Der Tod ist nicht für immer - Kenneth Earth - E-Book

Der Tod ist nicht für immer E-Book

Kenneth Earth

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Beschreibung

Susan Bauer muss mit ansehen, wie ihr Kind und ihr Mann grausam getötet werden. Der Gedanke an Rache reift sehr langsam. Ein neuer Name, ein neues Leben, Mut und Schmerz bilden eine Einheit. Ein Leben wie kein zweites! Der Autor dieser Geschichte war selbst ein Teil dieses Lebens – es liegt im Ermessen des Lesers einzuschätzen, wie weit dies alles zu ertragen ist und was Realität und Fiktion ist.

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Seitenzahl: 1010

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Der Tod ist nicht für immer

von

Kenneth Earth

© all rights reserved by/alle Rechte bei

Litho-Verlag e.K.

Wolfhagen, Germany

www.litho-verlag.de

ISBN: 9783941484009

Prolog

Susan spazierte, wie schon so oft, in ihrem Lieblingspark herum. Hier war sie vor fünf Jahren zum ersten Mal. Fünf Jahre, eine lange Zeit, die für sie Alles und Nichts bedeuteten. Unzählige Menschen stürmten an ihr vorbei, und so mancher junger Mann zwinkerte ihr zu. Susan war Ende dreißig und keine Schönheit im klassischem Sinne, doch sie hatte etwas an sich, was ihr eine große Attraktivität verlieh: Langes, braun-rotes Haar fiel ihr über die Schultern, welches in der Sonne rot-golden glänzte. Hohe Wangenknochen und wunderschöne grau-blaue Augen, die groß und mächtig in die Welt blickten, prägten ihr Gesicht. Lange Wimpern umrandeten die Pracht und ein schön geschwungener Mund vollendete nach Susans Meinung die Durchschnittlichkeit. In ihrem Leben konnte allerdings von Durchschnittlichkeit keine Rede sein. Irgend jemand, Susan wusste später nicht mehr, wer ihr dies übermittelte, sprach einmal die weisen Worte: „Manche Menschen werden geboren um zu leiden“. Dies erklärte sicher nicht die bestimmt schon tausendmal gestellte Frage: „Warum passiert ausgerechnet mir das“?

Ein etwa 14-jähriger Junge lief auf Susan zu und jagte seinem Fußball hinterher. Prompt landete das Objekt vor Susans Füßen. Beherzt versetzte sie dem Ball einen Tritt, der daraufhin wie eine Rakete in Richtung des Jungen zurücksauste. „Danke, Mam“, rief er erfreut und rannte mit dem Ball zu seinen Freunden zurück. Wehmut erfasste Susan bei dem Anblick des Jungen, und ihre Tränendrüsen drängten verdächtig auf einen Ausbruch. Traurig schlenderte sie zu einer alten Eiche, die stolz ihr starkes Geäst zeigte. Da die darunter befindliche Bank frei war, ließ sie sich nieder. Ihre Augen suchten nach den spielenden Jungs. Nun lösten sich einige Tränen, und mit den Tränen schweiften ihre Gedanken weit ab, bis zu den Tagen, als Susan Bauer aufgehört hatte zu leben, um einer Bernadett Schneider ein neues Leben zu ermöglichen. In jenen Tagen, als der Tod das Leben bedeutete.

1. Kapitel

Fünfter Juni 1982: Ein neuer Tag kündigte sich im Schlafzimmer von Ehepaar Bauer an. Seit fünf Jahren waren die beiden verheiratet und stolze Eltern eines vierjährigen Jungen, namens Marcus. Es war 7.30 Uhr, als der Wecker die beiden aus ihren Träumen riss. Heute war Juniors Geburtstag, und es gab noch eine Menge Dinge zu erledigen. Susan blieb nichts anderes übrig, als raus aus den Federn und ran an die Arbeit! Zärtlich blickte sie auf ihren schlafenden Mann, der so überhaupt nicht wach werden wollte. „Aufwachen, mein Schatz, es ist Zeit zum Aufstehen!“ „Wer sagt denn das?“, brummte er. „Die Uhr, mein Lieber, hast du vergessen, dass Marcus heute Geburtstag hat? Außerdem hast du versprochen mir zu helfen.“ „Mach ich doch auch.“, brummte er weiter. „Gib mir bitte noch fünf Minuten.“ „Okay, fünf Minuten, aber keine Sekunde länger!“, willigte sie ein. Peter war Mediziner und arbeitete in einem wissenschaftlichen Forschungslabor für Gentechnologie. Vor ein paar Wochen gelang ihm eine sensationelle Entdeckung auf dem Gebiet der Gen-Zellteilung. Er schaffte es, eigene, selbst hergestellte Erbinformationen in Gene einzupflanzen, was vereinfacht bedeutet, dass er nun Menschen, seinen Wünschen entsprechend, entstehen lassen könnte. Es war erst der Beginn, doch die nächsten Schritte würden sich von selbst ergeben, denn es konnte nicht mehr lange dauern, und die ersten Versuche könnten gestartet werden. Er hatte lange und hart dafür gearbeitet, und die Familie musste sehr unter seiner dauernden Abwesenheit leiden. Dies versuchte er jetzt durch einige freie Tage wieder gut zu machen.

