Der Tod spricht heute mit Akzent - Susanne Hanika - E-Book

Der Tod spricht heute mit Akzent E-Book

Susanne Hanika

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Beschreibung

Es ist klirrend kalt am Hirschgrundsee. Also rücken Sofia und ihre Camper zusammen und genießen die Ruhe auf ihrem Platz. Doch dann sprengt sich Johann, der mit seiner Männer-Therapiegruppe in der Jurte übernachtet, am Lagerfeuer versehentlich selbst in die Luft. Versehentlich? Die Polizei entdeckt, dass in einem der Holzscheite eine Sprengfalle versteckt war! Ist einer der Männer aus der Therapiegruppe der Mörder? Galt der Anschlag vielleicht gar nicht Johann? Sofia hat da eine ganz üble Vermutung ... "Der Tod spricht heute mit Akzent" ist der fünfzehnte Teil der erfolgreichen Bayern-Krimi-Reihe "Sofia und die Hirschgrund-Morde" von Susanne Hanika. Krimi trifft auf Humor, Nordlicht auf bayerische Dickschädel, Wieder-Single-Frau auf Jugendliebe und feschen Kommissar - dazu jede Menge Leichen, Mörder und Ganoven. Und all dies vor herrlich bayerischer Kulisse! eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!

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Seitenzahl: 248

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Inhalt

CoverÜber diese SerieÜber diese FolgeÜber die AutorinTitelImpressumKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Leseprobe

Sofia und die Hirschgrund-Morde –Die Serie

Blaues Wasser, klare Luft, in der Ferne bei schönem Wetter die Alpen – das ist der Hirschgrund, ein idyllischer See mitten in Bayern. Nebenan der gleichnamige Campingplatz. Doch die Idylle trügt – denn diese Saison wird mörderisch.

Kaum ist die neue Besitzerin Sofia auf dem Platz angekommen, stolpert sie über den ersten Toten. Sofia ist entsetzt! Und dann neugierig. Bald schon entdeckt sie ihr Talent fürs Ermitteln und fängt an, in der bayerischen Idylle so einiges umzukrempeln …

Über diese Folge

Es ist klirrend kalt am Hirschgrundsee. Also rücken Sofia und ihre Camper zusammen und genießen die Ruhe auf ihrem Platz. Doch dann sprengt sich Johann, der mit seiner Männer-Therapiegruppe in der Jurte übernachtet, am Lagerfeuer versehentlich selbst in die Luft. Versehentlich? Die Polizei entdeckt, dass in einem der Holzscheite eine Sprengfalle versteckt war! Ist einer der Männer aus der Therapiegruppe der Mörder? Galt der Anschlag vielleicht gar nicht Johann? Sofia hat da eine ganz üble Vermutung …

Über die Autorin

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. Die Autorin ist selbst begeisterte Camperin und hat bereits zahlreiche Regiokrimis veröffentlicht.

SUSANNE HANIKA

Der Tod spricht heute mit Akzent

Ein Bayernkrimi

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Dieses Werk wurde vermittelt durch die agentur literatur Gudrun Hebel.

Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Meike Frese

Lektorat/Projektmanagement: Rebecca Schaarschmidt

Covergestaltung: U1berlin/Dunja Berndorff unter Verwendung von Motiven Shutterstock.com

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-1560-7

be-thrilled.de

lesejury.de

Kapitel 1

Der Schnee knirschte unter meinen Füßen, als ich die kleine Holzbrücke zwischen unseren Seeufern betrat. Ich lief zur Mitte der Brücke und stützte mich mit den Ellbogen auf dem Geländer ab. Obwohl die Sonne erst vor einer halben Stunde untergegangen war, war es wegen der Bewölkung nicht mehr dämmerig, sondern schon richtig dunkel. Der Februar hatte uns in den letzten Tagen einen knackigen Wintereinbruch beschert und eine Eisschicht über den See gezaubert. Diese Stimmung hätten wir an Weihnachten brauchen können, das hell erleuchtete Café am Ufer zwischen den schneebedeckten Bäumen, weiter oben zwischen den dunklen Baumstämmen die leuchtenden Fenster dreier Wohnwagen. Neben mir hörte mein Hund Milo auf, am Brückengeländer zu schnüffeln, sah hoch und begann sachte mit dem Schwanz zu wedeln. Kurz darauf hörte auch ich das typische Motorgeräusch von Alex’ Pick-up näher kommen. Als Alex aus dem Auto sprang, ging ich ihm entgegen.

»Hi, Sofia«, strahlte er mich an. Seine dunkle Wollmütze saß verwegen auf dem Kopf, er trug eine gefütterte Outdoorhose und einen Anorak. Sein Auto hatte er direkt neben einem Holzstapel geparkt. Erst mal wirbelte er mich brav herum, wie er es zum großen Ärger meines Freundes Jonas immer zu tun pflegte, dann hielt er mich eine Weile fest.

»Du riechst gut«, sagte er.

»Du auch«, stellte ich fest.

