DER TOD UNTER GLAS - EIN FALL FÜR REMIGIUS JUNGBLUT - Christian Dörge - E-Book

DER TOD UNTER GLAS - EIN FALL FÜR REMIGIUS JUNGBLUT E-Book

Christian Dörge

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

 München im Jahre 1964.   Die extravagante Marlene Stettner beauftragt Remigius Jungblut mit der Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann, dem Bankdirektor Albert Stettner. Recht schnell wird Jungblut in einem Hotel in Murnau fündig - dorthin hat sich Stettner völlig betrunken zurückgezogen, weil es dessen deutlich jüngere Frau mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nimmt. Kurz darauf jedoch ist Albert Stettner erneut verschwunden - und damit fangen die Probleme für Remigius Jungblut erst an...    Der Tod unter Glas  ist der dritte Roman um den Münchner Privatdetektiv Remigius Jungblut  aus der Feder von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Reihe  Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace . 

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Seitenzahl: 253

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CHRISTIAN DÖRGE

 

 

DER TOD UNTER GLAS

EIN FALL FÜR REMIGIUS JUNGBLUT

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

DER TOD UNTER GLAS 

 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Das Buch

 

 

München im Jahre 1964.  

Die extravagante Marlene Stettner beauftragt Remigius Jungblut mit der Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann, dem Bankdirektor Albert Stettner. Recht schnell wird Jungblut in einem Hotel in Murnau fündig - dorthin hat sich Stettner völlig betrunken zurückgezogen, weil es dessen deutlich jüngere Frau mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nimmt.

Kurz darauf jedoch ist Albert Stettner erneut verschwunden - und damit fangen die Probleme für Remigius Jungblut erst an...

 

Der Tod unter Glas ist der dritte Roman um den Münchner Privatdetektiv Remigius Jungblut aus der Feder von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Reihe Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace. 

Der Autor

 

Christian Dörge, Jahrgang 1969.

Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.

Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989:  Phenomena (Roman), Opera (Texte).  

Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung  

eigener Werke,  u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014). 

1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.

Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993). 

Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017). 

Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.  

2021 veröffentlicht Christian Dörge den Giallo-Roman Das rote Trauma und startet drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace sowie München-Krimis um die Privatdetektive Jack Kandlbinder und Remigius Jungblut. 

DER TOD UNTER GLAS

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

Remigius Jungblut: Privatdetektiv aus München. 45 Jahre alt, studierter Jurist.

Susie Laurentius: seine 22jährige Sekretärin und Verlobte, auf die in jeder Situation Verlass ist.

Johannes Kainsdorf: ein Journalist und enger Freund von Remigius Jungblut. 

Juliane Berger: eine junge Frau aus Bayreuth. 

Albert Stettner: Direktor der Sebaldt-Bank. 

Marlene Stettner: seine zweite Ehefrau. 

Agnes Stettner, geb. Offergeld: seine verstorbene erste Frau. 

Konrad Landeck: Kommissar bei der Münchner Polizei. 

Adam Hess: Empfangschef im Hotel Alpenhof in Murnau. 

Eberhard Huber: Friedhofsgärtner. 

Benno Gareisen: Inspektor bei der Polizei in Murnau. 

Malte Petzold: Angestellter im Bankhaus Sebaldt. 

Georg Bleekmann: Leichenbestatter. 

Arthur Herbst: ein Arzt aus Tutzing. 

 

 

Dieser Roman spielt im Jahr 1964 in München sowie in Murnau und Umgebung.

  Erstes Kapitel

 

 

An einem Sonntagmorgen im Juni bereitete ich mir ein spätes Frühstück, ging mit dem Kaffee ins Wohnzimmer meiner bescheidenen Junggesellenbude und machte es mir mit einer Zigarette und dem Sportteil der tz in meinem Lieblingssessel bequem. Ich hatte mir für diesen Tag nichts vorgenommen. Susie Laurentius, meine Sekretärin und künftige Gattin, verbrachte das Wochenende auf dem Bauernhof ihrer Familie in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Ich hatte mich fast schon entschlossen, eine Tennispartie zu organisieren, da ertönte melodisch die Türklingel. Ich stand auf und öffnete die Wohnungstür.

Johannes Kainsdorf stand vor mir. »Störe ich, Remmi?«, fragte er mit einem frechen Grinsen.

»Nicht doch. Komm nur rein. Kaffee? Drink?«

Johannes Kainsdorf war ein alter Freund, Journalist bei einem der zahlreichen Regionalblätter, um die Dreißig, Junggeselle wie ich, groß, eher mager, mit rötlicher Bürstenfrisur und gescheiten, braunen Augen hinter dicken, gelbgefassten Brillengläsern. Er kleidete sich sehr salopp. Im Sommer hatte er meistens nur eine Sporthose und ein kurzärmeliges Hemd an. An diesem Sonntagmorgen trug er eine Tweedjacke lässig über den Arm gelegt. Seine Eltern wohnten in Hessen. Er hatte an der Universität von Gießen Journalistik studiert. Bei den Frauen liebte er lange Beine und schwarzes Haar, aber die Beziehungen hielten nie sehr lang, und es war immer eine neue an der Reihe. Er gab sich mit einer Tasse Kaffee zufrieden, setzte sich aufs Sofa und fragte: »Was machst du am Nachmittag?«

Ich zuckte die Achseln. »Susie ist weggefahren. Ich dachte an eine Partie Tennis.«

»Schlag's dir aus dem Kopf und begleite lieber mich.«

»Wohin?«

»Auf einen Friedhof.«

»Danke, nein«, sagte ich.

