Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm - Selja Ahava - E-Book

Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm E-Book

Selja Ahava

4,4

Beschreibung

Ein zauberhafter Roman über die Kraft der Wörter und der Fantasie "Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man den Winter über davon zehren." Als es Anna immer weniger gelingt, ihre Erinnerungen festzuhalten, und ihr Gedächtnis langsam unzuverlässiger wird, klammert sie sich an Wortlisten ("Stein, Birke, Gras, Stuhl") und erfindet Wörter für Dinge, die keinen Namen haben. Im Lauf der Jahre trotzt sie den Zumutungen des Alltags mehr und mehr mit ihrer Vorstellungskraft. Als alte Frau blickt Anna zurück auf ihr Leben, so, wie sie sich daran erinnert, an schöne wie an schwere Momente, an die Zeit in Finnland wie auch den Neuanfang mit Thomas in England. Vor allem erinnert sie sich an ihr Häuschen mit den blauen Vorhängen auf einer Schäreninsel, inmitten von Möwen, Schilf und krummen Kiefern, wo sie die Sommer mit ihrer großen Liebe Antti verbrachte - und natürlich an den Tag, an dem ein Wal durch London schwamm. Ein Roman aus Finnland zum Thema Erinnern und Vergessen, aber auch über die Kraft der Wörter und der Fantasie: märchenhaft, tragikomisch, menschlich - und mit einer unvergesslichen Heldin!

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Selja Ahava

Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm

Roman

Aus demFinnischenvonStefan Moster

Die Übersetzung wurde gefördert von

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die finnische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel Eksyneen muistikirja bei Gummerus, Helsinki.

Copyright © Selja Ahava, 2010

© 2014 by mareverlag, Hamburg

Covergestaltung mareverlag, HamburgAbbildung Marta Orlowska, Trigger Image

Typografie (Hardcover) Farnschläder & Mahlstedt, HamburgDatenkonvertierung eBook bookwire

ISBN eBook: 978-3-86648-304-0ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-182-4

www.mare.de

Für meine GroßelternLaura und Kalle

Es gibt keine einheitliche Geschichte,es gibt erleuchtete Augenblicke,und der Rest ist Finsternis.

Jeanette Winterson

Inhalt

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Teil II

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Teil III

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Teil IV

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Teil V

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Über das Buch

Weitere eBooks aus dem mareverlag

Teil I

1

Anna war schon eine alte Frau, als Gott endlich wiederkam. Die Tür von Zimmer 12 ging auf, und ein riesiger goldener Blumenstrauß schob sich herein.

»Na, Mädchen, wie geht’s?« Gott lächelte und kam direkt auf das Bett zu. Anna richtete sich auf und sah den Besucher an. Gott hatte sich kaum verändert.

»Ich bin kein Mädchen mehr«, murmelte Anna.

Gott nahm auf dem Besucherstuhl Platz. Der Kunstlederbezug gab ein zischendes Geräusch von sich, als die Luft aus der Polsterung entwich. Dann legte Gott den Blumenstrauß in Annas Arme. Er war riesig. Er roch nach Sommer und regenfrischem Gebüsch, und er war so goldgelb, dass es in den Augen wehtat. Anna drückte das Gesicht in den Strauß und atmete tief ein. Ihr traten Tränen in die Augen.

»Schön, Besuch zu haben. Ich habe aber auch schon gewartet.«

Gott streichelte ihre Hand, und Anna schloss kurz die Augen. Sie lag in einer Hängematte, es duftete nach Mädesüß, und die streichelnde Hand war kühl und trocken. Der Wind wehte aus Südwesten, kaum mehr als fünf Meter pro Sekunde. An der Uferlinie stieß ein Flussuferläufer traurige Seufzer aus.

»Niemand ist hier gewesen, nicht mal, um frische Kleider zu bringen, stell dir vor«, murmelte Anna leise. »Sie haben alle meine Sachen verschlampt.«

»Herrliches Wetter draußen«, sagte Gott.

