Der Teufel von New York - Lyndsay Faye - E-Book

Der Teufel von New York E-Book

Lyndsay Faye

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Beschreibung

Im New York des Jahres 1845 läuft dem jungen Polizisten Timothy Wilde auf der Straße ein völlig verstörtes kleines Mädchen in die Arme. Es trägt ein blutdurchtränktes Nachthemd und will oder kann nicht sagen, wer es ist – und was ihm zugestoßen ist. Kurz darauf findet Timothy auf einem entlegenen Gelände 19 vergrabene Kinderleichen. Es ist ein heikler Fall für die gerade gegründete Polizei: In der Stadt kursieren die wildesten Gerüchte und die politische Situation ist zum Zerreißen angespannt.

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Lyndsay Faye

Der Teufel von New York

Roman

Deutsch vonMichaela Meßner

Deutscher Taschenbuch Verlag

Ein kleines Glossar befindet sich am Ende des Bandes.

Deutsche Erstausgabe 2014

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

© 2014 der deutschsprachigen Ausgabe:

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

eBook ISBN 978-3-423-42043-3 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-24993-5

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de/ebooks

Für meine Familie,

von der ich gelernt habe,

wenn mich etwas umwirft,

einfach aufzustehen und weiterzulaufen,

entweder geradeaus

oder in eine etwas andere Richtung.

Im Sommer 1845 wurde nach jahrelangen und erbitterten politischen Debatten in New York City endlich eine Polizei gegründet.

Die Kartoffel ist eine Nutzpflanze, die auch auf kargen Böden und kleinen Feldern einen Ertrag von beträchtlichem Nährwert liefern kann, und war seit langem das Haupterzeugnis irischer Ackerbauern. Im Frühling 1844 erschien in Gardener’s Chronicle and Agricultural Gazette ein alarmierender Bericht, ein Schädling »aus der Kategorie der Schimmelpilze« habe die Kartoffelernte vernichtet. Bislang gebe es, teilte der Chronicle seinen Lesern mit, keine eindeutige Ursache und kein Gegenmittel.

Diese beiden Ereignisse sollten New York für immer verändern.

Das Vermächtnis der Pilger

Diese mutigen Männer, diese sanften Frauen, sag, wozu sind sie gekommen?

Warum zerrissen sie die Bande zu ihren Lieben, ihrem Daheim?

Der Himmel ist’s, der ihnen die edle Mission auferlegt, zu befreien den menschlichen Geist.

Sie kommen nicht nur um ihretwillen – sie kommen um der ganzen Menschheit willen;

Und bringen dem Reich des Westens diesen glorreichen Segen: »Eine Kirche ohne Bischof – einen Staat ohne König.«

Ihr Prinzen und Prälaten, hofft nicht länger, sie eurer Herrschaft zu unterwerfen,

Das Feuer der Frömmigkeit brennt in ihrer Brust, die Freiheit weist ihnen den Weg,

Und ihr mutiges Herz sagt ihnen, besser wäre es, nicht zu leben,

Als unter dem Joch eines Despoten zu zittern, wo die Seele nicht frei sein kann.

Und über die winterlichen Wogen bringen uns diese Exilanten »Eine Kirche ohne Bischof – einen Staat ohne König«.

Choral, gesungen nach einer Predigt im Broadway

Tabernacle, New York City, 1843.

Prolog

Als ich an meinem Schreibtisch im Gefängnis The Tombs den ersten Bericht verfasste, begann ich so:

In der Nacht des 21. August 1845 entfloh eines der Kinder.

Wahrscheinlich hätten Sie nicht unbedingt angenommen, dass von all dem elenden Ungemach, mit dem ich als Polizist von New York City tagtäglich zu kämpfen habe, Schreibarbeit für mich das Widerwärtigste überhaupt ist. Doch so ist es. Schon beim bloßen Gedanken daran schaudert es mich.

Ein Polizeibericht sollte sich so lesen: »X tötete Y unter Zuhilfenahme von Z.« Aber Fakten ohne Motive, ohne die dahinter liegende Geschichte, gleichen Wegweisern, auf denen alle Buchstaben unleserlich geworden sind. Sie sind so bedeutungslos wie leere Grabsteine. Und ein Leben auf ein paar elementare statistische Fakten zu reduzieren, das ertrage ich nicht. Bei Polizeiberichten bekomme ich ein dumpfes Gefühl im Kopf wie nach einer Nacht mit schlechtem Neuengland-Rum. Der nüchterne Gleichmarsch der Fakten lässt keinen Raum für die Erklärung, warum Menschen solch bestialische Dinge tun – ob aus Liebe oder aus Hass, um sich zu verteidigen oder aus Habgier. Oder für Gott, wie in diesem besonderen Fall, wenngleich ich nicht glaube, dass Gott davon sehr angetan war.

Falls Er überhaupt mit angesehen hat, was geschehen ist. Ich habe es mit angesehen, und ich war überhaupt nicht angetan.

Nehmen wir ein Beispiel. Sehen Sie sich an, was dabei herauskommt, wenn ich ein Ereignis aus meiner Kindheit so schildere, wie es für einen Polizeibericht verlangt wird:

Im Oktober 1826 brach in dem kleinen Dorf Greenwich Village

in einem Pferdestall unmittelbar neben dem Haus, das von

Timothy Wilde, seinem älteren Bruder Valentine Wilde und

seinen Eltern Henry und Sarah bewohnt wurde, ein Feuer aus;

obgleich es sich anfangs nur um einen kleinen Brand gehandelt

hatte, kamen beide Eltern ums Leben, als das Feuer nach einer

Petroleumexplosion auf das Haupthaus übergriff.

Timothy Wilde bin ich, und ich würde einfach mal behaupten, dass Ihnen das alles nichts sagt, rein gar nichts. Nix. Mein Leben lang habe ich Kohlezeichnungen angefertigt, um meine Finger zu beschäftigen und das Gefühl loszuwerden, ein strammes Seil schnüre mir die Brust zusammen. Ein einziges Blatt Einwickelpapier, auf dem das geschwärzte Gerippe eines ausgeweideten Häuschens zu sehen ist, würde Ihnen mehr über mich erzählen als dieser Satz.

Doch nun, da ich das Sternabzeichen eines Polizisten trage, bekomme ich allmählich immer mehr Übung im Dokumentieren von Verbrechen. Und die Kriege, die hier um Gott geführt werden, fordern so unendlich viele Opfer. Freilich war es vor langer Zeit wohl so, dass, wer sich Katholik nannte, schon einen Stiefelabdruck auf dem Nacken eines Protestanten hinterlassen hatte, allerdings sollte nach den vielen Jahrhunderten, die seither vergangen sind, der weite, weite Ozean diese Feindseligkeiten inzwischen eigentlich unter seinen Wassermassen begraben haben. Und doch, jetzt sitze ich hier und schreibe einen Bericht über ein Blutbad. All diese Kinder, und nicht nur sie – auch die erwachsenen Iren und Amerikaner und all die anderen, die das Pech hatten, zwischen die Fronten zu geraten: Ich hoffe bloß, ich kann mit meinem Bericht dazu beitragen, dass man sie im Gedächtnis bewahrt. Habe ich erst einmal genug Seiten mit Tinte bedeckt, wird das laute Kratzen der vielen Einzelheiten in meinem Kopf ein wenig nachlassen, das ist meine Hoffnung. Ich hatte geglaubt, der trockene, holzige Duft des Oktober, die listige Art, mit der die Windböen jetzt in meine Ärmel fahren, würden die Alpträume des Monats August allmählich verblassen lassen.

Ich irrte mich. Aber ich irrte mich in noch viel schlimmeren Dingen.

Lesen Sie hier, wie alles begann. Jetzt, da ich das Mädchen besser kenne, kann ich als Mensch schreiben, und nicht als Träger des Kupfersterns.

In der Nacht des 21. August 1845 entfloh eines der Kinder.

Das kleine Mädchen war zehn Jahre alt, wog zweiundsechzig Pfund und trug ein zartes weißes Nachthemd mit einer schlichten Spitzenborte am Saum des breiten, mit feinen Stichen genähten Kragens. Ihre dunklen, rotbraunen Locken waren auf dem Kopf zu einem losen Dutt zusammengesteckt. Der Windzug, der durch den offenen Fensterflügel hereinwehte, fühlte sich heiß an, dort, wo ihr das Nachtgewand von der Schulter gerutscht war. Sie stand mit nackten Füßen auf dem Hartholzboden und fragte sich plötzlich, ob vielleicht jemand einen Spion in die Wand ihres Schlafzimmers gebohrt hatte. Bislang hatte noch keiner der Jungen und keines der Mädchen einen gefunden, aber das waren so die Dinge, die die tun würden. Und in jener Nacht fühlte sich jeder Luftzug an, als hauche einem jemand seinen Atem auf die Haut, es verlangsamte alle Bewegungen zu träge stockenden Anläufen.

Sie entkam durch ihr Zimmerfenster, indem sie drei gestohlene Damenstrümpfe zusammenknotete und an der untersten Verstrebung des Eisengitters festmachte. Sie stellte sich hin und hielt das Nachthemd von ihrem Körper ab. Es war klatschnass, und von dem Stoff, der ihr am Leib klebte, bekam sie eine Gänsehaut. Sie umklammerte die Strümpfe, sprang blindlings aus dem Fenster, hinein in die geblähte, pulsierende Augustluft, und rutschte das behelfsmäßige Seil hinunter, bis sie auf einem leeren Bierfass landete.

