Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Der tiefe Fall der Cecelia Price E-Book

Kelly Fiore  

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E-Book-Beschreibung Der tiefe Fall der Cecelia Price - Kelly Fiore

Notrufzentrale: "Sie haben den Notruf gewählt. Was ist vorgefallen?" Anruferin: "Mein … mein Bruder ist tot." Notrufzentrale: "Tut mir leid, sagten Sie gerade, Ihr Bruder sei tot?" Anruferin: "Ja. Er ist … er ist im Keller. Er atmet nicht mehr." Notrufzentrale: "Wie ist das passiert? War er verletzt?" Anruferin: "Er … Ich … Es ist meine Schuld. Ich habe das getan. Ich habe das getan." Als Cecelia den Notruf wählt, ist es für ihren Bruder schon zu spät. Eine Überdosis hat ihn das Leben gekostet. Cecelia gibt sich die Schuld dafür und lässt sich von der Polizei bereitwillig festnehmen. Während sie auf ihren Prozess wartet, muss Cecelia an einer Verhaltenstherapie teilnehmen. Doch sie will über das, was passiert ist, nicht sprechen. Darüber, dass ihr Bruder drogenabhängig war und ihr Vater die Augen davor verschlossen hat. Darüber, dass sie die Tabletten ihres Bruders an der Schule verkauft hat. Als ob sie eine andere Wahl gehabt hätte! Schließlich brauchte sie das Geld, um ihrer Familie zu helfen. Um fürs College sparen. Und sie nimmt die Drogen schließlich nicht selbst. Doch jetzt sitzt Cecelia auf der Anklagebank und ist kurz davor, sich ihre gesamte Zukunft zu verbauen … Ein erschreckend realistisches Familiendrama. Ein aufwühlendes Leseerlebnis. Eine brisante Frage nach Schuld und Verantwortung.

Meinungen über das E-Book Der tiefe Fall der Cecelia Price - Kelly Fiore

E-Book-Leseprobe Der tiefe Fall der Cecelia Price - Kelly Fiore

eBook-ISBN: 978-3-649-66870-1

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Originalcopyright © 2015

Published by Arrangement with Kelly Fiore

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Originalverlag: Harper Teen

Originaltitel: Thicker than Water

Aus dem amerikanischen Englisch von Sonja Häußler

Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München, unter Verwendung

eines Motivs von Simone Becchetti, © www.simonebecchetti.com

Lektorat: Kristin Overmeier

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN: 978-3-649-61918-5

COPPENRATH

Für meinen Bruder

Am Anfang war das Wort und am Ende ist Schweigen. Dazwischen sind all die Geschichten.

Kate Atkinson

APRIL

Das ist die Wahrheit. Die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Ich war siebzehn, nur ein paar Wochen vom Schulabschluss entfernt und kauerte hinter einer ausklappbaren Couch, wo ich einen Stapel Pizzakartons zerdrückte und mich bemühte, von ihrem Gestank nicht zu würgen. Die Schritte im Erdgeschoss waren ganz nah. Sie kamen stotternd zum Stehen und bewegten sich dann in eine andere Richtung. Einen Moment lang gab es nur mich, die vergammelte Pizza und einen geplatzten Sitzsack, aus dem winzige Styroporkugeln in den ganzen Müll quollen. Wie Schnee ließen sie meine Umgebung beinahe sauber und ein bisschen weniger hoff nungslos erscheinen. Aber Hoff nungslosigkeit war inzwischen ein Seelenzustand, an den ich mich schon gewöhnt hatte.

Ich versuchte, mich an etwas Schönes zu erinnern.

Ich versuchte, mich an etwas Echtes zu erinnern.

Zum Beispiel, dass ich mir immer, wenn ich den Namen meines Bruders gehört habe, einen starken, gesunden Jungen vorgestellt hatte. Immer größer und schneller – wie ein Tornado. Ich war immer nur der Windstoß, der danach kam.

Damals waren wir Kinder, und Cyrus und ich waren uns nur auf der Tellerwippe ebenbürtig, die zu der Schaukel hinten im Garten gehörte. Wenn wir unser Gewicht gleichmäßig verteilt und unsere Körper gleich ausgerichtet hatten, bewegten wir uns wie eine einzige Person. Der Schwung und das Auf und Ab versetzten mich in eine Art Delirium. Das waren die Momente, in denen ich genauso gut, genauso stabil wie mein selbstsicherer älterer Bruder gewesen war. Meine Arme, Beine und Hände schienen mir ebenso wertvoll wie die seinen.