Anna machte die Augen auf und blickte zum Fenster. Zimmer 12 auf der Bettenstation von Haus Rosenhügel lag nach Norden hin, sie sah die Sonne erst abends, wenn sie unterging, und auch dann nur, wenn die Jalousien offen waren. Ihr Bett war vom Fenster aus gesehen das zweite, und Frau Kuronen, die neben ihr lag, erlaubte nicht, dass man das Fenster öffnete, auch wenn die Luft im Zimmer noch so stand. Sie fing sofort an zu quengeln und zu jammern. Sie glaubte, es sei Winter. Jedes Mal, wenn die Tür für den Essenswagen oder einen Rollstuhl aufging, rief sie: »Tür zu, es schneit rein!«

»Es wäre schön, die Sonne zu sehen.«

»Na, dann machen wir doch einfach einen Spaziergang«, sagte Gott.

Ein Spaziergang. Das klang gut. Anna hatte das Gefühl, schon so lange gelegen zu haben, dass ihr bereits Fell wuchs. Gott reichte ihr die Hand und zog sie hoch. Hops, und Anna stand. Untergehakt verließen sie den Raum.

In einem Arm hatte Anna den goldenen Blumenstrauß, mit dem anderen hielt sie sich an Gottes Arm fest. Gott machte ihr die Türen auf, und sie gingen durchs Treppenhaus und dann weiter auf Station 15.

»Das geht ja prächtig vorwärts«, meinte Anna mit einem Lächeln in Richtung der Schwester, die ihnen entgegenkam.

»Bald kommt die Zwischenmahlzeit«, erinnerte die Schwester sie. »Rhabarberkompott gibt’s heute.«

Aber das Kompott interessierte Anna nicht. Sie wollte hören, was es Neues auf der Welt gab. Und Gott erzählte es ihr, sobald sie wieder unter sich waren.

»Die Stiefmütterchen blühen. Auch vor deinem Sommerhäuschen hat sich ein blauer Teppich gebildet«, erzählte er.

»Ach je!«, seufzte Anna zufrieden.

»Und das Eis hat den Steg an der Sakkoniemi-Landzunge mitgerissen.«

»Was habe ich gesagt! An der Stelle hat noch kein Steg das Frühjahrseis ausgehalten.«

»Er liegt komplett in der Bucht im Erlengestrüpp, und der Wellenbrecher ist auch kaputt.«

»So ein Mist«, sagte Anna auf einmal und schaute auf ihre Füße. »Ich hab schon wieder vergessen, Schuhe anzuziehen.«

»Was soll’s. Ich gehe auch immer so«, sagte Gott und hob seinen Umhang etwas an. Weiße Socken blitzten hervor.

»Na dann«, meinte Anna und ging weiter. »Hier ermahnen sie einen immer wegen der Schuhe.«

»Es ist angenehm, auf Strümpfen zu gehen«, beteuerte Gott.

Ein Gang folgte auf den anderen. Zwischendurch wechselten sie das Stockwerk. Überall war das Personal freundlich und bewunderte Annas Blumenstrauß. Schließlich fanden sie einen Balkon, der nach Süden ging. Anna legte das Blumenbüschel auf dem grünen Plastiktisch ab und lehnte sich ans Geländer. Die Sonne wärmte das Gesicht, es ging ein milder Frühlingswind. Irgendwo klimperte eine Kohlmeise, und in den Regenrinnen plätscherte das Wasser.

»Jetzt hat man endlich Luft zum Atmen«, sagte Anna.

Hinter den Birken konnte man den Stadtrand sehen, eine Straße und ein Haus, dahinter einen Sportplatz, Öltanks und dahinter wiederum das Meer. Anna schaute zum Horizont. Sie konnte gerade so ihre Insel erkennen. Dort lag sie zwischen den anderen, eine grüne Erhebung, in deren Mitte die rot-gelbe Fahrwassermarkierung aufragte.

»Hör mal«, sagte Anna. »Du hast nicht zufällig eine Zigarette?«

Gott grub in den Taschen seines Umhangs und hielt Anna dann eine Schachtel Zigaretten hin. Sie zündete sich eine an, schmeckte zufrieden den Qualm und ließ ihn langsam entweichen.

