Der Traum von Malvern Hall: Virginia Love - Band 1 - Patricia Matthews - E-Book

Der Traum von Malvern Hall: Virginia Love - Band 1 E-Book

Patricia Matthews

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Im Bann der Leidenschaft: Der dramatische Liebesroman »Der Traum von Malvern Hall« von Patricia Matthews jetzt als eBook bei dotbooks. Virginia im Jahre 1717. Der Skandal könnte nicht größer sein: Nach dem Tod des Plantagenbesitzers Malcolm Verner soll ausgerechnet die schöne Hannah McCambridge sein Erbe antreten, die doch erst vor kurzer Zeit bei ihm Zuflucht gefunden hat. Niemand traut ihr zu, die Ländereien rund um das prachtvolle Malvern Hall zu führen – oder ist es nur die Missgunst der Männer, die der jungen Frau ihr neues Glück nicht gönnen? Die Lage spitzt sich unerwartet zu, als plötzlich Malcolms verloren geglaubter Sohn Michael auftaucht. Schon bald entbrennt Hannah in Leidenschaft für den gutaussehenden Mann – doch seine Vergangenheit ist voller Geheimnisse. Kann sie Michael vertrauen … oder wird seine Liebe ihr zum Verhängnis werden? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde historische Liebesroman »Der Traum von Malvern Hall« von Patricia Matthews ist der große Auftakt der zweibändigen Südstaaten-Saga »Virginia Love«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Über dieses Buch:

Virginia im Jahre 1717. Der Skandal könnte nicht größer sein: Nach dem Tod des Plantagenbesitzers Malcolm Verner soll ausgerechnet die schöne Hannah McCambridge sein Erbe antreten, die doch erst vor kurzer Zeit bei ihm Zuflucht gefunden hat. Niemand traut ihr zu, die Ländereien rund um das prachtvolle Malvern Hall zu führen – oder ist es nur die Missgunst der Männer, die der jungen Frau ihr neues Glück nicht gönnen? Die Lage spitzt sich unerwartet zu, als plötzlich Malcolms verloren geglaubter Sohn Michael auftaucht. Schon bald entbrennt Hannah in Leidenschaft für den gutaussehenden Mann – doch seine Vergangenheit ist voller Geheimnisse. Kann sie Michael vertrauen … oder wird seine Liebe ihr zum Verhängnis werden?

Über die Autorin:

Patricia Matthews (1927–2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen – so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet.

Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«.

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eBook-Neuausgabe November 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1976 unter dem Originaltitel »Love’s Avenging Heart« bei Pinnacle Books, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1978 unter dem Titel »Plantage der Leidenschaft« bei Heyne.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1976 by Patricia Matthews

Copyright © 2020 Robert Thixton

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1978 Wilhelm Heyne Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Pinder Lane & Garon-Brooke Associates, Kontakt: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Anne Donnarumma, Coffeemill, Worraket, HTWE

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-96655-600-2

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.

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Patricia Matthews

Der Traum von Malvern Hall

Roman

Aus dem Amerikanischen von Leni Sobez

dotbooks.

Kapitel 1

An einem Julimorgen des Jahres 1717 erlebten die Frühaufsteher von Williamsburg, Virginia, ein seltsames Schauspiel. Ein kleiner, dicker, struppiger Kerl zerrte ein großes, rothaariges, vollbusiges Mädchen von etwa sechzehn Jahren an einem Strick um den schönen Hals durch die staubigen Straßen.

Hannah McCambridge hielt den Kopf so hoch, wie es der grausame Zug am Strick zuließ. Verzweifelt verschluckte sie ihre Tränen. Die verwunderten Blicke und das höhnische Kichern der Leute versuchte sie zu ignorieren. Die Hände waren ihr hinter dem Rükken zusammengebunden.

