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Ein Schiffsunglück und ein Mord, die Internationale Raumstation und der kenianische Dschungel – ein internationaler Thriller über moderne Technik und was passiert, wenn sich die Falschen ihre Möglichkeiten zu Nutze machen. Während eines Sturms vor der deutschen Ostseeküste verunglückt ein Ausflugsschiff mit einer Hochzeitsgesellschaft an Bord. Vierundzwanzig Menschen, alle Teil der kleinen Ostseegemeinde Reetna, verlieren in den Fluten ihr Leben. Auch der beste Freund der Informatikerin Nina hätte an Bord sein sollen, doch Nina glaubt, ihn noch nach dem Unglück gesehen zu haben. Nina und Matthew, der örtliche Seenotrettungspilot, sehen einen Zusammenhang zwischen dem seltsamen Verhalten des besten Freundes und dem Schiffsunglück - die Polizei will davon allerdings nichts wissen. Ein Schiffsunglück, Verstrickungen internationaler Großmächte und ein Wettlauf gegen die Zeit Die Ermittlungen der beiden stoßen Ereignisse an, die noch weit größere Wellen schlagen, als es zunächst den Anschein hat: Sie überrollen Nina und Matthew in Reetna; Omar, den "Elefantenjungen" in Kenia; und Shana, die gerade zur ISS startet. Sie alle werden in die Ereignisse rund um den Untergang der Hedwig hineingezogen. Judith Gridl verknüpft in ihrem Techno-Thriller einen internationalen Komplott mit brisanten Themen: unseren Umgang mit der Umwelt, die Abhängigkeit von Technik, ihre Möglichkeiten und Gefahren, wenn skrupellose Verbrecher sie nutzen.
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2024
Judith Gridl
Thriller
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Während eines Sturms vor der deutschen Ostseeküste verunglückt ein Ausflugsschiff mit einer Hochzeitsgesellschaft an Bord. Vierundzwanzig Menschen, alle Teil der kleinen Gemeinde Reetna, verlieren in den Fluten ihr Leben. Auch der beste Freund der Informatikerin Nina hätte an Bord sein sollen, doch Nina glaubt, ihn noch nach dem Unglück gesehen zu haben. Nina und Matthew, der örtliche Seenotrettungspilot, sehen einen Zusammenhang zwischen dem seltsamen Verhalten des besten Freundes und dem Schiffsunglück - die Polizei will davon allerdings nichts wissen.
Die Ermittlungen der beiden stoßen Ereignisse an, die noch weit größere Wellen schlagen, als es zunächst den Anschein hat: Sie überrollen Nina und Matthew in Reetna; Omar, den »Elefantenjungen« in Kenia; und Shana, die gerade zur ISS startet. Sie alle werden in die Ereignisse rund um den Untergang der »Hedwig« hineingezogen und ahnen nicht, dass sie sich dadurch ins Kreuzfeuer eines internationalen Konflikts begeben …
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Motto
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 6
Tag 7
Epilog
Nachwort
Quellenverzeichnis
Für meine Eltern
Though her eyes were poor, the Jeep was something
she could see, and she could smell the
hominids half a mile away. She should have been
matriarch of a fine wild herd of elephants at
Amboseli or Tsavo or the great Bahi swamp, but
she’d lived all her fifty-two years on this strange
and unnatural continent, amid the stink and
confusion of man. […] and then there was this, a
place that stank of the oily secrets of the earth,
and another tether and more men. She heard the
thunder of the guns and she smelled the blood in
the air and she knew they were killing. She knew,
too, that the Jeep was there for her.
– T. C. Boyle –
Da stand er nun, in der Ecke seiner beengten Küche, wo man kaum stehen konnte, ohne sich den Kopf anzuschlagen. Die rechte Hand verbrüht, rot und schmerzend. Gerade als Matthew sich einen Kaffee hatte kochen wollen, war der Anruf gekommen. Er hatte dabei sein Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt und angefangen, das heiße Wasser in die Tasse zu gießen, doch weil er gehofft hatte, etwas falsch verstanden zu haben, hatte er die Schulter hochgezogen, um besseren Empfang zu haben, und danebengegossen. Aber er hatte richtig gehört.
Für lange Sekunden starrte er seine Küchenplatte an, hörte, wie der Wind durch die Fensterritzen pfiff, und sammelte seine Gedanken. Wenn das wirklich wahr war, was er soeben erfahren hatte, war das eine Katastrophe.
Erst jetzt merkte er, dass auch seine Füße nass waren, die Socken klebten an der Haut, und die Wasserlache auf dem Dielenboden dampfte.
Seine Tasse mit dem Instantkaffee war nur zu einem Viertel voll, dennoch nahm er sie mit und lief zu seinem Auto.
Matthew raste mit seinem Volvo V40 über die Landstraße. Noch im Fahren streifte er die durchnässten Socken ab und trat aufs Gaspedal. Der Verkehr war dünn, so dünn, wie er in den Wintermonaten im Norden ist, ohne die dänischen Touristen mit ihren rot umrandeten Nummernschildern und die vielen Fahrradfahrer in den Alleen. Links und rechts der Straße lagen großflächige Felder, und auf einer Hügelkuppe zog ein Traktor eine Rußwolke nach.
Matthew drückte seinen rechten Kopfhörer ins Ohr, um Ruth besser verstehen zu können. Als er losgefahren war, hatte er sie sofort angerufen, aber das Gespräch mit ihr kam nun nicht mehr voran. Sie sagte nun schon zum dritten Mal »Nein«.
»Nein, keine Chance. Wir haben 35 Knoten Seitenwind.«
»Ruth! Wir brauchen den Hubschrauber. Ich kann auch bei starkem Wind fliegen, das weißt du doch. Wir machen das so as always. Du musst ihn nur schon starten, dann sparen wir eine Menge Zeit. Alles andere mach ich.« Die letzten Worte schrie Matthew, um das Wimmern seines Motors zu übertönen. Er fuhr mittlerweile 160 Stundenkilometer.
»Nein, zu gefährlich. Wir sind bereits mit der Lübeck draußen.«
»Dann frag Oswald, ob er – du weißt schon … able to do it …« Wie immer, wenn Matthew in Eile war, benutzte er Brocken seiner Muttersprache, um die deutschen Wortungetüme zu umgehen. Deutsche Sätze waren doppelt so lang wie englische, und dafür hatte er keine Zeit. Nicht jetzt.
»Hallo, Ruth? Hallo?«, fragte Matthew nach, aber Ruth hatte die Verbindung gekappt. Er wechselte für ein Überholmanöver auf die Gegenfahrbahn und zog an zwei Lkws vorbei. Das bisschen Kaffee in der Tasse, die er in der Mittelkonsole eingezwängt hatte, schwappte auf seine sowieso schon schmerzenden Füße. Mit 35 Knoten Wind würde er fertig werden, das wusste auch Ruth. Da musste also noch etwas anderes sein, warum sie als Einsatzleiterin den Flug verbot. Ihre Stimme war dünner als sonst, als ob sie selbst nicht an die Rettung glaubte. Nie, aber auch nie durfte man diesen Fehler machen: aufzugeben. Wie oft hatten sie eine Suche gestartet, obwohl die Wahrscheinlichkeit gering war, Menschen noch lebend zu finden. Selbst wenn man alle Parameter – Wind, Temperatur, Zeit – zusammennahm und null herauskam, liefen sie mit der Lübeck, ihrem Rettungsschiff, aus und suchten nach Vermissten. Sie waren ein eingespieltes Team: Ruth, die Leiterin, Oliver, der Funker, und er, Matthew, der den Hubschrauber flog. Es war immer Ruth, die so lange auf dem Schiff blieb, bis es Klarheit über das Schicksal der Menschen gab.
Aber heute hatte sie nur in das Funkgerät gewispert. Ihre Stimme hatte sich an den Satzenden ausgefranst wie alte Schnürsenkel, die sich nicht mehr einfädeln lassen. Irgendetwas musste ihr den Mut genommen haben.
»Damn«, zischte Matthew und beschleunigte auf 180 Stundenkilometer. Er spürte, wie das Lenkrad unter seinen Händen vibrierte, und dann sah er ihn, bevor er ihn hörte: Regen. Der Asphalt vor ihm glänzte bereits dunkel, und plötzlich prasselten Regentropfen auf seine Windschutzscheibe. Er musste vom Gas herunter, und in dem Moment, in dem er schaltete, blitzte es zwischen den dunklen Wolken. Es folgte ein Aufleuchten, erst zögerlich, doch dann im immer schneller werdenden Rhythmus erhellten Blitze die dunkle Atmosphäre.