Wenn unsere Mom uns zum Mittagessen rief, galt der Wettkampf zwischen uns, wer zuerst absprang. Derjenige, der auf der Tellerwippe allein zurückblieb, eierte darauf herum, bis er es schaffte, sie anzuhalten, erst dann konnte man sicher absteigen. Als ich noch ganz klein war, ließ Cyrus mich immer gewinnen. Aber als wir älter wurden, streckte er mir die Zunge heraus, sprang ab und ließ mich hilflos in der Luft hängen wie jemanden, den er kaum kannte.

Und in letzter Zeit?

Nun ja, in letzter Zeit hatte ich Cyrus nur angestarrt, als würde er im nächsten Moment verschwinden, als würde sich sein Körper gleich zischend auflösen. Es gab Tage, an denen ich mir gewünscht hatte, dass er genau das tun würde.

Und jetzt hatte er es getan.

Ich hockte noch immer hinter der Couch und verharrte eine weitere Minute in regloser Ungewissheit, bevor ich mich langsam erhob. Als ich mich am Rand eines Abfalleimers festhielt, spürte ich, wie mir etwas durch die Finger sickerte, wahrscheinlich das, was von meinem Herzen noch übrig war.

»KEINE BEWEGUNG.«

Ich gehorchte, mein halber Körper war noch immer hinter der Couch verborgen und ich stand knöcheltief im Müll.

»Auf den Boden! Los! Los!«

Ich fiel auf die Knie, als wäre es an der Zeit zu beten, aber dafür war es bereits viel zu spät. Irgendwie taten die Handschellen des Polizisten weit weniger weh als der Schmerz tief in meinem Körper.

»Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen sie verwendet werden.«

Alles, was ich sagte, sollte auch vor Gericht gegen mich verwendet werden.

Mein Bruder war tot.

Mein Bruder ist tot.

Und ich bin die, die ihn umgebracht hat.

Sechs Wochen später

1

JUNIHeute

»Du musst mit mir reden, Cecelia.«

Jennifer, meine Pflichtverteidigerin, starrt mich an, als sei ich schmutzige Wäsche – eine lästige Aufgabe, mit der man nie richtig fertig wird, die man aber immer wieder aufs Neue erledigen muss. Immer und immer wieder.

Ich weiß, dass sie mich für meine Anhörung »aufwärmen« will. So nennt sie das – aufwärmen. Ich habe sie darum gebeten, dieses Wort nicht mehr zu verwenden, weil mich »aufwärmen« immer an diese Cheerleader-Puschel erinnert. Sie lacht nicht darüber. Jennifer lacht nie über das, was ich sage. Deshalb vertraue ich ihr.

Neulich, als ich vergeblich versucht habe einzuschlafen, habe ich mir vorgestellt, online zu sein. Ich vermisse Computer. Ich konnte die Tastatur praktisch unter meinen Fingerspitzen fühlen. Ich öffnete eine Suchmaschine. Ich tippte meinen Namen.

Jedes Mal tauchte dasselbe Wort auf.

MÖRDERIN.

Ich schlucke. Jennifer starrt mich an, den Stift fest auf ihren Notizblock gepresst. Ich wende den Blick ab.

»Ich rede doch mit Ihnen«, murmele ich schließlich.

Sie seufzt und lehnt sich auf dem metallenen Klappstuhl zurück. Jennifer ist müde. Wahrscheinlich meinetwegen, aber auch wegen ihres Jobs. Ich glaube nicht, dass sie wirklich gern als Pflichtverteidigerin arbeitet. Als sie den Deckel auf ihren Stift steckt und den Stuhl nach hinten schiebt, weiß ich, dass sie sauer ist. Sie steht auf, geht hinüber zur Wand und sieht sie an, als wäre dort ein Ausgang.

»Ich will, dass du jemanden kennenlernst«, sagt sie zur Wand. »Eine Therapeutin.«

»Noch so ein Seelenklempner?«

Am liebsten hätte ich meinen Kopf gegen die Metallkante des Tisches geschlagen. Stattdessen zerre ich an meinen Haarspitzen. Ausgefranste schwarze Strähnen fallen schmerzlos aus und ich bin irgendwie enttäuscht.