Die Tränen, die trotzdem in ihren Augen brannten, waren Zornestränen. Von allen Würdelosigkeiten, die sie bisher schon von den Händen ihres Stiefvaters Silas Quint hatte erdulden müssen, war die hier die allerschlimmste. Es war die größte Erniedrigung, der schlimmste Schlag überhaupt, der sie treffen konnte: als Leibeigene verkauft und wie eine schwarze Sklavin durch die Straßen gezerrt zu werden …

Hannah erinnerte sich daran, einmal Sklavinnen gesehen zu haben. Ihr nacktes, schwarzes Fleisch schimmerte in der Sonne. Die ganze Menge wurde en bloc verkauft; vor der Versteigerung kniffen Interessenten sie ins Fleisch, wo immer sie wollten, sie schauten ihnen in den Mund, um ihre Zähne zu begutachten – genau wie bei Pferden. Damals hatte sie mit diesen armen Wesen unbeschreibliches Mitleid gehabt, und jetzt wußte auch sie, was Erniedrigung hieß.

Silas Quint genoß feixend das Aufsehen, das er erregte, zerrte roh am Strick, so daß er tief in Hannahs Fleisch einschnitt, und nicht einmal das genügte ihm. Er zerrte sie so brutal weiter, daß sie in die Knie ging und in den Straßenschmutz fiel.

Als sie in die Duke of Gloucester Street einbogen, blieb Quint stehen und wandte sich zu ihr um. »Und jetzt schau mal ganz genau, Missy. Da drüben ist das Gasthaus Cup and Horn.«

Angewidert starrte Hannah in das rote Gesicht ihres Stiefvaters. Silas Quint konnte, und wäre man noch so großzügig und wohlwollend gewesen, ganz sicher nicht als gut aussehender Mann bezeichnet werden. Er hatte eine riesige rotgeäderte Säufernase, und seine grausamen schwarzen Augen waren in aufgedunsenes teigiges Fleisch eingebettet.

»Aber schau dich nur an. Voll Dreck, als hättest du aus einem Schweinetrog gegessen und dich im Koben gewälzt. Was, Mädchen, jetzt siehst du nicht mehr so aufgedonnert und hochmütig aus, oder?«

Hannah hob das Kinn und fixierte ihn mit ihren grünen Augen so scharf, daß jeder Mann mit ein wenig Gefühl vor Scham die Augen niedergeschlagen hätte. Sie sagte kein Wort. Sie wußte nur allzu gut, daß es absolut keinen Sinn hatte, sich mit ihm auf einen Wortwechsel einzulassen.

»Ungeschickt. Immer warst du ungeschickt wie eine Kuh. In der Taverne, Missy, mußt du dich schon ein bißchen besser anstellen, sonst zündet dir Amos Stritch eine über deine schönen Beine.« Er musterte sie schlau und weidete sich an ihrem Zorn und ihrer Hilflosigkeit.

»Aber warte mal …« Seine Augen waren normalerweise völlig glanzlos, aber jetzt glitzerten sie, und seinen gemeinen dünnlippigen Mund umspielte jenes Lächeln, das Hannah in letzter Zeit nur allzu oft an ihm bemerkt hatte. »Missy, ich seh, du hast dein Kleid zerrissen. Könnte eigentlich guten Gebrauch davon machen. Ich sag ja immer, was ein richtiger Mann ist, der läßt keine Gelegenheit aus, wenn er was zu seinem Vorteil drehen kann.«

Ehe Hannah auch nur vermuten konnte, was er beabsichtigte, fiel er über sie her. Mit einer wurstfingerigen Hand griff er in das hochgeschlossene Oberteil ihres Kleides. Sie spürte, wie der Stoff sich über ihrem Rücken spannte, und dann hörte sie den kreischenden Riß, als das Material mit Futter, Hemd und allem nachgab, bis ihre rechte Brust fast völlig entblößt war.

Quints Gesicht wurde noch röter. Er leckte sich genießerisch die Lippen, als er den weichen verführerischen Hügel der vollen Brust seiner Stieftochter gierig musterte.

Ein saftiger Brocken ist sie schon, dachte Quint, und das schwere Gefühl in seinen Lenden erinnerte ihn an seine begehrlichen Wünsche bei diesem Mädchen. Er streckte die Hand aus, streichelte ihre weiche Haut und schob den zerfetzten Stoff weg von ihrer rosigen Brustwarze. Oh, er genoß das seidige Gefühl unter seinen Fingern und die zitternde Angst des Mädchens, das sich vor ihm zurückzuziehen versuchte.