Am Strand von Reetna lehnte Nina ihr Hollandrad an die Laterne und lief zu der Menschengruppe, die sich an der Mole versammelt hatte. Tropfen fielen vom Himmel, so schwer, dass der Sand aufstob und kleine Krater darin zurückblieben.
»Wer? Wo ist …? », keuchte Nina, als sie bei den anderen ankam. »Was ist los? Stimmt das mit der Hedwig?«
Einer Frau um die fünfzig standen Tränen in den Augen. Nina kannte ihren Namen, weil sie beide in derselben Straße wohnten und füreinander Pakete annahmen. Marianne Schlegel. Sanddünenweg 27. Sie ließ sich ausschließlich Bücher schicken, keine Schuhe, keine Kleidung, nur Bücher, das sah man der Verpackung an. Und sie hatte eine Tochter. Mehr wusste Nina nicht von ihr. Marianne jedenfalls zuckte hilflos mit den Schultern: »Irgendetwas ist passiert. Das Schiff ist verschwunden und auch alle …«
… Menschen auf der Hedwig, die die Hochzeit auf dem Schiff gefeiert hatten. Niemand sprach es aus, aber jeder dachte es. Mariannes Lider flatterten, sie war blass und bewegte ihre Lippen, ohne dass ein Laut herauskam. Da wusste Nina, dass Mariannes einzige Tochter ebenfalls auf dem Schiff sein musste.
»Sie werden sie schon finden«, sagte ein gedrungener Mann in die Gruppe hinein. Es klang alles andere als zuversichtlich, und wie als Hohn blitzte es am Horizont über der See auf.
Nina befühlte in der Manteltasche ihren Schlüsselbund. Sie knetete die kleine gelbe Katze aus weichem Leder, den Schlüsselanhänger, den Simon ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Halte durch! Hörst du, Simon? Simon, ihr Mitbewohner, der in den zwei Jahren, seit denen sie mittlerweile zusammenwohnten, zu ihrem besten Freund geworden war. Ein Mensch, den jeder sofort gernhatte. Er hatte die Gabe, seinen scharfen Verstand hinter einer gutmütigen Freundlichkeit zu verstecken. Da er leidlich Gitarre spielen konnte, hatte er sich Reetnas einziger Band Saltwater angeschlossen. Auch er war da draußen auf dem Schiff, das in Seenot geraten war, zusammen mit den anderen Musikern der Band. Das durfte einfach nicht sein, was hier passiert! Sie war damals dabei gewesen, als die Band sich ihren Namen gegeben hatte. Ausgerechnet sie, Nina, hatte den Vorschlag gemacht, den alle sofort mochten: Saltwater. Und jetzt – jetzt hatte er eine unheilvolle Bedeutung bekommen. Bitte Simon, kämpfe um dein Leben, kämpfe gegen das Salzwasser an!
Die kleine Gruppe starrte zum Horizont, wo sich im Westen die vom Sonnenuntergang rot geränderten Wolken zum letzten Mal aufbauschten; hinter ihnen war es schwarz. Eine Schwärze, die einem die Luft zum Atmen nahm, so dick war sie.
Eine junge Frau lief die Mole auf und ab. Ihr langes Haar hatte der Regen an den Kopf geklebt. Sie hielt ihr Handy in verschiedenen Stellungen in die Luft und blickte immer wieder auf das Display. Schließlich rief sie den anderen zu: »Habt ihr Empfang?«
Auf Ninas Handy stand links oben, wo sich sonst Balken aufbauten: »Kein Signal«. Sie schaltete ihr Handy aus, dann wieder an, nichts. Kein Netz. Ihr Handy war tot.
Der Regen wurde stärker, und der Wind jaulte so auf, dass Nina ihre eigenen Schritte nicht mehr hörte; nur das hohe Klirren der Fahnenstangen an der Mole war herauszuhören, wie einzelne Takte in einem wütenden Crescendo. Irgendwo da draußen taumelt die Hedwig auf den Wellen, dachte Nina. Hoffentlich. Hoffentlich taumelt sie noch.
Sie war die Erste, die den Rettungshubschrauber entdeckte, der auf die offene See zusteuerte. Ein rot-weißer Klecks auf grauer Leinwand, den sie nur erspähen, aber nicht hören konnte, denn das Klopfen seiner Rotorblätter ging im Wind unter. Gerade erfasste ihn eine Böe und fegte ihn ostwärts, doch er geriet wieder auf Kurs. »Matthew«, murmelte Nina. Es konnte nur Matthew sein. Er war der Einzige, der den Hubschrauber steuern konnte. Wo und wie Matthew das gelernt hatte, wusste sie nicht. Nina kannte auch nur die Gerüchte, die sich über ihn verbreiteten, seit er vor drei Jahren in das Dorf spaziert war, nur mit einem Seesack der britischen Marine über der Schulter. Militärflugzeuge für die Royal Army habe er geflogen, Kampftaucher sei er auch gewesen und sogar Astronaut, so erzählte man sich. Matthew sprach nicht viel über sich, er war ein Typ, dem Schweigen stets leichter fiel als Reden. Sicher war nur, dass er aus England stammte, das hörte man, wenn er englische Worte aussprach. Aber auch nur dann, ansonsten war sein Deutsch einwandfrei.
Die Dorfbewohner hatten sich schnell an ihn gewöhnt; ohne große Worte packte er an, half beim Aufbau eines Spielplatzes, übernahm den verwaisten Campingplatz und schloss sich schließlich der Seenotrettung an. Er fügte sich in das Dorfleben ein wie ein glatt geschliffener Stein in ein Flussbett, der schon bald nicht mehr von den anderen zu unterscheiden war.
Als die Menschen auf der Mole den Hubschrauber sahen, schöpften sie Hoffnung: Es musste ein Happy End, ein rauschendes Hochzeitsfest am Abend geben. Im Bootshaus! Es war das Dorfereignis des Monats, und alle, die kommen wollten, waren eingeladen, zumindest für den Sektempfang. Und wer leichtfertig Ja gesagt hatte, der wurde von Jennifer mit Details zur Tischdeko, Sitzordnung oder Menüabfolge gequält. Jennifer war eine Frau, die an dem Satz »Es ist der schönste Tag meines Lebens« hart arbeitete, um ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Und jetzt das.
Nina hatte die Idee einer See-Hochzeit für übertrieben gehalten, aber Jennifer rückte nicht von ihrer Vorstellung ab: Sie wollte einen Hochzeitsschleier, der im Seewind flatterte, und mit Alex in seiner Marineuniform von einem Kapitän getraut werden. »Nina, du bist wirklich nicht romantisch«, hatte Jennifer auf Ninas Einwände gesagt, was Nina wehtat. Vielleicht war das der Grund, warum sie schon lange keinen Partner mehr gehabt hatte. Spröde sei sie laut ihrer Mutter, und Nina beneidete Jennifer darum, dass diese nicht wahrnahm, dass die Hedwig keine schnittige Jacht, sondern ein umgebauter Fischkutter war, dessen Dieselausstoß noch Stunden später an der Kleidung haften würde. Jedenfalls hatte Jennifer ein Ziel, auf das sie bis zum heutigen Tag hingelebt hatte. Nie könnte Nina eine Hochzeit so wichtig nehmen wie Jennifer, und vielleicht, ja vielleicht war das falsch. Vielleicht war das so, wenn man heiratete. Denn Jennifer war dabei glücklich, und nun musste Nina mit aller Macht die Worte verdrängen, die im Rhythmus der tosenden Wellen an die Mole schlugen: »… bis dass der Tod euch scheidet.«
Immer wieder erfasste eine Böe den Hubschrauber und hob ihn ein paar Meter hoch, obwohl sich Matthew gegen den Wind richtete, um stabil zu bleiben. Er musste mittlerweile an dem Punkt sein, wo sich die Hedwig nach seinen Berechnungen befand. Noch weiter hinaus konnte der alte Fischkutter nicht gefahren sein.
Matthew starrte auf die See. Das Problem war der Wind, der die Wellen aufpeitschte. Die Luft war mit Schaum und Gischt gefüllt und die See fast weiß. Eine Fernsicht war nicht mehr möglich. Warum taucht die Hedwig nicht auf? Und wie kommt es, dass sie kein Funksignal aussendet? Matthew musste den Steuerknüppel mit einer Hand halten, um mit der anderen die Funkkanäle zu wechseln. »Damn«, schimpfte er. Nicht nur die Hedwig war weg, auch das Signal der Lübeck kam nicht durch. Außergewöhnlich, denn ein Rettungsschiff sendete starke, sofort erkennbare Funkwellen aus. Doch nichts war auf dem Radargerät zu sehen. Auch die Tonsignale blieben aus. Nur ein Rauschen, ein gleichbleibendes, fast unheimliches Geräusch wie aus einer fremden Welt kam aus dem Gerät. Das hatte er noch nie erlebt.
