.

Wichtig ist, dass sie morgen zu den Aufnahmen erscheint.

Wichtig ist, dass ihre Bestimmung sich erfüllt.

Endlich kommt der Kellner mit dem Wein.

6

Auf der Berliner Straße herrschte um diese Zeit wenig Verkehr, Rath konnte Gas geben und peitschte den Buick über den regennassen Asphalt in Richtung Norden durch Tempelhof. Gräf saß auf dem Beifahrersitz und hielt sich unauffällig am Türgriff fest. Wahrscheinlich bedauerte er gerade, nicht mit Plisch und Plum gefahren zu sein.

Unter anderen Umständen hätte Rath vielleicht Rücksicht genommen, aber jetzt nicht, die Geschwindigkeit beruhigte ihn, und wozu sonst, zum Teufel, gab es Sportwagen?

»Gereon, ich hab’s nicht eilig«, meldete der Kriminalsekretär sich vorsichtig.

»So ein Wagen muss ab und zu mal ausgefahren werden.«

»Ich rege mich über dieses Arschloch nicht weniger auf als du! Aber deswegen musst du deine Wut nicht unbedingt am Gaspedal auslassen und gleich gegen den nächsten Laternenmast rasen!«

Rath bremste tatsächlich ab – die Ampel an der Flughafenstraße stand auf Rot.

»Der verliert seine Hauptdarstellerin und wittert gleich ein Geschäft«, schimpfte er. »Und dann diese geheuchelte Trauer! Am liebsten würde ich diesen Bellmann einbuchten!«

Sein Ärger hatte einen Grund: Bellmanns improvisierte Pressekonferenz. Um die Sache unter Kontrolle zu halten, hatten sie daran teilgenommen, hatten Fragen zu den Todesumständen der Schauspielerin so ausweichend wie möglich beantwortet und Bellmann im Auge behalten. Die Reporter hatten keinen Hehl daraus gemacht, dass sie den Polizisten den Rauswurf aus dem Atelier noch übel nahmen. Umso mehr klebten sie an Bellmanns Lippen, der sogar Kaffee und Kekse hatte auffahren lassen. Der Filmproduzent erging sich in unerträglich salbungsvollen Ausführungen über die unvergleichliche Schauspielkunst der großen Betty Winter, mit deren viel zu frühem Tod die deutsche Filmkunst um eines ihrer größten und hoffnungsvollsten Talente gebracht worden sei.