Das Mädchen lief aus der Greene Street in die Prince Street, ehe sie zum wilden Strom des Broadway kam. Da sie nur ein Nachthemd trug, war ihr die Dunkelheit willkommen, sie war wie eine Rettungsleine. Um zehn Uhr nachts wirkt alles auf dem Broadway verschwommen. Sie kämpfte sich durch einen reißenden Strom aus Moiréseide. Lässige Herren in doppelreihigen schwarzen Samtwesten drängten in Etablissements, die vom Boden bis zur Decke mit Spiegeln ausgekleidet waren. Hafenarbeiter, Politiker, Kaufleute, eine Gruppe von Zeitungsjungen mit erloschenen Zigarren zwischen den rosigen Lippen. Tausende wachsamer Augenpaare überall. Tausend Möglichkeiten, erwischt zu werden. Und die Sonne war untergegangen, so dass jede Straßenecke von gefallenen Schwestern heimgesucht wurde. Huren mit kalkweiß gepudertem Busen, entsetzlich bleich unter ihrem Rouge, standen zu fünfen oder sechsen zusammen, in Trauben, die sich durch das gemeinsame Bordell ergaben oder durch die Tatsache, dass die einen Diamanten trugen, während die anderen sich nur vergilbte, gesprungene Strassimitate leisten konnten.

Das kleine Mädchen konnte sogar bei den wohlhabendsten und gesündesten Frauen sofort erkennen, ob sie Straßenläuferinnen waren, konnte auf Anhieb die Damen von den Dirnen unterscheiden.

Sobald sie zwischen den Karren und Kutschen eine Lücke erspähte, kam sie wie ein Nachtfalter aus dem Schatten geflattert. Sie wünschte sich ganz fest, sie wäre unsichtbar, und huschte über die breite Durchgangsstraße Richtung Osten. Ihre nackten Füße flogen über den glitschigen, teerartigen Dreck auf dem Kopfsteinpflaster, dann stolperte sie fast über einen halb abgenagten Maiskolben.

Ihr Herz tat in jäher Panik einen Sprung. Sie würde hinfallen – man würde sie sehen und alles wäre vorbei.

Hatten sie das andere Kind langsam oder schnell getötet?

Aber sie fiel nicht hin. Die Kutschenlichter, die sich in vielen Fensterscheiben spiegelten, hatte sie hinter sich gelassen, und sie rannte weiter. Nur ein Kleinmädchenkeuchen und ein leiser Schreckensschrei markierten ihren Weg.

Niemand folgte ihr. Aber das konnte man wirklich keinem zur Last legen, nicht in einer so großen Stadt. Es war nur die Fühllosigkeit von vierhunderttausend Menschen, verschmolzen zu einem einzigen schwarzblauen Meer aus Gleichgültigkeit. Und genau dazu sind wir Träger des Kupfersterns da, denke ich – wir sind die wenigen, die stehenbleiben und genau hinschauen.

Später erzählte sie, alles sei ihr vorgekommen wie schlecht gemalte Bilder – krude und zweidimensional, die Backsteinbauten an den Rändern wie Wasserfarben zerfließend. Ich kenne diesen Zustand selbst, es ist, als sei man gar nicht da. Sie erinnerte sich noch an eine Ratte, die an einem Stück Ochsenschwanz nagte, das auf dem Pflaster lag – dann an nichts mehr. Sterne im Sommernachtshimmel. Das leise Rattern des Omnibusses von New York nach Harlem, der auf stählernen Schienen vorbeirollte, die Flanken der beiden erhitzten Pferde, nass glänzend im Gaslicht. Ein Passagier mit einem Zylinderhut, der ausdruckslos auf den eben zurückgelegten Weg starrte, seine Uhr baumelte an ihrer Kette von seinen Fingerspitzen. Die offene Tür zu einem Tischlerladen, der voller Sägespäne war und aus dem sich halbfertige Möbel und entbeinte Stühle auf die Straße ergossen, so durcheinander wie die Gedanken eines kleinen Mädchens.

Dann wieder eine Weile klebrige Stille, während der sie nichts mehr sah. Voll Widerwillen zupfte sie noch einmal den langsam immer steifer werdenden Stoff von ihrer Haut.

Das Mädchen bog scharf in die Walker Street ein und lief an einer Gruppe von Dandys mit Monokeln und frischgedrehten, glänzenden Seifenlocken vorbei, sie waren gestärkt und voller Kraft nach einem Besuch der Marmorbäder von Stoppani. Doch sie dachten herzlich wenig über die Kleine nach, denn sie rannte ja wie der Blitz zum Sechsten Bezirk, dieser Kloake, es war also anzunehmen, dass sie auch dort wohnte.

Sie sah irisch aus. Sie war irisch. Welcher Mann, der noch ganz bei Trost war, würde sich über ein kleines irisches Mädchen Gedanken machen, das nach Hause lief?

Also, ich schon.

Ich verschwende deutlich mehr Gedanken an herumvagabundierende Kinder als der Durchschnitts-New-Yorker. Mit dem Problem habe ich einfach auch mehr zu tun. Erstens bin ich selbst ein solches Kind gewesen, oder jedenfalls fast. Zweitens ist es die Aufgabe eines Polizisten, der den Kupferstern trägt, magere Kindchen mit schmutzigen Gesichtern einzufangen, wann immer er ihrer habhaft werden kann. Er hat sie wie Vieh zusammenzutreiben, dann in ein verriegeltes Fuhrwerk zu sperren, das über den Broadway zum House of Refuge, der Fürsorgeanstalt, rumpelt. Allerdings werden Straßenkinder in unserer Gesellschaft geringer geachtet als Jersey-Kühe, und Zusammentreiben ist bei Nutztieren auch einfacher als bei streunenden Kindern. Wenn sie von Polizisten in die Enge getrieben werden, starren Kinder einen mit etwas an, das zu hitzig ist, als dass man es Bösartigkeit nennen könnte, mit etwas, das hilflos ist, aber stolz ... mit etwas, das ich wiedererkenne. Daher werde ich so etwas niemals tun, unter gar keinen Umständen. Auch nicht, wenn es mich meine Arbeit kosten sollte. Oder mein Leben. Oder das Leben meines Bruders.

Aber in der Nacht des 21. August dachte ich überhaupt gar nicht über streunende Kinder nach. Ich überquerte gerade die Elizabeth Street, mit einer Körperhaltung so zackig wie ein Sandsack. Eine halbe Stunde zuvor hatte ich meinen Kupferstern voller Ekel abgerissen und gegen die Wand geworfen. Inzwischen lag er jedoch in meiner Tasche, zusammen mit meinem Haustürschlüssel, und stach mir schmerzhaft in die Finger, und ich verfluchte in einem tröstlichen stummen Stoßgebet den Namen meines Bruders. Es ist für mich viel, viel erträglicher, wütend zu sein, als mich verloren zu fühlen.

Hundsverfluchter Valentine Wilde, sagte ich immer wieder, Gott verdamme jeden schlauen Gedanken in seinem verfluchten Schädel.

Dann rannte das Mädchen in mich hinein, es hatte mich übersehen, ziellos wie ein vom Wind gejagtes Stück Papier.

Ich packte sie bei den Armen. Ihre trockenen, umherirrenden Augen leuchteten blassgrau, sogar in dem rauchgeschwärzten Mondlicht, wie Splitter vom Flügel eines Wasserspeiers, den es vom Kirchturm geweht hat. Sie hatte ein unvergessliches Gesicht, eckig wie ein Bilderrahmen, mit ernsten, aufgeworfenen Lippen und einer perfekten Stupsnase. Auf der Schulter hatte sie einen Spritzer blasser Sommersprossen, und sie war nicht sehr groß für ein zehnjähriges Mädchen, doch sie bewegte sich so geschmeidig, dass sie in meiner Erinnerung größer wirkte, als sie wirklich war.

Aber das Einzige, was mir ganz deutlich auffiel, als sie mir gegen die Beine rannte, während ich in jener Nacht vor meinem Haus stand, das war, dass sie über und über mit Blut besudelt war.

1

Bis zum ersten Juni waren siebentausend Emigranten angekommen ... und die Regierungsvertreter hatten Meldung erhalten, dass 55 000 weitere, fast alle davon Iren, noch für diese Saison eine Schiffspassage gebucht hatten. Die Zahl der Iren, die nach Kanada und in die Staaten kommen werden, wird von manchen auf 100 000 geschätzt. Das restliche Europa wird wahrscheinlich noch 75 000 weitere Emigranten in die Staaten schicken.

New York Herald, Sommer 1845.

Polizist im Sechsten Bezirk von New York City zu werden, war eine unliebsame Überraschung für mich.

Das war nicht der Beruf, den ich mir für mein siebenundzwanzigstes Lebensjahr erträumt hatte. Allerdings würde ich drauf wetten, dass meine Kollegen dasselbe sagen würden, denn vor drei Monaten gab es diesen Beruf noch überhaupt nicht. Wir sind eine frisch aus dem Boden gestampfte Truppe. Vielleicht erzähle ich besser zuerst einmal, wie es dazu kam, dass ich vor drei Monaten, im Sommer 1845, eine Beschäftigung brauchte, obwohl es mir ziemlich schwerfällt, darüber zu sprechen. Denn wenn ich meine schlimmsten Erinnerungen auflisten müsste, würde diese hier wohl ganz oben stehen. Aber ich werde mein Bestes versuchen.