„Klingelingeling, die fünf Minuten sind um!“, rief sie ihm zu. Peter räkelte sich wie eine Katze. „Ach, Susan, bitte noch fünf Minuten.“, bettelte er erneut. „Der Countdown läuft, ab jetzt!“, verlängerte sie lachend seine Frist. Sie duschte sich ausgiebig, und als sie das Schlafzimmer betrat, war Peter wieder eingeschlummert. „Sag mal, du Schlafmütze, willst du heute gar nicht aus dem Bett?“ „Oh, mein Gott!“, stöhnte Peter gequält auf, „Was habe ich bloß für ein Weib?“ „Jeder bekommt das, was er verdient! Solltest du dich nicht in zwanzig Sekunden von deinem Kopfkissen trennen, lasse ich mich scheiden! Na, was hältst du davon?“ Vor sich hinmurrend folgte er ihr ins Badezimmer. „Habe ich richtig gehört, du willst dich scheiden lassen? Du bist die Frau, die ich verdient habe.“ Zärtlich biss er ihr in den Nacken. Susan drehte sich zu ihm um und schmiegte sich in seine Arme. „Ich bin so schlimm zu dir, wie du gut zu mir bist.“ Peter verzog fragend sein Gesicht: „Du bist und bleibst ein Biest, aber ich liebe dich.“ Er küsste sie auf die Nasenspitze. Plötzlich klingelte es unten an der Haustür. „Nanu“, meinte Peter, „wer mag schon so früh etwas von uns wollen, es werden doch nicht etwa schon die ersten Gratulanten vor der Tür stehen?“ Hastig kleidete er sich notdürftig an und eilte die Stufen hinunter. Da klingelte es bereits zum zweiten Mal. „Ich komme ja schon!“, rief er leicht erbost über diese Ungeduld. Als er die Tür öffnete standen drei Männer davor. „Ja bitte?“, fragte er. „Sind Sie Dr. Bauer?“ „Ja, worum geht es denn?“ Ohne ein Wort zogen die Männer ihre Waffen hervor. Erschrocken weiteten sich Peters Augen. „Was wollen Sie von mir?“ „Wenn Sie auch nur einen falschen Ton von sich geben, sind Sie ein toter Mann!“, zischte ihm einer der Männer zu. Sie stießen Peter beiseite und betraten das Haus. „Wo sind Ihre Frau und Ihr Sohn?“, fragte einer der Männer. „Die sind noch oben.“, antwortete Peter noch immer geschockt und blickte einen nach dem anderen an. Sie waren sehr unterschiedlich, einer hatte blondes Haar, es war auch der, der gesprochen hatte. Seine Gesichtszüge zeigten wilde Entschlossenheit. Der andere hatte rotblondes Haar, deren Gesichtszüge mit denen eines Gefrierschrankes zu vergleichen waren. Der dritte Mann war dunkelhaarig, seine Augen blickten starr und leer. „Rufen Sie Ihre Familie!“, befahl der Blonde. Trotz regte sich in Peter: „Warum?“, fragte er. „Weil wir Ihnen das sagen!“, zischte der Blonde gefährlich zurück. „Was wollen Sie überhaupt von uns?“, fragte Peter erneut. Der Rotblonde hielt anscheinend nicht sehr viel von einer Kommunikation. Er warf Peter einen verächtlichen Blick zu, und im selben Augenblick schlug er ihm die Waffe ins Gesicht. „Haben Sie nun verstanden, was Sie tun sollen?“, sprach er höhnisch. Aus der Nase blutend rappelte Peter sich wieder auf. „So, Doktor, und jetzt rufen Sie Ihre Familie!“, sprach der Blonde erneut. „Das werde ich nicht tun!“, widersprach er. Da traf ihn ein erneuter Schlag in den Magen, mit einem kurzen Aufschrei sank er zu Boden. Dieser Laut war es, der Susans Interesse weckte.. „Was ist los, Lieb...“, wollte sie fragen, doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. „Kommen Sie runter, Lady, und nehmen Sie an unserer kleinen Party teil. Bringen Sie auch gleich Ihren Sohnemann mit. Wie Sie bereits festgestellt haben, verstehen meine Kumpels keinen Spaß!“, höhnte der Rotblonde. Zutiefst schockiert stand Susan regungslos auf der Treppe. Peter lag noch immer benommen auf dem Boden, Blut zeigte sich auf seinem Gesicht. „Na los, Lady, bewegen Sie sich!“, rief er ungeduldig. Susan zeigte jedoch keine Reaktion auf seine Worte, sie war wie gelähmt. Da pfiff die erste Kugel an Susans Kopf vorbei. Der erneute Schreck löste ihre Starre und sie stürmte die Treppe hinunter auf Peter zu. Unten angelangt wurde sie jedoch brutal von dem Blonden gepackt und zu Boden geworfen. Peter kam mittlerweile wieder auf die Beine, voller Entsetzen blickte er auf Susan und kam ihr sofort zu Hilfe. „Was wollen Sie denn um Himmelswillen von uns?“, wiederholte Peter seine Frage. „Das werden Sie schon noch früh genug erfahren!“, sprach nun der dunkle Typ. „Ich würde Ihnen jetzt aber wirklich raten, den Anweisungen meiner Kumpels Folge zu leisten!“, sprach er leise drohend. Susan jedoch ließ sich überhaupt nicht davon beeindrucken. „Das werde ich nicht tun!“, rief sie aufgebracht. Da zeigten die Männer erneut ihre Bereitschaft zur kalten Gewalt. Der Blonde packte sie an den Haaren und zerrte ihr den Kopf schmerzhaft zurück. „Verdammt, Susan, tu was sie sagen!“, brüllte Peter. Marcus, inzwischen durch den Lärm aufgewacht, stand oben am Geländer, schlaftrunken und mit weinerlicher Stimme rief er: „Mami, wer ist denn da so laut?“ In dem Augenblick riss Susan sich los und rannte die Stufen zu ihrem Sohn hoch. „Mami, was wollen die Männer hier?“, wollte er weiter wissen. „Es ist nichts.“, sprach sie auf den verängstigten Jungen ein. Zur Beruhigung küsste sie ihn auf die Stirn. Vorsichtig nahm sie ihn hoch und ging die Treppe hinunter. „Werden Sie nun endlich sagen, was Sie wollen?“ Der Dunkle antwortete: „Wir wollen die Aufzeichnungen über Ihre Forschungsarbeit!“ „Aber die habe ich hier nicht!“, antwortete Peter blass. „Wir haben aber die Information, dass Sie sie doch in Ihrem Besitz haben.“ „Dann wurden Sie falsch informiert, ich habe sie nicht hier!“ rief Peter. „Wir glauben Ihnen kein Wort.“, sprach der Blonde. „Aber es stimmt“, verteidigte sich Peter, „wer immer Ihnen dies sagte, es stimmt nicht!“ „Sie arbeiten doch am allermeisten an diesem Projekt, Doktor, und da wollen Sie uns weismachen, dass Sie nicht wissen, wo die Aufzeichnungen sind? Verarschen können wir uns selber!“, zischte der Rotblonde dazwischen. „Haben Sie meinen Mann nicht verstanden?“, schrie Susan nun. „Er hat sie nicht hier!“ „Halten Sie die Klappe!“, kam auch prompt die Antwort. Marcus zitterte derweil immer mehr in Susans Armen. Leise fing er zu wimmern an. „Stellen Sie den Jungen ruhig!“, meldete sich der Dunkle. Diesmal brauchte er keine Gestik der Gewalt, denn schon längst war es den beiden klar, dass es sich hier um eiskalte Verbrecher handelte. Leise sprach Susan auf ihren Sohn ein, doch die tröstenden Worte zeigten kein Resultat. Marcus wimmerte unaufhörlich weiter. „Lady“, zischte der Blonde erneut, „der Bengel soll sein Maul halten!“ „Das kann er nicht, sehen Sie nicht, dass er Angst hat?“, schrie sie ihm ins Gesicht. Plötzlich eskalierte die Situation: Der Blonde griff nach Marcus und entriss ihn der Obhut seiner Mutter, die sich wiederum auf ihn stürzte und wie eine Löwin um ihr Kind kämpfte. Peter konnte nichts anderes tun als zuzusehen, da ihn der Lauf einer Waffe zur Bewegungslosigkeit zwang. Susan schlug mittlerweile wild auf den Blonden ein. Da trat der Rotblonde dazwischen und zerrte Marcus mit sich. „Schluss jetzt mit dem Scheiß“, brüllte er, „wir wollen nun endlich wissen, wo die Unterlagen sind!“ Während er sprach hielt er Marcus hoch über seinem Kopf. „Ich sagte Ihnen doch bereits, dass ich es nicht weiß!“, beteuerte Peter. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, doch einen Ausweg zu finden war hoffnungslos. Sie waren den Männern ausgeliefert, Todesangst breitete sich in seinem Körper aus. „Ich gebe Ihnen noch zehn Sekunden“, sprach der Blonde verächtlich, „neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei...“ „Ich weiß es nicht!“ schrie Peter hysterisch. „Zwei, eins, null...“ Dann flog der kleine Körper des Jungen durch die Luft und ein lauter Knall beendete den Flug. Schweigen breitete sich aus. „Na, Doktorchen“, lachte er auf, „wollen Sie uns immer noch nicht sagen, wo die Aufzeichnungen sind?“ „Sie verdammtes Mistschwein“, brüllte Peter los, „sich an einem wehrlosen Jungen zu vergreifen!“ „Sie sollten daraus eigentlich eine Lehre ziehen.“, meldete sich der Dunkle. „Wie kann ich Ihnen etwas sagen, was ich nicht weiß!“ Susan torkelte zu ihrem Sohn. Vorsichtig versuchte sie den leblosen Körper hoch zu heben, da traf sie etwas Hartes an der Schulter, was dazu führte, dass sie mit dem Jungen stürzte. Ein dreckiges Lachen erfüllte den Raum. Erneut versuchte sie den Jungen hoch zu heben, und wieder ließ ein Schlag ihr Vorhaben im Nichts enden. Peter war zwischenzeitlich über die Grenze des Vertretbaren hinaus gekommen und heulte wie ein kleines Kind. Susan versuchte bereits zum dritten Mal den Körper des Jungen aufzuheben. Doch wie bei den vorherigen Versuchen wurde sie auch diesmal davon abgehalten. Der Rotblonde zog sie erneut an ihren Haaren vor die Füße des Blonden. Dieser zerrte sie brutal hoch. „Ich gebe Ihnen noch eine Chance, Doktor, wo sind die Papiere?“ „Ich weiß es doch nicht!“, heulte er auf. Der Blonde blickte zu dem Dunklen, der wiederum drehte sich verächtlich ab und ging in einen Nebenraum. Dies war offensichtlich das Startzeichen für das beginnende Martyrium: Drei Mal wurde eine Frage gestellt – drei Mal waren Schläge zu hören. Als er erneut den Raum betrat, lag Susan blutüberströmt auf dem Boden. „Macht Nägel mit Köpfen, Jungs, so kommen wir nicht weiter!“, forderte er sie zum Weitermachen auf. Marcus lag noch immer auf seiner Aufschlagstelle. Der Rotblonde ging zu ihm, hob ihn hoch und hielt ihn vor Peters Augen. Dann zwang der Blonde Peter, Marcus anzusehen, der wiederum hatte eine Pistole an die Schläfe des Jungen gesetzt. „Wo sind die Papiere?“, fragte er.

Peter war viel zu sehr geschockt, um darauf eine Antwort geben zu können. Da detonierte ein Schuss und der halbe Kopf des Kindes zerfetzte vor den Augen des Vaters. Durch Peters Entsetzensschrei regte sich auch Susan. Überall war alles voller Blut, dann entdeckte sie die verstümmelte Leiche ihres Kindes. Trotz schwerer, innerer Verletzungen stürzte sie sich auf den blonden Mann, der noch immer Peters Kopf festhielt, doch ein alles vernichtender Karateschlag gegen ihre Knie ließ sie mit einem Aufschrei zu Boden gehen. Dann wurde sie von zwei Händen gepackt und auf die Couch geworfen. Wieder wurde Peter dieselbe Frage gestellt, und wieder kam die gleiche Antwort. Doch dieses Mal kamen gegen Susan nicht die Fäuste zum Einsatz, sondern eine Schusswaffe, die jedes Mal ihr Ziel fand. Mitten im Geschehen entstand plötzlich eine gewisse Art von Aufregung. Jemand sauste an ihr vorbei zur Terrassentür. Glas zerbrach, dann wurde es wieder still. Der Dunkle trat auf Peter zu und packte ihn ebenfalls an den Haaren. „Der ist hinüber, dieser Schlappschwanz“, sprach er verächtlich, „macht endlich Schluss und lasst uns gehen.“ Die zwei Männer verstanden die Aufforderung sofort. Sie hoben ihre Waffen und feuerten wild umher. Die Körper von Susan, Peter und ihrem Sohn wurden noch unzählige Male getroffen, und es gab in der unteren Etage keine fünf Zentimeter mehr, die nicht von Kugeln durchlöchert waren.