Nämlich nach Wald und Tannennadeln. Er ließ mich wieder runter und tätschelte Milo.

»Deine anderen Hunde hast du nicht dabei?«, fragte er sehnsüchtig.

Clärchen hatte drei Babys bekommen, eine süße Mischung aus weißem Maremanno und schwarzem Schäferhund. Seitdem verabscheute sie lange Spaziergänge und war mit Kindererziehung beschäftigt. Alex hatte sich bereits einen Welpen ausgesucht, den frechsten und vorlautesten der Truppe, mit witzigen schwarzen Flecken im Gesicht.

»Nein, die sind damit beschäftigt, meine Wohnung zu verwüsten«, erklärte ich ihm.

Alex’ Miene verdüsterte sich, und ich neckte ihn: »Was ist? Hast du Angst vor deinem Erziehungsauftrag?«

Er seufzte, denn seine Aufmerksamkeit galt dem protzigen Geländewagen, der eben auf den Waldweg fuhr, um schließlich direkt neben Alex’ Auto zu halten.

Roland Braun!

Roland Braun war ein paar Jahr älter als Alex und ich, und seit er von seinen Großeltern Land geerbt hatte, war er großkotzig unterwegs. Sein Outfit passte zum Großgrundbesitzer-Gehabe: eine teure Outdoor-Wendejacke, ein dazu passender brauner Hut sowie eine sauteure Lederhose, die ziemlich neu und unbenutzt aussah. Alex grüßte mit einem Nicken und begann dann in schneller Folge Holzscheite auf die Ladefläche seines Pick-ups zu werfen, fast so, als wäre der Braun nicht da.

Gerade stieg einer von Brauns »Leibeigenen« aus dem Auto und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich wusste nicht, wie er hieß, ein dünner, kleiner Mann, der aussah, als hätte er ein massives Alkoholproblem.

»Na, hast du’s dir überlegt?«, fragte der Braun an den Rücken von Alex gerichtet.

Alex drehte sich um und sah grimmig zurück.

»Ja. Da gibt’s nichts zu überlegen«, knurrte er ihn an.

Der Braun lächelte von oben herab und sagte dann sehr freundlich zu mir: »Für dich wär das ja auch eine super Sache. Tourismus befördert Tourismus.«

Er senkte seine Stimme, als wollte er nicht, dass Alex das hörte. »Wenn wir hier noch Ferienwohnungen und Apartments vermieten können, kommt das auch dem Campingplatz zugute. Das nennt man Synergie! Unternehmer müssen zusammenhalten!«

Alex murmelte etwas, das nach »Verpiss dich« klang, und der Braun sagte noch: »Überleg’s dir gut, ich mach das Angebot nicht noch mal.«

Dann stiegen die beiden wieder ins Auto, und der Geländewagen schoss mit überhöhter Geschwindigkeit über den wurzeligen Waldweg ein Stück rückwärts, wo er recht zackig wendete.

»Was war denn das jetzt?«, wollte ich wissen.

»Er will den Hirschgrunder See zur Top-Ferienregion Deutschlands machen«, bestätigte mir Alex meinen Verdacht. »Doch leider haben ihm seine Großeltern nur Maisäcker vermacht und keine Seegrundstücke zum Zukleistern mit Ferienwohnungen.«

»Wenn dein Vater ihm irgendetwas verkauft, werden dich der Gröning und die Hildegard lynchen«, verriet ich ihm.

Alex grinste.

Wir verabschiedeten uns, dann pfiff ich nach Milo und wählte den kürzesten Weg nach Hause: Über den zugefrorenen See direkt auf das hell erleuchtete Café »Fräulein Schmitts« zu. Auf der Terrasse stand ein Feuerkorb mit brennenden Holzscheiten, und an den Ecken des Geländers brannten Fackeln. Das lodernde Feuer vor der verschneiten Kulisse ergab ein märchenhaftes Bild, das mein Herz hüpfen ließ.

Was dieses Bild vollkommen gemacht hätte, wäre Jonas an meiner Seite. Aber in den letzten Tagen machte er Überstunden, weil er sich ab dem Valentinstag ein paar Tage freinehmen wollte, um sich dann ganz und gar mir widmen zu können! Ich lächelte verträumt, als ich an die wunderbare Zeit dachte, die uns bevorstehen würde: Serien suchten auf der Couch, entspannte Wanderungen und natürlich gutes Essen in Evelyns Café! Noch war die eigentliche Campingsaison gefühlt in weiter Ferne, und ich konnte es mir leisten, ein paar Tage einfach nichts zu machen.

Vor mir erstreckte sich schier endlos die unberührte Schneedecke des Sees – inzwischen hatte keiner mehr Lust auf winterliche Wanderungen, und alle wünschten sich sehnlichst den Frühling herbei. Kurz bevor ich beim Café ankam, stieß ich auf die Fußspuren eines einsamen Spaziergängers, der mit Schuhen mit gutem Profil quer über den See gegangen war. Bestimmt mein dienstältester Camper, der Gröning, den auch die größte Kälte nicht davon abhalten konnte, durch seinen geliebten Wald zu wandern.