Matthew flog direkt in das Gewitter. War da etwas? Seine Augen schmerzten bereits vom Suchen. Mehrere Runden ließ Matthew den Hubschrauber kreisen. Auf einmal sah er etwas Gelbes aufblitzen, etwas Flaches, ungefähr einen Quadratmeter groß. Er flog noch einmal darüber, hatte das Ding in der Gischt verloren, dann war es wieder da: Ein gelber Fleck tanzte auf den Wellen. Matthew hielt den Hubschrauber schräg in der Luft. Jetzt sah er deutlich zwei Scharniere: Es war das Heckruder der Hedwig.
Wohin Ruth auch blickte, sie sah nur eine weiße Wand aus Schaum, deren Konturen sich mit der Meeresoberfläche verwoben. Sie beschloss dennoch, blindlings hineinzufahren, mangels Alternative. Die Hedwig musste vor ihr liegen, alles andere war ausgeschlossen. Sie konnte sie nicht übersehen haben.
»Und jetzt? Funktioniert es jetzt?«, rief Ruth zu Oliver hinüber, der auf der Kommandobrücke der Lübeck zwischen den Frequenzwellen des Radargerätes hin und her schaltete, ohne dass etwas geschah.
»Das kann doch nicht sein!« Ruths Stimme kippte. Sie musste sich zusammenreißen. Es half niemandem, wenn sie die Nerven verlor. Aber das Radargerät fiepte und keuchte, nur tat es nicht das, was es sollte. Nichts konnte man den wirren Echowellen entnehmen; sie widersprachen sich ständig. Ruth bemerkte, dass Olivers rechte Hand zitterte.
»Oliver, sag doch etwas!«
»Irgendetwas liegt hier in der Luft. Etwas, das alle Funkwellen stört.«
So eine Störung gab es selten; Ruth erwog die möglichen Ursachen: ein Blitzeinschlag, ein U-Boot, atmosphärische Störungen aus dem All … sie klammerte sich an ihren analytischen Verstand, damit er ihr nicht entglitt wie ein Schwarm glitschiger Fische, konnte aber nicht verhindern, dass sie Angst hatte. Eine riesige Angst, die ihr mit kalten Fingern die Kehle zudrückte. Mit einem verschwundenen Schiff hatten sie es noch nie zu tun gehabt. Das überstieg alle Vorstellungen. Auf dem Atlantik, ja, da verschwanden schon mal Schiffe, die Wellen können dort über zehn Meter hoch sein, aber hier auf der vergleichsweise kleinen Ostsee mit den dicht besiedelten Küsten? In diesem Brackwasser? Niemals!
Ruth setzte noch einmal den Funkspruch an die Zentrale der Seenotrettung in Bremen ab: »Wir suchen noch …«, doch das Radargerät antwortete mit einem schrillen Dauer-Fiepton.
Eine Weile war es still im Kommandoraum. Oliver war müde, sie waren mittlerweile in der fünften Stunde der Suche, sein Blick war getrübt und seine Stimme gebrochen. Ruth sah ihm an, dass er etwas sagen wollte, doch sie wussten beide: Es hatte keinen Sinn mehr. Sie mussten die Suche abbrechen. Aber das auszusprechen, wagten weder Oliver noch sie. Stattdessen kämpfte Ruth gegen die Bilder in ihrem Kopf: Sie sah weit aufgerissene Münder, die nach Luft schnappten; Jennifer in ihrem Hochzeitskleid, das sich im Wasser aufbauschte wie der Schirm einer Qualle; Knuddel, der Schlagzeuger der Band, der wild im Wasser strampelte, und Malte, der Kapitän mit den merkwürdigen grauen Stellen in seinem buschigen Vollbart – sie alle ertranken jetzt, in diesem Moment, wenn sie sie nicht endlich fanden.
Aber eigentlich war es aussichtslos ohne ein funktionierendes Radargerät. Die Sichtweite betrug gerade mal zwei Meter. Ruth konnte sich nicht erklären, warum das Hochzeitsschiff so weit hinausgefahren war. Mittlerweile lagen 40 Seemeilen hinter ihnen, normalerweise hätte die Hedwig nur die Hälfte dieser Strecke fahren sollen.
Aber sie würde nach ihnen suchen, bis sie tot umfiel. Denn sie, sie allein, war schuld an dem Unglück. Sie war zu nachgiebig gewesen. Jennifer hatte sie heute Morgen kurz vor der kirchlichen Trauung in ihrem Büro aufgesucht und gebettelt, hinausfahren zu dürfen. »Windstärke sieben ist ja wirklich nichts, nicht, wenn Malte die Hedwig steuert«, hatte Jennifer gesagt. Verschieben kam nicht infrage, sie hatten doch schon die Hochzeitsreise gebucht. Sri Lanka. Abflug morgen.
»Komm schon«, hatte Jennifer gesagt, »der schönste Tag im Leben einer Frau, das wirst du sicher auch bald erfahren … aber nein, das verkneife ich mir jetzt lieber, sonst bist du mir noch böse. Komm schon, Ruth, gib deinem rauen Seemannsherz einen Stoß und lass mich feiern.«
Ruth konnte nicht anders, als Ja zu sagen. Das bereute sie jetzt zutiefst. Ihr Leben war sowieso schon verpfuscht, und dieses Unglück war nur noch eines obendrauf. Sozusagen die Krönung ihres scheiß Lebens. Kein Wunder, dass ihre Tochter nicht mehr mit ihr redete. Mit ihr hätte sie nachgiebiger sein sollen, anstatt mit anderen. Aber ihrer Tochter hatte sie alles verboten, aus Angst, dass sie in schlechte Kreise kam, insbesondere mit Leuten, die Alkohol tranken, denn Alkohol war gleichbedeutend damit, eines Nachts an irgendeinen Baum der vielen Alleen dieser Gegend zu prallen. Wenigstens ging so ein Unfalltod schnell im Gegensatz zum Ertrinken: Nach zwei Minuten ohne Sauerstoff wird man ohnmächtig, nach drei bis fünf Minuten sterben die ersten Gehirnzellen ab, und dann kann es noch zehn Minuten dauern, bis der Tod eintritt.
Klar, dass ihre Tochter Reetna verlassen hatte, sobald sie volljährig wurde. Sie hatte ihr die Luft zum Atmen genommen, und nun rief sie einmal im Monat an. Höchstens.
Mittlerweile waren sie bei Windstärke acht, bei der die Hedwig sicher kämpfen müsste, aber doch deshalb nicht gleich unterging. Malte war mit allen Wassern der Ostsee gewaschen, oder etwa nicht? Ruth biss sich auf die Unterlippe. Wie – um Himmels willen –, wie soll unser Dorf das jemals verkraften? So viele Tote? Niemals wäre das Leben im Dorf dasselbe wie zuvor. Jede Familie wäre betroffen, durch Freunde oder Verwandte, die heute – in dieser Sekunde – ertranken.
Als Ruth ihren Funker Oliver anblickte, wusste sie, dass er ähnlich dachte. Er war aschfahl und sein Blick starr, die Augen geweitet. Aber er konnte noch denken. Er funktionierte. Auf Oliver war Verlass.
»Sollten wir nicht den Kurs ändern?«, fragte er.
Ruth nickte. Sie waren zu weit. Eindeutig.
Sie drückte den Knopf für das Schiffshorn, zweimal kurz: Kursänderung nach Backbord.
Sie fuhren noch drei Minuten, bis sich die Lübeck auf einmal zur Seite neigte. Obwohl Oliver sofort versuchte noch gegenzusteuern, bäumte sich das Schiff am Bug auf. Das Licht in der Kommandozentrale flackerte. Dann kam der Zusammenstoß. Ein Knirschen und Stampfen der Dieselmotoren.
Dann nichts mehr.
Bei jeder Welle, die gegen den Strand donnerte, stob die Gischt auf, vermischte sich mit der regennassen Luft, und es entstand ein dichter Nebel, der die See einhüllte. Wie ein Leichentuch, dachte Nina. Sie saß mittlerweile im Riff, der Strandbar von Reetna, weil der Regen immer stärker geworden war, und kämpfte mit Kaffee gegen die Kälte in ihrem Herzen an. Er schmeckte wie immer nach Brackwasser, und Nina trank ihn langsam, als wollte sie die Zeit ausdehnen und den Tod damit austricksen. Denn es war von jetzt an das Ticken der Zeit, das über Leben und Tod bestimmte: Schon vor zwei Stunden hätte die Hedwig zurück sein sollen. Selbst wenn das, was immer ihr auch passiert war, am Ende ihrer Fahrt eingetreten war, waren zwei Stunden lang. Erst recht bei dem Nebel, erst recht im November. Viel zu lang.