Sergeant Nick Lenklen und Sergeant Fred Heckstein saßen wie auf heißen Kohlen vor dem Telefon in der Notrufzentrale. Sie warteten auf den zweiten Anruf. Sie wussten, dass er kommen würde, denn sie waren alte Hasen und kannten sich bestens aus. Zehn Minuten später war es dann soweit. Der Anrufer war hoch erregt. Sergeant Lenklen erkannte die Stimme sogleich und unterbrach ihn: „Wir brauchen die Adresse, Mann, ohne die läuft nichts.“

Die Stimme schien verwirrt. „Oh Gott, ja!“ Dann nannte er die Adresse und in derselben Sekunde sprangen die Beamten auf und rasten zu dem angegebenen Ort. Als sie in die Straße einbogen, kam ihnen ein dunkelblauer Mercedes mit überhöhter Geschwindigkeit entgegen. „Der Kerl ist wohl verrückt geworden!“, schimpfte Fred, der am Steuer saß. Sein Partner hatte jedoch für diesen Verrückten kein Interesse. „Das Haus muss am Ende der Straße liegen, Fred, schalte jetzt lieber die Sirene ab!“ Fred handelte sogleich. „Hier drüben ist es.“ „Mmh, sieht alles ruhig aus.“, meinte Fred. Sie stiegen aus und gingen auf das Haus zu. Auf das Klingeln an der Haustür reagierte niemand. „Ich gehe mal ums Haus, Kumpel, mal sehen, ob ich etwas entdecke.“ Er machte mal gerade fünfzehn Schritte, da schrie er: „Oh, mein Gott, Nick, komm schnell!“ Nick sauste um die Ecke und stoppte schockiert. Überall lagen Glasscherben, die in Blut schwammen. „Was zum Teufel war denn hier los?“, stellte er seinem Kollegen die Frage. „Woher soll ich das denn wissen?“, antwortete er unsicher. „Komm, lass uns mal hineingehen und nachsehen.“ Sie traten durch die zertrümmerte Glasfront ins Innere des Hauses und konnten kaum glauben, was sie hier sahen. Es sah aus wie in einem Schlachthaus: Überall war alles mit Blut besudelt, die Möbel waren übereinander geworfen, und es sah wie nach einem Bombenangriff aus. Beide Beamten zogen ihre Dienstwaffen. Während sich der eine nach oben begab, kontrollierte der andere die untere Etage. Schließlich stand Fred vor einer Schwingtür, er zögerte: Vermutlich ist dies die Küche, dachte er sich, ehe er die Tür mit einem Schwung öffnete. Ein Aufschrei entfuhr seinen Lippen, fluchtartig verließ er den Raum.

„Fred, was ist denn los?“, rief sein Partner und trat sogleich auf ihn zu. „Sieh dir mal die Küche an!“, flüsterte dieser beinahe. Vorsichtig öffnete Nick die Tür. Auch ihm entschlüpfte ein Entsetzensschrei.

Fred alarmierte über Funk die notwendigen Kollegen. Während sie auf deren Eintreffen warteten, fassten sie allen Mut zusammen und betraten gemeinsam die Küche. „Wer tut bloß so etwas?“, fragte Fred schockiert. Auf dem Boden lagen zwei erwachsene Personen, deren Körper neben zahlreichen Schussverletzungen auch schwere Misshandlungen aufwiesen. Der grausamste Fund aber lag auf der Arbeitsfläche: Es war der Körper eines kleinen Jungen. Nick bewegte sich fast ängstlich auf die am Boden liegenden Leichen zu und ging in die Knie, fast stockte ihm der Atem: Fred, komm schnell her, ich kann das kaum glauben!“, rief er aufgeregt. „Was ist, Nick?“ „Fred, komm sofort her!“, forderte er erneut seinen Kollegen auf. Unsicher trat dieser heran, nun sah auch er, was seinen Freund so aus der Fassung brachte. „Sie lebt noch. Schnell, lass sie uns raustragen!“ Zusammen trugen sie den geschundenen Körper von Susan aus der Küche. Dann blickten sie sich nach etwas um, um den halbnackten Körper zudecken zu können. „Halte bloß durch, Mädchen!“, sprach Nick auf die ihm unbekannte Frau ein. Da ertönten schon die Notarztsirenen, und kurze Zeit später war in dem Haus zum zweiten Mal an diesem Tag die Hölle los. Fred hatte zeitgleich auch seinem Freund Glenn von der Mordkommission informiert, dieser betrat jetzt das Wohnzimmer: „Hey, Fred.“ „Hallo, Glenn!“ „Du meine Güte, Fred, was war denn hier los?“ „Der dritte Weltkrieg. Komm mal mit in die Küche, Glenn!“ Glenn, der ebenfalls wie Fred schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, blieb schockiert stehen.

Die Frau war in der Zwischenzeit abtransportiert worden, jedoch die Leichen des Jungen und des Mannes lagen noch an derselben Stelle. Glenn verließ mit Fred die Küche. Dann atmete er erst einmal tief durch: „Verdammte Sauerei“, schimpfte er, „ich werde mich wohl nie an so einen Anblick gewöhnen.“ Schwer sank er auf eine der Treppenstufen. Nun kam auch sein jüngerer Kollege Dennis. „Hallo, Glenn, was gibt es hier?“ „Du kannst es dir in der Küche ansehen!“, schickte er sogleich den Jüngeren los. Die erwartete Reaktion ließ auch nicht lange auf sich warten. Überstürzt flüchtete sich Dennis aus dem Raum. Auch er stellte sich die Frage: Wer tut so etwas bloß? „Das müssen Irre gewesen sein, die Spurensicherung fand bis jetzt dreihundertfünfzig Patronenhülsen, und sie suchen immer noch. „Was sind das für Blutspuren außerhalb des Hauses?“, fragte Dennis. „Die werden noch überprüft, ich denke aber nicht, dass sie mit denen im Haus identisch sind.“ „Wie kommst du darauf?“ „Der Schlag, der die Fensterscheibe zerbrach, ging nach außen, darum liegen auch die vielen Scherben draußen. Ich denke, dass hier jemand durch die Scheibe das Drama mit angesehen hat, doch leider wurde er dabei erwischt.“ „Und wo ist er jetzt?“ „Das ist eine gute Frage, Dennis.“ Gedankenverloren blickte Glenn sich um, er konnte dieses schreckliche Bild des verstümmelten Jungen nicht aus seinen Augen verbannen. Langsam erhob er sich und betrat die oberen Räume. Das Kinderzimmer war sein erstes Ziel. Es war ein richtiges Kinderzimmer, so wie es sich alle Kinder auf der Welt wünschen würden. Glenn entdeckte ein Bild von Marcus. Er nahm es mit zitternden Händen. „Woher kennst du den Jungen?“, hörte er Fred fragen. „Aus der Schulklasse meines Enkels, sie waren gute Freunde, es wird ihn schwer treffen.“ „Kommst du mal mit runter, die Spurensicherung ist fertig.“ Fast liebevoll legte Glenn das Bild beiseite. Ein Beamter trat auf die beiden zu, er hielt einen Sack mit Patronen in der Hand.: „Sechs-fünf-null-Schuss, Sir.“ Stumm blickte dieser Glenn an. „Ich danke Ihnen, bringen Sie bitte alles zu den Ballistikern, die werden sich darüber sehr freuen.“ Wortlos machte sich der Beamte auf den Weg. Nun kam auch Nick zu Fred und Glenn, auch Nick begrüßte Glenn wie einen alten Freund. „Wir wissen jetzt, dass es drei Personen waren. Jedoch fanden wir nur zwei Patronenarten.“ „Wie kommst du dann auf den Dritten?“, fragte Fred. „Einer war in der Küche und schenkte sich ein Bier ein!“ „Das sagt aber immer noch nicht, dass es vielleicht doch nur zwei waren.“ „Für mich schon, denn ich denke doch, dass nach der Schlächterei hier an diesem Glas Blutspuren sein müssten. Das Glas war mir zu sauber, ich würde also sagen, dass es der Anführer der Truppe getrunken hat. „Mmh, wäre möglich.“, bestätigte Glenn. Zwei Stunden nach Entdeckung der Tat war alles vorbei und das Haus von der Kripo versiegelt. Die sich zwischenzeitlich angesammelte Menschenmenge löste sich ebenfalls langsam auf. Ihnen allen war der Schreck über das Geschehene anzusehen. Obwohl die Bauers erst seit knapp einem Jahr hier wohnten, waren sie überall als angenehme Nachbarn bekannt. Glenn und Dennis fuhren zusammen zurück ins Büro, um dort ihre Berichte zu schreiben. Sie waren kaum an ihren Schreibtischen, da wurden sie vom Polizeichef persönlich gerufen. Er saß hinter einem mächtigen Schreibtisch, seine Finger klopften ungeduldig auf die Tischplatte. „Ich habe vom Überfall bei der Familie Bauer gehört und wollte wissen, wie weit Sie mit der Untersuchung sind?“ „Nun, im Moment sind wir noch nicht sehr weit, denn wir müssen erst einmal alle Informationen aus dem Labor abwarten.“, erklärte Glenn.

