Der Tod ist ein bleibender Schaden - Eoin Colfer - E-Book

Der Tod ist ein bleibender Schaden E-Book

Eoin Colfer

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Beschreibung

Es hätte alles so schön werden können. Dan McEvoy, knallharter Türsteher und Exsoldat, hat soeben neue Haare transplantiert bekommen. Jetzt klappt‘s auch mit Connie, der heißen Hostess im verruchtesten Club von New Jersey. Doch dann wird Connie mit Loch im Kopf und mausetot aufgefunden. Die Bullen verdächtigen Dan. Der hat ausnahmsweise eine weiße Weste. Das kann er sogar beweisen. Und weil Dan ein Meister der Fettnäpfchen ist, geht dabei alles so richtig schön schief. Die Mafia hat‘s auf ihn abgesehen und fackelt ihm fast den teuren Haarschopf ab. Doch ob mit oder ohne Haare, Dan will Connies Mörder finden.

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Eoin Colfer

Der Tod ist ein bleibender Schaden

Roman

Aus dem Englischen von Conny Lösch

List

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel Plugged beim Verlag Headline, London.

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

List ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH © 2011 by Eoin Colfer © der deutschsprachigen AusgabeUllstein Buchverlage GmbH, Berlin 2012 Alle Rechte vorbehalten Satz und eBook bei LVD GmbH, Berlin

ISBN 978-3-8437-0193-8

Für Ken Bruen, der mich dazu gebracht hat

Mit Dank an Declan Denny für seinen unschätzbar aufmerksamen Blick für Einzelheiten

KAPITEL EINS

Der großartige Stephen King hat mal geschrieben »reg dich nicht über Kleinigkeiten auf«, und ich hab lange drüber gebrütet, bis mir klarwurde, dass ich nicht ganz damit einverstanden bin. Ich weiß schon, was er meint: In unser aller Leben gibt’s sowieso Leid und Elend genug, ohne dass wir wegen jedem eingerissenen Fingernagel gleich durchdrehen, aber wenn man sich über Kleinigkeiten aufregt, hilft einem das manchmal, das wirklich Wichtige durchzustehen.

Seht mich an, mir und um mich herum ist so viel absolut Entsetzliches passiert, dass die meisten anderen längst sabbernd in der Klapse säßen, aber ich versuch einfach, nicht zu viel drüber nachzudenken. Soll’s ruhig im Inneren brodeln, das ist meine Philosophie. Ist bestimmt gesünder, oder? Konzentrier dich auf den harmlosen Alltagskram und lass dich nicht von den psychischen Niederschlägen ablenken, die dich fertigmachen. Mit meiner Philosophie bin ich bis hierher gekommen, aber mein soldatisches Gespür sagt mir, dass es schon bald zum großen Knall kommen wird.

Bei meinem derzeitigen Job in Cloisters in New Jersey ist Nachdenken eher nicht gefragt. Über philosophische Themen oder ­natürliche Phänomene plaudern wir im Kasino nicht oft. Einmal wollte ich erzählen, was ich im National Geographic Channel ­gesehen hatte, aber Jason guckte mich an, als hätte ich ihn persönlich beleidigt, also wechselte ich sicherheitshalber das Thema, überlegte laut, welche Mädchen sich die Titten hatten machen lassen. Darüber reden wir ständig, ist also bekanntes Terrain. Nach ein paar Schlucken von seinem Proteinshake beruhigte er sich wieder. Mein Gequatsche über tektonische Platten hatte Jase mehr Angst eingejagt als ein Besoffener mit Pistole. Jason ist der beste Türsteher, mit dem ich je gearbeitet habe, eine seltene Kombination aus groß und schnell, aber mit viel mehr Grips in der Birne, als er raushängen lässt. Manchmal vergisst er sich und spielt auf einen Fellini-Film an, verwischt seine Spuren aber anschließend sofort, indem er dem nächstbesten Kerl an der Tür das Leben schwermacht. Der Mann hat Geheimnisse, wie wir alle. Er will mich nicht damit belasten, und mir ist seine Einstellung absolut recht. Wir machen beide auf blöd und verdächtigen uns gegenseitig, dass wir gar nicht so blöd sind, wie wir tun. Ganz schön anstrengend.