Kyra, die junge Frau von der Mole, saß neben ihr. Sie war mitgekommen ins Riff und hielt sich an einem Früchtetee fest. Ihr schwerer Strickpullover dünstete noch die Feuchtigkeit vom Strand aus, und sie schlotterte. Nina stupste sie an, bedeutete ihr, die Tasse nicht nur zu halten, sondern daraus auch zu trinken, es täte ihr bestimmt gut. Mittlerweile hatte sie erfahren, dass Kyra die Freundin von Knuddel war. Knuddel, den alle so nannten, weil er massiv war, ohne muskulös zu sein; knuddelig eben. Er war einer der Schlagzeuger von Saltwater.
»Er ist nur eingesprungen. Er hätte heute gar nicht dabei sein sollen«, murmelte Kyra auf einmal.
»Wie meinst du das?«, fragte Nina.
Kyra sah sie direkt mit ihren graublauen Augen an. »Moe konnte nicht, weil irgendetwas mit seinem Auto war. Eigentlich hätte Moe heute auf dem Schiff das Schlagzeug spielen sollen.«
»Und dann ist Knuddel eingesprungen?«
»Ja. Ich war dabei, als Simon angerufen hat. Es war Simon, der ihn darum gebeten hat.«
Nina fühlte sich angegriffen und genötigt, ihren Mitbewohner Simon in Schutz zu nehmen. Sie wollte entgegnen: Was könne denn Simon dafür, dass ein Schiff untergehe, er war ja selbst mit an Bord? Aber dann ließ sie es bleiben. Es gab hier nichts mehr hinzuzufügen. Jede Minute, die verstrich, verkleinerte die Überlebenschancen von vierundzwanzig Menschen. So viele waren es wohl, die mit Jennifer und Alex, dem Brautpaar, auf dem Schiff waren. Aber schuld? Schuld war niemand. Bei Windstärke sieben kann man noch rausfahren, wenn man an der Küste bleibt, und Malte war ein erfahrener Kapitän. Trotzdem wurde Nina das Gefühl nicht los: Wenn jemand schuld war, also schuld im Sinne einer strengen Kausalität, dann Simon. Nina kannte Simon seit zwei Jahren, doch nie hatte er sich so sonderbar verhalten wie in den vergangenen Tagen. Er war fahrig, saß bis spät in die Nacht am Schreibtisch und kritzelte auf Papier. Ganze Stapel von Papier. »Weißt du, Nina, Papier kannst du zerreißen, es hinterlässt keine Spuren, es wird nirgends gespeichert, nichts, was dich verrät. Papier verbirgt sich vor den Blicken anderer«, hatte er in einem Atemzug gesagt, ohne sie anzusehen. Dann war er zusammengezuckt, als ein Auto die Schotterstraße an ihrem Haus vorbeifuhr, und war unfähig, sich zu bewegen, bis Nina ihn mit den Worten, das sei nur die Nachbarin, beruhigt hatte. Nina versuchte das Gefühl, dass es zwischen dem Verschwinden der Hedwig und Simons Verhalten einen Zusammenhang gab, mit ihrem Kaffee hinunterzuspülen. Doch sie brachte es nicht fertig, der Kaffee war eiskalt und schmeckte fischig.
Marianne, Ninas Nachbarin, kam von der Toilette zurück, mit geröteten Augen, ein Papiertaschentuch gegen die ebenfalls gerötete Nase gedrückt, und setzte sich zu ihnen. Wortlos, aber doch eine unmissverständliche Aufforderung, sie jetzt nicht allein zu lassen. Es kam Nina vor, als ob sie nicht einmal mehr atmen würde, und sie fühlte sich außerstande, mit ihr über ihre Tochter Julia zu reden. Was hätte sie sagen sollen? Dass Julia und Jennifer sich erst mochten, seit Nina die beiden nach Hamburg gefahren hatte und aus einer Mitfahrgelegenheit Freundschaft geworden war? Das war doch lächerlich. Oder vielmehr: Dann würde dieses Detail an Bedeutung gewinnen, und das würde heißen, dass sie tot wären, denn warum sonst sollte man sich daran erinnern? Das macht man nur bei Verstorbenen. Um sich an jedes noch so kleine Detail zu klammern, aus Angst, der Mensch wäre endgültig ausradiert. Weg. Nicht mehr unter den Lebenden. Also sagte Nina nichts, sondern starrte in ihren zweiten Kaffeebecher, den ihr die Kellnerin gerade gebracht hatte. Ihr wurde klar, dass sie ihn – dampfend heiß trotz Milch und Zucker – auf keinen Fall hätte annehmen dürfen. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen.
Sie sah erst auf, als die Tür zum Riff mit Schwung und – wie es Nina schien – voll Zuversicht aufgestoßen wurde. Sie kannte den jungen Mann, der nun mitten in der Strandbar stand. Es war Niklas, ein Freund, den sie vor langer Zeit in einem Seminar für IT-Projektleiter kennengelernt hatte. Er keuchte, auf seinen Wangen zeichneten sich rote Flecken ab, und er suchte unter den Gästen ein bekanntes Gesicht. Als er Nina sah, hätte sie sich am liebsten weggeduckt, denn sie hatte nichts Hoffnungsvolles zu berichten. Die Hedwig war und blieb verschwunden. Niklas ging mit festen Schritten auf Nina zu, holte sich einen Stuhl heran und fasste sie an den Schultern:
»Das darf nicht sein, was hier passiert«, sagte er leise und bestimmt, so wie er es immer machte, wenn etwas schiefzugehen drohte.
»Niklas, ich …«, fing Nina kläglich an und spürte, wie ihr der Kaffee hochkam.
»Mein Sohn ist da draußen. Und meine Frau.«
Nina hatte zwar geahnt, dass Cigdem auf dem Schiff war, sie war schließlich die Sängerin der Band. Aber Cem? Der kleine Cem? Nina starrte Niklas an und wollte Fragen stellen, doch die Fragen türmten sich auf und verkeilten sich so, dass sie keine einzige hervorbrachte, sondern nur dachte: Cem? Er kann doch noch gar nicht schwimmen. Er ist erst vier. Und Cigdem? Auch sie eine schlechte Schwimmerin. Wir hatten ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert. Weißt du noch? Natürlich weißt du es noch. Vor einem Monat? Draußen in der Bucht? Als sie sich zum ersten Mal vorstellen konnte, dass sie, Nina, und Matthew zusammenkämen. Das prasselnde Holz … Matthew, der diese Ruhe ausstrahlte, eine schon fast stählerne Ruhe; der kleine Cem, der glücklich mit Blick in den Sternenhimmel im Schlafsack einschlief; und Cigdem mit ihrem glucksenden Lachen. Aus und vorbei. Warum hatte sie Cem auf das Schiff mitgenommen?
»Cem ist auch auf dem Schiff?«, flüsterte Nina unendlich später.
»Ja, ich … ich konnte nicht auf ihn aufpassen, deshalb hat ihn Cigdem mitgenommen. Ich musste noch nach Rostock in die Firma. Es war ein Notfall, ich konnte das nicht absagen.«
Da war sie wieder, die Schuld, und das Reinewaschen von Schuld gleich mit dazu. Der erste Reflex der Menschen, noch vor der Trauer.
»Klar«, sagte Nina nur und nickte.
»Gibt es hier jemanden, mit dem man sprechen kann?«, fragte Niklas und sah sich suchend um. »Jemand, der den Stand der Dinge kennt?«
Nina konnte die Tatkraft in seiner Stimme nicht ertragen, versuchte aber dennoch, selbst schwungvoll zu klingen. »Die Lübeck ist draußen. Ruth macht die Einsatzleitung.«
Er entspannte sich ein wenig und ließ Ninas Schultern los. Wenn Ruth die Suchaktion leitete, war bisher immer alles gut gegangen. Ein Name zum Festhalten.
»Hat jemand Kontakt zu ihr?«
Nina schüttelte den Kopf. Kein Funkkontakt. Sie traute sich nicht, ihm das zu sagen.
»Und?«
»Keine Ahnung.«
»Wie? Man kann sie anrufen? Oder?«
»Geht nicht. Nichts funktioniert. Kein Handy, kein Funk«, bekannte Nina dann doch.