»Komm schon, Remmi. Es sind nur etwa siebzig Kilometer – in der Nähe von Murnau. Es wird dir guttun, wenn du mal aus München rauskommst. Ich arbeite an einer Story und möchte einige Einzelheiten nachprüfen.«

»Am Sonntag? In deiner Freizeit?«

»Geht auf meine Kappe. Wenn die Zeitung will, kann sie die Geschichte bringen, aber ich hoffe, sie an eine Illustrierte zu verkaufen. Recht interessantes Material. Auf dem Rückweg lade ich dich auf ein Bier ein.«

»Gemacht«, sagte ich. »Warte, bis ich angezogen bin.« Eigentlich hatte ich gar keine Lust gehabt, Tennis zu spielen, und Johannes Kainsdorf war immer ein guter Gesellschafter. Zehn Minuten später saßen wir in Johannes' kleinem schwedischem Saab und fuhren in südlicher Richtung quer durch München. Es war ein warmer Tag. Ich hatte ein blaues Polohemd und eine graue Kordhose an, aber keine Jacke. Johannes erklärte, er habe seine Jacke nur mitgenommen, um in ihren Taschen seine Bleistifte, das Papier, die kleine Kamera, die Blitzlichtlampen und Filmrollen zu verstauen.

»Was hast du denn vor?«, fragte ich. »Willst du eine Leiche knipsen?«

»Beinahe hättest du’s erraten.«

Ich sah ihn neugierig an.

Er lachte. »Nur Geduld! Ich bin ganz zufällig vorigen Sonntag darauf gestoßen – als ich Schwammerl suchte. Wusstest du nicht, dass ich leidenschaftlich Pilze sammle?«

»Ich dachte, du sammelst nur Brünette... Worauf bist du gestoßen?«

Johannes schwenkte den kleinen Wagen geschmeidig durch eine Kurve der Straße, die südwärts zur Stadt hinausführte. »Auf Knochen«, erwiderte er. »Menschenknochen und einen sehr alten Schädel. Und Särge. In einem ehemaligen Grabgewölbe in der Nähe des Friedhofs von Murnau. Moosgraben heißt die Stelle. Ein historisch bedeutsamer Fund. Du wirst sehen.«

»Ich kann es kaum erwarten. Ich brenne darauf, mir an einem Sonntagnachmittag alte Gebeine anzuschauen. Halten wir lieber gleich und trinken ein Bier.«

»Später«, sagte Johannes, einen Lkw überholend.

Gegen ein Uhr näherten wir uns Murnau. Am Fuß eines langgestreckten Hügelhanges fuhr Johannes durch das geöffnete Eisentor eines Friedhofes. Moosgraben, so erklärte er mir, liege etwa zwei Kilometer weiter weg. Die Zufahrt schlängelte sich zwischen Grabsteinen hindurch, die reihenweise im Sonnenschein glänzten. Ich fühlte mich an Soldaten in Parade-Uniform erinnert. Hier und dort stand eine imposante Urne wie ein dickbäuchiger General, der den Marsch der Truppe befehligte. Freundlich sang der Wind in den Bäumen, das schaukelnde Geäst warf tanzende Schatten auf die Gräber, und einen Augenblick lang sah es wirklich so aus, als würden die Grabsteine in knochenweißen Kolonnen durch die Helligkeit des Tages exerzieren. Kein Mensch war zu sehen, kein Auto. Niemand besuchte die Gräber der Lieben. Bis auf die Toten unter dem weichen grünen Rasen waren Johannes und ich ganz allein.

Johannes fuhr jetzt im Schritttempo und äugte durch die dicken Brillengläser. »Irgendwo hier muss es sein«, murmelte er. Plötzlich bremste er und zeigte auf eine riesige große Urne neben einem Grab am Hügelhang. »Dort – mein Zeichen...« Er schwenkte vom Weg ab und hielt. »Hinter der Anhöhe in einer tiefen Schlucht. Ich bin durch den Friedhof gefahren, weil ich nicht genau wusste, ob ich von der Straße aus die Stelle gleich finden würde.« Er nahm seine Jacke vom Hintersitz und stieg aus. Ich folgte ihm.