„Ich möchte über alle Schritte informiert werden, die Sie in dieser Sache unternehmen.“ „Ich verstehe, Sir, wir werden Sie auf dem laufenden halten.“, entgegnete Glenn. Eine kurze Pause entstand und sie starrten sich gegenseitig an. „Warum erzählen Sie mir nichts von dem vierten Mann?“ fuhr er plötzlich Glenn an. „Weil wir noch nichts über seine Identität wissen, Sir. Ich wollte zuerst ein genaues Ergebnis abwarten.“ Die Hand des Chefs donnerte auf den Tisch. „Wo mag dieser verdammte Kerl bloß stecken?“ „Wir werden ihn finden, Sir!“, meldete sich Dennis zu Wort. „Gut, Sie können gehen.“ Somit waren sie entlassen. Dennis musste all seine Geduld aufwenden, um nicht zu platzen. „Warum hast du nicht erwähnt, dass die Frau überlebte?“ „Das weiß ich auch nicht, wer weiß, ob sie überhaupt überlebt, wenn nicht, können wir uns einen Bericht sparen.“ „Aber du wirst es ihm doch in den Bericht schreiben, oder?“ „Nein, das werde ich nicht!“ „Aber warum denn nicht?“ Ich sagte dir doch bereits, ich weiß es noch nicht!“, gab er ärgerlich zurück. „Das kann uns aber den Job kosten.“, ließ Dennis nicht locker. „Dennis, vertrau meinen alten Knochen. Ich habe bei dieser Geschichte ein höchst merkwürdiges und ungutes Gefühl!“ Glenn trat ans Telefon und wählte eine lange Nummer: „Louis, du musst mir einen Gefallen tun: Können wir uns heute Mittag treffen? Ja, fein, sagen wir um dreizehn Uhr.“ „Glenn, heute ist Sonntag!“, warf Dennis ein.. „Das weiß ich auch, doch ich muss mit Louis sprechen.“ „Nein, das meine ich nicht.“ „Warum war der Chef im Büro?“ „Das ist eine gute Frage, Dennis. Ich werde ihn das nächste Mal fragen, wenn wir ihn sehen.“ Dennis merkte, dass Glenn anderen Gedanken nachhing, deshalb steckte er seine weiteren Fragen zurück. Glenn war klar, dass das, was er vorhatte, bei Weitem seinen erlaubten Rahmen sprengte, aber er war bereit, das Risiko auf sich zu nehmen. Um Punkt dreizehn Uhr war er an der verabredeten Stelle. Louis war schon da. „Hallo, Louis.“ „Hallo, Glenn.“, erwiderte er den Gruß. „Schon lange nicht mehr gesehen?“ Glenn lächelte leicht ironisch als Antwort. „Was hast du denn auf dem Herzen?“, fragte Louis. „Was ich dir jetzt sage, muss absolut unter uns bleiben!“ „Hast du dich nicht schon immer auf mich verlassen können?“ Glenn erzählte Louis die Geschichte von Susan Bauer und fügte anschließend seine Gedanken dazu. „Puh“, stöhnte Louis auf, „wenn du richtig liegst, hast du eine Menge Arbeit vor dir.“ „Kannst du mir helfen?“ „Lass uns noch ein paar Punkte klären, ehe ich eine Entscheidung treffe.“ Glenn atmete schwer durch: „Okay, ich werde mich später bei dir melden.“ „Ich danke dir.“

Nach der Verabredung mit Louis fuhren Glenn und Dennis zu Susan ins Krankenhaus. Wie es der Zufall wollte, wurde Susan in das Krankenhaus eines alten, gemeinsamen Freundes gebracht, der dort seinen Dienst an der Menschheit versah.

2. Kapitel

An diesem Sonntag schlängelte sich ein dunkelblauer Mercedes die Auffahrt zu Lessings Anwesen hinauf. Lessing hatte die prachtvolle Villa vor fünf Jahren erworben. Er kannte den vorherigen Besitzer schon aus Kindheitstagen und schon damals schwor er sich, eines Tages der Eigentümer zu sein. Er musste sich lange gedulden, ehe ihm das Schicksal zur Hilfe eilte. Das Haus gehörte nämlich Mister Thorn senior. Er und sein Vater gründeten seinerzeit das Unternehmen. Die Pharmaindustrie war schon damals eine Goldgrube, und so kam es, dass Lessing & Thorn rasch zu einem beachtlichen Konzern heranwuchs. So ausgezeichnet das Firmenkonzept auch lief, so wenig Erfolg hatte Thorn mit dem Kindersegen. Er und seine Frau blieben kinderlos. Lessing hingegen hatte zwei Söhne. Dann, eines Tages, verstarb völlig unerwartet Thorns Ehefrau, der Schmerz saß sehr tief, und so kam es, dass Thorn von dieser Zeit an so gar nichts mehr mit sich anfangen konnte. Es dauerte nur wenige Monate, da entdeckte Thorn seine Liebe zum Glücksspiel. Es kam wie es kommen musste und binnen kürzester Zeit war er bis über beide Ohren verschuldet. Schließlich kam es sogar so weit, dass er seine Firmenanteile an Lessing verkaufen musste. Leider langte dieses Geld nicht lange und er saß erneut mit Schulden da. Wieder trat er an seinen Freund heran. Dieser jedoch war nur bereit seinem Freund zu helfen, wenn er sich grundsätzlich von diesem Leben lossagte. Lessing zahlte all seine Schulden. Von dieser Zeit an arbeitete Thorn wie ein Verrückter. Er schaffte es sogar, binnen zwei Jahren, seine Schulden bei seinem Freund abzuarbeiten. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm: Kaum hatte er sich aus dem Dilemma heraus gearbeitet, traf ihn der nächste Schlag: Lessing senior verstarb an einem Herzinfarkt und sein Sohn übernahm die Leitung des Konzerns. Lessing junior konnte Thorn noch nie leiden, er verabscheute ihn und all seine Dummheit. Eigentlich hoffte Thorn, dass Ben, der ältere der Geschwister, mit der Leitung betreut werden würde, doch zum Erstaunen aller entschied sich der Alte gegen Ben. Ben überraschte diese Entscheidung nicht, er kam schon als Junge nie mit seinem Vater zurecht. Für ihn zählte nur sein jüngster Sohn, und dieser wusste schon damals alles zu seinem Vorteil auszunutzen.

Als Ben achtzehn Jahre alt war, unternahm er den letzten Versuch, sich mit seinem Vater auszusöhnen. Er trat in die Armee ein, um dort das zu erlernen, was ihm nach Meinung seines Vaters fehlte: Männlichkeit. Es schien zu klappen, das Leben verlangte von Ben alles ab, und zum ersten Mal wurde er voll akzeptiert. Sein Vater zeigte auch, wie stolz er auf seinen Jungen war. So lief es einige Jahre gut, doch der Tod des Vaters brachte alles wieder ins Wanken. Die alte Feindschaft zwischen den Brüdern brach wieder auf. Dies war aber auch die Zeit, in der Lessing verlernte, auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen. Rücksichtslos schaltete er alle etwaigen Komplikationen aus, so auch Mister Thorn. Es bereitete Lessing ein besonders großes Vergnügen ihn aus der Firma zu werfen. Kurze Zeit darauf wurde Thorn erneut des Glücksspiels rückfällig. Er musste seinen Besitz verkaufen. Für Lessing spielte es keine Rolle, dass er schuldig an Thorns Rückfälligkeit war. Oh nein, er empfand es als genialen Schachzug! Zwei Tage vor der Übernahme des Anwesens stürzte Thorn unglücklich über die große Treppe und brach sich dabei das Genick. So kam das Anwesen zur Versteigerung und Lessing konnte es sich bequem für ein Butterbrot kaufen. Lessing war kaum in seinem neuen Zuhause, da traf nach langer Zeit sein Bruder wieder einmal zu Besuch ein. Im Gepäck brachte er seinen neuen Freund Chris mit. Die Geschichte ist kurz erzählt: Ben wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen und Lessings Einfluss zufolge hatte er es ihm zu verdanken, dass er nicht vors Kriegsgericht kam. Ben hatte sich verändert und Lessing fand Gefallen an ihm. Aus dem Schwächling war laut Lessing ein Mann geworden. Ein Mann, der jederzeit bereit war, seine Ausbildung für eigens seine Zwecke zu gebrauchen, und sein Freund Chris stand ihm da in nichts nach. Diese Ausbildung machte sich Lessing fortan zunutze.