Meistens haben wir abends Zeit, draußen zu quatschen. Bis ungefähr halb elf ist alles ruhig. In der Regel kreuzen bloß ein paar Freizeitzocker auf, unauffällige Typen. Die Partymeute rollt erst an, wenn die normalen Bars schließen. Victor, der Chef, den ich später noch näher beschreiben werde, weil er so ein Arschgesicht ist, dass er eigentlich einen eigenen Film verdient hätte, nur dass es mir den Flow versaut, wenn ich jetzt damit anfange, also mach ich’s später, aber egal, Vic will immer zwei Männer draußen haben. Wenn’s ums Hinterzimmer geht, braucht er manchmal zwei, um eine Schlägerei zu stoppen. Da kann’s ganz schön hoch hergehen, besonders wenn kleine Männer beteiligt sind. Ich denke, daran ist Joe Pesci schuld.

Also übernehme ich meistens die Nachtschicht, wobei es genau genommen gar keine Tagesschicht gibt. Ein- oder zweimal im Monat leg ich auch eine doppelte ein. Macht mir nichts aus. Was soll ich zu Hause? Liegestütze trainieren und mir Mrs Delanos Gezeter anhören?

Um Punkt acht fang ich heute an. Es ist mitten in der Woche, also freu ich mich auf einen ruhigen Abend, Energieriegel futtern und mit Jason die Vorzüge der Chirurgie diskutieren. Ein schlichter Zeitvertreib, der mich dem Glück so nahebringt, wie ich ihm in diesem Leben kommen werde.

Jason und ich sehen uns gerade auf YouTube an, wie so ein Russe Kettlebells durch die Luft schleudert, als ich einen Anruf von Marco auf mein Headset kriege. Ich muss den kleinen Barmann zweimal bitten, sich zu wiederholen, bevor seine Botschaft bei mir ankommt und ich ins Kasino rase. Offensichtlich hat sich mein Lieblingsmädchen Connie beim Servieren über den Tisch gebeugt, und so ein Typ hat ihr über den Arsch geleckt. Wichsgesicht. Ich meine, das steht auf Messingtafeln an der Wand. Nicht direkt das mit dem Arschlecken. Da heißt es Anfassen der Hostessen untersagt. Verbindliche Klubregel. Einige Hostessen legen vielleicht in den Kabinen hinten auch mal Hand an, aber der Kunde hat auf keinen Fall das Recht zurückzugrapschen.

Als ich da ankomme, versucht Marco gerade Connie von dem Kerl fernzuhalten, was in sehr viel stärkerem Maße seiner eigenen Sicherheit dient, als ihm klar sein dürfte. Einmal hab ich gesehen, wie Connie einem College-Footballer ein Tablett übergezogen hat. Seine Gesichtszüge drückten sich ins Metall, als wär’s Pappkarton.

»Okay, Leute«, sage ich mit meiner donnernden Türsteherstimme. »Lasst uns das professionell regeln.«

Der Vorschlag wird von den Stammgästen, die auf ein bisschen Theater gehofft hatten, mit Buhrufen quittiert. Ich klemme mir Marcos Kopf wie einen Basketball unter den Arm und bugsiere ihn hinter die Bar, dann baue ich mich drohend vor dem Übel­täter auf.

Der Schlabbermann stemmt die Hände auf die Hüfte, als wäre er Peter Pan. Connies Finger haben rote Streifen auf seiner Wange hinterlassen.

»Warum gehen wir nicht nach hinten«, sage ich und schenke ihm fünf Sekunden lang direkten Blickkontakt, »bevor hier alles aus dem Ruder läuft.«

»Die Schlampe hat mich geschlagen«, sagt er und zeigt mit dem Finger, als könne irgendein Zweifel daran bestehen, von welcher Schlampe er spricht.

Seine Finger sind noch klebrig von einer Portion Chicken Wings, und Soßenfinger haben mich schon immer in einem kaum nachvollziehbaren Maß zur Weißglut gebracht.