Johannes deutete auf den Hügelhang. »Es handelt sich um den ursprünglichen Begräbnisplatz, den man vor mehr als hundert Jahren in der Schlucht angelegt hat. Ich habe gehört, dass man schon längst die Toten exhumiert und hier auf dem neuen Friedhof bestattet hat. Das eine Gewölbe jedoch... hat man vergessen. Es ist aufgebrochen worden, aber man hat nichts geraubt. Tolle Geschichte! Schädel und Gebeine auf dem Boden, altmodische Eisensärge mit Glasdeckeln. Unter dem Glas die Toten – das reine Stillleben.« Rasch ging er über den Rasen zwischen den Gräbern. »Vorwärts!« Während er vorausmarschierte, stand seine Zunge nicht still. »Ich habe einige Nachforschungen angestellt – in der Bibliothek und im Rathaus von Murnau. Die Gruft wurde von einer Familie namens Berger angelegt. Wilhelm Berger war aus Österreich hierhergezogen. Er rodete das Land, setzte zwölf Kinder in die Welt, vier Söhne, acht Töchter. Errichtete eine Mühle am Staffelsee. Die Kinder sind entweder gestorben oder verschollen. Keine Spur von Nachkommen...«

»Hör mal zu, lieber Freund!«, warf ich ein. »Ist das hier nicht Privatbesitz?« Wir hatten die Gräber hinter uns gelassen und überquerten nun einen mit Unkraut bewachsenen Acker.

»Noch nicht«, rief Johannes über die Schulter zurück. »Dieses Gelände gehört noch der Friedhofsverwaltung, und während der Besuchszeiten ist der Zutritt gestattet. Die Schlucht aber und das angrenzende Gelände gehören einem Mann namens Stellweg. Die reine Wildnis. Niemand wird sich um uns kümmern.«

»Hoffentlich nicht«, sagte ich heuchlerisch.

Johannes stapfte emsig bergan, auf eine hohe Hecke zu. »Wilhelm Berger ist 1859 gestorben. Sein ältester Sohn, Fritz, fiel bei Sedan. Danach werden die Nachrichten immer spärlicher. Der jüngste Sohn – Gernot – scheint schlicht und ergreifend verschollen zu sein. Offenbar hat man nie wieder etwas von ihm gehört. Wilhelm Berger hat die Gruft mit eigenen Händen angelegt, nachdem eine seiner Töchter durch einen Wolf getötet worden war. Im Alter von fünf Jahren, berichten die Annalen. Im Gewölbe liegt ein Kindersarg. Nein, stimmt nicht – es sind zwei Kindersärge. Alles in allem acht prächtige Särge.«

»Gehen wir doch endlich ein Bier trinken«, beschwerte ich mich.

»Ganz unten in der Schlucht«, fuhr er fort, meinen Vorschlag frech ignorierend, »an einer Felszacke: Wilhelm Bergers Familiengruft. Viel älter als die ersten Gräber, die 1890 im Moosgraben angelegt wurden.« Nun hatte Johannes die Hecke erreicht und zwängte sich hindurch. Ich folgte ihm. Unversehens rutschte ich aus und stolperte einen steilen Hang hinunter, der zwischen Bäumen und dichtem Gestrüpp endete. Wir landeten auf dem Boden der Schlucht. Johannes bahnte sich einen Weg durch das hohe, üppig wuchernde Unkraut. Hier unten war es heiß und still. Insekten umschwärmten uns. Als wir den zackigen Felsvorsprung erreichten, war ich bereits völlig durchgeschwitzt und atemlos. Linkerhand lag ein ausgetrocknetes Bachbett, hinter dem die Wand steil in den blauen Himmel emporstieg. Wir umrundeten den Vorsprung und kamen auf eine kleine Lichtung. Es war eine düstere öde Stelle. Jetzt wusste ich, warum Johannes keine Angst hatte, dass man ihn fortjagen würde: Ich konnte mir absolut keinen Grund vorstellen, der jemanden veranlassen sollte, sich hier herumzutreiben, es sei denn, dass noch jemand außer Johannes auf den närrischen Gedanken verfallen war, ausgerechnet hier Schwammerl zu sammeln.

Johannes streckte den Zeigefinger aus und sagte mit gedämpfter Stimme: »Hier.«

Durch die wirre Masse dichter Kletterranken war das Dunkelbraun verrosteter Eisenstäbe zu sehen, die fast ganz in Moos und Efeu ertranken. Ein Sonnenstrahl fiel auf eine fleckige Marmorplatte über dem Eingang zur Gruft und beleuchtete ein einzelnes, eingemeißeltes Wort: Berger.

Wir traten näher.

Die eine Gittertür, in ihren verrosteten Angeln, stand offen. Johannes schob die hängenden Ranken beiseite, und wir drangen in die finstere Mündung des Gewölbes ein.