Als ich die Tür zum Café öffnete, schlug mir die angenehme Wärme des Bollerofens entgegen, er knackte und knisterte im Hintergrund, während die Bangles »Do you feel the same?« sangen. Weil wir Hirschgrundis – so nannte ich meine Campingdauergäste – zu einem gemeinsamen Abendessen verabredet waren, hatte Evelyn schon die Tische zusammengeschoben und Servietten, Besteck und Teller verteilt. Etwas enttäuscht sah ich, dass Evelyn nicht alleine war. Zu gerne hätte ich ihr vom Braun erzählt und mit ihr alles durchgekaut. Doch am Tresen saß Pierre Lafitte, ein französischer Gast, der sich im wahrsten Sinne des Wortes auf unseren Campingplatz verirrt hatte. Denn auf einen Campingplatz passte er so gar nicht: Was anderes als einen sauteuren Anzug trug er praktisch nie. Dieser wurde komplementiert durch einen hellen, langen Schal, den er des Öfteren sehr gekonnt über die Schulter warf, und eine ebenfalls sauteure Männerhandtasche. Evelyn hatte mir verraten, dass sie neu 2800 Euro gekostet hatte und außerdem ein Geschenk gewesen war. Vermutlich eines saudischen Prinzen – das aber vielleicht nur in der Vorstellung von Evelyn.

»Du bist das Beste, was isch ’abe gefunden in meine Leben«, sagte er eben mit seinem liebenswürdigen, französischen Akzent, und selbst ich hatte das Gefühl, dahinschmelzen zu müssen.

»Ach, du Lieber«, lachte Evelyn und legte ihre Hand auf die seine. »Ich kann dir nicht sagen, wie froh ich bin, dass dein Auto genau vor unserer Campingplatzschranke kaputtgegangen ist.«

Da es Abend gewesen war, hatte Pierre gefragt, ob wir Übernachtungsmöglichkeiten hätten. Hatten wir natürlich, auch wenn das Gruberhäusl für gehobene Ansprüche zu klein und rustikal war, noch dazu ohne Dusche, denn dazu musste man in unser Klohäusl gehen. Trotzdem hatte er sich erst einmal für eine Nacht eingemietet. Zwei Tage stand der Jaguar reichlich deplatziert vor meiner Campingplatzschranke geparkt. Und ich hatte ständig Angst gehabt, dass das Müllauto beim Wenden dagegenkrachte. Jetzt, wo das Auto in der Werkstatt war, hatte ich Angst, dass sich Pierre seine teuren Lederschuhe ruinierte, wenn er bei mir über den Platz ging.

»Manchmal die Schicksal ist gut mit uns«, sagte er zufrieden und strich eine dunkle Locke nach hinten, die sich stets verwegen aus seiner gepflegten Frisur löste. Ich sah an Evelyns Augen, wie süß sie diese Locke fand. Glatt rasiert, dezent nach einem teuren Eau de Toilette riechend, sah Pierre Evelyn von seinem Barhocker aus an, als wäre sie das nächste Weltwunder. Vom Charme-Faktor war er dem Stein, unserem Rechtsmediziner, jedenfalls um Welten überlegen. Leider.

»Cappuccino?«, fragte mich Evelyn und warf mir kuschelige dicke Socken zu.

»Gerne. Winter hat doch auch was«, sagte ich, während ich meine Stiefel abstreifte und in die Socken schlüpfte. Der Wintereinbruch hatte dafür gesorgt, dass wir alle wieder unsere Skianoraks und Schneeanzüge herausgekramt hatten. »Na ja«, antwortete Evelyn, denn sie war mehr der Sommertyp. »In vier Wochen wollen wir die Campingsaison eröffnen, da sollte es schon etwas wärmer sein.«

Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Gerade begann es wieder zu schneien. Malerisch segelten die Schneeflocken herunter, was überhaupt nicht nach Campingsaison aussah.

Hinter mir ging wieder die Tür auf, und ein Schwall kalte Luft strich herein. Als ich mich umdrehte, sah ich dort zwei unserer Wintergäste stehen. Vor ein paar Tagen hatten sich in unsere Jurte vier Männer eingemietet, ganz unterschiedliche Typen zwischen vierzig und fünfzig. Was sie verband, wusste ich nicht. Evelyn hatte behauptet, dass sie sich bestimmt präventiv entspannen mussten, um den Valentinstag zu ertragen. Der war nämlich – ähnlich wie Weihnachten und Silvester – das absolute Horrorfest für Singles.

»Habt ihr zufällig ein Feuerzeug?«, fragte der schmale Kerl mit der großen Hornbrille auf der riesigen Hakennase. Soviel ich wusste, hieß er Bertram, und für einen Mann hatte er eine unglaublich hohe Stimme. Seine Augen wirkten, als hätte er eben noch geweint.