Am 18. Juli arbeitete ich, wie jeden Tag seit meinem siebzehnten Lebensjahr, an der Bar in »Nick’s Austernkeller«. Der kantige Lichtstrahl, der oben an der Treppe durch die Türöffnung fiel, lötete den Schmutz im Plankenboden fest. Ich mag den Juli, ich mag es, wie er sein besonderes Blau über die Welt ergießt, damals zum Beispiel, als ich mit zwölf auf einer Staten-Island-Fähre arbeitete, den Kopf hoch, den Mund voll mit einer frischen salzigen Meeresbrise. Aber 1845 war ein schlechter Sommer. Die Luft war hefig und feucht wie in einem Brotbackofen um elf Uhr morgens und hinterließ einen unangenehmen Geschmack am Gaumen. Ich versuchte, den auf der Stadt lastenden Geruch von Fieberschweiß und den Gestank des verendeten Karrengauls, den man halb in die Gasse um die Ecke gezerrt hatte, zu ignorieren, zumal es mir so vorkam, als werde das Tier allmählich immer toter. Angeblich soll es Müllmänner geben in New York, doch das ist nur so eine Legende. Meine Ausgabe des Herald lag aufgeschlagen da, ich hatte sie wie jeden Morgen bereits von hinten nach vorne durchgelesen. In selbstzufriedenem Ton war darin vermerkt, das Thermometer stünde auf fast siebenunddreißig Grad Celsius und traurigerweise seien noch ein paar Arbeiter an Herzschlag gestorben. Das alles machte zusehends die gute Meinung zunichte, die ich immer vom Juli gehabt hatte. Doch ich konnte es mir nicht leisten, mir die Laune vergällen zu lassen. Nicht an jenem Tag.

Mercy Underhill, da war ich mir sicher, würde in Kürze meiner Bar einen Besuch abstatten. Sie war jetzt seit vier Tagen nicht mehr hier gewesen, das war, gemäß unseren unausgesprochenen Gewohnheiten, ein Rekord, und ich musste mit ihr reden. Oder es zumindest versuchen. Ich hatte vor kurzem beschlossen, mich von der Tatsache, dass ich sie glühend verehrte, nicht abhalten zu lassen.

Das Nick’s war ganz in der für Lokale dieser Art üblichen Weise eingerichtet, und gerade dass es so vollkommen typisch war, gefiel mir sehr. Es gab einen langen Tresen, breit genug für die Servierplatten aus Zinn für die Austern und die Dutzende von Gläsern für Bier, Whiskey oder Gin. Es war immer recht dunkel, denn das Lokal lag im Souterrain. Aber an Tagen wie diesem schien vormittags die Sonne so wunderschön herein, dass wir vorerst auf die Öllampen mit den gelben Lampenschirmen verzichten konnten, die auf dem Putz freundliche Rauchzeichen nach oben schickten. Es gab kaum Möbel, nur eine Reihe von Sitznischen mit nackten Holzbänken an den Wänden, mit Vorhängen, falls das gewünscht wurde, auch wenn die nie jemand zuzog. Das Nick’s war kein Ort für Geheimnisse. Es war ein Forum für die wilden jungen Spekulanten, ein Ort, an dem sie sich nach einem Zwölf-Stunden-Tag an der Aktienbörse durch den ganzen Raum Witze zubrüllen konnten, während ich ihnen zuhörte.

Ich stand am Tresen und zapfte eine Gallone Whiskey für einen rothaarigen Bengel, den ich nicht kannte. Am Ufer des East River wimmelte es nur so von rachitischen ausländischen Gestalten, die sich im neuen Land durchzuschlagen versuchten, und das Nick’s lag in der New Street, ganz nah am Wasser. Der Junge wartete mit zur Seite gelegtem Kopf, die kleinen Krallen auf der Zedernholzplatte des Tresens. Er wirkte wie ein Spatz. Zu groß für einen Achtjährigen, zu ängstlich für einen Zehnjährigen. Hohlknochig, der glasige Blick ständig auf der Suche nach kostenlosen Abfällen.

»Ist das für deine Eltern?« Ich wischte mir die Finger an der Schürze ab und verkorkte den irdenen Krug.

»Für Dad.« Er zuckte die Achseln.

»Macht achtundzwanzig Cent.«

Eine Hand verschwand in der Hosentasche und brachte ein wildes Sammelsurium verschiedener Währungen zum Vorschein.

»Zwei Shilling sind genug, ich nehm mir die zwei da und heiße dich willkommen. Mein Name ist Timothy Wilde. Ich betrüge nicht beim Zapfen und versetze meine Ware nicht mit Wasser.«

»Dankeschön«, sagte er und griff nach dem Krug. Da fiel mir auf, dass er Sirupflecken unten an den Ärmeln seines zerlumpten Hemdes hatte, wahrscheinlich weil das letzte Melassefass, aus dem er sich bedient hatte, zu hoch für ihn gewesen war. Mein jüngster Kunde war also ein Zuckerdieb. Interessant.

Das ist wohl typisch für Leute, die eine Schankwirtschaft führen: Mir fallen ziemlich viele Dinge an den Menschen auf. Was wär ich auch für ein lausiger City-Barkeeper, wenn ich nicht eine irische Hafenratte aus Sligo mit einer Karriere im Melasseschmuggel vom Sohn eines ansässigen Stadtrats unterscheiden könnte, wenn sie beide vor mir stehen und einen Krug Alkohol verlangen. Barmänner werden bedeutend besser bezahlt, wenn sie pfiffig sind, und ich sparte alles Geld, das ich in die Finger bekam. Für etwas, das so grundlegend war, dass das Wörtchen wichtig nicht ausreichte.

»Wenn ich du wär, ich tät den Beruf wechseln.«

Die schwarzglänzenden Spatzenaugen verengten sich zu Schlitzen.

»Den Melasseverkauf meine ich«, erklärte ich ihm. »Wenn die Ware nicht dir gehört, nehmen die Leute das übel.« Ein Ellbogen zuckte, mit jeder Sekunde wurde er flattriger. »Du hast eine Schöpfkelle, nehme ich mal an, und stibitzt was aus dem Fass, wenn der Verkäufer nach Wechselgeld sucht. Ich sag dir was, lass das mit dem Sirup sein und rede mit den Zeitungsjungen. Die machen auch einen guten Schnitt und müssen nicht fürchten, verprügelt zu werden, sobald die Verkäufer erst mal ihre kleinen Ganovengesichter kennen.«

Der Junge rannte wild nickend davon, den schwitzenden Krug unter den Arm geklemmt. Ich stand da und kam mir recht weise vor, und gutnachbarlich dazu.

»Völlig sinnlos, diesen Kreaturen gute Ratschläge zu geben«, tönte Hopstill vom anderen Ende der Bar herüber, wo er vor seinem morgendlichen Glas Gin saß. »Der wär besser auf dem Weg über den großen Teich ersoffen.«

Hopstill ist in London geboren und kein großer Republikaner. Er hat ein schlaffes Pferdegesicht und leicht gelbliche Wangen. Das liegt an dem Schwefel in den Feuerwerkskörpern. Er arbeitete als Pyrotechniker, eingeschlossen in einer Dachkammer, wo er sich für die Aufführungen in Niblo’s Gardens hübsche Explosionen ausdachte. Für Kinder hat Hopstill nichts übrig. Ich dagegen mag sie gern leiden, da ich Ehrlichkeit sehr schätze. Hopstill hat auch für Iren nichts übrig. Da ist er allerdings keine Ausnahme. Ich finde es nicht sonderlich fair, den Iren vorzuwerfen, dass sie bereitwillig die niedrigste, schmutzigste Arbeit verrichten, wo doch die niedrigste, schmutzigste Arbeit das Einzige ist, was man ihnen anbietet, aber Fairness steht ja auch nicht an oberster Stelle bei dem, worauf es in unserer Stadt ankommt. Und auch die niedrigste, schmutzigste Arbeit ist heutzutage ganz schön schwer zu kriegen, denn das meiste davon haben sich schon die irischen Vorgänger unter den Nagel gerissen.

»Dann lies mal den Herald«, sagte ich und gab mir Mühe, mich nicht zu ärgern. »Vierzigtausend Emigranten seit letztem Januar, und die sollen deiner Meinung nach ruhig alle Langfinger werden? Es gebietet einfach die Vernunft, dass man ihnen einen guten Rat gibt. Ich würde selbst auch lieber arbeiten als klauen, aber lieber klauen als verhungern.«

»Eine sinnlose Übung«, spottete Hopstill und fuhr sich mit der Hand durch die Büschel aus grauem Stroh, die sein Haar darstellen sollten. »Lies du lieber selbst den Herald. Dieses faulige Stück Inselmorast namens Irland steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Und jetzt hör ich aus London, ihre Kartoffeln haben die Kartoffelfäule. Hast du davon gehört? Die verfaulen einfach, verderben wie bei der Plage im Alten Ägypten. Nicht, dass das jemand wundern tät. Du wirst’s nicht erleben, dass ich was Freundliches über ein Volk sage, das so gründlich den Zorn Gottes auf sich herabgerufen hat.«

Ich blinzelte. Aber ich war schon oft schockiert gewesen über die klugen Meinungen, die meine Bargäste über Mitglieder der katholischen Kirche zum Besten gaben, deren einzige atmende Exemplare, die sie überhaupt je zu Gesicht bekommen hatten, die irische Variante war. Gäste, die sonst – allem Anschein nach – vollkommen vernünftig waren. Das Erste, was Priester mit den Nonnen machen, ist, Unzucht mit ihnen treiben, und wer sein Werk besonders gründlich verrichtet, steigt schneller auf, so sieht das System aus – sie können sogar erst dann ordiniert werden, wenn sie ihre erste Vergewaltigung begangen haben. Herrgott, Tim, ich dachte, du wüsstest, dass der Papst sich vom Fleisch abgetriebener Kinder ernährt; das ist doch nun wirklich sattsam bekannt. Allein schon der Gedanke, einem Iren ein freies Zimmer zu vermieten! Nie und nimmer, sag ich, wo sie doch bei ihren Ritualen lauter Teufel heraufbeschwören. Und wo wir doch unseren kleinen Jem im Haus haben! Das Papsttum wird von vielen als eine kranke Abart des Christentums angesehen, in der der Antichrist herrscht, und wenn sie sich ausbreitet, wird sie die Wiederkunft des Herrn so gründlich zunichtemachen, als zertrete man eine Ameise. Ich mache mir nicht die Mühe, auf diesen hanebüchenen Unsinn zu antworten, und zwar aus zwei Gründen: Diese Dummköpfe hätscheln ihre Überzeugungen wie Neugeborene, außerdem bekomme ich allein schon von dem Thema Kopfschmerzen. Ich werde sie sowieso nicht bekehren können. Derlei Gefühle hegen die Amerikaner gegenüber den Ausländern schon seit den Einwanderungsgesetzen von 1798.