»Wir haben da hinten einen Pausenraum«, sage ich und bemühe mich, die braune Schmiere unter seinen Nägeln zu übersehen. Was ist bloß los mit den Leuten? Man isst, macht den Mund dabei zu und wischt sich hinterher die Finger ab. Wie schwer ist das? »Warum besprechen wir das Problem nicht da hinten?«

Connie ist still, strengt sich an, ihre Wut im Zaum zu halten, kaut auf einem Nikotinkaugummi, als wären’s die Eier von dem Kerl. Connie hat Temperament, aber ohne guten Grund würde sie nicht handgreiflich werden. Sie hat zwei Kinder drüben in ­Cypress im Hort, sie braucht die Kohle.

»Okay, Dan«, sagt sie. »Aber können wir einen Zahn zulegen? Da sind Leute, die’s kaum abwarten können, mir Trinkgeld zuzustecken. Das ist doch ein klarer Fall.«

Der mit dem Zeigefinger lacht, als hätte sie was Witziges gesagt.

Ich führe die beiden in den Pausenraum, der kaum mehr als eine Besenkammer ist, und tatsächlich stehen da ein paar Wischmopps, die wie Dreadlockpalmen aus einer Kisteninsel in der Ecke wachsen.

»Alles klar?«, frage ich Connie und bin froh, dass sie sich keine ansteckt. Sechs Monate hat sie’s jetzt geschafft, nicht zu rauchen. Sie nickt, setzt sich auf das verdreckte Sofa. »Der Kerl hat mir über den Arsch geleckt. Geleckt. Hast du feuchte Tücher, Daniel?«

Ich reiche ihr eine Packung. Wenn man in einem viertklassigen Kasino wie dem Slotz in New Jersey arbeitet, hat man immer ein Päckchen Desinfektionstücher dabei. Hier kann man sich alles Mögliche holen.

Ich gucke weg, während sich Connie die Barbecuesoße vom Hintern wischt. An tiefen Dekolletés kommt man hier nicht vorbei, aber ich finde, man kann wenigstens die unteren Partien meiden. Ich bemühe mich, meinen Blick über der Gürtellinie zu halten, das ist für alle besser. Während sie sich also saubermacht, wende ich mich an den Kerl. Den Schlabbermann.

»Was haben Sie sich dabei gedacht, Sir? Anfassen verboten. Können Sie nicht lesen?«

Der Kerl wird mir blöd kommen. Das sehe ich ihm schon an den Haaren an, ein rotblondes krauses Büschel thront auf seinem Kopf wie ein vom Dach gefallenes Vogelnest.

»Ich hab das Schild gesehen, Daniel«, sagt er und zeigt zurück ins Kasino. Der Mann ist eine Zeigemaschine. »Da steht nicht anfassen.«

»Und was haben Sie gemacht? Sie haben sie angefasst.«

»Nein«, sagt der Mann und schwingt seinen Zeigefinger zu mir rüber, so dicht, dass ich die Soße riechen kann, was mir den Appetit auf Gegrilltes mindestens einen Monat lang verderben wird. Rippchen vielleicht ausgenommen. »Ich hab sie nicht angefasst. Man fasst etwas mit den Händen an. Ich hab gekostet.«

Dann hört er auf zu reden, als bräuchte ich eine Sekunde, um sein geniales Argument sacken zu lassen.

»Glauben Sie, so einen dämlichen Scheiß hab ich noch nie gehört? Glauben Sie im Ernst, dass Sie der Erste sind, der’s auf die Tour probiert?«

»Ich denke, ich bin der erste Rechtsanwalt, der’s auf die Tour probiert.« Er grinst selbstgefällig. Ich hasse diesen Gesichtsausdruck, vielleicht weil ich ihn zu oft zu sehen bekomme.

»Sie sind Anwalt?«

Weiteres Gezeige. Ich hab gute Lust, diesem Arschloch den Finger zu brechen. »Das haben Sie verdammt richtig erkannt, ich bin Anwalt. Wenn Sie mir blöd kommen, mache ich den Scheißladen hier dicht. Sie werden für mich arbeiten.«

»Ich werde für Sie arbeiten, Sir?«

Manchmal wiederhole ich was. Die meisten Leute halten mich für blöd, aber in Wirklichkeit traue ich nur meinen Ohren nicht.

Der Kerl entscheidet sich ebenfalls für Interpretation A.