»Klar«, sagte Evelyn und zog hinter dem Tresen eine Schublade auf. Ihrer Miene nach zu schließen, wollte sie sich weder mit ihm noch mit dem anderen Mann unterhalten. Der hieß Gerhard und war ein großer Kerl mit gepflegtem Bart und einem liebenswürdigen Lächeln. Keiner von beiden passte so recht ins Beuteschema von Evelyn, die auf junge und knackige Kerle stand. Unsicher durften sie nicht sein, und sie mussten vor allen Dingen an schnellem, heißem Sex interessiert sein.

Diese beiden jedoch trugen reichlich unattraktive weite Schneehosen und Mützen, die selbst gestrickt aussahen. Außerdem gestrickte Handschuhe, die so mit Schnee verklebt waren, dass ich davon ausging, dass sie ihre wärmende Wirkung schon längst verloren hatten.

»Danke«, hauchte Bertram verlegen, als er das Feuerzeug entgegennahm. Vielleicht, weil Evelyn ihn von oben bis unten musterte und sich anscheinend gedanklich verbot, das Outfit zu kommentieren.

»Macht ihr noch einen Spaziergang?«, wollte ich wissen, und Gerhard nickte. »Ja, rüber in den Wald.«

Als die beiden das Café verlassen hatten, bat mich Evelyn, neues Holz in die zwei Feuerkörbe zu werfen. Sie reichte mir einen alten Weidenkorb meiner Großmutter. »Alex hat uns Holz gebracht, der Hetzenegger hat es vor dem Eingang gestapelt. Dabei hatte ich so gehofft, dass die Zeit, in der wir den Holzofen anschmeißen müssen, vorbei ist!«

Ich schlüpfte in den Skianorak meiner Nonna und ging nach draußen in die prickelnde Kälte. Direkt vor dem Café, auf dem Seeweg, gesellten sich Bertram und Gerhard zu einem dritten Mann, Korbinian. Der hätte normalerweise bestimmt Evelyns Aufmerksamkeit erregt: ein muskulöser, etwa fünfunddreißigjähriger Kerl, mit dichtem dunklem Haar, kohlschwarzen Augen und finsterer Miene. Total sexy also gemäß Evelyns Kriterienkatalog.

Zu dritt warteten sie dort bestimmt auf Johann. Der hatte die Jurte gebucht und schien insgesamt das Sagen zu haben. Die Männer wirkten ein wenig unschlüssig und unterhielten sich nicht. Hatten sie vielleicht gerade erst gestritten? Oder waren sie nur müde?

Ich legte Holzscheite in den Weidenkorb, und hinter mir knirschten Schritte im Schnee. Als ich mich aufrichtete, hörte ich Johann sagen: »Nun kann’s losgehen! Folgt mir einfach.«

Die Männer setzten sich brav in Bewegung.

Ich sah der Gruppe für einen Moment hinterher. Alle waren mit Taschenlampen und selbstaufblasbaren Sitzkissen ausgerüstet. Gerhard zog den alten Schlitten meiner Nonna, den ich vor Kurzem im Keller gefunden hatte. Auf ihm war Holz aufgeschichtet. Bertram wischte sich mit einem Taschentuch über die Augen und putzte sich danach die Nase. Wie eine kleine Karawane gingen die Männer hintereinander den Weg entlang. Da stand wohl ein Lagerfeuer im Wald auf dem Plan. Ob Alex davon begeistert sein würde? Schließlich gehörten seiner Familie die Wälder rund um den See, und wenn irgendwo Lagerfeuer entzündet wurden – das sah Alex nicht unbedingt gerne.

Kapitel 2

Ich hatte überhaupt keine Lust, den Männern nachzulaufen und sie auf die Gefahren des Feuermachens hinzuweisen. Ich stapfte durch das Café auf die Terrasse, hinterließ dabei Schneeklumpen und fing mir einen etwas genervten Blick von Evelyn ein. Als das Holz im Feuerkorb wieder schön brannte, ging ich zurück nach drinnen, während mir Pierre entgegenkam, der auf der Terrasse telefonieren wollte. Ich schloss die Tür hinter mir, stellte das übrig gebliebene Holz direkt neben den Tresen und setzte mich auf einen Barhocker.

»Ohne ihn funktioniert es in der Arbeit nicht, er muss so viele Entscheidungen treffen«, erklärte mir Evelyn mit einem stolzen Unterton.

Ich sah erst zu Pierre hinaus, der angeregt in sein Handy redete, danach auf die Männer, die allmählich aus meinem Sichtfeld verschwanden.

»Sie lassen sich vom Stöcklbräu Essen liefern«, erzählte ich das, was mir spontan einfiel. »Die Mutter vom Alex ist schon total angekäst, weil sie sich nicht einfach ins Restaurant setzen.«

»Ich habe denen gleich gesagt, dass wir kein Essen verkaufen«, erklärte Evelyn resolut.

»Wieso das denn?«, fragte ich, weil Evelyn normalerweise alles Mögliche anbot, von Pommes bis zu irgendwelchen extravaganten Bowls.