»Seelenklempner ist ein Schimpfwort«, erwidert Jennifer. »Außerdem hast du nur mit dem Gerichtspsychologen gesprochen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung können dich von ihren eigenen Experten beurteilen lassen.«

Ich habe eigentlich nichts gegen die Vorstellung, beurteilt zu werden – daran bin ich gewöhnt. Ich war eine Einser-Schülerin. Das Examen für fortgeschrittene Mathematik habe ich mit Bestnote absolviert. Beim Bowling habe ich die meisten Treffer erreicht, beim Minigolf die wenigsten.

Ich starre auf Jennifers Rücken, auf die Stelle, wo eine unauffällige Naht in der Mitte ihres marineblauen Blazers verläuft. Wenn Körper in zwei Hälften geteilt wären, was würde uns dann wohl zusammenhalten? Ich blicke auf meine Hände hinunter.

»Hör mal, CeCe …« Jennifers Stimme ist ganz nah, und ich merke, dass sie zu ihrem Stuhl zurückgekehrt ist. Ihre rechte Hand liegt zwischen uns auf dem Tisch. »Ich weiß, dass das nicht einfach für dich ist, aber ich habe hier einen Job zu erledigen, und dieser Job besteht darin zu beweisen, dass die Entscheidungen, die du getroffen hast, überhaupt keine Entscheidungen waren – sondern die außerhalb seiner Verantwortung liegenden Reaktionen eines traumatisierten Mädchens. Das macht den Unterschied zwischen Freispruch und Gefängnisstrafe aus.«

Darüber will ich nicht nachdenken. Stattdessen betrachte ich die fahlen Wände, die so unbewegt und cremeweiß wie Zuckerguss sind.

Jennifer ist diejenige gewesen, die sich diesen brillanten Plan ausgedacht hat, der mich hierhergebracht hat. Die Abteilung für Verhaltenstherapie ist wie ein Krankenhaus, befindet sich aber in der Justizvollzugsanstalt für Jugendliche in Piedmont. Hier ist eine ganze Gruppe von uns untergebracht – bei Vierundzwanzig-Stunden-Überwachung, damit niemand Selbstmord begeht, und obligatorischen Therapiesitzungen. Jennifer meldete mich für das Neunzig-Tage-Programm an und sagte, dass sie so dem Richter beweisen könne, dass ich »eine Behandlung meiner dissoziativen Neigungen und meines destruktiven Verhaltens anstrebe und erhalte«. Sie sagte, ich solle dankbar sein – dass man mich auch in die normale U-Haft hätte stecken können. Hier ist die Wahrscheinlichkeit zumindest geringer, dass mir jemand eine reinhaut oder in mein Bett pinkelt.

»Und warum soll ich diese … Therapeutin kennenlernen?«, frage ich sie.

»Weil sie anders ist.«

Zum ersten Mal seit – na ja, zum ersten Mal überhaupt – entdecke ich den Anflug eines Lächelns auf Jennifers Gesicht.

Allerdings ist es ein hohles Lächeln, bei dem sie zwar den Mund verzieht, das aber ihre Augen nicht erreicht.

»Trina ist auf Traumatherapie spezialisiert. Sie arbeitet mit Kindern aus problematischen Familien – Waisen, minderjährigen Prostituierten, Obdachlosen.«

»Tritt sie in Talkshows auf?«

Jennifer wirft mir einen bösen Blick zu. »Sie wendet einzigartige Methoden bei ihren Patienten an. Ich finde, du solltest ein paar unterschiedliche Behandlungen ausprobieren, bevor wir vor den Richter treten.«

»Ich stehe nicht so auf Hypnose.«

»Gut, denn wenn du mit Trina arbeitest, musst du wach und konzentriert sein.«

»Fantastisch. Es gibt nichts, was ich lieber mag, als bei Bewusstsein zu sein.«

Jennifer steht wieder auf und steckt ihren Stift in die Innentasche ihrer Jacke. Ich beobachte, wie sie den Tisch nach herumliegenden Heft- und Büroklammern absucht, mit denen ich mich erstechen könnte.

»Gib ihr einfach eine Chance, CeCe. Würdest du das tun?«

Ich zucke mit den Schultern. Das mit der Hypnose war nur vorgetäuscht. Ich würde so ungefähr alles tun, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Früher war mein Leben wie eine Zaubertafel gewesen – einfach schütteln, eine Nacht darüber schlafen und am nächsten Morgen war alles wieder weiß und leer, offen für neue Möglichkeiten.

Jetzt sind meine Nächte mit allem Möglichen angefüllt, nur nicht mit Schlafen. Das Einzige, was mein Gehirn noch zu können scheint, ist, sich zu erinnern.