Hannah spürte den bitteren Geschmack ihres Mageninhaltes schon in der Kehle. Die schmutzigen Hände des Mannes ekelten sie an; seine abgebrochenen Fingernägel hatten schwarze Ränder; doch es waren seine Gedanken, die sie so widerlich fand, denn die kannte sie nur allzu genau. Ihr war übel vor Ekel. In der letzten Zeit, als sich ihr Körper fast zur Üppigkeit entwickelt hatte, mußte sie jedesmal, wenn er sie ansah, seine widerliche Gier ertragen. Sie war jung und noch Jungfrau, doch sie wußte genau, was dieser Blick bedeutete. Die Hütte, die sie, ihre Mutter und ihr Stiefvater ›Heim‹ nannten, gewährte ihr nicht eine Minute des Alleinseins, nicht bei Tag und nicht bei Nacht.

Silas Quint war ein schlechter Hausvater für sie und ihre Mutter. Er arbeitete nur soviel wie unbedingt nötig, keinen Handgriff mehr. Meistens verrichtete er kleine Hilfsarbeiten in den Läden von Williamsburg. Den Rest seiner Zeit verbrachte er mit Trinken und Spielen in jeder Kneipe, die ihm Kredit gewährte.

Die Krone gestattete es den Kolonien nicht, ihre eigenen Münzen zu prägen, und deshalb war Bargeld immer knapp. Daß ein Ladenbesitzer sogar einen größeren Kredit einräumte, war daher nichts Ungewöhnliches. Rechnungen wurden im allgemeinen einmal im Jahr bezahlt. Meistens wurden sogar Ernteerträge in Zahlung genommen, etwa eine Tabakernte. Aber Silas Quint hatte kein eigenes Tabakfeld; ihm gehörte nicht einmal die elende Hütte, die sie bewohnten.

Quint ließ nun Hannahs Brust los und trat zurück. »Du bist zwar recht ungeschickt und kannst auch nicht so hart arbeiten, wie man’s wünschen würde, aber der alte Stritch hat, so alt er auch ist, noch immer ein Auge für junge Weiber. Ein Blick auf deine Brüste, dann sprengt es ihm die Hosen, soviel ist sicher, und dann ist’s ihm egal, ob du als Serviermagd was taugst oder nicht. Also, dann komm schon, Missy.«

Quint dachte über sein großes Glück nach, als er Hannah am Seilende mitzerrte. Er hatte sich immer gewundert, daß Amos Stritch ihm soviel Kredit einräumte. Natürlich hatte er es nicht gewagt, von seinem Glück zu reden, sondern nur weiter seinen Vorteil daraus gezogen.

Vor einer Woche nun hatte Stritch Bezahlung verlangt, und da hatte Quint die Erklärung für die Großzügigkeit des anderen bekommen. Wenn die Rechnung, hatte er gesagt, nicht sofort beglichen würde, käme Quint ins Schuldgefängnis. Klar, Quint hatte nicht einen Shilling. Stritch schlug daher eine andere Zahlungsweise vor: Quint solle ihm seine Stieftochter für fünf Jahre überlassen, dann wäre die Schuld nicht nur beglichen, sondern darüber hinaus gebe es noch einen zusätzlichen Kredit, dessen Höhe davon abhinge, wie gut sich Hannah mache.

Quint hatte natürlich sofort zugegriffen. Für ihn war Hannah ja nur ein weiterer Magen, der zu füllen war, und seine lüsternen Gedanken plagten ihn nun schon eine ganze Weile. Er wußte, daß er früher oder später einmal nachts in Hannahs Bett kriechen und sie ganz einfach nehmen würde. Gott weiß, nicht aus moralischen Skrupeln hatte er sich bisher zurückgehalten. Er war ein elender Stier, aber er wußte genau, wenn er das Mädchen anrührte, wäre ihre Mutter absolut fähig, ihn kaltblütig umzubringen. Und ganz im Hintergrund seines Bewußtseins hatte sich der Gedanke eingenistet, daß ein so schönes Mädchen wie Hannah leicht irgendwie verkauft werden könnte, daß aber ein Mann, der einen guten Preis bezahlte, auch unbedingt eine Jungfrau wollte. War Hannah in der Beziehung erst einmal eine gebrauchte Ware, war sie absolut wertlos.