Heute blickte er erwartungsvoll dem sich nähernden Fahrzeug entgegen. Er ging in sein Arbeitszimmer, um dort die Ankunft seines Besuches zu erwarten. Die große Flügeltür öffnete sich schwungvoll und seine Gäste traten ein. Es waren Ben, Chris und ein weiterer Mann, namens Jack. Stumm deutete er ihnen an, sich zu setzen. Ben ließ sich geräuschvoll in einen der weichen Ledersessel fallen. „Mein Gott“, stöhnte er ironisch auf, „bin ich geschafft.“ Mit einem schmutzigen Lächeln ergänzte er: „Die Puppe war nicht schlecht.“ Lessing trat ans Fenster und blickte in den Garten. „Habt ihr die Dokumente?“, kam er sogleich zur Sache. „Nein, Les, er hatte sie nicht.“, antwortete Ben gelangweilt. Sein Bruder schwieg dazu. „Du kannst uns glauben, dass wir alles getan haben, um sie zu bekommen. Im Haus hatte er sie sicher nicht, er konnte uns auch nicht sagen wo die Papiere sind.“ „Natürlich nicht, mit einem gebrochenem Kiefer.“, höhnte Chris. „Einzelheiten interessieren mich nicht!“, zischte Lessing ihn an. Noch immer am Fenster stehend, fragte er: „Was gab es sonst noch?“ „Wir wurden gesehen.“ „Und, habt ihr das geregelt?“ „Ja, Bruderherz, Jack hat das erledigt.“, echote Ben. „Gab es sonst noch was?“ „Ja“, sprach Jack, „jemand muss die Bullen gerufen haben.“ „Und weiter?“, forderte Lessing ihn barsch auf. „Nichts weiter, als wir die Sirenen hörten, waren wir schon auf dem Rückzug.“ „Ich denke, dass es besser ist, ihr verschwindet für einige Wochen aus der Stadt.“ „Das hatten wir sowieso vor.“ Jetzt drehte er sich zu seinen Gästen um: „Gut, dann sehen wir uns in vier Wochen wieder.“ „Ach, Brüderchen, wie willst du denn nun an die Dokumente kommen?“ Eisig blitzte Ben seinen Bruder an. „Das kannst du getrost mir überlassen.“ „Ach nee, jetzt auf einmal?“ „Was willst du damit sagen?“, fuhr ihn Lessing an. „Nichts Bestimmtes, nichts Bestimmtes. Du kannst dich wieder einkriegen.“ Bens Anspielung war ein Schuss ins Blaue, er hatte keine Ahnung, was sein Bruder eigentlich vorhatte. Doch seine Reaktion ließ ihn aufhorchen. Dies war selbstverständlich auch Chris und Jack nicht entgangen, doch sie waren klug genug, sich zurückzuhalten. „Kommt“, forderte Jack auf, „lasst uns noch irgendwo etwas trinken gehen.“ Ein letzter Blick der Brüder, dann brachen sie auf. „Jack, einen Augenblick noch!“, forderte ihn Lessing zum Bleiben auf. „Ja, Mister Lessing, was gibt’s?“ „Kommen Sie zurück und setzen Sie sich!“ „Ich hätte da noch etwas mit Ihnen zu besprechen.“ „Geht schon mal zum Wagen.“ Kommentarlos verließen die anderen den Raum. „Jack, ich hätte da eine ganz spezielle Aufgabe für Sie.“ Jack zeigte keine Reaktion. „Ich habe einen Mann eingestellt, um den Sie sich speziell kümmern sollen.“ „Wozu brauchen Sie ihn denn?“ „Er hat auch eine spezielle Aufgabe, und Sie sollten ihn dabei unterstützen.“ Lessing machte eine bedeutungsvolle Pause. „Der Mann heißt Jeff und soll für mich eine Privatarmee aufbauen.“ „Wozu brauchen Sie eine Armee?“ „Um meine zukünftigen Investitionen besser schützen zu können.“ „Das wird Ben aber nicht gerade erfreuen.“ „Was mein Bruder davon hält, interessiert mich nicht im geringsten, für ihn sind doch nur die Schecks wichtig, die er von mir erhält.“ „Die sind uns alle wichtig, Sir. Warum soll es ausgerechnet dieser Mann sein, Sir, wenn Sie mir die Frage gestatten.“ „Weil er der Beste war, den ich finden konnte.“ „Aha!“, war der kurze Kommentar. „Gut, ich werde mich um ihn kümmern.“ „Sie bekommen von mir alle nötigen Vollmachten.“ „Ich sagte ja schon, dass das Ben nicht glücklich machen wird.“ „Kümmern Sie sich um Jeff, ich kümmere mich um Ben.“ „He, Jack, kommst du endlich?“, rief Ben ungeduldig. Jack nickte Lessing kurz zu, dann verschwand er. „Was wollte der alte Knabe denn von dir?“, fragte Ben sogleich. „Ich soll mich da um einen Wunderknaben kümmern, den dein Bruder eingestellt hat.“ „Was meinst du mit kümmern?“ „Da fragst du mal lieber deinen Bruder selber!“ Ben verzog das Gesicht, er mochte Jack sehr, doch manchmal ging ihm seine Einsilbigkeit doch sehr auf die Nerven. „Das werde ich, darauf kannst du dich verlassen.“ Drei Stunden später klingelte das Telefon bei Lessing: „Deine drei Musketiere haben Mist gebaut!“, donnerte die Stimme am Telefon. „Sie haben ihren Fehler wieder korrigiert.“, konterte Lessing. „Das sehe ich aber etwas anders, er ist nämlich verschwunden.“ „Er ist was?“ „Verschwunden!“, wiederholte die Stimme. „Wie konnte das bloß passieren?“, fragte er ungläubig. „Das ist eine gute Frage. Ich kann dir nur sagen, wenn das rauskommt, dann sind wir alle dran. „Nichts wird rauskommen, kümmere dich um die nötigen Informationen und ich werde mich um alles andere kümmern.“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung schien zu überlegen. „Gut, treffen wir uns in einer Stunde im Park.“ „Geht klar.“, erwiderte Lessing. Mit zornrotem Gesicht orderte er die Rückkehr der Drei an.

3. Kapitel

Montagmorgen im Krankenhaus: „Nun zu der allgemein lästigen Frage, Doktor: Wie geht es ihr?“ „Sie lebt, das ist das Einzige, was ich mit Bestimmtheit sagen kann.“ „Sehr schön, soviel wusste ich auch schon.“, grunzte Glenn. „Was hat sie für Verletzungen?“ „Sie wurde gefoltert, die linke Kniescheibe ist zertrümmert, das rechte Knie sowie alle restlichen Gelenke wurden durch Schüsse erheblich verletzt.“ „Wären Sie der Meinung, dass sie durch die Schüsse regelrecht gefoltert wurde?“ „Das würde ich glatt weg behaupten, jemand wusste ganz genau, was er da tat.“ „Was ist mit der Verletzung am Kopf?“ „Auch ein Schuss, der allerdings sollte sie töten.“ „Und warum hat er das nicht?“ „Weil sie in ihrem Kopf eine Stahlplatte hat, daran prallte der Schuss ab. Susan hatte vor acht Jahren einen schweren Verkehrsunfall mit resultierendem Schädelbruch, der durch diese Platte gestützt wurde. Hätte sie dieses Ding nicht gehabt, wäre ihr Gehirn jetzt nur noch eine breiige Masse!“ Glenn schluckte. „So genau wollte ich das gar nicht wissen, aber trotzdem, vielen Dank. Wie lange wird sie voraussichtlich im Koma liegen?“ „Im Moment halten wir sie mit Medikamenten in einem künstlich erzeugten Tiefschlaf. Wenn die inneren Verletzungen es erlauben, werden wir das Medikament absetzen. Schwer zu sagen, ob sie aufwachen wird.“ „Wie lange werden Sie das Medikament verabreichen?“ „So zirka drei Wochen.“ Glenn verabschiedete sich von dem sympathischem Arzt. Vor der Tür wartete Dennis schon auf ihn. „Nun, was hast du erfahren?“ „Nichts, es hat sich niemand nach Susan Bauers Befinden erkundigt.“ „Das ist gut für uns.“ Glenn erzählte seinem Partner, was er vom Arzt erfahren hatte. „Na, das hört sich doch gar nicht so schlecht an.“ „Weißt du, Dennis, die physischen Schäden sind vielleicht wieder hinzukriegen, aber wie sieht es mit ihrer Psyche aus? Wer weiß, was sie alles erlebt hat.“ Dennis verstand, was sein Partner ihm damit sagen wollte, und es fiel ihm so gar nichts Passendes darauf ein, außer: „Wir werden sie erwischen, Glenn, ganz bestimmt.“

