Der Tote im fremden Mantel - Britta Bolt - E-Book

Der Tote im fremden Mantel E-Book

Britta Bolt

4,8
9,99 €

Beschreibung

Pieter Posthumus liebt Amsterdam und will an keinem anderen Ort der Welt leben – und das, obwohl die große Wirtschaftskonferenz mit ihren Horden von Delegierten und zahlreichen Gegendemonstrationen gerade nichts als Unruhe verbreitet. Immerhin geht im »Büro der einsamen Toten« alles seinen gewohnten Gang. Bis zu dem Tag, an dem Posthumus den Tod eines Junkies untersucht, der einen viel zu vornehmen Kamelhaarmantel trägt … Bald gibt es noch einen Toten: einen Teilnehmer der Konferenz – und anscheinend hängen die beiden Todesfälle miteinander zusammen. Haben die Taten einen ideologischen Hintergrund? Oder gibt es doch ein persönliches Motiv? Die Ermittlungen führen Posthumus zurück in seine eigene Vergangenheit als Student mit radikalen politischen Überzeugungen. Tiefer und tiefer gerät er hinein in ein Netz aus politischen Intrigen und dunklen Familiengeheimnissen.

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EPUB

Seitenzahl: 373




Britta Bolt

Der Tote im fremden Mantel

Roman

Aus dem Englischen von Heike Schlatterer

Hoffmann und Campe

Den Mitarbeitern der Schlaganfall-Abteilung in der OLVG-Klinik, die wahre Heilige sind.

Anmerkung der Autoren

Die Stadt Amsterdam kommt bei anonymen Leichen, die im Stadtgebiet gefunden werden, tatsächlich für die Bestattung auf und bereitet den Toten ein »einsames Begräbnis« mit Musik und Gedichten, die speziell für die Verstorbenen geschrieben werden, Blumen und Kaffee. Unser Buch ist jedoch Fiktion. Die Protagonisten weisen keine Ähnlichkeit mit realen Personen in Behörden auf, und das Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen ist ebenso frei erfunden wie seine Struktur und Arbeitsweise. Entsprechend verhält es sich mit dem Hotel Krasnapolsky und der OLVG-Klinik: Beide existieren, doch die Mitarbeiter und ihre jeweiligen Handlungen in unserer Geschichte sind frei erfunden.

Dienstag, 17. April

1

Ben Olssen blickte zum dritten Mal auf die Uhren an der Wand. TOKIO, NEWYORK, AMSTERDAM. Auf der Amsterdamer Uhr war es schon nach acht. Sie kam nicht mehr. Er griff nach seinem Handy, zögerte. Er würde ihr keine Nachricht schicken. Nicht noch eine. Er würde sie bei der Konferenz zur Rede stellen. Ben legte das Telefon zurück auf den Tisch und verzog das Gesicht beim letzten Schluck des bitteren Kaffees. Die Tasse klapperte, als er sie zurück auf die Untertasse stellte. Sein Blick wanderte durch den Raum. Hohe Decken, poliertes Mahagoni, Palmen in Kübeln, gedämpftes Licht. Mehr eine Filmkulisse als ein Bahnhofscafé. Man rechnete beinahe damit, dass jeden Moment eine viktorianische Reisegruppe hereinkam und draußen auf dem Gleis eine schwarz glänzende Lokomotive dampfte, aber dort stand nur ein schmutzig gelbblauer Zug der Staatsbahn, der sich allmählich mit sehr zeitgenössischen Pendlern füllte. Er würde warten, bis der Zug abfuhr, dann würde er gehen.

Ein Kellner – schwarze Fliege, lange Schürze – ging am Tisch vorbei. Ben gab ihm ein Zeichen für die Rechnung. Er klappte seinen Laptop zu und ließ die Hände einen Moment lang darauf ruhen, dann öffnete er ihn wieder und fuhr den Computer komplett herunter. Er lief schon wieder so langsam. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Vielleicht konnte die Firma, die ihm der Concierge empfohlen hatte, herausfinden, was damit los war. Den IT-Typen in Helsinki war das ja nicht gelungen.

Der Zug fuhr ab. Ben legte ein paar Münzen zur Rechnung auf die Untertasse und stand auf. Als er den Mantel anzog, fiel ihm zwei Tische weiter ein Mann in einem schmuddeligen grauen Anorak auf, der ihn beobachtete. Nein, das war lächerlich. Völlig normal, dass die Gäste in einem Café aufsahen, wenn jemand kam oder ging. Er wurde langsam paranoid: Schon im Hotel hatte er den Eindruck gehabt, dass ihn jemand beobachtete. Egal … Jedenfalls war er froh, nachmittags beim Hausboot gewesen zu sein, obwohl sie nicht genug Zeit gehabt hatten, alles gründlich zu besprechen.

Ben verließ das Café und nahm die Rolltreppe runter zum Shoppingcenter. Am Ende der Rolltreppe ging er nach rechts zum Hinterausgang. Er wollte einen kurzen Blick auf das alte Shell-Gebäude auf der anderen Seite des IJ werfen. Um der alten Zeiten willen. Doch er wusste, dass er trödelte, weil er noch immer auf einen Anruf oder eine SMS hoffte, dass er vielleicht sogar noch einmal kehrtmachen und im Café nachsehen würde, ob sie inzwischen gekommen war.

Auf der Rückseite des Bahnhofs herrschte Chaos, ein Hindernisparcours aus Baugruben, Bretterzäunen und Absperrungen. Fußgänger und Radfahrer schlängelten sich zwischen den Baustellen hindurch, die Fähren drängten sich am Pier. Auf der anderen Seite des Wassers ragte das ehemalige Shell-Gebäude empor, die betont dezente Fassade grell angestrahlt. Hier hatte seine schillernde Karriere ihren Anfang genommen. Und so manche Eroberung auch. Ben musste lächeln. Ben den Aufreißer hatten sie ihn genannt. Es gab allerdings genug Leute, die ihm immer noch nicht verziehen hatten, dass er nach seinem Praktikum bei Greenpeace zum Feind übergewechselt war, und die sein Argument, dass er »das System von innen heraus verändern« wollte und lieber hinter den Linien kämpfte, nicht so recht geglaubt hatten. Wenn die wüssten … Sein Telefon summte. Er schaute aufs Display. Endlich.

Sorry sorry sorry. Probleme hier.

Grad erst weggekommen. Verzeihst du mir? Morgen mittagessen?

xoxo

PS: Siehst du immer noch so toll aus?