Cup and Horn war ein Gasthaus in einem schmalen zweistöckigen Ziegelhaus mit steilem Dach. Unten war die Kneipe, die Räume im oberen Stockwerk wurden vermietet. Da es so früh am Tag war, gab es noch keine Gäste. Ein etwa zwölfjähriger Junge war vor der Kneipe mit einem Wassereimer und einem Besen beschäftigt. Er blieb mit offenem Mund stehen, als er den Mann sah, der ein Mädchen an einem Strick mit sich führte.

Mißtrauisch trottete Hannah hinter Silas Quint in die nach Alkohol riechende Kneipe. Hannah war sehr müde und mit ihrer Kraft fast am Ende. Sie hatte am Morgen nichts zu essen bekommen. Ihr Hals war trocken wie Pergament und schmerzte. In der Kneipe war es nach der heißen Sonne draußen angenehm kühl. Hannah war schon nahe daran, sich erschöpft zu Boden sinken zu lassen, als Amos Stritch, der Besitzer der Kneipe, plötzlich vor ihnen stand.

Stritch war ein großer, breiter Mann von etwa Fünfzig, trug keine Perücke auf seinem Kahlkopf und hatte unter der fleckigen Weste einen sehr dicken, vorgewölbten Bauch. Er war so dick, daß sich Hannah an eine Frau kurz vor der Entbindung erinnert fühlte. Außerdem hinkte er. Der rechte Fuß mochte der bessere sein.

Seine vorquellenden Augen schienen ihm noch ganz aus dem Kopf zu fallen, als er den Zustand von Hannahs Kleidern sah und wie sehr sie entblößt war. »Was soll das sein, Quint?« fuhr er ihn an. »Sie sieht ja aus wie eine von der Straße hereingezerrte Landstreicherin!«

Trotz seiner Worte hing sein Blick noch immer an dem runden Hügel ihrer Brust, der von den Fetzen ihres Kleides nicht verdeckt wurde.

Quint schwang seine schmutzige Mütze und machte eine tiefe Kniebeuge. »Sie weigerte sich, mitzukommen, Squire Stritch, Mußte einen Strick nehmen, sie herzuziehen, jawohl. Das Luderchen hat Temperament!« Quint zwinkerte vielsagend. »Keine, die sich an den Schürzenzipfel ihrer Mutter klammert. Die hat Blut in den Adern! Ich weiß, daß Ihr Eure Weibsen so mögt, mit Feuer und Pfeffer in sich!«

Der Kneipenbesitzer leckte sich die dicken Lippen mit einer tabakfleckigen Zunge, und seine Augen brannten so auf Hannahs nacktem Fleisch, als wolle er es mit verbrennen.

Quint lachte, griff aus und zerrte an den Fetzen von Hannahs Kleid. Sie waren schon recht mürb, und nun lagen Hannahs feste junge Brüste ganz frei. »Wie junge Melonen, was?« sagte er und drückte und zärtelte sie, bis die Brustwarzen wie Türmchen standen. »Glaubt Ihr, daß das Mädchen taugt?« fragte er.

Amos Stritch, dessen Gesicht nun dunkel-blaurot war, als stehe er unmittelbar vor einem Schlagfluß, schluckte heftig und nickte. Ihm saß ein so dicker Knödel in der Kehle, daß er kein Wort herausbrachte. Herrje, da war dieses Ding erst sechzehn und schon so reif. Plötzlich warf er Quint einen scharfen, fragenden Blick zu, denn der spielte noch immer an Hannahs Brüsten herum.

Hannah war wie betäubt vor Scham und Schock. Sie versuchte verzweifelt, die Tränen zurückzuhalten und das Zittern ihrer Lippen zu verbergen. Nein, die Befriedigung sollten sie nicht haben, sie weinen zu sehen! Aber würden denn diese Erniedrigung, dieser brennende Zorn und die kalte Verzweiflung nie ein Ende nehmen? Sie bemühte sich, ihre Gedanken als Schild zu benützen, der sie vor dem ekligen Gefühl, Quints Hand auf ihrem Fleisch zu fühlen, schützte.

