Verlag: Dryas Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Der Tote im Whiskey-Fass E-Book

Ivy A. Paul  

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E-Book-Beschreibung Der Tote im Whiskey-Fass - Ivy A. Paul

Als junger Mann verließ John Fallon Irland und kehrte nie wieder dorthin zurück. Nach seinem Tod reist seine Tochter Loreena auf die grüne Insel, um nach ihren Verwandten zu suchen. Kurz nachdem sie in dem Örtchen Badger´s Burrow angekommen ist, wird bei einer Veranstaltung eine Leiche in einem Whiskey-Fass entdeckt. Wie sich herausstellt, trug der Tote eine Visitenkarte ihres Vaters bei sich. Loreena ist alarmiert. Wie sollte ihr verstorbener Vater etwas mit dem Tod dieses Mannes zu tun haben können? Sie forscht nach und stößt dabei auf ein Netz aus Intrigen und Geheimnissen.

Meinungen über das E-Book Der Tote im Whiskey-Fass - Ivy A. Paul

E-Book-Leseprobe Der Tote im Whiskey-Fass - Ivy A. Paul

Der Tote im Whiskey-Fass

Ein Irland-Krimi

von Ivy A. Paul

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Glossar

Nachwort

Danksagung

Impressum

Lesetipp

Was in einem Whiskey-Fass geschieht,gehört ins Reich der Magie und des Geheimnisses und soll dort auf ewig bleiben, denn wenn das Geheimnis verloren geht, haben wir alles verloren. Unbekannt

1. Kapitel

»Jedes Land hat das Getränk, das seinem Wesen entspricht.« Sir Robert H. Bruce Lockhart (1887 – 1970), britischer Diplomat, Geheimagent

Loreena Fallon lenkte den Mietwagen über eine Anhöhe und sah auf das malerische Örtchen Badger’s Burrow hinunter, das in der Senke lag. Sie atmete hörbar aus und versuchte, ihr Herzklopfen zu ignorieren. Hinter dem Dorf erkannte sie die lang gestreckten Gebäude und den hohen Kamin der Destillerie O’Mulligan’s.

Auf ihrer Rundreise durch Irland hatte sie bisher in beinahe jedem Ort ein Bed & Breakfast gefunden. Da sie dieses Mal jedoch vorhatte, mehr als eine Nacht zu bleiben, wollte sie im Pub gezielt nach Unterkünften fragen, die ihre Gäste gerne länger als die üblichen zwei oder drei Übernachtungen beherbergen würden.

Als sie durch den Ort fuhr, entdeckte sie kein einziges B&B-Schild. Das war ungewöhnlich. Sie parkte in unmittelbarer Nähe des Pubs und stellte den Motor ab. Erst als sie den Schlüssel abgezogen hatte, bemerkte sie ihre Anspannung. Sie lehnte sich zurück und seufzte. Müde rieb sie sich über das Gesicht, doch dann rief sie sich zur Ordnung, nahm ihre Tasche und stieg aus.

Das Haus, in dem sich der Pub befand, wirkte mit seiner Fassade aus weißem Kalkputz und den schwarzen Balken sehr ansprechend. Vor der Tür lagen allerdings Zigarettenkippen herum, obwohl ein Aschenbecher an der Hauswand stand. Loreena grinste. Das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden galt auch in Irland. Doch als sie das Lokal betrat, verriet ihr der Geruch, dass es hier offenbar nicht allzu streng gehandhabt wurde.

Hinter dem Tresen stand ein Mann mit rotem Haar und Sommersprossen, der so aussah, als wäre er einem irischen Reiseprospekt entsprungen. Loreena nickte ihm grüßend zu und wollte sich gerade an einen der Tische setzen, als der Mann sie zu sich an den Tresen winkte.

»Touristin, was? Lass mich raten: irgendwas Nordeuropäisches. Grüne Augen wie die irische See und Haut wie frisch geschlagene Sahne.«

Loreena stand eindeutig einem Iren mit dem typischen Hang zur Poesie gegenüber. »Deutschland«, erwiderte sie amüsiert. Ihre Müdigkeit war für den Moment verflogen. Sie ließ sich auf einem Barhocker nieder.

»Oh, good old Germany!«, schwärmte der Wirt. Er warf das Geschirrtuch, mit dem er eben noch Gläser poliert hatte, auf den Tresen und beugte sich vor. »Was darf ich denn bringen?«

Loreena zögerte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es kurz vor der landesüblichen Nachmittagsruhe war. Doch ihr Magen knurrte vernehmlich.

»Ist es möglich, noch etwas zu essen zu bestellen?«

Der Wirt drehte sich um und versetzte der Tür, die wohl in die Küche führte, einen Tritt, sodass sie aufschwang. »Aileen, wir haben eine hungrige Touristin, mach Sandwiches!« Dann wandte er sich wieder Loreena zu und zuckte bedauernd mit den Schultern. »Mehr ist nicht drin, offiziell schließen wir in zehn Minuten. Abends bieten wir wieder was Warmes an. Eigentlich würden wir so kurz vor der Nachmittagspause gar nichts mehr zu essen servieren, aber wir haben eine Abmachung mit ein paar Arbeitern aus der Destillerie. Die kommen jeden Werktag um diese Zeit und wollen was zu beißen.«

Loreena war froh, überhaupt noch etwas zu bekommen. In Badger’s Burrow gab es vermutlich nur einen kleinen Corner Shop, der über den Nachmittag genauso schließen würde wie der Pub. Und da sie im Moment keine Lust hatte, in den nächsten größeren Ort mit Supermarkt zu fahren, wäre die Alternative nur eine Handvoll weich gewordener Cracker und Schokoladenfudge aus ihrem Handschuhfach.