Im Halbdunkel blieben wir auf den moosbedeckten Fliesen stehen. In einer Ecke lagen ein Totenschädel und verstreute Knochen – Arme, Beine, Rippen, ein zerfallenes Becken. Die Särge standen in Nischen, vier in einer Reihe, zwei Reihen übereinander. Von zerbröckeltem Mörtel umrahmte Marmorplatten mit eingemeißelten Namen und Jahreszahlen waren an den Fußenden der Särge angebracht. Von den muffigen Wänden rann das Wasser herab. Einer der Särge in der unteren Reihe war losgestemmt und teilweise aus der Nische herausgezogen worden; eine kleine Kiste, offenbar ein Kindersarg, keilförmig wie die Särge zu Edgar Allan Poes Zeiten. Der dicke Glasdeckel war dermaßen mit Staub und Schimmel bedeckt, dass man nicht hindurchschauen konnte. Eine vierkantige Marmortafel lag neben dem Sarg auf der Erde. Johannes knipste eine Taschenlampe an. Ich las die verwitterte Inschrift:

 

Juliane Augustine Berger.

Geb. 26. Nov. 1810.

Gest. 10. Juni 1815.

Von einem Wolf getötet. Von ihrem Vater am 12. Juni 1815 gerächt.

 

»Wilhelm hat den Wolf erlegt«, sagte Johannes leise und ließ den Strahl der Taschenlampe über die Knochen wandern, die auf den Fliesen lagen. »Ich glaube, er selbst hat hier keinen Platz mehr gefunden. Irgendwelche Landstreicher, Vandalen, haben sich vor langer Zeit hierher verirrt und den Kindersarg aus der Nische gerissen. Es dürfte nicht schwer sein, die Särge loszustemmen. Ich will sie mir alle anschauen, bevor ich zu schreiben beginne.«

»Hoffentlich winkt dir ein üppiges Honorar«, sagte ich.

»Bestimmt. Lokalkolorit, romantische Vergangenheit. Jetzt heißt es knipsen.« Er durchwühlte die Taschen seiner Jacke, holte einen kleinen Fotoapparat und einen Karton mit winzigen Blitzlichtlampen hervor und reichte mir dann die Jacke. »Hoffentlich kommen die Inschriften gut heraus«, murmelte er. »Ich will auch die einsamen Knochen in der Ecke aufnehmen.«

Ich stellte mich an den Eingang, Johannes' Jacke über dem Arm. Die Blitzlichter flammten auf und erfüllten die düstere Gruft mit grellem Licht. Er machte zahlreiche Aufnahmen und meinte dann: »Okay, Remmi. Das genügt vorläufig. Demnächst... werde ich einen Blick in die Särge werfen. Gehen wir ein Bier trinken!«

»Bravo«, erwiderte ich. »Mich gruselt es schon.«

»Mein lieber Mann, da solltest du dich mal im Leichenschauhaus umsehen.«

»Das erzählst du allen Ernstes mir?«

»Ach, Verzeihung, ich hatte ganz vergessen, dass du ein waschechter Privatdetektiv bist.« Johannes nahm seine Jacke und ging an mir vorbei. Die Ranken beiseite schiebend, trat er ins Sonnenlicht hinaus. Ich folgte ihm. Die kleine Lichtung glich einer Grotte. Schlagartig blieben wir beide wie angewurzelt stehen: Am Rande der Lichtung stand eine junge Frau und sah uns an.

»Was haben denn Sie hier zu suchen?«, fragte sie in herrischem Ton.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Sie war klein und schlank, hatte ein schmales, blasses Gesicht und volle rote Lippen. Kupferbraun schimmerte das kurzgeschnittene Haar im Sonnenlicht. Sie trug eine weiße, kurzärmelige, am Hals geöffnete Bluse, verschossene Blue Jeans und schmutzige weiße Tennisschuhe. In der rechten Hand hielt sie einen dünnen, lackierten Stock. Es war kein Spazierstock und auch keine Reitpeitsche, sondern ein Stock mit krummer Krücke.

»Grüß Gott«, sagte ich lächelnd.

»Grüß Gott.« Sie näselte ein wenig und dachte nicht daran, mein Lächeln zu erwidern. Sie musterte mich mit kühlen grauen Augen, während sie mit dem Stock ins Unkraut schlug. War sie am Ende die Tochter des Bauern, dem der Grund und Boden gehörte? »Ich habe gefragt, was Sie hier zu suchen haben.«

Ich deutete mit einem Kopfnicken auf Johannes. »Der Herr ist Journalist. Er heißt Johannes Kainsdorf. Er will einen Bericht über dieses alte Grabgewölbe schreiben. Mein Name ist Jungblut.« Wieder versuchte ich zu lächeln. »Okay?«

Sie kniff ein wenig die Augen zusammen. »Wer hat Ihnen erlaubt, die Gruft zu betreten?«

Bevor ich antworten konnte, mischte Johannes sich ein. »Niemand, mein Fräulein. Sie ist seit vielen Jahren vergessen. Vor langer Zeit einmal hat jemand hier eingebrochen. Zufällig bin ich vorigen Sonntag vorbeigekommen und dachte mir, das gäbe eine hübsche Story. Erinnerungen an eine alte Murnauer Familie.« Er lächelte breit. »Haben Sie etwas dagegen?«

»Allerdings habe ich das!«, erwiderte sie in scharfem Ton.