»Du hättest mich auch früher besuchen kommen können.«

»So lange ist es auch wieder nicht her, dass ich zuletzt bei dir war«, erwiderte Gott.

»Das sagen sie alle.«

Anna schwieg eine Weile, kostete noch einmal von der Zigarette und drückte sie dann am Geländer aus. Mehr ließ ihre Verfassung nicht zu.

»Mein Gedächtnis funktioniert nicht mehr. Das ist es, nicht wahr?«

Gott nickte.

»Früher musste ich nach ein, zwei Wörtern suchen. Heute kommen mir ganze Gedanken abhanden. Aber ich habe Erinnerungen«, sagte Anna und blickte Gott vorsichtig an.

»Selbstverständlich«, antwortete er.

»Verrückt will ich nicht werden.«

Die ganze Station war voller alter Frauen, aus deren Geschichten keiner schlau wurde. Anna versuchte wenigstens, sich kultiviert zu benehmen. Sie machte höchstens mal eine falsche Zimmertür auf oder ging ohne das richtige Kleidungsstück nach draußen.

Sie wusste durchaus, womit es angefangen hatte. Alles hatte seine Ordnung gehabt, bis sie in den Wald gegangen war und die im Schlaf erfrorene Frau gefunden hatte. Seitdem kamen ihr Bilder in den Sinn, die aus ihren Halterungen sprangen und Anna mitrissen. Auch jetzt, als sie Gott von der Frau erzählen wollte, merkte sie, dass sie an einen anderen Winterschlaf dachte, an einen fernen Winter vor Prinzessin Diana, an ihren eigenen Winterschlaf. Danach fiel ihr Antti ein, dann die Affenmutter, die ihr totes Junges mit sich schleppte, dann der Hund, der auf die schlafende Anna gesprungen war, das Zeitungsfoto von dem Jungen und den Hunden ...

Und plötzlich saß Anna wieder auf dem Holzschemel, sah Antti an und notierte die Nummer der gerade gefilmten Szene. Iwans Adoptivmutter brachte das Teetablett und Koteletts aus der Küche, der Kameramann legte die Kamera auf dem Oberschenkel ab, und Antti nickte dem Jungen und dem Dolmetscher zu, zum Zeichen, dass jetzt Pause gemacht wurde. Iwan sprang vom Sofa, behände wie ein Tier, und dabei fiel ihm der zur Seite gekämmte Pony in die Augen. Antti fuhr dem Jungen sanft durchs Haar. Durch die selbst gehäkelten Spitzengardinen sah Anna, dass es draußen leicht schneite. Eine alte Frau aus der Nachbarschaft ging mit der Mülltüte in der Hand am Fenster vorbei.

»Nein, dort hat es nicht angefangen«, schnaubte Anna. »Jetzt ist es wieder weg.«

»Sprichst du von Moskau?«, fragte Gott.

»Ja. Aber dort war es nicht.«

»Wie auch immer«, tröstete Gott sie. »Gehen wir noch ein Stück?«

Aber Anna schüttelte den Kopf. Sie war müde und ärgerte sich, sie wollte wieder ins Bett. Oder? Ihr Bett stand im grünen mehrgeschossigen Haus in der Pormestarintie, gleich da drüben schimmerte es hinter den Bäumen hervor, aber jetzt waren sie auf der Station. Alle hatten sie vergessen, niemand kam sie besuchen. Diese Nichtsnutze.

2

Anna war die Zeit zwischen den Händen zerfallen. Wie eine Flickendecke lag sie auf ihren Knien, alle Stücke gleich groß und gleich weit voneinander entfernt. Anna betrachtete sie verwundert, ohne darin eine größere Logik zu erkennen.

Manchmal stiegen Teilchen der Erinnerung vom Krankenbett in die Luft auf, fingen an zu tanzen und gerieten kreuz und quer durcheinander. Dann musste Anna lachen, und sie erzählte der neben ihr liegenden Frau Kuronen von dem englischen Weihnachtspudding, der zuerst fünf Jahre unter dem Bett aufbewahrt und dann mithilfe von Brandy angezündet wurde. Oder davon, wie die jungen Fledermäuse aus dem Schornstein ins Wohnzimmer fielen und in ihrer Not unters Sofa krochen, um sich dort zu verstecken. Oder wie der Notenschlüssel einmal aufgeflogen war, die Farbe gewechselt hatte und ihr dann in den Mund geflutscht war.