»Ich hab jetzt Winterpause«, verriet sie mir. »Außerdem war dieser Johann so anspruchsvoll. Normales Essen macht irgendetwas mit seinem Hormonhaushalt.«

»Hormonhaushalt?«, echote ich etwas irritiert.

»Ja. Wie eine Frau in den Wechseljahren, oder so«, erwiderte Evelyn kopfschüttelnd.

»Na ja, Männer haben auch Hormone«, wandte ich ein.

»Ja. Testosteron«, sagte Evelyn mit einer hochgezogenen Augenbraue, um mir zu zeigen, dass Johann davon zu wenig hatte.

»Und, darf ich dir was einschenken?«, wechselte sie das Thema, weil sie offensichtlich die Männergruppe nicht sonderlich aufregend fand. Dabei sah sie aber nicht mich an, sondern lächelte Pierre durchs Fenster zu. Vermutlich der Hauptgrund, wieso sie sich überhaupt nicht für diese Männergruppe interessierte. Ihr Interesse an ihm war ungewöhnlich, denn normalerweise waren die Männer, mit denen sie anbandeln wollte, viel jünger als sie.

»Was gibt es denn zu trinken?«, wollte ich wissen.

Sie machte mit dem Kinn eine Bewegung zu der großen Tafel direkt hinter ihr. Dort stand in Schönschrift angeschrieben – eindeutig die Handschrift der Schmidkunz: »Coole Drinks für den Valentinstag«, und darunter fantastische Namen wie »Berry Sweetheart«, »Love is in the Air« und »Kentucky Kiss«. In der Schrift von Evelyn stand darunter: »Hot Wine«. Das hatte sie bestimmt nachträglich ergänzt, weil es zu schneien angefangen hatte.

»Und was trinkst du da?«, wollte ich wissen, weil sie etwas Grünes im Glas hatte.

»Einen Detox-Smoothie. Mit viel Grünkohl«, erklärte sie. »Da entgiftest du dich in null Komma nichts.«

Zumindest wenn Pierre anwesend war, tat sie, als würde sie niemals Alkohol trinken. Das fand ich ziemlich albern. Ich entschied mich für die Berry-Variante. Während Evelyn mir den Cocktail mixte und gekonnt mit Crushed Ice und Gin hantierte, erzählte sie mir, dass die Renovierung meiner Dachgeschosswohnung, in die sie einziehen wollte, auf Instagram auf großes Interesse stieß.

»Ich überlege mir, ob ich mich nicht von einer Agentur vertreten lasse«, sagte sie, während sie ansetzte, aus einer Gurke ein Herz zu schneiden. »Ich sag’s dir, jetzt geht es richtig los!«

Sie schob mir das Glas zu, das sehr dekorativ aussah, und nahm anschließend ihr Handy zur Hand. Eine Weile musterte sie sich noch im Spiegel und zupfte an ihrem Halstuch und ihrer Frisur herum, dann suchte sie den passenden Filter heraus, der ihr ein Valentinstags-Ambiente ins Bild zauberte. Ich sah ihr dabei zu, wie sie eine neue Story drehte.

»Meine Lieben, ich steh ja schon in den Startlöchern«, strahlte sie in die Kamera und wurde dabei im Film von filigranen Herzen umwabert. »Wenn alles nach Plan läuft, sind die Handwerker bald fertig, und ich kann endlich in die Wohnung. Kann euch gar nicht sagen, wie ich mich auf dieses Projekt freue! Nächste Woche beginnen wir gleich mal mit der Farbauswahl für die Wände, und die ersten Möbel kommen.«

Evelyn beschäftigte sich ganztags damit, ihren Fans von der Renovierung der Wohnung zu erzählen, Umfragen zu Möbeln zu erstellen und dazu, wie die Küche am besten einzurichten sei. Diese Episoden fand ich immer besonders lustig, weil Evelyn nämlich überhaupt nicht kochte.

»Sofa, Tisch, Bett und Schränke müssen wir ja noch aussuchen!«, sagte sie eben. Dann legte sie ihr Handy weg und kontrollierte erneut ihre Kleidung vor dem Spiegel. Normalerweise war sie irre flippig gekleidet. Seit Pierres Anwesenheit hatte sie ihren Bekleidungsstil geändert und war nun ziemlich elegant angezogen. Heute trug sie ein schwarzes Cocktailkleid mit glitzernden Pailletten, knielang. Auf ihre Push-ups verzichtete sie, und das Einzige, was noch an ihr flippiges Äußeres erinnerte, waren ihre knallroten Haare, die sie jedoch als edle Hochsteckfrisur trug. Aber ich wusste aus ihren Storys, dass sie überlegte, ihre Haare aschblond zu färben. Sie diskutierte mit ihren Fans herum, ob das eine Farbe war, die zu ihrem Teint passte.

Ich persönlich fand, dass zu Evelyn nur Krachrot passte. Und die Kleider krachbunt, die BHs megapush und die Äußerungen megadeplatziert.