Niklas blickte auf sein Handy. Schüttelte es, als ob die Balken im Display nur verrutscht wären. Ein ungläubiger Blick. Nina zuckte die Schultern.
»Kaffee?«, fragte Nina hilflos.
Niklas drehte sich mit einem »Shit« um und stürmte nach draußen.
»Die Polizei ist am Strand«, rief sie ihm nach. »Vielleicht kannst du da …«, aber Nina brachte den Satz nicht zu Ende. Niemand konnte hier helfen. Höchstens Matthew und Ruth. Dort, wo sie waren, auf See, spielte sich die Tragödie ab.
Nina schloss die Augen und dachte wieder an Cigdems dreißigsten Geburtstag. Es war ein zauberhafter, magischer Abend gewesen. Matthew hatte sie am Lagerfeuer so intensiv angeblickt, Cigdem hatte Gitarre gespielt und Halleluja von Leonhard Cohen gesungen. Bestimmt hatten sie es auch heute wieder bei Jennifers Hochzeit gespielt, denn das Repertoire der Band war eher bescheiden.
Wieder ging die Tür auf, und ein Mann um die fünfzig Jahre trat ein; er war groß, sportlich und sah sehr amerikanisch aus: kantiges Kinn, große, gerade Zähne in einem geröteten Gesicht. Das Auffälligste an ihm waren seine Augen. Sie wirkten unnatürlich hell; sie waren von dem gleichen silbrigen Blau, das Nina einmal in den Augen eines Wolfs gesehen hatte.
Der Mann schritt zur Bar, bestellte etwas und musterte die Gäste.
Auf einmal spürte Nina, wie Kyra neben ihr zusammenzuckte. »Netz!«, rief Kyra durch das Riff. »Die Handys! Wir haben wieder Netz!«
Vier Balken. Voller Ausschlag. Nina rief Simons Nummer an. Mailbox. Sofort und ohne ein Rufzeichen dazwischen. Nicht gerade ermutigend. Auch Kyra ließ ihr Handy sinken und atmete schwer. »Mailbox«, murmelte sie. Beide blickten gebannt auf Marianne, die ihr Handy ans Ohr presste und die Augen geschlossen hielt. Als Nina sah, wie Marianne zuckte, weil das Piep der Ansage sie wie ein scharfes Schwert durchschnitt, stand Nina auf. Sie konnte das nicht länger ertragen. Sie musste raus an die Luft. Der Kaffee in ihrem Magen schwappte, als sie zur Tür ging. Ihr war speiübel.
Die Schiebetür im Quarantine Facility Center der NASA öffnete sich automatisch, und Shana roch sofort das Neopren der Raumanzüge. In der rechten Hand hielt sie einen für diesen Anlass geradezu lächerlichen Styropor-Kaffeebecher, den ihr Ed, ihr Chef, noch in die Hand gedrückt hatte. Heute war der Tag, an dem sie mit ihrer Crew die Erde verlassen würde; der Tag, von dem sie schon als kleines Mädchen geträumt hatte.
Sie stellte den Kaffeebecher ab, darauf bedacht, dass er keine Ränder auf der blanken Tischplatte hinterlassen würde. Hier war alles klinisch sauber und mehrere Male desinfiziert worden. Sie schlüpfte in ihren Raumanzug, einen Kompressionsanzug, feuerbeständig und in mehreren Schichten genäht. Die Techniker um sie herum, allesamt Männer, halfen ihr dabei. Gerade prüften sie die innere Schicht, durch die das Abkühlwasser gepumpt wird. Dann zog ihr jemand den großen Reißverschluss am Rücken zu, ein Geräusch wie eine schnurrende Katze, und sie war fertig!
Ein kurzes Verabschieden mit den Fingerknöcheln, ein ebenso distanzierter wie freundschaftlicher Gruß, dann stand sie allein im Raum. Keiner hatte einen bösen Kommentar abgegeben. Weder über ihre Figur, die an der Obergrenze des für eine Raumfahrt noch zulässigen Gewichts lag – vor allem hüftwärts hatte sie, seit sie in den USA angekommen war, etwas zugelegt –, noch wie schwer es sein würde, ihre Afrolocken unter den Astronautenhelm zu bekommen. Sie hatten einfach hoch konzentriert ihren Job gemacht. Dafür war sie dankbar, sie war anderes gewohnt.
Shana drehte sich um. Ihre drei Teamkollegen, mit denen sie ins All aufbrechen würde, warteten schon in der Schleuse auf sie. Schließlich traten sie gemeinsam hinaus ins Freie, wo der Kleinbus, den alle »Astro-Van« nannten, bereits den Motor laufen ließ. Hinter einem Absperrband warteten NASA-Mitarbeiter und Journalisten auf die Crew.
»Here they come!«, rief es schon aus der Menge. Die anderen winkten, aber Shana starrte auf den Teerboden. Ihr war die Aufmerksamkeit unangenehm. Erst als sich alle positioniert hatten, hob sie den Kopf. Die Kameras klickten, und die Journalisten riefen ihr zu: »Wave! Smile!« Shana tat ihnen widerwillig den Gefallen und winkte. Klick, klick. Sie war es, die im Mittelpunkt der Berichterstattung über die Crew stand, denn ihre Biografie hatte den Dreiklang inne, den Journalisten lieben: Frau, afrikanischer Abstammung und aufgewachsen in East Ham, einem heruntergekommenen Viertel Londons. Shana konnte die Artikel, die sie schreiben würden, schon vorhersagen, es kamen verlässlich Phrasen vor wie »von ganz unten hoch hinaus«, »nach den Sternen greifen« oder »Mission impossible«. Und jeder Artikel, wirklich jeder, stellte die Frage, wie denn ihre »krausen Haare« unter den Astronautenhelm passen würden.
Als der »Astro Van« in Richtung des Raketenstartplatzes losfuhr, war es still im Bus, zu ehrfürchtig war dieser Augenblick. Ihr Ziel, die Taurus-V-Rakete, war ein paar Meilen entfernt, und doch blitzte sie während der Fahrt zwischen den Bäumen hervor und wurde dabei größer und größer. Schließlich war er da, der Moment, auf den Shanas Leben zugefahren war und sich nun in dem einen Punkt verdichtete.
Ein metallischer Geruch erfasste sie sofort, als sie aus dem Van ausstieg. Steil und mächtig ragte die Rakete empor. Ein Wunderwerk der Technik und lebendig, mehr als lebendig. Die Taurus V pulsierte und zitterte.
Shana betrat den Aufzug der Plattform, der sie auf etwa fünfzig Meter brachte, sozusagen auf Augenhöhe mit der Rakete.
Wie wunderschön glatt der Ozean von hier aussah; dort hinten die Bucht von Banana Creek, mit den tropischen Mangroven und der Launch Viewing Area, wo sich Schaulustige versammelt hatten.
Shana blinzelte zu Ed, ein großer, beinharter Mann, der genau die Art von beruhigender Stille verströmte, die man von einem erwartete, der schon zum vierten Mal ins Weltall aufbrach.
Ein Gang führte sie zur Einstiegsluke, durch die Shana nun kroch. Einer der vielen Techniker, die die pulsierende Rakete wie Planeten umschwirrten, überprüfte die Gurte, die die Crew in den Sitzen halten sollten. Er zog noch einmal nach, und dann schloss sich die Öffnung. Nun waren sie zu viert in diesem pfeilschnellen Schiff: Shana, dann Ed, der Crew-Chef, Thierry, ein französischer Geologe, dessen gute Laune jeden ansteckte, und zuletzt Kevin, der blitzgescheite Amerikaner, der beinahe an der Mindestgröße von 1,65 Meter gescheitert wäre.
Shana nahm einen Kaugummi gegen den Druck in den Ohren. Sie starrte auf die Anzeige, die rückwärts lief. Noch 19 Minuten. Sie verwendete selten Kraftausdrücke, höchstens in Gedanken, aber jetzt konnte sie nicht anders, als vor sich hin zu murmeln: »Fuck, fuck, fuck.« Sie räusperte sich, als sie merkte, dass Thierry, der neben ihr saß, sie gehört hatte.
»Ein Gebet – es war schlicht ein Gebet«, sagte sie schnell.