»Aber, liebes Fräulein«, sagte Johannes gemütlich, »ich schreibe, was mir Spaß macht. Darf ich fragen, was Sie in dieser Wildnis zu suchen haben?«

Sie ignorierte seine Frage und blickte an uns vorbei zum Eingang der Gruft. »Eine Schande, ein Skandal, in eine Gruft einzubrechen. Haben Sie eine Ahnung, wer das getan hat?«

»Nein«, gab Johannes zu. »Interessieren Sie sich für alte Gräber?«

»Nur für dieses Grab. Mein Name ist Juliane Berger.«

Ich zuckte zusammen. Johannes räusperte sich. »Juliane Berger wurde im Jahre 1815 von einem Wolf getötet.« Er deutete auf die Gruft. »Dort drin steht ihr Sarg.«

»Ich weiß. Ich wurde nach ihr benannt. Ich habe zu Hause ein Buch, in dem all diese Dinge niedergeschrieben ist.«

»In der Tat?«, fragte Johannes eifrig. »Dürfte ich mir das Buch ausleihen?«

»Ich habe es nicht bei mir«, erwiderte sie kalt. »Es befindet sich in Bayreuth.«

»Da haben Sie es aber weit nach Hause«, sagte Johannes. »Ich wusste gar nicht, dass Nachkommen der Familie Berger noch am Leben sind.«

»Ich bin die letzte. Mein Vater war Wilhelm Bergers Urenkel. Ich bin hierher gereist, um dafür zu sorgen, dass die sterblichen Überreste der Familie, wie sich’s gehört, auf dem regulären Friedhof bestattet werden.« Sie hielt inne, ihr Ton wurde schärfer. »Wo niemand ihre Ruhe stören wird...«

»Wir haben niemanden gestört«, sagte Johannes. »Wir haben uns nur umgesehen.«

Sie schwieg und ging an uns vorbei auf die Gruft zu. Sie hinkte ein wenig und stützte sich auf den Stock.

»Tut Ihnen das Bein weh?«, wollte Johannes mit seiner gewohnten Neugier wissen.

Sie hielt inne, drehte sich langsam um. »Ja. Ich bin ein Krüppel.«

Ich sah Johannes erröten. »Ach, Verzeihung.«

»Nicht der Rede wert.« Sie drehte sich um, blieb einige Minuten lang stumm am Eingang der Gruft stehen und starrte ins Dunkel.

Johannes sah mich an, zuckte die Achseln, räusperte sich. »Hm... Fräulein Berger, wir gehen jetzt.«

Ohne sich umzudrehen, sagte sie tonlos: »Servus.«

Plötzlich schnalzte Johannes mit den Fingern. »Sie müssen Gernot Bergers Tochter sein. Ihr Vater war der jüngste Sohn des alten Berger und ist... nun ja, verschwunden.«

Jetzt drehte sie sich zu uns um. Ein wärmerer Schimmer trat in ihre Augen. Beinahe hätte sie gelächelt. »Richtig. Woher wissen Sie das?«

»Nachforschungen«, antwortete Johannes. »Können wir uns nicht bei Gelegenheit über Ihre Familie unterhalten?«

Der warme Schimmer in ihren Augen erlosch. »Das geht leider nicht. Mein Vater hat nichts so sehr gehasst wie das Tamtam in der Presse. Bevor er starb, musste ich ihm versprechen, hierher zu reisen und dafür zu sorgen, dass die Toten der Familie Berger einen würdigen Ruheplatz finden. Sobald das erledigt ist, kehre ich nach Bayreuth zurück.« Wieder drehte sie uns den Rücken zu und starrte in die düstere Gruft.

»Sie dürfen stolz auf Ihre Vorfahren sein, Fräulein Berger«, sagte Johannes. »Nehmen wir Fritz Berger. Einsneunzig groß, hundertzehn Kilo schwer, roter Bart. Er hat im deutsch-französischen Krieg gekämpft.«

Das junge Mädchen sah Johannes an. Wieder leuchteten ihre Augen. »Sie kennen meine Familie sehr gut, Herr...«

»Kainsdorf«, sagte Johannes. »Meine Freunde nennen mich Johannes.«

Sie lächelte, und das Lächeln zauberte Schönheit auf ihre zarten Züge. »Mein Vater hat mir oft von Fritz Berger erzählt. Als ich klein war, war er mein Held – neben Old Shatterhand und Winnetou. Ich....« Plötzlich verstummte sie und lehnte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Pfosten der Grabtür.

Schnell trat ich hinzu und berührte ihren Arm. Sie schob meine Hand weg, holte tief Atem. »Schon gut. Mein Knie... Manchmal...« Sie ließ den Stock fallen und taumelte.

Ich legte den Arm um ihre schlanke Taille, stellte fest, dass sie keine fünfzig Kilo wog, und strich ihr das braune Haar aus der Stirn. Ihre Haut fühlte sich feucht und kalt an.

