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Der Transzender beschreibt die Reise von jemandem, der Träume in episodenartiger Weise durchlebt. Dabei verschmelzen Realität und Fantasie allmählich zu einem Konsens, der den Pfad des Transzenders vorzeichnet.
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Seitenzahl: 52
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jark Fricke
Der Transzender
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Oneirotaxidie I: Phobetor
Oneirotaxidie II: Phantasos und Memoria
Oneirotaxidie III: Hypnos
Impressum neobooks
Die Tür in mir
Oben, auf dem blutigen Gerüste,
zwischen rostroten Tropfen,
im Gebälk, hörst du die Toten klopfen,
den Kopf in der Schlinge,
so klopf' ich mit.
Schreie sind in das Seil verdreht,
während hier ein Moment verweht,
der Galgenturm zittert, regt sich,
alles ist laut, doch schweig ich,
unbeweglich.
Du wärst sicher angespannt,
ich aber fühle standfeste Ruh',
hebe den Blick von der Falltür
und dort stehst du.
Unentwegt kratzt das Seil mir am Hals,
die zerrissenen Lippen schmecken nach Salz,
jeder Atemzug schmerzt,
die Luft ist heiß,
denn am Himmel glimmt
die Sonne schon weiß.
Ich glaube mein Mund steht offen,
der Speichel versiegt, die Zunge ist trocken
und der Augenblick verblasst,
weil du die Falltür herabgelassen hast.
I. Ein kleiner Fisch
D
ie Sonne weckt mich, ich kann sie rötlich durch meine Lider spüren. Es riecht nach Gras und einfach nur frisch, unbeschwert. Ich öffne leicht die Augen, überall ist es grün. Zwischen meinen Fingern spiele ich mit den Grashalmen, sie quietschen leise. Langsam setze ich mich auf, ich bin nicht mehr müde, ich bin neugierig. Nachdem ich die Augen ganz öffne, kann ich nah meiner Position die Steilküste sehen und in Sichtweite einen Waldrand. Ich stütze mich auf meine Hände und stehe unbeholfen auf. Als ich stehe, etwas wackelig, fällt mir auf, dass die Bäume sehr groß sind und ich sehr klein. Meine Hände schau ich mir an, sie sind so klein und meine Arme und Beine kurz. Ich lächle sanft, das merke ich sofort und gern gebe ich dieses Lächeln. Unsicheren Schrittes laufe ich auf die Steilküste zu, dann lege ich mich flach auf den Bauch und krieche bis zum Rand. Neben mir liegt ein kleiner Stein, den lasse ich fallen und der fällt lange Zeit. Ein wenig schaue ich noch den Wellen zu, wie sie hin und her schwenken. Ich stehe wieder auf und hüpfe zum Wald. Während ich hüpfe, erinnere ich mich, wie ich auf dem Knie meiner Großmutter saß, und sie mich rhythmisch mit „Hopp, Hopp, Hopp, Pferdchen läuft Galopp“ auf ihrem Knie reiten ließ, wobei ich immer quietschvergnügt auflachte. Der Wald riecht wunderbar, kaum zu beschreiben. Moosig und kiefern, aber eigentlich viel mehr. Ich kenne einfach zu wenig Wörter, um diesen Geruch zu fassen. Inmitten einer Lichtung stehe ich mittlerweile, die Sonne bleibt, auch wenn sie nur durch die Baumkronen scheint. Da ist ein rotes Eichhörnchen, es sieht so niedlich aus, oh, und hinter ihm ein kleineres. Schnell zurück in das Kobel. Ich winke mit meinen kleinen Fingern, indem ich die rechte Hand zur Faust balle und sie wieder öffne. Nach einer kurzen Weile komme ich an einen breiten Bach, ein größerer Ast dient mir als Brücke. Ich bücke mich und pflücke eine kleine Knospe, die stecke ich mir in den Mund und schlucke sie einfach hinunter. Dann nehme ich mir noch eine und stecke sie mir in die vordere Tasche meiner Latzhose. Doch als ich vorsichtig weitergehen will, bleib ich mit dem Hosenbein hängen. Und so falle ich in den Bach. Ich stehe auf und bin völlig durchnässt, neben mir im Wasser verweilt ein kleiner Fisch. Plötzlich springt er auf und ab. Ich strecke meine Hand aus und dort landet er mit einem leisem Platschen. Kurz sehe ich ihn noch den Mund öffnen und schließen und beobachte fasziniert wie sich seine Kiemen heftig bewegen. Dann lass ich ihn wieder in das Wasser zurück, das trüb von meinen Bewegungen geworden ist. Wieder beginnt der Fisch zu hüpfen. Auf einmal verschwimmt der Wald, ich drehe mich um mich selbst und verliere mich.
II. Erdbeeren
E
in Tropfen benetzt meine Nase, ich erschrecke. Ich schlage die Augen auf, über mir wächst ein Strauch, von einem seiner Blätter perlte dieser Tautropfen, der mich gerade weckte, herab. Die Sonne steigt über der Heide auf. In wunderschönen rotorangenen Tönen. Ich stehe auf und gähne gedehnt. Von hier aus kann ich sehen, dass ich auf einem Hang stehe. Im Talkessel sehe ich ein kleines, eingezäuntes Feld. Ich habe etwas Durst, doch es gibt nichts, das ich trinken könnte. Mein Weg hinab ist gesäumt von vereinzelten Bäumen und kleinen Gruppen von grasenden Kühen, die sich nicht von meiner Anwesenheit stören lassen. Ich komme immer näher an das kleine Feld, das ich von oben her sehen konnte. Es ist von einem niedrigen Zaun aus Holz umgeben, ein Erdbeerfeld, das ist sehr offensichtlich. Ich mag Erdbeeren, ihre weißen Blüten erinnern mich an Wasserlilien. Kurz verharre ich am Zaun, das Feld ist übersichtlich. Ein paar Schritte links von mir ist ein kleines Gartentor, das den Zaun unterbricht. Ich gehe hindurch, wobei es leicht in den Angeln knarrt. Zwischen ein paar Pflanzen setze ich mich nieder und ernte eine schöne, tiefrote Erdbeere vom Strauch. Ich schaue sie mir näher an, dann puste ich sie ab und beiße sie bis unterhalb des Stranges ab. Nachdem ich vier gegessen und ihre Reste vergraben habe höre ich ein lautes Schimpfen. Das Gartentor knarrt und ich stehe ruckartig auf.
„Was tust du hier?“, fragt mich ein großer, grimmig dreinschauender Bauersmann, „Warum isst du meine Erdbeeren?“, ergänzt er mit musterndem Blick.
„Es waren doch nur ein paar, Sie haben doch genug davon.“ antworte ich mit fester Stimme.
„Nun geh', du sollst nicht hier sein.“, entgegnet der Erdbeerbauer, offenbar ruhiger.
