Verlag: adeo Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Der Tag, an dem Gott nicht mehr Gott heißen wollte E-Book

Jens Böttcher  

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E-Book-Beschreibung Der Tag, an dem Gott nicht mehr Gott heißen wollte - Jens Böttcher

Der Musiker Leon befindet sich nicht gerade in einer Hochphase. Nicht nur die Lebensfreude, auch der Sinn des Ganzen ist ihm abhandengekommen. Was für ein Glück, dass Gott Lust hat, mal wieder auf die Erde zu reisen und sich höchst persönlich um den völlig verdutzten Leon zu kümmern. Leon erhält das beste Geschenk seines Lebens - eine Gesprächstherapie mit dem Schöpfer des Universums. Doch auch Gott hat ein Anliegen: Er ist es leid, mit dem sperrigen Namen "Gott" angesprochen zu werden. Leon soll dabei behilflich sein, dass die Menschen endlich seinen wahren Namen erfahren ... Eine warmherzige Erzählung über die wunderbare Kraft der Liebe und des heilsamen Glaubens an etwas, das viel größer ist als wir.

Meinungen über das E-Book Der Tag, an dem Gott nicht mehr Gott heißen wollte - Jens Böttcher

E-Book-Leseprobe Der Tag, an dem Gott nicht mehr Gott heißen wollte - Jens Böttcher

Dir, der Liebe, die meinen Fluss in glanzvolles, schimmerndes Licht tauchte,Dir, der Hüterin meiner Seele, zärtlich in die Hände gelegt.

Inhalt

Prolog: Eingebung

Ahnungslos, von Herzen

Wie ich eines Abends mit Gott Champagner trank und danach beinahe die Treppe heruntergefallen wäre

Allerhöchste Reisevorbereitungen

Wer bin ich?

Hilft Schlafen gegen Lebensmüdigkeit?

Sternschnuppenhagel

Das Buch Leon

Auf Wiedersehen, ewiges Jetzt

Zahnbürste für einen Obdachlosen

Realitäts-Check-In

Nachtzweifel

Wie ich eines Vormittags mit Gott in einem Linienbus herumfuhr und er mir vorsichtig zu erklären versuchte, dass ich nicht irre bin

Gott hebt ab

Wie ich eines Tages mit Gott am Teich in der Sonne sass und im Laufe der Konversation zu einer Ente wurde

Das Recht auf Enttäuschung

Keine Schuld für Niemand

Ein dunkler Wind

Wie ich eines Tages mit Gott in der Stadt herumschlenderte und langsam zu glauben begann, dass er wirklich Gott ist

Im Café Rasputin, Gentlemen

Die Ameise

Post von Gott

Der Hund

Wie ich eines Morgens mit Gott frühstückte und zu ahnen begann, dass ich nicht nur ihn, sondern auch mich selbst gerade erst kennenlernte

Der Zauber der Musik

Der Fluss

Mondlicht

Raupen im Bauch

Kleider für den Tag

Wo ist Gott eigentlich, wenn er gerade nicht da ist?

Um Gottes Namen

Himmel und Hölle

Der Maler meines Lebens

Drei graue Punkte

Heilfeilschen

Der Kantstein

Eine neue Welt

Der mit der Sonne tanzt

Der Raum der Empathie

Bittere Frucht

Heimweh

Die Kirche, die er ist

Offenbarung

Segenseide

Der Klang des Himmels

Der Abschied

Prolog: Eingebung

Außerhalb menschlicher Zeitrechnung, unbekanntes Datum, unbekannte Uhrzeit.

Siddharta Gautama klopfte vorsichtig an die Pforte zu den Gemächern des Allerhöchsten. Wie alle Bewohner des siebten Himmels war er nach seinem irdischen Ableben eine überaus sanfte Engelseele geworden und wollte den Schöpfer allen Seins auf keinen Fall stören, falls dieser gerade zu ruhen geruhte. Seine Sorge war allerdings unbegründet. Der Allmächtige saß hellwach an seinem Schreibtisch und war bester Dinge.

„Herein, mein Lieber, herein!“, rief der Schöpfer von allem, was ist, mit heiterer Stimme.

Gautama atmete erleichtert auf und trat ein.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen, liebster Buddha“, sagte der Ewige. „Wie wundervoll, dich zu sehen.“

Gautama lächelte und ließ den großen Papyrusstapel sanft von einer seiner Schwingen auf den mächtigen Schreibtisch sinken.

„Weißt du was?“, sagte der Allerhöchste verschmitzt.

„Nein, woher denn, was denn?“

„Ich werde heute etwas sehr Außergewöhnliches tun. Ich werde selbst runtergehen.“

„Oh, wirklich?“ staunte Gautama. „Das hast du aber schon lange nicht mehr getan.“

„Ja, eben“, freute sich der Erfinder aller Universen, „aber als ich heute aufwachte, hatte ich eine Eingebung von mir selbst. Wie du weißt, sind das die allerbesten. Ich bin schon ziemlich aufgeregt.“

Er lachte leise und freute sich auf die bevorstehende Reise. Gautama freute sich mit. Seit er selbst dem Grund aller Dinge vor vielen tausend Jahren unter einem Feigenbaum in dem indischen Örtchen Uruvela begegnet war, wusste er um die lebensverändernde Kraft einer persönlichen Begegnung mit dem Schöpfer von allem, was man sich vorstellen oder eben auch nicht vorstellen konnte.

„Machst du es wie beim letzten Mal?“ Gautamas Stimme war voller Erwartung. „Augen zu und Papyrus ziehen?“

„Oh ja, prächtige Idee“, lächelte der Allmächtige.

Er schloss die Augen, zupfte aus dem Stapel eine Schriftrolle heraus und gab sie Gautama zurück. Auf dem Papyrus stand in goldenen Lettern ein kurzer Name.

„Und?“, fragte der Höchste neugierig, „wer ist es?“

„Kategorie C, Westeuropa. Verdrängte Schuldgefühle, diffuse Lebensmüdigkeit, Tendenz stark zunehmend. Ein Klavierspieler namens Leon“, las Gautama vor.

„Oh, ich liebe Klaviermusik“, sagte der Schöpfer aller Künste und streichelte das Papier zärtlich.

Die Schrift begann zu leuchten.

Der Höchste ebenfalls.

Er beschloss, dem traurigen Klavierspieler Leon eine kleine Eingebung zu schicken. Eine von sich selbst, denn das waren mit Abstand die allerbesten.

Ahnungslos, von Herzen

Leons Tagebuch. An einem spärlich beleuchteten Schreibtisch in der kleinen Dachkammer eines Häuschens am Waldrand. Donnerstag, 4.10., 16.32h

Mein Name ist Leon. Ich spiele Klavier. Ich bin verliebt. Ich habe ein Haustier. An meiner Hauswand wachsen Blumen unbekannter Herkunft. Ich werde mich gleich noch etwas ausführlicher vorstellen.