Aber Quint deutete Amos Stritchs Blick richtig, zog blitzschnell die Hand zurück und trat zur Seite. »Na, na, na, nur keine Angst, die gehört Euch schon ganz und gar. Genau wie besprochen.«

Stritch räusperte sich umständlich. »Du hast geschworen, das Mädchen ist eine Jungfrau. Und trotzdem gehst du recht vertraut mit ihr um … Ich will keine schlechte Ware. Sag mir offen und ehrlich, Quint, ist das Mädchen noch unberührt?«

Quint nickte eifrig und setzte eine demütige Miene auf. »Auf meinen Eid, das ist sie. Würde ich Euch anlügen, Sir, nach allem, was Ihr für mich getan habt? Nein, ich hab’ das Mädchen nicht angerührt, wenn’s auch oft eine große Versuchung für mich war. Jetzt grade hab’ ich halt nicht widerstehen können. Ihr seht ja selbst, Squire, was sie für eine Versuchung ist.«

Hannah hatte nur einen Wunsch: den, diese Feilscherei möge ein Ende nehmen. Sie wollte gar nicht hören, was die beiden Männer miteinander besprachen.

Stritch brummte etwas und schien für den Augenblick zufrieden zu sein. Das hieß jedoch nicht, daß er Quint glaubte. Er wußte, daß der Mann ein Lügner, Säufer und Schurke war, doch die Wahrheit würde sich ja bald herausstellen. Er verlagerte sein Gewicht und zuckte zusammen, weil ihn der Fuß schmerzte. »Also, das Geschäft gilt«, sagte er. Er machte eine Kopfbewegung zu Hannah. »Und du, Mädchen, gehst hinauf in deine Kammer. Hinauf, sag ich! Dein Stiefvater und ich haben über Geschäfte zu reden.«

Quint nahm Hannah den Strick ab, danach auch die Handfesseln. Hannah taumelte ein wenig vor Schwäche, als sie Stritchs Befehl gehorchte. Sie rieb die Handgelenke, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Es war eine steile, enge Stiege, und sie mußte sich an dem wackeligen Geländer festhalten. Stritch hinkte hinter ihr drein. Einmal legte er eine Hand auf ihre Hüfte. Sie lief weiter, und Stritch lachte. Es klang wie das schrille Quieken eines Schweines.

Im Oberstock stieß er sie den Korridor entlang. »Nicht hier, da muß ich doch die zahlenden Gäste unterbringen. Die Leiter hoch mit dir!«

Hannah nahm ihre letzte Kraft zusammen und kletterte die Leiter hinauf. Sie war kaum mehr als ein paar an die Wand genagelte Holzlatten. Wieder hörte sie Stritchs quiekendes Lachen, und da wurde ihr klar, daß er ihr unter die Röcke schaute. Sie war so ungeheuer erschöpft, daß sie nicht einmal mehr vorsichtig, entmutigt oder zornig sein konnte.

Sie hatte sich kaum durch die Falltür gezogen, als diese auch schon zugeschlagen wurde. Geräuschvoll schloß sich der Riegel.

Es war ein armseliger Raum, kaum größer als eine Pferdebox. Nur an der inneren Wand war es, weil das Dach so steil war, überhaupt möglich, aufrecht zu stehen. Die Luft war stickig und drang nur durch die Ritzen der groben Planken der Außenwand. In der unteren Dachschräge saß ein winziges Fenster, durch das nur ganz wenig Licht fiel, denn es war sehr schmutzig, und Hannah fand keine Möglichkeit, es zu öffnen. Sie kauerte sich zusammen und wischte soviel Schmutz wie möglich weg, damit sie hinausschauen konnte. Aber sie sah nur ein Stückchen blauen Himmel und die Dächer der Häuser nebenan.

Mutlos ließ sie die Schultern hängen. In einer Ecke stand eine leere Truhe, deren Deckel offen war. Auf dem Boden lag ein Strohsack, daneben stand ein Nachttopf. Bettlaken und Decke waren sehr schmutzig und sahen nach Ungeziefer aus. Die groben Fußbodenbretter waren dick mit Schmutz bedeckt.