»Hast du deine Tabletten nicht genommen?«, brummte Frau Kuronen.

»Pah«, erwiderte Anna. »Ich weiß, was hier vorgeht. Dabei ist es fantastisch. Diese kleinen Teile fliegen umher, wie es ihnen gerade einfällt.«

Beim Blick auf die Flickendecke war sich Anna einer Sache ziemlich sicher: Am Anfang war die Insel. Irgendwo dort am Anfang war sie. Und dorthin versuchte sie zurückzukehren, wenn alles andere um sie herum durcheinandergeriet oder davonflog.

Auf der Insel gab es einen flachen, blassroten Felsen, zwei Froschteiche, hier und da hingeworfene Findlinge und in einer Richtung den leeren Horizont. Zähe, krumme Kiefern wuchsen gegen den Südwestwind, alle Äste waren mit dem Wind gebogen. Vor den Kiefern lag Kies, an den sich ein Bereich mit größeren Steinen anschloss, der sich bis ins langsam tiefer werdende Wasser hinein fortsetzte.

Das Frühjahrseis drehte einzelne Steinbrocken wie zum Spaß um. Anna erinnerte sich, dass einer der Steine am Ufer das Gesicht eines Mannes hatte. Entweder es war dieses Ufer oder die andere Seite der Südspitze, aber egal. Die Oberseite des Steins schaute ein wenig traurig nach rechts, der Mund war ernst, die Nase kräftig. Auch ihn hatte das Eis umgedreht, und Anna konnte das Gesicht nicht mehr erkennen. Sie wusste nur, dass auf der Unterseite des Steins ein trauriger Mann auf den feuchten Boden starrte.

Das Häuschen stand neben dem Felsen. Vom Meer aus konnte man es im Sommer nicht sehen, aber wenn die Blätter weg waren, leuchtete das Blechdach zwischen den Bäumen. Vor dem Häuschen breitete sich ein zweites Geröllfeld aus, wo zwischen den Steinen Mädesüß, Schilf und fünf hartnäckige Erlen wuchsen.

Auch Antti war auf der Insel gewesen.

Antti saß auf der Veranda, ein Buch in der Hand, kalt gewordenen Kaffee in der Tasse, und las Anna vor. Bisweilen ging er bis ans Ende der Südspitze, um aufs Meer zu schauen und den Wind zu messen. Er hielt den Windmesser in die Höhe und stand da wie die Freiheitsstatue mit ihrer Fackel.

Er hatte dichtes blondes Haar, das kräftig in die Stirn herabwuchs und oben in die Luft stand, vor allem, wenn er nach der Sauna mit nassen Haaren schlafen gegangen war. Vielleicht war Anttis Blick so scharf, weil immer Haare davor waren. Hin und wieder blies er sie nach oben und schuf den Augen Platz. Schon als Kind hatte er das so gemacht. Seine Haut hatte die Farbe der Inselfelsen, von blassen Sommersprossen gesprenkelt, vom Wetter aufgeraut. Mit den Jahren war sein Bart rot geworden, und in den Augenwinkeln waren Bräunungsfalten entstanden.

Der Felsen gehörte zur Insel, und Antti gehörte zu Annas Leben. Er war der Sohn der Biologielehrerin und von der Volksschule an in Annas Klasse gewesen. Im Grunde hatte sie das Gefühl, als wäre Antti immer irgendwo in der Nähe gewesen, mit ernsten Augen die anderen beobachtend, an einem Stift oder einem Stück Holz lutschend. Und auch wenn sie sich in der Schule noch nicht besonders gut gekannt hatten, tobten sie doch durch dieselben Klassenausflüge, waren vor denselben Klassenarbeiten nervös, schossen im selben Jahr in die Höhe, liebten dieselbe Finnischlehrerin, probierten das Zigarettenrauchen hinter demselben Trafohäuschen aus, kannten die Freunde und Familie des anderen.