Viel dringender ist aber dies: Die Geschichte, die hier erzählt sein möchte, ist eigentlich vollkommen unglaublich: Ich bin Gott begegnet. Er hat mich sogar zu Hause besucht. Er kam in Menschengestalt.

Aber er war noch viel mehr.

Er war alles.

Er war Geist.

Er war Charisma.

Und er war allergisch – und hatte deshalb hin und wieder eine ziemlich rote Nase.

Bei einer unserer ersten Begegnungen sagte er, dass er nur meinetwegen überhaupt auf die Erde gekommen sei. Ich fand auch, dass das vollkommen verrückt klingt. Bis ich verstand, dass eigentlich alles, was wir Menschen für wahr halten, entweder verrückt sein könnte oder es tatsächlich ist. Bis ich begriff, dass Gott mich nur stellvertretend für alle anderen reisenden Seelen ausgesucht hatte, dass er uns allen Tag für Tag begegnen kann, sofern wir es wagen, die Sinne unserer Herzen auf Empfang zu stellen.

Das alles erspürte ich aber erst, als er wieder fortgegangen war – als mir klar wurde, dass er in meiner Seele innerhalb kürzester Zeit eine absolut dramatische, bewusstseinsverändernde Weltrevolution ausgelöst hatte, die ohne jedes innere oder äußere Blutvergießen auskam. Eine Revolution war es wirklich, denn bevor ich ihn traf, fand mein Leben in einem dichten Nebel statt, der sich über alles legte, was ich tat. Ich war eigentlich immer traurig, sogar in den seltenen Momenten, in denen ich glücklich zu sein glaubte. Doch seit er mich besuchte, fühle ich mich auf unbeschreibliche Weise befriedet. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich glücklich. Und ich weiß, das wird auch dann noch Bestand haben, wenn ich mal wieder todtraurig sein werde.

Alles in mir hat sich durch seinen Besuch verändert. Alles macht jetzt Sinn. Ich muss mich selbst nicht mehr erklären.

Seit Gott mir begegnet ist, lasse ich mich in das absolut befreiende Gefühl fallen, keine Ahnung vom Leben zu haben und auch nicht mehr haben zu müssen. Natürlich war ich schon immer ein Ahnungsloser. Aber ich musste immer dagegen kämpfen, konnte es nie akzeptieren. Wie wunderbar es sich nun anfühlt, die große Ahnungslosigkeit willkommen zu heißen. Sie gehört sowieso zu meinem Leben wie Durst zu Wasser. Womöglich ist sie sogar das Benzin für die Sehnsucht, die uns alle immer weiter durch unsere Lebenswüsten reisen lässt. Wenn wir es zulassen können, führt sie uns doch zur Oase einer Erkenntnis, die mit dem Intellekt niemals zu erreichen ist.

Unsere Ahnungslosigkeit beackert und bewässert das große Feld des Nichts, dessen demütig machende Garben allein uns doch letztlich befähigen, in die Fülle inneren Friedens zu gelangen. Gelobte Ahnungslosigkeit. Ich glaube, wir sind nicht gemacht, um zu verstehen. Unseren hoch entwickelten Intellekt brauchen wir natürlich trotzdem – zum Weltenretten oder zum Weltenzerstören, zum Krankenhäuserbauen, zum Brötchenholen, zum Termine-nicht-Verpassen und dafür, uns trickreich zu verstecken, uns immer wieder vorzugaukeln, dass wir selbst im Besitz der großen Wahrheit wären – und damit der Kontrolle über unser Leben. Tatsächlich haben wir alle keine Ahnung.

Wir sind gemacht, um zu spüren, uns zu erfühlen – den geheimnisvollen Himmel, uns selbst, die Menschen, die wir lieben. Wir leben, um uns selbst und unsere Welt bewusst zu erleben. Wir leben, um das Leben zu erlieben.

Und ja, natürlich, wir sind auch gemacht, um etwas zu wissen, aber Wissen wird nur durch Liebe wertvoll und schön. Wissen ohne Liebe ist wie ein protziges Auto, das nie gefahren wird, wie ein prunkvolles Haus, in dem niemand wohnt.

Nun berge ich mich in der Gewissheit, dass ich mich selbst nur lieben kann, wenn ich mich von etwas Größerem geliebt weiß. Ich spüre unbändige Freude bei dem Gedanken, diese Liebe nun endlich mir selbst schenken zu dürfen – und als direkte Folge davon auch allen anderen Seelen, denen ich auf meiner Reise begegnen werde.

Diese Begegnung mit Gott wird unvorstellbare Konsequenzen haben. Für mich, weil er mir das schönste Geschenk meines Lebens machte. Für ihn, weil er endlich seinen echten Namen zurückbekam. Für uns alle, weil sein Name viel zu schön ist, um nicht wahr zu sein.

Ich werde meine Tagebücher der letzten Wochen öffnen und alle Details der Geschichte preisgeben.

Alles begann damit, dass ich zu später, dunkler Stunde an einem lauen Septemberabend die folgende kleine Geschichte in ein Notizbuch schrieb. Ich wusste nicht, warum oder wie ich auf sie gekommen war. Ich folgte einer Eingebung, die mich angeflogen hatte wie ein leise säuselnder Wind. Ich würde gern sagen, sie hatte mich aus heiterem Himmel angeflogen, aber das würde nicht stimmen,dennmein eigener Himmel war in diesem Moment schwer wolkenverhangen. Eigentlich wäre ich an diesem Abend lieber einfach ins Bett gegangen und hätte mir die Decke über den Kopf gezogen, geplagt von meinem merkwürdig schweren Herzen, das mir grundloses Dunkel suggerierte, doch der Impuls, diesen Gedanken zu folgen und sie aufzuschreiben, war stärker: Was, wenn Gott persönlich plötzlich in meinem Wohnzimmer säße? Wenn er irgendwie ganz anders wäre, als man ihn sich normalerweise vorstellt? Wenn er ein Gesicht hätte. Wenn er ein Freund wäre.

Wie ich eines Abends mit Gott Champagner trank und danach beinahe die Treppe heruntergefallen wäre

Leons Tagebuch, Aufzeichnung vom Samstag, 8.9., 22.35h

Am Abend eines durchschnittlichen Tages, an dem ich mal wieder viel zu viel nachgedacht hatte, an dem diffuse Hoffnung, Unsicherheit und Müdigkeit mich umschwirrt hatten wie eine Horde depressiver Fliegen, betrat ich angemessen missmutig mein Wohnzimmer und sah dort im Schummerlicht Gott sitzen. Direkt vor dem Kamin – die Füße entspannt auf dem Hocker, eine Davidoff-Zigarre im Mund, eine Flasche Champagner und zwei leere Gläser direkt vor sich auf dem Tisch. Ich traute natürlich meinen Augen kaum, doch, mein Gott, tatsächlich – er war es. Woher ich das wusste? Keine Ahnung. Wahrscheinlich weil sich die Frage nicht stellte und es deshalb auch keinen Zweifel gab.