Wieder im Büro angekommen, lag bereits der Obduktionsbericht auf dem Schreibtisch. „Na, die Jungs waren aber mächtig fleißig.“ Glenn nahm das Dokument in die Hand. Vorläufiger Befund war deutlich zu lesen. Glenn und Dennis lasen gemeinsam den Bericht, er war wie ein Horrorroman zu lesen. An Doktor Bauers Körper war nichts mehr heil gewesen, sämtliche Knochen waren gebrochen, Gelenke ausgekugelt, nicht einmal vor seinen Geschlechtsorganen hatten sie halt gemacht, auch diese waren ein Trümmerfeld. Ferner stand in dem Bericht, dass die Waffe, die den Jungen getötet hatte, unmittelbar an seinen Kopf gehalten wurde, da sonst die Streuwirkung der Waffe stärker gewesen wäre. Der Junge hatte Glück, er starb beinahe einen gnädigen Tod. Die unzähligen Einschüsse hatte er nicht mehr gefühlt. Wortlos blickten sie hoch, die gesamte Farbe war ihnen aus den Gesichtern gewichen. „Ich möchte nur wissen, welches Geheimnis er nicht verraten wollte.“ Dennis Kopf sauste herum. „Was sagst du da?“ „Na, offenbar wollten die etwas wissen, was der gute Doktor nicht sagen konnte oder wollte, sonst kann ich mir diese abnormen und brutalen Methoden nicht erklären.“, sprach er selbstverständlich. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“, gestand sein junger Kollege. „Hallo, Glenn!“, rief ihm der Kollege vom Labor zu. „Ich habe etwas Auffälliges beim Fall Bauer gefunden: Also, das Blut außerhalb des Hauses gehört einem vierten Mann.“ „Ach, nee“, spottete Glenn, „das konnten wir uns auch schon denken.“ „Tja, aber eines weißt du ganz bestimmt noch nicht: Der Junge muss eine ziemliche Verletzung am Hals davongetragen haben, denn ich habe Hautfetzen im Blut gefunden.“ Das würde das viele Blut erklären.“, setzte Glenn den Gedanken fort. „Wie groß könnte die Verletzung sein?“ „Ich würde sagen, es könnte ein tiefer Schnitt oder eine klaffende Wunde sein, allerdings müsste er dann innerhalb kürzester Zeit zu einem Arzt gekommen sein, sonst wäre er verblutet.“ „Sonst noch was Wichtiges?“ „Leider nein.“ „Ich danke dir auf jeden Fall für diese Informationen.“ „Ich werde mich mal gleich in allen Krankenhäusern umhören, vielleicht finde ich unseren Mann.“ „Ja, tu das bitte, und erkundige dich bitte auch gleich, wo Doktor Bauer gearbeitet hat!“ „Woran?“ „Nein, wo er gearbeitet hat, das woran weiß ich auch.“ „So, woher denn?“ „Von meinem Enkel, für ihn war Doktor Bauer immer der liebe Gott, der Menschen entstehen lassen konnte.“ „Wie bitte?“ „Doktor Bauer war Gentechnologe.“ Noch immer blickte Dennis ihn fragend an. „Na, er beschäftigte sich mit der Zellteilung.“ „Und das alles weißt du von deinem Enkel?“ „Nein, von seiner Frau.“ „Du kanntest diese Susan Bauer?“, fragte er nun total erstaunt. „Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass ich sie kannte, wir trafen uns ein paar Mal im Kindergarten, als ich Tommy abholte.“ „Aha, jetzt wird mir so manches klar.“, raunte er. Nun war es Glenn, der seinen Partner fragend anblickte. „Wir sehen uns später.“, lächelte Dennis und machte sich aus dem Staub.

An diesem Montag betrat ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann das Büro von Lessing. „Guten Morgen, Mister Lessing!“ Mit sicheren Schritten trat er auf ihn zu. „Möchten Sie etwas trinken?“ „Nein, danke. Mister Lessing, warum haben Sie mich gerufen?“ Der Mann, der Lessing gegenüber saß war Doktor Brach. Er war einer der Assistenten von Doktor Bauer. „Ich möchte mit Ihnen eine sehr heikle Angelegenheit besprechen.“, begann Lessing das Gespräch. „Sie haben ja sicherlich von dem Drama bei Bauers gehört.“ „Sicher, steht ja in allen Zeitungen.“ „Nun, ich möchte, dass Sie die Untersuchungen weiterführen.“ Ein zynisches Lächeln umspielte die Lippen des Doktors. „Sie wollen wohl doch damit nicht sagen, dass Sie die Unterlagen haben?“ „Lessing staunte, dass er so gelassen auf das Angebot reagierte. „Wie sollte ich Ihnen sonst dieses Angebot unterbreiten können?“ „Wieso gerade ich?“ „Wollen Sie wirklich eine Antwort darauf haben?“, sprach Lessing fast drohend. Doktor Brach wusste sofort, auf was er anspielte. „Sie haben es also gehört!“ „Ja, ich habe jedes Wort verstanden.“ „Dann hat Sie aber Ihre Mami nicht gut erzogen.“ Er behielt seine zynische Art. „In diesem Fall bin ich ihr sogar dankbar dafür.“ Schlagartig veränderte Doktor Brach seine Haltung. „Wie viel ist bei dieser Sache für mich drin?“, stieß er hervor. Lessing öffnete eine der vielen Schubladen und zog einen Vertrag hervor. „Ich habe dieses Papier in weiser Voraussicht vorbereitet“, lächelte er, „Sie brauchen es nur noch zu unterzeichnen.“ Die Hand des guten Doktors zitterte leicht, als er nach dem Papier langte. Wohlwollend entging es Lessing nicht, er kannte Brach genau. Er war ein skrupelloser Mistkerl, ganz nach seinem Geschmack. „Sie haben wirklich an alles gedacht.“, sprach Doktor Brach, nachdem er den Vertrag gelesen hatte. „Ich bin eben ein vorsichtiger Mann.“ Am nächsten Morgen trafen sich Glenn und Dennis pünktlich im Büro. Glenn sah, dass Dennis schon ungeduldig darauf wartete, seinen Bericht abgeben zu können. „Nun, mein Junge, was hast du für mich?“ „Doktor Bauer arbeitete in einem Labor, das einem gewissen Doktor Armin Breuer gehört. Dieses Labor gehört zu dem Jedson Memorial, ich habe uns für heute um neun Uhr einen Termin mit Doktor Breuer arrangiert.“ „Das lobe ich mir.“ „Was hast du noch getan?“, erkundigte sich Dennis bei seinem Kollegen. „Ich habe mich bereits mit den vorhandenen Daten herumgeschlagen, und ich denke, ich habe da eine Verbindung gefunden. Aber lass uns doch während der Fahrt darüber sprechen“, erklärte Glenn, „denn soviel ich weiß, liegt das Jedson Memorial dreißig Minuten außerhalb der Stadt.“ „Glenn, auf was Sensationelles bist du denn jetzt schon wieder gekommen, du brütest doch wieder irgend etwas aus!“, fragte Dennis neugierig. „Ich könnte schwören, dass es etwas mit seiner Arbeit zu tun hat, du warst es, der mich auf diesen Gedanken gebracht hat.“ „Du meinst vielleicht etwas Geheimes?“ „Richtig, was ist, wenn der Doktor bei seinen Forschungen eine Entdeckung gemacht hat?“ „Dann muss es sich aber schon um etwas Sensationelles gehandelt haben.“ „Die Gentechnologie ist fortschrittlicher und weiter, als wir beide uns das vorstellen können. Ich habe mich schlau gemacht und in verschiedenen Fachlektüren geschmökert. Ich entdeckte auch, dass man in ferner Zukunft vielleicht durch Genteilung, nicht nur Tiere, wie bisher, sondern auch absolut einwandfreie Menschen erzeugen könnte.“ „Vielleicht ist er diesem Geheimnis auf die Spur gekommen.“, spann Dennis den Faden weiter. „Irgend so etwas muss es gewesen sein, und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn der FBI seine Agenten auch auf diesen Fall ansetzt, Dennis.