Ben antwortete mit einem schlichten »Ja« für alle drei Fragen und schob das Bild, das ihm plötzlich lebhaft vor Augen stand, schnell beiseite. Ihr Aussehen, ihr Duft. Mittagessen würde gerade noch gehen. Ja, er konnte so lange warten. Er runzelte die Stirn und wäre fast mit einem Radfahrer zusammengestoßen, als er gedankenverloren einen Radweg kreuzte. Er ging am Wasser entlang weiter, die Augen immer noch auf den Boden gerichtet. Er zog den Mantel aus. Kamelhaar. Schwer. Zu warm zusammen mit dem Pullover. Er hasste Reisen in der Übergangssaison. Typisches Aprilwetter. Als er am frühen Abend aufgebrochen war, war es kalt gewesen, stürmisch und regnerisch, und jetzt viel zu mild. Er beschloss, eine Abkürzung zurück zum Hotel zu nehmen, durch die U-Bahn-Station ein Stück weiter vorne, anstatt wieder durch die Bahnhofshalle zu gehen. Vor dem Eingang zur U-Bahn stand ein Schild mit der Aufschrift »Durchgang für Fußgänger verboten. Bitte andere Seite benutzen«. Ben fluchte. Die konnten ihn mal. Er würde doch nicht zwischen den Betonpfeilern zurückgehen und dann eine vierspurige Straße überqueren, nur um am anderen Ende des Tunnels dasselbe Spielchen noch einmal zu machen. Der Notgehweg in der Unterführung war breit genug, das natriumgelbe Licht, das durch die Betonpfeiler fiel, mehr als ausreichend. Außerdem kam ihm von der anderen Seite bereits jemand entgegen. Und hinter ihm war auch jemand. Aber auf halbem Weg durch die Unterführung wurde ihm plötzlich mulmig.

 

Der Junkie huschte in eine Gasse, die von der Warmoesstraat abging, am Rand von De Wallen.

Hinter ihm knäulte sich der Touristenstrom kurz zusammen und floss dann weiter. Im Rotlichtviertel war einiges los, in der Gasse aber war es still: ein einzelnes, schickes Restaurant am Ende, ansonsten Hintereingänge und nackte Mauern, die in einer Sackgasse am Wasser endeten. Der Junkie machte ein paar unsichere Schritte auf der verlassenen Straße. Blieb stehen. Lauschte. Er wiegte sich hin und her, zu einer Musik, die niemand sonst hörte, und starrte lange auf einen Zigarettenstummel auf dem Pflaster, bevor er weiterging. Er trug ein T-Shirt und ein dünnes blaues Sweatshirt, das an der Seite eingerissen war, dazu eine schwarze Wollmütze. Und einen schweren Kamelhaarmantel. Eine Glückssträhne. Nicht nur mit dem Mantel. In einer Innentasche steckte ein kleines Lederetui mit einer Kreditkarte und ein paar Geldscheinen. Die reichen Schnösel machten das oft: versteckten etwas für den Notfall. Die Kreditkarte hatte er gleich eingetauscht, und einige von den Scheinen waren auch schon draufgegangen. So viel hatte er sich lange nicht mehr leisten können. Einen Schuss hatte er sich schon gesetzt. Rein. Ein Kuss des Schöpfers.

Der Junkie steuerte die dunkle Nische eines Notausgangs an, wo er oft Schutz suchte, gewärmt von der Küche auf der anderen Seite der Tür. Er lehnte sich an den Rahmen, rutschte runter auf den Boden und wühlte in seinem Rucksack nach dem Besteck.

Ein Stück weiter ging die Tür zum Restaurant auf, für einen Augenblick fiel ein blasser, trapezförmiger Lichtschein auf die Gasse. Ein Paar kam heraus: blond, gut gekleidet, Arm in Arm. Sie schauten auf den Junkie, der reglos in der Nische lag, sahen sich an. Sie zog leicht die Augenbrauen hoch; er kräuselte die Lippen zu diesem zufrieden-verstohlenen Lächeln, das rechtschaffene Passanten in De Wallen aufsetzen, wenn sie den Gefallenen begegnen – zur Bestätigung, dass sie selbst alles im Griff haben. Das Paar ging weiter, tauchte in den Strom auf der Warmoesstraat ein und bog dann links in den Nieuwebrugsteeg. Vor einem kleinen Lokal zögerten die beiden und blickten in das warme, holzvertäfelte Innere. »De Dolle Hond«, las sie vor. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr und zog sie an sich. Sie kicherte, und die beiden gingen weiter.

 

Etwa zu der Zeit, als der Junkie in der Gasse um die Ecke zum nächsten Fall für das städtische Bestattungsteam wurde, saß Pieter Posthumus gemütlich auf seinem Stammplatz im Dolle Hond, dort, wo die Theke auf die Wand traf, unter einer Sammlung alter Orden und Abzeichen. Von der anderen Seite der Theke nickte Anna zu seinem leeren Glas hin.

»Lieber nicht. Muss morgen arbeiten«, sagte Posthumus.

»Na komm«, sagte Anna. »Geht aufs Haus. Bleib noch ein bisschen, sonst ist es so furchtbar trostlos hier.«

Der letzte Stammgast war vor ein paar Minuten gegangen. Im Dolle Hond war es ruhig, selbst für einen Dienstag. Ein Pärchen blieb draußen auf der Straße stehen, Arm in Arm. Einen Moment lang sah es so aus, als ob die beiden hereinkommen würden, aber dann wandten sie sich ab und gingen weiter. Anna schwenkte eine Flasche mit Posthumus’ Lieblingswein.

»Also gut, aber nur einen Schluck.«

Anna schenkte ihm ein und ging dann zu einem Gast am anderen Ende der Bar. Posthumus sah ihr nach. Ihm gefiel dieses »trostlos« nicht. Seit der Sache mit Paul hatte Anna sich eingeigelt. Sie hatte den Kontakt zu Paul abgebrochen und ließ keine Musiker mehr im Lokal auftreten. Mit keinem Wort hatte sie Paul seither erwähnt. So war sie: ganz oder gar nicht, 100 Prozent. Nach all den Jahren – Jahrzehnten – kannte Posthumus das, aber bislang hatte sie sich ihm immer anvertraut. Nur dieses Mal nicht, und das tat weh. Er fühlte sich außen vor, machtlos. Doch er wusste, er durfte sie nicht drängen. Und er wusste auch, wie er auf Annas subtile Signale reagieren musste, zum Beispiel auf dieses »trostlos«.

Posthumus stand auf und begann, die Gläser auf den Tischen einzusammeln. Es machte nichts, wenn er spät ins Bett kam, im Büro der einsamen Toten, wie seine Abteilung bei der Stadtverwaltung gern genannt wurde, ging es zur Zeit recht ruhig zu. Posthumus und seine Kollegen vom Bestattungsteam organisierten Beisetzungen für anonyme Leichen, die innerhalb der Stadtgrenzen gefunden wurden, und für Menschen, die ohne Freunde oder Verwandte starben. In der letzten Woche hatte es nur ein Begräbnis gegeben: eine Frau, die allein auf der Couch gestorben war, vor dem Fernseher, umgeben von Zigarettenkippen und leeren Weinflaschen. Er stapelte die verstreuten Bierdeckel ordentlich aufeinander. Die einzigen Bewegungen auf ihrem Konto betrafen Abbuchungen vom Supermarkt, Tabakladen und vom Spirituosengeschäft: ein trauriger Reigen, eine Chronik der Einsamkeit. So hatte es Cornelius, der ihn manchmal bei den Hausbesuchen begleitete, in seinem Gedicht für die Beisetzung formuliert. Posthumus stellte die leeren Gläser auf die Theke und setzte sich wieder hin. Diese Elegie war seinem Dichterfreund besonders gut gelungen. Posthumus hatte Anna gerade davon erzählt.

»Danke, PP.«

Anna trug die Gläser zum Spülbecken und nahm das Gespräch wieder auf.