Gott bedeutete mir freundlich, mich zu ihm zu setzen. Ich zögerte nicht. „Ich habe viel über dich nachgedacht heute“, sagte ich vorsichtig.

Er lachte nur und sagte: „Das weiß ich schon.“

„Und jetzt?“, fragte ich.

„Wir feiern“, sagte Gott fröhlich und hob sogleich das Glas.

„Aber was?“, fragte ich beinahe tonlos.

Was sollte ich feiern? Dass ich langsam Frieden machte mit all den Kriegen, die hinter und sicher noch vor mir lagen? Ich glaube, was mich im Leben eigentlich tieftraurig stimmte, war die Ahnung, dass es aus dem eigenen inneren Krieg einfach kein Entkommen gab. Mir war also nicht wirklich nach Party.

Gott war davon allerdings ganz unbeeindruckt. „Wir feiern, dass du dem Himmel heute ein ganzes Stück näher gekommen bist“, sagte er. Dann nahm er einen tiefen Zug von seiner edlen Zigarre.

„Für mich fühlt es sich eher an, als sei ich heute meilenweit in die falsche Richtung gegangen“, sagte ich leise.

„Glaubst du wirklich, dass man in einem Kreis in die falsche Richtung gehen kann?“ fragte Gott und kicherte.

Kein Spruch, er kicherte wirklich. Irgendwie nahm mir das die Lust zu diskutieren. Und das fühlte sich gut an. Ein bisschen wie Absolution, wie Amnestie. Allem, was er sagte und nicht sagte, haftete ein lieblicher Duft von Gnade an.

„Entspann dich, Sohn“, sagte er.

Dann schenkte er uns ein Glas nach dem anderen ein und wir tranken zwei Flaschen des kostbaren Tropfens und feixten und erzählten die ganze Nacht Geschichten und lachten bisweilen so heftig, dass Gott sich vor Schmerzen den Bauch halten musste.

Ich lachte ebenfalls und spürte immer wieder Tränen auf meinem Gesicht. Die meisten davon waren vom Lachen, ein paar andere waren aber auch dabei. Rührung, Trauer. Erleichterung. Insgesamt fühlte es sich an wie die Tränen der Freiheit eines zu lebenslänglichem Leben Verurteilten.

Erst in den frühen Morgenstunden gingen wir wieder auseinander. Ich holte Gott noch einen Pullover von oben, denn draußen war es kalt geworden und ich wollte nicht, dass er auf dem Heimweg friert. Er zog ihn an, umarmte mich und ging.

Ach ja, und dann wäre ich übrigens noch beinahe die Treppe heruntergefallen. Ich glaube, es war weniger der Alkohol und mehr der Segen des Moments, der mir zu Kopf gestiegen war. Aber sicher kann ich da nicht sein. Und nachdem Gott gegangen war und ich mich etwas sortiert hatte, schaute ich oben aus dem Fenster, ob ich ihm vielleicht noch ein Weilchen nachsehen könnte. Aber – obgleich es eigentlich eine sternenklare Nacht war, ging das nicht. Alles, was ich schemenhaft erkennen konnte, war seine unbeleuchtete, ausgelassen tanzende, schließlich ganz plötzlich und vollkommen in der Finsternis verschwindende Silhouette.

Ich schaute in den Himmel und suchte die Sterne. Sie waren weg. Kaum zu glauben, Gott hatte sie einfach ausgeknipst. Und ich dachte: Stimmt. Man kann ihn natürlich nur dann sehen, wenn Er es will.

Aber sein Lachen, dieses wunderbare, befreiende Lachen, das konnte ich noch sehr lange aus der Entfernung hören. Warum hatte ich ihn eigentlich nicht gebeten zu bleiben? Warum bat ich ihn nie, einfach zu bleiben? Er war mir ja nicht das erste Mal begegnet. Merkwürdig. Aber dieses Lachen, mein Gott, dieses ansteckende Lachen. Irgendwie hallt es immer noch in mir nach. Als wäre es gar nicht wirklich von außen gekommen, sondern von innen, aus einem gedankenlosen Land in mir, das mir wie zu Hause vorkommt und in das ich trotz dieses furchtbaren chronischen Heimwehs viel zu selten reise.

Allerhöchste Reisevorbereitungen

Himmlisches Tagebuch, außerhalb menschlicher Zeitrechnung, Datum und Uhrzeit unbekannt.

Das mit der Eingebung hat wunderbar funktioniert. Leon hat sie als Inspiration empfangen, sogar aufgeschrieben. Der Same ist gesät.

Hier im siebten Himmel ist derweil die Kunde ausgegangen, dass ich für eine Weile verreisen werde. Erzengel Gabriel hat bereits den größten verfügbaren Engelschor in Stellung gebracht, um meine Abreise mit einem pompösen Abschiedslied zu veredeln. Johanna von Orleans und Petrus haben mir sogar eine beflügelte Depesche zukommen lassen, in der sie mir ihre Hilfe beim Packen meiner Reisetasche anbieten. Die beiden sind ja immer so herrlich gründlich und sorgen sich, dass ich wieder Basics wie Zahnbürste, Reisegeld und Ersatzklamotten vergessen könnte. Das passiert mir nämlich fast jedes Mal. Die beiden wissen das. Sie sind sehr empathisch.

Es ist ja auch schon eine Weile her ist, seit ich zuletzt selbst runtergegangen bin. Normalerweise ist diese Art von Seelenbegleitung Aufgabe der ranghöheren Engel, aber ich bin gewiss, sie werden es mir nicht verübeln. Zumal ich schon ganz aufgeregt bin und allein diese Vorfreude einen zauberhaften Energieschwall durch alle Himmel regnen lässt, dessen dicke, warme Tropfen alle Himmelsbewohner schon jetzt sehr genießen. Ach, eigentlich hätte ich das schon längst mal wieder tun sollen. Die Erfahrung, als Mensch auf der Welt zu sein, hat etwas so einzigartig Rauschhaftes – eine faszinierende Kombination aus der Enge des menschlichen Körpers, der entsprechenden Begrenzung der Seele und all der wilden menschlichen Gedanken in so starkem Kontrast zu den vielfältigen Emotionen, den inneren Fragen, der oft verloren geglaubten, verschütteten, dabei aber doch unantastbaren Verbindung zu mir, meiner geliebten Zauberhaften, zur alles Seiende umhüllenden, wonnegetränkten Sieben-Himmel-Dimension. Kurzum: Es ist zwar sehr herausfordernd, hinabzureisen – aber es ist auch ganz wundervoll.

Die Packliste ist dabei eigentlich das Unwichtigste, aber es ist trotzdem eine entzückende Geste von Johanna und Petrus, mir zur Hand gehen zu wollen. Ich werde ihre Unterstützung aber nicht in Anspruch nehmen. Ich könnte die kleine Plastiktasche, die schon bereitsteht, einfach füllen, indem ich alles, was ich brauche, einfach in sie hineinhauche und manifestiere. Aber ich gewöhne mich lieber schon mal behutsam an die Grenzen des Menschseins. Das Stoffliche kann für den ungeübten freien Geist sehr herausfordernd sein. Letztes Mal hätte ich mir tatsächlich gleich am ersten Abend der Reise eine Zahnbürste kaufen müssen. Aber das Geld hatte ich dann dummerweise auch vergessen.

Auch das ist so ein skandalös überschätztes Ding – dieses bedruckte Papier. Als Tauschmittel natürlich eine wunderbare Idee, aber in der Umsetzung und vor allem in der gerechten Verteilung unter den Menschen noch sehr verbesserungsfähig. Zähne putzen ist für die Menschen eigentlich wichtiger. Wenn die Zähne vergammeln, tut das richtig weh, wenn Geld vergammelt, kann man es ja einfach wegschmeißen und neu drucken, na ja, theoretisch. Es ist – wie alles Schöne – eine Frage der inneren Schau und Bereitschaft. Das Zähneputzen hat merkwürdigerweise nie Gottesstatus erlangt, das Geld schon. Viele Menschen haben es an meine Stelle gesetzt und haben ein Gefühl von Sicherheit, wenn sie es besitzen. Aber es ist trügerisch, es wirkt nur im Außen. Ich bin zum Glück völlig konkurrenzlos, denn ich wirke von innen. Es wird der Tag kommen, an dem einer ihrer berühmtesten Philosophen diesen Satz zu Papier bringen wird: Geld ist tot.

Und überhaupt, was sagt das über unsere Schöpfung, das mit der Verehrung für das Geld? Doch nur dies: dass die menschliche Sehnsucht intakt ist und die geniale Idee mit dem freien Willen wunderbar funktioniert hat. Sie ist übrigens von meiner Frau, die Idee. Oh, die Geliebte, die große Liebende, sie ist ein Wunder, zauberhaft jenseits aller Ausdrucksmöglichkeiten ist sie! Die absolute Krönung aller Schöpfung. Mir wird so warm, wenn ich an sie denke. Ich schreibe lieber bei anderer Gelegenheit weiter über sie. Ich muss mich konzentrieren. Menschen tun so etwas.

Soeben kam eine weitere Depesche von Johanna und Petrus. Sie sind jetzt auf dem Weg zu mir. Ach je. Ich möchte nicht, dass sie traurig sind, wenn ich ihnen erkläre, dass ich eigenhändig packe. Besonders Petrus ist manchmal noch etwas empfindlich, wenn das Gefühl der Ablehnung wie ein Spurenelement irdischen Seins in ihm aufflackert. Selbstverständlich weiß der Gute längst, dass hier oben nichts als heilende Freiheit ist, aber seine Seele muss immer noch ein paar Reste menschlichen Kummers abarbeiten.

Das geht vielen dort unten Abgereisten so. Normalerweise kommen sie alle zunächst im ersten Himmel an – bis auf die wenigen, die gleich in den zweiten oder dritten Himmel einziehen, weil sie schon bei ihrem Ableben keine inneren Lasten mehr tragen.

Der erste Himmel ist wundervoll. Ein wahres Wellnessparadies mit vielen herrlichen Engelanwendungen, die den geplagten Seelen beim Loslassen helfen. Petrus war eine ganze Weile dort. Er hatte viel zu lange unter dem Missverständnis gelitten, dass er als Mensch Gründer und Halt einer gigantischen religiösen Bewegung sein sollte, einer allwissenden Kirche gar.

Meine Güte, so eine heftige Last für eine einzelne Seele. Das hätte ihm keiner von uns jemals auferlegt. Menschen schaden sich aus Übermut oder falschem Ehrgeiz oft selbst. Den Engel, den ich ihm damals schickte, hat er leider nicht richtig ernst genommen. Noch eine ganze Weile nach seinem schmerzhaften Ableben hat Petrus sich unten im ersten Himmel Vorwürfe gemacht, nicht selbst drauf gekommen zu sein, dass man auf der Welt völlig Unmögliches von ihm erwartete. Aber, arme Seele, das konnte er ja gar nicht besser, er war ja nur ein Mensch. Ach, dieses Leiden. Dieser Druck, den sie sich auferlegen, der plagende Wunsch nach Perfektion, er befällt fast alle Reisenden. Hier oben finden sie dann schließlich alle Heilung. Ausnahmslos. Die Töpfer-Therapiegruppe der Religionsstifter unten im zweiten Himmel ist dabei glücklicherweise nicht so überlaufen wie die mit den Religionsopfern.

Der liebe Leon ist glücklicherweise weder ein Kandidat für die eine noch für die andere Gruppe. Ich habe vorhin seine Lebensakte überflogen. Er leidet überhaupt nicht unter religiösem Übereifer. Sein Problem ist ein ganz anderes – und vor allem weitverbreitet. Er leidet an sich selbst und an schweren, verborgenen Schuldgefühlen, die ihn seit seiner frühesten Kindheit plagen.

Ich werde ihm ein wundervolles Geschenk machen. Das größte von allen. Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle (und das wird es), wird er später die ersten beiden Himmel überspringen können. Es wird eine Riesenfreude sein. Oh, ich bin nervös, das ist alles so aufregend. Menschsein, ich komme! Morgen früh geht’s los, aber vorher schlaf ich erst mal noch 1 000 Jahre aus. Zum Glück kann ich das mit der Zeit ja ganz frei gestalten.

So, und jetzt packe ich.

Memo: Zahnbürste nicht vergessen.

Wer bin ich?

Leons Tagebuch. Donnerstag, 4.10., das Häuschen am Waldrand, im Wohnzimmer, 23.46h.

Chronisches Heimweh. Das Land, in das ich viel zu selten reise. Mit dieser kleinen Tagebuchgeschichte von einem Champagner trinkenden Gott in meinem Wohnzimmer begann also alles, doch ich hatte wirklich nicht den Schimmer einer Ahnung, was für Ausmaße das Ganze annehmen würde.

Aber ich habe ja versprochen, mich erst noch etwas näher vorzustellen. Gerade jetzt wünschte ich übrigens, dass diese Geschichte einen Erzähler hätte. Ich bin eigentlich nie so der Typ gewesen, der vor anderen viel über sich selbst spricht. Das hat sich auch jetzt nicht geändert. Ich bin auch kein Missionar. Ich will – um Himmels willen – niemanden zu irgendetwas bekehren. Das ist ein geradezu absurder Gedanke, der hier nicht aufkommen darf. Der Gott, den ich traf, legte keinen Wert auf Bekehrungen, eher auf Entkehrungen. Und was mich angeht, ja, ich kritzele jedenfalls viel lieber heimlich in mein Tagebuch, als mich öffentlich aufzuplustern.

Es ist überhaupt so furchtbar schwer zu beschreiben, wer man ist. Wenn man danach gefragt wird, beginnt man meist mit dem, was man tut, nicht mit dem, was man ist. Hallo, ich bin Amelie, ich bin Backwarenfachverkäuferin. Hallo, ich bin Sophia, ich bin Managerin in einem großen Ölkonzern. Hallo, ich bin Leon, ich bin Musiker. Dieses „Ich bin“ist ja immer irgendwie falsch, als versuchte man den ganzen Himmel zu beschreiben, indem man von einer einzelnen Wolke erzählt. Wir sind alle so viele und so vieles. Diese folgende Selbstbeschreibung schüttete ich, recht kurz vor Beginn der aktuellen Geschehnisse, in mein Notizbuch. Es ist sonderbar, diese Worte jetzt zu lesen und hier hineinzukopieren. Alles was da steht, ist die Wahrheit. Aber nichts davon stimmt wirklich.

Wer ich bin? Ich bin ein Mensch. Da geht’s ja schon los, ebenso gut könnte ich ja auch gleich schreiben, dass ich keine Ahnung habe, wer ich bin. Aber ich versuche es mal: Ich bin nun seit mehr als 40 Jahren auf dieser Welt. 16 493 Tage, um genau zu sein (habe ich gerade mithilfe des Taschenrechners herausbekommen). Ich bin mittelgroß, schlank, meine Haare sind vollzählig und einen Hauch zu lang, ich muss mal wieder zum Friseur.

Vieles in meinem Leben ist gut gegangen, vieles lief aber auch schief. Ich bin heterosexuell, war mal verheiratet, bin aber schon lange geschieden. Ich habe eine erwachsene Tochter, die mir große Sorgen bereitet. Ich hatte nach Scheidung und Rosenkrieg ein paar halbherzige Beziehungsversuche, die allesamt kläglich gescheitert sind. Ich lebe allein in einem kleinen Haus auf dem Land, am Rande der Großstadt, am Rande des Waldes. Ich habe keine schlimmen Krankheiten, außer dass ich viel zu viel nachdenke und dazu neige, gern allein zu sein. Ich rauche Pfeife, seit ich vor etwa fünf Jahren mit den Zigaretten aufgehört habe. Manchmal trinke ich auch gern Bier oder Wein. Schnaps ist nichts für mich, obwohl ich es eigentlich sogar ganz nett finde, zwischendurch mal angeheitert zu sein. Nur der Morgen danach ist immer unerträglich. Die Zeiten, in denen ich meinen Freunden zurief: „Leute, tragt mich zum Auto, ich fahr euch nach Hause“ – sie sind lange vorbei.

Mehr als fast alles andere liebe ich Musik und bin seit mehr als zwanzig Jahren damit beschenkt, meinen Lebensunterhalt als Sessionmusiker mit Klavierspielen verdienen zu dürfen. Meistens habe ich irgendwelche Studiojobs, begleite die Stars und Sternchen, die man dann im Radio hören kann, hin und wieder musiziere ich auch in Film- oder Theaterorchestern. Gelegentlich komponiere oder improvisiere ich zu Hause, in meinen Momenten der Ruhe, das ist immer schön.

Außerdem spiele ich in der Band meines Freundes, des Sängers und Songschreibers Rick Siebzehn. Rick heißt natürlich nicht wirklich Siebzehn, sondern Sievers. Als er jedoch vor einiger Zeit beschloss, seine Kunst fortan unter seinem echten Namen zu veröffentlichen, erinnerten ihn die Anwälte seiner Plattenfirma unter Androhung einer Strafe daran, dass er vertraglich zugesichert hatte, seinen Künstlernamen bis zum hinteren Rand der Ewigkeit zu behalten. Rick ist ein besonders tiefer Mensch, ein unberechenbarer einsamer Vagabund und Poet, der dem Tod wohl ebenso oft von der Schippe gesprungen ist wie dem Leben. Wahrscheinlich mag das Publikum seine Songs, weil sie so viele ergreifende Geschichten erzählen. Der Job in dieser Band ist für mich eine Herzenssache. Mit Rick und den anderen Musikern unterwegs zu sein, bereichert mein Leben immer wieder sehr. Wir sind Freunde. Früher war mir gar nicht bewusst, wie kostbar es ist, echte Freunde zu haben. Menschliche Seelen, mit denen man zwischendurch sprechen oder schweigen kann. Das ist immens wichtig, ganz besonders, wenn man allein lebt wie ich. Abgesehen von den Mitgliedern der Band habe ich keine Freunde. Ich bin nicht traurig darüber.

Das mit der alles überstrahlenden Liebe zwischen Mann und Frau habe ich zu den Akten gelegt und unter „unerfüllte Träume“ abgeheftet. Ich bin gern allein. Alles ist, wie es ist. Ich verdränge irgendetwas, aber das ist o. k. Meine Eltern, meine Kindheit, meine Ehe.

Meine Tochter Melissa. Ich muss da nicht hingehen. Und ich will auch nicht. Also tue ich weiter so, als sei alles gut. Nein, ich rede es mir sogar ein. Aber auch das ist o. k., darin ist auch das so oft gepriesene positive Denken, wenngleich mir bewusst ist, dass es nur die halbe Wahrheit ist. Wenn ich an Melissa denke, möchte ich weglaufen. Und das tue ich dann auch immer. Das ist kein positives Denken, das ist blanke Ohnmacht. Wir alle stricken uns die Wahrheit, von der wir glauben, dass sie uns am besten steht – wie ein Hut oder ein Mantel. Vielleicht ist ein großer Teil von mir in Wirklichkeit eine seelische No-go-Area. Vielleicht werde ich eines Tages noch zu einem Ort, an den man reisen darf. Vielleicht auch nicht. Auch das wird wohl o. k. sein.

Was noch? Ich esse gerne Pizza. Und Fisch. Und Gemüse. Ich hatte Phasen in meinem Leben, in denen ich angestrengt nach Sinn suchte, und ich hatte Phasen – wie jetzt –, in denen sich die Frage nach Sinn nicht stellte, weil mir entweder sowieso alles sinnlos erschien oder ich intuitiv Sinn in den Dingen spürte, die mir Freude bereiteten. Gerade jetzt versuche ich mir einzureden, dass mir nicht alles sinnlos erscheint. Aber wo ist die Freude? Hat die auch Urlaub und ist schon mal ohne mich an irgendeinen Strand im Süden gefahren? Ich gehe jetzt ins Bett. Gute Nacht, John Boy. Nacht, Leon.

So weit der Tagebucheintrag von kürzlich. Ein guter Moment, um nun die Geschichte meiner Begegnung mit Gott aus der Quelle fließen zu lassen. Ich beginne mit den allerletzten Aufzeichnungen, die ich niederschrieb, kurz bevor er mir dann zum ersten Mal tatsächlich begegnete. Die Champagner-Geschichte zählt nicht. Glaube ich. Die hatte ich mir ja wirklich nur ausgedacht. Irgendwie. Nicht.

