Beschreibung

Ein Polit-Thriller der Extraklasse

Gabriel Lassen, ein enger Vertrauter des russischen Patriarchen Tichon II., wird in einem Moskauer Hinterhof zu Tode geprügelt. Sein Zwillingsbruder Adam ist fassungslos: Ist es Zufall, dass der Patriarch nur wenige Stunden zuvor ebenfalls starb? Bei der Suche nach den Umständen von Gabriels Tod stößt er auf eine unheilige Allianz von Kirche, Politik und Wirtschaft. Und auf die faszinierende Geschichte seiner eigenen Familie.

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EPUB

Seitenzahl: 682


Leif Davidsen

Der Tod des Patriarchen

Roman

Aus dem Dänischen von Ann-Bitt Gerecke

Deutscher Taschenbuch Verlag

Teil 1 Der Rechtgläubige

»Denn noch am gestrigen Tage sprach ich mit euch, doch jählings kam über mich die schreckliche Stunde des Todes. So kommt alle, die ihr mich liebt, und küsst mich mit dem letzten Kusse! Denn nicht mehr werde ich bei euch sein oder mit euch reden.«

 

Psalm bei der orthodoxen Bestattung (6. Ton)

1

Es heißt, Seine Heiligkeit, der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Tichon der Zweite, sei in einer Winternacht friedlich in seinem Bett im Danilow-Kloster in Moskau entschlafen. In dieser Nacht fiel der Schnee so still und bedächtig auf die Stadt, als würde der Herrgott höchstselbst in der letzten Stunde dieses heiligen Mannes sanfte Tränen vergießen. Das sagten zumindest einige heuchlerische Politiker, die aus dem Ableben des großen Mannes auf billige Weise Profit zu schlagen suchten. Es dauerte denn auch nicht lange, bis in verschiedenen Gemeinden und in einigen Medien die Forderung aufkam, ihn heiligzusprechen. Das ehemalige Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche war nur einen Tag vor meinem Bruder unter großer Anteilnahme, Glockengeläut, vielen Kreuzeszeichen und Gebeten zu den Ikonen gestorben.

Der Tod meines Bruders hatte nichts Unverschuldetes oder Friedliches an sich. Er wurde in einem schmutzigen Hinterhof in Moskau, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass er ihn freiwillig betreten haben soll, überfallen, brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt.

Merkwürdigerweise wurde sein Tod nur von wenigen bemerkt, obwohl er einer der engsten, wenn auch anonymen Mitarbeiter des Patriarchen war. In Moskau wurden in einer schlechten Nacht mehr Morde begangen als in Chicago zu Zeiten Al Capones. Aber das reichte als Erklärung nicht aus, auch wenn mein Bruder vermutlich einer von vielen war, die in dieser Nacht in das Leichenschauhaus der Polizei gebracht wurden. Der eher boulevardeske Teil der russischen Presse übersah den Vorfall ganz. Oder erhielt den Befehl, ihn zu übersehen. Die seriöse Presse hatte längst aufgehört, über mehr oder weniger beliebige Überfälle in Russlands glitzernder und moralisch verkommener Hauptstadt zu berichten. In Russland war es nie so ganz leicht zu durchschauen, wie die Mächtigen ihren Willen bekamen. Man konnte nur sicher sein, dass sie ihn in der Regel bekamen. Mein Bruder hatte diesem Land seine letzten Jahre geweiht. Doch sein Tod war ihnen nicht mehr als eine kurze Notiz wert.

Seit ich erwachsen war, hatte ich meine Verbindungen zu Russland so weit wie möglich eingeschränkt. Ich wollte nicht Gefahr laufen, in die ewige Tragödie dieses Landes hineingezogen zu werden, in die Brutalität, die dort herrschte, wohingegen mein Bruder sich von den Versprechungen Russlands und der Religion verführen ließ, welche ihm Segen und Vergebung verhießen.

Ich selbst befand mich weit entfernt von Moskau, als mein jüngerer Bruder ums Leben kam, aber Schnee und Kälte verbanden uns über das Meer und die Kontinente hinweg.

Ich kann ziemlich genau rekonstruieren, wo er und ich uns zum Zeitpunkt des Mordes aufgehalten haben. Ich wünschte, ich hätte eine besondere seelische Verbundenheit gespürt, als er getötet wurde, aber damit würde ich mir selbst etwas vormachen und mir Fähigkeiten zuschreiben, die ich nicht besitze. Meine Gedanken waren nicht bei ihm, als er ermordet wurde.

Ich war auf Grönland, ein ganzes Stück nördlich des Polarkreises und östlich der Stadt, die wir Dänen Jakobshavn nennen und die Grönländer Ilulissat. Sie hat etwa viertausend Einwohner und weit mehr Schlittenhunde. Sie liegt malerisch am Eisfjord und stellt das perfekte Postkartenmotiv dar.

Vierzehn der Hunde zogen mich und meinen Schlitten durch den weißen Neuschnee, in dessen Kristallen sich das Licht funkelnd brach, als wären es Diamanten. Ich stand auf dem Schlitten und blickte auf die aufgestellten Schwänze der Hunde, roch ihre Fürze und achtete darauf, dass sie auch alle zogen, aber Leader, mein Leithund, hatte das Gespann wie immer gut im Griff. Ich war weit davon entfernt, ein erfahrener Schlittenlenker zu sein, aber mittlerweile kam ich mit dem Hundegespann gut zurecht und genoss die Fahrten uneingeschränkt. Die Peitsche schleifte neben dem Schlitten her. Ich hielt sie in der rechten Hand. Der Schlitten fuhr, wie er sollte.

»Taama! Taama!«, rief ich und spürte die kalte, klare Luft in meinen Lungen. Ich fühlte mich stark und glücklich. Es war etwas ganz und gar Einzigartiges, das Zischen der Kufen und die Atemzüge der Hunde zu hören und zu sehen, wie die Leinen gelockert und wieder straff gezogen wurden, wenn sie den schweren Schlitten in Fächerformation zogen. Ich hatte das Gefühl, sie könnten mich bis ans Ende der Welt ziehen.

Grönland ist alles andere als flach. Ich bewunderte die Hunde sehr, wenn sie den Schlitten den Berghang hinaufzogen oder wenn sie, den Schlitten neben sich, den Berg in vollem Galopp wieder hinunterliefen, dass der Frostschnee nur so aufstäubte und ich aus vollem Halse lachen musste vor lauter Glück, während ich hinten stand und mich an den Schlitten klammerte. Es war die gleiche mit Furcht gemischte Freude, die ich als Kind bei gefährlichen Achterbahnfahrten empfunden hatte und die so herrlich im Bauch kitzelte.

»Ili! Ili! Ili!«, rief ich, als ich den Felsbrocken links vor uns erblickte. Die Hunde gehorchten und liefen nach rechts. Sie hielten immer noch ein hohes Tempo, aber ich spürte, dass sie wussten, dass wir bald anhalten würden. Ich sprang vom Schlitten, bremste mit den Füßen und rief:

»Unigiit!«

Sie blieben stehen und schnupperten ein wenig aneinander.

»Ajaa!«, sagte ich, obwohl es gar nicht nötig war, denn sie legten sich von alleine hin, müde vom Ziehen. Dann lagen sie dicht nebeneinander vor meinem Schlitten und atmeten friedlich oder aßen Schnee, weil sie Durst hatten. Sie hatten mich und meine Ausrüstung eine lange, anstrengende Steigung hinaufziehen müssen. Ich hatte mich an die Hunde gewöhnt und hatte keine Angst mehr vor ihnen. Sie waren alle weiß und hatten enorme Kraft. Ich wurde ganz traurig bei dem Gedanken, dass ihr Leben von so kurzer Dauer sein würde. Ihre Lungen würden bereits nach wenigen Jahren von dieser harten Arbeit bei strengem Frost zerstört sein, und unsentimental wie die Grönländer Tieren gegenüber waren, würde man sie einfach erschießen. Ihnen eine Perle verabreichen, wie Jonathan, mein grönländischer Lehrmeister, es nannte. Aber jetzt standen sie in der Blüte ihres Lebens.

Es war vollkommen still. Das Einzige, was man hörte, waren die tiefen Atemzüge der Hunde – vielleicht ein Knurren oder ein leises Jaulen, wenn ihre Hierarchie einen Moment lang in Unordnung geriet. Ich hatte sie als großartige Tiere kennengelernt. Ich hatte ihre Namen gelernt, auch wenn es schwierig war, die grönländischen Laute auszusprechen. Sie waren keine Haustiere. Sie arbeiteten und brauchten ein strenges Regiment, wenn man nicht wollte, dass sie die Macht übernahmen. Es hatte eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, die Peitsche zu benutzen. Sie würden mich nie lieben, aber sie respektierten mich. Ich fütterte sie und ließ sie das tun, wofür sie geschaffen waren: den Schlitten stundenlang durch Schnee und Eis zu ziehen.

Es war mitten am Tag und sehr hell, weil die Sonne jetzt am Horizont zu sehen war, und der Himmel fast unnatürlich blau. Der Schnee war jungfräulich rein und ließ wie üblich alles noch heller erscheinen. Ich hatte nicht erwartet, dass Grönland so unbeschreiblich schön und so unglaublich groß sein würde. In meiner Unwissenheit hatte ich angenommen, Grönland wäre flach und eintönig.