Als sie an die Universität kamen, wurden sie ein Paar. Im dritten Studienjahr renovierten sie das alte Sommerhäuschen, und jedes Frühjahr, wenn das Eis geschmolzen war, ruderten sie mit dem Boot, das sie als Verlobungsgeschenk bekommen hatten, zur Insel.

Die Hunde wechselten mit den Jahren, aber alle jagten nach Vögeln, alle gruben nach Wühlmäusen. Einer wurde von einem Gänsesägerweibchen ertränkt, dessentwegen er zu weit hinausgeschwommen war, direkt aufs offene Meer und auf die Sowjetunion zu. Anna und Antti brüllten sich auf dem Felsen die Kehlen heiser. Antti watete ins Wasser, stieg auf einen Uferstein, warf mit Kieseln und lockte den Hund mit einem Stock. Anna versuchte es mit einer Wurst, dann drohte sie dem Hund und verfluchte ihn und den Gänsesäger, demütigte sich vor aller Augen. Auch wenn niemand zusah, außer Antti, der neben ihr stand und ebenfalls schrie. Wäre damals nur das Ruderboot in der Nähe gewesen, aber das hatten sie wegen des Sturms am anderen Ufer gelassen. Und dann war der Hund plötzlich verschwunden, untergegangen. Die beiden Male, die er ins Zögern geraten und langsamer geworden war, hatte das Gänsesägerweibchen genutzt, um sich umzudrehen, näher heranzuschwimmen und ihn mit Pra-pra-pra-Rufen zu einem neuen Angriff zu reizen.

Den ganzen Abend saßen Anna und Antti am Ufer und warteten, falls der Hund doch noch auftauchte. Sich schämend, mit hängendem Kopf und klatschnassem Fell, mit seiner ganzen entblößten Köternatur. Aber nein, der Hund war verloren.

Von da an hatte Anna die Gänsesäger gehasst, so sehr, dass sich ihr alle Härchen aufrichteten, wenn sie nur das Pra-pra-pra am Ufer hörte. Wenn eine Mantelmöwe sich auf eine Gänsesägerbrut stürzte, saß Anna auf der Veranda und hoffte, es würde der Möwe gelingen, sich möglichst viele Junge zu schnappen. Und wenn ein einzelnes Gänsesägerjunges sich aus der Schar verirrt hatte und am Morgen nach einem Sturm an der Uferlinie entlangschwamm, auf der Suche nach der Mutter, hin und her und hin und her, und dabei verzweifelt piepte und immer müder wurde, konnte das Annas Herz ebenfalls nicht erweichen, oder höchstens ein ganz kleines bisschen.

Es gab Morgen, an denen Antti in der Stadt war und Anna alleine mit dem Hund aufwachte. Dann kochte sie Kaffee, hörte die Nachrichten, sah auf die Uhr und dachte, noch vierzehn Stunden, und ich kann wieder schlafen gehen. An solchen Morgen saß sie auf der Veranda, schaute vor sich hin und dachte schlicht und einfach: Stein, Birke, Gras, Stuhl. Stein, Birke, Gras, Stuhl.

3

Polizisten holten Anna aus dem Wald. Sie war unterkühlt und hatte das Gefühl in den Zehen verloren, obwohl sie eine Jacke aus Wollstoff und gefütterte Stiefel trug. Der Frost und die vollgepinkelten Hosen hatten das angerichtet.

Zuerst schämte sich Anna so sehr, dass sie daran dachte, zu fliehen, aber als der jüngere Polizist sie »Dame« nannte, ihr eine Wolldecke umhängte und ihr einen Kaffee versprach, änderte sie ihre Meinung und ließ sich zum Wagen führen.

Auf dem Polizeirevier wurde ihr klar, dass sie sich nicht an ihre Adresse erinnern konnte. Sie bat um ein Telefonbuch, schlug es aber bei den Änderungsschneidereien auf und wusste selbst nicht mehr, was sie tat. Eine Polizistin brachte ihr trockene Kleider und eine Tüte, in der sie ihre eigenen Sachen verstauen konnte. Niemand sagte etwas über die nasse Hose, was Anna erleichterte.