Vorsichtig setzte sie sich auf den Strohsack. In mancher Beziehung war es hier auch nicht viel schlechter als in der Hütte zu Hause, nur daß sie und ihre Mutter versuchten, sie sauberzuhalten.

Ihre arme, abgerackerte Mutter. Hannah konnte sich kaum mehr an ihren Vater erinnern, obwohl sie damals, als er starb, schon acht Jahre alt gewesen war. Und immer, wenn sie an ihn dachte, sah sie Blut und Gewalttat vor sich, und da verschloß sich dann ihr Geist.

Nicht lange nach ihres Vaters Tod hatte die Mutter Silas Quint geheiratet. Seit dieser Zeit hatten sie nichts anderes mehr gekannt als Not und Demütigung. Ihre Mutter machte den Haushalt und sah nach Hannah, und darüber hinaus nahm sie noch jede Arbeit an, die sie in den Häusern der besseren Leute finden konnte. Den größten Teil des Geldes, das sie damit verdiente, nahm ihr Quint ab. Sie konnte nur dann und wann eine Münze vor ihm verstecken, um für Hannah von Zeit zu Zeit ein neues Kleidungsstück und gelegentlich einen kräftigenden Bissen zu kaufen. Manchmal fand Quint ihr Versteck mit dem armseligen Schatz, den sie zusammengerackert hatte; dann schlug er sie bewußtlos und warf das Geld für Alkohol und Spiel hinaus.

In der Hütte, die sie bewohnten, gab es nur einen einzigen Schlafraum. Hannah hatte auf dem Küchenboden einen Strohsack, so daß sie es in der Winterkälte wärmer hatte als es im übrigen Haus war. Nebenan, nur ein paar Fuß von ihnen getrennt, schlief Silas Quint mit ihrer Mutter. Die Wand war von so breiten Rissen durchzogen, daß sie durchspähen konnte. Das hatte Hannah zwar noch nie getan, aber sie hörte jedes Wort, das drüben gesprochen wurde. Sie hörte es, wenn Silas Quint ihre Mutter nahm, und sie hörte auch die Schläge, mit denen er sie bedachte, wenn sie ihm das zu verweigern versuchte, was er als sein ›ehemännliches Recht‹ bezeichnete. Sie hörte den fast allnächtlichen Streit, danach Quints betrunkenes Schnarchen und ihrer Mutter herzzerreißendes Schluchzen.

Aus einer dieser nächtlichen Unterhaltungen hatte Hannah zum erstenmal erfahren, daß Quint die Absicht hatte, sie Amos Stritch, dem Kneipenwirt, zu überlassen.

»Davon will ich nichts hören, Mr. Quint«, hatte sich ihre Mutter gewehrt. »Sie ist meine Tochter! Meine eigene Tochter, die wenig mehr als eine schwarze Sklavin sein soll!«

»Frau, deine Tochter mag sie ja sein, aber für mich ist sie ein Mund, den ich zu stopfen hab’. Die Zeiten sind schwer. Ich arbeite mir die Finger bis auf die Knochen wund, und es reicht doch nicht hinten und nicht vorn. Ich meine, sie müßt selbst froh sein drum. Sie bekommt genug zu essen, hat einen Platz zum Schlafen und Kleider auf dem Leib. Es dauert ja nur, bis sie einundzwanzig ist. Dann kommt schon irgendein junger Bock daher, der sie heiraten will.« Quint hatte einen überredenden Ton, den seine Frau sonst nicht an ihm kannte.

»Da wird sie gezwungen, vom Morgengrauen bis zur Mitternacht zu arbeiten. Und in diese Kneipen kommen ja nur der Auswurf der Straße und Raufbolde.«

»Was? Ich bin der Auswurf der Straße?« Es klatschte ein Schlag, und ihre Mutter schrie.