Es herrschten zehn Grad Kälte, was für diese Jahreszeit sehr mild war, aber das war ja auch der Grund, warum ich mich auf Grönland aufhielt. Die globale Erwärmung war mein Thema. Die durch den Menschen verursachten Klimaveränderungen waren die neue große Gefahr, die uns nachts um den Schlaf brachte.

Die Kälte machte mir nichts aus. Meine grönländische Robbenfellkleidung hielt mich angenehm warm. Ich zog mein äußeres Paar Handschuhe aus und kniff die Augen zusammen, so dass man die charmanten Fältchen an meinen Augen sehen konnte, die so gut zu den weißen Zähnen in meinem wind- und sonnengegerbten Gesicht passten. Ich war 37 Jahre alt und hatte mich gut gehalten. Ich ging zu den Hunden und entwirrte ihre ein wenig verhedderten Leinen so, wie Jonathan es mir gezeigt hatte. Dann kehrte ich zurück, setzte mich auf den Schlitten und trank eine Tasse von dem Kaffee, den ich mir morgens auf dem Gaskocher in meinem kleinen Zelt zubereitet und in eine blechgraue Thermoskanne gefüllt hatte. Ich zog mein Gewehr hervor, legte es neben mich und ließ meine Hand darauf ruhen. Ich setzte meine Kapuze ab und schüttelte mein dunkles, kräftiges Haar. Ich blickte auf die dramatische weiße Landschaft am Horizont. Hin und wieder wurde das endlose Weiß von schwarzen Felsspitzen durchbrochen, die aus dem Schnee herausragten. Ich gab ein beeindruckendes Bild ab: ein Mann allein mit seinen Hunden in einer gewaltigen und unendlichen Landschaft.

»Prima«, sagte Stine und trat hinter einem Felsblock hervor. »Stell dich eben noch mal zwischen die Hunde und dreh dich in Richtung Kamera. Und Nikolaj? Wir brauchen noch ein paar Close-ups und dann eine Totale.«

Es war Fernsehen und folglich Illusion und Manipulation. Stine war meine Produzentin. Sie war um die dreißig und hatte einen Mann und ein kleines Kind in Dänemark, aber das hatte sie nicht abgehalten. Ich hatte sie jedenfalls im Hotel Arctic in Ilulissat ohne Weiteres in mein Bett locken können. Sie war eine kräftige, aber wohlproportionierte Frau mit roten Haaren und sehr blauen Augen und einem wundervollen Mund unter einer kleinen, frechen Nase.

Sie hatte hinter dem Felsvorsprung gestanden, hinter dem sich auch der Kameramann Nikolaj versteckt hatte, damit er mich filmen konnte, wenn ich mit dem Hundegespann angefahren kam. Ein ganzes Stück weiter hinten, für die Kameralinse unsichtbar, warteten vier weitere Schlitten mit unserer Ausrüstung und unseren grönländischen Helfern.

Nikolaj hatte seine Videokamera auf mich gerichtet. Daran war ich gewöhnt. Sie war immer auf mich gerichtet. Allein darum ging es bei diesem Grönlandaufenthalt. Hinter ihm stand Henriette, die das Team als Maskenbildnerin und bei allen möglichen anderen praktischen Dingen unterstützte. Sie war um die vierzig, ziemlich korpulent und ziemlich verliebt in mich. Ihre wichtigste Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass ich so gut wie möglich aussah und gleichzeitig wie ein richtiger Mann in der Wildnis rüberkam. Tough. Ruhig. Souverän. Gelassen in seiner Einsamkeit. Eins mit sich und der Natur.

Wir drehten einen Dokumentarfilm über Klimaveränderungen. Die Idee dabei war, dass ich mich mutterseelenallein auf dem grönländischen Inlandeis aufhielt, wo ich durch meine beharrlichen Messungen zu der Erkenntnis gelangte, dass die Menschheit sich wirklich in Acht nehmen musste, wenn hier nicht irgendwann alles wegschmelzen sollte. Wir hatten schon viele Aufnahmen bei strengem Frost in der Nähe von Thule gemacht. Qaanaaq hieß es hier, was mir aber nur schwer über die Lippen kam. Die letzten zwei Wochen hatten wir unten bei Ilulissat verbracht.

Ich hatte gejagt. Ich hatte in einem Loch im Eis gefischt. Ich hatte meteorologische Messungen vorgenommen. Ich hatte die Dicke des Eises gemessen und den Mageninhalt von Seehunden und Schneehühnern untersucht, die ich angeblich selbst geschossen hatte. Wir hatten einen Eisbären gesehen, der ganz abgemagert war, weil das Eis schmolz, was es für ihn immer schwieriger machte, Robben zu fangen. Ich hatte das Gewehr bereitgehalten, aber er war abgehauen. Er schlich langsam von dannen und verschmolz mit dem Horizont. Nikolajs Aufnahmen waren großartig und wirklich bewegend. Das würde sicher das Schlussbild werden: meine etwas feuchten Augen und der magere Bär, der aufgrund der menschlichen Verschwendungssucht einer ungewissen Zukunft entgegenging.

Ich hatte besorgt auf einen Gletscher geblickt. Stine würde im Archiv noch einen besonders großen auftreiben, der gerade kalbte. Ein Schnitt und schon sähe es so aus, als erlebte ich dieses Naturschauspiel tatsächlich. Ich ließ die Kamera oft an meinen Gedanken teilhaben. Das durchbreche zwar die Illusion, habe aber trotzdem einen guten Effekt, meinte Stine. Die Zuschauer seien sich natürlich darüber im Klaren, dass ich nicht alleine dort war, nähmen mich aber dennoch als allein in der Wildnis wahr, behauptete sie.

Bald würden wir uns wieder in Richtung Jakobshavn und in die Zivilisation des Hotel Arctic aufmachen. Ich freute mich auf eine oder zwei weitere Nächte mit Stine in diesem hervorragenden Hotel, bevor wir nach Dänemark zurückflogen.

Im Sommer würden wir während der kurzen arktischen Blütezeit noch einmal nach Grönland zurückkommen. Dann sollte ich unter anderem so tun, als würde ich mir einen eigenen Schlitten bauen und meine Expedition vorbereiten, die ein für alle Mal nachweisen würde, dass die Klimaveränderungen real und auf Grönland bereits konkret messbar waren.

Ich war eigentlich nur als Nachrücker dabei. Ursprünglich war es so gedacht gewesen, dass einer der renommierten Moderatoren unseres Fernsehsenders die Rolle des unerschrockenen Forschers und Entdeckungsreisenden in der Arktis spielen sollte, aber als er die nordgrönländische Kälte kennengelernt hatte, war er in Panik geraten. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, mehrere Wochen in dieser Kälte zu verbringen, und verlangte daher, dass man ihn wieder zurückflog. Sie versuchten, ihn zum Bleiben zu überreden, weil sie schon viel Geld in den Film gesteckt hatten. Sie sagten, sein Körper würde sich mit der Zeit an die Kälte gewöhnen. Sie versuchten, ihm klarzumachen, dass er zum Gespött der Boulevardpresse werden und sein Image als cooler Macho Schaden nehmen würde, aber selbst Stine konnte ihn nicht zum Bleiben bewegen. Er fror einfach zu sehr. Die Sommeraufnahmen würde sie daher mit mir noch einmal neu machen müssen. Das verzögerte zwar den gesamten Ablauf, ließ sich aber nicht ändern. Es war bereits viel Geld in dieses Projekt investiert worden, das für den Sender besonders wichtig war, weil die Klimafrage sich uns allen so dringlich stellte. Sie war so hot, wie Stine, ohne darüber nachzudenken, gesagt hatte.

Als sie sich auf einmal allein mit der Verantwortung und einem großen Produktionsteam wiederfand, war Stine auf die Idee gekommen, mich als Ersatzmann anzuheuern, obwohl ich kein Journalist war. Ich sagte sofort zu und wurde zur Thule Air Base geflogen.

Ich hatte nichts gegen die Kälte. Ich hatte nichts gegen die Kamera und ich hatte auch nichts dagegen, so zu tun, als wäre ich ganz allein auf Grönland. Im Gegenteil, es kam meiner Eitelkeit entgegen, die mein Bruder oft als allzu ausgeprägt getadelt hat. Seinen Segen hatte er mir dennoch gegeben, auch wenn er mich oft vor der Nemesis gewarnt hatte. Der potenzielle Zorn der Götter war für meinen Bruder von großer Bedeutung. Er war der Meinung, mir falle alles viel zu leicht zu.

Ich war studierter Geograf und Meteorologe und hatte in den letzten fünf Jahren die Wettervorhersage im Fernsehen gemacht. Das war ein Traumjob. Der Computer berechnete das Wetter. Das Wetter im Fernsehen vorherzusagen setzte kein spezielles Wissen meinerseits voraus. Außerdem erwarteten nur die wenigsten, dass die Wettervorhersage in allen Einzelheiten zutraf. Sonne und vereinzelte Wolken. Wind, vor allem im nördlichen Landesteil, aber teilweise auch im Süden. Wir konnten im Grunde genommen behaupten, was wir wollten. Wir brachten auch jede Menge Geschichten über das Wetter im weiteren Sinne. Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Stimmen die alten Bauernregeln? Ein Besuch an Dänemarks nassestem Ort. Wir standen auf Molen und ließen uns von den Wellen nass spritzen, wenn an der Nordsee der Sturm toste. Es war reinste Unterhaltung. Der Wettervorhersage wurde unendlich viel Sendezeit eingeräumt. Es hatte fast den Anschein, als wäre Dänemark ein Land mit dramatischen und Furcht einflößenden Wetterphänomenen, so viel Zeit verwendeten wir darauf, über das Wetter zu berichten, so viel Zeit verwendeten die Leute darauf, über das Wetter zu sprechen. Mein Sender hatte ein eigenes Wetterzentrum eingerichtet, als befände sich unser Land im Kampf gegen die Elemente.