»Die kommt in die Reinigung«, murmelte sie und klappte das Telefonbuch zu.

Das Missgeschick war passiert, weil sie beim Spazieren im Wald auf die Leiche getreten, in den Schnee gefallen und mit dem Kopf auf einem Stück Eis aufgeschlagen war. Genau genommen hatte sie gar nicht begriffen, worauf sie da getreten war, die Waden der Leiche hatten sich angefühlt wie Wurzeln. Erst als sie aufstand, sich umdrehte und zu Boden blickte, erkannte sie, dass da eine tote Frau im Schnee lag. Und da pinkelte sie in die Hose.

Die Frau war ungefähr vierzig, hatte dunkle Haare und trug einen cremefarbenen Mantel. Wegen des Mantels war sie so schwer zu sehen gewesen, zumal schon eine dünne Schneeschicht die Erde und die Frau bedeckte. Der Schnee hatte sich in den Falten des Mantels angesammelt, im Kragen und im Ohr und auf der Schläfe der Frau. Mit dem Schnee hatte es auch zu tun, dass die Frau so kalt und tot aussah.

Die Augen waren geschlossen. Dünner Reif überzog die Gesichtshaut, als wüchse der Frau weißer Flaum oder ein Bart. Sie lag in Embryohaltung auf der Seite, die eine Hand zwischen den Oberschenkeln, die andere wie ein Kissen unter dem Kopf. Der Eindruck des Stillstands wurde nur von der dunklen Haarsträhne gestört, die von der Wange bis zur Stirn quer über das Gesicht fiel und sich leicht im Wind regte. Sie sah verblüffend schwarz und lebendig aus in all dem Weiß.

Anna starrte auf die Tote, dann rannte sie los. Sie musste nach Hause, die Unterhose wechseln. Sie rannte blindlings in den Wald, scherte sich nicht um den Schnee, der ihr in die Stiefel drang und von den Ästen in den Nacken fiel. Unterwegs verlor sie einen Handschuh. Als sie wieder auf dem Fußweg war, der im Winter zum Skilaufen benutzt wurde, hatte sie keine Ahnung mehr, in welche Richtung sie sich wenden sollte. Da stand sie dann mitten auf der Loipe und schaute unsicher nach links und rechts.

»Simo! Simo!«, rief es hinter dem Hügel, und wenig später tauchte ein Jagdhund auf. Er schoss direkt auf Anna zu und schnupperte an ihrer gefütterten Hose. Hinter dem Hund kam ein junger Mann angerannt und rief den Hund zu sich.

Anna flüchtete, worauf der Hund ihr natürlich nachsetzte, ebenso der junge Mann. Erst als dieser den Hund an der Leine hatte und Anna verschnaufen musste, konnte sie sagen: »Da drüben liegt eine tote Frau.«

Dann folgten ein Telefongespräch, der Gang in den Wald, das Warten auf die Polizei, ein wütender Skiläufer, weitere Telefonate, die warme Wolldecke und das Polizeiauto. Schließlich landete Anna auf dem Polizeirevier, wo sie trockene Kleider und warme Suppe bekam. Man wickelte ihr eine dicke Decke um die Beine und schob ihr ein Wärmekissen unter die Füße.

Eine Polizistin mittleren Alters kam mit einer Karte ins Zimmer und stellte sich als Polizeimeisterin Tuomainen vor. Sie setzte sich Anna gegenüber an den Tisch und breitete eine Karte aus. Sie war eine breitschultrige Frau mit großem Busen, eine Frau mit kräftiger Umarmung, auf deren Schoß man bestimmt gern saß. Anna kam sich in ihrem Wolldeckenpaket wie ein kleines Mädchen vor. Aus dem Kissen unter ihren Füßen stieg Wärme auf, die sie ganz matt werden ließ.

»Ist es Ihnen recht, Frau Lehtonen, wenn wir Ihre Angaben aufnehmen?«

Anna nickte und blickte unsicher auf das Formular vor der Polizistin.