»Und kam jemand? Zur Trauerfeier?«

»Zwei ehemalige Kolleginnen«, antwortete Posthumus. »Vermutlich mehr aus Schuldgefühl, würde ich sagen. In der Wohnung haben wir wunderschöne bestickte Pashmina-Schals gefunden und dann einen davon auf den Sarg gelegt, es gab also wenigstens eine kleine persönliche Note.«

»Na, hoffentlich wurde der nicht mit eingeäschert.«

Posthumus lächelte. Das war schon eher seine Anna.

»Warum erzählst du mir das eigentlich?«, fuhr Anna fort. »Ist das eine Parabel? ›Einsame alte Frau stirbt mutterseelenallein und wird von ihren Katzen aufgefressen‹?«

Posthumus vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, dass sie bloß Witze machte. Vielleicht war das der richtige Augenblick, um ihren Schutzwall zu durchbrechen, sie zum Reden zu bringen – aber da kam plötzlich Gelächter vom schmalen Eingangsbereich bei der Außentür.

»Gabi!«, rief Anna, noch bevor Cornelius’ Frau zu sehen war. »Dein Lachen ist einfach unverwechselbar«, fügte sie hinzu, als Gabrielle Lanting zur Bar kam.

Posthumus lächelte und nickte einen Gruß. Gabi war in Begleitung einer modisch gekleideten Frau, braun gebrannt, athletisch und etwas jünger.

»Und es hat sich in all den Jahren auch nicht verändert«, sagte die Frau. »Die Lehrer glaubten früher immer, sie würde das absichtlich machen, und drohten mit finstersten Strafen.«

»Ich weiß nicht, ob ihr Christina kennt«, sagte Gabi. »Christina Walraven?«

Posthumus schüttelte den Kopf, und Anna murmelte, sie könne Christina nicht recht einordnen. Gabi stellte sie vor.

»Sie waren zusammen auf der Schule?«, fragte Posthumus Christina.

»Ganz so ungläubig musst du nun auch wieder nicht klingen«, sagte Gabi und lachte erneut. »Christina ist nicht so jung, wie sie aussieht, wir sind nur zwei Jahre auseinander. Und ja, waren wir. In London.«

»Daddy wurde an die Botschaft versetzt, als Gabis Vater dort Botschafter war. Und Gabi musste sich um den Neuzugang kümmern«, sagte Christina. »Also hat sie sich notgedrungen mit der Tochter eines niederen Attachés abgegeben. Was für ein Abstieg.«

»Ach, Blödsinn«, sagte Gabi und wandte sich an Anna. »So war sie schon immer. Das ist absolut nicht wahr, glaub ihr kein Wort!«

»Wie auch immer, zwei Jahre machen in dem Alter viel aus. Plötzlich hatte die coole Sechzehnjährige eine naive Vierzehnjährige im Schlepptau«, sagte Christina. »Und dann noch so ein braves katholisches Mädchen wie mich.«

»Na ja, das warst du ja nicht lange«, sagte Gabi. »Übrigens, hat jemand nach mir gefragt oder etwas für mich hinterlegt? Ein großer junger Typ mit Brille?«

»Mir hat niemand was gegeben«, sagte Anna. »Wen erwartest du denn?«

»Meinen neuen Assistenten. Er sollte eigentlich heute Abend mit uns ausgehen, aber der liebe Junge hat Überstunden gemacht, um die Unterlagen vorzubereiten, die ich für morgen brauche. Egal, er kommt bestimmt bald. In der Zwischenzeit her mit den Getränken! Piet, komm, trink was mit uns.«

»Kommt Cornelius auch?«, fragte Posthumus. Er setzte sich an einen Tisch vor dem Kamin, von dem er wusste, dass Anna dort gern ihre Freunde platzierte. So konnte sie sich von der Bar aus mit ihnen unterhalten.

»Nein, er ist zu Hause bei Lukas«, sagte Gabi.

Posthumus nickte. Lukas war ein ernsthafter kleiner Kerl und schon ziemlich verantwortungsbewusst, aber wahrscheinlich doch zu jung, um abends alleine zu Hause zu bleiben. Die anderen setzten sich zu ihm an den Tisch, und Anna nahm die Bestellungen auf.

»Gabi hat mir vom Dolle Hond erzählt«, sagte Christina und betrachtete die holzgeschnitzten Köpfe entlang der Täfelung, die alten Kacheln am Kamin und die großen Delfter Vasen. »Ich wusste nicht, dass es so nahe bei De Wallen noch solche Lokale gibt. Die Gegend hier ist sonst so schrecklich geschmacklos.«

Sie nahm ihr Smartphone, machte schnell ein paar Fotos und steckte es wieder in ihre Handtasche (eine Tasche von Hester van Eeghen, wie Posthumus erkannte, noch dazu in einer Farbe, die nicht leicht zu kombinieren war und daher nicht jeden Tag zum Einsatz kommen konnte; das edle Stück war wahrscheinlich nur eines aus einer ganzen Kollektion).

Christina bemerkte seinen Blick. »Ihr Hemd ist auch nicht schlecht«, sagte sie. »Zegna? Eine ungewöhnliche Farbe.«

Posthumus errötete. Das Hemd war um die Hälfte reduziert gewesen, trotzdem war er beim Zahlen zusammengezuckt.

»Touché«, sagte er, und Christina lachte. Posthumus sagte nichts weiter dazu und kam wieder auf den Dolle Hond zurück.

»Das Haus stammt wahrscheinlich aus den 1620er Jahren. Es ist seit über hundert Jahren im Besitz von Annas Familie, daher das ganze Zeug.« Er wies auf die alten Drucke, das Messinggeschirr und die Bierkrüge, die oben auf der Täfelung standen.

»Anna hat das wirklich wunderbar hingekriegt. Man merkt kaum noch was«, sagte Gabi mit gedämpfter Stimme zu Posthumus, als Anna die Getränke brachte.

Das stimmte. Der Schaden von dem Brand vor ein paar Monaten war behoben, man sah nichts mehr davon. Nur ein schwacher Geruch nach Rauch war geblieben. Er konnte sich ein Jahr lang halten, hatten die Leute von der Reinigungsfirma gesagt. Ansonsten sah der Dolle Hond eigentlich so aus wie vorher. Nur das Klavier fehlte.

Anna stellte die Getränke auf den Tisch und setzte sich. »Heute Abend ist nicht viel los, da habe ich ein bisschen Zeit für euch.«

Sie wandte sich an Christina, die wieder ihr Smartphone in der Hand hatte und ihre E-Mails überflog. »Wohnen Sie in Amsterdam? Ich kenne Ihr Gesicht, wir haben uns schon mal irgendwo gesehen, mit Gabrielle, glaube ich.«

»Bei Greenpeace vielleicht? Ich habe dort eine Zeitlang mit Gabrielle gearbeitet, in den neunziger Jahren. Und nein, ich wohne nicht in Amsterdam. Als Daddy nach Brüssel versetzt wurde, bin ich zum Studium in London geblieben, und da lebe ich auch heute noch. Schon komisch, aber ich fühle mich mittlerweile ganz und gar als Londonerin. Das ist mein eigentliches Zuhause.«

Posthumus fand ihre seltsam brüchige, rauchige Stimme faszinierend. Manchmal geriet sie ins Stocken oder verfiel ins Englische, die Muttersprache schien ihr fremd geworden zu sein.

»Ich bin wegen Earth 2050 hier. Die große Wirtschaftskonferenz, die morgen anfängt, vielleicht haben Sie davon gehört?«, sagte Christina, während sie immer noch auf ihrem Handy herumtippte.