»Wann kommt sie?«, frage ich, während Jennifer auf die Tür zugeht. Sie jongliert in der einen Hand mit ihrer Aktentasche und ihren Schlüsseln, während sie mit der anderen ihren Ausweis über den elektronischen Sensor zieht. Das Schloss klickt, und sie schiebt die Tür mit dem Fuß auf, bevor sie sich zu mir umdreht.

»Morgen vielleicht? Oder übermorgen? Sie wird vor unserem nächsten Termin vorbeikommen.«

Ich nicke. »Okay.«

Als Tom, der Sicherheitsbedienstete, hereinkommt, um mich zu abzuholen, stehe ich auf. Er trägt Uniform Nummer zwei. Tom hat drei Uniformen, die er reihum wäscht und wieder trägt. Je nach Fleck auf seinem Hemd kann man erkennen, welcher Tag heute ist – heute ist es der Ketchup-Fleck, der blassorange wie eine Narbe in die Fasern eingebettet ist.

»Bis dann, CeCe.«

Jennifer verabschiedet sich immer mit dem Rücken zu mir, wenn sie bereits im Begriff ist wegzugehen. Wäre ich sentimentaler, würde ich sagen, das liegt daran, dass sie mich nicht gern zurücklässt. In Wirklichkeit denkt sie bestimmt, dass ich genau dort bin, wo ich hingehöre.

»Okay, Tom«, brumme ich, »bringen Sie mich zurück in meine Zelle.«

Alles an Tom ist dunkel und dick – sein Hals, sein Oberkörper, seine Beine. Wie Mr T. vom A-Team.

»Wir sagen dazu nicht Zellen, CeCe. Betrachte es als Krankenhaus – als einen Ort, an dem man gesund wird.«

»Klar, wie Sie meinen.«

Ich werde bald für Jahre eingesperrt sein. Da kann ich mich genauso gut schon mal für die Zukunft »aufwärmen«.

Mir ist etwas aufgefallen: Wenn man die Augen zusammenkneift, sieht alles gleich aus – egal, wo man ist. Man kann so tun, als wäre man blind oder würde Pillen zur Muskelentspannung einwerfen – was immer die Sicht so verschwommen macht, dass alles vage und damit akzeptabel erscheint. Und das tue ich, seit ich in Piedmont bin. Oder schon länger, wenn ich ganz ehrlich bin. Das erklärt auch einige meiner Blutergüsse, dauernd laufe ich gegen Türrahmen oder Regale. Ich begutachte gerade einen empfindlichen lila Fleck auf meinem Arm, als Aarti von ihrer Therapie zurückkommt.

Über Aarti lässt sich vieles sagen. Sie ist meine Zimmergenossin. Sie ist Inderin. Sie ist hübsch. Sie ist mit einem Hippie-Psychologieprofessor verheiratet, den sie in Kalkutta kennengelernt hat, als sie siebzehn war. Doch als sie mit ihm in die Staaten gezogen ist, musste sie feststellen, wie es wirklich war, mit ihm verheiratet zu sein.

Zuerst verlangte ihr Mann von ihr, dass sie in seinem Sexualkundeunterricht nackt posierte. Danach fing er an, sie an Freunde auszuleihen – wie einen Film, den unbedingt alle sehen mussten. Wie einen Dampfreiniger für Teppiche. Wie eine Hure. Deshalb hat sie wohl auch auf ihn geschossen. Was für ein Pech, dass er überlebt hat, würde ich sagen.

Das alles weiß ich aus demselben Grund wie alle anderen – wegen der Gruppentherapie. Wenn man zum ersten Mal dort ist, muss man reden. Zumindest sollte man das. Aarti war überraschend zuvorkommend. Bei mir hat es ehrlich gesagt ein paar Sitzungen gedauert, und selbst danach habe ich nur gesagt, was ich unbedingt musste.

»Ja, ich bin bis zu meiner Anhörung hier.«

»Ja, es werden schwere Anschuldigungen gegen mich erhoben.«

»Nein, ich bin nicht bereit, darüber zu sprechen.«

Aartis Haar ist nicht so schwarz wie meines, muss es aber früher gewesen sein. Jetzt ist es beinahe burgunderfarben – wie Lippenstift oder Nagellack. Ich frage mich, ob sie das selbst so wollte oder ob es die Idee ihres Mannes war.