»Was ist los mit Ihnen? Sind Sie ein Papagei? Ein unterbelichteter irischer Papagei? Gott, gütiger!«

So läuft das wahrscheinlich bei dem Penner im Büro. Er wirft mit Dreck um sich, und die Leute lassen sich’s gefallen. Ich schätze mal, er ist der Boss oder jedenfalls kurz davor, es zu werden. Nur der Boss und der Postbote können es sich in diesem Maß leisten, auf alle zu scheißen, ohne dass ihnen jemand an den Kragen geht. Sein Anzug und seine Brille sehen aus wie um 1972 von Michael Caine geklaut, und dazu natürlich der styroporartige, rotblonde Haarkranz.

»Nein, Sir. Ich bin kein Papagei«, sage ich ruhig und freundlich, wie ich es auf der Türsteherschule gelernt habe. »Ich bin hier im Haus Leiter der Abteilung für Sicherheit, und Sie haben eine der Hostessen angefasst, ganz egal, wie Sie den Sachverhalt verdrehen.«

Der Kerl lacht, als hätte er Publikum. »Sachverhalte verdrehen ist genau das, womit ich mein Geld verdiene, Mister Daniel ­Sicherheitschef. Das ist mein gottverdammter Beruf.«

Er sagt das gottverdammter ganz falsch, als hätte er’s aus dem Fernsehen. Aus dem Mund eines Anwalts klingt es sowieso nicht richtig.

»Das ist Ihr gottverdammter Beruf?«, sage ich und sage es so, wie es gesagt werden sollte. Ich hab’s nämlich von einem rumänischen Söldner gelernt, der für die christliche Miliz in Tebnine gearbeitet hat. Anghel und seine Jungs fuhren fast jeden Tag in ihrem klapprigen VW an unserem Camp vorbei und wollten Deals für Kondensmilch und Nudeln aushandeln, die wir von den französischen Garçons bekamen. Ich konnte Anghel ganz gut leiden, er hat nie gezielt auf mich geschossen, sein ganzer Kopf bestand aus Bart, und mir gefiel, wie er gottverdammt sagte.

Nur eine Packung, Paddy? Ich geb dir perfektes gottverdammtes Föhn dafür.

Klang echt, Betonung auf Gott. Wenn ich also Eindruck schinden will, sag ich’s rumänisch. Oft genügt das schon, um jemanden zu irritieren, aus dem Tritt zu bringen.

Aber nicht bei dem hier. Der rotblonde Affe zeigt sich absolut unbeeindruckt von meinem gottverdammt und setzt an, seinen zweiten schweren Fehler des Abends zu begehen, jedenfalls soweit ich weiß. Er macht einen Schritt auf mich zu, als hätte er hier das Sagen und als wäre ich nicht zwanzig Zentimeter größer und fünfzig Pfund schwerer.

»Was soll der Papageienscheiß?«, fragt er und, ob ihr’s glaubt oder nicht, er tippt mir an die Stirn. »Haben die dir den Strom da oben abgestellt? Gott, gütiger.«

Mit dem Tippen überrumpelt er mich, aber ich freu mich auch drüber, weil der Kerl mich jetzt angefasst hat.

»Sie hätten mich nicht anfassen dürfen, Sir«, sage ich traurig. »Das ist ein Übergriff. Jetzt muss ich mich verteidigen.«

Das nimmt ihm den Wind aus den Segeln. Als Anwalt kennt dieser Klugscheißer die Gesetze genau. Ihm ist klar, dass ich jetzt das Recht habe, ihm ein bisschen weh zu tun und zu behaupten, ich hätte mich bedroht gefühlt. Ich übe schon mal ein bedrohtes Gesicht zu machen, damit er sich vorstellen kann, wie’s vor Gericht wirkt.

Sein Zeigefinger verkümmert wie eine vertrocknete Kackwurst, und er macht ein paar Schritte rückwärts.