»Sandwich klingt super«, sagte sie deshalb. »Und wenn ich dann noch ein Glas Guinness kriegen könnte, wäre ich wunschlos glücklich.«

»Ein Guinness, kommt sofort«, echote der Wirt jetzt einsilbig. Er zapfte die schwarze Köstlichkeit und stellte das Glas vor Loreena ab.

Durstig von der langen Autofahrt trank sie einen großen Schluck. Der Wirt beobachtete sie schweigend. Als sie das Glas zurück auf den Tresen stellte, nickte er anerkennend.

Loreena erinnerte sich an den eigentlichen Grund ihres Pubbesuchs. »Ich möchte eine Weile hier in der Gegend bleiben«, erklärte sie. »Gibt es irgendwo ein gutes Bed & Breakfast, in dem ich für ein paar Nächte unterkommen könnte?«

Der Wirt wollte gerade antworten, als drei Männer in identischer Arbeitskleidung zur Tür hereinkamen.

»Dia dhuit, Eoghan!«, begrüßten sie ihn.

Er hob die Hand und wandte sich dann in Richtung Küchentür. »Aileen! Preston, Tyler und Russell sind da. Lass mal die Sandwiches aus der Küche wandern!«

Keine dreißig Sekunden später wurde die Tür aufgeschoben und eine Hand reichte einen Teller heraus.

»Erst die Lady!«, sagte eine quengelnde Frauenstimme.

Der Wirt nahm den Teller gleichmütig entgegen und stellte ihn vor Loreena hin. »Guten Appetit, cailín!«, wünschte er und nickte ihr freundlich zu.

Ein warmes Gefühl erfüllte Loreenas Innerstes. Cailín, Mädchen, so hatte ihr Dad sie genannt. Sehnsucht nach der Geborgenheit ihrer Kindheit und allem, was sie verloren hatte, wallte in ihr auf. Sie schluckte, dann widmete sie sich hungrig ihrem Sandwich. Als sie aufgegessen hatte, fühlte sie sich etwas besser. Sie griff nach ihrem Glas und dachte über ihre Reise nach: Die letzten Tage hatten sie über den wiederbelebten Whiskey-Trail der Grünen Insel geführt. Am Ende ihres Irlandbesuchs wollte sie hier in Badger’s Burrow ein wenig Stammbaumsuche betreiben und auch die örtliche Destillerie aufsuchen. Das sollte der Höhepunkt ihres Urlaubs werden. Als sie nun hörte, dass die Männer über eine Präsentation bei O’Mulligan’s sprachen, spitzte sie die Ohren. Bald musste sie aber enttäuscht erkennen, dass die Männer das Thema wechselten und sie nicht die Details erfuhr, die sie interessiert hätten.

Plötzlich wurde die Küchentür aufgestoßen und eine Frau kam herausgestapft. Das musste Aileen sein. Ihr Gesicht wirkte wie eine geballte Faust, die Miene einer Frau, die schlechte Laune zu ihrem Lebensmotto gemacht hatte. Obendrein war sie so schwarzhaarig wie die Hölle selbst. Vermutlich hätte sogar der Teufel vor ihr Angst gehabt. In der einen Hand trug sie drei Speiseteller und in der anderen einen größeren Teller mit einem Berg unterschiedlich belegter Sandwiches. Ihrem Aussehen nach hätte Loreena vermutet, dass Aileen die Teller auf den Tisch knallen würde, doch sie stellte sie ganz vorsichtig ab und wünschte den Männern herzlich einen guten Appetit. Dann stapfte sie in die Küche zurück, streckte aber noch einmal den Kopf zur Tür heraus.

»Wann ist die Präsentation für den O’Mulligan’s Gold?«, fragte sie.

»Heute Nachmittag. Kommst du auch, Aileen?«

Die Frau brummte: »Und wer bereitet dann das Essen für heute Abend vor? Erzählt mir, wie’s war!«

Loreena trank ihr Glas leer. Der Wirt kam wieder an den Tresen zurück und griff nach seinem Geschirrtuch.

»Ich habe das von der Whiskey-Präsentation mitbekommen. Ist die Veranstaltung öffentlich?«, erkundigte sich Loreena.

Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, cailín.« Dann wandte er sich den Männern zu: »Russell, beweg deinen schottischen Arsch hierher!«

Alle drei sahen auf und der Größte von ihnen zog fragend die Augenbrauen hoch, bevor er geräuschvoll seinen Stuhl zurückschob und sich erhob. Auf seinem Sandwich kauend kam er näher und stellte sich lässig an den Tresen.

»Willst mir was ausgeben?«

»Träum weiter, Braveheart!« Der Wirt deutete auf Loreena. »Die Dame interessiert sich für die Whiskey-Präsentation.«

Der Arbeiter reichte ihr die Hand. »Russell Nash ist mein Name, bin Brennmeister drüben in der Destillerie.« Sein Akzent wies ihn eindeutig als Schotte aus; niemand sonst rollte das R so weich. Er zog wieder die Augenbrauen hoch. »Sind Sie sicher, dass Sie das interessiert? Die meisten Ladys sind doch schon mit dem Einkauf von Whiskey heillos überfordert.«

Loreenas Laune sank sofort und Russell Nash wurde ihr mit einem Schlag höchst unsympathisch. Sie hatte ein paar scheußliche Monate hinter sich, und das Letzte, was ihr nun fehlte, war ein Chauvi, der sie dumm anredete.