»Leg sie hin!«, sagte Johannes schroff. »Sie ist ohnmächtig geworden.«

Sanft bettete ich sie ins Gras. Sie begann sich zu rühren, ihre Lider zuckten. Graue, schmerzumwölkte Augen starrten verstört zu mir auf. »Fläschchen...«, stieß sie hervor. »In meiner Tasche...«

Ich kniete nieder und fand in einer Tasche der Jeans ein kleines Glasröhrchen, das zur Hälfte mit blauen Pillen gefüllt war. Ich schraubte den Deckel los, schüttelte eine der Pillen auf die flache Hand. Sie sperrte den Mund auf, wie ein Nestvogel, der auf den Wurm wartet, und ich legte ihr die Pille auf die Zunge. Sie schluckte krampfhaft, schloss dann die Augen und blieb still liegen. Die weiße Bluse hatte sich aus dem Hosenbund gelöst und einen schmalen Streifen weißer Haut entblößt. Während Johannes und ich sie betrachteten, wurde ihr Atem ruhiger.

»Und was machen wir jetzt?«, flüsterte Johannes.

»Wir schaffen sie ins Auto.« Ich hob sie auf, die leichte Last von den Knien auf die Schulter befördernd.

»Bitte«, murmelte sie und machte einen matten Versuch, sich zu sträuben. »Bitte, nein – ich bin gleich wieder in Ordnung...«

Ich trug sie den steilen Hang hinauf. Es war nicht einfach, aber Johannes schob von hinten an. Keuchend schleppte ich sie zwischen den Grabsteinen zum Auto. Johannes öffnete die Tür, ich legte das arme Ding auf den Hintersitz, wo sie sich zusammenkauernd liegen blieb, mit hochgezogenen Knien und geschlossenen Augen.

»Vielleicht sollten wir sie zu einem Arzt bringen«, sagte Johannes besorgt. Ich sah, dass er den Stock mitgenommen hatte.

»Wir warten ein paar Minuten. Sie hat gesagt, sie wird bald wieder in Ordnung sein.«

Johannes und ich blieben neben dem Auto stehen und rauchten. Die Nachmittagssonne senkte sich tiefer hinab, ein leichter Wind strich durch die Friedhofsbäume. Wir unterhielten uns leise, und nach einer Weile sagte Johannes: »Jetzt hätte ich aber wirklich Lust auf ein kaltes Bier.«

Eine matte Stimme mischte sich ein. »Ich auch.«

Erstaunt drehten wir uns um. Juliane Berger hatte die Augen geöffnet und musterte uns ernst. Johannes steckte den Kopf ins Auto. »Fühlen Sie sich besser?«

Sie nickte und richtete sich auf. Ihre Finger tasteten nach der Frisur. Ihre Augen waren klar, aber blau umschattet. Das schmale Gesicht machte einen abgezehrten, fahlen Eindruck. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte sie. »Sie waren sehr freundlich zu mir.« Dann sah sie sich um. »Vielen Dank, dass Sie mich hier heraufgeschleppt haben... Dieses dumme Knie! Manchmal setzt der Schmerz ein, dann muss ich eine Pille nehmen. Und dann geht es vorbei.« Sie verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Es kommt und geht. Die Ärzte sagen, es sei nichts zu machen. Also, wie wäre es mit dem Bier...?«

»Wenn es Ihr Ernst ist«, erwiderte Johannes, »so gibt es gleich ein Stück weiter vorn am Weg eine Art Gasthof.«

»Worauf warten wir dann noch?«, sagte sie munter.

Johannes setzte sich ans Steuer des Saab, ich nahm neben ihm Platz. Wir fuhren durchs Friedhofstor und dann bergan in Richtung Murnau. Unterwegs kamen wir an einem funkelnagelneuen weißen BMW-Kabriolett vorbei. Es stand im Gras neben einer Holzbrücke. Unter der Brücke lief das ausgetrocknete Bachbett entlang, das in die Schlucht hinter dem Friedhof führte. Der Wagen hatte ein Nummernschild aus Bayreuth. Juliane Berger sagte: »Mein Auto.«

»Wir bringen Sie dann wieder hierher zurück«, sagte Johannes. Ein paar Minuten später hatten wir eine Kreuzung und eine Häusergruppe am Rande von Murnau erreicht. Johannes hielt vor einem Gebäude, das eine Mischung aus Tankstelle, Gemischtwarenladen und Wirtshaus zu sein schien. Ein Schild verkündete:

 

Benzin – Kalte und warme Küche – Bier – Wein – Lebensmittel.

 

Johannes stieg aus, öffnete der jungen Dame die Tür, reichte ihr den Stock und wollte ihr heraushelfen. Sie schob seine Hand weg. Ganz allein humpelte sie auf den Eingang zu. Johannes blieb an ihrer Seite, ich ging hinterher.