»Hören Sie. Wenn Sie mir auch nur ein Haar …«

Er kann seine Drohung nicht zu Ende führen, weil ich einen Schuss guthabe, und das weiß er. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich wirklich sehr gerne davon Gebrauch gemacht und den Anwalt aus unser aller kläglichem Dasein entfernt. Aber Connie hat ihre Kinder im Hort, und das Letzte, was sie braucht, ist eine Vorladung als Zeugin vor Gericht. Noch dazu, wo der Gerichtssaal die angestammte Kampfarena dieses Arschlochs ist. Vor dem Richter wird er zum Gladiator. Ich sehe ihn praktisch vor mir, wie er wie ein rotblondes Äffchen herumspringt und mit dem Finger in der Luft fuchtelt, als gäb’s kein Morgen. Und um ganz ehrlich zu sein, mein bedrohter Gesichtsausdruck ist gar nicht so supergeil.

Also sage ich: »Wie viel Geld haben Sie in der Brieftasche?«

Der Kerl will sich noch mal aufblasen, aber ich baue ihm einen Fluchtweg, und das weiß er auch.

»Keine Ahnung. Vielleicht ein paar Hunderter.«

Von wegen keine Ahnung. Anwälte und Buchhalter wissen so was immer. Normalerweise stecken sie sich überall ein paar Scheine hin, für den Fall, dass sie’s später am Abend mit einer aufdringlichen Tänzerin oder Nutte zu tun bekommen. Wahrscheinlich weiß der Typ sogar, wie viel Kohle seine kranke Mama im Glas für ihre Dritten versteckt.

»Geben Sie mir drei«, sage ich. »Geben Sie mir dreihundert für die Hostess, und ich verzichte drauf, mich in Selbstverteidigung zu üben.«

Der Anwalt zuckt sichtlich zusammen. »Dreihundert! Für einmal lecken. Gott, gütiger.«

Er wird drauf eingehen. Ich weiß es genau. Die Alternative wäre, seinen großkotzigen Klienten erklären zu müssen, wie es dazu kam, dass er in einer Absteige wie dem Slotz, wo der Teppich in den Ecken schimmelt und die Klos noch Kettenspülung haben, die Fresse poliert bekam.

Der Kerl fingert angestrengt in seiner Brieftasche herum, als würden sich die Scheine sträuben, weshalb ich danach greife und ihm die weichen Wurstfinger quetsche.

»Überlassen Sie mir das Zählen, Sir. Sie zittern ja.«

Er zittert nicht, aber ich will ihm schon mal die Vorstellung einimpfen, dass er eigentlich guten Grund dazu hätte. Das ist kein Tipp aus der Türsteherschule. Der Psychodoktor bei der Armee hat mir vor meinem zweiten Einsatz ein paar Ratschläge zur Konfliktlösung mit auf den Weg gegeben.

Stimmt schon, ich hab mir die Brieftasche geschnappt, damit das Ganze schneller über die Bühne geht, aber ich will mir bei der Gelegenheit auch noch eine seiner Visitenkarten unter den Nagel reißen. Immer gut, ein paar Einzelheiten über lästige Kunden in der Hand zu haben. Damit sie wissen, dass sie sich nicht verstecken können. Wenn ich erst mal seine Karte habe, finde ich auch seine Frau, und dann würde ich mir gerne mal seine Verteidigungsstrategie von wegen nur gekostet im heimischen Wohnzimmer anhören. Sie würde sich seinen Affenkopf auf einem Tablett servieren lassen, und keine Geschworenen weit und breit würden sie deshalb verurteilen.

Ich zähle sechs Fünfziger ab und werfe ihm die Brieftasche wieder zu.

»Okay, Mister Jaryd Faber«, sage ich mit Blick auf die Karte. »Ich erteile Ihnen hiermit Hausverbot.«

Faber nuschelt was von wegen, das sei ihm scheißegal, und ich kann’s ihm nicht verdenken.

»Vielen Dank für Ihren Besuch, wir möchten Ihnen jedoch dringend empfehlen, sich in professionelle Behandlung zu begeben.« Standardformulierung für raus hier und komm bloß nicht wieder.

»Sie begehen einen schweren Fehler,Daniel«, sagt Faber, den Satz habe ich schon so oft gehört, dass man ihn mir auf den Grabstein meißeln sollte. »Ich habe bedeutende Freunde in der Stadt.«

»Wir haben alle bedeutende Freunde«, sage ich und staune über mich selbst, weil ich mit einer halbwegs geistreichen Replik aufwarte. »Ich hab einen Kumpel bei der Armee, der hat seit Desert Storm nicht mehr gelacht.«

Niemand weiß meine Mühe zu schätzen, und Faber nuschelt ­irgendwas anderes in sich rein, wahrscheinlich Wichser. Steckt wohl doch noch ein bisschen Feuer in dem Anwalt. Ich beschließe, es zu löschen.