Die Rakete aktivierte die Beschleunigungssysteme, noch mehr Treibstoff wurde hineingepumpt, und selten, so dachte Shana, war ein Neuanfang, ein neues Kapitel im Leben, am ganzen Körper so spürbar wie gerade jetzt. Sie roch das Metall und den Treibstoff, ihr ganzer Körper vibrierte, ihr Anzug klebte an ihr, und sie musste ihre Augen zusammenkneifen, um bei dem Schütteln die Daten von den Monitoren abzulesen. Vielleicht fiel es ihr deshalb jetzt erst auf: Sie konnte es nicht sagen, aber in der Mischung aus Zahlen und Buchstaben, die den Luftdruck und die Füllhöhe des Treibstofftanks anzeigten, fehlte etwas. Eine Abwesenheit einer Information, die sie schmerzte. Irgendetwas war anders, als es hätte sein sollen; anders als das, was sie in den Übungen tausendfach gesehen hatte. Es war, als hätte jemand ein Bild an der Wand, das schon jahrelang an derselben Stelle hing, heimlich ein paar Zentimeter nach rechts gehängt.
Noch 3:37 Minuten.
Shana blickte zu Ed. Er kommunizierte mit der Raketenbasis in Florida. Normale Stimme, keine Hektik, für ihn schien alles in Ordnung zu sein.
Bei 2:05 traf Shana die Erkenntnis: »Fuck!«, rief sie laut.
»Der Launchtower. Er hängt noch an der Rakete.« Shana deutete auf den Monitor. Dort, wo das Release-Zeichen hätte sein sollen, war nichts. Der große Turm mit dem Aufzug, der sie auf die Höhe der Einstiegsluke gebracht hatte, war noch an der Rakete angedockt. Was für ein saublöder Fehler. So offensichtlich und simpel, aber verdammt gefährlich. Ed begriff sofort und handelte, gab die Information an die Basisstation weiter, und es genügte ein Knopfdruck, der die Verbindung zwischen Launchtower und Rakete löste. Ein Knopfdruck, der ihr Leben rettete.
Null!
Die Schubkraft drückte sie mit Wucht in ihre Sitze. Die Rakete ächzte, jede Schraube, jede Mutter, die hier verbaut war, stöhnte unter dem gewaltigen Druck, und Shana wurde durchgeschüttelt wie noch nie in ihrem Leben. Der Launchtower verschwand aus dem Fenster, die Rakete entwickelte ein Eigenleben, und nach einer halben Minute spürte sie, wie sie nunmehr nicht mehr steil nach oben, sondern eine Kurve flogen, in Richtung der ISS, der International Space Station.
Die Rakete hinterließ eine Feuerspur; von ihrem Fenster aus konnte Shana die Flammen sehen, die den Treibstoff verbrannten. Rot-gelbes Feuer, in der Mitte blau, unkontrollierbar und laut. Dad! Dad, wo bist du? Flammen! Shana schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren Atem, bis sie spürte, dass sich draußen vor ihrem Fenster die Welt änderte.
Sie waren an einem hellen Morgen gestartet, nun wurde der Himmel dunkelblau-seidig, dann indigofarben und immer dunkler, bis alles schwarz wurde. Ein tiefes, sattes Schwarz. Sie war im Weltall! Mit einem Rumms lösten sich zwei Triebwerke, das Rütteln hörte auf, es gab keinen Luftwiderstand mehr, und die Rakete flog leise und leicht durch das All wie ein Papierflieger.
Erst einmal in ihrem Leben hatte Nina den Tod gesehen, vor vielen Jahren, als sie noch ein Schulkind war. Damals war ihre Katze vier Stockwerke vom Balkon auf einen Betonsockel gestürzt. Als Nina von der Schule nach Hause kam, empfing ihr Bruder sie mit einem Spaten an der Tür und meinte: »Wir müssen die Katze begraben.«
Der Tod hatte das Tier stocksteif gemacht, aber das Fell war noch genauso weich und seidig, als würde sie leben.
Ihre Eltern wollten damals den Kindern etwas zum Trost schenken. Ihr Bruder hatte schon lang auf einen Chemiekasten gespart und bekam das Geld, das noch für den Kauf fehlte. Aber die Summe, die Nina für ein Fahrrad brauchte, war um einiges höher. Also bekam sie nichts. Nach ein paar Tagen hatte ihr Bruder die Katze vergessen, und der Futternapf wanderte in den Keller, zu den ausrangierten Spielsachen. Aber Ninas Trauer und Bitterkeit über die Ungerechtigkeit, wie die Eltern sie behandelt hatten, blieben. Und die Erkenntnis, dass der Tod plötzlich kam, ohne Vorankündigung, an einem schönen Sommertag. Er gewährte keinen Aufschub, und alles, was Nina noch für ihre Katze hätte machen wollen, war auf einmal sinnlos. Die Milchschale, die sie gerade in der Schule töpferte, der Katzenkorb, das Spielzeug mit den Federn. Das Nicht-da-Sein der Katze war überall zu spüren. Keine Haare mehr auf dem Sofakissen, kein Schnurren mehr, kein Um-die-Beine-Winden zur Futterzeit. Das ganze Haus war voll von ihrer Abwesenheit.
Wie das erst mit Simon sein musste, machte Nina gerade ziemlich Angst, als sie mit dem Rad nach Hause fuhr. Sie wusste, sobald sie die Tür öffnete, würde Simon ihr fehlen. Sie würde zusammenbrechen, wenn sie seine Kaffeetasse von heute Morgen im Spülbecken finden würde. Oder seine Jacke, die bestimmt wie immer achtlos auf dem Sofa lag.
Nun war er da, der Tod. Groß und so dunkel, dass man sich vor ihm wegducken mochte.
Nina holperte mit dem Rad über das Kopfsteinpflaster und hatte schon die halbe Strecke hinter sich, da sah sie weit vorn auf der Straße, auf Höhe des Campingplatzes, Kyra. Nina rief nach ihr, aber Kyra reagierte nicht, und als sie sie überholte, bemerkte sie, dass Kyra Kopfhörer trug und einen Song mit heiserer Stimme mitflüsterte, wobei ihr Tränen auf die Lippen fielen.
»Kyra, du solltest jetzt nicht allein nach Hause gehen.«
Kyra blickte sie ausdruckslos an. »Ich bin nicht allein. Hab ja meine Musik.«
Nina stieg ab und schob ihr Fahrrad neben Kyra her.
Kyra zog ihr Handy aus der Jackentasche, stoppte die Musik und rief ihre persönlichen Nachrichten auf. Wortlos zeigte sie Nina eine Nachricht, die mit einem Foto versehen war: Knuddel, ihr Freund, lachte in die Kamera. Daneben Cigdem, die Sängerin. »Goodbye, Mast- und Schotbruch. Wir fahren jetzt raus«, hatte Knuddel daruntergeschrieben.
»Goodbye. Verstehst du? Als wenn er es gewusst hätte«, sagte Kyra. Sie starrte Nina mit verquollenen Augen an. Nina konnte mit Aussagen dieser Art nicht umgehen, sie glaubte nicht an das, was sich in die Kategorie »Übersinnliches« einordnen ließ. Obwohl sie gern daran glauben würde, es machte das Leben einfacher, aber sie war zu sehr Mathematikerin, als dass sie mit Unbekannten rechnen konnte, und wenn sie sich fragte, warum sie nicht an vierblättrige Kleeblätter, Telepathie und so etwas glaubte, dann hatte sie eine Erklärung parat: Es waren die Sternschnuppen, die sie enttäuscht hatten. An der Ostsee, nachts am Strand, gingen die Sternschnuppen im Sommer nieder wie Leuchtraketen, aber niemals hatten sie Ninas Wünsche erfüllt, die sie flüsterte, während die Sternschnuppen verglühten. Nach vielen, vielen Wünschen hatte Nina aufgegeben, an die Magie der Sternschnuppen zu glauben.
Nina blickte noch einmal auf das Foto, und es zerriss ihr das Herz, wie glücklich ihre Freunde aussahen. Doch da war noch etwas: Hinter Cigdem und Knuddel sah sie einen dunklen Fleck. Könnte eine graue Möwe sein. Irgendetwas, das dort in der Luft flog, genauso grau wie die Gewitterwolken am Horizont.
»Kannst du mir das Foto schicken?«, fragte Nina.
»Yep. Es ist wohl das letzte Foto von den beiden. Gibst du es dann auch Niklas, Cigdems Mann?«
Nina nickte. Obwohl sie nicht wusste, mit welchem Kommentar sie ihm das Foto senden sollte. »Übrigens, als Erinnerung …«? Oder ganz ohne Kommentar, mit der Gefahr, dass das Foto plötzlich auf seinem Handy auftauchen würde wie ein Schlag ins Gesicht. Wie macht man so etwas?
»Ich denke, sie haben es gespürt«, sagte Kyra noch einmal.