Hopstill deutete mein Schweigen fälschlich als Zustimmung. Er nickte und nippte weiter an seinem Gin. »Diese Bettler werden alles stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist, sobald sie hier angekommen sind. Wir können uns unsere Ratschläge wirklich sparen.«

Dass sie kommen würden, war keine Frage. Auf meinem Nachhauseweg vom Nick’s ging ich ziemlich oft an den Docks hinter der South Street vorbei, und da liegen die großen Schiffe mit Massen von Passagieren, die umherwuseln wie die Flöhe. So geht das schon seit Jahren, selbst während der großen Bankenpanik von 1837, als ich Männer habe verhungern sehen. Jetzt gibt es ja wieder Arbeit, es müssen Bahngeleise verlegt und Lagerhäuser gebaut werden. Aber ob sie die Emigranten nun bedauern oder in Schmähreden fordern, man möge sie ertränken, in einem sind sich alle Bürger einig: dass es heillos viele von ihnen gibt. Die meisten sind Iren und diese wiederum sämtlich katholisch. Und in noch einer Hinsicht sind sich fast alle einig: dass wir weder die Mittel noch den Wunsch haben, sie alle durchzufüttern. Sollte es noch schlimmer kommen, werden die Stadtväter gezwungen sein, das Geldsäckel zu öffnen und ein Begrüßungssystem einzuführen – etwas, womit man die Ausländer davon abhalten kann, sich in den Gassen am Hafen herumzutreiben und die Taschendiebe um Brotkrumen anzubetteln, bis sie selbst gelernt haben, wie man eine Geldbörse stibitzt. In der letzten Woche ging ich an einem Schiff vorbei, das gerade siebzig oder achtzig skelettartige Gestalten von der grünen Insel ausgespuckt hatte, und sie alle starrten mit glasigen Augen auf unsere Metropole, als wäre sie ein Ding der Unmöglichkeit.

»Das ist aber nicht sehr barmherzig, Hops«, sagte ich.

»Barmherzigkeit hat damit gar nichts zu tun.« Er blickte finster drein und stellte sein Glas mit einem spröden Knall auf den Tresen. »Oder sagen wir’s mal so: Diese besondere Stadt hat mit Barmherzigkeit nichts im Sinn, wenn Barmherzigkeit so offensichtlich Zeitverschwendung ist. Ich könnte leichter ein Schwein Mores lehren als einen Iren. Und ich nehme einen Teller Austern.«

Ich schrie Julius, dem jungen Schwarzen, den ich zum Austernschrubben und Schalenknacken angestellt hatte, eine Bestellung über ein Dutzend Austern mit Pfeffer zu. Hopstill ist eine große Bedrohung für heitere Gedanken. Mir lag schon eine Bemerkung dazu auf der Zungenspitze. Doch just in dem Moment wurde in den Lichtspeer, der die Treppe hinunterzielte, eine schwarze Bresche geschlagen, und Mercy Underhill betrat meine Arbeitsstätte.

»Guten Morgen Mr. Hopstill«, rief sie in ihrem reizenden Singsang. »Und Mr. Wilde.«

Wäre Mercy Underhill noch etwas vollkommener, es würde einen langen Arbeitstag kosten, sich in sie zu verlieben. Doch sie hat gerade so viele Fehler, wie nötig sind, um es einem lächerlich einfach zu machen. Ihr Kinn ist gespalten wie ein aufgeschnittener Pfirsich, um nur ein Beispiel zu nennen, und ihre blauen Augen stehen ziemlich weit auseinander, was ihr einen leicht verwirrten Blick verleiht, wenn sie sich mit einem unterhält. Doch in ihrem Kopf existiert nicht ein einziger verwirrter Gedanke, noch so eine Besonderheit, die mancher Mann als Fehler ansehen würde. Mercy ist ausgesprochen belesen, blass wie ein Federkiel, wurde von Reverend Thomas Underhill mit gelehrten Abhandlungen großgezogen, und sollte einem Mann auffallen, wie schön sie ist, wird er es teuflisch schwer haben bei dem Versuch, sie mit Schmeichelworten zu bewegen, doch bitte einmal ihren Blick von den letzten Druckerzeugnissen von Harper Brothers Publishing zu lösen.

Gleichwohl, wir geben unser Bestes.

»Ich hätte gern zwei Pints ... zwei? Ja, das dürfte reichen. Vom Neuengland-Rum, bitteschön, Mr. Wilde«, sagte sie. »Worüber haben Sie gerade gesprochen?«

Sie hatte kein Gefäß dabei, trug nur ihren offenen Weidenkorb mit Mehl und Kräutern darin, aus dem wie üblich die hastig niedergeschriebenen Entwürfe ihrer halbvollendeten Gedichte hervorlugten, also nahm ich einen geriffelten Glaskrug vom Regal. »Hopstill hat gerade bewiesen, dass New York im Großen und Ganzen so viel Barmherzigkeit besitzt wie ein Sargverkäufer in einer von der Pest heimgesuchten Stadt.«

»Rum«, lautete Hopstills säuerlicher Kommentar. »Ich hätte weder Sie noch den Reverend für Rumtrinker gehalten.«

Mercy strich sich eine Locke ihres schwarzen, seidig glänzenden und ständig ausbüchsenden Haares zurück und überdachte diese Bemerkung. Ihre Unterlippe ruht genau hinter ihrer Oberlippe, und wenn sie über etwas nachdenkt, saugt sie die untere ein. Genau das tat sie jetzt.

»Wussten Sie, Mr. Wilde«, fragte sie, »dass Elixir proprietatis die einzige Medizin ist, die sofortige Erleichterung verschafft, wenn jemand an Durchfall leidet? Dazu zerstoße ich Safran mit Myrrhe und Aloe und lasse dann das Gebräu, vermischt mit Neuengland-Rum, vierzehn Tage lang in der heißen Sonne stehen.«

Mercy reichte mir einige Zehn-Cent-Stücke. Es war immer beruhigend, all diese kleinen Metallscheiben klimpern zu hören. Während der Panik von 1837 waren Münzen vollkommen verschwunden gewesen, ersetzt durch Essensgutscheine für Restaurants und Kaffeetickets. Ein Mann konnte zehn Stunden lang Granit klopfen, und dann wurde er in Milch und in Muscheln von Jamaica Beach bezahlt.

»Das wird dich lehren, einer Underhill unverschämte Fragen zu stellen, Hops«, lautete mein Kommentar über die Schulter.

»Hat Mr. Hopstill denn eine Frage gestellt, Mr. Wilde?«, fragte Mercy nachdenklich.

So macht sie das, und jedes Mal verschlägt es mir dabei die Sprache. Zwei Wimpernschläge, ein Blick wie ein verirrtes Lamm, eine ganz beiläufige Bemerkung, und schwupps, schon bist du an den Zehen aufgehängt. Hopstill schnaubte finster, als er begriff, dass ihm sauber die Füße weggezogen worden waren. Und das von einer jungen Frau, die letzten Juni zweiundzwanzig geworden war. Ich weiß nicht, wo sie solche Sachen herhat.

»Ich trag Ihnen das bis zu Ihrer Ecke«, erbot ich mich und kam mit Mercys Rum hinter dem Tresen hervor.

Dabei dachte ich die ganze Zeit: Wirst du es wirklich tun? Ich war nun schon seit über zehn Jahren mit Mercy befreundet. Und genau so könnte es doch auch bleiben. Du trägst ihre Einkäufe für sie, betrachtest die Locken in ihrem Nacken und findest heraus, was sie liest, damit du es auch lesen kannst.

»Was, Sie wollen Ihre Bar verlassen?«, fragte sie mit einem Lächeln.