»Schieben Sie Ihren Arsch nach Hause«, knurre ich, »bevor ich Ihnen so heftig reintrete, dass Sie mich aus dem Jenseits verklagen müssen.«

Auch kein schlechter Satz, klingt aber ein bisschen sehr nach Hollywood. Hab ihn auch schon ein Dutzend Mal benutzt, und Connie muss sich immer arg beherrschen, um nicht laut aufzustöhnen, wenn ich schon wieder damit komme.

Ich lasse meine Fingerknöchel knacken, um das Gesagte zu unterstreichen, und Faber entscheidet sich klugerweise für Rückzug. Allerdings ist er ein schlechter Verlierer und wirft Connie von der Tür aus zweihundert Dollar hinterher.

»Da«, grinst er höhnisch. »Lass dir die Titten machen.«

Ich täusche einen Sprung nach vorne an, doch der Anwalt ist schon weg, nur die Tür schwingt hinter ihm nach.

Ich hab Lust, dem Kerl weh zu tun, ehrlich jetzt, aber ich weiß aus Erfahrung, dass es mir dadurch nicht viel besser gehen wird. Also schlucke ich den Impuls runter wie eine bittere Pille und setze für Connie mein Begräbnisgesicht auf.

»Alles klar?«

Sie rutscht auf den Knien herum und angelt einen der Fünfziger unter dem Sofa hervor, die der Luftzug der Schwingtür dorthin geweht hat.

»Scheiß auf den Typen, Dan. Davon kann ich mir an zwei Abenden einen Babysitter leisten.«

Ich hebel das Sofa ein Stückchen mit dem Stiefel hoch, damit sie sich den Schein schnappen kann, ohne den ganzen anderen Dreck da unten zu berühren.

»Ist das ein Kondom von Al Capone?«, frage ich und versuch’s mal mit Humor.

Connie schluchzt. Vielleicht liegt es an meinem schlechten Witz, aber wahrscheinlich eher daran, dass dieser Wichser Faber ihr den letzten Rest gegeben hat, weshalb ich den Arm um sie lege und ihr hochhelfe.

Connie gehört zu den Mädchen, die männ­liche Beschützerinstinkte wecken. Sie ist so schön wie die Frauen in den Filmen aus den Fünfzigern; gewelltes Haar wie Rita Hayworth, das beim Gehen leicht mitschwingt und aussieht wie Lava, die einen Berghang herunterfließt, dazu große grüne Augen voller Wärme, obwohl sie einen so beschissenen Job und ­einen noch beschisseneren Exmann hat.

»Komm schon, Darling, der ist weg. Den siehst du nie wieder.«

»Niemand sagt mehr Darling, Dan. Das gibt es nur noch in Filmen.«

Ich berühre sie sanft an der Schulter. »Ich bin Ire, Darling. Wir sind anders.«

Connie zupft sich den gepunkteten Bikini zurecht, der hier als Uniform gilt. »Ach, ja? Dann hoffe ich auf gute Weise anders. Der widerliche Wichser war jedenfalls schlecht anders. Wie nennt ihr so einen widerlichen Wurm in Irland?«

»Muss ich drüber nachdenken. In Irland würden wir ihn als großkotzigen Klugscheißer bezeichnen. Oder als widerlichen Wurm.«

Connie lächelt unter Tränen, und das ist schon mal was wert. Besser als die Verzweiflung in ihren Augen vorher.

»Großkotziger Klugscheißer. Gefällt mir. Ich muss mal nach ­Irland fahren, das sag ich mir jedes Jahr. Der kleine Alfredo würde sich total freuen und Eva auch. Grüne Wiesen und freundliche Menschen.«

»Beides nicht mehr ganz so häufig anzutreffen«, räume ich ein. »Nicht mehr, seitdem Geld im Land ist.«

»Du könntest uns mitnehmen, Dan. Uns alles zeigen. Eine Rundreise mit uns machen.«

Mein Magen macht einen Sprung. »Jederzeit, Connie. Du weißt ja, wie’s mir geht.«

Connie greift nach dem Bund meiner schwarzen Mütze, die ich in jeder wachen Stunde trage.