»Entschuldige, Frau. Hast mich eben ein bißchen herausgefordert. Siehst du, ist ja die einzige Möglichkeit, die’s gibt. Squire Stritch streicht alle Rechnungen und gibt mir sogar noch Kredit.«

»Du hast ja nur Schulden, weil du trinkst, Silas Quint! Und jetzt muß sich mein armes Mädchen verkaufen, damit du noch mehr trinken und spielen kannst.«

Hannah, die das alles mit anhörte, hielt den Atem an. Es kam selten vor, daß ihre Mutter so energisch sprach. Ihr war schon vor langer Zeit aller Mut herausgeprügelt worden. Dann erinnerte sich Hannah daran, daß ihre Mutter Quint immer nur dann zu widersprechen wagte, wenn es um sie ging.

Aber Quint war diesmal ein wenig vorsichtiger. »Ein Mann muß ab und zu auch mal was anderes tun, wenn er vom Morgengrauen bis zum Dunkelwerden schuftet. Siehst du denn nicht ein, Weib, daß es zum Besten des Mädchens ist? Sie lernt was Nützliches und noch einiges dazu. Für eine Tavernenmagd, die ihr Geld wert ist, gibt es immer einen Platz. Und am Ende ihrer Dienstzeit kommt sie auf mindestens fünfzig Shilling, wenn nicht mehr. So ist es nämlich vereinbart.«

»Nein, ich werde es nicht erlauben …«

Wieder klatschte ein Schlag. »Du wirst das erlauben, was ich sage, verstanden? Das ist schon abgemacht. Halt jetzt deinen Mund, Frau. Ich brauch meinen Schlaf.«

Ein paar Augenblicke später hörte sie von nebenan nur noch Quints Schnarchen und das leise Weinen ihrer Mutter.

Aber am folgenden Tag änderte ihre Mutter ihre Einstellung. Oder es schien wenigstens so. Zu Hannah sagte sie: »Vielleicht ist es am besten so, Tochter. Besser, du bist weg aus diesem Haus. Ich hab gesehen, wie Quint dich angeschaut hat …«

Abrupt kniff sie die Lippen zusammen, aber Hannah wußte auch so recht gut, was ihre Mutter meinte.

Plötzlich nahm Mary Quint ihre Tochter in die Arme, und Hannah spürte auf ihren Wangen die heißen Tränen ihrer Mutter. Die Frau seufzte tief. »Das Los einer Frau ist wirklich sehr traurig. Manchmal überleg ich mir, ob uns der Herrgott da oben nur gemacht hat, um uns für etwas zu bestrafen …«

Hannah strich mit der Hand über das rauhe Haar ihrer Mutter. Wie oft tat sie das: Gott anflehen und ihn gleichzeitig für ihr Los verantwortlich machen. Hannah wußte nur allzu gut, daß ihre Mutter recht hatte. Es war nicht leicht, eine Frau zu sein und alle ihr auferlegten Lasten zu tragen.

Und jetzt wußte Hannah nach der furchtbaren Demütigung des Morgens nur allzu genau, wie schwer das Los einer Frau war. Trotzdem konnte ihre Mutter recht gehabt haben, als sie meinte, für sie sei es wohl besser, aus Quints Nähe wegzukommen. Recht viel schlimmer als zu Hause konnte es hier auch nicht sein. Diese elende Dachkammer konnte sie wenigstens sauber putzen, und vielleicht bekam sie mehr zu essen als zu Hause. Selbst die Abfälle vom Tisch der Gäste waren vermutlich noch besser als das, woran sie zu Hause gewohnt war, und ihre Mutter hatte ihr erzählt, manchmal lasse ein Mann, der ein wenig betrunken sei, eine Münze oder zwei für sie auf dem Tisch, wenn man ihn gut bedient hatte.

Aber dann dachte sie an Amos Stritch, an den Ausdruck in seinen Augen, an das eklige Gefühl seiner Hand an ihrer Hüfte, als er ihr über die Treppe gefolgt war. Ganz so abstoßend wie Quint fand sie ihn zwar nicht, doch sie war überzeugt, daß er auch keine besseren Absichten hatte als dieser. Und außerdem war sie ja jetzt eine Leibeigene. Ihr Status war auch nicht besser als der einer schwarzen Sklavin, die man in Ketten aus Afrika gebracht hatte. Dieser Gedanke hatte ihr den Mut eingegeben, sich so erbittert zu wehren, daß Quint schließlich gezwungen gewesen war, ihr einen Strick um den Hals zu legen.