»Mich hat die Abenteuerlust gepackt.«

Es war warm in der New Street, der Glanz schimmernder Kastorhüte über einem Meer von marineblauen Gehröcken tat fast in den Augen weh. Die Straße bestand nur aus zwei Häuserblöcken und endete im Norden an der Wall Street, lauter gewaltige Steinfassaden mit Markisen davor, welche die Fußgänger vor der sengenden Sonnenglut schützten. Reiner Kommerz. Von jedem Vordach hing ein Schild, und an jeder Wand klebte ein Plakat: BUNTE HALSTÜCHER, ZEHN STÜCK FÜR EINEN DOLLAR. WHITTING’S HANDSEIFE, DER SICHERE SCHUTZ VOR RINGELFLECHTE. Die dichtbevölkerten Straßen auf unserer Insel waren ausnahmslos alle mit grellbunten Plakaten tapeziert, und unter der frisch aufgeklebten Werbung waren noch Reste der alten Schlagzeilen vom letzten Jahr sichtbar. Ich erkannte das feixende Gesicht meines Bruders Val, auf einen Holzschnitt übertragen, gedruckt und an eine Tür geheftet, und musste eine Grimasse unterdrücken, als ich las: VALENTINE WILDE UNTERSTÜTZT DIE GRÜNDUNG DER NEUEN POLIZEITRUPPE VON NEW YORK CITY.

Ach nein. In dem Fall würde ich ganz gewiss dagegen sein. Zwar war das Verbrechen auf dem Vormarsch, man musste stets darauf gefasst sein, bestohlen zu werden, Überfälle waren an der Tagesordnung, Morde blieben oft ungeklärt. Doch wenn Val die heftig umstrittene neue Polizei befürwortete, würde ich mich lieber der Anarchie anvertrauen. Bis zum Vorjahr hatten wir, abgesehen von einer jüngst gegründeten Gruppe glückloser Männer, die sich Harper’s Police nannten und blaue Mäntel trugen, um weithin sichtbar anzuzeigen, dass hier jemand nur darauf wartete, von jedem x-beliebigen Kerl mit Mumm in den Knochen zusammengeschlagen zu werden, keine Ordnungshüter in dieser Stadt. Sicher, es gab Nachtwächter in New York. Klapprige, traurige Gestalten, die dringend ein paar Kröten brauchten, den ganzen Tag schufteten und dann nachts im Wächterhäuschen stehend schliefen und vom großen Volk der Gesetzlosen scharf bewacht wurden. Wir hatten über vierhunderttausend Seelen, die sich in den Straßen herumtrieben, wenn man die bunten Haufen von Besuchern aus der ganzen Welt dazurechnete. Und weniger als fünfhundert nächtliche Ordnungshüter, die in vertikalen Särgen vor sich hin schnarchten, während ihre Träume wie Bowlingkugeln in ihren Lederhelmen herumsprangen. Und was die Gesetzeshüter bei Tag angeht, fragen Sie besser nicht. Es waren ganze neun an der Zahl.

Doch wenn mein Bruder Valentine etwas unterstützt, dann ist dieses Etwas höchstwahrscheinlich keine gute Idee.

»Ich dachte, Sie könnten einen grandigen Kerl gebrauchen, der Ihnen auf dem Weg durch die Menschenmenge Geleit gibt«, sagte ich zu Mercy. Halb im Scherz. Ich bin kräftig, und schnell bin ich auch, aber ein Bantamgewicht. Einen Zoll größer als Mercy, wenn’s hoch kommt. Doch Napoleon hat auch nie gedacht, seine Körpergröße könnte ihn vom Rheinland abhalten, und ich verliere Kämpfe etwa so oft wie er.

»Ach ja? Nun, das war dann aber sehr freundlich.«

Sie war nicht wirklich überrascht; das konnte ich an ihren Augen ablesen, die blau waren wie die Eier der Wanderdrossel, daher beschloss ich, auf der Hut zu sein. Mercy ist sehr schwer zu durchschauen. Aber ich komme gut zurecht in dieser Stadt, und mit Mercy Underhill auch. Ich wurde in einer trostlosen Hütte in Greenwich Village geboren, bevor New York von dort aus auch nur sichtbar war, und ich kenne Mercys Eigenheiten nun schon, seit sie neun Jahre alt war.

»Heute Morgen muss ich dauernd über etwas nachdenken.« Sie machte eine Pause, ihre weit auseinanderstehenden Augen glitten in meine Richtung und wieder davon. »Aber vielleicht ist es dumm. Sie werden mich auslachen.«

»Wenn Sie mich bitten, es nicht zu tun, halt ich mich dran.«

»Ich frage mich, warum Sie mich nie beim Namen nennen, Mr. Wilde.«

Im Sommer ist der Wind in New York nie erfrischend. Aber als wir in die Wall Street einbogen und eine Bank nach der anderen, eine griechische Säule nach der anderen an uns vorüberzog, wurde die Luft frischer. Oder vielleicht scheint es mir auch nur nachträglich so, aber plötzlich war alles nur noch Staub und heißer Stein. Sauber wie Pergament. Dieser Duft war Gold wert.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte ich.

»Oh. Ja. Tut mir leid – ich wollte nicht in Rätseln sprechen.«

Mercys Unterlippe schlüpfte nur ein wenig unter die obere, nur ein kleines, warmes, feuchtes Stückchen weit, und in dem Moment meinte ich, ich könnte sie schmecken.

»Sie hätten eben auch sagen können: ›Ich weiß gar nicht, was Sie meinen, Miss Underhill.‹ Dann würden wir hier nicht länger darüber sprechen.«

»Und was glauben Sie, woran das liegt?«

In diesem Moment entdeckte ich ein zerklüftetes Loch im Straßenpflaster. Mit einem schnellen Schwenk lotste ich Mercy daran vorbei, was ihrem blassgrünen Sommerkleid ein Rauschen entlockte. Aber vielleicht hatte sie das kleine Schlagloch auch selbst gesehen, denn sie war nicht überrascht. Sie drehte nicht einmal den Kopf. Wenn man Mercy die Straße hinunterbegleitete, dann schenkte sie einem, je nachdem, wie ihre Laune war, nicht unbedingt viel Aufmerksamkeit. Und ich bin nicht gerade ein Sonntagsereignis, um es mal so zu sagen. Ich bin nie eine besondere Gelegenheit gewesen. Ich bin all die anderen Wochentage, von denen gehen viele vorbei, ohne dass man Notiz von ihnen nimmt. Aber daran konnte ich etwas ändern, zumindest hoffte ich das.

»Soll ich daraus schließen, dass Sie sich gern über meinen Namen unterhalten würden, Mr. Wilde?«, fragte sie mich und sah aus, als müsse sie sich ein Lachen verkneifen.

Jetzt hatte ich sie erwischt. Niemand durfte ihre Fragen mit Gegenfragen beantworten, ganz so, wie sie niemals zugab, dass sie überhaupt Fragen beantwortete. Das war ein weiterer von Mercys Fehlern, die mich so in Bann schlugen. Sie ist die Tochter eines Reverend, das ist gewiss, aber sie spricht so durchtrieben wie ein loses Weibsstück, wenn man nur schlau genug ist, das zu bemerken.

»Wissen Sie, was ich gern tun würde?«, fragte ich und wandte den Trick gleich noch mal an. »Ich habe ein bisschen Geld beiseite gelegt, vierhundert in bar. Nicht wie diese Dummköpfe, die ihren ersten ersparten Dollar hernehmen und auf den Preis von China-Tee wetten. Ich möchte etwas Land kaufen, vielleicht auf Staten Island, und eine Flussfähre betreiben. Dampfschiffe sind teuer, aber ich kann mir Zeit lassen und eins für einen guten Preis suchen.«

Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich seit zwei Jahren ein Waisenkind war, dürr, blass, zwölf Jahre alt. Es gelang mir damals, durch pure Hartnäckigkeit eine Anstellung bei einem ungeschlachten, aber freundlichen walisischen Fährmann zu erbetteln, und zwar in der magersten Zeit, die Valentine und ich je durchzustehen hatten, in der wir uns einmal eine Woche lang nur von mehligen Äpfeln ernährten. Vielleicht wurde ich als Schiffsjunge eingestellt, weil der Mann genau das vermutet hatte. Ich erinnere mich, wie ich am Bug stand, an der Reling, die ich gerade poliert hatte, bis meine Finger wund waren, und den Kopf zurückwarf, als mitten im immer noch gleißenden Sonnenschein ein Gewittersturm losbrach. Fünf Minuten lang tanzten Gischt und Regen im grellen Licht, und fünf Minuten lang machte ich mir keine Gedanken darüber, ob es meinem Bruder auf Manhattan Island schon gelungen war, sich umzubringen. Ich fühlte mich wundervoll. Wie ausgelöscht.

Mercy umfasste meinen Arm ein wenig fester. »Was hat Ihre Anekdote mit meiner Frage zu tun?«

Sei ein Mann und spring ins kalte Wasser, dachte ich.

»Vielleicht will ich Sie ja gar nicht Miss Underhill nennen«, antwortete ich ihr. »Vielleicht würde ich Sie gern Mercy nennen. Wie möchten Sie denn am liebsten genannt werden?«

*

In jener Nacht in Nick’s Austernkeller war ich ein Talisman, ein strahlender Glücksbringer. All die bleichen Falschspieler, alle, die süchtig waren nach Glücksspielen, Champagner, Morphium und was weiß ich was noch, all die Sonderlinge, die am Börsenmarkt herumgeisterten und mit feuchtem Händedruck in den Hinterzimmern der Kaffeehäuser ihre Handel abschlossen, sie alle glaubten, mich habe das Schicksal geküsst, und wollten auch etwas davon abhaben. Ein Drink, serviert von Timothy Wilde, war so viel wert, wie wenn einer der Astors einem auf die Schulter klopfte.