»Willst du Mittagessen?«, fragt sie mich und zieht eine Strickjacke über, die sie aus dem Schrank holt. In der Verhaltenstherapie dürfen wir unsere normalen Klamotten tragen, aber damit tun sie Aarti keinen Gefallen. Sie zieht sich an wie eine Mutti – Bibliothekarinnen-Style.

»Ich habe keinen Hunger.«

Sie nickt und schiebt ihre Ärmel zurück. Der Stoff ballt sich um ihre Ellbogen zusammen.

»Soll ich dir etwas herausschmuggeln?«

Ich schüttle den Kopf und schaue zu, wie sie ihre Schuhe schnürt. Ein Ärmel ihrer Strickjacke rutscht wieder an ihrem Arm herunter. Ich wette, dass sie ihn wieder zurückschiebt. Wetten, dass sie es noch ein Dutzend Mal tun würde, bevor sie es aufgeben, bevor sie die Jacke gewinnen lassen würde? Ich hätte sie am liebsten daran gehindert und ihr gesagt, dass am Ende immer alles den Bach runtergeht. Manchmal dauert es nur Sekunden, bis dein ganzes Leben den Bach runtergeht.

Dann fällt mir wieder ein, weshalb sie hier ist, und kapiere, dass sie diese Lektion bereits gelernt hat.

»Oder …« Ich verstumme, als Aarti sich umdreht und mich ansieht. Schnell schaue ich auf meine Hände hinunter. »Könntest du mir vielleicht einen Apfel oder eine Banane oder so was mitbringen? Für später?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Klar, kein Problem.«

Ihre offene Art ist wie ein Geschenk. Ich wünschte, ich könnte mir selbst gestatten, sie näher an mich heranzulassen.

Wir teilen dieses Zimmer schon seit Wochen, und ich bin noch immer kaum in der Lage, eine normale Unterhaltung mit ihr zu führen. Andererseits ist der Laden hier kein College. Und es ist ja nicht so, dass mir Klatschgeschichten oder Unterrichtsnotizen von ihr zustehen. Unser Aufenthalt hier ist nur ein Mittel zum Zweck. Ich frage mich, ob sich ihr potenzieller Zweck auch so unfassbar leer anfühlt wie meiner.

Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hat, lege ich mich auf mein Bett und starre an die Decke. Ich habe Hunderte von Stunden damit zugebracht, jede einzelne Fläche in diesem Raum anzustarren: Über mir bildet der Putz winzige gedrehte Sahnehäubchen – ohne die Süße des Zuckers. Zu meinen Füßen bedecken die aufgeklebten Linoleumplatten bestimmt eine weitere, noch hässlichere Schicht Bodenbelag. Die Wände sind in einer einheitlichen blassgrünen Farbe gestrichen, die vermutlich beruhigend wirken soll.

Die Wände gefallen mir am besten. Die Oberfläche ist geriffelt – flach ist sie nur an den Stellen, an denen mit Fäusten, Füßen oder Stirnen gegen die Trockenbauwand geschlagen und die nachträglich verputzt worden waren. All diese Stellen sind seltsam glatt, wie eine nutzlose, unübersehbare Abdeckung – ein Pflaster auf einer Schusswunde.

Für einen langen Augenblick überlege ich mir, ob ich Aarti folgen, ob ich essen und sozial sein und mich nicht innerhalb der Grenzen meiner Gedanken isolieren soll – oder was immer mir Dr. Barnes gern vorwirft, wenn ich mich zu lange in meinem Zimmer aufhalte. Ich will einfach nicht beim Mittagessen sitzen und zuhören, wie die anderen plaudern, als gäbe es in ihrer Zukunft tatsächlich Hoffnung. Ich will nicht zusehen, wie sie ihr Essen in sich hineinschieben, kauen und schlucken, als würden sie etwas auftanken – wo doch mein eigener Impuls darin besteht, Enthaltsamkeit zu üben. Ehrlich gesagt verspüre ich überhaupt keinen Hunger mehr und vermisse dieses Gefühl auch nicht. Ich vermisse viele Dinge nicht, wenn man mal betrachtet, was mich draußen in der Welt erwartet. Oder eher, was mich nicht erwartet. Tatsächlich sind Bücher das Einzige, wovon ich gern mehr hätte. Wie in einem Hotelzimmer war unser Nachttisch mit einer broschierten King-James-Bibel ausgestattet. Was dahinter wohl für eine Moral steckt – ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bibel-Fanatiker irgendetwas für uns Kriminelle übrig haben. Aber ehrlich gesagt ist es irgendwie nett, Zugang zu Wörtern zu haben, egal wie schwer zu verdauen sie sind.