Zu dritt setzten wir uns an einen Tisch zwischen einem Regal mit Konserven und einem staubigen Glaskasten, der Schokoladentafeln, Kaugummi, Schrotpatronen und Angelzeug enthielt. Eine lustige dicke Kellnerin in einer schmutzigen weißen Schürze servierte uns eisgekühlte Flaschen eines hellen Weißbiers. Johannes bestellte dazu Schweizer Käse und Kekse.

Juliane Berger sagte: »Zuerst habe ich euch für zwei Grabräuber gehalten.«

Johannes erzählte von den Artikeln, die er schreiben wollte. »Jetzt, wo ich Sie kennengelernt habe, wird die Story noch besser. Sehen Sie nicht die Überschriften vor sich? Letzter Spross einer alten Murnauer Familie kehrt aus der Wagner-Stadt Bayreuth zurück, um ihre Ahnen zu bestatten...«

»Mir wäre es lieber, Sie würden meine Familie in Ruhe lassen«, entgegnete sie. »Es hätte gar keinen Zweck.«

»Es hätte sehr wohl einen Zweck – für mich!«, erklärte Johannes. »Ich hatte gehofft, mit Ihrer Mitarbeit rechnen zu dürfen.«

»Bedauere.« Lächelnd wandte sie sich zu mir. »Sind Sie auch Journalist, Herr Jungblut?«

Bevor ich antworten konnte, warf Johannes ein: »Er ist ein Detektiv.«

Sie zog die zarten Brauen hoch. »Wirklich?«

»Gewissermaßen«, sagte ich. »Privatim. Ich arbeite für eine große Agentur.«

»Ach, ich verstehe. Ich kenne einen Privatdetektiv in Bayreuth. Er heißt Franz-Josef Crass. Ist Ihnen der Name bekannt?«

Erstaunlicherweise kannte ich Crass. Er war bei uns angestellt gewesen und hatte gekündigt, um sich selbständig zu machen. »Oh, ja, ich kenne ihn sehr gut. Wir waren einmal zusammen in Augsburg beschäftigt.«

»Er ist ein netter Mann«, sagte Juliane Berger. »Er hat ein paar Aufträge für den Anwalt meines Vaters erledigt. Wenn man ihn vor sich sieht, würde man ihn nie für einen Detektiv halten, aber er trägt stets eine Waffe bei sich, einen kurzläufigen Revolver. Sind auch Sie bewaffnet, Herr Jungblut?«

»Manchmal. Heute nicht.«

»Ich liebe Waffen«, begeisterte sie sich. »Vater hat Waffen gesammelt – alte Waffen aller Art. Feuersteingewehre, Säbel, Rapiere, sechsschüssige Colts. Ein Zimmer in unserem Haus ist ein richtiges Museum. Die Leute kommen von überall her, um es sich anzuschauen. Ich hätte schon oft Gelegenheit gehabt, die ganze Sammlung zu verkaufen, aber ich bringe es nicht übers Herz. Vater hat so sehr an jedem einzelnen Stück gehangen.« Sie hob den schlanken Stock hoch. »Der Stock stammt auch aus der Sammlung meines Vaters.«

»Er ist doch keine Waffe«, sagte Johannes.

Lächelnd schob sie den Finger unter die Krücke. Ein knackendes Geräusch, und aus der Spitze ragten fünfzehn Zentimeter blanken Stahls hervor. Abermals ein Knacksen, und die Klinge verschwand.

»Donnerwetter!« Johannes war beeindruckt. »Aber ich möchte Sie bitten, nicht auf mich zu zielen.«

Sie lachte. »Mein Vater hatte mehrere solche Stöcke – darunter auch einen, der ein .25er-Geschoss abfeuerte.«

»Nehmen Sie sich in Acht«, gab ich zu bedenken, »sonst wird man Sie einsperren, weil Sie heimlich eine Waffe bei sich tragen.«

»Ich lasse es darauf ankommen. Sie werden mich doch nicht anzeigen, nicht wahr?«

»Er soll sich nur hüten!«, sagte Johannes. »Noch ein Bier?«

»Gern.«

Die dicke Kellnerin brachte uns drei frische Flaschen. Ein paar Kinder kamen Bonbons kaufen, ein ländlicher Typ kaufte Zigaretten und ein Pfund Kaffee. Johannes erblickte eine Musikbox in der Ecke, stand auf und warf ein paar Münzen ein. Die vertrauten Töne einer populären Jazzkapelle schwebten durch den Raum, dann folgten ein kühnes Trompetensolo und ein dumpfer Trommelwirbel. Juliane Berger klopfte mit den Fingern den Takt auf die Tischplatte, während in ihren grauen Augen kleine Lichter funkelten.