»Ob ich davon gehört habe?«, rief Anna. »Unser Finanzminister posaunt seit Wochen Schlagwörter wie ›Zukunftsgipfel‹ und ›Wachstum und Nachhaltigkeit‹ herum. Heute ist die Voranmeldung, oder? Die Straßenbahnen sind brechend voll und die Straßen total verstopft. Aber ich darf mich nicht beschweren. Wenn alle Hotels ausgebucht sind, ist das nur gut für mein Gästehaus.«

Sie nickte über ihre Schulter zu vier Männern, die an einem Tisch in der Ecke saßen. Umhängetaschen mit dem Earth-2050-Logo hingen an ihren Stuhllehnen oder lehnten an der Wand neben ihnen.

»Ich habe gerade zum ersten Mal ein Schild mit ›komplett belegt‹ aufgehängt.«

»Ja, Cornelius hat mir erzählt, dass du Marloes’ Haus nebenan übernommen hast«, sagte Gabi. »Und dass du es wunderschön hergerichtet hast.«

»Das ›wunderschön‹ geht mehr auf PPs Konto.«

»Ein bisschen Farbe, ein paar neue Möbel und die Rückbesinnung auf den ›niederländischen Minimalismus‹», sagte Posthumus.

Christina lachte.

»Hast du nicht so schon genug am Hals mit deinem Lokal?«, fragte Gabi.

Posthumus warf ihr einen Blick zu. Nach der ganzen Sache mit Paul hatte Anna eine neue Aufgabe gebraucht, und dafür war das Gästehaus einfach perfekt.

»PP hat mich überredet, Marloes’ letzten Schützling zu übernehmen, als Aufpasser und Putzfrau, sozusagen«, sagte Anna. »Du hast sie wahrscheinlich schon gesehen. Sie war ziemlich oft hier in der … Zeit.« Nur eine winzige Pause, dann war die starke, zupackende Anna wieder da. »Die kleine Tina … Auch eine dieser verlorenen Seelen, die Marloes so gern unter ihre Fittiche nahm.«

»Das dürre Ding, das aussieht, als wäre es kaum sechzehn und früher getippelt hat?«, fragte Gabi. »Die hängt bestimmt immer noch an der Nadel, oder?«

»Du lieber Himmel, das ist aber ganz schön riskant«, sagte Christina. »Und Ihnen macht das nichts aus? Haben Sie keine Angst, dass sie das Haus in eine Drogenhöhle oder ein Bordell verwandelt?«

»Tina ist richtig aufgeblüht«, sagte Posthumus. Ja, tatsächlich. Die verhuschte, ängstliche Tina schien mehrere Zentimeter gewachsen zu sein, war voll Energie und kümmerte sich mit regelrechtem Besitzerstolz um das Gästehaus.

»Tja, irgendwas machen wir wohl richtig, immerhin haben wir im Schnitt vier Sterne bei TripAdvisor«, sagte Anna. »Also macht fleißig Werbung, wenn ihr jemanden kennt, der in Amsterdam übernachten will.«

Wie aufs Stichwort kamen drei Gäste von nebenan auf einen Drink herein. Anna stand auf, um sie zu bedienen.

»Und Sie sind immer noch bei Greenpeace? Oder arbeiten Sie mit Gabrielle bei der Green Alliance?«, wandte sich Posthumus an Christina und nutzte dabei einen kurzen Moment der ungeteilten Aufmerksamkeit, bevor sie sich wieder ihrem Smartphone widmete.

Er wusste von Cornelius, dass Gabrielles Organisation zwar gegen den Strom schwamm, aber trotzdem bei Earth 2050 involviert war: als Teil der stimmgewaltigen Umweltlobby – zwischen all den konservativen Wirtschaftswissenschaftlern und Konzernchefs, die den Großteil der Delegierten stellten.

»Nein, jetzt bin ich für Tiger im Einsatz«, sagte Christina.

»Tiger?« Posthumus zog die Augenbrauen zusammen. Vielleicht war es eine Abkürzung. »Echte, lebendige Tiger?«

»Die vermutlich am stärksten bedrohte Tierart, gleich nach den Nashörnern«, sagte Christina. »Also ja, vor allem der Amur-Tiger, den Sie wahrscheinlich als Sibirischen Tiger kennen.« Sie tippte auf ihrem Handy herum.

»Hier, sehen Sie mal. Sind sie nicht wunderschön? Schätzungen zufolge gibt es nicht einmal mehr fünfhundert Tiere in freier Wildbahn, im Osten Russlands, an der Grenze zu Korea und China. Und da liegt das Problem. Arzneimittel und Körperteile, wissen Sie, und natürlich das Fell. Es gab Zeiten, da wurde einer pro Tag erlegt, und die Zahl geht einzig und allein deshalb zurück, weil sie mittlerweile immer schwerer zu finden sind. Nun ja, nicht ganz der einzige Grund. Unsere Arbeit hilft natürlich auch, aber die Wilderei und die Abholzung ihrer natürlichen Lebensräume …«

»Ich muss dich warnen, wenn sie erst mal richtig loslegt!«, sagte Gabi.

»Nein, ich finde das faszinierend«, sagte Posthumus und beugte sich vor, um das Foto auf dem Smartphone näher zu betrachten: ein Weibchen, das mit ihren Jungen spielte, ein prächtiges Tier, dessen glänzendes Fell in sanftem Orange vor einem Hintergrund aus schwarzen Baumstämmen und Schnee leuchtete. »Was für ein schönes Geschöpf!«

»Die größte Katze der Welt«, sagte Christina. »In den dreißiger Jahren gab es weltweit nur noch etwa vierzig Stück. Damals wurden sie hauptsächlich wegen ihres Fells gejagt. Die Lage verbesserte sich etwas, nachdem sie zur geschützten Art erklärt worden waren, aber jetzt sind sie wieder gefährdet, weil die Chinesen immer reicher werden und bereit sind, hohe Summen zu zahlen. Das ist ähnlich wie bei den Nashörnern.«

»Und deshalb sind Sie hier auf der Konferenz?«, fragte Posthumus.

»Ihnen kommt das vielleicht nebensächlich vor, aber wir müssen das bekannt machen«, sagte Christina. Sie klang, als wollte sie sich verteidigen. »Diese Themen dürfen nicht in der allgemeinen Diskussion über Wirtschaft und Ressourcen untergehen. Und seit wir Leo auf unserer Seite haben, weiß man, wer wir sind.«

»DiCaprio«, ergänzte Gabi für Posthumus.

»Wir haben noch andere wichtige Unterstützer und Sponsoren, aber wir müssen nach wie vor viel dafür tun, damit das Thema präsent bleibt. Es geht nicht nur um den Amur-Tiger, auch der Asiatische Tiger ist gefährdet und die Nashörner und so viele andere Tiere. Für mich geht es hier in erster Linie ums Networking. Ich meine, hier sind wirklich alle.«

»Wir waren gerade auf einer fantastischen Cocktailparty, draußen an der Vecht«, erzählte Gabi. »Christina hilft mir, einen Prominenten für die Green Alliance an Land zu ziehen.«

Ein Fahrradlenker schlug draußen ans Fenster. Ein großer junger Mann mit einer markanten Designerbrille kam herein, ging direkt zu Gabi und gab ihr einen Aktenordner.