»Ich habe meine Brille zu Hause gelassen.«

»Ich kann das aufschreiben. Adresse?«

Anna bat um einen zweiten Teller Suppe.

»Es war so kalt heute Morgen«, erklärte sie und gab dem Mann, der in den Raum gekommen war, den Teller. »Mein Thermometer hat minus vier angezeigt, aber das zeigt immer eher zu wenig an.«

Dann fiel ihr plötzlich ein, dass Piironen im Stockwerk unter ihr das Küchenfenster immer sperrangelweit offen stehen und dadurch das Thermometer steigen ließ. Anna hatte sich deswegen schon beschwert, aber es half nichts.

»Pormestarintie 3B 24«, seufzte sie dann erleichtert.

»Beim Altenheim?«

»Auf der anderen Straßenseite.«

»Das war dann aber ein ganz schönes Stück, wenn Sie um neun Uhr losgegangen sind.«

»Wie spät ist es?«

»Gleich halb drei. Harri Niemelä hat uns um eins angerufen.«

Anna sah die Polizistin erstaunt an. Sie hatte geglaubt, einen kurzen Morgenspaziergang gemacht zu haben, und jetzt war es auf einmal Nachmittag. Kein Wunder, dass ihr kalt wurde. Sie zog die Wolldecke fester um sich.

»Ich muss mich verlaufen haben.«

Sie sah die Polizistin einen Blick mit dem Mann tauschen, der die Suppe brachte.

»Und Sie haben im Wald tatsächlich eine Leiche gesehen?«

Jetzt glaubten sie ihr nicht einmal mehr. Sollten sie doch selbst nachsehen, sollten sie den Spuren folgen. Was stellten sie ihr Fragen, wenn sie ihr doch nicht glaubten? Anna schlürfte ihre Suppe und antwortete nicht.

»Und die Leiche, die Sie gesehen haben, war komplett gefroren? Konnten Sie etwas erkennen, was auf die Todesursache hindeutete?«

»Sie hielt Winterschlaf«, meinte Anna.

»Vielleicht ist es das Beste, wenn wir Sie jetzt nach Hause bringen.«

»Und die Vernehmung?«, fragte Anna.

»Schauen wir erst mal, was wir im Wald finden.«

4

In der Nacht saß Anna in der dunklen Küche und dachte an die tote Frau. An die Hand unter dem Kopf, an das hart gefrorene Bein, an die Augenbrauen und den Eisflaum über den Augen. Sie schlief in der gleichen Haltung, aber jetzt wollte der Schlaf nicht kommen. Sie musste immer wieder daran denken, wie hart sich Oberschenkel und Wade der Frau angefühlt hatten. Als wären Hosenbein und Strumpf über ein Stück Holz gezogen worden. Anna nahm eine in blauem Papier verpackte Tafel Fazer-Schokolade aus der Schublade und brach eine Rippe ab.

Dann dachte sie an die Männer, die auf Eisschollen trieben und rohen Fisch und Schnee aßen und tagaus, tagein nach dem Rand des festen Eises Ausschau hielten. In Sibirien wurden viele Geschichten über diese Männer, die sich auf dem Meer verirrt hatten, erzählt. Sie stellte sich vor, wie ihnen die Pelze allmählich an der Haut festwuchsen und die Bärte ihre Gesichter verdeckten. Wie sie schließlich das Festland erreichten und nicht mehr auf zwei Beinen gingen, sondern mit gekrümmten Beinen und gebogenen Schultern die Haltung von Tieren angenommen hatten. Wie sie in ihre Dörfer zurückkehrten und dort das ganze Vieh töteten. So wie die Mädchen, die man in Indien gefunden hatte, deren Beine nicht mehr gerade wurden, weil sie fast zehn Jahre unter Wölfen gelebt hatten. Nein, das war etwas anderes.