Mir konnte das alles nur recht sein. Es bescherte mir ein sehr gutes Gehalt für eine ziemlich leichte Arbeit. Es war wesentlich unterhaltsamer, als in einem Büro im Dänischen Meteorologischen Institut Langzeitprognosen zu erstellen. Ich war früher unter anderem an der Entwicklung von Klimamodellen und der Berechnung der möglichen globalen Erwärmung beteiligt gewesen. In dieser Funktion hatten die Medien damals angefangen, mich zu interviewen, und dabei war dann auch das Fernsehen auf meine Bildschirmqualitäten aufmerksam geworden. Ich machte immer noch das, worin meine Ausbildung bestanden hatte und was mir wichtig war. Ich sollte dabei nur nicht mehr so ernsthaft wirken. Das Wetterzentrum unseres Senders orientierte sich an der Maxime, dass das Wetter niemals gewöhnlich oder wiedererkennbar war. Es war immer dramatisch und überraschend.

Der Promifaktor lockte immer wieder hübsche Frauen in mein Bett. Die Boulevardblätter nannten mich den Playboy unter den Wettermoderatoren. Einen der begehrtesten Junggesellen in Dänemark. Ich sorgte dafür, dass mein Name in den Medien blieb, indem ich zu Premieren und Empfängen ging.

In Zeitungsinterviews äußerte ich meine Meinung zu diesem und jenem, solange es nicht um Politik ging. Ich antwortete nur auf harmlose Fragen wie die, wo ich meinen Sommerurlaub verbringen würde, was mein schönstes Weihnachtsgeschenk, was die wichtigste Eigenschaft einer Frau oder was mein Erfolgsgeheimnis war. Ich schaffte es auf die Titelseite von Euroman. Ich nahm gern an Sendungen teil, bei denen ich zusammen mit anderen Prominenten oder Semi-Prominenten kochte, genauso wie ich das Fernsehen meine Wohnung filmen ließ, um selbsternannte Lifestyle-Experten erraten zu lassen, dass ich es war, der dort wohnte. Auch dafür liebten meine Arbeitgeber mich. Zurschaustellung bedeutete ihnen ebenso viel wie dem Gläubigen das Empfangen des Abendmahls. Die Zuschauerzahlen waren das A und O. Die Quote trennte die Sieger von den Verlierern.

Das Fernsehen kam mir und meinem Wesen entgegen. Es war der moderne Altar. Die Oberflächlichkeit war sein ganzer Sinn und seine Daseinsberechtigung. Alles war Unterhaltung. Man spielte Komödie, und alles war bis ins letzte Detail durchchoreografiert, um Stolpersteine und unvorhergesehene Vorkommnisse aller Art von vornherein auszuschließen. Fernsehmoderatoren wurde größere Aufmerksamkeit zuteil als Künstlern, sie spielten eine größere Rolle und bekamen bei Wahlen mehr Redezeit als die Politiker, die über das Wohl und Wehe des Landes entschieden.

Die ganze Grönlandsendung würde improvisiert, dramatisch und spannend rüberkommen. Der einsame Mann in der großen Natur. Der kleine Mensch sieht sich mit der grönländischen Unendlichkeit konfrontiert. Ein Mann und seine Hunde auf der Jagd nach der Wahrheit darüber, wie wir Mutter Erde misshandeln, mit der er selbst natürlich vollkommen im Einklang lebt. Ein Mann, der allein zurechtkommt dank seines Wissens über das Wetter und dank der Art, wie er seine Hunde im Griff hat und sich sein Essen selbst erjagt.

Alles war bis ins letzte Detail vorbereitet. Nicht nur, dass die grönländischen Jäger und Fänger dafür sorgten, dass das Wild geschossen und die Fische gefangen wurden, auch wenn es später natürlich so aussehen würde, als ob es mein Verdienst wäre. Alles, von der Reiseroute, über die Jagd bis hin zu meinem kleidsamen, aber keineswegs zufälligen Dreitagebart, den Henriette jeden Morgen zurechtstutzte, trug dazu bei, die perfekte Illusion zu schaffen. Vollbart stand mir nicht, also durfte der Bart nicht länger werden. Ich führte vermeintlich improvisierte Gespräche mit echten und authentischen Grönländern, die ich während meiner großen Schlittenreise angeblich zufällig traf und die ihre Sorge und ihre Wut darüber zum Ausdruck bringen sollten, dass ihre Lebensform durch die Verschwendungssucht der Menschheit gefährdet war.

Ihre modernen Schneescooter und Satellitenausrüstungen durften sie natürlich nicht vorzeigen, aber Stine ging wenigstens nicht so weit, sie mit der Harpune jagen zu lassen. Ihr war es wichtig, dass sie ursprünglich wirkten und aufrichtig besorgt angesichts der globalen Erwärmung, die das große grönländische Inlandeis schmelzen ließ und gewaltige Eisberge zum Kalben brachte. All das Moderne, das Grönland in Wirklichkeit prägte, ließ sie bewusst außen vor. Ursprünglichkeit war ein Wort, das sie sehr schätzte.

Die Zivilisationskritik der Grönländer wurde nicht direkt zum Ausdruck gebracht, sie sollte vielmehr, so hatte Stine es mir bei ihrem ersten Anruf erklärt, implizit in all unseren Begegnungen und Gesprächen enthalten sein. Ich war der Frontmann, aber sie traf die Entscheidungen. Ich hätte ihre Erwartungen in jeder Hinsicht erfüllt, hatte sie im Hotelbett in Ilulissat zu mir gesagt, bevor sie in ihr Zimmer zurückschlich, damit wir auch brav jeder in unserem eigenen Bett aufwachten. Die Sendung würde mich zum Star machen. Ich kam perfekt rüber auf dem Bildschirm. Ich wirkte überzeugend. Ich war der Liebling der Götter.

Auf meine Selbstzufriedenheit von damals bin ich alles andere als stolz, aber ich habe mir selbst das Versprechen gegeben, mein Leben und das, was geschehen ist, nüchtern und ohne Beschönigungen zu betrachten. Ich bin heute vielleicht ein anderer, aber die Vergangenheit trage ich dennoch in mir. Sie ist ein Teil von mir ebenso wie die Gene, die ich mit meinem Zwillingsbruder gemeinsam hatte. Eine Hälfte russisch. Eine Hälfte dänisch.

Ich war der ältere Bruder, der sich um den jüngeren Bruder hätte kümmern müssen. Ich wurde vor ihm geboren. Ich kam problemlos zur Welt, während er verkehrt herum lag und darum kämpfen musste, sich seinen Weg mit den Füßen voran zu bahnen. Ich war dunkelhaarig, er war blond, und dennoch war er es, der die Dunkelheit in seiner Seele trug. Er war immer auf der Suche nach dem Sinn dieses nichtigen Lebens, das wir auf Erden führten. Er befand sich permanent auf der Suche, weil er ununterbrochen an jenem Gott zweifelte, den unsere Mutter, solange ich denken konnte, als den Schöpfer des Universums pries. Unsere Mutter hatte immer lange Gespräche mit dem Herrgott geführt.

Mir war Gott vollkommen gleichgültig. Seine Existenz bedeutete mir nichts. In der Hinsicht ähnelte ich unserem Vater. Das war Mutters und Gabriels große Sorge. Dass ich den Glauben aufgegeben und dass Vater sich ihm nie hingegeben hatte. Sie wollten meine Gründe nicht hören und erinnerten mich oft daran, wie schön ich mit meiner hellen Kinderstimme in der Kirche gesungen hatte, wenn es dort nach Weihrauch und Heiligkeit geduftet hatte.

An all das verschwendete ich an jenem Apriltag in dem klaren grönländischen Licht keinen einzigen Gedanken, denn ich wusste, dass ich meinen Teil des Vertrages erfüllt und wieder eine perfekte Szene für unsere Sendung abgeliefert hatte.

»Das war fantastisch, Adam«, sagte Stine mit ihrer hellen, fast ein wenig schrillen Stimme. Sie trug ebenfalls Kleidung aus Robbenfell, die jedoch nicht verbergen konnte, dass sie einen wunderbaren Körper hatte. Ich konnte es kaum erwarten, ihn im Hotel Arctic wieder auszupacken.

»Das war unglaublich natürlich. Das wird eine großartige Sendung. Du wirst immer besser. War das nicht super, Nikolaj?«

»Doch, das war sehr gut«, stimmte der Kameramann zu, nahm die Kamera herunter und ließ seine Schultern kreisen, vielleicht war er verspannt. »Dann sollten wir uns jetzt auf den Heimweg machen. Ich freue mich darauf, mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen.«

»Stimmt. Uns fehlt auch nicht mehr viel«, sagte Stine und suchte in der Brusttasche ihres Robbenfellanoraks nach einer Zigarette.