»Tut mir leid wegen der Verspätung, aber hier hast du jetzt alles.«

»Niels!«, rief Gabi. »Das ist so lieb von dir. Vielen Dank! Und noch dazu hast du eine unglaubliche Party verpasst. Komm, setz dich zu uns, trink was. Ich stelle dich vor. Übrigens ist deine neue Brille ganz hinreißend.«

Sie rückte zur Seite, um Platz für ihn zu machen.

»Tut mir leid, Leute, ich muss weiter«, sagte Niels. »Außerdem ist mein Fahrrad nicht abgeschlossen.« Er war schon wieder auf dem Weg zur Tür. »Aber trotzdem vielen Dank. Tschüs und viel Glück für morgen, Gabrielle«, fügte er noch hinzu. Und weg war er, noch bevor jemand anmerken konnte, wie leichtsinnig es war, in dieser Gegend ein Fahrrad unabgeschlossen abzustellen, und sei es auch nur für wenige Sekunden.

»Was für ein Wirbelwind!«, sagte Posthumus.

»Er ist erst seit drei Monaten bei uns, aber ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie ich je ohne ihn zurechtgekommen bin«, sagte Gabi.

»Ein wichtiger Tag morgen?«

»Ziemlich. Ich habe eine Podiumsdiskussion und muss gut vorbereitet sein.« Gabrielle klopfte auf den Aktenordner. »Eigentlich sollte ich nicht länger bleiben, aber ich bin schon den ganzen Abend in Hochstimmung.«

»Ihr habt den Prominenten also an Land gezogen?«, fragte Posthumus.

Gabi wechselte einen Blick mit Christina und lächelte. »Möglich. Ich darf noch keinen Namen verraten. Nur so viel, Christina hat es mit ihrem Charme und ihrem Mundwerk geschafft, uns in den VIP-Bereich zu lotsen, und dort lief es sehr gut. Sie ist so raffiniert, einfach toll! Sie hat sogar ein heißes Date sausen lassen, weil alles viel länger dauerte als geplant.«

»Wenn es so läuft, wie erhofft, dann war es das wert«, sagte Christina. »Und mit Ben habe ich auch alles glattgebügelt. Wir gehen morgen zusammen mittagessen.«

»Ah, gut!«, sagte Gabi. »Das freut mich.« Sie warf Posthumus einen verschmitzten Blick zu. »Die Tiger-Lady und ihr Cougar-Date.«

Christina lachte. »Neid! Der pure Neid! So viel jünger ist er nun auch wieder nicht.«

»Das klingt aufregend, um wen geht es?«, fragte Anna, die sich gerade wieder an den Tisch setzte.

»Ben Olssen. Hast du den mal kennengelernt?«, fragte Gabi. »Der unverschämt gut aussehende Ben, mein Praktikant, als ich noch bei Greenpeace war? Er und Christina hatten mal was miteinander.«

»Nur eine kleine Affäre«, sagte Christina und tat so, als wollte sie Gabi unter dem Tisch einen Tritt verpassen.

Posthumus fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das an den Schläfen schon erste graue Strähnen zeigte.

Anna schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ich mich an einen Ben erinnere«, sagte sie.

»Oh, wenn du ihn kennengelernt hättest, würdest du dich an ihn erinnern, glaub mir«, sagte Gabi. »Ziemlich clever ist er auch noch. Ein Wirtschaftswissenschaftler mit Köpfchen. Er ist wegen der Konferenz hier und anscheinend ganz versessen darauf, seine frühere Flamme wiederzusehen.«

»Hoffen wir’s«, sagte Christina, die wieder auf ihr Handy schaute. »Vielleicht hat er auch das Interesse verloren. Ich versuche schon den ganzen Abend rauszubekommen, wann und wo wir uns morgen treffen, aber er antwortet nicht.«

Posthumus lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schlug noch eine Runde vor. Da alle Wein tranken, bestellte er gleich eine ganze Flasche.

Donnerstag, 19. April

2

Am ersten Tag von Earth 2050 demonstrierten Globalisierungsgegner vor der Amsterdamer Börse und auf dem Dam. Es gab gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Occupy-Bewegung campierte auf dem Platz vor der Beurs van Berlage, der alten Börse, die mittlerweile für Konzerte und Ausstellungen genutzt wurde. Heute, am zweiten Tag, gab es mittags einen Protestmarsch vom Dam, an der Amstel entlang und weiter zur Nationalbank. Posthumus stand am Fenster seines Büros und sah zu, wie die letzte Gruppe hinter dem Munttoren verschwand – der Turm war das Einzige, was vom Münzgebäude aus dem 17. Jahrhundert geblieben war – und am Fluss weiterzog. Das helle Läuten des Glockenspiels um ein Uhr ging fast völlig unter in den Protestgesängen und dem Dröhnen improvisierter Trommeln. Posthumus kniff die Augen zusammen. Früher hätte er die Banner lesen können, selbst von hier aus, der anderen Seite des Flusses. Früher, da wäre er selbst dabei gewesen, wäre mitmarschiert und hätte Parolen skandiert. Aber das war einmal.

Posthumus nahm noch eine Gabel von dem Salat, den er von zu Hause mitgenommen hatte. Am zweiten Tag schmeckte er noch viel besser, wenn der Saft der eingelegten Zitronenschalen die dicken Kügelchen des Perl-Couscous durchtränkt hatte. Seine Zeiten als Demonstrant lagen 25 Jahre zurück. Oder sogar noch länger. Das klang wie eine Ewigkeit, aber so fühlte es sich nicht an. Die großen Anti-Atomkraft-Demos nach Tschernobyl; die Unruhen, die ausbrachen, als die Polizei die besetzten Häuser in der Spuistraat räumen wollte. Posthumus trat vom Fenster zurück und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches. War es wirklich schon ein Vierteljahrhundert her, dass er draußen auf der Straße demonstriert und zusammen mit den anderen Hausbesetzern Parolen gerufen hatte, dass er gemeinsam mit zahllosen Amsterdamern bei der Eröffnung des skandalös teuren Stadhuis und der Oper Steine geworfen und so einen Radau gemacht hatte, dass die Polizei Panik bekommen und die Königin durch einen Seiteneingang hineingelotst hatte? Ironie des Schicksals: Da stand er nun und arbeitete für die Stadt, noch dazu ganz in der Nähe der Stelle, wo sie Beatrix mit der stärksten Anlage und den größten Boxen, die sie finden konnten, mit Heavy Metal beschallt hatten. Was war aus dem wilden jungen Mann geworden?

Posthumus starrte hinaus auf die Amstel. Tja, zum einen war da Willem. Der Tod seines Bruders hatte ihn aus der Bahn geworfen. Und zum anderen wohl auch das Leben selbst. Dem Leben gelingt es immer wieder, Ideale zu verwässern, selbst wenn man sich als Zwanzigjähriger geschworen hat, dass das nie passieren würde. Nicht, dass er mit dem, was er skandiert hatte, immer voll und ganz einverstanden gewesen wäre. Es gehörte damals einfach dazu: zur Hausbesetzung, zum Amsterdam der achtziger Jahre. Posthumus kratzte den letzten Rest Salat zusammen. Gabi war anders. Sie war dabeigeblieben. Schon damals war sie ein ganz schöner Heißsporn gewesen. Später hatte sie ihre Energie auf Organisationen verwendet, die massentauglicher waren – Greenpeace und dann die Green Alliance –, aber sie hatte immer für eine Sache gekämpft, ihr Ziel nie aus den Augen verloren. Anna war mit Gabi in Kontakt geblieben, anders als er selbst. Posthumus hatte sie erst wieder gesehen, als Cornelius anfing, Gedichte für die Trauerfeiern des Bestattungsteams zu schreiben, und da war ihm bewusst geworden, dass sie zu den Menschen gehörte, die in der Welt wirklich etwas bewegten.