Anna wusste, warum die Frau im Wald gestorben war. Sie hätte sagen können: Die Kälte hat ihr einen Streich gespielt. Sie hätte sagen können: Auf den Winterschlaf muss man sich richtig vorbereiten, man kann nicht einfach so einschlafen, mit leerem Magen und in gewöhnlichen Kleidern. Aber vielleicht hatte die Frau gar nicht einschlafen wollen. Vielleicht war sie schon lange müde gewesen, ohne es selbst zu begreifen. Die alltäglichen Verrichtungen waren ihr schwergefallen, Tag für Tag war sie langsamer geworden. Vielleicht hatte sie sich nur hingesetzt, Rast gemacht, um die Landschaft zu betrachten, und dann hatte es plötzlich zu lange gedauert. So wie Annas Spaziergang. Vier Stunden später konnte die Frau nicht mehr aufstehen, der Boden unter ihren Füßen war weich und warm geworden, sie legte sich hin und dachte: Nur ein kleines Mittagsschläfchen. Und bevor sie sich’s versah, überzuckerte der Schnee ihren Mantel.

Doch, so etwas kam vor. Zuerst war einem alles vertraut. Aber es brauchte nur einen Ausrutscher, einen kleinen Schritt zur Seite, eine Störung, einen Bruch im Eis, der die Scholle davontreiben ließ, und schon wurde das Vertraute fremd. Eine Leiche im Wald. Ein Wolf am Feldrand. Die Mutter wandte sich nur einmal kurz ab, da kam der Wolf aus dem Wald und schnappte sich das am Feldrand liegende Baby. So geschah es.

In einem Fenster im ersten Stock des Hauses gegenüber brannte Licht. Es war das Wohnzimmer von Vieno Hiltunen. Dort saß Vieno und machte ein Puzzle oder wechselte mit der Fernbedienung die Sender. Vieno behauptete, sie schlafe überhaupt nicht mehr. Anna glaubte das nicht, widersprach aber nicht. Auch im Fenster von Pekkala brannte Licht, er hatte diese Woche wieder Frühschicht.

Anna erinnerte sich an ihre Schlafecke auf der Insel, an die blauen Vorhänge und das geheimnisvolle Licht, das in den Augustnächten hereinfiel, wenn der Mond durch den Wald schien.

Der Stoff hatte ein Muster, das nur nachts sichtbar wurde, wenn alle anderen Lichter gelöscht waren. Tagsüber war der Vorhang zweidimensional und undurchsichtig, aber nachts schien der Stoff in übereinanderliegende Muster aufzugehen, und dann glühte der Vorhang nach innen und nach außen.

Die Schlafecke in dem Häuschen war Annas liebstes Schlafzimmer. Die Zeit vor den grünen Vorhängen, die Zeit vor dem Londoner Verkehr, die Zeit, bevor sie Nachthemden tragen musste. Wenn sie in dem Häuschen wohnte, liebte Anna das Dunkel. Die Dunkelheit war blaue Bewegung, Anna hörte darin Anttis Atem, und wenn sich die Bettdecke kurz hob und senkte, wehte ihr der gemeinsame Duft ihrer Körper ins Gesicht. Sie schliefen beide nackt, und Anna erinnerte sich, wie Anttis schlafende Haut im blauen Licht aussah. Manchmal öffnete er die Augen, lächelte Anna durch den Schlaf hindurch an, sagte »Hallo« und versank wieder im Schlummer.

Von der Eiszeit glatt geschliffener Fels, von der Sauna weiche Haut. Sommersprossen und Froschteiche. Anna war mit Antti so fest verwachsen wie die Kiefer mit dem Felsen.

Im Stockwerk über ihr wurden Geräusche gemacht. Der pubertierende Sohn von Hagerts ging aufs Klo. Sein Zimmer lag über Annas Wohnzimmer, und in letzter Zeit machte der Junge mehr Krach als früher.

Der Heizkörper brodelte, jenseits des Parks brauste ein Lastwagen vorbei, die Küchenuhr tickte. Manchmal horchte Anna nachts auf die Lastwagen und stellte sich vor, es wären Wellen. Dann spielte sie, dass sie am Meer wohnte, und ein herrliches Raumgefühl erfasste sie. Die Postlaster holten Briefe vom Flughafen, jenseits des Parks schlug Post aus der ganzen Welt Wellen, der Wind blies aus der Ferne.

5

Anna beschrieb das Häuschen so: