Verlag: Goldmann Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

Der Teufel trägt Prada E-Book

Lauren Weisberger  

4.52040816326531 (98)

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E-Book-Beschreibung Der Teufel trägt Prada - Lauren Weisberger

Andrea Sachs träumt von einer Karriere als Journalistin in New York. Tatsächlich gelingt es ihr, einen vermeintlichen Traumjob zu ergattern: Andrea wird von der glamourösen Modezeitschrift Runway als persönliche Assistentin der Herausgeberin Miranda Priestly angestellt. Der Job entpuppt sich jedoch rasch als purer Horror!



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E-Book-Leseprobe Der Teufel trägt Prada - Lauren Weisberger

Ende der Leseprobe

Buch

Andrea Sachs hat gerade das College absolviert und träumt von einer Karriere als Journalistin. Ihr großes Ziel ist es, eines Tages für den renommierten New Yorker zu schreiben, doch vorerst kann sie froh sein, überhaupt eine Anstellung zu ergattern. Daher fällt sie aus allen Wolken, als sie nach ihrem ersten Vorstellungsgespräch bereits einen Job in der Tasche hat – einen Job, um den Millionen junger Frauen sie beneiden würden: Andrea wird als Juniorassistentin der sagenumwobenen Miranda Priestly angeheuert, der Chefredakteurin des Modemagazins Runway. Plötzlich befindet sie sich in einer Welt, in der alles Prada! Armani! und Versace! zu rufen scheint. Die Frauen sind dünner, blonder und perfekter, als die Natur es gewollt hat, die Männer Fitness-Studio gestählte Adonis-Imitate. Und sie alle werden beherrscht von Miranda Priestly, die mit einem einzigen Blick Models, Fotografen oder Angestellte in ein wimmerndes Häuflein Elend verwandeln kann. Andreas Aufgabe besteht darin, Miranda jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Und zwar rund um die Uhr. Kein Wunder, dass sie bald befürchtet, nicht nur ihren vernachlässigten Freund, sondern auch ihren Verstand zu verlieren …

Autorin

Lauren Weisberger hat an der Cornell University studiert und danach für die Modezeitschrift VOGUE gearbeitet. Sie war dort die persönliche Assistentin der Herausgeberin Anna Wintour. Lauren Weisberger lebt in New York und schreibt derzeit an ihrem zweiten Roman.

Inhaltsverzeichnis

Über die AutorinWidmungInschriftKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Danksagung NachweisCopyright

Den drei Menschen auf der Welt gewidmet, die ernsthaft glauben, dass es mit Krieg und Frieden konkurrieren kann:

Für meine Mutter Cheryl, die Mom, »für die Millionen junger Frauen ihr Leben geben würden«,

für meinen Vater Steve, einen attraktiven, geistreichen, genialen und begnadeten Mann, der darauf bestanden hat, seine Widmung selbst zu schreiben,

und für meine phänomenale Schwester Dana, ihre Lieblingstochter (bis ich ein Buch geschrieben hatte).

Man hüte sich vor Unternehmungen, die neuer Kleidung bedürfen.

Henry David Thoreau, Walden, 1854

1

Die Ampel am Broadway war noch gar nicht richtig auf Grün umgesprungen, da raste auch schon ein ganzes Rudel gelber Taxis an mir vorbei, während ich in der kleinen Todesfalle, die ich quer durch New York zu kutschieren hatte, die rechte Spur blockierte. Kupplung treten, Gas geben, schalten (vom Leerlauf in den Ersten? Oder vom Ersten in den Zweiten?), Kupplung kommen lassen. Wie ein Mantra betete ich mir diese goldene Regel immer und immer wieder vor, doch im hektisch-chaotischen Mittagsverkehr half sie mir leider auch nicht viel weiter. Zweimal bäumte sich meine Blechkiste wie ein wilder Mustang auf, um anschließend wie ein lahmes Kaninchen über die Kreuzung zu hoppeln. Mein Herz klopfte wie verrückt. Bis das Gehopse aufhörte, und ich in Fahrt kam. Mächtig in Fahrt. War ich tatsächlich noch im zweiten Gang? Ich warf einen Blick auf den Schalthebel – einen Blick zu viel. Als ich wieder auf die Straße sah, war ich so gefährlich dicht auf ein Taxi aufgefahren, dass mir nichts anderes übrig blieb, als voll in die Eisen zu steigen – und mir dabei den Absatz abzubrechen. Mist! Schon wieder ein Paar 700-Dollar-Schuhe im Eimer, ein Opfer meiner Ungeschicktheit – zum dritten Mal in diesem Monat. Ich war fast erleichtert, dass ich bei meinem halsbrecherischen Bremsmanöver den Motor abgewürgt hatte (anscheinend hätte ich die Kupplung treten müssen). So hatte ich wenigstens ein paar Sekunden Zeit, um mir, umtost von wütendem Gehupe und wüstem Gefluche, die Manolos auszuziehen und auf den Beifahrersitz zu pfeffern. Und wo sollte ich mir die schweißnassen Hände abwischen? Da blieb nur meine Gucci-Hose, die so knalleng am Körper saß, dass sie mir das Blut abschnürte. Mich hineinzuzwängen und sie auch noch bis oben hin zuzuknöpfen, war das reinste Kunststück gewesen. Meine Finger hinterließen hässliche Streifen auf dem samtweichen Wildleder. Ich brauchte unbedingt eine Zigarette, sonst würde ich es niemals schaffen, dieses 84 000-Dollar-Cabrio heil durch den Hindernisparcours der Straßen Manhattans zu manövrieren.

»Nun fahr schon, Alte!«, brüllte ein unappetitlicher Autofahrer im Feinrippunterhemd, aus dem höchst dekorativ die Brusthaare hervorquollen. »Was glaubst du eigentlich, wo du bist? In der Fahrschule? Aus dem Weg.«

Mit zitternder Hand zeigte ich ihm den Stinkefinger und erledigte erst mal die dringendste aller anstehenden Aufgaben: Mir möglichst schnell eine Fluppe anzustecken. Meine Hände waren schon wieder klitschnass, was ich besonders gut daran feststellen konnte, dass mir die Streichhölzer aus den Fingern flutschten. Als ich gerade – endlich – den ersten Zug nehmen wollte, sprang die Ampel wieder auf Grün um. Die Zigarette zwischen den Lippen und vom Tabaksqualm umwölkt, widmete ich mich erneut der Kunst des Anfahrens: Kupplung treten, Gas geben, schalten (vom Leerlauf in den Ersten? Oder vom Ersten in den Zweiten?), Kupplung kommen lassen. Es dauerte noch einmal drei Straßenblocks, bis der Wagen so gleichmäßig lief, dass ich es wagen konnte, die Zigarette wieder aus dem Mund zu nehmen, aber da war es schon zu spät. Die Asche war heruntergefallen und direkt neben dem Schweißfleck auf der Hose gelandet. Wahnsinn. Bevor ich mir richtig darüber klar werden konnte, dass ich – die Manolos mitgerechnet – innerhalb von drei Minuten Klamotten im Wert von 3100 Dollar ruiniert hatte, fing mein Handy an zu plärren. Und als ob es das Leben nicht sowieso schon übel genug mit mir meinte, bestätigte die Nummer des Anrufers auch noch meine schlimmsten Befürchtungen. Es war Ihre Majestät persönlich. Miranda Priestly. Meine Chefin.

»Aan-dreh-aa! Aan-dreh-aa! Hören Sie mich, Aan-dreh-aa?«, trompetete sie mir ins Ohr, sobald ich das Motorola aufgeklappt hatte – keine schlechte Leistung, wenn man bedenkt, dass ich sowieso schon alle Hände voll zu tun hatte – von meinen (nun nackten) Füßen ganz zu schweigen. Ich klemmte mir das Telefon zwischen Kinn und Schulter und schmiss die Zigarette aus dem Fenster, wobei ich um ein Haar einen Fahrradkurier erwischt hätte, der sich dafür mit einem derben, aber wenig originellen Fluch bedankte.

»Ja, Miranda. Ich verstehe Sie gut.«

»Aan-dreh-aa, wo ist mein Wagen? Haben Sie ihn schon in der Garage abgeliefert?«

Endlich war mir auf dieser Höllenfahrt auch einmal das Glück hold. Die nächste Ampel sprang auf Rot um. Ich hielt hoppelnd an, ohne auf irgendwen oder irgendwas aufzufahren, und atmete erst einmal tief durch. »Ich bin noch unterwegs, Miranda. Aber ich müsste gleich da sein.« Ich hängte noch ein paar beruhigende Sätze dran, um ihr zu versichern, dass es sowohl dem Cabrio als auch mir gut ging und wir in wenigen Minuten heil unser Ziel erreicht haben würden.

»Ja, ja, schon gut«, fiel sie mir brüsk ins Wort. »Bevor Sie wieder ins Büro kommen, müssen Sie noch Madelaine abholen und in die Wohnung bringen.« Klick. Gespräch beendet. Ich starrte einen Augenblick verdutzt auf das Handy, doch es blieb stumm. Offenbar war Miranda der Meinung, es sei alles Nötige gesagt. Madelaine. Wer zum Henker war Madelaine? Und wo steckte sie gerade? Wusste sie, dass ich sie abholen kam? Was sollte sie in Mirandas Wohnung? Und warum blieb diese Aufgabe mal wieder ausgerechnet an mir hängen, wo Miranda doch einen Chauffeur, eine Haushälterin und ein Kindermädchen beschäftigte?

Da in New York das Telefonieren am Steuer verboten ist, bog ich in die Busspur ein, fuhr rechts ran und schaltete die Warnblinkanlage ein. Das Letzte, was mir jetzt noch fehlte, war Zoff mit der Polizei. Einatmen, ausatmen, ermahnte ich mich. Ich dachte sogar noch daran, die Handbremse anzuziehen, bevor ich die Fußbremse losließ. Seit Ewigkeiten hatte ich keinen Wagen mit Gangschaltung mehr gefahren, seit fünf Jahren, um genau zu sein. Damals hatte mir ein Freund an der High School ein paar Stunden Unterricht gegeben, die aber kaum einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatten. Für Miranda alles kein Problem und schon gar nicht einer Nachfrage wert, als sie mich vor anderthalb Stunden in ihr Büro zitiert hatte.

»Aan-dreh-aa, holen Sie meinen Wagen ab, und bringen Sie ihn in die Garage. Und zwar sofort. Wir brauchen ihn heute Abend, weil wir in die Hamptons fahren.« Ich stand wie angewurzelt vor ihrem riesigen Schreibtisch, aber sie nahm mich schon gar nicht mehr wahr. Dachte ich zumindest, bis sie mich dann doch noch mit einer abschließenden Bemerkung entließ. »Das wäre alles, Aan-dreh-aa. Erledigen Sie das«, fügte sie hinzu, ohne mich auch nur anzusehen.

Aber klar doch, Miranda, dachte ich und verließ das Büro. Ich war noch nicht ganz durch die Tür, da versuchte ich schon krampfhaft herauszufinden, was sie wohl genau mit diesem mysteriösen Auftrag gemeint hatte, der garantiert viele Fallstricke für mich bereithielt. So oder so musste ich als Allererstes austüfteln, wo ich den Wagen abholen sollte. Wahrscheinlich stand er in der Vertragswerkstatt, aber genauso gut konnte er auch in jeder anderen der zig Millionen New Yorker Werkstätten repariert worden sein. Vielleicht hatte sie ihn einer Freundin geliehen, und er wurde nun in irgendeiner sündteuren Garage an der Park Avenue gehätschelt. Natürlich war es auch nicht auszuschließen, dass sie einen neuen Wagen meinte, den sie eben erst gekauft hatte und den ich von einem mir völlig unbekannten Händler nach Hause überführen sollte. Wie auch immer, für mich bedeutete dieser Auftrag vor allem eins: jede Menge Detektivarbeit.

Also dann, ans Werk. Ich probierte es zuerst bei Mirandas Kindermädchen, aber bekam nur ihre Mailbox zu hören. Bei der Haushälterin hatte ich mehr Glück. Sie war nicht nur da, sie konnte mir sogar weiterhelfen. Sie verriet mir, dass es sich nicht, wie befürchtet, um einen nagelneuen Wagen handelte, sondern um ein dunkelgrünes Sportwagencabrio, das normalerweise in Mirandas Privatgarage abgestellt war. Die Marke allerdings wusste sie nicht, und ebenso wenig, wo er gerade stand. Als Nächstes versuchte ich es bei der Assistentin von Mirandas Ehemann. Von ihr erfuhr ich, dass die Eheleute ihres Wissens noch einen schwarzen Lincoln Navigator der Luxusklasse und einen kleinen grünen Porsche besaßen. Super! Meine erste heiße Spur. Noch ein Anruf in der Porsche-Werkstatt in der Eleventh Avenue, und der Fall war gelöst. Dort hatte man soeben einige kleinere Lackierungsarbeiten an Ms. Miranda Priestlys grünem Carrera 4 Cabrio durchgeführt und einen neuen CD-Wechsler eingebaut. Volltreffer!

Ich bestellte mir eine Limousine und ließ mich in die Werkstatt bringen, wo ich den Mechanikern eine eigenhändig gefälschte Vollmacht von Miranda übergab, die mich berechtigte, den Porsche in Empfang zu nehmen. Dass ich mit der Wagenbesitzerin weder verwandt noch verschwägert war, schien niemanden zu kümmern, genauso wenig wie die Tatsache, dass eine wildfremde Person hereinspaziert kam und sich ganz cool einen teuren Schlitten übergeben ließ, der ihr gar nicht gehörte. Sie warfen mir die Schlüssel zu und lachten bloß, als ich sie bat, mir den Wagen aus der Garage zu setzen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich überhaupt den Rückwärtsgang finden würde. Nach einer geschlagenen halben Stunde hatte ich zwar schon sage und schreibe zehn Straßenblocks geschafft, wusste aber immer noch nicht, wo oder wie ich wenden sollte, um endlich in die richtige Richtung fahren zu können, zu der Privatgarage, deren Koordinaten mir Mirandas Haushälterin verraten hatte. Die Chancen, heil dort anzukommen, ohne mir selbst, dem Porsche, einem Radfahrer, Fußgänger oder anderen Fahrzeug etwas anzutun, standen bei null. Und Mirandas Anruf trug nicht gerade dazu bei, meine Nerven zu beruhigen.

Wieder startete ich einen Rundumschlag mit dem Handy. Diesmal antwortete das Kindermädchen, und mir fiel ein Stein vom Herzen.

»Tag, Cara. Ich bin’s.«

»Hallo, was gibt’s? Bist du unterwegs? Es ist so laut.«

»Gut geraten. Ich musste Mirandas Porsche aus der Werkstatt holen. Leider hat der verfluchte Wagen eine Gangschaltung, und schalten ist nicht gerade meine starke Seite. Und jetzt hat Miranda auch noch angerufen, und will, dass ich eine Madelaine abhole und in die Wohnung bringe. Wer ist diese Madelaine, und wo könnte sie stecken?«

Cara kriegte sich gar nicht wieder ein vor Lachen. »Madelaine ist ihre französische Bulldogge, und sie ist beim Tierarzt. Sie wurde heute sterilisiert. Eigentlich sollte ich sie nach Hause bringen, aber jetzt muss ich stattdessen die Zwillinge früher aus der Schule holen, damit sie alle in die Hamptons fahren können.«

»Das muss ein Witz sein. Ich soll mit diesem Porsche einen Köter abholen? Ohne einen Unfall zu bauen? Unmöglich.«

»Sie ist in der East Side Tierklinik, in der 52. Straße. Tut mir Leid, Andy, ich muss jetzt los, die Mädchen abholen. Aber ruf mich ruhig an, wenn ich noch etwas für dich tun kann.«

Kurz bevor ich endlich in die 52. einbog, war ich mit den Nerven fix und fertig und mit meiner Konzentration total am Ende. Schlimmer kann es nicht mehr kommen, dachte ich, als schon wieder ein Taxi bis auf zwei Zentimeter auf den Porsche auffuhr. Eine Schramme, ein Kratzer, und ich war mindestens meinen Job los, wenn nicht mein Leben. Darauf konnte ich Gift nehmen. Da nicht im Traum daran zu denken war, am helllichten Tag eine Parklücke zu finden – oder auch nur ein freies Plätzchen im Halteverbot –, rief ich in der Klinik an und bat, mir den Hund nach draußen zu bringen. Auf den letzten Metern kam prompt der nächste Kontrollanruf von Miranda, die wissen wollte, warum ich immer noch nicht wieder im Büro war. Wenigstens brauchte ich nicht lange zu warten. Ich hatte kaum angehalten, da erschien auch schon eine nette Frau mit einem winselnden, schnüffelnden Welpen auf dem Arm. Die Frau zeigte mir Madelaines Naht und riet mir, sehr, sehr vorsichtig zu fahren, da der Hund Schmerzen habe. Aber sicher, Lady. Ich fahre sehr, sehr vorsichtig, um meinen Job und möglicherweise nebenbei noch mein Leben zu retten. Wenn der Hund auch etwas davon hat, soll es mir recht sein.

Nachdem sich Madelaine auf dem Beifahrersitz zusammengerollt und ich mir eine Zigarette angesteckt hatte, rubbelte ich mir erst mal die eiskalten Füße warm, um Kupplungs- und Bremspedal überhaupt fühlen zu können. Kupplung treten, Gas geben, schalten, betete ich mir vor, während ich versuchte, die arme Madelaine zu ignorieren, die jedes Mal laut aufjaulte, wenn ich Gas gab. Wenn sie nicht jaulte, winselte oder schnaufte sie und wurde zu allem Überfluss immer hysterischer. Ich wollte sie trösten, aber sie spürte, dass ich es nicht ernst meinte. Außerdem hatte ich keine Hand frei, um sie zu streicheln oder ihr einen aufmunternden Klaps zu geben. Dafür also hatte ich vier Jahre meines Lebens mit der Analyse und Interpretation von Romanen, Theaterstücken, Kurzgeschichten und Gedichten verplempert – um einen kleinen, weißen, schlappohrigen Hund zu trösten, während ich mein Möglichstes tat, den wahnsinnsteuren Luxusschlitten meiner Arbeitgeberin nicht zu Schrott zu fahren. Tolles Leben. Genau das, was ich mir immer erträumt hatte.

Wider Erwarten gelang es mir, den Wagen ohne weitere Zwischenfälle in die Garage zu fahren und den Hund bei Mirandas Portier abzuliefern. Aber meine Hände zitterten immer noch, als ich endlich in die Limousine stieg, die mir kreuz und quer durch die ganze Stadt gefolgt war. Der Fahrer sah mich mitfühlend an und meinte, so eine Gangschaltung sei wirklich tückisch, doch mir war nicht nach Smalltalk zumute.

»Zurück zum Elias-Clark-Building«, seufzte ich bloß, als der Wagen anrollte. Da ich diese Strecke jeden Tag mindestens einmal, manchmal aber auch zweimal fuhr, wusste ich, dass mir höchstens acht Minuten blieben, um ein paar Mal tief durchzuatmen, mich wieder zu beruhigen und mir zu überlegen, wie ich die Asche- und Schweißflecken kaschieren sollte, die auf dem Wildleder meiner Gucci-Hose zu permanenten Gestaltungsmerkmalen geworden waren. Und was die Schuhe anging – bei denen war sowieso Hopfen und Malz verloren. Die einzige Rettung wäre die Schusterbrigade, die bei Runway für genau solche Notfälle Gewehr bei Fuß stand.

Leider war die Fahrt diesmal schon nach sechseinhalb Minuten vorbei, und mir blieb nichts anderes übrig, als wie eine wackelige Giraffe auf einem gekappten und einem Stöckelabsatz ins Gebäude zu hinken. Bei einem schnellen Zwischenstopp in der Kleiderkammer staubte ich ein nagelneues Paar kastanienbraune kniehohe Jimmy Choos ab, die fantastisch zu dem Lederrock passten, den ich mir im Vorbeilaufen angelte. Die Lederhose landete auf dem Stapel für die »Couture-Reinigung« (wo die Preise bei 75 Dollar pro Kleidungsstück anfingen). Jetzt noch rasch in den Kosmetikraum. Eine der Redakteurinnen warf einen Blick auf mein verlaufenes Make-up und machte sich sofort mit einem Erste-Hilfe-Köfferchen an die nötigen Ausbesserungsarbeiten.

Nicht übel, dachte ich, als ich mich in einem der allgegenwärtigen hohen Spiegel betrachtete. Niemand hätte vermutet, dass ich noch vor wenigen Minuten kurz vor einem Amoklauf mit anschließendem Selbstmord gestanden hatte. Selbstbewusst betrat ich Mirandas Vorzimmer, setzte mich an meinem Schreibtisch und freute mich auf ein paar freie Minuten, bis sie vom Lunch zurückkam.

»Aan-dreh-aa«, rief sie aus ihrem spartanisch eingerichteten Büro, das den Charme einer Tiefkühltruhe verströmte. »Wo sind das Auto und der Hund?«

Ich schoss wie eine Rakete vom Stuhl hoch und lief, so schnell mich meine 12-Zentimeter-Absätze auf dem plüschigen Teppichboden tragen wollten, hinüber. »Den Wagen haben ich beim Parkwächter in der Garage abgegeben und Madelaine bei Ihrem Portier, Miranda«, antwortete ich. Ich war stolz, beide Aufgaben erfüllt zu haben, ohne den Wagen, den Hund oder mich selbst ins Jenseits zu befördern.

»Und was haben Sie sich dabei gedacht?«, fragte sie und blickte tatsächlich von ihrer Women’s Wear Daily hoch. »Ich hatte Sie doch ausdrücklich gebeten, den Wagen und den Hund hierher zu bringen. Die Mädchen können jede Minute da sein, und dann wollen wir gleich los.«

»Ach. Ich dachte, Sie hätten gesagt, ich soll…«

»Genug. Die Details Ihrer Inkompetenz interessieren mich nur peripher. Schaffen Sie mir den Wagen und den Hund her. Ich will in 15 Minuten fahren. Verstanden?«

15 Minuten? Hatte das Weib Halluzinationen? Ich brauchte ein, zwei Minuten, um mit dem Lift nach unten zu fahren und eine Limousine zu bekommen, sechs bis acht zu ihrer Wohnung und dann noch einmal circa drei Stunden, bis ich den Hund in dem 18-Zimmer-Palast aufgestöbert, den verfluchten Wagen aus der Garage geholt und mich wieder bis zu ihrem Büro durchgekämpft hatte.

»Selbstverständlich, Miranda. In 15 Minuten.«

Kaum stand ich wieder im Vorzimmer, fing ich an zu zittern. Ich fragte mich, ob mein Herz wohl gleich im gesegneten Alter von 23 Jahren den Geist aufgeben würde. Unten auf der Straße schlotterte ich immer noch so heftig, dass mir die Zigarette, die ich mir als Erstes ansteckte, aus der Hand fiel und nicht etwa auf dem Betonboden, sondern genau auf einem meiner neuen Jimmys landete. Bevor sie herunterrollte, schaffte sie es noch, mir ein kreisrundes Loch ins Leder zu brennen. Toll, knurrte ich. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ruinierte Kleidungsstücke im Wert von insgesamt 4000 Dollar an nur einem Tag, eine neue persönliche Bestleistung. Vielleicht ist sie ja tot, bevor ich wieder zurück bin, dachte ich. Ich hatte beschlossen, optimistisch zu bleiben. Vielleicht würde sie an einer seltenen exotischen Krankheit sterben. Das wäre für alle ihre Mitarbeiter eine Erlösung. Ich nahm noch einen letzten Zug von meiner zweiten Zigarette, trat sie auf dem Bürgersteig aus und rief mich zur Vernunft. Du willst nicht, dass sie stirbt, dachte ich. Wenn sie stirbt, hast du keine Chance mehr, sie selbst umzubringen. Und das wäre doch wirklich jammerschade.

2

Ich war ein ahnungsloser Engel, als ich zum ersten Vorstellungsgespräch meines Lebens antrat und in einen der berühmten Elias-Clark-Fahrstühle stieg, in denen sich alles, aber auch alles auf und ab bewegte, was in der Modewelt Rang und Namen hatte. Ich wusste nicht, dass die einflussreichsten Klatschkolumnisten, Societypersönlichkeiten und Medienmanager der Stadt wegen der perfekt geschminkten, atemberaubend gekleideten Wesen, die in den edlen Aufzügen geräuschlos nach oben entschwebten, schlaflose Nächte verbrachten. Ich hatte noch nie Frauen mit derart blondem Blondhaar gesehen und wäre nie auf die Idee gekommen, dass allein die Strähnchen vom Starfriseur 6000 Dollar im Jahr kosteten oder dass dem Eingeweihten ein einziger Blick genügte, um anhand der Farbgebung den Coloristen zu identifizieren. Ich hatte auch noch nie so schöne Männer gesehen, die ihre hart erarbeiteten, aber nicht zu muskelbepackten Traumfiguren in eng anliegenden Rollkragenpullovern und knackigen Lederhosen zu Schau stellten. Taschen und Schuhe, die ich noch niemals an einem lebenden Menschen zu Gesicht bekommen hatte, verkündeten stolz, wo sie herkamen: Prada! Armani! Versace! Von der Bekannten einer Bekannten – einer Redaktionsassistentin bei der Zeitschrift Chic – hatte ich gehört, dass es solchen Accessoires hin und wieder sogar vergönnt war, in diesen Fahrstühlen ihren Schöpfern zu begegnen, ein gewiss auch für Miuccia, Giorgio oder Donatella freudiges Wiedersehen mit einem Paar Stiletto-Pumps aus der Sommersaison 2002 oder einem tropfenförmigen Handtäschchen aus der letzten Frühjahrskollektion. Als ich in den Elias-Clark-Aufzug stieg, wusste ich, dass in meinem Leben eine Veränderung bevorstand – bloß ob es eine Veränderung zum Besseren war, das wusste ich nicht.

Die ersten 23 Jahre meines Lebens war ich eine eher biedere Provinzpflanze gewesen, aufgewachsen in einer idyllischen Kleinstadt wie aus dem amerikanischen Bilderbuch. Kindheit und Jugend in Avon, Connecticut, verliefen nach dem üblichen Klischee: High-School-Sport, Jugendgruppe, harmlose »Saufgelage« bei Freunden, die eine sturmfreie Bude hatten. In der Schule trugen wir Jogginghosen, am Samstagabend schlüpften wir in unsere Jeans und warfen uns zum Tanztee oder für einen Ball mit braven Rüschenkleidern in Schale. Und dann aufs College! Es war wie eine neue, aufregende Welt, die sich nach der High School auftat. Dort war für jeden etwas geboten, ganz gleich ob Künstler, Aussteiger oder Computerfreak. Auf dem College standen mir sämtliche Möglichkeiten offen. Ich hatte die Qual der Wahl, welchen intellektuellen oder kreativen Interessen ich mich widmen, welches abseitige oder esoterische Orchideenfach ich studieren wollte. Nur ein Fach war im Vorlesungsverzeichnis nicht vertreten: die Haute Couture. Die vier Jahre in Providence, in denen ich Seminare über die französischen Impressionisten besuchte und mir ellenlange Hausarbeiten zur englischen Literatur abrang, bereiteten mich in keiner – nein, in keinster Weise – auf meine erste »richtige« Arbeitsstelle vor.

Ich schob den Augenblick der Wahrheit so lange wie möglich hinaus, indem ich mir nach dem Examen erst mal ein bisschen Geld zusammenpumpte und einen Trip über den großen Teich machte. Einen Monat lang klapperte ich mit dem Zug halb Europa ab, sah dabei aber, wie ich zugeben muss, wesentlich mehr Strände als Museen. Fast der Einzige, mit dem ich während dieser Zeit in Kontakt blieb, war mein Freund Alex, mit dem ich damals schon seit drei Jahren zusammen war. Er wusste genau, dass mir das Alleinreisen nach spätestens fünf Wochen auf den Keks gehen würde, und weil er seine Stelle als Lehrer erst im September antreten musste, überraschte er mich in Amsterdam. Bis dahin hatte ich Europa ziemlich abgegrast, und weil Alex im Sommer davor schon dort gewesen war, schmissen wir nach einem verrückten Nachmittag in einem Coffee Shop unsere Traveller Checks zusammen und kauften kurz entschlossen zwei Flugtickets nach Bangkok.

Dann reisten wir kreuz und quer durch Südostasien. Wir gaben am Tag kaum mehr als zehn Dollar aus und redeten über unsere Zukunftspläne. Er freute sich schon wahnsinnig darauf, an einer Schule unterrichten zu dürfen, die mitten in einem der sozialen Brennpunkte der Stadt lag, war begeistert von der Idee, junge Seelen zu formen und sich für die Armen und Benachteiligten einzusetzen. Typisch Alex. Ich verfolgte keine derart hehren, idealistischen Ziele. Im Gegenteil, ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, für eine Zeitschrift zu arbeiten, und zwar nicht für irgendeine, sondern für den renommierten New Yorker. Und obwohl ich mir denken konnte, dass man in der Redaktion nicht gerade auf mich warten würde, war ich fest entschlossen, es bis zum fünften High-School-Klassentreffen geschafft zu haben. Für den New Yorker zu schreiben, war schon immer mein größter Wunsch gewesen. Das erste Heft hatte ich mir gekauft, nachdem sich meine Eltern einmal über einen besonders gelungenen Artikel unterhalten hatten. Meine Mutter: »Eine derart intelligente Schreibe findet man heute nirgends mehr.« Mein Vater: »Etwas Scharfsinnigeres gibt es nicht.« Ich war sofort hin und weg gewesen. Die peppigen Rezensionen und die witzigen Cartoons hatten mich regelrecht vom Hocker gerissen. Hinzu kam das Gefühl, einem erlesenen Zirkel anspruchsvoller Leser anzugehören. Seit nunmehr sieben Jahren hatte ich keine Ausgabe mehr verpasst, und ich kannte die Namen aller Redakteure und Autoren in- und auswendig.

Alex und ich standen also beide an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt. Trotzdem hatten wir es nicht eilig, wieder nach Hause zu kommen. Irgendwie spürten wir wohl, dass dies unsere letzten unbeschwerten Tage sein würden, bevor uns die Wirklichkeit gnadenlos beim Schopf zu packen bekam, und so verlängerten wir in Delhi unsere Visa, um noch ein paar Wochen länger durch das exotische Indien zu reisen.

Eine Schnapsidee, wie sich zeigen sollte. Nichts ist tödlicher für die Romantik als eine Amöbenruhr. Eine Woche lang litt ich, von Alex liebevoll gepflegt, in einer dreckigen indischen Herberge vor mich hin, bis ich mich geschlagen gab und wir den Rückflug antraten. Nachdem meine Mutter mich am Flughafen auf den Rücksitz des Autos gepackt hatte, hörte sie auf der gesamten Fahrt nach Hause nicht mehr auf, mit dem Kopf zu schütteln. Auf eine gewisse Weise war der Traum einer jeden jüdischen Mutter nun auch für sie wahr geworden. Sie hatte einen Grund, mit mir von Arzt zu Arzt zu Arzt zu ziehen, um ganz sicherzugehen, dass sich auch nicht mehr der mickrigste Parasit in ihrem Töchterlein versteckt hielt. Es dauerte vier Wochen, bis ich wieder das Gefühl hatte, zu den Lebenden zu gehören, und zwei weitere, bis mir dämmerte, dass ich es zu Hause nicht mehr aushielt. Mom und Dad waren fantastisch, aber jedes Mal gefragt zu werden, wo ich hin wollte, wenn ich das Haus verließ, war auf die Dauer ätzend. Ich rief meine Freundin Lily an und fragte sie, ob sie mich in ihrem Miniapartment in Harlem aufnehmen würde. Aus reiner Herzensgüte sagte sie ja.

Schweißgebadet wachte ich in Lilys winziger Bude auf. Mir brummte der Schädel, der Magen grummelte, jeder Nerv war bis zum Äußersten gereizt. O nein, nicht schon wieder!, dachte ich entsetzt. Die Parasiten sind zurück, und ich werde sie bis an mein Lebensende nicht mehr los! Und wenn es womöglich etwas noch viel Schlimmeres war? Vielleicht hatte ich mir eine seltene, verzögert auftretende Form des Denguefiebers eingefangen? Oder Malaria? Oder gar Ebola? Still und starr lag ich da und bereitete mich innerlich schon auf mein baldiges Ableben vor, als plötzlich Bilder der vergangenen Nacht vor mir aufstiegen. Eine verräucherte Kneipe irgendwo im East Village. Ein infernalisches Geschepper, das sich Jazz Fusion Musik nannte. Ein knallrosa Cocktail in einem Martiniglas – igitt! Nur nicht daran denken. Freunde und Bekannte, die vorbeikamen, um mich in der Heimat zu begrüßen. Ein Trinkspruch, ein Pinkschluck, noch ein Trinkspruch. Gott sei Dank, es war weder Gelb-, Fleck- noch Schwarzwasserfieber, sondern bloß ein ganz ordinärer Kater. Ich hatte nicht daran gedacht, dass ich nach der überstandenen Ruhr mit zehn Kilo weniger auf den Rippen wohl nicht mehr ganz so viel Alkohol vertragen konnte wie vorher. Knapp 52 Kilo bei einer Körpergröße von 1,75 m verhießen für eine Nacht auf der Piste nichts Gutes (auch wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass diese Werte für einen Job bei einer Modezeitschrift idealer nicht hätten sein können).

Tapfer entfaltete ich auf Lilys Knochenbrechercouch, auf der ich seit einer Woche schlief, die schmerzenden Glieder und konzentrierte meine ganze Energie darauf, mich nicht zu übergeben. Sich wieder an Amerika zu gewöhnen – das Essen, die Umgangsformen, die herrlichen Duschen – war nicht allzu schwierig gewesen. Bloß das Hausen im Notquartier war auf die Dauer nichts für mich. Wenn ich sparsam lebte und meine letzten Baht und Rupien zusammenkratzte, blieben mir noch knapp anderthalb Wochen, bevor ich komplett abgebrannt war. Meine Eltern wären jederzeit bereit gewesen, mir auszuhelfen, aber diese Hilfe hatte einen kleinen Haken. Ich würde wieder bei ihnen einziehen und mir zu allem und jedem ihren Kommentar anhören müssen. Bei diesem Gedanken wurde ich schlagartig munter, und es hielt mich keine Sekunde länger auf der Mördercouch. Und so begann jener schicksalhafte Novembertag, an dem mich in weniger als einer Stunde das erste Vorstellungsgespräch meines Lebens erwartete. Die ganze letzte Woche hatte ich, noch immer leicht angeschlagen, bei Lily vor mich hin gegammelt, bis sie mich regelrecht aus dem Haus getrieben hatte, und sei es auch nur für ein paar Stunden am Tag. Ohne konkreten Plan hatte ich mir eine U-Bahn-Karte gekauft, war den ganzen Tag stadtauf- und stadtabwärts durch New York gefahren und hatte bei allen größeren Zeitschriftenverlagen meine Bewerbungsunterlagen abgegeben: meinen Lebenslauf und ein unausgegorenes Anschreiben, in dem ich erklärte, dass ich gern Redaktionsassistentin werden und erste journalistische Erfahrungen sammeln wollte. Ich war noch zu krank und erschöpft, um mich wirklich dafür zu interessieren, ob überhaupt jemand das Zeug las, und das Letzte, was ich mir davon versprach, war ein Vorstellungsgespräch. Aber dann hatte gestern Lilys Telefon geklingelt, und o Wunder!, jemand aus der Personalabteilung von Elias-Clark lud mich doch tatsächlich zu einem »kleinen Plausch« ein. Ich war mir nicht sicher, ob es sich dabei um ein offizielles Vorstellungsgespräch handelte – ein »kleiner Plausch« klang in meinem Zustand sowieso erträglicher.

Nachdem ich mit Magentropfen eine Kopfschmerztablette runtergespült hatte, stöberte ich erst mal in meinen Sachen. Ich fand ein Jackett und eine Hose, die als Ensemble zwar beim besten Willen nicht der Hit waren, aber wenigstens nicht sofort von meinem Klappergestell wieder herunterrutschten. Eine blaue Button-down-Bluse, ein halbwegs seriöser Pferdeschwanz und ein Paar leicht abgestoßene Halbschuhe komplettierten mein Outfit. Toll war es nicht, eher das Gegenteil, aber es würde reichen müssen. Die werden die Entscheidung über meine Einstellung ja wohl nicht nur von meinen Klamotten abhängig machen, dachte ich mir. Ich ahnungsloser Engel, ich!

Punkt elf war ich zur Stelle. In Panik geriet ich erst, als ich die Reihe langbeiniger, spindeldürrer Twiggy-Figuren sah, die zu den Fahrstühlen strömten. Sie plapperten in einer Tour, untermalt vom Klappern ihrer Pfennigabsätze auf dem Boden. Klapperschnepfen, dachte ich. Das passt wie die Faust aufs Auge. (Der Fahrstuhl kam.) Einatmen, ausatmen. Du wirst dich nicht übergeben. Du wirst dich nicht übergeben. Du bist nur hier, um ein bisschen über den Job einer Redaktionsassistentin zu »plauschen«, und dann knallst du dich wieder auf Lilys Couch. Du wirst dich nicht übergeben. »Aber natürlich würde ich gern für Reaction arbeiten! The Buzz? Auch gut. Wie bitte, ich darf es mir aussuchen? Ach, lassen Sie mich noch eine Nacht darüber schlafen, ich kann mich vor Angeboten kaum retten. Entzückend!«

Sekunden später pappte ein »Besucher«-Aufkleber am Jackett meines zusammengewürfelten Ensembles. (Als ich bemerkte, dass alle anderen die Dinger einfach auf ihre Taschen klebten oder in den nächsten Papierkorb schmissen und nur die ödesten Verlierertypen sie tatsächlich trugen, war es schon zu spät.) Mit dem Abzeichen meiner Unwissenheit auf der Brust folgte ich der Menge und steuerte ebenfalls die Aufzüge an. Es ging hoch und immer höher, eine Reise durch Raum und Zeit und unendliche Schönheit, hinauf bis in die luftigen Höhen der Personalabteilung.

Während der Fahrt entspannte ich mich ein wenig. In der Kabine hing ein nahezu erotisches Duftgemisch aus sinnlichem Parfüm und würzigem Leder. Auf jeder Etage eine andere Zeitschrift, Chic und Mantra, The Buzz und Coquette. Lautlos glitt die Tür zur Seite und gab den Blick frei auf sparsam möblierte Empfangsbereiche. Schicke, weiße Möbel mit klaren, schlichten Linien, die so aussahen, als ob es einer Mutprobe gleichkäme, tatsächlich auf ihnen Platz zu nehmen. Nicht auszudenken, wenn man einen Fleck ins Polster machte! Da konnte man sich am besten gleich erschießen. An den Wänden prangten in schwarzen Lettern die unverwechselbaren Namen der Zeitschriften, die jedes Kind in Amerika kannte, aber niemals unter einem einzigen Hochhausdach vermutet hätte. Dicke, undurchsichtige Glastüren schützten die Redaktionen vor unwillkommenen Besuchern.

Obwohl ich selbst bis dahin höchstens ein paar Mal als Eisverkäuferin gejobbt hatte, wusste ich doch von meinen Studienfreunden, die nun seit einigen Monaten im Berufsleben standen, dass die Welt der Arbeit so nicht aussah, nirgends. Keine Spur von grellen Neonlampen oder von extrastrapazierfähigen Teppichböden. Wo sich unscheinbare Sekretärinnen hinter zerschrammten Schreibtischen hätten verschanzen müssen, thronten hier makellose Schönheiten mit markanten Wangenknochen hinter edlen Empfangstheken. Bürobedarf war ein Begriff, der nicht existierte! Terminplaner, Papierkörbe, Akten? Gab es nicht. Von Etage zu Etage wuchs mein Staunen über diese weiße Perfektion. Ich nahm nichts anderes um mich herum wahr, bis schließlich im sechsten Stock eine giftige Stimme an mein Ohr und zu mir durchdrang.

»Sie ist einfach unerträglich! So eine Zicke. Ich halte sie nicht mehr aus. Wer macht denn so was? Wer kommt denn bloß auf so eine Idee?«, zischelte vor mir eine schicke Mittzwanzigerin, die mit ihrem Schlangenlederrock und dem mikroskopisch kleinen Tank-Top besser in eine Disco als in ein Büro gepasst hätte.

»Wem sagst du das? Was meinst du, was ich mir in den letzten sechs Monaten alles gefallen lassen musste? Diese Megazicke. Und einen fürchterlichen Geschmack hat sie auch noch«, pflichtete ihre Freundin ihr bei und schüttelte dazu ihre fantastisch geschnittene Mähne.

Dann war ich endlich oben, und der Fahrstuhl gab mich frei. Interessant, dachte ich. Verglichen mit dem durchschnittlichen Tag einer durchschnittlichen College-Studentin war das Prädikat »interessant« allerdings wohl etwas zu kurz gegriffen. Stimulierend? Na, so weit wollte ich dann doch nicht gehen. Friedlich, freundlich, fürsorglich? Kaum. Befriedigend, motivierend? Total daneben. Wer aber das Hippe, Schicke, Schlanke, Coole, Trendige, Gestylte und Angesagte suchte, für den war Elias-Clark das Paradies.

Der elegante Schmuck und das perfekte Make-up der Empfangsdame trugen nicht gerade dazu bei, meine zunehmenden Minderwertigkeitsgefühle zu lindern. Sie bot mir einen Platz an und sagte, ich dürfe gern »einen Blick in einige unserer Publikationen werfen«. Stattdessen versuchte ich verzweifelt, mir auf die Schnelle die Herausgeber möglichst vieler Zeitschriften des Verlagshauses einzuprägen – als ob man mich danach ausfragen würde. Ha! Stephen Alexander von Reaction kannte ich sowieso, und Tanner Michel von The Buzz konnte ich mir leicht merken. Und da dies sowieso die beiden einzigen interessanten Erzeugnisse des Verlags waren, fühlte ich mich relativ gut gewappnet.

Eine grazile Frau, die sich als Sharon vorstellte, holte mich ab. »Sie möchten also bei der Zeitung anfangen?«, fragte sie, während sie mich an einigen identisch aussehenden Elfenwesen vorbei in ihr karges, kaltes Büro führte. »Ganz schön schwierig, wenn man direkt vom College kommt. Da rangeln jede Menge Leute um eine Hand voll Jobs. Außerdem sind die wenigen offenen Stellen auch nicht gerade besonders gut bezahlt, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Ich sah an meinem billigen, zusammengestoppelten Anzug und den völlig unpassenden Schuhen hinunter und fragte mich, warum ich überhaupt zu dem Vorstellungsgespräch angetreten war. Es war wohl am gescheitesten, wenn ich mich mit einem ausreichenden Vorrat an Chips und Zigaretten eindeckte und mich für die nächsten 14 Tage erst mal wieder auf Lilys Couch verkroch. Ich war so vertieft in diese düsteren Zukunftsaussichten, dass ich kaum mitbekam, wie sie sagte: »Aber ich kann Ihnen etwas verraten. Ihnen bietet sich eine grandiose Gelegenheit. Allerdings müssen Sie sofort zugreifen, sonst ist sie weg.«

Hmm. Plötzlich gingen alle Warnlichter bei mir an. Eine Gelegenheit? Und noch dazu eine grandiose?? Mein Gehirn arbeitete fieberhaft. Sie wollte mir helfen? Sie mochte mich? Warum? Ich hatte doch noch keinen Pieps gesagt. Wie konnte sie mich da mögen? Und warum erinnerte sie mich auf einmal so verdächtig an einen Gebrauchtwagenhändler?

»Können Sie mir sagen, wie die Herausgeberin von Runway heißt?«, fragte sie und sah mir zum ersten Mal in die Augen, seit ich in ihrem Büro Platz genommen hatte.

Nichts. Watte im Kopf. Leere. Ich stand total auf dem Schlauch. Nicht zu fassen, ich wurde tatsächlich abgefragt!! Das durfte doch nicht wahr sein – ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine Runway gelesen. Das war nicht fair. Runway zählte nicht. Runway war schließlich eine Modezeitschrift. Womöglich gab es darin noch nicht mal richtige Artikel, bloß halb verhungerte Models und Werbefotos. Ich schluckte ein paar Mal. Die Namen der Herausgeber, die ich mir eben erst ins Hirn gehämmert hatte, schwirrten mir wild durch den Kopf und fügten sich zu abstrusen Paarungen wieder zusammen. Ich war mir sicher, ich kannte die Frau. Diese Frau kannte jeder. Aber ich kam ums Verrecken nicht auf ihren Namen.

»Äh, im Moment kann ich es Ihnen leider nicht sagen. Aber ich weiß, wie sie heißt. Natürlich weiß ich das! Den Namen kennt doch jedes Kind. Ich habe ihn nur gerade nicht parat.«

Sie beobachtete mich, die großen braunen Rehaugen auf mein verschwitztes Gesicht geheftet. »Miranda Priestly«, sagte, nein flüsterte sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Angst. »Sie heißt Miranda Priestly.«

Sie schwieg. Ich schwieg. Es kam mir vor, als ob wir uns eine volle Minute lang anschwiegen, dann hatte Sharon sich offenbar dazu durchgerungen, mir meinen Fehltritt noch einmal zu vergeben. Damals wusste ich nicht, wie verzweifelt sie darauf aus war, eine neue Assistentin für Miranda zu finden, und dass sie es einfach nicht mehr aushielt, von ihrer Chefin Tag und Nacht mit Anrufen bombardiert und nach den neuesten Bewerberinnen ausgefragt zu werden. Hauptsache, sie fand jemanden, irgendjemanden, der Miranda genehm war. Und wenn es auch nur die geringste Chance gab, dass möglicherweise ich dieser Jemand war, konnte sie es sich natürlich nicht leisten, allzu kleinlich zu sein.

Sharon ließ ein schmales Lächeln sehen und eröffnete mir, dass ich nun Mirandas Assistentinnen kennen lernen würde. Hatte sie denn mehr als eine?

»Ja, sie hat zwei«, bestätigte sie mir mit einem entnervten Augenaufschlag. »Natürlich braucht Miranda zwei Assistentinnen. Ihre derzeitige Seniorassistentin, Allison, wurde gerade zur Beauty-Redakteurin befördert, und Emily, die Juniorassistentin, wird Allisons Platz einnehmen. Das heißt, die Stelle der Juniorassistentin wird frei! Andrea, ich weiß, dass Sie frisch vom College kommen und mit den inneren Abläufen der Zeitschriftenwelt vermutlich nicht sehr vertraut sein werden.« Sie legte eine dramatische Kunstpause ein. »Aber ich habe das Gefühl, dass es meine Aufgabe, ja meine Pflicht ist, Ihnen zu sagen, was für eine geradezu unglaubliche Gelegenheit sich Ihnen hier bietet. Miranda Priestly ist…« Sie hielt erneut inne, als ob sie sich innerlich vor einem Götterstandbild verneigte. »Miranda Priestly ist die einflussreichste Frau in der Modebranche und eine der prominentesten Zeitschriftenherausgeberinnen der Welt. Der Welt! Für diese Persönlichkeit zu arbeiten, ihr bei ihrer Herausgebertätigkeit über die Schulter zu schauen, dabei zu sein, wenn sie berühmte Autoren und Models trifft, ihr dabei zu assistieren, die Herausforderungen des Tagesgeschäfts zu meistern, das ist eine einmalige Chance. Ich sage nur eins: Für diese Stelle würden Millionen junger Frauen ihr Leben geben.«

»Aha, so, so. Ja, das klingt fantastisch«, stammelte ich. Seltsam, dass Sharon glaubte, mir einen Job schmackhaft machen zu müssen, für den Millionen anderer Frauen ihr Leben gegeben hätten. Aber es blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Sie telefonierte noch kurz, und dann brachte sie mich auch schon zum Fahrstuhl. Für die nächste Runde des Vorstellungsgesprächs sollte ich mit Mirandas Juniorassistentin in den Ring steigen.

Schon Sharon hatte in meinen Ohren ein bisschen wie ein Roboter geklungen, aber Emily schlug sie noch um Längen. Nachdem ich in den 17. Stock hinuntergefahren war und eine geschlagene halbe Stunde in dem blendend weißen Empfangsbereich von Runway gewartet hatte, trat schließlich eine gertenschlanke junge Frau durch die Glastür. Sie trug einen wadenlangen Hüftrock aus Leder, und ihr widerspenstiges rotes Haar war zu einem nachlässigen, aber doch eleganten Knoten hochgesteckt. Sie hatte einen Teint wie Schneewittchen und die ausgeprägtesten Wangenknochen, die ich je gesehen hatte. Ohne zu lächeln, setzte sie sich neben mich und musterte mich ernst, aber scheinbar ohne großes Interesse, von oben bis unten. Automatisch, wie eine Maschine. Da sie sich nicht damit aufhielt, sich vorzustellen, konnte ich nur vermuten, dass es sich bei ihr um Emily handelte. Aus heiterem Himmel fing sie plötzlich an, mir den Job zu beschreiben. Ihre monotonen Ausführungen verrieten mir mehr als alles, was sie sagte: Sie hatte diese Litanei anscheinend schon Dutzende Male heruntergeleiert, erwartete sich von mir auch nicht mehr als von den anderen Bewerberinnen und würde sich deshalb nicht länger als unbedingt nötig mit mir abgeben.

»Es ist kein Zuckerschlecken, so viel steht fest. Es kommt vor, dass der Arbeitstag 14 Stunden hat, nicht oft, aber oft genug«, ratterte sie los. »Und Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Sie keine redaktionellen Aufgaben übertragen bekommen werden. Als Juniorassistentin sind Sie ausschließlich dafür verantwortlich, Miranda nach besten Kräften zu unterstützen und zu entlasten. Und darunter fällt alles, was Sie sich nur vorstellen können. Dass Sie zum Beispiel ihr Lieblingsbriefpapier bestellen oder sie beim Shopping begleiten. Abwechslungsreich ist es auf jeden Fall. Überlegen Sie bloß, Sie sind Tag für Tag, Woche für Woche mit dieser einzigartigen Frau auf Tuchfühlung. Und dass sie einzigartig ist, können Sie mir glauben«, hauchte sie. Zum ersten Mal kam so etwas wie Leben in ihre Züge.

»Klingt gut«, sagte ich – und es war mir ernst damit. Meine Studienfreunde, die schon sechs Monate in der realen Arbeitswelt hinter sich hatten, klangen allesamt frustriert und enttäuscht, und zwar ganz egal, wo sie arbeiteten, bei einer Bank, einer Werbeagentur oder einem Buchverlag. Es war überall das gleiche trübe Bild, lange Arbeitszeiten, schreckliche Kollegen und innerbetriebliche Intrigen. Aber das Allerschlimmste war die Langeweile. Verglichen mit den Anforderungen des Studiums waren die Aufgaben, die man ihnen übertrug, stupide und sinnlos. Routinearbeiten für Schimpansen. Stundenlang tippten sie Zahlen in irgendwelche Datenbanken oder führten telefonische Anbahnungsgespräche mit Leuten, die nicht belästigt werden wollten. Sie katalogisierten überflüssige Informationen am Computer und recherchierten monatelang über irgendein unwichtiges Thema, nur um ihren Vorgesetzten zu beweisen, dass sie produktiv waren. Jeder von ihnen hatte das Gefühl, seit dem Studium verblödet und in einer Sackgasse gelandet zu sein. Zwar hatte ich nicht besonders viel mit Mode am Hut, aber bevor ich mir bis ans Ende meiner Tage einen öden Bürojob ans Bein band, machte ich doch lieber etwas Abwechslungsreiches.

»Ja, der Job ist toll. Einfach toll. Fantastisch. Es war nett, Sie kennen gelernt zu haben. Jetzt hole ich Allison, damit die Sie ebenfalls ein bisschen beschnuppern kann. Sie ist auch toll.« Sie hatte kaum den Satz beendet und war mit wehendem Rock und flatternden Locken hinter der Glastür verschwunden, als auch schon die nächste zarte Gestalt hereinschwebte.

Mirandas bisherige Seniorassistentin Allison, die soeben befördert worden war, war eine atemberaubende schwarze Schönheit. Ich staunte darüber, wie mager sie war, wie ihr Bauch sich nach innen wölbte, und ihre Hüftknochen hervorstachen. Fast noch mehr staunte ich allerdings darüber, dass sie im Büro überhaupt Bauch zeigen durfte. Sie trug eine schwarze Lederhose und ein flauschiges weißes Tanktop, das sich über den Brüsten spannte und fünf Zentimeter über ihrem Bauchnabel endete. Das lange, tintenschwarze Haar breitete sich wie eine glänzende Decke über ihren Rücken. Finger- und Zehennägel waren weiß lackiert und schienen von innen heraus zu leuchten. Ihre hochhackigen offenen Sandalen legten auf ihre 1,80 Meter Körpergröße noch einmal gute sieben Zentimeter drauf. Sie sah gleichzeitig sexy, halbnackt und edel aus. Vor allem aber ließ sie mich frösteln. Und zwar buchstäblich. Es war schließlich November.

»Hallo, ich bin Allison. Aber das wissen Sie bestimmt schon«, begann sie und zupfte sich ein paar Fasern Tanktop-Flaum von ihrer kaum vorhandenen Hüfte. »Ich bin gerade auf eine Redaktionsstelle befördert worden, und genau das ist das Tolle daran, wenn man für Miranda arbeitet. Ja, der Arbeitstag ist lang und hart, aber auch ungeheuer aufregend, und Millionen Mädchen würden für diesen Job ihr Leben geben. Miranda ist eine derart wunderbare Frau, Herausgeberin und Persönlichkeit, dass sie sich für ihre Girls persönlich einsetzt. Ein Jahr bei Miranda, und Sie ersparen sich jahrelanges Klinkenputzen bei anderen Zeitschriften. Sie bekommen von ihr den Anschub, den Sie brauchen, um nicht erst mühsam Sprosse um Sprosse auf der Karriereleiter nach oben kraxeln zu müssen. Wenn Sie Talent haben, können Sie es sofort bis weit nach oben schaffen …« So ging es weiter und immer weiter, ohne dass sie sich auch nur die Mühe gemacht hätte, so etwas Ähnliches wie Begeisterung für ihre Ausführungen vorzutäuschen. Besonders dumm kam sie mir nicht vor, aber sie hatte einen leicht benebelten Blick, wie man ihn sonst nur bei Sektenjüngern beobachten kann oder bei Leuten, die einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Ich hatte den Eindruck, dass sie es nicht einmal bemerken würde, wenn ich einschlief, in der Nase bohrte oder einfach aufstand und ging.

Als auch diese Runde endlich vorbei war und Alison mich allein ließ, um den nächsten Sparringspartner für mich zu organisieren, war ich so erschöpft, dass ich mich auf dem wenig einladenden Sofa im Empfangsbereich am liebsten lang ausgestreckt hätte. Es ging alles so schnell, dass ich kaum wusste, wo mir der Kopf stand. Trotzdem war ich aufgeregt. Was machte es schon, dass ich Miranda Priestly nicht kannte? Alle anderen schienen von ihr zutiefst beeindruckt zu sein. Sicher, es ging nur um eine Modezeitschrift, nicht gerade prickelnd, aber es war immer noch um Klassen besser, bei Runway zu arbeiten als bei irgendeinem ätzenden Werbeblättchen. Eine Tätigkeit bei Runway im Lebenslauf vorweisen zu können, würde mir, wenn ich mich später beim New Yorker bewarb, bestimmt mehr nützen als zum Beispiel Ein Herz für Hunde. Außerdem: Würden nicht Millionen junger Frauen für diesen Job ihr Leben geben?

Nachdem ich mich eine weitere halbe Stunde in diesen und ähnlichen Gedanken ergangen hatte, betrat das nächste ranke, schlanke Geschöpf den Empfangsbereich. Zwar stellte sie sich vor, aber ich vergaß ihren Namen sofort wieder, hatte nur Augen für ihre umwerfende Erscheinung. Sie trug einen engen Jeansrock im Fetzenlook, ein durchsichtige weiße Bluse und silberne Riemchensandalen. Außerdem war sie perfekt gebräunt und manikürt und trug so viel nackte Haut zur Schau, wie es kein normaler Mensch in einem eisigen New Yorker November jemals tun würde. Als sie mir bedeutete, aufzustehen und ihr durch die Glastür zu folgen, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, wie ich aussah mit meinem schrecklichen Outfit und den labbrigen Haaren: wie eine Vogelscheuche. Kein Accessoire, kein Schmuck, nur das nötigste Make-up. Bis zum heutigen Tag denke ich mit Grausen daran zurück, wie ich an jenem Schicksalstag angezogen war und dass ich sogar etwas Aktentaschenähnliches mit mir herumschleppte. Ich kriege immer noch einen knallroten Kopf, wenn ich mich daran erinnere, wie trampelig ich zwischen den elegantesten und schicksten Frauen in ganz New York umhertapste. Erst später, als ich selbst fast eine von ihnen geworden war, erfuhr ich, wie köstlich sie sich zwischen den einzelnen Gesprächsrunden über meine Jammergestalt amüsiert hatten.

Nach der unverzichtbaren Musterung von Kopf bis Fuß brachte mich die Umwerfende zu Cheryl Kenston, Chefredakteurin von Runway und liebenswerte Spinnerin in einem. Auch dieses Gespräch schien ewig zu dauern, aber diesmal hörte ich zum ersten Mal richtig zu. Und zwar deswegen, weil sie ihre Arbeit anscheinend tatsächlich liebte, so begeistert schwärmte sie von den Textbeiträgen, von den tollen Artikeln, die sie zu lesen bekam, von den Autoren, die sie betreute, und von den Redakteuren, für die sie verantwortlich war.

»Mit dem Modeteil der Zeitschrift habe ich nicht das Geringste zu tun«, verkündete sie stolz. »Wenn Sie dazu Fragen haben, wenden Sie sich lieber an jemanden, der sich damit auskennt.«

Als ich ihr anvertraute, dass mich eigentlich eher ein Job wie der ihre reizen würde, da ich mich weder besonders für Mode interessierte noch irgendwelche Vorkenntnisse in dem Bereich mitbrächte, lachte sie übers ganze Gesicht. »Dann sind Sie vielleicht genau die Richtige für uns, Andrea. Ich denke, es wird Zeit, dass Sie Miranda kennen lernen. Darf ich Ihnen einen kleinen Rat geben? Sehen Sie ihr in die Augen, und verkaufen Sie sich gut. So etwas imponiert ihr.«

Wie aufs Stichwort rauschte die Umwerfende herein, um mich in Mirandas Büro zu geleiten, ein Weg von höchstens 30 Metern, auf dem mich die Blicke sämtlicher Mitarbeiter verfolgten. Eine Schönheit am Fotokopierer drehte sich um und musterte mich kritisch, genau wie ein hinreißender, aber offensichtlich schwuler Mann, der sich nur für mein Outfit interessierte. Einen Meter vor der Glastür, die ins Vorzimmer führte, riss mir Emily die Aktentasche aus der Hand und feuerte sie unter ihren Schreibtisch. Die Botschaft war klar: Mit dem Teil hast du keine Chance. Noch ein paar Schritte und ich stand in Mirandas Büro: einem weiten, offenen Raum mit riesigen Fenstern, durch die hell das Licht hereinflutete. Ansonsten nahm ich an jenem Tag von meiner Umgebung nicht mehr das Geringste wahr: Ich hatte nur noch Augen für sie.

Da ich Miranda Priestly noch nicht einmal von irgendwelchen Fotos kannte, war ich regelrecht geschockt darüber, wie mager sie war. Die Hand, die sie mir zur Begrüßung über ihren Schreibtisch hinstreckte, war zartgliedrig, feminin, weich. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um mir in die Augen sehen zu können, aber sie stand nicht auf. Ihr perfekt gefärbtes Blondhaar war zu einem eleganten Knoten nach hinten gerafft, locker genug, um leger zu wirken, doch gleichzeitig so straff, dass sich keine einzige Strähne lösen konnte. Obwohl sie nicht lächelte, machte sie auch keinen besonders Furcht erregenden Eindruck. Sie wirkte eher milde, eine relativ kleine Person, die fast hinter ihrem großen schwarzen Schreibtisch verschwand. Ich ließ mich nicht davon einschüchtern, dass sie mir keinen Platz anbot, sondern zog mir cool einen der unbequemen schwarzen Besucherstühle heran. Erst als ich saß, bemerkte ich es: Sie nahm mich ganz genau unter die Lupe und beobachtete aufmerksam meine unbeholfenen Versuche, mich möglichst souverän und distinguiert zu geben. In ihren Augen lag so etwas wie Belustigung. Sie mochte herablassend und schwierig sein, das ja, aber besonders fies oder gehässig kam sie mir nicht vor. Sie ergriff das Wort.

»Was führt Sie zu Runway, Aan-dreh-aa?«, näselte sie mit einem ausgeprägten englischen Oberschichtakzent, ohne mich auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

»Ich hatte ein Vorstellungsgespräch bei Sharon. Sie sagte mir, dass Sie eine persönliche Assistentin suchen«, antwortete ich mit nun doch etwas zittriger Stimme. Als sie nickte, fasste ich etwas mehr Selbstvertrauen. »Und nachdem ich nun auch mit Emily, Allison und Cheryl geredet habe, habe ich einen guten Einblick in die Aufgaben bekommen, die mich in dieser Funktion erwarten würden. Ich denke, ich wäre genau die Richtige für den Job«, fuhr ich dreist fort, Cheryls guten Rat immer im Hinterkopf. Miranda schien amüsiert, aber völlig unbeeindruckt.

Und jetzt passierte das Merkwürdige. Auf einmal wollte ich die Stelle unbedingt haben, so wie man sich manchmal etwas wünscht, was vollkommen unerreichbar zu sein scheint. Mich reizte die Herausforderung – ich wurde zur Hochstaplerin, wenn auch zu keiner besonders guten. Mir war vom ersten Augenblick an klar gewesen, dass ich nicht zu Runway gehörte. Dass meine Kleidung und meine Frisur nicht hierher passten, lag sowieso auf der Hand, doch was am meisten störte, war meine Einstellung. Ich hatte von Mode nicht die leiseste Ahnung. Mode war mir schnuppe, wurst, total egal. Genau darum musste ich den Job unter allen Umständen haben. Und würden nicht Millionen junger Frauen ihr Leben dafür geben?

Ich beantwortete Mirandas Fragen mit einer Offenheit und einem Selbstbewusstsein, die mich selbst überraschten. Alles ging so schnell, dass ich überhaupt keine Zeit hatte, kalte Füße zu kriegen. Außerdem machte sie keinen unangenehmen Eindruck, und ich hatte bisher nichts Nachteiliges über sie gehört – was nur mal wieder beweist, wie ahnungslos ich war. Das Gespräch geriet erst ein wenig ins Holpern, als wir zu meinen Fremdsprachenkenntnissen kamen. Nachdem ich ihr eröffnet hatte, dass ich Hebräisch konnte, hielt sie inne, presste die Handflächen auf den Tisch und sagte eisig: »Hebräisch? Ich hatte auf Französisch gehofft oder wenigstens eine andere, etwas nützlichere Sprache.« Fast hätte ich mich entschuldigt, konnte mich aber noch im letzten Moment bremsen.

»Leider spreche ich kein Wort Französisch, aber das dürfte in der Praxis kein Problem sein.«

Sie faltete die Hände. »Wie ich sehe, haben Sie am Brown College studiert.«

»Ja, Englisch im Hauptfach. Ich habe mich besonders auf das kreative Schreiben konzentriert. Die Schriftstellerei war schon immer mein Traum!« Wie kitschig! Fiel mir wirklich nichts Besseres ein als Traum?

»Sie wollen Schriftstellerin werden? Heißt das, dass Sie sich nicht für Mode interessieren?« Sie trank einen Schluck Wasser und stellte das Glas wieder hin. Offenbar hatte ich eines der seltenen Exemplare der Gattung Frau vor mir, die trinken konnten, ohne den Glasrand mit Lippenstift zu verschmieren. Dieses Wesen würde immer perfekt geschminkte Lippen haben, ganz egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.

»Aber im Gegenteil! Ich bin ein regelrechter Modenarr«, log ich aalglatt. »Es dürfte hochinteressant sein, noch mehr darüber zu lernen. Ich kann mir nämlich gut vorstellen, eines Tages Modeartikel zu verfassen.« Was zum Teufel redete ich da? Langsam hatte ich das Gefühl, richtiggehend neben mir zu stehen.

Nachdem ich diese Klippe umschifft hatte, plätscherte das Gespräch harmlos dahin, bis sie zum Schluss noch von mir wissen wollte, welche Zeitschriften ich regelmäßig las. »Abonniert habe ich nur den New Yorker und Newsweek. Aber daneben lese ich regelmäßig The Buzz. Manchmal auch Time, aber das ist mir ein bisschen zu trocken, und die U.S. News sind mir zu konservativ. Ansonsten gönne ich mir hin und wieder noch Chic, und da ich gerade längere Zeit im Ausland war, kenne ich natürlich sämtliche Reisemagazine und…«

»Und lesen Sie Runway, Aan-dreh-aa?«, fiel sie mir ins Wort. Sie beugte sich über den Schreibtisch und fixierte mich noch kritischer als zuvor.