»Uns fehlt überhaupt nichts mehr. Jedenfalls keine Winteraufnahmen«, erwiderte Nikolaj und trat in seinen Eskimostiefeln von einem Fuß auf den anderen. Er war derjenige von uns Dänen, dem die Kälte und das Schlafen im Zelt am meisten zu schaffen machten. Die grönländischen Fänger kümmerten sich jeden Abend darum, dass unser Lager aufgeschlagen wurde. Sie selbst schliefen auf den Schlitten mit einer Art Persenning als Zelt. Sie waren zähe Leute.

Mein kleines modernes Igluzelt wurde in einiger Entfernung von denen der anderen aufgebaut, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass ich mich allein auf dem Eis befand. Das Konzept sah vor, dass am Ende eines jeden Tages eine Aufnahme meines einsamen Zeltes zu sehen war. Das war komplizierter, als es sich anhört, weil wir die ganze Zeit aufpassen mussten, dass keine anderen Fußabdrücke in dem jungfräulichen Schnee zu sehen waren als meine und die der Hunde. Ich wurde gefilmt, wenn ich den Hunden abends ihr Futter gab, nachdem ich sie an die Nachtkette gelegt hatte, wenn ich mir auf dem Gaskocher etwas zu essen machte und schließlich in meinen Schlafsack kroch, nachdem ich die Temperatur und die Windstärke gemessen und sie in mein Notizbuch eingetragen hatte. Stine würde später den Text schreiben, den ich dann in Kopenhagen im Studio einsprechen würde.

Ich tat nur so, als äße ich das getrocknete Robbenfleisch. Wir aßen immer alle zusammen ein ausgezeichnetes Abendessen in einem größeren beheizbaren Zelt. Wir hatten einen Generator dabei, mit dem wir die Kamerabatterien aufluden und der uns auch den Strom für alles Mögliche lieferte, sobald unser Lager errichtet war. Wir hatten einen grönländisch-dänischen Koch dabei, der uns köstliches Essen servierte. Mal gab es Fleisch vom Rentier und vom Moschusochsen, mal Fisch und dazu Kartoffeln und importiertes Gemüse. Und es gab einen durchaus akzeptablen Rotwein aus dem Pappkarton. Vor wenigen Tagen hatte ein Schneescooter uns neue Vorräte gebracht, und wir waren nur noch eine kurze Tagesreise mit dem Hundeschlitten von Ilulissat entfernt.

Stine und Nikolaj hatten früher schon zusammengearbeitet. Sie arbeiteten für dieselbe Produktionsfirma, die den Film für meinen Sender produzierte. Sie schienen, um es vorsichtig auszudrücken, nicht gerade die besten Freunde zu sein, sondern pflegten einen professionellen, eher kühlen Umgang miteinander.

Nikolaj hatte die Gabe, das spezielle grönländische Licht einzufangen und mich in vorteilhaften Situationen festzuhalten. Er war ein etwas verschlossener Mann um die vierzig, sah aber älter aus. Ich würde die Sendung zu einem Erfolg machen und somit dazu beitragen, ihm einen guten Lohn zu verschaffen, daher gab er sein Bestes. Er war Freelancer. Das waren die meisten Medienleute heute. Das sparte viel Geld, und man konnte sie leicht wieder loswerden.

»Wir sind ja schon auf dem Weg zurück nach Ilulissat«, sagte Stine. »Wir könnten aber noch ein paar Aufnahmen von der Fahrt und einige Close-ups von Adam gebrauchen, die ich dann später einbauen kann, wo ich will. Außerdem möchte ich noch ein paar zusätzliche Szenen haben, in denen er das Gewehr benutzt. Wir müssen das gute Wetter ausnutzen. Aber du hast recht. Uns fehlt nicht mehr viel. Wir fahren jetzt in Richtung Küste und schauen dann, ob wir es bis morgen Abend ins Hotel schaffen, einverstanden?«

»Okay«, antwortete Nikolaj und blickte zum blauen Himmel hinauf. Wir hatten inzwischen gelernt, dass das Wetter ein unvorhersehbarer Faktor war und dass es sich sehr schnell ändern und brutal und gefährlich werden konnte. Wir hatten zwei kleinere Schneestürme erlebt, die uns fantastische Aufnahmen beschert hatten, bis wir schließlich in den Zelten Schutz suchen mussten, die die Grönländer für uns aufgebaut hatten, damit wir dort warten konnten, bis der Schneesturm vorübergezogen war. Als wir wieder herauskamen, lagen die Hunde unter dem Schnee und bildeten kleine zarte Hügel. Nikolaj hatte alles gegeben und mich gefilmt, wie ich umherging und sie weckte, mit ihnen redete und den prächtigen Neuschnee lobte. Es waren hervorragende Aufnahmen geworden, fand Stine.

Nikolaj war wohl derjenige von uns, der Grönland am meisten satthatte. Er war in keiner allzu guten Verfassung, und die Reise setzte ihm zu, das konnte ich sehen. Er war zu alt für die Strapazen. Er holte ebenfalls ein Päckchen Zigaretten hervor und bot den beiden Grönländern eine an, die seine Taschen trugen. Die Grönländer blieben meistens unter sich. Sie waren nette Menschen, aber sie redeten nicht besonders viel, und ihr Dänisch war erstaunlich schlecht. Das hatte mich überrascht. Grönland war ein Teil von Dänemark und dann doch wieder nicht. Es gab dänisches Geld und dänische Schilder, aber es war dennoch ein Stück Ausland, wo alles sehr anders war als »da unten« in Dänemark, wie sie zu sagen pflegten.

Sie winkten von den Materialschlitten zu uns herauf und hielten das Satellitentelefon hoch. Sie waren näher zu uns herangekommen, als sie gesehen hatten, dass die Aufnahmen beendet waren und sie das Bild nicht mehr zerstören konnten. Die Zusammenarbeit mit ihnen funktionierte mittlerweile beinahe wortlos. Sie hatten am Fuße des Hügels gewartet, und jetzt lagen die Hunde, die ihre vier Schlitten zogen, im Schnee und ruhten sich aus.

»Kommt, wir gehen zu ihnen runter und essen ein frühes Mittagessen«, sagte Stine. Wir gingen nebeneinander her. Der Schnee war fest und gut. Poul, wie einer der Grönländer hieß, würde meinen Schlitten nach unten zu den anderen bringen. Nikolaj ging hinter uns und ließ die Kamera in seiner einen Hand baumeln.

»Das wird richtig gut, Adam«, sagte Stine. »Ich bin so froh, dass wir dich als Hauptdarsteller genommen haben.«

»Das bin ich auch. Aus vielerlei Gründen.« Ich lächelte sie an und hätte ihr am liebsten einen kleinen Klaps auf den Po gegeben, aber sie wollte nicht, dass ich mir vor den anderen Vertraulichkeiten erlaubte. Wir wussten beide, dass es eine Affäre war, die in dem Moment beendet sein würde, in dem wir auf dem Flughafen in Kastrup landeten. Sie hatte es zwar nicht explizit gesagt, aber es gab trotzdem keinen Zweifel daran.

»Hey«, sagte sie, »so hatte ich das nicht gemeint.«

»Ich freue mich aufs Arctic.«

»Kein Kommentar.«

»Du dich etwa nicht?«

»Wart’s ab«, sagte sie und sah mich mit einem kleinen Lächeln an.

Jonathan reichte mir das Satellitentelefon, das unsere Verbindung zur Außenwelt war. Er war ein muskulöser Mann mit einem hübschen Gesicht. Seine Mutter war die Tochter eines grönländischen Fängers aus Ilulissat und sein Vater ein ihm unbekannter Handwerker aus Dänemark. Er sah nicht so aus, aber er war ein ziemlich wohlhabender Mann, der einen Krabbenkutter besaß. Im Winter fing er Schwarzen Heilbutt, den er aus Löchern im Eis fischte. Aus finanziellen Gründen hatte er das eigentlich gar nicht nötig, aber er fuhr mit seinen Hunden mehrere Tage am Stück zum Langleinenfischen aufs Eis hinaus, weil er die Natur liebte und die Einsamkeit in der Wildnis. Seiner Ansicht nach handelte es sich dabei um eine Lebensform, die dazu verdammt war, mit seiner Generation auszusterben. Er fand auch Zeit dafür, mit seinen Hunden an Schlittenrennen sowohl auf Grönland als auch in Kanada teilzunehmen. Er war die zentrale Figur der gesamten Expedition und hatte mir alles beigebracht, was ich hier in der Natur machte, damit es im Fernsehen ganz natürlich rüberkam. Ich mochte ihn sehr gern und hatte mich oft mit ihm unterhalten. Von allen grönländischen Fängern, die uns halfen, war sein Dänisch das beste. Er kam mir manchmal vor wie die grönländische Ausgabe des letzten Mohikaners, den ich als Kind so geliebt hatte.

Jetzt sah er mich mit einem Blick an, aus dem Mitleid zu sprechen schien.

Ich nahm ihm das Telefon aus der Hand und hörte ein Sausen über Tausende von Kilometern hinweg, die mich mit dem Satelliten im Weltall verbanden. Von dort aus führte die Verbindung dann wieder auf die Erde zurück und in die Wohnung in Roskilde, in der meine Mutter sich gerade befand. Denn sie war es, die anrief. Wie immer kam sie direkt zur Sache, aber es war nicht zu überhören, dass sie aufgewühlt war und sich nicht unter Kontrolle hatte, denn sie sprach Russisch mit mir:

»Adam. Er lebt nicht mehr. Gott hat Gabriel zu sich geholt.«

Die Verbindung war ausgezeichnet. Es war deutlich zu hören, wie sie hemmungslos zu schluchzen begann. Ich bemerkte erst, dass ich ebenfalls weinte, als ich sah, wie die anderen mich anstarrten, und spürte, wie die Tränen auf meinen Wangen zu Eis gefroren.