Aber bestimmt war das so eine Phase in ihrem Leben, die sie einfach durchleben musste.

»Er ist die Liebe meines Lebens«, sagte sie, während sie schon wieder hinaussah und darauf wartete, dass Pierre zurückkam.

Ich verkniff mir einen Kommentar. Pierre war seit vier Tagen hier. Meine Skepsis lag vielleicht auch daran, dass ich mich nicht Hals über Kopf in meine Männer verliebte. Bis ich gemerkt hatte, dass ich mich in Jonas verliebt hatte, waren drei Menschen ums Leben gekommen. Drei Mordermittlungen, ein ganzer Sommer, zig Befragungen. Auch wenn er mir natürlich von Anfang an sehr gut gefallen hatte!

Seit Pierre mit seinem karamellfarbenen Jaguar vor der Rezeption liegen geblieben war, war Evelyn jedenfalls Feuer und Flamme für ihn. Und ehrlicherweise musste man sagen, auch er für sie.

Sie turtelten so viel herum, dass selbst ich davon Zahnschmerzen bekam! Normalerweise hielt das bei Evelyn ja nicht ewig lang, deswegen verschwendete ich keine Gedanken daran, ob ich Pierre sympathisch fand oder nicht und wie es mit den beiden weitergehen könnte. Dass dieser sich hier häuslich niederlassen würde, hielt ich für komplett ausgeschlossen, schließlich gehörte er einer ganz anderen Gesellschaftsschicht an als wir alle hier. Er musste sich schon arg in Evelyn verguckt haben, wenn er bereit war, längerfristig im Gruberhäusl auf einem Campingplatz zu wohnen und in unserem Klohäusl zu duschen! Bestimmt stieg er normalerweise nur in Hotels der obersten Preisklasse ab.

Als sich Evelyn seufzend wieder den »Vorbereitungen des Abendessens« zuwandte, wie sie ihren Fans mitteilte, überlegte ich, was wohl die Vroni dazu sagen würde. Denn diesen Schlemmertopf hatte Vroni gekocht und nicht Evelyn. Würde Vroni eine Story auf Instagram dazu drehen, würde sie jetzt lang und breit erklären, dass dies eines der wenigen Gerichte war, mit dem sie ihren Ehemann zum Gemüseessen bekam. Das Rezept bestand aus viel Gemüse, noch mehr Hackfleisch und so viel Sahne, dass man auf jeden Fall kalorienmäßig auf der sicheren Seite war. Als ich nachsehen wollte, ob Jonas mir auf meine letzte Nachricht geantwortet hatte, sah ich, dass ich einer neuen WhatsApp-Gruppe hinzugefügt worden war.

»Hirschgrundis-zensiert« hieß die Gruppe, und hinzugefügt hatte mich die Vroni.

Ich sah mir erst einmal an, weshalb zensiert, und wer da mit von der Partie war. Vroni, die Schmidkunz und ich, sah ich die ersten drei Teilnehmer. Ich wartete auf die erste Nachricht. Vermutlich eine Gruppe ohne Männer, dachte ich mir. Gerade das wachsame Auge von Jonas war meist ein bisschen störend bei Unterhaltungen, besonders wenn wir uns wieder unerlaubterweise in irgendwelchen Ermittlungen vergaloppierten.

Ich wartete weitere fünf Minuten darauf, dass endlich Evelyn hinzugefügt wurde.

Wurde sie aber nicht.

Dann kam die erste Nachricht, und ich kapierte sofort, wieso Evelyn nicht mit in dieser Gruppe war.

»Ich bin mir sicher, dass Pierre ein Krimineller ist«, schrieb die Schmidkunz.

Die nächste Nachricht war ein Daumen hoch von Vroni.

Ich war sprachlos.

Auch wenn mir Pierre nicht zu hundert Prozent sympathisch war, fand ich den Gedanken, er könnte ein Verbrecher sein, sehr weit hergeholt. Als ich meinen Blick hob, sah ich die Schmidkunz und die Vroni eingehakt über die Treppe vom Campingplatz nach unten zum See kommen. Machten sie etwa volle Pulle auf beste Freundinnen? Wie es aussah, diskutierten sie angeregt über irgendetwas.

Im nächsten Moment traten die Vroni und die Schmidkunz ins Café, und ein kalter Luftschwall strich mir um die Beine. Die beiden Frauen warfen mir bedeutsame Blicke zu, wahrscheinlich, weil im nächsten Moment die Terrassentür aufging und Pierre zu uns stieß.

»Ma chérie!«, stieß Pierre dramatisch aus, als hätte er Evelyn seit Monaten nicht gesehen. »Verseih mir meine schrecklische Unhöflischkeit, aber diese Telefonat musste sein!«

»Das ist doch kein Problem, mon chéri!«, antwortete Evelyn mit einem strahlenden Lächeln. Ein bisschen wirkte es wie in einem französischen Liebesfilm. Die zwei, nur Augen für sich, nahmen die ganze Ablehnung, die ihnen von den zwei Frauen entgegenschlug, überhaupt nicht wahr. Es gab Küsschen rechts und links, und sie himmelten sich beide an, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen, während Pierre noch weitere Komplimente hageln ließ.