Hilft Schlafen gegen Lebensmüdigkeit?

Leons Tagebuch. Dienstag, 11.9., im Waldhaus, auf dem Küchenfußboden, 14.25h

Ich habe zum ersten Mal seit gefühlt 100 Jahren drei Wochen frei. Ich hab mir das jetzt mal gegönnt und einfach allen Bescheid gesagt, dass ich im Urlaub bin. Man könnte auch sagen: Ich wage oder übe, „Nein“ zu sagen. Das fällt mir normalerweise eher schwer. Als Freiberufler ist das ja immer irgendwie mit der diffusen Angst verbunden, drei kleine Wochen Arbeitspause würden einen gleich aus dem ganzen Zirkus und dem Geldverdienen herauskatapultieren. Da ist immer das Gefühl, sich dieses Risiko nicht erlauben zu dürfen. Das ist aber Unsinn. Meine nächsten Studiojobs sind längst angekündigt, und wenn ich es richtig verstanden habe, werde ich auch schon bald die Tourdaten für den Herbst von Rick bekommen. Ich sollte mir keine Sorgen machen.

Jedenfalls habe ich jetzt drei Wochen Zeit, endlich zu tun, was ich möchte. Eigentlich. Aber jetzt weiß ich grade gar nicht mehr, was das ist. Ich fühle mich seit einer Weile merkwürdig antriebslos. Seit Samstag sitze ich nur rum und denke graue Löcher in die Luft. Eigentlich wollte ich genau das vermeiden. Ich wollte schöne Dinge tun, nette Menschen treffen, Musik hören, Bücher lesen, mal einen Tag oder zwei ans Meer fahren. Stattdessen klebe ich auf meinem Sessel, als hätte mir jemand den Hosenboden dick mit Pattex bestrichen, und denke plötzlich wieder so angestrengt nach.

Eigentlich dachte ich, dieses Symptom sei kuriert. Irrtum. Ist das jetzt Burn-out? Habe ich Depressionen? Lenke ich mich normalerweise mit der vielen Arbeit nur ab, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass ich eigentlich immer noch der Typ bin, der seinen Platz im Leben nie gefunden hat? Dass es mir überhaupt nicht gut geht? Dass ich etwas in meinem Leben verändern müsste? Aber was sollte ich ändern? Und warum sollte es mir eigentlich nicht gut gehen? Ich habe doch alles, was ich brauche. Fragezeichen. Trotzdem ist da etwas. Eine heftige Unruhe. Eine Seelenverspannung, die ausgerechnet spürbar ist, seit ich beschlossen habe, mich zu entspannen. Ach, Blödsinn, sie war auch vorher schon da. Was rede ich denn hier? Ich vermute, einer von uns beiden ist schizo – entweder ich oder ich.

Die meisten Leute, die mich kennen, halten mich allerdings für ausgeglichen. Ich selbst habe das zwischendurch auch geglaubt. Aber warum denke ich dann jetzt grade so intensiv darüber nach, dass mir das Leben als Mensch eigentlich schon immer schwerfiel? Was will ich mir denn sagen? Dass es nicht stimmt und nie stimmte. Nein, ich bin nicht ausgeglichen.

Ich versuche mal den Ulysses-Trick, schreibe den ersten Gedanken auf, der mir jetzt in den Sinn kommt. Ah, da ist er schon. Ich habe keine Lust mehr. Bitte? Keine Lust mehr? Auf was? Auf das Leben. Was? Aber, Leon, das Leben ist doch schön. Es funkelt, es strahlt, wenn das Licht aus dem richtigen Winkel darauffällt, glitzert es sogar wie ein Diamant. Nein, das ist nicht wahr, hier ist kein Licht. Kein Diamant. Mein Abend ist angebrochen. Vielleicht sollte ich einfach mal früh schlafen gehen. Aber wie lange muss man schlafen, wenn man lebensmüde ist?

Ich bin ziemlich sicher, wenn wir alle ehrlich zueinander wären, würde sich alles verändern. Natürlich auch für mich. Wenn wir Menschen die Fassaden runterließen, wenn wir uns trauten, uns zu begegnen, uns gegenüberzutreten, ohne dabei länger unsere Rollen spielen zu müssen, wäre die Welt bestimmt nicht so ein mieser Ort. Dann geschähe ganz sicher etwas Großes.

Nur ist der, der das hier gerade schreibt, leider der größte Schwätzer von allen. Ich kann das zwar proklamieren, aber ich kann es selbst nicht umsetzen.

Ich bin der Erste, der wegläuft, wenn es darum geht, die eigene Seele zu zeigen. Ich bin wie einer, der zu einer Demo gegen die Ungerechtigkeiten der Welt aufruft und dann selbst nicht hingeht. Die einzige Möglichkeit, die ich für eine friedliche Begegnung mit mir selbst habe, ist die Musik. Außerhalb der Musik bin ich eigentlich nur ein Schauspieler. Ich spiele mein Leben. Ich spiele mich selbst. Seit meiner Kindheit schon. Ich bin nicht ehrlich. Ich bin nicht echt. Doch niemand hat es je bemerkt.

Aber ich mag nicht mehr. Ich fühle mich wie ein Junge, der einst auf eine Klassenreise ging, vor der er eigentlich schreckliche Angst hatte. Ich fuhr mit, weil ich musste. Ich reiste los und kam nie wieder zurück nach Hause. Nun bin ich immer noch auf dieser Klassenreise. Niemand holt mich ab. Kein Vater, keine Mutter. Niemand ist mein bester Freund. Niemand beschützt mich. Niemand und ich, wir kennen uns wirklich gut. Wir sind Brüder. Doch außer Niemand darf das niemand erfahren. Ich will nach Hause, aber ich weiß, dass ich keins habe.

Das sind so merkwürdige, dunkle Gedanken. Warum schreibe ich das? Ich bin nicht suizidal, absolut nicht. Ich liebe das Leben. Ich lache gern. Aber diese Schwere ist doch da. Sie ist in meinem Kopf. Ist das jetzt eine Midlife-Crisis? Habe ich denn je das Gefühl gehabt, wirklich angekommen zu sein? In meiner Kindheit, in meiner Jugend, in meiner Ehe, in der Zeit danach? Nein, ich hatte das nie. Und falls es doch jemals wenigstens mal ganz kurz so gewesen sein sollte – fühlte ich das dann wirklich oder dachte ich nur, dass ich es fühle?