Sie fuhren vor dem Krankenhaus vor, aber es sah nicht gerade vertrauenswürdig aus: Überall blätterte die Farbe von den Wänden. „Na ja, eines kann ich dir mit Bestimmtheit sagen, Glenn, hier würde ich mich bestimmt nicht behandeln lassen.“ „Lass uns mal reingehen.“, beschwichtigte Glenn Dennis. Innerhalb des Gebäudes sah es etwas besser aus, doch es langte nicht aus, um Dennis Argwohn zu besänftigen. Der Empfang informierte die beiden, dass Doktor Breuer sie schon erwarten würde. Eine hübsche Sekretärin lenkte Dennis von seinen trüben Gedanken ab, er konnte sich einen Blick über die Schulter nicht verkneifen. „Was kann ich für Sie tun, meine Herren?“ „Sie haben sicher von der Tragödie der Bauers gehört.“ „Ja natürlich, eine fürchterliche Sache.“ „Können Sie uns sagen, an was Doktor Bauer zuletzt gearbeitet hat?“ Doktor Breuer erschrak. „Wollen Sie damit sagen, dass sein grausames Ende etwas mit seiner Arbeit zu tun hatte?“ „Wir überprüfen nur alle etwaigen Möglichkeiten.“, sprach Dennis beruhigend auf ihn ein. „Es tut mir leid, meine Herren, aber da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen, denn sein Labor war nur angemietet. Ich weiß auch nicht, wozu es benötigt wurde. „Dann war Doktor Bauer nicht bei Ihnen angestellt?“, fragte Glenn. „Nein.“ Breuer schien zu überlegen. „Er arbeitete für eine Gruppe von Männern, die auch all seine finanziellen Angelegenheiten regelten, so auch die Miete des Labors.“ „Wer sind diese Männer?“ „Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen.“, beteuerte er. „Sie wollen mir doch wohl nicht damit sagen, dass Sie nicht wissen, an wen Sie vermietet haben?“, fragte Glenn etwas verärgert. „Ich weiß, dass dies alles sehr eigenartig klingt, aber sehen Sie, meine Herren, vor drei Jahren stand das Krankenhaus kurz vor dem Konkurs.“ „Stand?“, fragte Dennis dazwischen. „Für mich sieht es noch immer sehr heruntergekommen aus.“ „Das liegt daran, dass diese Herren nicht wollten, dass das Gebäude restauriert wird. Also, wie ich schon sagte, standen wir kurz vor der Pleite. Da erhielt ich eines Tages einen Brief, der mir all meine finanziellen Sorgen abnahm. Sie boten mir das Geld an, welches ich dringend benötigte, mit der einzigen Bedingung, dass ich ihnen das Labor vermiete.“ „Wir verstehen, Doktor. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Was haben Sie an Unterlagen da, die wir einsehen könnten?“ Doktor Breuer erhob sich und holte aus seinem Tresor eine Akte. „Hier, das ist alles, was ich habe, falls Sie etwas damit anfangen können.“ Er legte ihnen die Akte auf den Tisch und verschwand wortlos aus dem Raum. Rasch durchblätterten sie die Papiere. „Verträge, nichts als Verträge, ich wusste gar nicht, dass man wegen eines Raumes so viele Verträge abschließen kann.“, jammerte Dennis. Dann nahm er die Akte hoch und schüttelte sie durch, dabei löste sich ein kleines Blatt und fiel zu Boden. Glenn hob es auf. „Bingo, Dennis, du bist ein Genie!“, lachte er leise. „So, was kam denn zum Vorschein?“ „Ein Kontoauszug.“, lächelte Glenn noch immer. „Unser so auskunftsfreudiger lieber Herr Doktor scheint doch nicht so nett zu sein.“, stellte er trocken fest. Da öffnete sich die Tür und Doktor Breuer betrat das Büro. Glenn gelang es, den Kontoauszug unbemerkt in seiner Jacke verschwinden zu lassen. „Haben Sie etwas gefunden, meine Herren?“ „Leider nichts, was uns weiterhelfen könnte. Hier sind nur Verträge über dieses Gebäude, und ich denke nicht, dass uns die weiterhelfen. Ich danke Ihnen für Ihr Entgegenkommen.“, sprach Glenn äußerst höflich. „Ich denke nicht, dass in diesem Haus der Grund für die Tat zu finden ist.“, ergänzte er noch, während er die Hand von Doktor Breuer schüttelte. „Das beruhigt mich aber sehr. Auf Wiedersehen, meine Herren.“ Beim Verlassen des Büros zwinkerte Glenn noch einmal der Sekretärin zu, worauf sie glücklich zurücklächelte. Kaum außer Sichtweite des Hauses holte Glenn den Kontoauszug hervor.

Doktor Breuer blickte verängstigt den beiden Beamten nach, bei deren Anblick seine Gedanken in die Vergangenheit abschweiften, und diese, wie konnte es anders sein, war mit Lessing verbunden: Er war damals noch ein junger, aufstrebender Rechtsanwalt. Er diente mit Lessing zusammen beim Militär. Lessing wies sich schon damals als hervorragender Organisator aus. Durch den monatelangen Militärdienst waren ihre sexuellen Bedürfnisse stark vernachlässigt, und sie waren zum Zerreißen angespannt. Lessing und er waren unterwegs, um die Träume ihrer Kameraden zu verwirklichen. Sie fuhren mit einem LKW, beladen mit Schönheiten durch die dunkle Nacht, da geschah das Unglück: Durch überhöhte Geschwindigkeit verunglückte der LKW schwer. Die Bilanz: Viele Tote und Schwerverletzte. Wieder war es Lessing, der sich als hervorragender Freund erwies. Die laufenden Ermittlungen verliefen im Sande.

„Er hatte feuchte Hände!“, sprach Dennis spontan. „Wie bitte? Ja richtig, das ist mir auch aufgefallen, er schwitzte sehr stark.“ Dennis lenkte den Wagen geschickt aus der Stadt, so dass sich Glenn in Ruhe dem Kontoauszug widmen konnte. „Meine Herren, hier stehen ja eine Menge Zahlen, und sieh dir mal die Summen an, die hier stehen. Also, von Pleite kann hier keine Rede sein.“ „Wer ist eigentlich der Eigentümer dieses Kontos?“ fragte Dennis. „Eine Zahl.“, sprach Glenn ironisch. „Was für eine Bank ist es?“, fragte Dennis weiter. „Die First International Bank.“ „Na wunderbar, davon gibt es ja mindestens nur fünfzig hier!“, stöhnte Dennis auf. Doch sie hatten schon bei der ersten Bank Glück, was das Gebäude betraf. Bei dem leitenden Angestellten vernahmen sie jedoch, dass der für sie zuständige Mann nicht anwesend sei. So mussten sie mit seiner Vertretung vorlieb nehmen. Er hieß Mister Garret und war ein Vorbild an Korrektheit. „Mister Garret, können Sie uns bitte sagen, wer der Eigentümer dieses Kontos ist?“, fragte Dennis höflich. Mister Garret nahm den Kontoauszug und tippte ein paar Zahlen auf die Tastatur. Auf dem Bildschirm erschien zuverlässig die Antwort: „Es ist eine Gruppe von vier Männern, sie nennen sich die vier Weisen.“, sprach er gewichtig. „Nun“, entgegnete Glenn, „wenn sie sich schon die vier Weisen nennen, dann dürften Sie sicherlich auch wissen, dass wir mit einem Gerichtsbeschluss das Konto öffnen lassen könnten.“ „Dazu brauchen Sie aber einen gewichtigen Grund!“, wies ihn der Banker scharf an. „Ich denke, Sie können diese Entscheidung ruhig dem Richter überlassen.“, konterte Glenn ebenso scharf. Der Banker blickte ihn, unruhig geworden, an: „Ich werde die Eigentümer um Erlaubnis bitten. Wenn Sie bitte noch einmal morgen früh vorbei kommen würden?“ „Morgen früh komme ich dann sowieso, mit oder ohne Ihr Einverständnis.“ Der Banker verneigte sich hoheitsvoll, als er sich von Glenn und Dennis verabschiedete.

„Ein Schleimer der Sonderklasse.“, meckerte Dennis. „Er tut nur seine Pflicht, aber du hast schon recht, ein Schleimer ist er.“ „Kannst du wirklich bis morgen die richterliche Verfügung vorlegen?“, erkundigte sich Dennis. „Nein, ich habe nur geblufft, aber gewonnen!“, lächelte er. „Das werden wir dann ja morgen sehen, du Bluffer.“ „Hast du Hunger?“ „Immer!“, lachte Dennis.. „Gut, dann gehen wir jetzt essen, und später schauen wir noch einmal bei den Bauers vorbei.“

Als sie in die Straße einbogen, war sie trotz des Wochentages wie leergefegt. Es schien, als würde sie den Atem anhalten und abwarten. Dennis schien so in etwa das gleiche Gefühl zu haben. „Die Straße wirkt heute etwas anders, so lauernd, würde ich sagen.“ „Ja, da hast du Recht, es ist eigenartig still hier.“ „Das Haus sieht auch anders aus, wenn man bedenkt, was hier los war. Der Makler wird es sicherlich nicht leicht haben, es zu verkaufen, sinnierte Dennis so vor sich hin. Sie lösten das Siegel und betraten erneut das Haus. Sie suchten jeden Zentimeter des Hauses ab, doch sie konnten nichts finden, weil die Reinigungsfirma das Chaos schon wieder in Ordnung gebracht hatte. „Aha, sieh her, Glenn, die Reinigungsfirma hat sich wohl einen Schluck gegönnt.“ Freudestrahlend hielt er das Beweisstück in den Händen, doch plötzlich stockte er. Dennis hielt das Glas hoch über seinen Kopf, daher konnte er durch das Glas sehen, auf dem sich ein roter Fleck befand. „Das könnte Blut sein.“ „Ob sich jemand von der Reinigungsfirma verletzt hat?“ „Wir werden es gleich wissen.“, bemerkte Glenn leicht aufgeregt. Er telefonierte mit den zuständigen Herren. „Nein, Sir, es hat sich niemand verletzt, das Glas wurde beim letzten Kontrollgang in der Toilette gefunden. Ich hoffe, Sie entschuldigen die Schlampigkeit, dass das Glas nicht mehr gereinigt wurde.“ Glenn hatte rote Wangen, als er den Telefonhörer auflegte. „Dies scheint heute unser Glückstag zu werden, Dennis, das Glas wurde in der Toilette gefunden. Und jetzt kommt’s: Es stammt nicht von der Reinigungstruppe!“ „Mein Gott, Glenn, das darf doch nicht wahr sein! Das Glas könnte uns jetzt so manches verraten.“, strahlte Dennis. Vorsichtig nahm er es in die Hand, suchte nach einem kleinen Nylonsack und wurde fündig. Sie hatten es sehr eilig zurück ins Büro zu kommen. Dort begaben sie sich auf dem schnellsten Weg ins Labor und begegneten ihrem Chef. „Es ist schön, dass ich Sie hier treffe, dann brauche ich nicht mehr anrufen zu lassen.“ Er blickte auf das Glas. „Was haben Sie denn da?“, fragte er neugierig. „Wir fanden es im Haus der Bauers.“ „Wann?“ „Gerade eben, Sir.“ „Warum fuhren Sie noch mal hin?“ „War nur so eine Eingebung, Sir.“, antwortete Glenn gelassen. Er nahm das Glas aus der Tüte heraus. „Warum ist es in dem Sack?“ „Nun, Sir, es könnte möglicherweise von den Tätern stammen.“, erklärte ihm Glenn. „Woher wollen Sie das wissen?“ „Wir haben uns mit der Reinigungsfirma in Verbindung gesetzt, die das Glas eigentlich fanden, es war in der Toilette, Sir.“ „Das könnte ein wichtiger Hinweis sein, Glenn, achten Sie auf das Glas, als wäre es ihr Leben!“ „Das werden wir bestimmt tun, Sir.“, entgegnete Glenn. Dann stapfte er ohne ein weiteres Wort weiter, bis sie kurz vor dem Labor waren. „Jim wird uns die Ohren voll jammern, wenn wir ihm gleich dieses Glas bringen!“ „Ich stecke bis zum Hals in Arbeit, Glenn, dann kommst du noch mit diesem Stück hier an, wie soll ich das bloß alles schaffen?“, jammerte er wie erwartet. „Du weißt doch, um was es geht, Jim, ich bitte dich nur noch dieses eine Mal.“ „Pah“, ächzte er, „das sagst du immer, wenn du was von mir willst. Ich werde sehen was ich tun kann.“ „Fein, Jim, dann habe ich morgen den Bericht?“ „Ja, ja, den hast du morgen.“, brummte er in seinen Bart, „Stell es bitte auf das W-Regal, damit ich es nicht übersehe.“, brummte er weiter. Mit einem Lächeln auf den Lippen stellte Glenn gehorsam das Glas ab und verschwand lautlos aus dem Labor. „Was hältst du davon, wenn wir für heute Schluss machen?“ „Klingt gut, soll ich dich morgen abholen?“ „Ach ja, richtig, meine Frau hat ja morgen das Auto. Okay, dann sei bitte um acht Uhr bei mir.“ „Geht klar.“