2

Wegen eines heftigen Schneesturms blieb der Flughafen von Ilulissat für zwei Tage geschlossen. Wir hatten Glück, dass wir uns auf dem Rückweg beeilt hatten, denn so kamen wir noch spät am Abend an, wenige Stunden bevor der Sturm seine volle Stärke erreichte. Die Hunde waren zuletzt völlig erschöpft. Sie zogen mit aller Kraft, vielleicht weil sie förmlich rochen, dass wir auf dem Weg nach Hause waren oder weil sie den Wetterumschwung spürten. Jonathan und die anderen Fänger forderten uns auf, uns ranzuhalten. Sie waren an sich nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber als schwere, dunkle Wolken am Horizont aufzogen und sie sahen, wie bedrohlich das Wetter sich entwickelte, schlugen sie vor, wir sollten entweder so schnell wir konnten nach Ilulissat fahren oder eine Ausrüstungsstation in der Nähe aufsuchen. Sie hielten ihre Nasen in den Wind und sprachen in ihrer unverständlichen grönländischen Sprache leise miteinander.

Im Laufe des Abends, als es richtig zu schneien begonnen hatte und der Wind von Minute zu Minute stärker geworden war, sahen wir die Lichter in den Häusern der Stadt am Horizont auftauchen. Ich saß auf dem Schlitten und ließ Jonathan die letzten Kilometer fahren. Die Schwänze der Hunde waren nicht mehr so hoch aufgerichtet, und sie keuchten und hatten wirklich zu kämpfen. Mal hatte ich hinten auf dem Schlitten gestanden, mal war ich hinter ihm die Berghänge hinaufgestapft oder hatte mit der Peitsche in der Hand ganz vorn gesessen, wenn wir geradeaus fuhren. Jonathan hatte dann hinter mir gesessen und sich gegen das Gepäck gelehnt. Wir waren viele Stunden unterwegs gewesen und völlig erledigt, als wir endlich ankamen.

Während dieser Stunden, in denen die Schlitten auf Ilulissat zurasten, hatte ich reichlich Gelegenheit gehabt, mir den Moment in Erinnerung zu rufen, als ich von Gabriels Tod erfahren hatte.

Die drei anderen Dänen aus dem Team behandelten mich, als wäre ich ein zerbrechliches Stück Porzellan. Stine hatte mich auf die Wange geküsst, Henriette ebenfalls. Sie hatte unglücklich und leidend ausgesehen, als wäre jemand aus ihrer Familie gestorben. Die sechs Grönländer hatten mir einer nach dem anderen die Hand gegeben und irgendetwas Tröstliches auf Grönländisch gesagt.

Es muss wie ein seltsames Tableau in der endlosen grönländischen Natur ausgesehen haben. Fünf Schlitten, vier Dänen, sechs Grönländer und neunundsechzig Hunde, die erstarrt dastanden, als wären sie von einem naturalistischen Maler gemalt worden. Einer der Dänen mit einem Satellitentelefon in der Hand, zuhörend. Vielleicht hatte der Maler auch die Tränen des Mannes verewigt, die zu Eis froren, während neun Gesichter ihn stumm anstarrten.

Das Bild bekam natürlich Risse. Ich hatte meine Mutter in einer Mischung aus Russisch und Dänisch zumindest so weit beruhigen können, dass sie ins Dänische wechselte, das sie fließend sprach, auch wenn sie ihren leichten russischen Akzent nie ganz abgelegt hatte. Musikalisch wie sie war, hatte sie die Sprache schnell gelernt, sobald mein Vater sie zu sich nach Dänemark geholt hatte.

»Jetzt beruhige dich erst einmal, Mama«, hatte ich mit zitternder Stimme gesagt, denn ich war mir vollkommen sicher, dass es keinen Grund gab, an der Nachricht zu zweifeln. Gabriel war tot. »Sprich Dänisch mit mir. Was ist passiert?«

Die Selbstbeherrschung meiner Mutter war schon immer bewundernswert gewesen. Ich hörte, wie sie schluckte und sich diskret die Nase putzte. Ich sah sie vor mir in der ordentlichen, aber vollgestellten Wohnung mit den schweren roten Gardinen, den weißen gemusterten Tischdecken, den etwas schweren dunklen Möbeln, den Büchern hinter Glas, dem Nippes, den Fotos von Gabriel und mir und der Ikone unter dem Kreuz in der einen Ecke des Wohnzimmers. Als wäre die Wohnung einer russischen Intellektuellen aus dem Moskau der siebziger Jahre nach Dänemark verlegt worden.

»Ich weiß noch nichts Genaueres, Adam. Das dänische Außenministerium hat mich angerufen. Eine freundliche Dame vom Bürgerservice. Sie sagte, es tue ihr leid, aber sie rufe an, um mir mitzuteilen, dass Gabriel David Lassen in Moskau tot aufgefunden worden sei. Ob es korrekt sei, dass es sich dabei um meinen Sohn handele?«

Sie fing wieder an zu weinen, beinahe lautlos, aber ich kannte sie, wenn sie sich mit aller Kraft zusammenzureißen versuchte. Das war aber auch eine sehr merkwürdige Art, eine Todesnachricht zu überbringen. Hätten die nicht jemanden zu ihr schicken müssen, anstatt sie einfach nur anzurufen?

»Mama, beruhige dich. Hat sie noch mehr gesagt?«

»Sie sagte, ihr lägen noch nicht alle Informationen vor. Gabriel sei tot auf der Straße aufgefunden und in ein Krankenhaus gebracht worden. Mehr wusste sie auch nicht. Es sei jemand aus dem Büro des Patriarchen gewesen, der sie angerufen habe.«

Wieder eine lange Pause zwischen den Kontinenten.

Ich sagte ihr, dass ich so schnell wie möglich nach Hause käme.

»Das wäre schön, Adam. Denn ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Die Dame vom dänischen Außenministerium hat mich gefragt, was sie veranlassen solle. Aber woher soll ich das wissen?«

»Hat sie gesagt, wie sie heißt?«

»Ja. Ich habe es mir aufgeschrieben. Margrethe Laursen. Aber was soll ich jetzt machen?«

»Ich komme so schnell, wie ich kann. Hast du auch ihre Telefonnummer?«

»Nein.«

»Kein Problem. Mach dir keine Gedanken. Ich bekomme sie heraus, sobald ich im Hotel bin.«

»Aber wo bist du denn gerade?«

»Auf dem Fjäll beziehungsweise auf dem Eis. Ich drehe gerade für eine Sendung auf Grönland. Das weißt du doch. Aber ich komme, so schnell es geht. Es kann allerdings ein paar Tage dauern.«

»Hauptsache, du kommst, Adam.«

»Ganz bestimmt. Und ich werde im Ministerium anrufen.«

»Gott segne dich, Adam. Du warst immer derjenige, um den dein Vater und ich uns Sorgen gemacht haben. Du warst der Wilde und zugleich Zerbrechliche. Dir ist es schwergefallen, deinen Weg zu finden, während Gabriel immer wusste, was er wollte. Ich habe immer geglaubt, Gabriel wäre der Stärkere von euch beiden.«

»Das war er auch«, hatte ich geantwortet und gespürt, wie mir die Tränen wieder in die Augen stiegen, auch wenn ich in Wirklichkeit nicht ihrer Meinung war.

»Ich habe ihn Gabriel taufen lassen, weil ich wusste, dass er stark sein würde.« Sie sprach auf Russisch weiter, und ich verstand nicht auf Anhieb, was sie sagte.

»Mama, sprich doch Dänisch.«

»Gottes Stärke. Gabriel bedeutet Gottes Stärke, heißt es auf Russisch.«

»Ich komme, so schnell ich kann.«

»Das werde ich der Dame vom dänischen Außenministerium sagen. Sie wollte noch mal anrufen. Ich werde ihr sagen, dass mein ältester Sohn alles für mich regeln wird.«

»Darauf kannst du dich verlassen.«

Ich hatte vorgeschlagen, allein mit Jonathan zurückzufahren, aber das wollten die anderen nicht. Ich wollte erst nach Dänemark zurück und von dort aus dann weiter nach Moskau. Das verstanden alle. Wir waren ja auch so gut wie fertig. Wir hätten alles im Kasten, was wir bräuchten, hatte Stine gesagt, auch wenn sie nicht so aussah, als ob sie es wirklich meinte. Aber andererseits gab es tatsächlich keinen Grund, warum die anderen noch länger in der Wildnis bleiben sollten, wenn die Hauptperson weg war.

Die Fänger ließen die Schlitten am Stadtrand anhalten, wo wir von dem Geheul der vielen Hundert Hunde begrüßt wurden, die an den Ausläufern des Fjälls angeleint waren. Dort warteten zwei Autos vom Hotel Arctic auf uns, die Stine per Satellitentelefon für uns angefordert hatte. Es stürmte, und der Schnee stach uns ins Gesicht.