»Keine Sorge, ich verkaufe ihn sogar«, erklärte sie.

»Na, dann will ich Ihnen mal glauben«, meinte er großmütig und deutete mit dem Kopf nach rechts, vermutlich in die Richtung, in der die Destillerie O’Mulligan’s lag. »Die Chose steigt so gegen fünfzehn Uhr. Die sind alle schon mächtig aufgeregt. Ist ’ne offene Veranstaltung. Wenn Sie kommen wollen, kommen Sie. Sie verpassen aber nichts, wenn Sie hinterher nur eine Flasche vom O’Mulligan’s Gold kaufen. Wird auch in kleinen Flaschen verkauft, weil er so teuer ist. Haben Sie noch Fragen? Eoghan kann sie Ihnen bestimmt beantworten. Bye, Lady!« Ohne weiter auf Loreena zu achten, drehte Russel Nash sich um und ging wieder zu seinen Kollegen zurück.

Loreena starrte ihm hinterher. Hatte er gerade tatsächlich angedeutet, dass sie sich den Whiskey nicht leisten konnte? Was für ein unverschämter Kerl! Zögernd wandte sie sich wieder dem Wirt zu.

»Schotte«, meinte der achselzuckend, als erklärte das alles.

»Und weshalb arbeitet ein Schotte in einer irischen Destillerie?«, fragte Loreena verwundert.

Der Wirt kratzte sich am Hals, wo sich die Haut prompt dunkelrot verfärbte. »Keine Ahnung! Er hat vorher bei Highland Spirits drüben in Glasgow gearbeitet, ihm wurde dann aber gekündigt. Hat er zumindest mal erzählt.«

Wenn er dort ebenso charmant war wie hier, wundert mich das nicht, dachte Loreena und zog ihren Geldbeutel aus der Tasche. Sie wollte sich nicht länger mit dem Schotten und dessen ungehobeltem Benehmen auseinandersetzen.

»Wie finde ich denn zur Destillerie?«, fragte sie. »Ist es weit?« Sie prägte sich die poetische Wegbeschreibung des Wirts ein und zahlte. Dann verließ sie den Pub und ging zu ihrem Mietwagen.

Schon nach kurzer Fahrt erreichte Loreena das Gebäude, an dem sie abbiegen musste. Es wirkte wie ein verfallenes Hexenhaus. Der riesige Apfelbaum daneben war alt, aber prächtig. Fasziniert hielt Loreena an und betrachtete ihn. Die Baumkrone war ein dichtes Blättergewirr, durch das kein Sonnenstrahl dringen konnte. Vereinzelt konnte sie noch Blüten erkennen, kleine weiße Kleckse in all dem Grün. Von einem der unteren Äste hing eine Schaukel.

Loreena schaltete das Radio ein. Sie öffnete das Autofenster, um Luft hereinzulassen, und sang das bekannte irische Lied mit, das just in diesem Moment gespielt wurde. Dann startete sie den Wagen und fuhr weiter.

Die Destillerie war leicht in der ebenen Landschaft auszumachen. Schon aus der Ferne sah Loreena die lang gezogenen Gebäude mit den dunklen Dächern und den weißen Mauern. Das gesamte Gelände schien eingezäunt zu sein, bis auf die Vorderseite, wo sich der Parkplatz befand. Loreena hätte beinahe die Einfahrt verpasst, die sie vorher nicht hatte sehen können, obendrein versperrten die Sträucher am Straßenrand ihr die Sicht. Also setzte sie hastig den Blinker und stach in die Auffahrt. Dabei kollidierte sie fast mit einem weißen, verbeulten Sedan, der ihr entgegengeschossen kam. Loreena bremste scharf und Kies spritzte hoch. Ihr Wagen kam zum Stehen, doch das Heck scherte aus. Der Sedan war einfach weitergefahren und schon nicht mehr zu sehen.

Loreenas Puls raste. »Himmel, die Iren sind verrückt!«, murmelte sie kopfschüttelnd und schaute zu ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz. Durch ihr Bremsmanöver hatte sich der Verschluss geöffnet und nun lagen Geldbörse, Lippenstift und ihr Schlüsselbund auf dem Sitz verstreut. Das Gesicht, das ihr vom Foto auf dem Schlüsselanhänger entgegenstarrte, wollte sie nun wirklich nicht mehr sehen. Warum hatte sie Pauls Bild nicht schon längst entsorgt? Sie stöhnte, als ihre Gedanken zurück zu ihrem Ex-Freund schweiften.

»Du bist genauso krank im Kopf wie dein Vater!«, hatte er gebrüllt, als sie ihm von ihren Plänen und dem Versprechen erzählt hatte. In diesem Moment war Paul wieder Single geworden.

Loreena riss sich zusammen. Das war Vergangenheit. Lieber konzentrierte sie sich auf die Gegenwart – und die Zukunft.

Warum habe ich nicht das Gefühl, dass es hier und heute endet?, überlegte sie und schaute auf die Destillerie-Gebäude vor sich. Sie startete den Motor erneut und lenkte den Wagen auf den Parkplatz.