Posthumus nahm seine leere Schüssel mit in die kleine Küche auf der anderen Seite des Treppenabsatzes und spülte sie aus. Unten fiel die Eingangstür ins Schloss, gleich darauf waren Stimmen im Foyer zu hören. Maya und Sulung waren von ihrem Hausbesuch zurück. Posthumus lächelte vor sich hin. Eine Entschuldigung war nicht zu erwarten, obwohl Maya den Gemeinschaftswagen viel zu spät zurückbrachte. Sie kam die Treppen heraufgepoltert, Sulung trottete hinter ihr her.

»Diese verdammten Demonstranten! Wir standen Ewigkeiten auf der Raadhuisstraat im Stau«, sagte sie.

Posthumus streckte die Hand nach den Schlüsseln aus. Wenn er zu spät gewesen wäre, hätte er so einiges zu hören bekommen.

»Es wundert mich, dass du überhaupt versucht hast, durch die Stadt zu fahren, bei den ganzen Stauwarnungen«, sagte er und zwinkerte Sulung im Vorbeigehen zu.

Maya stürmte wortlos ins Büro. Posthumus steckte die Schlüssel ein. Er hatte beim Bestatter keinen konkreten Termin vereinbart, sondern nur gesagt, dass er am Nachmittag vorbeikäme. Er würde noch eine halbe Stunde warten. Bis dahin hätten sich die Staus erledigt und die Brücke wäre wieder offen.

 

Vereinzelte Demonstranten – die mit ihren bunten Irokesenkämmen und der zerfetzten Kleidung aussahen, als wären sie direkt aus den achtziger Jahren hergebeamt worden – drückten sich noch an der Ecke herum, als Posthumus die Brücke über die Amstel überquerte und am Munttoren vorbei Richtung Süden fuhr. Am Morgen war ein Anruf von der Heilsarmee eingegangen. Eine Überdosis. Ein Stammgast in ihrer Unterkunft in De Wallen, Frans Kemp, war vorletzte Nacht in einer Hausnische in der Nähe der Warmoestraat gefunden worden – in der kleinen Sackgasse gleich um die Ecke vom Dolle Hond, wie sich herausstellte. Die Anruferin hatte freundlich, aber auch resigniert geklungen. Der arme Kerl hatte sich schon ein- oder zweimal fast eine Überdosis verpasst, wie sie erklärte. Die Betreuer bei der Heilsarmee hätten es kommen sehen und alles getan, was sie konnten, aber leider sei das bei Frans nur eine Frage der Zeit gewesen. Formalien waren nicht viele zu erledigen, die Leiche war bereits freigegeben und sollte um die Mittagszeit zum Bestatter gebracht werden. Verwandte waren keine bekannt. Frans war ein Einzelgänger gewesen, und er hatte auch keine Sachen im Wohnheim zurückgelassen. Posthumus konnte sich gleich heute um den Fall kümmern, es gab sonst nicht viel zu tun. Die Habseligkeiten, die der Klient bei sich gehabt hatte, mussten reichen, um bei der Trauerfeier etwas Persönliches über ihn zu sagen.

Posthumus fuhr hinaus in die gutbürgerlichen südlichen Vororte. An einem wolkenverhangenen Tag wie diesem wirkten die Wohnblocks aus braunem Backstein nüchtern und klobig. Über dem alten Olympiastadion ragten Art-déco-Leuchten eisern in den grauen Himmel; in der Stadionsgracht schien das Wasser das Licht zu absorbieren statt zu reflektieren. Posthumus überquerte die Gracht und bog zum Bestattungsunternehmen Olympia ab. Ein Grüppchen Hinterbliebener wartete am Haupteingang darauf, in die Aufbahrungshalle eingelassen zu werden. Posthumus ging an ihnen vorbei zum Seiteneingang, grüßte den Fahrer eines Leichenwagens, der an der Mauer lehnte und rauchte, und drückte auf die Klingel.

»Pieter Posthumus vom städtischen Bestattungsteam, ich will die Effekten von Frans Kemp abholen«, sagte er in die Sprechanlage.

»Hallo, Pieter, hier ist Hendrik. Ich glaube, er ist gerade erst angekommen.«

»Kein Problem. Ich kann zu dir raufkommen und warten.«

»Bring doch lieber gleich alles, was er bei sich hatte, mit nach oben, okay? Dann geht’s schneller.«

»Alles klar.«

»Du kannst direkt durchgehen, ich sage unten Bescheid. Wir sehen uns dann oben.«

Die Tür öffnete sich mit einem Klicken. Posthumus ging durch die Ladezone, wo Kränze und Blumengestecke, jeweils sorgfältig mit Namen versehen, auf die Bestattungen am Nachmittag warteten, und dann einen kahlen Korridor hinunter zur Leichenhalle im Untergeschoss. An der Tür wartete eine Bestatterin auf ihn.

»Ich bin grad an Kemp dran«, sagte sie und hielt ihre behandschuhten Hände hoch. »Tut mir leid, ich bin heute alleine. Seine Effekten sind hier.«

Posthumus folgte ihr in den eiskalten Raum. Das Licht war hart und grell, und man hörte das leise Summen von Maschinen. Er kam nicht oft in diesen Teil des Gebäudes und war jedes Mal verblüfft über das völlige Fehlen von Gerüchen – man roch weder den süßlichen, durchdringenden Geruch des Todes noch irgendwelche Chemikalien oder sonst irgendetwas. Vermutlich wurde alles von der starken Lüftungsanlage abgesaugt.

Es lagen zwei Tote in der Leichenhalle. Eine dicke Frau, deren eines Bein geschwollen und bläulich schwarz war, und sein Klient: abgemagert bis aufs Skelett, die Haut unnatürlich weiß, rote und schwarze Male an den Armen und am Bauch. Posthumus wandte sich ab.

»Es liegt alles in der Ecke«, sagte die Bestatterin. »Und obendrauf die Liste aus dem Krankenhaus.«

Sie wies mit dem Kinn auf zwei schwarze Müllsäcke, beide mit einem Siegel des Krankenhauses versehen. Auf den Säcken lag ein Clipboard mit einem DIN-A4-Zettel.

»Der Empfang ist schon bestätigt, aber der Inhalt muss noch überprüft und registriert werden«, sagte sie.

»Ja, ich weiß«, sagte Posthumus. »Ich nehme alles mit nach oben und helfe Hendrik dabei.«

 

Das Ganze war schnell erledigt. Hendrik Nieuwenhuis schenkte Posthumus Kaffee ein, dann gingen sie gemeinsam die Liste durch – in einem Fall wie diesem eigentlich nur, um der Form Genüge zu tun.

»Eine korrekte Abwicklung schadet ja nie«, sagte Hendrik.