»Es reicht, wenn du morgen alles ablädst«, sagte Stine zu Jonathan und reichte ihm die Hand. Wir verabschiedeten uns per Handschlag von den grönländischen Fängern, die bereits damit begonnen hatten, die Hunde von den Schlitten abzuspannen und sie an die Kette zu legen. Das Hundegeheul um uns herum verstummte. Die Hunde rollten sich zusammen, steckten die Schnauzen unter ihre Schwänze und ließen sich vom Schnee bedecken.

»Alles Weitere besprechen wir morgen«, rief Stine über das Tosen des Windes hinweg. »Komm zu uns ins Hotel, dann machen wir die Abrechnung und den Rest dort.«

»Übermorgen«, sagte Jonathan. »Der Sturm dauert bestimmt zwei Tage. Übermorgen ist besser.«

»Okay«, sagte Stine und ging auf den Geländewagen des Hotels zu. Nikolaj hatte seine Kamera genommen und saß bereits zusammen mit Henriette und dem Koch Gert, der normalerweise im Hotel Hans Egede in Nuuk arbeitete, im Wagen. Das andere Auto, das unser Gepäck transportierte, war schon losgefahren, als der Fahrer begriffen hatte, dass wir unsere Ausrüstung heute gar nicht mehr abladen würden. Jetzt galt es, zum Hotel zu kommen, bevor die Straße völlig unpassierbar wurde. Ich kletterte hinter Stine ins Auto, und wir machten uns auf den Weg zum Hotel, das auf einer Landzunge mit Blick auf den Eisfjord lag. Der Fahrer musste den Allradantrieb zuschalten, um angesichts der schnell anwachsenden Schneewehen überhaupt vorwärtszukommen. Normalerweise konnte man auf die Stadt hinuntersehen, aber jetzt verschwand sie fast vollständig im Schneetreiben, so dass nur ab und zu einige wenige Lichter wie kleine Juwelen aufblitzten.

Im Hotel angekommen warf ich meine schneenassen Klamotten auf den Boden, nahm eine kleine Flasche Whisky aus der Minibar und trank sie in einem Zug aus. Ich fror immer noch. Ich hatte wieder dasselbe Zimmer bekommen. Normalerweise konnte ich die dahintreibenden Eisberge in dem sich ständig verändernden Fjord sehen und die Hunde des Besitzers, die direkt unter meinem Fenster an der Kette lagen. In dem großen und geräumigen Zimmer war es angenehm warm. Ich hatte Stine nur zugenickt. Keiner von uns hatte Lust auf Gesellschaft. Nikolaj war ebenfalls in seinem Zimmer verschwunden. Gert und Henriette gedachten, dasselbe zu tun. Sie wollten jedoch vorher noch etwas zu Abend essen. Eigentlich hätte ich richtig hungrig sein müssen, aber das war ich nicht. Auf dem kleinen Tisch stand eine Schale mit Obst. Ich nahm einen Apfel und legte mich auf das Doppelbett und aß ihn. Mein Kopf war vollkommen leer. Das Hotel hatte meinen Koffer und meine Computertasche im Zimmer abgestellt. Sie hatten sie für mich aufbewahrt, während wir auf dem Fjäll und auf dem Eis unterwegs waren, aber ich fühlte mich außerstande, meinen Computer anzumachen oder den Koffer auszupacken. Ich fror immer noch und stellte mich lange unter die heiße Dusche. Das half, auch wenn die Gedanken an Gabriel und an das, was ihm zugestoßen war, nicht aufhörten, in meinem Kopf zu kreisen. Ich nahm mir einen weiteren Whisky und kroch unter die Bettdecke. Es dauerte lange, bis ich einschlief und von Gabriels und meiner Kindheit träumte, aber diese Träume spielten sich in einem seltsam surrealen Universum ab, das keinerlei Ähnlichkeit mit Dänemark hatte.

Nach einer unruhigen Nacht stand ich um sieben Uhr auf. Ich hatte großen Hunger. Ich hatte nicht die Kraft gehabt, meine Mutter anzurufen, als wir im Hotel angekommen waren, und war auch jetzt nicht dazu in der Lage. Ich hatte ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich war nie ein guter Sohn gewesen.

Ich duschte, nahm mir saubere Kleidung aus meinem Koffer und durchquerte die Lobby, bevor ich nach oben in den Speisesaal ging. Stine saß dort vor einer Tasse Kaffee und einem Glas Orangensaft und sah aus, als hätte es sie enorme Kraft gekostet, sich von dem großen Frühstücksbüfett überhaupt etwas zu essen zu holen. Vor den Fenstern tobte noch immer der Schneesturm, und auf den Bildschirmen in der Lobby hatte ich gesehen, dass für heute alle Flüge annulliert waren.

Ich nickte Stine zu und belud meinen Teller mit Schinken, Rührei, Würstchen, Brot und Käse und stellte ihn ihr gegenüber auf den Tisch, bevor ich mir Kaffee und Saft holte. Ich brachte ihr auch noch ein Glas mit.

»Danke«, sagte sie. »Hast du gut geschlafen?«

»Nicht besonders.«

»Ich auch nicht. Es ging mir ein bisschen so wie Tom Hanks in Cast Away. Du weißt schon, der Film, in dem er auf einer einsamen Insel strandet. Als er endlich wieder von dort wegkommt und in einem Hotel übernachtet, muss er auf dem Boden schlafen, weil ihm das Bett total komisch vorkommt und viel zu weich ist. Ich fand’s toll auf dem Eis. Na, du hast ja richtig Hunger.«

»Ja«, antwortete ich und langte zu. Mein Magen schien ein riesiges Loch zu sein, und das Essen reichte nicht aus, um es zu füllen. Der Kaffee schmeckte gut, auch wenn ich ihn gern noch viel stärker gehabt hätte.

»Die Grönländer sind das Volk mit dem größten Kaffeekonsum der Welt«, sagte ich zusammenhanglos.

»Was du nicht sagst«, antwortete Stine und ging noch einmal zum Büfett. Sie kam mit einem Schälchen Joghurt zurück, auf dem ein paar Obststückchen lagen. Sie aß ein wenig davon, legte den Löffel beiseite und trank einen Schluck Kaffee.

»Ich vermisse es, beim Frühstücken oder Kaffeetrinken rauchen zu dürfen. Das wirkt einfach Wunder in solchen Situationen. Denn wer hat schon Lust, jetzt in den Schneesturm rauszugehen?«

»Ich habe nie geraucht, ich kann das nicht beurteilen. Welche Situationen meinst du?«, fragte ich und nahm einen großen Bissen von meinem Brötchen mit Käse. Alles andere hatte ich bereits aufgegessen. Ich hatte immer noch Hunger.

»Alle. Die zwischen dir und mir. Die mit deinem Bruder. Darf ich fragen, was genau passiert ist?«

»Das darfst du gern. Ich weiß nicht mehr, als dass Gabriel in Moskau ermordet aufgefunden worden ist. Ich werde nachher beim Außenministerium anrufen.«

»Ermordet? Gestern hast du doch tot gesagt?«

»Habe ich das? Auf jeden Fall tot. Hat meine Mutter gesagt.«

»Auf Russisch?«

»Auf Dänisch und auf Russisch. Auf Russisch heißt Tod smert und Mord ubijstwo. Aber warum erzähle ich dir das? Sie hat jedenfalls beide Wörter benutzt.«

»Sprichst du fließend Russisch?«

»Eigentlich schon. Ich benutze die Sprache nur nicht sehr häufig. Ich bin Däne. Ich habe nicht sonderlich viel mit Russland zu tun. Das fällt eher in den Zuständigkeitsbereich meiner Mutter und in den von Gabriel. Fiel in Gabriels Zuständigkeitsbereich.« Ich stand auf. »Ich muss noch etwas essen.«

Ich holte mir noch ein Brötchen und eine weitere Tasse Kaffee, aber als ich mich wieder hinsetzte, war mir der Appetit plötzlich vergangen, und ich verspürte stattdessen eine leichte Übelkeit. Stine streckte ihre Hand über den Tisch aus und legte sie auf meine.

»Standet ihr euch nahe, dein Bruder und du? Oder soll ich lieber meinen Mund halten?«

»Ist schon in Ordnung.«

Ich sah sie an. Sie sah gut aus. Sie hatte sich die Haare gewaschen und die Augen geschminkt. Schon bei unserer ersten Begegnung war mir aufgefallen, dass sie ein sehr hübsches Lächeln hatte, das ihre Augen ebenfalls erstrahlen ließ. Sie hatte offensichtlich auch ihren Koffer ausgepackt, denn sie trug eine frische Bluse, die tief ausgeschnitten war, und eine gut sitzende Jeans, wie ich bemerkte, als sie sich ihren Joghurt holte. Sie hatte sich schick gemacht nach all den Tagen in Outdoorkleidung.

»Schau mich bitte nicht so an«, sagte sie leise.

»Kommst du mit auf mein Zimmer?«

»Adam, hör auf.«

»Kommst du mit?«

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, und sie wandte den Kopf zur Seite. Der Augenblick war verpufft. Nikolaj hatte gerade den Raum betreten. Er winkte uns zu und holte sich am Büfett sein Frühstück. Er hatte sich sowohl rasiert als auch frische Sachen angezogen und sah außerordentlich zufrieden mit sich und dem Leben aus.

Stine zog ihre Hand zu sich heran.

»Mal sehen«, sagte sie leise.