Schweigend gingen die beiden Frauen die Straße hinunter. Der Wind blies heftig von der See, und das Geräusch von flatternden Zeltwänden am Campingplatz drang bis zu ihnen herüber. Selbst im November gab es noch Menschen, die zelteten: Kite-Surfer, Weltreisende, Hobbyfotografen.
Inzwischen waren sie auf einer Anhöhe angelangt, von der man tagsüber einen Blick auf die Ostsee hatte, und Nina konnte nicht anders als Ausschau halten, nach etwas in den Wellen, nach irgendetwas Lebendigem; wenn sie jetzt die Hedwig entdeckten, dann wäre alles wieder gut. Aber da war nichts. Natürlich nicht.
Der Strand war flach und menschenleer; nur das Bootshaus mit einem Schiffswrack, der Sojus, die beide zum Campingplatz gehörten, ragten als einzige Erhebung heraus und waren gut erkennbar, denn noch immer strahlte der Sand seine weiße Farbe in die Dunkelheit ab.
Doch da war jemand. Eine Gestalt. Irgendjemand, der sich Zugang zum Bootshaus verschaffte. Dieser Mensch, eben noch gebückt, richtete sich wieder auf und trat vom Haus zurück. Seine Konturen zeichneten sich scharf vom Horizont ab, und dieser Mensch dort, er sah aus wie …
»Simon!«, entfuhr es Nina.
»Was? Wer?«, fragte Kyra.
Nina zeigte in die Richtung des Bootshauses, und da sah Kyra ihn auch: das strubbelige Haar von Simon, seine Körperhaltung … Er stand dort und blickte auf die See hinaus, mit dem Rücken zu ihnen. Die Größe, die Art, wie er den Kopf reckte, das war Simon! Eindeutig. Aber er hatte etwas an der Hand und hielt es fest. Keine Pistole, kein Handy, sondern etwas noch Erschreckenderes: Er hatte ein Kind dabei. Ein Kind, das ihm bis zur Hüfte ging.
»Cem?«, schrie Kyra. »Cem, wo ist Knuddel? Simon? Hallo?«
Kyra rannte auf den Zaun des Campingplatzes zu.
Das Heckruder war alles, was Matthew bisher von der Hedwig entdeckt hatte. Viel zu weit war er mittlerweile schon geflogen. Im Grunde wusste er das, aber andererseits war es unmöglich, dass er das Schiff übersehen hatte. Ein schwerer Kutter wie die Hedwig löste sich nicht einfach in Luft auf. Es sei denn, sie wäre mit offenen Schoten auf Grund gelaufen.
Ein Blitz zuckte am Horizont, dann noch einer. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Luftströme wirbelten durcheinander und bauten eine Wand aus Wolken auf. Die Thermik spielte verrückt; die Außentemperatur fiel steil nach unten und stieg sofort wieder an. Ein Zickzack innerhalb von ein paar Minuten. Eiskristalle knallten auf die Frontscheibe des Hubschraubers.
Die Luft roch auf einmal schärfer, ein Hauch von Chlor durchzog das Cockpit. Matthew drehte an der Klimaanlage, aber mit einem Mal wusste er, was den Geruch ausmachte: Ozon, das Gas, das nach elektrostatischen Entladungen entstehen kann. Wieder blitzte es.
Auf einmal erhellte sich das Cockpit, und ein blau-violettes Licht fächerte sich über die gesamte Breite der Windschutzscheibe. Blitze zuckten und züngelten von unten, von den Kufen des Hubschraubers, bis zum Rotorkopf. Matthew ahnte, was es war: ein Elmsfeuer. Er hatte noch nie eines gesehen, aber als Kind hatte er darüber gelesen, in Moby Dick und in der Odyssee. Ein einzeln auftretendes Elmsfeuer galt in den Erzählungen der Seeleute als unheilverkündend; zwei Feuererscheinungen dagegen wären ein Garant dafür, dass das Schiff heil im Hafen ankomme, so hatte man es sich während seiner Marineausbildung erzählt. Matthew flog noch eine ganze Weile im Kreis, und irgendwann war ihm klar, warum er das machte: Er hoffte insgeheim auf ein zweites Feuer, das ein Zeichen von Hoffnung setzte. Aber nichts kam mehr. Nur noch Regen vor grauem, abweisendem Himmel.
Dafür knisterte das Funkgerät; es funktionierte wieder, und Matthew beschloss umzukehren, um die Lübeck zu suchen. Er musste Ruth von dem gesichteten Heckruder berichten. Er flog durch die Wolkenwand und nahm Kurs auf die Lübecker Bucht.
»Lübeck für Bremen!« Ruth atmete auf. Das Funkgerät schien endlich zu reagieren. »Lübeck für Bremen«, wiederholte Ruth. Es meldete sich eine Stimme: »Hier Bremen.«
»Gebt auf Kanal 16 eine Meldung aus: Wir brauchen zusätzliche Einheiten.« Ruth war ratlos, wie viel Hilfe sie konkret brauchte. Fest stand: Die Hedwig, in die sie mit 10 Knoten hineingekracht waren, war gekentert; ein Teil des Schiffsrumpfs lag bäuchlings nach oben wie ein toter Wal.
Ruth beobachtete von der Kommandozentrale aus, wie Oliver sich über die Reling beugte und nach Lebenszeichen Ausschau hielt. Er lief auf und ab, aber seine Rufe gingen im Wind unter. Ihm blies nur der kalte Atem des Novemberunwetters entgegen und sonst nichts und niemand.
Er feuerte die Signalnotpistole ab. Päng. Doch nur das Heulen des Windes und der leuchtende Ball der Rakete über der See.
»Received. Kommen. Fahren mit 15 Knoten.«
»Verstanden. Ende«, antwortete Ruth. Auf dem Monitor konnte sie die Schiffskennung ablesen. Ein schwerer dänischer Tanker kam ihnen zu Hilfe. Er war das einzige Schiff, das auf den Notruf von Kanal 16 reagiert hatte. Er müsste in ein paar Minuten bei ihnen sein, und vielleicht reichte es noch, um ein paar Menschen zu retten. Theoretisch konnte man im vier Grad kalten Wasser neunzig Minuten überleben, wenn man es irgendwie schaffte, den Kopf über Wasser zu halten. Deshalb war die einzige entscheidende Frage: Seit wann tickte die Uhr? Wann war die Hedwig gesunken?
»Wir bekommen Hilfe«, sagte Ruth zu Oliver, der die Kommandobrücke betrat, völlig durchnässt und atemlos. Sie nahm die Verzweiflung in seinen Augen wahr, doch er funktionierte, bewegte sich mechanisch, baute die Funkverbindung zur Einsatzleitung in Bremen auf, kappte die Dieselzufuhr des Motors und prüfte die blinkenden Warnsignale auf dem Display. Doch sie sah ihm an, dass er innerlich aufgegeben hatte.
»SAR für Lübeck, Matthew für die Lübeck!«, rief Matthew durch das Funkgerät. »SAR für LübeckHBY2 …« Ruth spürte, wie ihr die Tränen kamen. Sie waren in den letzten Jahren immer ein Team gewesen. Oliver, Ruth und Matthew. Noch nie hatten sie Tote aus dem Wasser gezogen, seitdem Matthew zu ihnen nach Reetna gekommen war und den SAR-Hubschrauber bei jedem Wind und Wetter flog.
»Siehst du irgendwo Menschen?«, fragte Ruth und beobachtete, wie Matthew dicht über dem Wasser hinwegglitt. Er steuerte den Hubschrauber leicht nach vorn geneigt, damit die Rotorblätter den Abwind wegdrückten und die Lübeck nicht aus ihrer Position gebracht wurde. Ein Hubschrauber konnte Winde entfachen, die ganze Schiffe vor sich hertrieben.
»Nein. Keine Infrarotzeichen.«
»Ein dänischer Tanker ist unterwegs zu uns. Auch die dänische Seenotrettung ist alarmiert.«
»Gut. Wir können jede Hilfe brauchen.« Matthew kreiste nun über den beiden Schiffen.
»Ende«, antwortete Ruth knapp.
Sie schloss die Schiebetür, die das Deck von der Kommandozentrale abtrennte. Sie wollte jetzt nicht mit Oliver sprechen. Sie wollte allein sein.