Es war ziemlich voll. Offenbar interessierten sich viele Leute für die Whiskey-Präsentation. Schließlich fand Loreena eine kleine Lücke und quetschte ihr Auto hinein. Zufrieden stieg sie aus und hievte den Korb, der im Fußraum des Beifahrersitzes gestanden hatte, über die Fahrerseite hinaus. Die Beifahrertür hätte sie nicht öffnen können, so eng, wie sie eingeparkt hatte. Sie stellte den Korb in den Kofferraum, dann ging sie los.

Der Boden unter ihren Füßen schmatzte und sie war froh, dass sie ihre Wanderschuhe trug. Natürlich hätte sie auf den Kieswegen zu den Gebäuden hinüberlaufen können, aber sie zog die Abkürzung über die Wiese vor. Torfgeruch hing in der Luft und mischte sich mit dem nach Maische, der vom Wind zu ihr getragen wurde. Farn und hohes Gras dehnten sich vor ihr aus. Irgendwo hinter den sanften Hügeln blökten Schafe. Just in diesem Moment tauchte eins auf einem Hügel auf und reckte seine Nase in die Luft. Loreena und das Schaf starrten sich einige Atemzüge lang an. Bislang hatten die Tiere sich friedlich verhalten, dennoch misstraute Loreena dem wolligen Wesen.

Als sich unvermutet eine Hand auf Loreenas Schulter legte, schrie sie erschrocken auf und drehte sich um. Ein Mann, etwa Mitte dreißig, stand schmunzelnd vor ihr. Loreenas Herz hämmerte panisch in ihrer Brust. Der Fremde hob entschuldigend die Hände.

»Haló«, grüßte er.

»Hallo«, entgegnete Loreena. »Ich spreche aber nur Englisch.«

Er strahlte sie an und reichte ihr die Hand. »Sind Sie zur Verkostung des neuen Whiskeys gekommen?«

Interessiert neigte Loreena den Kopf. »Ja und nein, ich bin zufällig hier. Ich bereise den Whiskey-Trail.« Genau genommen stimmte das ja auch. Die Details gingen niemanden etwas an.

»Den Whiskey-Trail also«, wiederholte der Mann. »Aber O’Mulligan’s liegt gar nicht am offiziellen Whiskey-Trail.« Er zeigte in Richtung der Gebäude. »Sollen wir?«

Loreena nickte und sie schlenderten gemeinsam zur Brennerei hinüber. Der Kiesweg, den sie betraten, endete schließlich an einem Holzsteg, der über einen schmalen Bach führte. Eine silbrig glänzende Forelle flitzte mit einem Platschen unter die kleine Brücke.

Loreena wandte sich wieder ihrem Begleiter zu. »Ich interessiere mich von Berufs wegen für Whiskey«, erklärte sie.

Sein fragender Blick erstaunte sie nicht. Im Gegensatz zu Russell Nash, der sie mit wenigen Worten aufgebracht hatte, weckte er keineswegs ihre Missbilligung. Vielleicht lag es an dem höflichen Interesse, das er ihr entgegenbrachte, und seiner charmanten Ausstrahlung. Und wenn sie ehrlich war, erschien die Kombination »Frauen und Whiskey« vielen Leuten immer noch ungewöhnlich. Sie lächelte.

»Ich besitze in Deutschland einen Laden für edle Whiskeys und bin nicht nur hier, um Urlaub zu machen, sondern auch, um vor Ort neue Bezugsquellen zu erschließen«, erzählte sie.

Der Mann blieb stehen und musterte sie neugierig. Dann zog er seine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie ihr. »Wir sollten uns eingehender mit diesem Thema auseinandersetzen«, schlug er vor.

Loreena nahm die Karte entgegen und schaute darauf. »Kenneth O’Mulligan?« Sie starrte ihn an. »Sie sind der Juniorchef?«

»Höchstpersönlich«, bestätigte er schmunzelnd und seine grünen Augen blitzten. Dann wirkte er kurz, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. »Sind Sie länger in der Gegend?«

Loreena witterte ihre Chance, mit den O’Mulligans ins Geschäft zu kommen. Nachdem man sie in Cork und Galway rüde abgewiesen hatte, konnte sie ihr Glück kaum fassen.

»Ich wollte für einige Zeit in einem Bed & Breakfast unterkommen«, erzählte sie. »Können Sie mir eins in der Gegend empfehlen?«

»Die Kellys haben meines Wissens noch ein Zimmer frei. Sie wohnen allerdings ein Stück außerhalb des Ortes, dafür aber direkt am Fluss. Sagen Sie, ich habe Sie geschickt, dann bekommen Sie das Zimmer mit Ausblick auf das Wasser. Sie werden die Aussicht lieben!« Er sah sie erwartungsvoll an.

Pflichtschuldig griff Loreena in ihre Jackentasche und holte ihre eigene Visitenkarte heraus. Sie war etwas zerknittert, aber eine andere hatte sie gerade nicht dabei, also reichte sie sie ihm. Scham stieg in ihr auf, als sie sah, wie er die Karte mit einer gewissen Fassungslosigkeit anstarrte. Er räusperte sich und steckte sie in seine Hosentasche.