»Ja«, sagte ich und ging auf ihre ursprüngliche Frage ein. »Wir standen uns nahe. So nah wie nur Zwillingsbrüder sich stehen können. Es gab immer wieder lange Phasen, in denen wir uns gar nicht gesehen haben, aber das machte nichts. Wenn wir uns getroffen haben, war es immer, als setzten wir ein Gespräch fort, in das wir seit Kindertagen vertieft waren.«

»Das ist etwas sehr Schönes.«

»Ja.«

»Ich wusste gar nicht, dass du einen Zwillingsbruder hattest.«

»Es gibt viel, was du nicht über mich weißt.«

»Dabei hast du den einschlägigen Blättern doch eine Menge über dich erzählt.«

»Das ist doch nur eine Rolle, Stine. Das müsstest du doch am besten wissen.«

»Da hast du allerdings recht. Wenn ich’s mir recht überlege, erzählst du immer alles Mögliche, ohne dabei etwas wirklich Privates preiszugeben.«

»Da kannst du mal sehen.«

»Entschuldige, wenn ich noch einmal nachfrage. War dein Vater auch Russe? Er lebt nicht mehr, oder? Das habe ich jedenfalls irgendwo gelesen.«

»Es ist bald zehn Jahre her. Und nein. Er war Däne durch und durch.«

Sie sah in den Raum. »Ich habe keine Lust, mich mit Nikolaj zu unterhalten«, sagte sie mit verändertem Tonfall. »Er scheint so zufrieden zu sein, dass wir in die Zivilisation zurückgekehrt sind. Mir hat es in der Natur richtig gut gefallen. Ich hole meine Jacke und gehe zum Rauchen nach draußen. Leistest du mir Gesellschaft, auch wenn du nicht rauchst?«

»Danke für die Einladung, aber ich bleibe lieber im Warmen.«

Nikolaj setzte sich und fing an zu essen. Er lobte das Hotel in den höchsten Tönen. Wir redeten ein bisschen über das Wetter. Nach einer Weile kam Stine zurück. Sie roch leicht nach Zigarettenrauch. Sie goss sich Kaffee ein und sagte, sie habe beim Flughafen angerufen. Dort gehe man davon aus, dass der Sturm sich im Laufe des Tages legen würde, und dann würde in der Nacht darauf die Startbahn wieder freigeschaufelt. Es sei sehr wahrscheinlich, dass ab dem nächsten Morgen wieder geflogen werden könne. Auf dem Søndre Strømfjord Airport unten in Kangerlussuaq gab es keine Probleme. Der Schneesturm wütete in einem schmalen Streifen von Ilulissat aus nordwärts. Stine hatte mich auf den Flug gebucht, der am nächsten Tag nachmittags von Kangerlussuaq nach Dänemark ging, in der Hoffnung, dass die Inlandsmaschine von Ilulissat aus dann ebenfalls starten konnte.

Sie und Nikolaj wollten noch mit Jonathan und den anderen Fängern und dem Koch abrechnen und dann in ein paar Tagen nach Dänemark zurückfliegen, wenn alles klappte. Es hing davon ab, wie lange die Fänger brauchten, um die Schlitten mit der Ausrüstung freizuschaufeln. Wir würden dann alles Weitere in Dänemark besprechen, meinte sie, wenn ich so weit wäre. Ich solle mir Zeit lassen. Ich dankte ihr für ihr Verständnis.

»Es wird eine fantastische Sendung werden«, fuhr sie fort. »Der Film wird auf jeden Fall bis zum Sundance Filmfestival im November fertig. In Dänemark wird er dann vor Weihnachten im Fernsehen zu sehen sein. Du wirst die Leute davon überzeugen, dass die Klimaprobleme tatsächlich eine sehr ernste Angelegenheit sind. Du und natürlich Nikolajs großartige Aufnahmen.«

»Und dein Text«, sagte ich mit einem Lächeln.

Sie erwiderte ebenfalls mit einem Lächeln: »Und mein Text und meine Bearbeitung des Materials.«

Als Henriette kam und weinerlich fragte, wie es mir gehe, erhob ich mich und ging auf mein Zimmer. Ich machte meinen Computer an, fühlte mich aber nicht in der Lage, meine Mails zu checken. Stattdessen ging ich ins Intranet des Dänischen Meteorologischen Instituts und versuchte, mir ein Bild vom Schneesturm zu machen. Es sah ganz so aus, als hätten die Meteorologen vom Flughafen recht damit, dass er sich in Richtung Nordosten bewegte. Draußen vor dem Fenster gab es jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass der Sturm sich bald legte. Der Schnee senkte sich wie eine dichte Wand auf die vorbeisegelnden Eisberge, die fast ganz hinter diesem undurchsichtigen Schleier verschwanden, während die Hunde vom Schnee bedeckt dalagen und das Ganze einfach verschliefen. Ich sah mir das Wetter in Moskau an. Dort herrschten ebenfalls Minusgrade, und es gab einzelne Schneeschauer. Gabriel war also einen Wintertod gestorben.

Ich rief das Außenministerium in Kopenhagen an und ließ mich mit der Büroleiterin Margrethe Laursen verbinden. In Dänemark war es kurz nach ein Uhr mittags. Ich nannte meinen Namen und mein Anliegen und wurde direkt durchgestellt. Am anderen Ende meldete sich eine angenehme Stimme.

»Mein Beileid, Herr Lassen«, sagte Margrethe Laursen.

»Danke«, erwiderte ich knapp. »Wissen Sie, was genau meinem Bruder zugestoßen ist?«

»Ich weiß leider nicht allzu viel, aber immerhin etwas mehr als gestern, als ich mit Ihrer Mutter gesprochen habe. Ich habe gerade mit der Botschaft telefoniert, die sich sowohl mit der Polizei als auch mit dem Büro des Patriarchats in Verbindung gesetzt hat. Denn dort hat Ihr Bruder ja gearbeitet, wenn ich das richtig verstanden habe.«

»Das ist richtig. Und was haben sie gesagt?«

»Es deutet vieles darauf hin, dass Ihr Bruder überfallen und ausgeraubt wurde.«

»Vieles? War es nun ein Verbrechen oder nicht?«

»Ich kann Ihnen leider nichts Genaueres sagen. Ich kann nur wiedergeben, was man mir mitgeteilt hat.«

»Natürlich. Sorry.«

»Ist schon in Ordnung. Den Angaben der Botschaft zufolge wurde Ihr Bruder gegen Mitternacht in einer kleinen Gasse in Moskau gefunden. Man hat ihn offensichtlich zusammengeschlagen. Ein junges Paar hat ihn dort gefunden. Sie haben einen Krankenwagen gerufen, der Ihren Bruder ins Krankenhaus gebracht hat. Als er dort ankam, war er tot.«

»Kann die Polizei schon Näheres dazu sagen?«

»Soweit ich weiß, nein. Die Botschaft lässt fragen, was mit dem Verstorbenen passieren soll.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wissen Sie vielleicht, ob Ihr Bruder in Russland beigesetzt werden wollte? Schließlich war er dem Land ja eng verbunden. Oder sollen wir veranlassen, dass sein Leichnam nach Dänemark überführt wird?«

»Warum sollte er in Russland beerdigt werden?«

»Die Botschaft hat angedeutet, dass dies nach Auskunft des Patriarchats wohl sein Wunsch war.«

Ich hielt einen Moment lang inne. »Niemand wird irgendetwas veranlassen«, sagte ich dann. »Ich werde voraussichtlich morgen von hier wegkommen und dann in zwei Tagen nach Moskau fliegen, wenn ich so schnell ein Visum für uns bekomme. Ich bin mir sicher, dass meine Mutter mich gern begleiten möchte. Und dann sehen wir weiter.«

»Das hört sich sehr vernünftig an. Soll ich mich mit der russischen Botschaft in Verbindung setzen?«

»Warum das?«, fragte ich in unangemessen scharfem Ton, aber es war mir immer schwergefallen und würde mir immer schwerfallen, mein tiefverwurzeltes Misstrauen gegen jegliche russische Autorität zu verbergen. Ich ging davon aus, dass es besser wäre, einfach dort aufzukreuzen und ein Visum zu verlangen.

»Ich kann Ihnen bei der Beschaffung behilflich sein.«

»Ach, da hat sich im Konsulat ja offensichtlich etwas getan.«

»Das Verhältnis zwischen Russland und Dänemark ist seit geraumer Zeit außerordentlich gut.«

»Das ist ja überaus erfreulich. Dann nehme ich Ihr freundliches Angebot natürlich dankend an.«

Ich gab ihr meine E-Mail-Adresse und meine Handynummer und verabschiedete mich. Dann klappte ich meinen Laptop auf und buchte im Netz die Flugtickets für meine Mutter und mich mit der SAS nach Moskau. Es blieb mir nur noch zu hoffen, dass das Wetter sich bessern würde. Ich checkte meine E-Mails und empfand einen gewissen Trost dabei, auf alltägliche Nichtigkeiten aus meinem privaten und beruflichen Umfeld zu antworten. Draußen vor dem Fenster legte sich der Sturm allmählich, und die ersten Möwen glitten wieder durch die Luft. Die Eisberge segelten langsam und kaum merklich davon, und die Hunde kamen wieder aus ihren Schneewehen hervor und verlangten jaulend nach Futter.