»Wie sieht’s aus, Baby?«

Im Allgemeinen bin ich bei dem Thema sehr empfindlich, aber Connie und ich haben eine zweijährige Geschichte hinter uns, was in der Branche einem ganzen Leben gleichkommt. Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, wie man so sagt. An einem Wochenende vor ein paar Monaten hat sie einen Babysitter kommen lassen, und wir hatten eine kleine Affäre. Es hätte auch noch weitergehen können, aber sie wollte keinen neuen Dad für ihre Kinder.

Ich will mich einfach nur ein paar Nächte lang wieder jung fühlen, Dan. Okay?

Achtundzwanzig Jahre alt, und sie will sich wieder jung fühlen.

Der Traum eines jeden Mannes, stimmt’s? Zwei Nächte mit einer Cocktail-Kellnerin ohne weitere Verpflichtungen. Ich hab sie nicht weiter gedrängt, jetzt denke ich, vielleicht hätte ich’s tun sollen.

»Gut sieht’s aus«, sage ich. »Morgen geh ich zur Kontrolle zu Zeb.«

»Darf ich mal sehen?«, fragt sie und zieht mir die Mütze vom Kopf.

Meine Hände wollen hochfahren, um sie zu stoppen, aber ich zwinge mich stillzuhalten. Wird Zeit, dass ich mich entscheide. Sie knautscht die Mütze mit ihren langen Fingern zusammen und schiebt mich unter eine der Deckenleuchten.

»Hat Zeb das selbst gemacht?«

»Ja. Mit ein paar Schwestern, die haben die Follikel vorbereitet. Studentinnen, glaube ich.«

»Nicht schlecht«, sagt Connie und verengt die Augen zu Schlitzen. »Ich hab schon viele Haartransplantationen gesehen, aber die hier ist gut. Schön gleichmäßig und keine Narben. Was ist das, Rattenhaar?«

Ich bin aufrichtig entsetzt. »Ratten? Um Gottes willen, Connie. Das sind meine eigenen. Transplantate von weiter hinten. Die werden in ein paar Wochen ausfallen, dann wächst das neue Haar.«

Connie zuckt mit den Schultern. »Ich hab gehört, die verwenden jetzt Rattenhaar. Auch Hundehaar. Ist anscheinend fest wie Draht.«

Ich nehme ihr die Mütze wieder ab, verteile sie auf meinem Kopf wie eine Salbe. »Kein Hund und kein Nager. Nur Ire und Mensch.«

»Na ja, scheint mir okay. Noch eine Sitzung, und man sieht gar nichts mehr.«

Ich seufze, als hätte es mich einen Haufen Dollar gekostet, was es auch getan hat. »So soll’s sein.«

Ich schiebe meine Mütze zurecht, fasse Connie am Ellbogen und führe sie zurück ins Kasino.

Ein Resopaltresen und gedämpftes Licht, das eher billig als elegant wirkt. Ein Rouletterad, das bei jeder Umdrehung springt, zwei abgenutzte, mit Filz überzogene Kartentische und ein halbes Dutzend Spielautomaten. Slot Machines. Slotz.

»Hier«, sagt sie. »Nimm einen Fünfziger. Du hast es ihm aus den Rippen geleiert.«

Ich drücke ihr den Schein wieder in die Hand. »War mir ein Vergnügen, Darling. Wenn er mir eines Tages über den Arsch leckt, dann behalte ich das Geld.«

Connie lacht laut und heiser, und es tut sich etwas in meinem Bauch. »Oh Baby. Wenn er dir den Arsch leckt, kaufe ich Tickets, um zuzusehen.«

Sie hat sich wieder gefangen, aber das kann vorübergehend sein, der Laden hier setzt anständigen Menschen zu. Die Seele nimmt Schaden.

»Kannst du weitermachen?«

»Na klar, Darling. Wenn ich jetzt aufhöre, zieht mir Victor den kompletten Abend vom Lohn ab.«

Ich beuge mich runter, um ihr was ins Ohr zu flüstern, rieche ihr Parfüm, und dabei fällt mir nicht zum ersten Mal auf, was für einen langen Hals sie hat. Ich spüre ihren Pfefferminzatem an meiner Wange.