Seit ein paar Tagen blättere ich in den Psalmen herum. Am Anfang bin ich darüber eingeschlafen. Ich hatte in den Sätzen Muster erkannt, einen Rhythmus, bei dem mir die Augen zufielen. Aber gestern bin ich auf ein Zitat gestoßen, das ich ständig in meinem Kopf wiederhole.

Zürnet ihr, so sündiget nicht; redet in eurem Herzen auf eurem Lager und seid stille.

Das gefällt mir – es liefert mir eine Ausrede, reglos hier rumzusitzen und das Ganze auch noch als Teil meines Heilungsprozesses zu betrachten. Wenn man so gut wie nichts tut, kann man eigentlich auch nichts Falsches tun. Natürlich wird Gott wohl kaum davon begeistert sein, dass ich die Seite herausgerissen und unter meine Matratze gestopft habe. Wahrscheinlich setzt es deshalb gleich noch einen Schlag gegen mich.

Ich ziehe die Seite heraus und falte sie zwischen den einzelnen Abschnitten. Ich erinnere mich, wie wir in Geometrie auf diese Weise gleichschenklige und gleichseitige Dreiecke angefertigt und sie mit Filzstiften angemalt haben. Was mich noch an etwas anderes erinnert, das ich vermisse – fröhliche Farben. Farben, die sich zu einem Farbton bekennen, der nicht gedämpft oder abgetönt oder nur eine verwässerte, schwache Version seiner Selbst ist.

Ich falte die Seite entlang der Ränder. Das Papier ist beinahe zu dünn, um es in sich selbst zu falten, ohne dass es wieder auseinanderklappt. Als ich fertig bin, bewundere ich die drei perfekten, klaren Ecken. Ich mag es, wenn etwas ebenmäßig ist – gleiche Winkel, symmetrische Seiten. Das gibt mir das Gefühl, als hätte mein Leben noch so etwas wie eine Ordnung, als hätte ich immer noch ein wenig Kontrolle in dieser neuen Welt, in der ich nie erwartet hätte zu leben.

2

An den meisten Tagen begeistern mich die vorgesehenen Programmpunkte wenig. Die Anzahl an therapeutischen Maßnahmen, die ein einziger Mensch innerhalb von vierundzwanzig Stunden über sich ergehen lassen muss, sollte begrenzt werden. Am Montag, dem Tag, an dem meine Einzeltherapie beginnen soll, verlange ich, den Leiter für soziale Angelegenheiten zu sprechen. Dr. Barnes findet das nicht witzig.

»Zuerst die Gruppe. Danach wirst du deine neue Therapeutin kennenlernen.«

»Großartig. Wissen Sie, das ist wie Sonntagsschule nach der Kirche. Der Reihe nach ist nicht immer die richtige Methode, wenn man versucht, mich zu bekehren.«

»Ich versuche überhaupt nichts, Cecelia. Du triffst Dr. Galinitus im Rahmen deiner Rehabilitation.«

Gott, ich wünschte, das wäre eine Reha. Dann könnte ich eine Zigarette nach der anderen rauchen, während ich Geschichten über meine fiktive Promiskuität und meine imaginären Exfreunde, die mich missbraucht haben, erzähle. Stattdessen muss ich einen Weg finden, in meiner eigenen Haut zu funktionieren.

»Einer der Sicherheitsleute wird dich von der Gruppe in Flügel E begleiten. Dort wird Dr. Galinitus auf dich warten.«

Wie jeder gute Arzt will Barnes eine Antwort finden, eine Kur für meine Gebrechen. Das ist der einzige Weg für ihn, wirklich erfolgreich zu sein. In der Medizin geht es nicht um die kleinen Schritte, sondern um Wunder.

In der Gruppe muss jeder eine Rolle spielen. Da sind diejenigen, die bereit sind zu reden, und diejenigen, die lieber zuhören. Es gibt die Zornigen, die Freundlichen, die Zerstreuten. Die Ruhigen lassen sich in zwei Kategorien einteilen – die Introvertierten und die Brüter. Ich brüte gern. Das liefert mir einen Vorwand, die Leute finster anzuschauen und so zu tun, als wäre ich fies, dabei zähle ich nur die Löcher in den Deckenpanelen, damit die Zeit schneller vergeht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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