»Ich werde Sie morgen anrufen«, versprach er. »Falls das in Ordnung ist. Heute ist alles ein wenig hektisch wegen der Verkostung.«

Loreena nickte zustimmend. »Kein Problem. Ich werde auf jeden Fall länger in der Gegend bleiben. Und wenn ich in Badger’s Burrow keine Unterkunft finde, werde ich nach Longford hinüberfahren.«

Sie betraten den Hof der Destillerie. Vereinzelt wuchsen Grasbüschel und Unkraut zwischen den Ritzen des Kopfsteinpflasters. Am Hauptgebäude bröckelte Putz vom Sockel ab und gab den Blick auf die Ziegelwand frei. Als sie am Souvenirshop vorbeikamen, warf Loreena einen Blick ins Innere. Durch die große Fensterscheibe waren verschiedene, auf einem Holzfass gruppierte Whiskey-Flaschen zu sehen. Das Arrangement wirkte wie zufällig hingestellt.

»Unsere beliebtesten Sorten«, erläuterte Kenneth O’Mulligan. »Möchten Sie hineingehen, Ms Fallon?«

Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht später. Die Whiskey-Präsentation …«

Kenneth O’Mulligan schreckte sichtlich zusammen und sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Gott hat zwar ausreichend Zeit geschaffen, aber dummerweise haben meine Sekretärin und die Gäste davon eine deutlich strengere Auffassung. Ich muss Sie leider allein lassen und hinüber in die Halle gehen. Dort warten die Presse und die Gäste auf mich.«

»Darf ich mitkommen?«

Erfreut stimmte Kenneth O’Mulligan zu. »Selbstverständlich! Wir präsentieren einen ganz besonderen neuen Whiskey.« Er lächelte und auf seinen Wangen erschienen zwei tiefe Grübchen.

Sie gingen über den weiträumigen Platz zur Halle hinüber, vorbei an einem alten Lkw aus den 1960er Jahren in dunklem Moosgrün. An der Seite stand in einem geschwungenen Schriftzug »O’Mulligan’s«. Die Tore der Halle waren offen und Loreena sah Bänke und eine Tribüne. Dahinter waren große Topfpflanzen in einer Reihe aufgestellt, vermutlich um die Gäste davon abzuhalten, in die Lagerhalle vorzudringen. Außerdem entdeckte sie Tische mit weißen Leinentüchern, auf denen man die typischen Nosing-Gläser aufgereiht hatte. Offenbar wurde hier die Glencairn-Variante bevorzugt: tulpenförmig und mit einem stabilen Glasboden.

Kenneth O’Mulligan legte Loreena eine Hand auf die Schulter und deutete auf die Sitzreihen vor der Bühne. »Suchen Sie sich doch einen Platz!« Dann zeigte er auf ein älteres Paar, das mit einigen Leuten plauderte. »Meine Eltern – Patricia und Ian O’Mulligan. Leider muss ich jetzt wirklich gehen.« Er lächelte Loreena zu und ging zur Tribüne.

Auf dem Weg dorthin gesellte sich das Paar zu ihm. Loreena erinnerte sich, gelesen zu haben, dass die beiden die Senior-Chefs der Whiskeybrennerei waren. Ian O’Mulligan hatte einen kleinen Buckel, strahlte aber dennoch etwas Erhabenes aus. Die grünen Augen hatte Kenneth offenbar von ihm geerbt. Patricia O’Mulligan war eher unscheinbar, klein und massiv, wie man sich einen Troll vorstellte, doch mit einem offenherzigen, freundlichen Gesicht, das Loreena irgendwie vertraut vorkam. Ihre Kleidung war geschmackvoll. Offenbar war sie eine Frau, die nicht übermäßig eitel war, aber das Beste aus den Gegebenheiten herauszuholen verstand.

Die drei stiegen gemeinsam auf die Tribüne und Kenneth O’Mulligan stellte sich ans Mikrofon. Kameras wurden gezückt und klickten. Die Presse des gesamten Countys musste vor Ort sein, glaubte man der Begrüßungslitanei, die Kenneth O’Mulligan herunterbetete.

Loreena schlenderte hinüber zu der Absperrung. Sie entdeckte den Schotten aus dem Pub, Russell Nash, der sich vor seinem Kollegen aufgebaut hatte. Nash überragte den anderen zwar um einen Kopf, der funkelte ihn jedoch mit irischer Sturheit an.

»Wir nehmen dieses Fass hier!«, bellte der Kleinere.

»Murray, das Fass stand aber nicht dort, wo es laut O’Mulligan stehen sollte!«, widersprach Russell Nash hitzig.

»Das ist mir furzegal! Das hier ist beschriftet, da ist der O’Mulligan’s Gold drin. Das Fass nehmen wir! Was soll das, Nash? Du kommst her, nicht besser als ich, und willst sofort den Boss spielen?«

Loreena beobachtete die beiden interessiert. Russell Nash war knallrot im Gesicht, seine Ohren hatten sich purpurn verfärbt. Er war zornig, ganz eindeutig, dennoch gab er klein bei.

»Dann eben dieses Fass hier, Murray. Wie du willst!«, sagte er aufgebracht. In diesem Moment schien er Loreena zu bemerken und starrte in ihre Richtung.

Sie sah rasch weg. Der Mann war offensichtlich auf Krawall gebürstet und sie hatte kein Interesse daran, in einen Streit verwickelt zu werden. Sie wechselte den Platz, während die beiden Arbeiter das Fass auf die Bühne brachten. Die zwei plagten sich sichtlich, bis sie es endlich abgestellt hatten. Der Mann namens Murray wischte sich mit dem Ärmel über sein feistes Gesicht und stieg von der Bühne. Russell Nash folgte ihm.