Er sprach stets im gedämpften Ton der Anteilnahme, tat nie einen Fehltritt, und auch sein Erscheinungsbild war tadellos: immer perfekt frisiert, die Krawatte makellos geknotet, das Hemd glatt gebügelt und wie neu. Ein dezenter Hauch Eau de Toilette umgab ihn.

»Ganz meine Meinung«, sagte Posthumus, als Hendrik ein Paar OP-Handschuhe überstreifte und in den ersten Müllsack griff. Posthumus hielt die Liste auf Armeslänge von sich entfernt. Es ließ sich nicht länger ignorieren: Er musste endlich seine Augen testen lassen.

»Kleider«, sagte Hendrik. »Ich denke, die können wir entsorgen.« Er holte Stück für Stück heraus und hielt die einzelnen Teile dabei zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine Bewegungen waren präzise und kontrolliert wie die eines Tänzers.

»Turnschuhe, Wollmütze, Jeans, schwarzes T-Shirt, Sweatshirt … zerrissen«, sagte er.

Posthumus hakte jeden Eintrag auf der Liste ab, begleitet von einem kurzen »Ja«.

»Du meine Güte!«

Hendrik hielt einen eleganten langen Kamelhaarmantel hoch, der eindeutig auf dem Boden gelegen hatte, ansonsten aber in gutem Zustand war. Er sah prüfend auf das Etikett, während Posthumus die Liste studierte.

»Armani«, sagten beide wie aus einem Mund.

Posthumus und Hendrik sahen sich an.

»Wahrscheinlich gestohlen«, sagte Hendrik.

Posthumus nickte. In der ganzen Stadt hatten die Cafés bereits Tische und Stühle nach draußen unter die Heizpilze gestellt. Einen Mantel zu klauen, der über einer Stuhllehne hing, während der Besitzer abgelenkt war, war ein Klassiker.

»Wahrscheinlich«, sagte er. »Könnte aber auch aus einer Kleidersammlung stammen. Wir sollten ihn auf jeden Fall behalten. Wenn ich nichts herausfinde, kann ich ihn immer noch verkaufen. Jedes kleine bisschen hilft.«

Auch Posthumus’ Abteilung hatte die Budgetkürzungen zu spüren bekommen. Vor kurzem hatte der Leiter der Behörde angedeutet, dass man für Cornelius’ Honorar eine unabhängige Finanzierungsmöglichkeit finden müsse.

»Ist etwas in den Taschen?«, fragte Posthumus.

Hendrik griff hinein und schüttelte den Kopf. Er legte den Mantel beiseite und die restlichen Kleider zurück in den Müllsack.

Im zweiten Sack lag ein schmuddeliger Rucksack, an dem ein zusammengerollter Schlafsack befestigt war. Posthumus las die Bestandsliste des Krankenhauses vor: »Injektionszubehör, einige Narkotika und ein Mobiltelefon von Nokia, das die Polizei einbehalten hat.«

»Das war’s dann auch schon fast«, sagte Hendrik. »Noch ein Pullover, ein paar Boxershorts, eine Zahnbürste in einem Plastikbeutel, einige zusammengefaltete Mülltüten, eine Brille … bei der ein Glas fehlt.«

Er zog den Reißverschluss vorne am Rucksack auf.

»Und ein Geldbeutel. Das ist alles«, sagte er und holte ein zerschlissenes Stoffportemonnaie heraus, um das ein rotes Band gewickelt war.

»Darin müssten Kemps Ausweis und 161,35 Euro sein«, sagte Posthumus nach einem Blick auf die Liste.

Hendrik zog das Band ab und ließ es auf den Tisch fallen. Das alte Portemonnaie klappte auf, und er begann, das Geld zu zählen.

»Stimmt alles«, sagte er. »Der Ausweis ist auch da. Ganz schöne Summe für … einen Mann wie Kemp.« Er blickte zu Posthumus. »Möchtest du nachzählen?«

Posthumus schüttelte den Kopf und hob mit leichtem Stirnrunzeln das rote Band auf.

»Wahrscheinlich für … du weißt schon«, sagte Hendrik.

Er legte sich das Band um den Oberarm, als wollte er die Arterie abbinden. Ganz kurz huschte Widerwillen über sein Gesicht. Posthumus zog das Band durch die Finger. Es war aus starkem Baumwollgarn, etwa einen Zentimeter breit: eins dieser Bänder, die Delegierte bei einer Konferenz um den Hals tragen. In gleichmäßigen Abständen war »Earth 2050« daraufgedruckt. Der Clip zur Befestigung des Namensschildes war abgebrochen.

»Kein sehr freundlicher Empfang in Amsterdam für einen Konferenzteilnehmer«, sagte Posthumus und reichte das Umhängeband zurück an Hendrik. »Ich könnte mir vorstellen, dass das von dem Mann ist, dem jetzt auch der Mantel fehlt. Und demselben Mann gehört wahrscheinlich auch ein Großteil des Geldes.«

Hendrik betrachtete das Band. »Meinst du, wir sollten das melden?«, fragte er besorgt.

Posthumus zuckte mit den Schultern. »Was denn? Toter Junkie stiehlt Mantel von unbekanntem Konferenzteilnehmer?«

Ihm fiel auf, dass Hendrik bei dem respektlosen Wort »Junkie« zusammenzuckte, es sich aber nicht anmerken lassen wollte. Es bereitete Posthumus eine diebische Freude, den überkorrekten Bestattungsunternehmer gelegentlich ein bisschen aus der Fassung zu bringen. Aber er machte es jedes Mal schnell wieder gut.

»Ich rufe die Polizei an, wenn ich wieder im Büro bin, und erkundige mich, wann das Handy freigegeben wird«, sagte er lächelnd. »Dann frage ich auch nach dem Mantel. Vielleicht hat jemand den Diebstahl gemeldet. Aber ich bezweifle, dass etwas dabei herauskommt. Die werden zur Zeit genug zu tun haben mit der Konferenz und den Demonstrationen.«

Hendrik wickelte das Band wieder lose um die Geldbörse. »Sollen wir einen Termin für Kemp festlegen?«, fragte er. »16 Uhr 30 am Montagnachmittag wäre noch frei.«

Posthumus schürzte die Lippen. »Das ginge«, sagte er. »Hängt aber davon ab, wann die Polizei das Handy freigibt. Wahrscheinlich wollen sie nur die Anrufliste auf Dealer überprüfen. Nach dem, was die Frau von der Heilsarmee sagte, werde ich wohl keine Vewandten oder Freunde ausfindig machen können. Also nehmen wir den Montag. Kümmerst du dich um den Friedhof?«

»Wie wäre es mit Sankt Barbara?«, sagte Hendrik.

Posthumus nickte. Sie mochten beide den alten Friedhof draußen im Westen.

»Cornelius Barendrecht hat dann zwar kaum Zeit für ein Gedicht«, sagte er, »aber ihm wird schon was einfallen. Viel Material hat er allerdings nicht.«

Posthumus reichte Hendrik die Liste und bezeugte dessen Unterschrift. Er würde schnell bei Cornelius vorbeischauen, bevor er ins Büro zurückfuhr. Cornelius’ Wohnung lag auf dem Weg.