»Was für eine wundervolle Kleid, du bist Frau von Welt! Isch stelle mir in diese Moment vor, wie du an meine Arm in die Opera National de Paris gehst«, schmeichelte Pierre ihr. Sein französischer Akzent ließ es noch netter klingen, und Evelyn schien tatsächlich dahinzuschmelzen und legte sich die Finger etwas affektiert an die Lippen.

Mein Handy fing wild zu dingeln an, weil mehrere WhatsApp-Nachrichten eingingen. Vroni warf mir einen strafenden Blick zu, als hätte ich während des Gottesdienstes das Handy an und als Klingelton »Highway to Hell«.

Ich drehte die Lautstärke herunter und sah, dass die Nachrichten alle von Vroni stammten. Weshalb sie mir dann so ungnädige Blicke zuwarf, verstand ich nicht ganz, da sie schließlich die Verursacherin war!

Als ich die erste Nachricht las, wurde es mir klar.

»Dieses Geschleime, das kann doch wohl nicht wahr sein«, hatte sie geschrieben. Die nächste Nachricht bestand aus mindestens zehn roten Teufelchen-Symbolen. »Du hast recht, irgendetwas stimmt mit dem Typen nicht!«, behauptete die Schmidkunz, und die Antwort von Vroni waren irgendwelche grässlichen Grimassen-Emojis. Ich hatte plötzlich das Gefühl, im Klassenchat einer siebten Klasse gelandet zu sein, denn die Schmidkunz schickte auch noch zwei Grimassen-Emojis in die Runde.

»Ist die Gruppe rein zum Lästern über Evelyn gedacht?«, schrieb ich interessiert.

»Wir machen uns Sorgen um Evelyn. Wir sammeln Beweise, um Pierre zu überführen!«, kam die Antwort von der Vroni.

Überführen? Der Schleimerei? Ich verkniff mir den Kommentar.

Vroni sah einen Moment betont entgeistert auf den Grünkohl-Detox-Smoothie von Evelyn und bestellte dann einen Kiss-Me-Gin. Dabei klang sie wild entschlossen. Vroni trank normalerweise nicht.

»Ich nehme den Whiskey-in-Love-auf-Vanilleeis«, setzte die Schmidkunz hinzu, und der erstaunte Blick von Evelyn entging mir nicht.

Dann ging die Tür wieder auf, und die zwei Ehemänner, der Hetzenegger und der Schmidkunz, kamen herein.

Während die beiden Camperinnen kurze Zeit später in erstaunlicher Geschwindigkeit ihre Cocktails kippten, sah ich eine dunkle Gestalt über den Hirschgrunder See marschieren. Das konnte nur der Gröning sein, der sich hier durch die dunkle Nacht gegen den Schneesturm stemmte. Ob er sich unserer Runde anschließen würde oder nicht, konnte man jetzt noch nicht sagen. Essen tat er gerne, aber die Cocktails waren ihm immer zu süß, zu hochprozentig und zu ausgeflippt. Und die verwaschene Aussprache, die sich mit steigender Alkoholisierung zwangsläufig ergab, war seinem Verständnis nach der Unterhaltung auch nicht zuträglich.

Im Gegensatz zu uns anderen war ihm Bewegung so wichtig, dass er, egal bei welcher Witterung, im Wald unterwegs war. Dass er so spät draußen war, erschien mir trotzdem ein wenig seltsam, aber vielleicht hatte er irgendein seltenes Tier gesehen.

»Dass sie nicht merkt, dass er sie nur um den Finger wickeln will!«, kam schon die nächste Nachricht, diesmal von der Schmidkunz, und ich beschloss, die Gruppe auf stumm zu schalten, sobald sich die Gelegenheit dazu ergab. »Ich mache mir größte Sorgen um Evelyn!«

Dann riss jemand die Tür zum Café auf, ein Schwall kalter Luft wirbelte Schneeflocken herein, und der Gröning trompetete statt eines Grußes: »Im Wald drüben findet ein Kampf statt!«

Kapitel 3

Wir drehten uns zum Gröning. Er hatte eine alte Mütze auf, die wie ein schneebedeckter Turm auf seinem Kopf saß. Sein weißes Haar war etwas lang und stand wild unter der Mütze hervor, als hätte er in eine Steckdose gefasst.

»Setzen Sie sich erst einmal!«, schlug ich sehr laut vor, weil der Gröning ziemlich schwerhörig war.

»Ihr müsst die Polizei anrufen!«, schrie er aufgeregt. »Die bringen sich da alle um!«

»Wer bringt sich um?«, wollte die Schmidkunz wissen. Sie war superentspannt, weil sie mittlerweile beim Dirty-Wodka-Martini angelangt war. Normalerweise machten ihr bereits Dinge Angst, die bei uns nur ein müdes Achselzucken auslösten.