»So wie sich unsere beiden Helfer abgemüht haben, muss der Whiskey derart hervorragend sein, dass die Engel ihren Anteil Gott persönlich überlassen wollten«, scherzte Kenneth O’Mulligan und öffnete mit ehrfürchtiger Miene das Fass. Er hob den Deckel an und schaute hinein. Dann wechselte seine Mimik binnen Sekunden von Verwirrung über Unglauben und Wut zu Entsetzen, ehe er stolpernd rückwärts taumelte.

Seine Mutter trat resolut vor, beugte sich über das Fass, griff hinein und zog etwas Längliches heraus, das Loreena erst auf den zweiten Blick erkannte: Es war ein Arm in einem dunklen Jackett. Die bleiche, aufgedunsene Hand hing leblos herab. Eine Frau kreischte, die Kameras klickten stakkatoartig und Blitzlichter zuckten durch die Halle.

Auf dem Hof herrschte reges Treiben. Gäste, Journalisten, Destillerie-Mitarbeiter und Polizisten standen in kleinen Grüppchen beisammen und unterhielten sich, beobachteten die anderen oder wuselten herum. Irische Wortfetzen mischten sich mit englischen Satzbrocken.

Ein salopp gekleideter Polizist kam auf Loreena zu und reichte ihr einen Pappbecher mit einem dampfenden Getränk. Dankbar nahm sie ihn an und schnupperte: schwarzer Tee. Sie nippte an dem Becher und sah zu dem Mann auf. Er deutete neben sie auf das Trittbrett des alten Lkw, auf dem sie saß.

»Darf ich?«, fragte er mit sonorer Stimme.

Loreena rückte ein Stück zur Seite. »Natürlich.«

»Detective Inspector Brandon Porter«, stellte er sich vor. Seine haselnussbraunen Augen musterten sie freundlich.

»Loreena Fallon«, erwiderte sie und umklammerte den Pappbecher mit beiden Händen. Die Wärme war wohltuend. Erneut trank sie einen kleinen Schluck. »Wissen Sie schon, wer der Tote ist?«

Brandon Porter holte einen kleinen Notizblock aus seiner Tasche. »Den Papieren nach ein«, er sah auf den Block, »Edward Connor.«

Loreena schüttelte den Kopf. »Nie gehört«, erklärte sie, als habe der Polizist gefragt.

Er nickte, zog nun auch einen Stift aus der Tasche seines Sakkos und machte sich Notizen. »Weshalb sind Sie zur Präsentation gekommen?«

»Das war Zufall. Ich komme aus Deutschland und wollte mir die Destillerie ansehen. Dann habe ich heute ein paar Arbeiter im Pub von Badger’s Burrow über die Whiskey-Präsentation reden hören.«

Brandon Porter starrte düster auf seinen Notizblock. »Wie lange kennen Sie Kenneth O’Mulligan schon?«

Loreena leerte den Becher in einem Zug, bevor sie antwortete: »Seit heute Nachmittag. Wir sind uns hinter dem Parkplatz zufällig begegnet.«

Brandon Porter sah auf und wirkte nun freundlicher. »In Ordnung«, murmelte er.

In diesem Moment trat ein uniformierter Polizist aus der Halle. »Inspector!«

Brandon Porter sah zu ihm hinüber und hob die Hand. »Ich bin gleich zurück!« Er wandte sich wieder Loreena zu. »Sie bleiben in der Gegend?«

Loreena nickte. »Ich nehme mir ein Zimmer«, erklärte sie. Dann fiel ihr ein, was Kenneth O’Mulligan gesagt hatte. »Bei den Kellys, falls eins frei ist«, fügte sie hinzu.

Der Inspector schaute sie nachdenklich an. »Wenn Sie lieber direkt in Badger’s Burrow übernachten wollen, gehen Sie zur alten Mrs Pennywether. Sagen Sie ihr, Brandon schickt Sie. Die Dame wohnt direkt gegenüber vom Pub.«

»Danke, das hört sich gut an!«, entgegnete Loreena.

Brandon Porter klopfte sich auf die Hosenbeine, als wären sie staubig, und stand dann auf. »Sagen Sie, Sie sind Irin, oder?«, fragte er neugierig.

»Mein Vater war Ire«, gab Loreena zu. »Er stammte sogar aus Badger’s Burrow.«

»Kenne ich ihn vielleicht?«

Ein Hoffnungsfunke glomm in Loreena auf. »Er hieß John Fallon«, sagte sie.

Brandon Porter hob die Schultern. »Nie gehört«, erwiderte er entschuldigend und Loreenas freudige Anspannung wich augenblicklich. »Ich muss die anderen Augenzeugen befragen.« Er nickte ihr zu und ging zu dem Polizisten hinüber, der ihn gerufen hatte.

Loreena beobachtete, wie er mit ihm redete, und knüllte den leeren Pappbecher zusammen. Deprimiert erhob sie sich und warf den Müll in den nahen Abfalleimer. Sie seufzte, drehte sich um – und machte einen erschrockenen Satz nach hinten.

Bedauernd hob Kenneth O’Mulligan die Hände. »Sorry! Das scheint wohl zur Gewohnheit zu werden.« Er grinste verlegen. Seine Haare standen verstrubbelt in alle Richtungen. Er hatte das Jackett abgelegt und seine Hemdsärmel hochgekrempelt.