Ich tröste mich mal schnell mit der Tankstellenkalenderweisheit, dass in jedem menschlichen Suchen doch das Potenzial zu Veränderung steckt. Ich lese manchmal sogar diese schönen Selbstfindungsbücher, spirituelle Literatur. Es ist wirklich ermutigend. Aber es ist auch eine Flucht. Schon beim Lesen denke ich oft: Ja, wunderbar, es fühlt sich gut an, das zu lesen, und dann fühlt es sich gut an, trotzdem nichts zu verändern. Immerhin hat man sich ja damit beschäftigt, das darf dann auch reichen. Am Ende bleibe ich doch ein Schauspieler, der irgendwo auf seiner Theaterbühne festgeklebt wurde und da jetzt starr und eingefroren herumsteht. Dabei wollte ich eigentlich immer Veränderung. Stillstand ist furchtbar. Ein stillstehendes Leben ist wie Segeln ohne Wind. Davon bekommt die Seele Skorbut. Verflixt, ich habe längst Skorbut. Der Stillstand ist da. Jetzt. Ich spüre ihn.

War er die ganze Zeit da? Stillstand im Innen, während sich das äußere Leben bloß durch die Zeit schiebt wie ein sedierter Elefant?

Ich mache mir die ganze Zeit mit meinem „Eigentlich-ist-doch-alles-gut“-Singsang nur etwas vor.

Wer bin ich? Wer schreibt das hier? Was für einen Unterschied macht es eigentlich, ob ich auf der Welt bin oder nicht? Warum mache ich mir solche Gedanken? Wo führt das hin?

Hätte ich bloß keinen Urlaub genommen. Ich fürchte mich vor dem Gedanken, mich als Schauspieler nicht mehr glaubwürdig zu finden. Hoffentlich ist dieser Kelch nicht schon umgekippt.

Sternschnuppenhagel

Himmlisches Tagebuch. Außerhalb menschlicher Zeitrechnung, Datum und Uhrzeit unbekannt.

Ich habe immer noch nicht gepackt. Johanna und Petrus waren doch etwas enttäuscht über meinen Wunsch, mich allein um meine Reisetasche zu kümmern. Ihr Schmerz war aber recht schnell gelindert, als ich mich wärmstens für ihre liebevolle Absicht bedankt hatte.

Ich bin in Gedanken schon sehr bei Leon. Er hat ein so schönes Herz. Und er spielt wunderschön Klavier. Nur sein Verstand ist längst wie eine Mauer und er glaubt, sich weiter dahinter verstecken zu müssen. Er ist ein Denkmeister. Er fürchtet sich. Hinter seinen dicken selbst gebauten Wänden jedoch wartet in Wirklichkeit kein Ungemach, sondern die zutiefst befriedende Verbindung zu mir, zu unserer Schöpfung, zu den Engeln und den Blumen und allem, was ist. Dort in der Mitte seiner Seele befindet sich sein wunderbarer kindlicher Glaube, der schon so lange darauf harrt, endlich wieder frei zu sein. Oh, wie ich mich darauf freue, ihm zu begegnen. Es wird gar nicht leicht sein, in sein Gedankensystem hineinzuwehen. Er wird vermuten, dass er sich mich nur ausgedacht hat, wahrscheinlich wird er sich anfangs sogar von meiner Gegenwart bedroht fühlen. Das habe ich schon ein paarmal erlebt. Ich werde aber gewappnet sein. Ich schicke ihm schnell noch eine Inspiration: Wenn er jetzt darüber nachdenkt, was er eigentlich glaubt, wird sein Herz schon etwas weicher sein, wenn wir uns begegnen. Schließlich, nach einer kleinen Weile, wird Leon dann auch mir helfen können. Er und ich und viele andere werden beschenkt sein und werden sehen – und es wird gut sein.

Wie wunderbar sie doch sind, unsere Menschen. Wie ausufernd schön uns doch überhaupt dieser blaue Planet gelungen ist, meiner Zauberhaften und mir. Meine Güte, das war aber auch eine herrliche Schöpfungszeit damals. Sie und ich – wir waren natürlich verliebt bis über beide Flügel, es war eine Epoche besonders ausschweifender und heiterer Schaffenskraft. Die Ideenfunken sprühten und spritzen zwischen uns hin und her, es war wie ein entfesselter, orgiastischer, lichtatmender Sternschnuppenhagel. Absolut fantastisch, was unsere Liebe alles zu schaffen vermag, was für eine atemberaubende Energie in ihr ist. Ich spüre das alles noch, als wäre es gestern gewesen. Na gut, es war ja irgendwie auch gestern, na ja, nein, vorgestern, nein, eigentlich war es doch heute. Auch wenn es natürlich schon ein paar Millionen Jahre her ist. Zugegeben, es ist unmöglich das mit der Zeit richtig zu erklären, wenn man an einem Ort wohnt, an dem es sie gar nicht gibt.

Memo 1: Vor der Abreise – sobald ich den menschlichen Körper übergestreift habe – möchte ich noch eine der kleinen angeleiteten Erleuchteten-Meditationen von Gautama machen, um mein Zeitempfinden endgültig auf menschliche Einschränkungen herunterzupegeln. Ich möchte bei dieser Inkarnation gern gegen den Jetlag gewappnet sein, der sich zwangsläufig einstellt, wann immer ich die freie Zeitzone des siebenten Himmels verlasse. Das war beim letzten Mal mindestens so problematisch wie die Sache mit der vergessenen Zahnbürste. Der innere Druck, der in der Welt der festgelegten Minuten und Stunden zwangsläufig entsteht, war ohne Vorbereitung etwas zu viel für meinen absolut frei fließenden Geist. Das ist wie Tiefseetauchen. Hab damals zwei Tage lang furchtbare Kopfschmerzen gehabt – und das muss ja nun wirklich nicht schon wieder sein. Auch ahne ich schon wieder diese lästige Allergie, die mich meist wenigstens einmal befällt, wenn ich Mensch werde. Es sind nicht die Blütenpollen, mit denen komme ich wunderbar zurecht – es ist eine gewisse Art von verächtlicher Selbstgerechtigkeit, die mir zuweilen die menschliche Nase rötet und mir heftige Niesanfälle verursacht. Nichts wirklich Schlimmes, es ist nur etwas unangenehm.

Memo 2: Checkliste. Packen. Gautamas Jetlag-Meditation. Zahnbürste nicht vergessen.

Memo 3: Zahnbürste nicht vergessen!

Das Buch Leon

Leons Tagebuch. Dienstag, 11.9, der spärlich beleuchtete Schreibtisch in der kleinen Dachkammer des Waldhäuschens, 23.29h

Warum denke ich jetzt plötzlich auch noch über meinen Glauben nach? Daran ist wahrscheinlich die kleine Geschichte schuld, die ich hier reingekritzelt habe. Gottes Champagner-Besuch. Jeder Psychologe würde mir attestieren, dass diese freien Tage mich in kontemplative, unruhige Gedankengewässer führen – und dass ich dabei feststelle, mich immer nach einer vertrauenswürdigen Vaterfigur gesehnt zu haben. Stimmt natürlich. Ich habe ja nie einen Vater gehabt. Obwohl ich einen hatte.