Johannes sagte zu ihr: »Wollen wir tanzen?«

Das Licht in ihren Augen erlosch, ihre Finger erstarrten. »Bedaure«, erwiderte sie mit seltsam weicher Stimme. »Schönen Dank auf jeden Fall.«

»Verzeihung«, sagte Johannes ernüchtert. »Ich hatte es ganz vergessen...«

Plötzlich lächelte sie, streckte den Arm aus und berührte seine Hand. »Ich bin früher einmal sehr gern geritten, habe getanzt und Tennis gespielt, bin geschwommen... Vor zwei Jahren stürzte ich vom Pferd. Das Knie ging kaputt. Auch die besten Chirurgen konnten mir nicht helfen. Also humpele ich jetzt am Stock herum, und wenn es allzu schlimm wird, nehme ich ein Pulver.« Sie hielt inne, fügte hinzu: »Bitte, etwas leiser...«

Johannes stand auf, stellte die Musikbox ab, kehrte zurück, setzte sich. »Viel zu laut, ja?« Lächelnd sah er sie an. »Wo sind Sie abgestiegen? In München oder hier?«

»Hier«, erwiderte sie. »Im Hotel Alpenhof. Aber ich sehne mich schon nach Bayreuth zurück.«

»Und dann?«, fragte ich.

Sie zuckte die schmalen Achseln unter der Bluse. »Wenn es geht, will ich das Haus verkaufen und mir eine Wohnung nehmen. Für mich allein... ist das Haus viel zu groß.«

»Auch Ihre Mutter ist gestorben, ja?«, fragte Johannes.

Sie nickte. »Vor fünf Jahren.«

»Keine Geschwister?« Ich wusste, Johannes wollte erfahren, ob Juliane Berger auf irgendeine Weise gebunden sei.

Auch sie hatte es gemerkt, denn sie lächelte und sagte: »Ich habe keinen Menschen. Keinen Mann und keinen Liebhaber. Es hat einen Mann gegeben, bevor der Gaul mich abwarf. Hier und da bekomme ich ihn zu sehen, in Gesellschaft, mit seiner Frau.« Ihr Lächeln erlosch. »Ich werde mir schon irgendwie die Zeit vertreiben, Rommé spielen, Cocktail-Parties besuchen und mich damit abfinden, dass die Menschen sich bemühen, nett zu mir zu sein.« Sie wandte das Gesicht ab. Ich sah ihr Kinn zittern.

Johannes warf mir einen raschen Blick zu und legte dann die Hand auf Juliane Bergers Schulter. Sie blickte zu uns beiden auf, zwinkerte, um eine Träne zu zerdrücken, versuchte zu lächeln. »Kümmern Sie sich nicht darum, meine Herren. Ich tue mir selbst leid, und das ist eine schlechte Angewohnheit.« Sie stand auf und stützte sich auf den Stock. »Jetzt muss ich gehen. Besten Dank für das Bier.«

Johannes sprang auf. »Ich bringe Sie zu Ihrem Wagen. Remmi darf inzwischen das Bier austrinken.«

Auch ich hatte mich erhoben. »Freilich, lasst euch Zeit.«

Sie reichte mir die Hand, eine kleine kühle Hand. »Es war nett, dass ich Sie kennengelernt habe, Herr Jungblut. Wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen.«

»Wer weiß...«

Dann sah sie uns beide an. »Eigentlich möchte ich mich gern revanchieren. Könnten wir nicht, bevor ich abreise, zusammen essen gehen? Morgen Abend? Im Hotel, Sie bringen natürlich Ihre Frauen mit...«

»Oh, ich bin frei«, erwiderte Johannes. »Ich bin überhaupt so frei wie nur möglich. Remmi allerdings ist mit einer Schönheit verlobt, die gleichzeitig seine Sekretärin ist und Susie heißt.«

Sie lächelte. »Wie nett... Bringen Sie doch Ihre Verlobte mit, ja?«

Ich sagte: »Ich gestatte mir, die freundliche Einladung in Susies Namen zu akzeptieren.«

Nachdem die beiden sich entfernt hatten, setzte ich mich hin, lächelte in mich hinein und goss das restliche Bier aus Johannes' Flasche in mein Glas. Ich hatte Zeit, eine zweite Flasche zu bestellen, bevor Johannes nach immerhin vierzig Minuten zurückkam. Er summte eine muntere Melodie vor sich hin. »Eine reizende Person, Remmi. Behauptet, ein Krüppel zu sein! Mein Gott, ich würde ihr gern zeigen, wie schön das Leben sein kann, auch wenn man nicht reitet und nicht tanzt und nicht schwimmt!«

»Prost!«, sagte ich. »Ich habe dein Bier ausgetrunken.«

»Sie ist damit einverstanden, dass ich die Geschichte der Familie Berger schreibe. Sie will mir sogar Stoff liefern.« Er musterte mich nachdenklich. »Müsst ihr morgen Abend wirklich mitkommen, du und Susie?«

»Wie es dir passt, mein Freund.«

»Ich schlage vor, wir essen zusammen, und dann verschwindet ihr beide – still und leise.«

»Gern. Damit ihr ungestört eure... eure Nachforschungen betreiben könnt.«

Er grinste. »Man kann es auch so nennen. Sie hat etwas Besonderes an sich, Remmi.«

»Vielleicht zehn Millionen Mark.«