Als Kind keine Eltern gehabt zu haben, auch keine Großeltern – das war eindeutig eine Störung der Evolution. Als solche jedenfalls hatte sie sich immer gefühlt und die mitleidigen Blicke, die sie so hasste, mit einer Erklärung für jeden sichtbar an die Wand genagelt: Ihre Mutter sei bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater später, als sie in die Grundschule kam. Immer wenn sie diesen Satz zu jemandem sagte, dann betonte sie die Tode einzeln, damit man nicht an einen Unfall dachte. Ihre Eltern waren unabhängig voneinander gestorben, im Zeitraum von sechs Jahren. Die schweigsamen Sekunden danach waren die schlimmsten, dieses Ringen nach Luft, das in triefendes Mitleid überging. Shana hatte im Lauf der Zeit gelernt, darauf nicht mehr zu achten, und manchmal genoss sie es, der Sprachlosigkeit zuzusehen. Es sagte etwas über denjenigen Menschen aus. Verdrängte er den Tod? Dachte er überhaupt darüber nach? Sie jedenfalls hatte ihre Worte gefunden; immer dieselben, in derselben Taktung, chronologisch geordnet, ihre Worte standen da, wie in die Erde getriebene Pflöcke: Mum, Dad, tot. So war es nun mal. Am Tod ist nicht zu rütteln.
Shana sah, wie der verbrannte Treibstoff der Rakete nach außen abstrahlte und einen im Vergleich zur schwarzen Tiefe des Alls geradezu lächerlichen Lichtschein abwarf. Auf der Erde wäre das eine gigantische Zehnmeterflamme, aber hier im Universum nur eine Art Hauch von Licht. »Dad, guck mal. Da bin ich«, flüsterte sie.
Nun war auch der Geruch anders. Das waren nicht mehr das Metall und die Gummiabdichtungen der Rakete, die sie roch, das war etwas anderes. Kalt und scharf wie Glassplitter mit einer Grundnote von Ammoniak. Das All roch unmissverständlich lebensfeindlich und abweisend. Keine fünf Minuten konnte man dort draußen überleben, man würde ersticken und erfrieren gleichzeitig bei einer Durchschnittstemperatur von minus 270 Grad.
Dad, siehst du mich, wie ich durch das All gleite? Wie ich durch die Unendlichkeit fliege mit einer Selbstverständlichkeit, die die Menschen meiner Generation haben? Weil für uns alles möglich ist?
Da fühlte sie sie wieder, die neue Seite im Kapitel ihres Lebens. Es war vorbei mit der Trauer, die sie immer gelähmt und begleitet hatte, wie eine Klimaanlage in einem Hotel, die sich nicht abschalten lässt. Immer einen Tick zu kalt und zu laut.
Noch drei Stunden und vierzig Minuten, dann würde sie wieder Boden unter den Füßen haben. Einen Boden aus Metall, der im Weltall schwebte. Wie ein Floß, angedockt an einem unsichtbaren Pfosten mitten im Ozean.
Kyra war eindeutig die Mutigere von ihnen. Nina konnte sie in der Dunkelheit nicht mehr sehen, sie war zu weit vorgeprescht und musste wohl schon über den Campingplatz hinaus zum Strand gelaufen sein. Aber die Gestalt am Bootshaus war weg. Mitsamt dem Kind war sie zwischen den Kiefern verschwunden.
»Simon! Hör auf damit, was soll das?«, schrie Nina in die Dunkelheit hinein und rannte weiter vor zum Campingplatz, und ehe sie es wollte, stand sie mitten darin. Reißverschlüsse öffneten sich, Gesichter schauten sie an, und Nina konnte ahnen, was sie sich fragten: Eine Verrückte? War sie gefährlich? Keiner traute sich, sie anzusprechen. Schließlich fanden sich Kyra und Nina wieder, aber Simon blieb vom Waldboden verschluckt.
Noch eine Weile hasteten sie über den Campingplatz, stolperten über die Abspannseile der Zelte und riefen nach Simon und Cem, bis ihre Rufe immer kläglicher wurden. Schließlich gaben sie auf, kletterten über den Zaun zurück zur Straße, wo Nina ihr Rad in der Eile auf den Boden geworfen hatte.
»Kyra, wie wäre es, wenn du bei mir schläfst? Du solltest heute Nacht nicht allein sein.« Als Kyra nickte, fügte Nina hinzu: »Und ich auch nicht.«
Mit allerletzter Kraft stellte Nina ihr Rad im Vorgarten ab und wollte die Haustür aufsperren. Doch als sie den Schlüssel in das Schloss gesteckt hatte, ließ er sich mehrmals drehen, er stieß auf keinen Widerstand, und die Tür ging von allein einen Spalt auf. Nina riss sie schließlich ganz auf: »Simon?«, rief sie.
Kyra stellte sich breitbeinig in die Diele und rief: »Jetzt reicht es!«, aber Nina machte »Psst!«, was ihr sofort lächerlich erschien. Schließlich hatten sie beide soeben noch laut gerufen.
»Denk mal nach: Jemand hat das Schloss kaputt gemacht. Aber nicht Simon. Er hat einen Schlüssel und hätte die Tür ganz normal auf- und wieder zugemacht«, flüsterte Nina.
»›Simon‹ und ›normal‹ haben noch nie zusammengepasst«, zischte Kyra. Doch dann hörten sie es beide: Von oben, vom ersten Stock, kam ein Geräusch. Ein Scharren. Da war jemand.
Die beiden Frauen blickten sich an. Nina holte ihren Regenschirm aus dem Ständer in der Diele. Der Holzgriff lag schwer in der Hand. Kyra nickte zustimmend.
Nina versuchte, das Pochen ihres eigenen Herzens zu überhören, während sie angespannt lauschte. Von oben kam kein Laut mehr. Totenstill. Kyra nahm die Treppe nach oben.
Die Tür zu Simons Zimmer stand weit offen. Es war still. Diese Art von Stille, die nur darauf wartete, einen anzufallen, dachte Nina. Was, wenn mehrere Menschen in diesem Zimmer waren, nicht nur ein einzelner Einbrecher? Selbst Kyra zögerte, einzutreten. Beide blieben am obersten Treppenabsatz stehen, und eine unstete, wabernde Dunkelheit starrte sie aus Simons Zimmer an, das mit einem Mal fremd und feindselig geworden war.
»Sollen wir?«, flüsterte Kyra.
Nina war unfähig zu antworten. Ihre Gedanken waren zähflüssig und vor Angst gelähmt. Sie sah im Dunkeln Simons Bademantel, der schlaff über dem Kleiderständer hing.
Sein Fahrradhelm am Boden.
Der Baseballschläger an den Wäschekorb gelehnt. Der Baseballschläger –
»Siehst du den Baseballschläger dort?« Endlich formte sich ein Gedanke, und Nina brachte ihren Regenschirm wie eine Lanze in Position.
Kyra nickte.
»Wenn du den zu fassen bekommst –«
»Auf drei. Dann stürmen wir rein!« Als Kyra eins flüsterte, wurden Ninas Knie weich. Bei zwei setzte ihr Atem aus, und bei drei froren ihr alle Gliedmaßen ein. Sie sah nur zu, wie Kyra auf den Baseballschläger zustürmte und zu einem Schlag in die Dunkelheit ausholte. Nichts passierte. Es war immer noch still. Beschämt wegen ihrer Feigheit betrat Nina das Zimmer und betätigte den Lichtschalter. Da war niemand. Nicht hier.
Das Poltern auf der Treppe ließ die beiden zusammenfahren. Jetzt war es Nina, die endlich reagierte. Sie lief dem Eindringling hinterher, doch die Treppe schien kein Ende zu nehmen. Du kommst mir nicht davon! Nicht in meinem Haus. Nina nahm die letzten fünf Stufen im Sprung, spürte, wie der Schmerz ihres Kreuzbandrisses vom Sommer wie eine Stichflamme aufloderte. Sie sah die Gestalt durch die Haustür verschwinden, sie hechtete ihr nach, holte mit dem Griff des Regenschirms aus und erwischte tatsächlich einen Fuß. Die Gestalt strauchelte, fiel gegen die kaputte Haustür nach draußen, fing sich wieder, doch Nina bekam den Mann am T-Shirt zu fassen. Ja es war wohl ein Mann, so breit wie er war. Doch dieser Mann erwischte den Eimer an der Haustür, den Nina für den Kompost brauchte, und haute ihn ausgerechnet an das verletzte Bein. Nina ging in die Knie vor Schmerz, japste nach Luft, landete in fauligen Gemüseabfällen und starrte in die Dunkelheit.
Bling. Das automatische Öffnen einer Autotür ein paar Meter entfernt. Nina konnte ihm nur noch diesen Eimer auf die Windschutzscheibe werfen, ein blecherner Abschiedsgruß, der nichts ausrichtete. Er fuhr rückwärts, die Reifen quietschten. Drehte. Wendete. War weg.