»Noch drei Flaschen Schampus«, schrie ein schmächtiges Kerlchen namens Inman. Er bekam kaum Luft, so hart bedrängt war er von schwarz umhüllten Ellenbogen auf allen Seiten. Ich fragte mich manchmal, warum die Finanziers sich, kaum hatten sie den Handelssaal der Börse verlassen, gleich in den nächsten überfüllten Raum stürzen mussten, in dem man vor Hitze schier umkam.

»Trink ein Glas auf meine Rechnung, Tim, der Baumwollkurs steht im siebten Himmel, das ist besser als eine Pfeife Opium!«

Die Leute erzählen mir alle möglichen Sachen. Das haben sie schon immer getan. Die Informationen rinnen aus ihnen heraus wie getrocknete Bohnen aus einem aufgeschlitzten Sack. Jetzt, da ich in einem Austernkeller arbeitete, war es noch schlimmer geworden. Das war ungeheuer nützlich, aber manchmal auch anstrengend – als wäre ich zur einen Hälfte Barmann, zur anderen ein mitternächtliches Loch, das man auf die Schnelle ausgehoben hatte, um Geheimnisse darin zu versenken. Wenn Mercy das doch nur auch täte, was für ein Wunder wäre das.

Als abends um neun die Sonne unterging, lief mir der ehrliche Arbeitsschweiß in Strömen den Rücken hinunter. Männer, die aus anderen Gründen schwitzten, bestellten Drinks und Austern, als habe man die Welt aus ihrer Achse geworfen. Offensichtlich will der Mensch nichts anderes als feiern bis zum Umfallen, bevor wir alle die letzte Talfahrt antreten müssen. Ich schuftete für zehn, jonglierte mit den Bestellungen, gab freundschaftliche Sticheleien zurück und zählte den Münzregen.

»Was gibt’s für gute Neuigkeiten, Timothy?«

»Wir haben genug kalten Sekt, um eine Arche flott zu kriegen«, schrie ich Hopstill zu, der soeben wieder aufgetaucht war. Hinter mir erschien Julius mit einem Kübel frischem Eis.

»Die nächste Runde geht aufs Haus.«

Für mich sah die Sache folgendermaßen aus: Mercy Underhill hatte keiner meiner Bemerkungen widersprochen. Weder mit einem Nein noch mit einem »Da liegen Sie aber falsch« oder einem »Lassen Sie mich in Ruhe«. Stattdessen hatte sie eine ganze Menge völlig zusammenhangloser Dinge gesagt, bevor ich sie an der Ecke Pine und William Street allein ließ, in einer Brise von Osten, wo aus den Kaffeehäusern der köstliche Duft von frisch geröstetem Kaffee in die schwere Luft hinaufstieg.

»Ich kann es ja verstehen, dass Sie meinen Familiennamen nicht mögen, Mr. Wilde. Ich habe bei diesem Namen immer das Gefühl, schon im Grab zu liegen«, sagte sie zum Beispiel. Und dann noch: »Ihre eigenen Eltern, Gott hab sie selig, besaßen die Großherzigkeit, Ihnen den Nachnamen eines Lordkanzlers von Großbritannien zu hinterlassen. Ich würde zu gern in London leben. Wie kühl es diesen Sommer dort sein muss; es gibt da echten Rasen in den Park und alles ist vom Regen leuchtend grün. So jedenfalls hat es mir meine Mutter immer erzählt, wenn sie die New Yorker Sommer allzu unerträglich fand.«

Das war Mercys üblicher Katechismus, ganz gleich zu welcher Jahreszeit – ein kleines Gebet für ihre verstorbene Mutter Olivia Underhill, gebürtig aus London, eine sonderbare und großzügige Frau, phantasievoll und schön und auf wunderbare Weise genau wie ihr einziges Kind.

»Gerade bin ich mit dem zwanzigsten Kapitel meines Romans fertig geworden. Finden Sie nicht auch, dass das unglaublich viele sind? Hätten Sie je gedacht, dass ich so weit komme? Werden Sie mir Ihre ehrliche Meinung sagen, sobald ich ihn fertig geschrieben habe?«, hatte Mercy noch hinzugesetzt.

Falls sie glaubte, mir damit den Mut nehmen zu können, würde sie sich etwas Besseres einfallen lassen müssen.

Ich war zwar kein Gelehrter und auch kein Geistlicher, aber Reverend Thomas Underhill mochte mich gern. Barmänner sind Pfeiler der Gemeinschaft, sie bewegen sich mitten im Zentrum des großen, sich unaufhörlich drehenden Rades von New York, und ich hatte vierhundert Dollar blankes Silber im Stroh meiner Matratze versteckt. Mercy Underhill, das war meine Meinung, sollte besser Mercy Wilde heißen – dann würde ich mir für den Rest meines Lebens nie mehr sicher sein, welche Wendungen irgendein Gespräch nahm.

»Gib mir fünfzig Dollar, Tim, und in vierzehn Tagen bist du ein reicher Mann!«, kreischte Inman aus der brodelnden Menge. »Der Telegraph von Sam Morse macht einen König aus dir!«

»Geh zum Teufel und behalt dein Hexengeld«, schrie ich fröhlich zurück und schnappte mir einen Lappen. »Und du, Julius, spekulierst du an der Börse?«

»Da würde ich mein Geld eher verbrennen«, antwortete Julius, ohne mich anzusehen, und seine breiten Finger zogen mit einer geschickten Drehung die Korken aus den nassen Sektflaschen, die wie im Spalier vor ihm aufgereiht standen. Er ist ein besonnener Bursche, flink und ruhig, hat duftende Teeblätter ins Haar geflochten. »Mit Feuer kann ein Mann wenigstens seine Suppe heißmachen. Glauben Sie etwa, die wüssten, dass sie für die Bankenpanik verantwortlich sind? Glauben Sie, die würden sich noch daran erinnern?«

Ich hörte Julius schon nicht mehr zu. Stattdessen grübelte ich über die letzte Bemerkung nach, die Mercy mir gegenüber gemacht hatte.

Sie müssen nicht meinen, Sie hätten meine Gefühle verletzt. Schließlich bin ich mit meinem Namen nicht verheiratet.

Ich glaube, ich hatte sie noch nie einen Satz äußern hören, der sich unmittelbar auf das bezog, was ich gerade gesagt hatte. Zumindest war das der erste dieser Art, seit sie etwa fünfzehn Jahre alt war. Für mich war das ein aufregender, zauberhafter Augenblick. Denn ich machte die Entdeckung, dass es, wenn Mercy etwas fast schon Normales sagt, genauso schön ist, wie wenn ihre Sätze kreiseln wie ein flammendroter Drachen im Wind.

Als Julius um vier Uhr morgens den Wischmopp in die Ecke stellte, gab ich ihm noch zwei Dollar extra. Er nickte. Mit nur noch schwach glimmenden Lebensgeistern gingen wir auf die Stufen zu, die zu der langsam erwachenden Stadt hinaufführten.

»Hast du dich je gefragt, wie das wohl ist, wenn man nachts schläft?«, fragte ich, als ich die Kellertür hinter uns zusperrte.

»Mich werden Sie nach Einbruch der Dunkelheit nicht in einem Bett erwischen. Da kann der Teufel lange suchen«, antwortete Julius und lachte über seinen eigenen Scherz.

Wir traten genau in dem Augenblick auf die Straße hinaus, als die Dämmerung ihre gierigen Finger über den Horizont lodern ließ. Zumindest dachte ich das, als ich mir den Hut auf den Kopf setzte. Julius war schneller von Begriff.

»Feuer!«, rief er mit seiner dunklen, weichen Stimme und formte die Hände zu einem Trichter um die scharf gezeichneten Lippen. »Feuer in der New Street!«

Einen Moment lang stand ich einfach wie erstarrt im Dunkeln, mit diesem scharlachroten Streifen über mir, so nutzlos wie einer, der kaputte Gaslampen inspiziert, im Bauch das elende Gefühl, das ich immer bekomme, wenn ich das Wort Feuer höre.

2

Die Explosion war bis Flushing zu hören, jeder dachte an ein Erdbeben. Asche fiel auf Staten Island, und am Vormittag war mehrere Kilometer weit die Sonne über New Jersey vom Rauch verdunkelt.

New York Herald, Juli 1845.

Man hätte meinen können, im zweiten Obergeschoss des Hauses gegenüber wäre eine bernsteinfarbene Sonne gefangen. Wütende gelbe Zungen leckten gierig über die vorderen Fenster, denn das Feuer hatte bereits von dem ganzen riesigen Raum Besitz ergriffen, der als Lager gedient haben dürfte. Feuersbrünste sind in dieser Gegend fast schon so normal wie Krawalle, und ebenso verheerend, doch diese hier wütete direkt vor unseren Augen, und noch hatte niemand Alarm geschlagen. Was auch immer die Ursache gewesen war, es musste schrecklich schnell gegangen sein – eine vergessene Lampe neben einem Stapel Baumwolle, ein glimmender Zigarrenstummel in einem Kohleneimer. Irgendein kleiner, dummer, tödlicher Fehler genügte. Das Lagerhaus war riesig und nahm einen Großteil des Häuserblocks gegenüber von Nick’s Austernkeller ein, und mein Herz krampfte sich ein zweites Mal zusammen, denn der Schein war so hell, dass die Flammen wohl durch das ganze Stockwerk gehen mussten und gewiss schon auf die Mauer des angrenzenden Gebäudes übergriffen.