Loreena sah über seine Schulter: Gerade wurde die Bahre mit der Leiche davongetragen. »Hat man Ihnen gesagt, wer der Tote ist?«, erkundigte sie sich. Dessen Identität war sicher kein Geheimnis, wenn der Inspector ihr so bereitwillig Auskunft erteilt hatte.

Kenneth O’Mulligan nickte, schien das Thema aber nicht weiter vertiefen zu wollen. »Darf ich Sie zum Wagen begleiten? Oder müssen Sie noch auf die Polizei warten?«

»Ich kann gehen, Inspector Porter hat keine weiteren Fragen«, behauptete Loreena. Sicher war sie sich jedoch nicht und sie hoffte, sich nicht eines Vergehens schuldig zu machen, weil sie nun einfach ging. Andererseits würde Brandon Porter sie wiederfinden.

Während sie mit Kenneth O’Mulligan den Hof überquerte, bemerkte sie den misstrauischen Blick des Inspectors. Irgendetwas an seiner Art verwirrte sie. Sie schaute zu Kenneth O’Mulligan. Der tippte sich an die Stirn und grüßte Brandon Porter übertrieben höflich. Es war eindeutig, dass die beiden sich kennen mussten.

Mehr um das Schweigen zu brechen als aus echtem Interesse, erkundigte sich Loreena: »Kennen Sie Inspector Porter näher?«

»Oh!« Kenneth O’Mulligan verzog spöttisch die Miene. »Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Eine gemeinsame Schulzeit kann Freundschaften oder Feindschaften fürs Leben begründen.« Er zwinkerte Loreena zu, wohl um seinen Worten die Schärfe zu nehmen, doch sie erriet, dass es sich in diesem Fall um eine sorgsam gepflegte Antipathie zwischen den beiden Männern handelte.

Inzwischen hatten sie den Steg erreicht und blieben stehen. Das Wasser trug einige Blätter bachabwärts, Plätschern und Blubbern war zu hören. Irgendwo hinter den Hügeln blökten die Schafe. In der Ferne bellte ein Hund, während aus Badger’s Burrow das Läuten der Kirchenglocken zu vernehmen war.

»Wie gefällt es Ihnen in Irland?«, wollte Kenneth O’Mulligan wissen. Er sah Loreena an, als hätte er ein Unrecht begangen und sie allein könnte ihm vergeben.

Schnell schüttelte sie den Gedanken ab. Es lag wohl am Übermaß des katholischen Geistes, der über der Insel schwebte und den Sühne-Vergebungs-Reigen förderte. Verwirrt, weil sie solch kritische Ansichten überkamen, räusperte sich Loreena.

»Ich liebe Irland«, gestand sie ehrlich. »Und ich verstehe nicht, weshalb ich nicht schon viel früher hierhergekommen bin.«

»Hat Ihre Familie denn nie Urlaub in Irland gemacht?«, fragte Kenneth O’Mulligan.

Loreena seufzte. »Meine Eltern besaßen den Whiskeyladen. Wir sind nie in die Ferien gefahren.«

Kenneth O’Mulligan nickte verständnisvoll. »Das kommt mir bekannt vor. Es ist wohl das Schicksal vieler Kinder, deren Eltern ein eigenes Geschäft oder eine Firma haben.« Er schaute auf seine Uhr. »Lassen Sie uns weitergehen, ich müsste eigentlich schon längst zurück sein.«

Wieder gingen sie über die kleine Brücke und quer über die feuchte Wiese. Als sie bei Loreenas Mietwagen angekommen waren, entriegelte sie die Türen. Kenneth O’Mulligan öffnete ihr die Fahrertür.

»Vielen Dank!« Loreena wollte gerade einsteigen, als sie an den Toten im Whiskey-Fass denken musste. »Wer war eigentlich dieser Edward Connor?«

»Der Besitzer der schottischen Destillerie Highland Spirits, ein guter, alter Feind der O’Mulligans.«

»Die Iren werden Feindschaften doch hoffentlich nicht als Volkssport betrachten«, meinte Loreena lächelnd.

Kenneth O’Mulligan grinste. »Nur mit dem richtigen Gegner«, konterte er, dann wurde er ernst. »Und es endet höchstens in einer Prügelei, aber nie in einem Schwerverbrechen. Es tut mir aufrichtig leid, Ms Fallon, dass Ihr Aufenthalt in Badger’s Burrow mit so einer Tragödie beginnt. Ich kann Ihnen versichern, dass das grauenvollste Verbrechen in den letzten hundert Jahren hier der Tod von vier Hühnern, verursacht durch einen Fuchs, war. Und ganz sicher war auch das nur Notwehr.« Es sollte ein Scherz sein, doch seine Miene zeigte sein Unbehagen nur allzu deutlich.

Bedauernd schüttelte sie den Kopf. »Sie müssen sich nicht entschuldigen, Sie haben den armen Mann ja hoffentlich nicht ermordet und in das Fass gesteckt.«

Entsetzt starrte Kenneth O’Mulligan sie an. »Und unseren besten Whiskey des Jahres versauen? Eher würde ich mir die rechte Hand abschlagen!«

Loreena wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Also nickte sie nur und reichte Kenneth O’Mulligan zum Abschied die Hand. Dann stieg sie in ihr Auto und fuhr aus der Parklücke. Als sie in den Rückspiegel blickte, bemerkte sie, dass er ihrem Wagen hinterhersah.