Erinnere mich.

»Übrigens nur so unter uns: Victor ist auch ein großkotziger Klugscheißer.«

Connie lacht wieder, ich würde Geld bezahlen, um das zu hören, dann schnappt sie sich ein Tablett von der Bar und macht sich wieder an die Arbeit, mit schwingender Hüfte, wie ein Filmstar von damals, als Filmstars noch Hüften hatten, die sie schwingen konnten.

Über die Schulter hinweg lässt sie noch ein paar verlockende Sätze fallen.

»Vielleicht sollten wir bald mal wieder ein Wochenende zusammen verbringen, Baby. Vielleicht sogar eine ganze Woche.«

Connie Darling, denke ich, dann hebe ich den Blick.

Halt dich an den Code. Die Augen immer schön nach oben.

Ab jetzt, Blick hoch. Aber zwischen Connie und mir ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Noch einmal auf den Hintern gucken, flüstert mir meine dunkle Seite zu. Dann zurück an die Arbeit.

Wie so oft gewinnt meine dunkle Seite.

Ich lasse mir einen Augenblick Zeit, um wieder beim Job anzukommen. Das ist der häufigste Anfängerfehler im Sicherheitsgewerbe: Selbstzufriedenheit. Man denkt, ich bin groß und jage anderen Angst ein – welcher Vollidiot will mir schon eine verpassen, nur um sein Mädchen zu beeindrucken? Das Schlüsselwort in dem Satz ist Vollidiot. Die gibt’s in allen Formen und Größen, und die meisten von ihnen sind betrunken, auf Koks oder beides, und legen sich auch mit dem Teufel höchstpersönlich an, wenn sie sich dadurch Respekt von ihren Kumpels oder besondere Zuwendung seitens der Hostessen versprechen.

Also hake ich die Sache mit Faber und Connie ab und sehe mir die Gäste an. Ein paar Collegejungs beäugen die Hostessen, ein paar Geschiedene und der alte Jasper Biggs, der mal wieder auf ­dicke Hose macht, ist auch schon da. Wirft mit Ein-Dollar-Scheinen um sich, als wären es Hunderter. Keine Alarmglocken. Trotzdem beschließe ich, Jason noch mal hier reinzuschicken, damit er seinen gefährlichen Blick wandern lässt. Kann nicht schaden. Manchmal wird Ärger zum Auslöser für noch mehr Ärger.

Leider liege ich damit richtig. Bevor mir noch das Bild von Connies Hintern aus dem Kopf gegangen ist, platzen ein Dutzend Rednecks durch die Schwingtür. Einer von ihnen hat entweder ­einen ganz besonders harten Ständer oder ein Klappmesser in der Hose.

Jason, denke ich. Diese Typen hätten überhaupt nicht bis hierher kommen dürfen.

Wie Bob Geldof mal gesagt hat: Tonight, of all nights, there’s gonna be a fight. Leider lag auch Bob richtig.

KAPITEL ZWEI

Nach meinem ersten Einsatz im Libanon mit der Friedenstruppe der irischen Armee musste ich bei meiner Rückkehr feststellen, dass es null Begrüßung für mich gab und das ach so grüne Gras gar nicht mehr so saftig grün war.

Offensichtlich war die allgemeine Öffentlichkeit der Ansicht, Friedenstruppen würden nicht kämpfen, sondern sich bloß zwischen die beiden kriegführenden Armeen stellen und so was sagen wie: Kommt, Jungs, jetzt übertreibt ihr aber oder Zeigt mir mal die Passage in eurer heiligen Schrift, die besagt, dass ›Minenfelder eigentlich ganz okay‹ sind. Und die Armeen sagen dann: Wisst ihr was? Ihr Iren habt den Nagel genau auf den Kopf getroffen, nichts für ungut, ihr Christen, außerdem habt ihr das in eurem eigenen Land selbst so gut hingekriegt, dass wir uns ab sofort wegen dieser blöden Grenzkonflikte in Grund und Boden schämen und unsere Differenzen einfach beilegen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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