»Keine Ahnung, die schreien sich an und gehen aufeinander los«, berichtete der Gröning. »Drüben, beim Falken-Felsen!«

»Das sind bestimmt die Biker«, behauptete die Vroni, ebenfalls komplett gechillt, weil sie inzwischen den Mandarinen-Mojito ihres Mannes trank, der doch lieber auf Bier umgestiegen war. »Sind es die Biker?«

»Pferde haben sie nicht dabei«, sagte der Gröning verständnislos. »Aber sie schreien herum. Wie wild.«

Wenn der Gröning es hören konnte, dann musste es tatsächlich sehr laut und wild sein.

»Und was schreien die so?«, wollte ich wissen.

»Das habe ich nicht verstanden. Es war nur lautes Gebrüll!«

Aus zwei Gründen griff ich nicht zum Telefon. Erstens hatte ich Hemmungen, unserer Dorfpolizei Dinge zu melden, die seltsam klangen, weil sie eh nicht besonders gut auf mich zu sprechen war. Hauptsächlich deswegen, weil der Brunner uns Hirschgrundis für eine ernsthafte Bedrohung der Sicherheitslage in Deutschland hielt. Oder zumindest hier am Hirschgrunder See. Was daran liegen mochte, dass ich ein paar Leichen zu viel gefunden hatte. Wegen ein bisschen Lärm im leeren Winterwald würde ich daher ganz sicher nicht die Polizei rufen.

Zweitens war ich mir ganz sicher, dass der Gröning in puncto Gehör keine verlässlichen Aussagen treffen konnte. Wenn er irgendjemanden brüllen hörte, konnte das alles Mögliche sein, vielleicht sogar der Alex mit einem Holzfahrzeug!

»Das erscheint mir irgendwie unwahrscheinlich«, merkte ich deswegen an.

Der Gröning dehnte seine Ohrwascheln nach vorne und sagte dann einfach Ja, das Zeichen dafür, dass er nichts verstanden hatte und sich auch nichts zusammenreimen konnte.

»Dann gehen wir halt nachschauen. Das wäre doch eine schöne Winterwanderung«, rief die Schmidkunz begeistert, eine Reaktion, die ebenfalls auf den Alkoholkonsum hindeutete. Normalerweise hätte sie vorgeschlagen, dass wir die Tür zum Café absperren und die Lichter ausmachen sollten. »Wir nehmen Taschenlampen mit und wandern ein kleines Ründchen.«

Die Vroni klatschte in die Hände. »Und danach haben wir richtig Hunger. Und können den Schlemmertopf essen.«

»Können wir das nicht nach dem Essen machen?«, fragte ich, weil mir schon der Magen knurrte. Der Hetzenegger nickte begeistert.

»Während sich da drüben die Biker umbringen?«, fragte die Schmidkunz mit einem Augenzwinkern.

»Im Winter treffen sich die Biker eigentlich gar nicht mehr«, behauptete die Vroni. »Die haben da ein Sommerhäuschen, und wenn es ein bisschen kälter wird, haben sie keine Lust mehr.«

»Oder meint ihr, das ist ein Kampf zwischen rivalisierenden Mafia-Banden?«, flüsterte die Schmidkunz.

»Ah Quatsch«, winkte die Vroni ab, die natürlich dem Gehör vom Gröning ebenfalls nicht traute.

Da ich meine Camper nicht im Stich lassen wollte und man laut Vroni nach so einem kleinen Ausflug noch viel größeren Hunger hatte, gingen wir alle zusammen los.

»Du bleibst da?«

»Mit diesen Schuhen kann ich nicht mit«, erklärte Evelyn und zeigte auf ihre High Heels. »Ich geb euch von hier aus Rückendeckung.«

Wir starrten sie einen Moment zu lange an, weil es vollkommen untypisch für sie war, nicht mitten im aufregendsten Geschehen dabei sein zu wollen. Konkret bedeutete es, dass Evelyn einen Detox-Smoothie nach dem anderen in sich hineinschütten und mit Pierre auf Teufel komm raus flirten würde. Auch mein alter Milo hatte große Lust auf Rückendeckung, die er im Café unter dem Tisch liegend gewähren würde. Als ich die Tür hinter mir schloss, hörte ich noch Pierre sagen: »Isch bin beeindruckt von deine Fähigkeiten hier in deine Café! Das ist wirklisch – wie sagt man – extraordinaire …«

Dass Evelyn so auf Komplimente abfuhr, war erstaunlich. Von ihrem On-off-Liebhaber Stein, unserem Rechtsmediziner, kam da nämlich wenig. Und ich hatte nie den Eindruck gehabt, dass sie darauf Wert legte.

Während wir im Gänsemarsch über den zugefrorenen See marschierten, zusammen mit dem Hetzenegger und dem Schmidkunz, machte Vroni ihrem Ärger Luft.