»Den Geldbeutel und den Mantel nehme ich mit. Schreibst du eine Quittung?«, sagte Posthumus. »Und das Band kannst du auch extra aufführen, wenn du willst. Für den Rest habe ich keine Verwendung.«

Hendrik legte den Mantel in den Müllsack, in dem der Rucksack gewesen war, und ging zum Computer, um die Quittung zu tippen. Posthumus steckte den Geldbeutel in einen braunen Umschlag von einem Stapel auf dem Tisch, nahm die Brille mit dem fehlenden Glas und legte sie ebenfalls in den Umschlag.

»Schreib auch die Brille auf«, sagte Posthumus zu Hendrik. »Man weiß nie, was die Kreativität des großen Dichters beflügelt.«

 

Auf dem Parkplatz holte Posthumus noch einmal den Mantel aus dem Müllsack. Er hielt ihn am Kragen fest und schüttelte ihn aus. Ein edler Wollstoff. Nach einer gründlichen Reinigung bestimmt wie neu. Selbst der knauserige alte Bart vom Flohmarkt auf der Waterlooplein würde dafür einen guten Preis zahlen, und auch kleine Beträge halfen dem Bestattungsteam. Posthumus rieb den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Eigentlich könnte er den Mantel selbst kaufen: Warum den Umweg über Bart nehmen? Posthumus hielt den Mantel hoch, sodass die Schultern auf gleicher Höhe wie seine waren. Sein Gewissen regte sich: Das war Diebesgut, und daran gab es nichts zu rütteln. Er musste herausfinden, ob der Diebstahl angezeigt worden war und wem der Mantel gehörte. Automatisch fuhr er mit den Händen in die beiden leeren Innentaschen und ertastete dann eine dritte, kleinere Tasche, die man zuknöpfen konnte, unten rechts im Futter. Er fasste hinein. Die Tasche war gerade groß genug für ein paar zusammengefaltete Geldscheine. Gute Idee. Leer … oder halt, nicht ganz. Die Klappe, die normalerweise über der Tasche lag und mit einem Knopf verschlossen wurde, war hineingeschoben worden. Dahinter spürte Posthumus etwas Raues, Steifes. Posthumus krümmte den Finger und zog es heraus. Eine Visitenkarte. Er hielt sie auf Armeslänge von sich entfernt und las:

FUTURA CONSULTANTS

Strategische Planung und Entwicklung

Ben Olssen

Eine Telefonnummer: +1, also in den USA. Vielleicht eine Handynummer.

Posthumus zögerte einen Moment und rief dann an.

»Hallo, hier ist Ben Olssen. Leider kann ich gerade nicht …«

Mailbox. Posthumus legte auf. Er wollte kein Vermögen für ein Transatlantikgespräch mit der Mailbox eines Fremden ausgeben. Aber der Name. Als er ihn hörte, statt ihn nur zu lesen, klang er vertraut. Posthumus brauchte nicht lange, bis ihm einfiel, woher er ihn kannte. Er tippte auf sein Adressbuch und drückte auf »wählen«.

»Cornelius, hallo«, sagte er. »Bist du zu Hause? Wir haben einen Klienten für Montagnachmittag. Sehr knapp, ich weiß. Und es gibt nur wenig Material, aber ich könnte in fünf oder zehn Minuten bei dir sein … und ist Gabrielle zufällig da? Ich müsste dringend mit Christina sprechen.«

 

Eine Stunde später stand der kleine Lukas neben seinem Vater an der Haustür, während Cornelius sich von Posthumus verabschiedete.

»Und du richtest Christina aus, dass sie mich anrufen soll, ja?«, sagte Posthumus und nahm die drei Stufen hinunter zum Gehweg in zwei Sprüngen.

»Sobald die beiden bei der Konferenz fertig sind«, sagte Cornelius. »Welche Galanterie! Ein Gentleman durch und durch!«

Seine blauen Augen leuchteten über seinen halbmondförmigen Brillengläsern. Als Posthumus zum Smart seiner Abteilung zurückging, hörte er Lukas noch fragen: »Papa, was ist Galanterie?«

Posthumus war keine fünf Minuten gefahren, als sein Handy klingelte. Rufnummer unbekannt. Er lächelte, steuerte den Smart schnell in eine Lücke zwischen zwei geparkten Autos, räusperte sich und nahm gerade noch rechtzeitig ab, bevor die Mailbox anging.

»Hallo«, sagte er und hoffte, dass seine Stimme sonor und entspannt klang.

»Pieter Posthumus?«, fragte eine männliche Stimme. »Kommissar Flip de Boer.«

Posthumus’ Magen krampfte sich in einem Anflug von Panik zusammen. Warum versetzte ihn ein unerwarteter Anruf der Polizei nach so langer Zeit noch schlagartig zurück in seine Hausbesetzerzeiten und ließ ungute Erinnerungen an seine Verhaftung aufkommen? Die stundenlangen Verhöre. Er sei Mitglied einer Gruppe, die eine Straßenbahn in Brand gesteckt hatte, so der Vorwurf. Zum Glück gelang es Anna, einen guten Anwalt aufzutreiben. Der hatte ihn schließlich rausgepaukt …

»Herr Posthumus? Sind Sie noch da?«

»Ja, tut mir leid, guten Tag. Ich habe gerade geparkt. Warten Sie kurz, ich muss noch den Motor ausschalten. Was kann ich für Sie tun? Hat es etwas mit Zig Zagorodnii zu tun?«

Im Februar hatte de Boer Posthumus den entscheidenden Hinweis für die Aufklärung des Mords an dem armen Zig gegeben und dabei die Dienstvorschriften recht großzügig ausgelegt. Seitdem mochte Posthumus den Mann, trotz seiner Vorbehalte gegenüber Polizisten.

»Nein, dieses Mal rufe ich Sie in offizieller Funktion an«, sagte de Boer. »Gut, dass ich Sie noch erwische. Ich habe gerade mit Olympia-Bestattungen telefoniert. Anscheinend haben Sie den Mantel von Frans Kemp.«

Wieder dieses ungute Gefühl in der Magengrube.

»Ich bin gerade auf dem Weg zurück ins Büro«, sagte Posthumus. »Eigentlich wollte ich nachfragen, ob der Diebstahl gemeldet wurde, aber ich glaube, ich weiß inzwischen, wem der Mantel gehört.«

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Sie wissen, wem der Mantel gehört?«, fragte de Boer schließlich.

»Vermutlich einem gewissen Ben Olssen«, sagte Posthumus. »Ich habe eine Visitenkarte in einer Innentasche gefunden. Natürlich könnte Olssen die Karte dem Manteleigentümer auch gegeben haben. Aber die Karte war in einer Art Geheimfach, einer kleinen Innentasche, in der man zum Beispiel ein bisschen Extrageld aufbewahrt. Sie wissen schon, falls man bestohlen wird. Hat Olssen den Diebstahl gemeldet? Zufällig kenne ich jemanden, der Olssen kennt, deshalb dachte ich, ich frage nach und gebe den Mantel vielleicht direkt zurück …«

Posthumus merkte, dass er ein bisschen zu hastig sprach. De Boer unterbrach ihn.

»Herr Posthumus, ich könnte kurz nach fünf bei Ihnen im Büro sein. Ginge das? Ich muss mit Ihnen reden.«

3

Flip de Boer legte den Hörer auf, stieß sich mit dem Stuhl vom Schreibtisch ab und stand auf, alles in einer einzigen fließenden Bewegung. »Ben Olssen«. Das klang ziemlich plausibel.