Jetzt hatte sie mich im letzten Moment doch noch auf dem falschen Fuß erwischt. Ich war so verdattert, dass ich weder nach Erklärungen noch nach Ausflüchten suchte.

»Nein.«

Zehn Sekunden eisiges Schweigen, dann bedeutete sie Emily, mich hinauszubegleiten. Und erstaunlicherweise war ich mir völlig sicher: Den Job hatte ich in der Tasche.

3

»Meinst du wirklich, du kriegst den Job?«, fragte Alex leise. Ich hatte den schmerzenden Kopf in seinen Schoß gebettet, und er zupfte spielerisch an meinem Haar. Nach dem Vorstellungsgespräch war ich erst mal schnurstracks zu ihm nach Brooklyn gedüst. Ich hatte keine Lust, noch eine Nacht auf Lilys Couch zu verbringen, und wollte ihm gleich brühwarm alles über mein Abenteuer berichten. Hin und wieder hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, ganz bei ihm einzuziehen, wollte mich aber nicht wie eine Klette an ihn hängen. »Ich wüsste auch gar nicht, warum du ihn haben willst.« Doch nach ein paar Minuten Schweigen hatte er seine Meinung geändert. Nachdenklich fuhr er fort: »Andererseits, warum nicht? Es hört sich nach einer einmaligen Gelegenheit an. Schließlich hat diese Allison auch als Mirandas Assistentin angefangen, und jetzt ist sie Redakteurin. Was will man mehr? Lass dir diese Chance ja nicht entgehen.«

Alex gab sich wirklich die größte Mühe, sich für mich zu freuen, das merkte ich ihm an. Wir kannten uns schon so lange, dass mir jeder Unterton seiner Stimme, jeder Blick, jede Geste ungeheuer vertraut waren. Er hatte erst vor ein paar Wochen als Lehrer an einer Grundschule in der Bronx angefangen und war schon so ausgepowert, dass er kaum noch die Kraft für ein Gespräch aufbrachte. Es schockte ihn, wie abgebrüht und zynisch seine Schüler mit ihren neun Jahren schon waren. Er fand es entsetzlich, dass sie offen über alle möglichen Sexualpraktiken daherredeten, zehn verschiedene Slangausdrücke für Marihuana beherrschten und damit angaben, wer die tollsten Sachen geklaut oder wessen Vetter im härtesten Kittchen saß. »Knastkenner«, hatte Alex sie getauft. »Sie könnten ein Buch darüber schreiben, wie sich Sing Sing von Rikers unterscheidet. Aber lesen? Kein Wort.« Er quälte sich mit der Frage herum, wie er an sie herankommen und etwas bewirken konnte.

Ich schob die Hand unter sein T-Shirt und kraulte ihm den Rücken. Der arme Kerl sah so niedergeschlagen aus, dass ich Skrupel hatte, ihn mit den Einzelheiten des Vorstellungsgesprächs zu belästigen, aber mit irgendjemandem musste ich einfach darüber reden. »Ich weiß. Mit Redaktionsarbeit hätte der Job wirklich nicht das Geringste zu tun, aber nach ein paar Monaten darf ich bestimmt auch mal einen Artikel schreiben«, sagte ich. »Oder meinst du, dass ich meine Ideale verkaufe, wenn ich bei einer Modezeitschrift anfange?«

Er drückte meinen Arm. »Schatz, so toll, wie du schreiben kannst, würdest du überall deinen Weg machen. Natürlich wäre es kein Ausverkauf deiner Ideale. Sieh es als eine Art Lehre. Du meinst, du kannst dir mit dem einen Jahr bei Runway drei Jahre Herumgekrebse bei einer anderen Zeitschrift ersparen?«

Ich nickte. »Das haben Emily und Allison gesagt. Es wäre eine ganz simple Sache: Wie du mir, so ich dir. Man hält ein Jahr bei Miranda durch, ohne gefeuert zu werden, dann klemmt sie sich ans Telefon und besorgt einem den Job, den man wirklich will.«

»Dann musst du es machen. Im Ernst, Andy. Du ziehst das eine Jahr durch, und dann fängst du beim New Yorker an. Das hast du dir doch immer gewünscht. Und mit dem Job bei Runway kommst du um einiges schneller ans Ziel.«

»Ja, du hast Recht.«

»Außerdem müsstest du dann nach New York ziehen, ein sehr verlockender Gedanke.« Er gab mir einen langen Kuss. »Mach dir keine Gedanken. Du sagst doch selbst, du weißt nicht, ob du wirklich so versessen auf den Job bist. Am besten lässt du erst mal alles auf dich zukommen.«

Wir schmissen uns eine Pizza in den Ofen, knallten uns vor den Fernseher und schliefen irgendwann erschöpft ein. Mitten in einem Traum von fiesen Neunjährigen, die es wie die Karnickel auf dem Schulhof miteinander trieben und sich dabei einen hinter die Binde gossen, klingelte das Telefon.

Benommen tastete Alex nach dem Hörer. Ohne die Augen aufzumachen oder ein Wort zu sagen, reichte er ihn an mich weiter.

»Hallo?«, murmelte ich und warf einen Blick auf die Uhr. Viertel nach sieben. Wer konnte das denn sein, um diese Uhrzeit?

»Ich bin’s«, raunzte eine aufgebrachte Lily.

»Hi, ist was passiert?«

»Meinst du, ich würde dich anrufen, wenn nichts passiert wäre? Ich habe einen Mordskater. Die halbe Nacht habe ich über dem Klo gehangen, und als ich eben glücklich eingepennt war, holt mich irgendeine putzmuntere Tussi aus der Personalabteilung von Elias-Clark wieder aus dem Bett. Und warum? Weil sie dich sprechen will! Um viertel nach sieben! Ruf sie zurück, und sag ihr, sie soll meine Telefonnummer wegschmeißen.«

»Entschuldige, Lil. Ich habe ihr deine Nummer gegeben, weil ich doch noch kein Handy habe. Kaum zu glauben, dass sie um diese Uhrzeit anruft. Ob das wohl was Gutes oder was Schlechtes zu bedeuten hat?« Ich angelte mir das Telefon, schlich mich auf leisen Sohlen aus dem Schlafzimmer und zog leise die Tür hinter mir zu.

»Mir doch egal. Viel Glück. Sag mir Bescheid, wie’s gelaufen ist. Aber nicht in den nächsten paar Stunden, okay?«

»Na klar doch. Danke. Und sorry.«

Auf den Schock musste ich mir erst mal einen Kaffee machen. Es war Viertel nach sieben, und ich sollte ein Gespräch führen, das über meine Zukunft entscheiden würde. Mit meiner Tasse hockte ich mich auf die Couch. Es musste sein. Jetzt oder nie. Ich hatte keine andere Wahl.

»Hallo, hier spricht Andrea Sachs.« Hoffentlich hörte man mir nicht an, dass ich eben erst aus den Federn gekrochen war.

»Andrea, einen wunderschönen Guten Morgen! Ich hoffe, es ist nicht zu früh für Sie«, trällerte Sharon mit einer Stimme wie eitel Sonnenschein. »Zu früh? Was rede ich da? Daran werden Sie sich bald gewöhnen müssen. Ich habe nämlich eine gute Nachricht für Sie, eine fantastische Nachricht! Miranda war sehr beeindruckt von Ihnen und freut sich schon darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Ist das nicht herrlich? Meine herzlichsten Glückwünsche. Was ist das für ein Gefühl, Mirandas Priestlys neue Assistentin zu sein?«

Mir schwirrte der Kopf. Ich wollte mich von der Couch hochrappeln, um mir noch einen Kaffee zu holen oder ein Glas Wasser, ganz egal was. Hauptsache, ich konnte wieder klar denken. Aber ich versank nur noch tiefer in den Polstern. Wollte sie von mir wissen, ob ich den Job gern haben würde? Oder bot sie ihn mir offiziell an? Ich verstand überhaupt nichts mehr, bloß, dass ich Miranda Priestly gefallen hatte.

»Sie müssen begeistert sein. Wer wäre das nicht? Dann wollen wir doch mal sehen. Sie können am Montag anfangen? Miranda ist dann zwar im Urlaub, aber das wäre geradezu ideal, um sich in Ruhe einzuarbeiten und die anderen Girls richtig kennen zu lernen. Eine Supertruppe, das können Sie mir glauben!« Wie bitte? Kennen lernen? Montag anfangen? Supertruppe? Ich war so benebelt, dass ich kein Wort kapierte. Ich stürzte mich auf den einzigen Satz, den ich überhaupt begriffen hatte, und beantwortete ihn.

»Also, ich glaube nicht, dass ich schon am Montag anfangen kann«, sagte ich leise. Kaum hatte ich diese – hoffentlich halbwegs zusammenhängende – Antwort über die Lippen gebracht, war ich schlagartig hellwach. Gestern hatte ich das Elias-Clark-Building zum ersten Mal betreten, und nun holte mich jemand aus dem Tiefschlaf, um mir mitzuteilen, dass ich in drei Tagen zur Arbeit antreten sollte. Es war Freitag – sieben Uhr morgens! – und sie wollten, dass ich am Montag anfing? Wozu die aberwitzige Eile? War diese Frau so wichtig, dass sie auf mich nicht verzichten konnte? Und warum klang Sharon so, als ob sie sich aus Angst vor Miranda fast in ihre Designerhose machte?