Im nächsten Augenblick rannten Julius und ich den Flammen entgegen. Gibt es in New York ein noch unentdecktes Feuer, so rennt man hin, statt davor zu flüchten, und versucht zu helfen, bis die freiwillige Feuerwehr vor Ort erscheint. Manchmal kommen Menschen in den Flammen um, weil keiner die aus dem Fenster gestreckte Hand ergreift. Ich warf einen kurzen Blick nach hinten, in der Hoffnung, die Feueralarmglocke zu hören, obwohl ich ihren Klang verabscheute.

»Wieso hat das noch niemand gesehen?«, stieß ich keuchend hervor.

»Das ist nicht normal.« Julius blieb stehen, schrie noch einmal laut »Feuer!« und rannte dann hinter mir her.

Unter dem aschegrauen Himmel kamen jetzt die Nachbarn allmählich auf der Straße zusammen. Ehrfürchtig und mit dem seltsam sensationslüsternen Schauder des Stadtbewohners starrten sie auf das breite Flammenband im Obergeschoss. Hinter uns zerriss endlich die nächstgelegene Feueralarmglocke die Luft mit ihrem schrillen Klang, der die Feuerwehrmänner im Ersten Bezirk zu Hilfe rief. Wenige Augenblicke später schallte die Antwort von der Kuppel des Rathauses hinterm Park zu uns herüber.

»Warte«, sagte ich und packte Julius bei der Schulter.

Die restlichen Fenster des Lagerhauses entzündeten sich wie eine Reihe von Streichhölzern – aus sämtlichen Stockwerken sprühten Funken, das Feuer zerfraß die Innereien des riesigen Gebäudes, als sei es aus Papier. Das Glas zerbarst mit heftigen Pistolenschüssen, was mich zunächst höchst verblüffte.

Dann verstand ich, warum, und das war noch viel schlimmer.

»Das ist das Lager von Max Hendrickson«, flüsterte ich.

Julius riss seine braunen Augen weit auf.

»Jesus, steh uns bei«, sagte er, »wenn das Feuer seine Fässer mit dem Walfischtran erwischt ...«

Roter Flanellstoff blitzte vor uns auf, als ein Feuerwehrmann – die Hosenträger herunterhängend, den eigentümlichen Lederhelm tief ins Gesicht gezogen – um die Ecke des Exchange Place gerannt kam. Wild entschlossen, den nächsten Feuerhydranten für seine eigene Kompanie zu ergattern, dachte ich mit leiser Verachtung. Und damit auch allen Ruhm.

Und in diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass meine Zukunft jetzt alles andere als gesichert war.

»Schnell, gehen Sie Ihre Wertsachen holen«, befahl Julius, bevor ich etwas sagen konnte. »Und beten Sie, dass Sie in einer Stunde überhaupt noch ein Haus haben.«

Ich wohnte in der Stone Street, zwei Straßen hinter der südlichen Ecke der New Street, und ich rannte davon, weg von dem Lagerhaus, das dem Untergang geweiht war, nur noch Mercy, meine Wohnung und die vierhundert Silberdollar im Sinn. Und wenn ich dabei draufginge, ich würde mir mein Geld holen. Ich raste an Schaufenstern vorbei, an denen ich schon tausendmal vorbeigelaufen war, mit sorgsam getischlerten Stühlen und in Leder gebundenen Büchern und Stoff ballen, die in den abgedunkelten Auslagen kaum zu erkennen waren, meine Stiefel flogen über abgetretenes Straßenpflaster, ich rannte, als seien mir die Häscher der Hölle auf den Fersen.

Das war mein erster Fehler. Die Hölle lag nämlich in Wirklichkeit vor mir, über einen Häuserblock vom Feuer in der New Street entfernt.

In dem Moment, als ich in die Broad Street einbog, ließ eine gewaltige Explosion die Nr. 38 in einer Wolke aus Stein zerbersten, und Granitgeschosse von der Größe erwachsener Männer flogen über mich hinweg. Bis ich schlitternd zum Stehen kam, hatte das Haus schon einen ganzen Steinbruch in die gegenüberliegenden Gebäude geschleudert.

Zuerst dachte ich, Heiliger Strohsack, da hat jemand in unserer Mitte eine Bombe gezündet. Doch dann erinnerte ich mich, während es die riesige Lagerhalle vor meinen Augen in Stücke riss, in irgendeinem Winkel meines vom Höllenfeuer ganz benommenen Hirns, dass die Broad Street Nr. 38 gegenwärtig als Salpeterlager diente. Dort lagerten ganze Schiffsladungen Schießpulver, die dem berühmten Händler-Duo Crocker und Warren gehörten. Was für New York wahrhaftig eine Schande war. Ein Donnerschlag brachte fast mein Trommelfell zum Platzen, und ich dachte: Was für ein Pech. Da muss ein Fenster offen gestanden haben, denn offensichtlich war glühende Asche von dem Ölfeuer in der New Street mit dem Wind über die Durchgangsstraße getragen und in einen Raum mit Schießpulverfässern geweht worden. Mitten im Getöse hingen luftige Aschespiralen vollkommen reglos über den Pflastersteinen. Es war nicht sehr schlau von mir, in dem Moment auch noch über Dinge wie Pech oder Glück nachzusinnen, doch explodierende Salpeterlager hatten offenbar eine verlangsamende Wirkung auf mein Denkvermögen.

Viel zu spät drehte ich mich um und rannte los. Ich war gerade zwei Schritt weit gekommen, als ich eine Frau an mir vorbeifliegen sah, mit offenem Mund, das Gesicht versteinert vor Überraschung, das Haar in einem Bogen nach hinten strömend. Ein Schuh war ihr vom Fuß gerissen, und der Fuß selbst hatte einen Blutfleck auf dem Rist. Auf einmal sah ich alles verzerrt und merkte plötzlich, dass auch ich durch die Luft flog. Dann hörte ich – nein, fühlte ich, denn die Welt war still –, dass die Erde in zwei Stücke riss, so leicht, als sei sie ein alter, morscher Baumwolllappen.

Als ich die Augen wieder aufschlug, stand der Planet auf dem Kopf. Und explodierte noch immer.

Mein Kopf war gegen eine Tür gelehnt, die zwar noch im Rahmen hing, aber Türen sollen eigentlich nicht horizontal stehen. Ich fragte mich, warum das bei dieser hier so war. Und warum sich überall um mich herum riesige Steine türmten.

Eine winzige Flamme, nicht größer als die eines Streichholzes, züngelte an dem roten Kalbslederschuh der Frau hinauf, sechs Zoll von meiner Hand entfernt. Dieses winzige Flämmchen brachte mich fürchterlich in Rage – es kam so süffisant und verschlagen daher. Ich wollte den Schuh retten, ihn der fliegenden Frau zurückgeben, aber seltsamerweise konnte ich meine Arme nicht mehr bewegen. Der Zeigefinger meiner rechten Hand zuckte wie ein niedergeknüppeltes kleines Tier. Durch einen Spalt sah ich den Himmel und fragte mich, wie es so schnell Tag werden konnte.

»Tim! Timothy!«

Diese Stimme kannte ich. Ich spürte einen Anflug von Ärger und zugleich, vom Schock verursacht, eine blanke, dumme Angst. Er hatte also nicht so viel Morphium intus, dass er nicht mehr hätte stehen können. Natürlich nicht, das wäre ja auch viel zu einfach gewesen. Stattdessen stürmte er mitten ins Zentrum der Katastrophe, während Steinsplitter und Schwefel auf ihn niederregneten. Das sah ihm ähnlich.

»Timothy, sag mir, wo du bist! Um Himmels willen, Tim, so antworte mir doch!«

Aber meine Zunge klebte mir stur am Gaumen. Ich wollte nicht, dass diese Stimme mich auf dem Boden liegen sah, in der Pose einer chinesischen Tänzerin, unfähig, auch nur einen Schuh anzuheben. Außerdem wollte ich diese Stimme nicht in der Nähe einer Lagerhalle hören, die sich aufführte, als sei sie die größte Kanone der Welt. Doch alles, was mir durch den Kopf ging, war ein wattiges Nein.

Etwas Klebriges und Metallisches rann über meine Wange.

Licht. Viel zu viel Licht.

Ich wurde von einer flackernden, gelben Feuersbrunst geblendet, so groß wie im Kamin Gottes, als jemand begann, die Steine wegzuzerren. Nur der obere Teil meines Körpers lag unter ihnen begraben. Meine Beine waren an der Luft, und bald schon auch mein Gesicht, nachdem eine bärenartige, wenngleich sauber rasierte Gestalt ein schweres eisernes Fenstergitter fortgeschleudert hatte.

»Herrgott, Tim. Julius Carpenter hat dir gerade die Haut gerettet, als er mir geplaudert hat, wohin du gegangen bist. In dieser Straße atmet keiner mehr.«

Ich kniff die Augen zusammen. Vor mir stand mein sechs Jahre älterer Bruder, ein rußgeschwärzter Schrank von einem Mann, mit einer frei am Gürtel schwingenden Axt, das Gesicht verdunkelt im Schatten des Infernos dahinter. Der Zorn in meiner Brust weichte auf, wich plötzlicher Erleichterung. Als er mich bei den Armen packte und hochzog, unterdrückte ich mit Mühe einen Schrei, und wie durch ein Wunder konnte ich mich, als ich erst einmal stand, tatsächlich auf den Füßen halten. Er legte meinen Arm über seine rotbekleidete Schulter und lief los, so schnell ich mit ihm Schritt halten konnte. Über die Straße, durch die ich gekommen war, stolperten wir durch den Schutt, als sei es der knöcheltiefe Sand an einem Strand.