Wie jeden Mittwoch stand Glenn vor seiner Haustür und wartete auf seinen Partner. Dieser kam wie immer pünktlich um die Ecke. Dennis erkannte schon von weitem , dass Glenn in bester Stimmung war. „Morgen, Glenn, du strahlst ja beinahe wie ein Weihnachtsbaum.“

„Guten Morgen, Dennis, willst du die gute Nachricht gleich hören?“ „Was für eine Frage!“ „Jim hat mich gestern noch angerufen: Das Glas war für ihn das reinste Bilderbuch.“ „Das ist ja toll, Glenn, dann lass uns schnell Jims endgültigen Bericht lesen.“

4. Kapitel

8. Juni: Eine Limousine nach der anderen fuhr an diesem Tag bei Lessing die Auffahrt hoch. Insgesamt waren es vier Wagen, in denen sich jeweils einer der Vier Weisen befanden, so nannten sie sich jedenfalls. Ihr Vorhaben war auch sehr beispielhaft, sie alle waren Forscher der wohl schlimmsten Krankheit: Krebs. Sie waren überzeugt, dass die Wurzel dieser Krankheit in der DNS zu finden wäre, doch die Jahre vergingen wie im Flug, und die Zeit drohte ihrem Erfolg ein Schnippchen zu schlagen. Irgendwann kam jemand auf die Idee, all ihr Wissen an eine Person weiterzugeben, und diese sollte dann das Rätsel lösen. Die Wahl fiel auf Doktor Peter Bauer. Er hatte sich in der Genforschung einen Namen gemacht, er schien also der richtige Mann zu sein. Die ersten Erfolge bestätigte die Entscheidung der Vier Weisen. Es dauerte jedoch noch eine Weile, ehe der große Durchbruch gelang. Dann, eines Tages, war es soweit: Doktor Bauer war es gelungen, eigene konstruierte Erbinformationen in die DNS einzupflanzen. Damit war der wichtigste Schritt getan, dem Krebs konnte nach Meinung der Forscher der Kampf angesagt werden. Doch leider war das heutige Zusammentreffen keine Siegesfeier, nein, es war der Alptraum schlechthin. Doktor Bauer war samt Familie auf brutalste Art und Weise ermordet worden. Mit seinem Tod verschwanden aber auch die Forschungsunterlagen. Eine Katastrophe für die Erkrankten und die Forscher. „Wie konnte das alles passieren?“, fragte Doktor Megan. „Warum hat er sie überhaupt mit nach Hause genommen, wo es doch unser Sicherheitssystem gibt, und woher wussten das diese Männer?“ All diese Fragen stellte er in den Raum.

„Woher wissen Sie überhaupt, dass es um die Papiere ging?“, fragte Lessing, der einer der Finanzgeber war. „Das wissen Sie von mir“, meldete sich Doktor Crown, „ich habe einen Freund bei der zuständigen Polizei, der mich die Akten einsehen ließ. Darin stand, dass der Mann, der den Notruf tätigte, hörte, wie die Mörder nach den Papieren fragten.“ „So genau hat er hingehört?“ „Woher sollte die Polizei es sonst wissen?“, gab er verärgert zurück. „Aber, aber, meine Herren, wir wollen uns doch jetzt nicht auch noch streiten.“, unterbrach Doktor Megan das drohende Streitgespräch. „Ich finde, auch wir sollten darüber nachdenken, wie wir an die Kopien kommen“, meldete sich Doktor Hart zu Wort. „Welche Kopien?“ fragte Lessing aufgebracht. „Lessing, Sie überraschen mich.“, meldete sich Doktor Beier. „Wir haben selbstverständlich zu unserem Schutz eine Kopie anfertigen lassen.“ „Das wusste ich ja gar nicht.“, beschwerte sich Lessing. „Wir setzten Sie aber damals von dieser Entscheidung schriftlich in Kenntnis“, verteidigte sich Doktor Beier, „außerdem verstehe ich gar nicht, warum Sie das so aufregt?“ „Sie deuten das falsch, Doktor, natürlich bin ich über das Attentat erregt, vielleicht habe ich aus diesem Grund ein wenig überreagiert.“ „Lassen Sie uns bitte zu den Kopien zurückkehren.“, wendete Doktor Hart das Gespräch. „Sagen Sie, Doktor Crown, wie können wir an die Kopien herankommen?“ „Das ist leider nicht so einfach, denn Doktor Bauer hat sie in seinen laufenden Arbeiten eingebaut und jede einzelne Eingabe extra codiert.“ „Wie und wo hat er sie codiert?“, fragte Doktor Megan. „Auf Lessings Rechner.“, antwortete er. „Wollen Sie damit sagen, dass er sie zwischen all meinen Rechnern eingeschleust hat?“ „Ja, das ist richtig.“ „Na wunderbar, das finden wir nie, dazu brauchen wir Monate.“ „Es war ja auch nicht abzusehen, dass er ermordet wird“, bemerkte Doktor Crown scharf. „Es ist gut, meine Herren, beruhigen Sie sich.“, griff Doktor Megan erneut ein. „Sollten wir uns nun vielleicht doch dazu entschließen, die Polizei einzuschalten?“ „Um Himmelswillen, nein, Sie wissen doch, was dann los ist. Möchten Sie sich dafür verantwortlich machen?“, sprach Lessing. „Ich finde, da hat er recht.“, pflichtete ihm Doktor Hart bei. „Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Lessings Rechner zu durchforsten.“, stellte Doktor Crown fest. „Ich schlage vor, meine Herren, dass Lessing für diese Arbeit einen Mann einschleust, der Topkenntnisse bezüglich dieser Sache aufweisen kann. Ein Sicherheits-Check müsste natürlich vorausgehen. Wenn es Ihnen allen recht ist, würde ich Ihnen empfehlen, meinen Vorschlag anzunehmen.“ Er wurde von allen einstimmig angenommen. Ein neuerliches Treffen der Gruppe sollte nach Entdeckung der Kopien vereinbart werden. Daraufhin lösten sie sich auf, verabschiedeten sich knapp und gingen zu ihren Fahrzeugen zurück.

Als Doktor Megan während der Fahrt in seine Jackentasche griff, fand er eine Nachricht: Ich ersuche Sie dringend um Kontaktierung. Leon. Doktor Megan wusste genau, von wem die Nachricht war. Zuhause angekommen, leistete er sogleich dem Wunsch folge. „Na, Leon, was gibt es denn so Wichtiges?“, begrüßte er seinen Freund. „Sag, Mike, ist dir heute bei der Sitzung nicht auch Lessings Verhalten eigenartig vorgekommen?“ „Doch, das ist es. Dachte aber nur, ich empfände so.“ „Was hältst du davon, wenn wir die anderen zu einer internen Sitzung einberufen?“ „Du meinst, hier bei mir?“ „Ja, mal sehen, ob es den anderen auch so erging.“

Innerhalb von dreißig Minuten traf sich die Gruppe erneut. Das Ergebnis war einstimmig: Misstrauen hatte sich breitgemacht. Es wurde hin und her diskutiert, wie man jetzt weitermachen sollte. Schließlich wurde beschlossen, dass man einen Mann einsetzen würde, der nicht nur nach den Kopien suchen sollte, sondern auch gleich Lessings Loyalität überprüfen müsste. „Ich glaube, ich habe da auch schon den passenden Mann.“, lächelte Leon verschmitzt.