Was meinen Glauben angeht, war ich schon immer vollkommen sicher in meiner traumwandlerischen Unsicherheit. Ich wusste jedenfalls immer, dass ich an irgendetwas glaube. Ich glaube sogar an „Gott“, seit ich geradeaus gehen kann. Aber Gott ist nur ein Wort, nicht wahr? Wie füllt man es? Jeder füllt es anders, jeder auf seine Weise. Derzeit gibt es knapp acht Milliarden Menschen auf dieser Welt, also gibt es auch acht Milliarden Religionen und Glaubensentwürfe. Jeder lebt und glaubt auf seine Weise. Die meisten glauben dabei an sich selbst, auch wenn sie irgendeine offizielle Version von Gott als Alibi vorschieben.

Ich war zum Glück nie religiös. Allein der Gedanke schreckt mich ab. Den Glauben an einen Gott, den ich mir wie alle anderen selbst zurechtgebastelt habe, brauchte ich aber trotzdem schon immer – meiner angeblichen Klugheit zum Trotze.

Ich erinnere mich nur an sehr wenige Sätze, die mein Vater sagte. Einen habe ich aber nie vergessen, der ging so: Kluge Leute glauben nicht, kluge Leute wissen. Der Satz hat mich total eingeschüchtert. Aber ich konnte ihn dennoch nie unterschreiben. Ich wusste ja nichts, das war mir klar. Mir blieb nur der Glaube. Spätestens seit mir bewusst geworden war, dass ich allein zu schwach war, in diesem sonderbaren Leben zu bestehen.

Ich hatte eines Abends auf Tour mit Rick mal ein erhellendes Gespräch mit einem fahrenden Händler in einer runtergewirtschafteten Hotelbar. Wir tranken reichlich Rotwein, er rauchte Kette, ich rauchte schon Pfeife. Wir unterhielten uns, begannen schwachbrüstig herumzuphilosophieren, als sei es ein intellektueller Wettbewerb, und kamen schließlich unweigerlich auf das große Glaubensthema. Auch der Reisende sagte, Glauben sei etwas für schwache Menschen, mein Vater und er hätten wahrscheinlich gute Freunde sein können. Ich nickte. Dann lächelte ich ihn an und sagte: „Ja, genau.“ Ich fühlte mich nicht angegriffen durch die abschätzige Bemerkung, sondern eher bestätigt und befriedet.

Ja, so einer bin ich. Ich bin schwach. Und wenn ich grade zufällig mal wirklich stark bin, um im Leben etwas „gelingen zu lassen“, dann bin ich es doch eigentlich nur, weil ich meine Schwäche spüre.

Ich fand es immer besonders, wenn mir zufällig etwas gelang, und dann war ich dafür irgendwie dankbar. Viele Menschen würden das wohl mangelndes Selbstbewusstsein nennen. Ich habe es immer als überschüssiges Selbstbewusstsein empfunden – das Bewusstsein für ein Selbst nämlich, das nicht wirklich zu fassen oder zu definieren ist und es sich auch gar nicht erst anmaßen sollte, es zu versuchen.

Schon als Kind war diese Schwäche Teil meines Wesens. Ich hatte ein offenes Herz, wenigstens für eine kleine Weile. Mit meiner Tante Hilde konnte ich hübsche Gespräche über Gott und das Leben führen. Meine Eltern waren ja nicht da – erst waren sie nicht da, weil sie so sehr mit sich selbst und mit Arbeiten beschäftigt waren, und dann waren sie nicht da, weil sie gestorben waren. Sie waren Opfer eines schweren Zugunglücks. Ich war damals acht. Dann kam ich zu Tante Hilde und Onkel Robert. Hilde galt allen Außenstehenden als irgendwie weltfremd, weil sie in ihren spirituellen Gedanken so umherflatterte, aber für mich war genau das ganz wunderbar. Sie war wohl das Beste, was mir damals passieren konnte. Immer wenn sie über den Himmel sprach, wärmte sie damit mein Herz. Da oben war nämlich laut Hilde alles gut. Hier unten war es das ganz offensichtlich nicht.

Hilde inspirierte mich wohl auch dazu, mir Gott als den Erfinder der Blumen und der Sonne vorzustellen. Das war ein schönes Gefühl. Es funktionierte. Ich musste darüber nie viel nachdenken. Für mich stand fest: Gott war ein Künstler. Ich war ein heimlicher Verehrer von ihm. Oder von ihr. Dass Gott ein Mann sein sollte, stand für mich nie wirklich fest. Warum auch? Ich habe zu viele Männer getroffen, die Vollidioten waren.

Mich zum Beispiel.

Gott war auf jeden Fall weise und gut. Unerreichbar gut. Und unerreichbar fern. Ich musste und wollte darüber nicht mehr wissen. Es brauchte keine weiteren Worte. Worte kamen später. Mit den vielen Gedanken. Als ich den Mount Everest des Erwachsenseins bestiegen hatte.

Als ich neun Jahre alt war, habe ich jedenfalls zum ersten Mal auf dem Schulhof für Gott gestritten. Einer der anderen Jungs plapperte nach, was er wohl zu Hause aufgeschnappt haben musste. Der Dialog ging etwa so:

Der: „Hä? Glaubst du etwa an Gott, du Weichei?“

Ich: „’türlich. Und ich bin kein Weichei, du Volltrottel.“

Der: „Haha. Tröööt. Nanananana, Leute, kommt mal alle her, Leon, der Schwachkopf glaubt an Gott, so was Albernes! Mein Vater weiß das aber ganz genau und der hat gesagt, Gott gibt es in echt gar nicht, den haben sich nur die Menschen ausgedacht, die zu blöd sind, die Wissenschaft zu kapieren!“

Ich fand das total merkwürdig und erklärte dem Jungen und den herbeigeeilten anderen, die wahrscheinlich eher auf eine saftige Prügelei hofften als auf einen apologetischen Disput, dass doch genau andersherum ein Schuh draus werden musste. Gott hatte sich natürlich den Vater von dem Burschen ausgedacht und nicht der Vater von dem Burschen sich Gott. Dass er sich alle anderen Menschen auch ausgedacht hatte, vermutete ich damals ja auch schon. Schließlich zeigte ich zum Beweis meiner theologischen These auf die Blumen, die so wunderschön am Rande des Schulhofs blühten. Und dann sagte ich zu allen, die um uns herumstanden: „Da, guckt mal, in den Blumen, in ihnen könnt ihr Gott sogar sehen. Und wenn ihr eure Nase dicht genug an die Blütenblätter haltet, könnt ihr ihn sogar riechen.“

Natürlich wusste ich selbst nicht, ob oder wie das empirisch zu belegen wäre, aber es fühlte sich total richtig an und war nebenbei der erste und einzige apologetische Triumph meines Lebens: Der andere Bursche hatte plötzlich überhaupt keine Argumente mehr. Was sollte er dazu auch sagen? Dass sein schnöseliger Vater sich die Blumen ausgedacht hatte? Das hat er sich dann wohl doch nicht getraut.

Allerdings wurde mir mein Glaube an den Gott der Blumen schon bald ziemlich verhagelt.