»Da ist eine Frau, Val«, krächzte ich. »Sie ist ganz in meiner Nähe zu Boden gegangen. Wir müssen ...«

»Langsam, langsam«, knurrte Valentine. Ich hätte ihn wegen des durchdringenden Schrillens der Alarmglocke nie gehört, wäre sein Gesicht nicht nur zwei Zoll von meinem Ohr entfernt gewesen. »Du bist noch ganz schön schikker, hm? Warte, bis wir hier raus sind.«

»Sie ...«

»Ich hab ein Stück von ihr gesehen, Timothy. Die wird man mit einer Schaufel ins Bett bringen müssen. Halte mal einen Moment den Mund.«

An viel mehr erinnere ich mich nicht, bis Valentine mich schließlich in der New Street vor einer Backsteinmauer unter einem Gaslicht absetzte. Was noch vor kurzem eine frühmorgendlich verlassene Ladenstraße gewesen war, hatte sich in ein umgekipptes Hornissennest verwandelt. Mittlerweile waren schon mindestens drei verschiedene Löschfahrzeuge der freiwilligen Feuerwehr angekommen, und die Anspannung war all den Männern in den roten Hemden deutlich anzumerken. Nicht einer brüllte herum, sie stritten sich nicht um die Hydranten und streiften sich auch nicht ihre Schlagringe über. Jedes Mal, wenn ein Feuerwehrmann einem anderen ins Auge blickte, stand in seinem Gesicht nur eines zu lesen: Was jetzt? Und jetzt? Die Hälfte von ihnen suchte meinen Bruder in der Menge, dann blieben ihre Augen an ihm haften. Wilde. Wilde fürchtet sich vor nichts. Wilde weiß, was zu tun ist. Wilde stürzt sich in jedes Inferno, als wär’s ein Rosengarten. In Ordnung, Wilde. Was jetzt? Ich hätte sie am liebsten alle zum Schweigen gebracht, ihnen die Hand auf den Mund gepresst, damit sie aufhörten, nach ihm zu rufen.

Was soll er denn eurer Ansicht nach tun gegen eine Stadt, die in die Luft fliegt?

»Hast ja ganz schön Kuffen bestiebt, mein Junge. Verzieh dich zum nächsten Pillendreher«, befahl Valentine. »Ich würde dich ja ins Spital bringen, aber das ist zu weit, meine Männer brauchen mich. Der ganze Mokem wird in Flammen aufgehen, wenn wir ...«

»Ja, geh schon«, antwortete ich verbittert, vom Husten geschüttelt. Wenn ich ihm dieses eine Mal zustimmte, würde er ja vielleicht aus purem Widerspruchsgeist Vernunft annehmen. Nichts bringt mich mehr in Rage als die Besessenheit meines Bruders für offenes Feuer. »Ich muss nur erst bei mir zu Hause vorbei, dann werde ich ...«

»Machst du Scherze?«, blaffte mein Bruder mich an. »Geh zu ’nem Knochenbrecher. Du bist schlimmer gefezzt, als du denkst, Tim.«

»Wilde! Hilf uns mal, das Feuer greift weiter um sich!«

Mein Bruder wurde verschluckt von einer Horde von Rothemden, die einander Befehle zuschrien und Wasserfontänen aus ihren Schläuchen in die trägen Rauchlöckchen spritzten. Als ich mich mit einem heftigen Ruck von Val abwandte, erblickte ich die feiste Gestalt von Richter George Washington Matsell, der eine Schar wimmernder Weibsen fort von den brennenden Wohnungen und hin zu den Treppen des Gerichtsgebäudes trieb. Matsell ist nicht einfach nur irgendein Politiker. Für die alteingesessenen New Yorker ist er fast so etwas wie eine Legende, eine weithin sichtbare Gestalt, nicht zuletzt, weil er nahezu so viel Gewicht auf die Waage bringt wie ein Bison. Einer zuverlässigen bürgerlichen Autorität wie Richter Matsell zu folgen, schien eine geeignete Strategie, sich in Sicherheit zu bringen.

Doch entweder weil ich zu wütend war oder weil ich eins auf den Kopf bekommen hatte, jedenfalls torkelte ich stattdessen in die Richtung meines Zuhauses. Die Welt, wie ich sie gekannt hatte, war verrückt geworden. Was Wunder, dass ich es auch war.

Ich lief Richtung Süden durch einen Schneesturm, dessen Flocken die Farbe von Blei hatten, und fühlte mich haltlos, als triebe ich ins Leere. In der Mitte des Bowling Green gibt es einen Brunnen, einen fröhlichen, sprudelnden Springbrunnen, eine Schale aus Stein, über deren Rand das Wasser in die Tiefe strömt. Auch an diesem Abend plätscherte der Brunnen, aber kein Mensch konnte es hören, denn aus den umstehenden Gebäuden kamen die Flammen wie Wasserfälle aus den Fenstern geschossen. Rotes Feuer rauschte wütend nach oben, während glasig rot gefärbtes Wasser hinunterfloss, und ich taumelte an den Bäumen vorbei, die Arme um den Bauch geschlungen, und fragte mich, warum mein Gesicht sich anfühlte, als hätte ich den Kopf gerade in das salzige Wasser vor Coney Island getaucht und hielte ihn nun in eiskalten Märzwind.

Als ich die Stone Street erreichte, sah ich ein Schlachtfeld vor mir, in dem das Feuer gründlich gewütet hatte, mein eigenes Haus zerfiel gerade zu Staub und wurde von den Aufwinden davongetragen. Bei diesem Anblick zerriss es mich schier. Unter meinen Füßen floss ein Rinnsal, das aus den Feuerwehrschläuchen austrat und in dem schon bald Hühnerknochen und zertrampelte Salatblätter herumschwammen, und vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie mein geschmolzenes Silber in die Ritzen der Pflastersteine gespült wurde. Das Ersparte von zehn Jahren war jetzt ein Quecksilberfluss, malte Spiegel an meine Stiefelsohlen.

»Nichts als Stühle«, schluchzte eine Frau. »Wir hatten doch einen Tisch, und er hätte ja auch das Leinen mitnehmen können. Nichts als Stühle, nichts als Stühle, nichts als Stühle.«

Ich öffnete die Augen. Ich war gelaufen, das wusste ich, aber meine Augen mussten geschlossen gewesen sein. Ich befand mich an der äußersten Inselspitze, inmitten der Battery Gardens. Nur dass sie mit dem, was ich gekannt hatte, nichts mehr gemein hatten.

Die Battery ist eine Promenade für alle, die Zeit für Erholungsspaziergänge haben. Auch wenn sie noch so sehr mit Zigarrenstummeln und Erdnussschalen übersät ist, der Wind, der vom Ozean heranweht, vertreibt einem sofort die Sorgen aus den Knochen, und die Platanen können den Blick auf den Wald von New Jersey am anderen Ufer des Hudson nicht versperren. Es ist ein großartiger Ort, und am Nachmittag stützen sich die Einheimischen wie die Touristen auf die Eisengeländer und blicken, jeder für sich allein, gemeinsam übers Wasser.

Doch jetzt war die Battery ein Möbellager geworden. Die Frau, die über ihre Stühle wehklagte, besaß ganze vier davon, während zu meiner Linken ein kleiner Hügel aus Baumwollballen aus dem Feuer gerettet worden war. Teekisten stapelten sich zu einem schwindelerregend hohen Turmbau zu Babel neben einem riesigen Haufen Besenstiele. Die Luft, die noch vor einer halben Stunde faulig nach Sommer gestunken hatte, roch jetzt nach dem Aschestaub brennenden Waltrans.

»Oh du lieber Gott!«, sagte eine Frau, die mindestens fünfzig Pfund Zucker in einem ordentlich gestempelten Sack schleppte, und starrte mir entsetzt ins Gesicht. »Sie sollten zum Arzt gehen, Sir.«

Ich hörte sie kaum. Ich war ins Gras gesunken, zu den Schaukelstühlen und den Mehlsäcken. In meinem Kopf drehte sich nur ein Gedanke – der einzige, mit dem sich ein ehrgeiziger junger New Yorker überhaupt abgeben würde, wenn er in Ohnmacht fiel, während um ihn herum die Stadt in die Luft flog:

Wenn ich noch einmal zehn Jahre lang sparen muss, nimmt sie einen andern.

*

Als ich erwachte, war mir schlecht, ich hatte keine Orientierung mehr, dafür hatte mein Bruder schon einen neuen Beruf für mich gefunden. Valentine ist leider so.

»Da bist du ja wieder, prächtig«, sagte mein Bruder mit gelangweilter Stimme. Er saß verkehrt herum auf einem Stuhl neben meinem Bett und ließ seinen kräftigen blondbehaarten Arm mit der halbzerkauten Zigarre über die Lehne aus unpoliertem Zedernholz baumeln. »Übrigens, ein bisschen was steht noch von New York. Aber dein Bais nicht mehr, und das von deiner Arbeit auch nicht. Hab nachgeschaut. Die sehen beide aus wie die Innenseite von meinem Kamin.«

Wir waren also beide noch am Leben, was recht erfreulich war. Doch wo waren wir? Auf der Fensterbank, ein paar Fuß von mir entfernt, standen ein paar Kräutertöpfe und eine Schüssel mit munter aufrecht stehenden Spargelstangen, entweder zur Zierde oder als zukünftiges Mittagessen. Dann fiel mein Blick auf ein riesiges, prachtvolles Gemälde an der Wand, das einen Adler mit Pfeilen in den Klauen darstellte, und ich stöhnte innerlich.