Während der Fahrt zurück zum Dorf ging ihr der Tote im Whiskey-Fass nicht aus dem Kopf. Wer würde so etwas nur tun? Es wirkte, als hätte jemand den Mann im Affekt getötet und die Leiche dann am erstbesten Ort versteckt, den er finden konnte. Nein! Loreena schüttelte den Kopf. Das klang unwahrscheinlich. Oder war es Rache gewesen? Hatte Kenneth O’Mulligan nicht gesagt, seine Destillerie habe im Clinch mit der von Edward Connor gelegen? War das am Ende der Grund für den Tod des Mannes gewesen?

Sie wollte gar nicht wissen, ob der Schotte noch gelebt hatte, als er in das Fass gesteckt worden war. Und noch weniger Gedanken wollte sie sich darüber machen, was geschehen wäre, wenn man das Fass auf herkömmliche Weise angestochen und den Whiskey ausgeschenkt hätte. Dutzende hätten davon getrunken, ehe die Leiche gefunden worden wäre. Loreena schüttelte sich. Dann aber lenkte sie ihre Aufmerksamkeit lieber auf die Frage, wo sie denn nun übernachten sollte. Sie entschied sich, den Tipp des Inspectors mit der alten Dame zu befolgen. Direkt in Badger’s Burrow unterzukommen, war ihr ohnehin lieber, als irgendwo außerhalb zu wohnen, wo sich Hase und Igel Gute Nacht sagten. Ob Mrs Pennywether tatsächlich noch ein Zimmer frei hatte? Und würde sie sich dort wohlfühlen?

2. Kapitel

»Ich bin seit elf Jahren im Amt. Man kann mich mit altem Whisky vergleichen. Whiskys erreichen ihre Reife erst im zwölften Jahr, danach werden sie immer besser. Das ist sehr ermutigend.« Margaret Thatcher (1925 – 2013), britische Premierministerin

Loreena stand vor einem entzückenden kleinen Reihenhaus mit dunkelgrauer Fassade und weißen Sprossenfenstern mit Spitzengardinen davor. Die schmale Blumenrabatte war allerdings überwuchert von Disteln und anderem Unkraut. Dafür war der Weg zur Haustür blitzsauber. Loreena drückte auf den Klingelknopf und lauschte der Melodie. Sie stellte sich vor, wie ein altes Mütterchen öffnen würde, mit Dutt oder Löckchen und einer frisch gestärkten Schürze.

Die Tür flog auf und Loreena riss die Augen auf. Sie musterte die Frau, die sich an den Türrahmen lehnte, sie ebenfalls begutachtete und an einer dicken Zigarre sog. Dann stieß sie eine Rauchwolke aus, deren Geruch Loreena im selben Moment in die Nase stieg.

»Na, Mädchen, was kann ich für dich tun?«, fragte die Frau und fixierte Loreena mit ihren wässrig-blauen Augen. Sie blickte kurz auf Loreenas Schuhe und schließlich auf ihr Auto. »Touristin, was? Suchst ein B&B.«

Loreena nickte stumm und fasste sich wieder. »Brandon Porter schickt mich. Sie … Sind Sie Mrs Pennywether?«

Die alte Frau strich sich ihr graues Haar hinter die Ohren und lachte. »Himmel«, sagte sie mit heiserer Stimme. »Mrs Pennywether? Gottchen, schon ewig hat mich niemand mehr so genannt.« Sie zeigte auf die Tür. »Komm rein, Liebchen!«

Zögernd betrat Loreena das Haus. Hinter ihr lachte die Frau immer noch.

»Mrs Pennywether, also nein, der Junge macht mir wirklich Spaß!«

Loreena drehte sich um und beobachtete, wie die Frau ihren Zigarrenstummel in einen Totenkopf-Aschenbecher legte.

»Ein Schrumpfkopf aus Papua-Neuguinea«, erklärte sie stolz, als sie Loreenas Blick bemerkte. Dann ging sie an ihr vorbei und schloss die Tür zu einem Zimmer, aus dem Geräusche drangen, die Loreena an eine Horde galoppierender Pferde erinnerten. »Bisons, die über die Prärie stampfen«, sagte Mrs Pennywether, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Sie ging weiter und öffnete eine dunkle Holztür. »Komm!«

Loreena folgte ihr. Der Raum hinter der Tür erwies sich als eine gemütliche Wohnküche. Alles darin war alt, aber blitzsauber. Um einen massiven Holztisch standen vier Stühle – ein bunt zusammengewürfeltes Set: Einer hatte eine hohe Lehne und einen braunen Lederbezug, ein anderer war aus neongrünem Plastik mit chromglänzenden Füßen, der nächste hatte ein dickes Sitzpolster aus rotem Plüsch und der letzte schließlich eine Flechtkorbsitzfläche. Obwohl es ein wilder Stil- und Materialmix war, wirkte das Ganze gemütlich.

»Mrs Pennywether …«, begann Loreena.

»Setz dich und nenn mich Mae!«, verlangte die Frau.

Loreena gehorchte. Auf eine solche Situation war sie nun wirklich nicht vorbereitet gewesen. Sie schaute sich um, doch schon im nächsten Moment knallte Mae eine Tasse mit dampfendem Inhalt vor sie auf den Tisch. Loreena zuckte zusammen.

»Trink, Mädchen, die Temperaturen Irlands bist du bestimmt nicht gewohnt.«