Abends aßen wir alle zusammen im Hotelrestaurant und schwangen Reden darüber, was für eine tolle Arbeit wir geleistet und wie viel Spaß wir zusammen gehabt hatten, während wir auf Kosten der Produktionsfirma Unmengen teuren Rotweins tranken. Schließlich ging ich auf mein Zimmer und wartete dort auf Stine, die sich kurze Zeit später ebenfalls von den anderen verabschiedete. Rotwein und Sex sind ausgezeichnete Mittel, um die Wirklichkeit und quälende Gedanken für eine Weile zu verdrängen.

Ich hatte weder einen Kater noch empfand ich irgendeine Art von Reue, als ich am nächsten Morgen allein frühstückte, bevor das hoteleigene Taxi mich und vier dänische Geschäftsleute die kurze Strecke bis zum Flughafen fuhr. Die Sonne schien, so dass das Wasser des Eisfjords an einen großen grünen Smaragd erinnerte. Der Blick reichte über die ganze Bucht und bis zur Insel hinüber, die knapp hundert Kilometer entfernt lag, so klar war die Luft.

Stine hatte sich früh am Morgen aus meinem Zimmer gestohlen. Die anderen hatten abends offensichtlich noch lange an der Bar gesessen und getrunken. Jedenfalls tauchte keiner von ihnen beim Frühstück auf, was mir einen tränenreichen Abschied ersparte. Ich mochte Stine wirklich gern, aber ich band mich nicht gern allzu fest an einen anderen Menschen. Auch nicht an Frauen. Ich hatte eine feste Freundin gehabt, aber die Beziehung war wenige Monate zuvor nach zwei Jahren auseinandergegangen. Ich hatte Stine erst auf Grönland kennengelernt. Ich wusste nicht besonders viel über sie. Ich fragte sie nicht, und sie erzählte von sich aus auch nichts. Sie war mit einem Regisseur verheiratet, der zehn Jahre älter war als sie und bisher nur einige kleinere Werbefilme gedreht hatte. Aber sie war wohl vor allem mit ihrer Arbeit verheiratet. Als Freiberuflerin ließ sich das auch kaum anders machen. Die Branche gab sich zwar ziemlich liberal, aber das Wort Solidarität existierte nicht, wenn es darum ging, einen guten Job an Land zu ziehen.

Die kleine rote Turboprop-Maschine startete planmäßig. Sie war bis auf den letzten Platz ausgebucht. Ich saß am Fenster und hatte Mühe, meinen großen Körper auf dem Sitz unterzubringen.

Die Propeller drehten sich unsichtbar schnell, und ich blickte auf die weiße grönländische Wildnis unter mir. Ich dachte an Gabriel und an unsere Lebenswege, aber ich spürte, dass ich noch nicht bereit war, meine Seele wirklich zu öffnen. Ich musste daran denken, was Jonathan über die grönländischen Männer erzählt hatte, die ins Fjäll hinausgingen, um zu sterben, wenn sie das Gefühl hatten, dass das Leben nicht mehr lebenswert war, oder wenn sie sich und ihre Nächsten nicht mehr aus eigener Kraft versorgen konnten. Ich konnte sie irgendwie verstehen, als ich so auf die Landschaft hinunterschaute. Man würde sich winzig klein fühlen und verschwinden und einfach nicht mehr da sein. Aber ich gab diesen Gedanken nicht nach, sondern hielt daran fest, dass solche destruktiven Überlegungen nicht die Oberhand gewinnen durften.

Schon um meiner Mutter willen musste ich stark sein. Sie hatte schließlich nicht nur ihren Sohn verloren, sondern sie würde auch in das Russland zurückkehren müssen, das sie 1975 verlassen hatte. Sie hatte sich geschworen, zeit ihres Lebens nie wieder einen Fuß auf russischen Boden zu setzen. Sie hatte dieses Versprechen gehalten, obwohl Gabriel dorthin gezogen war, aber ich war davon überzeugt, dass sein Tod sie dazu bringen würde, ihr Versprechen zu brechen und in jene Stadt zurückzukehren, die ihr und ihrer Familie so viel Leid zugefügt hatte, als das Land noch Sowjetunion hieß.

Wir landeten in Kangerlussuaq, wie unser grönländischer Pilot die Stadt nannte, die mir aus alter Gewohnheit immer noch unter ihrem dänischen Namen Søndre Strømfjord geläufig war. Ich sah, dass der große rot-weiße Airbus von Air Greenland gerade für den Abflug vorbereitet wurde. Er war zum Glück planmäßig aus Dänemark eingetroffen. Ich ging die Gangway hinunter und über den Landeplatz und auf das Flughafengebäude zu. Die Sonne schien. Die Temperatur lag vermutlich um den Gefrierpunkt. Ich betrat das Gebäude hinter den anderen Passagieren. Drinnen gab es eine kleine Wartehalle und einen Kaffeeausschank. Ein Stockwerk höher befand sich ein neues und schickes Café. Bei den Sicherheitskontrollen, die wir passieren mussten, um an Bord der Maschine nach Dänemark zu gelangen, standen sowohl dänische als auch grönländische Polizeibeamte. Es warteten bereits viele Menschen, und die Menge wurde immer größer, je mehr Passagiere die Propellermaschinen aus den kleinen und größeren Städten des großflächigen Landes herbeischafften.

Ich trat auf eine Aussichtsplattform, die sich vor dem Wartesaal befand, und atmete die milde Luft ein. Ich roch das Benzin der Flugzeuge, was aber kein unangenehmer Geruch war. Das laute Geräusch der Propeller einer landenden Turboprop war zu hören. Auf den Hängen des Fjälls, auf denen Moschusochsen und Rentiere weideten, lag Schnee. An einem zerkratzten Metallständer hingen diverse rot-weiße Schilder, die in alle Himmelsrichtungen zeigten und die Flugzeiten nach Kopenhagen, Los Angeles, London, New York, Tokio, Moskau und anderen Städten angaben.

Demzufolge war ich fünf Stunden und zwanzig Minuten von Moskau entfernt, wenn Air Greenland mich jetzt direkt dorthin fliegen würde.

Als ich im russischen Konsulat vorsprach, wurde ich sehr nett und entgegenkommend behandelt und bekam unser Visum umgehend ausgestellt. Man hatte sogar gelächelt und uns eine gute Reise gewünscht und die frühere russische Staatsangehörigkeit meiner Mutter mit keiner Silbe erwähnt. Und so flogen wir zwei Tage später in die russische Hauptstadt.

Ich hatte Gabriel ein paar Mal in Moskau besucht, aber es war das erste Mal, dass meine Mutter ihr Vaterland wiedersah, sechsunddreißig Jahre, nachdem die Sowjetmacht ihr die Staatsbürgerschaft aberkannt und sie ins ewige Exil verbannt hatte.

3

Zu behaupten, meine Mutter sei nervös gewesen, als sie das SAS-Flugzeug verließ und den Terminal D des Flughafens Scheremetjewo in Moskau betrat, wäre die Untertreibung des Jahres, auch wenn sie ihre Unsicherheit wie immer unter einer perfekt zurechtgemachten Oberfläche versteckte.

Nichts war mehr so, wie sie es in Erinnerung hatte.

Ich war zunächst auch ein wenig verwirrt. Es war ein knappes Jahr her, dass ich zuletzt in Moskau gewesen war. Der neue Terminal war mittlerweile fertiggestellt worden. Er war hell und modern, mit einem sauberen und edlen, marmorartig aussehenden Fliesenboden. Blaue Schilder wiesen den Weg zur Gepäckabholung und zu den Transfergates. Es hätte ein beliebiger Ort überall auf unserer globalisierten Welt sein können, wenn man mal von den kyrillischen Buchstaben absah. Es waren nicht allzu viele Passagiere unterwegs. Unsere eiligen Schritte waren deutlich zu hören, als wir durch einen langen Gang in Richtung Rolltreppe gingen.

Meine Mutter sagte nichts, aber ich sah, wie ihre wachen graugrünen Augen alles in sich aufsaugten: die gut gekleideten Leute, die jungen Frauen, die in ihren hautengen Hosen und hochhackigen Schuhen wie exotische Blumen aus der Masse herausstachen, die Reklametafeln, die mit Ferien in Ägypten oder der Türkei lockten. Kaufen Sie sich ein iPad, besorgen Sie sich unser neuestes Handy, kommen Sie zu Dior im GUM, besuchen Sie den Duty-free-Shop. Sie sah die gehetzten Geschäftsleute mit ihren Computertaschen, die hektisch auf ihren Smartphones herumtippten. Sie trugen nicht mehr die graue und schlecht sitzende Einheitskluft der kommunistischen Ära, sondern Armani-Anzüge, die sie mit derselben lässigen Eleganz wie ihre Kollegen in London und Paris zur Schau stellten.

Sie lauschte ihrer Muttersprache, die hier so viel schneller gesprochen wurde und mit Wörtern versetzt war, die nicht existiert hatten, als Moskau noch die Hauptstadt der Sowjetunion gewesen war. Jetzt war hier alles modern und globalisiert und unvorstellbar weit von dem Land entfernt, das sie damals verlassen hatte.

»Na, was denkst du, Mama?«, fragte ich auf Dänisch, als wir uns in eine der Schlangen vor der Passkontrolle einreihten. Es ging flott voran. Meine Mutter umklammerte ihren rote-bete-farbenen dänischen Pass, als handelte es sich um ein kostbares Juwel, das man ihr jeden Moment aus der Hand reißen würde.

»Später, Adam. Lass uns erst mal den KGB