Sicher, das stieß gar manchem Mann zu, und es war auch das Los des Jungen, der unten die Straße gefegt hatte. Aber ein Mann konnte, wenn er genug Verstand und Mut hatte, davonlaufen und auch wirklich entrinnen. Vielleicht wurde er später wieder eingefangen und in Ketten zurückgebracht, vielleicht legte man ihn sogar in Eisen und peitschte ihn öffentlich aus, aber dem einen oder anderen gelang die Flucht doch.

Ein Mädchen dagegen hatte gar keine Chance. Ergriff sie die erste sich bietende Gelegenheit und lief weg, dann kam sie kaum weiter als ein paar Meilen, bevor man sie zurückbrachte. Hannah wußte das. Ein Mann konnte sich durch Wälder schleichen und sich aus dem Land ernähren. Traf er einen Fremden, konnte er behaupten, er sei auf der Durchreise; das glaubte man ihm vermutlich sogar.

Aber eine fremde Frau allein? Jeder wäre sofort mißtrauisch. Hannah seufzte. Was blieb ihr denn anderes übrig, als das Beste daraus zu machen? Oder es zu versuchen. Hier hatte sie wenigstens vor Silas Quint Ruhe, und vielleicht täuschte sie sich in Stritch. Wenn sie ihm keinen Ärger machte und fleißig genug arbeitete, war er vielleicht sogar freundlich zu ihr …

Hätte Hannah die Unterhaltung zwischen ihrem Stiefvater und Amos unten in der Schenke belauschen können, hätte sie allen Grund zu größter Sorge gehabt.

Der Schankraum war leer, und die beiden Männer hatten große Bierkrüge vor sich stehen. Stritch hatte den schlimmen Fuß auf einen Stuhl gelegt und sog an einer übelriechenden Pfeife, und Quint nahm immer wieder gierige Schlucke vom Bier. Er hätte ja gern etwas Stärkeres gehabt, doch darum wagte er nicht zu fragen, solange das Geschäft nicht ganz und gar abgeschlossen war.

»Weißt du’s ganz bestimmt, daß das Mädchen noch eine Jungfrau ist?« fragte Stritch. »Wenn sie’s nicht mehr ist, Quint, wird der ganze Handel rückgängig gemacht.«

»Auf meine Ehre, Squire Stritch, sie ist’s noch. Kein Mann hat einen Finger an sie gelegt.« Quint grinste schmutzig. »Sind beim erstenmal, wenn Ihr sie nehmt, keine Blutflecken auf dem Laken, dann will ich Euch nicht an den Handel gebunden halten.«

»Mann, halt dein lockeres Mundwerk«, sagte Stritch streng. »Du weißt, es ist gegen Gesetz und Sitte für einen Master, seine weiblichen Leibeigenen ins Heu zu werfen.« Dann schmatzte er lachend. »Aber ein richtig saftiges Weibstück ist sie doch.«

»Ja, das ist sie. Saftig wie ein Pfirsich.« Quints lüsternes Grinsen wurde immer breiter. »Ich hab’ ihr ein paarmal heimlich beim Baden zugeschaut.«

Stritch quollen die Augen aus dem Kopf.

»Aber ich hab’ Euch doch gesagt, ich hab’ sie nicht angerührt! Nicht mal ein Haar auf ihrem Kopf hab’ ich angerührt, auf meinen Eid, Sir!« versicherte ihm Quint hastig. Er setzte eine biedere Miene auf, die ihm allerdings nicht ganz gelang. »Aber ich bin ein ehrlicher Mensch, Sir, und deshalb sag ich’s Euch gleich, daß Ihr ein Auge auf sie haben müßt. Sie arbeitet gut, wenn man aufpaßt, aber sie trödelt recht herum, wenn Ihr sie nicht scharf im Auge behaltet.«

»Keine Sorge«, knurrte Stritch. »Mit Trödlerinnen kenn ich mich aus. Hab’ schon öfter so was gehabt. Dann und wann eine mit der Peitsche über den Hintern gezogen, dann springen sie schon. Beim König, und das wird sie auch tun!« Er nahm einige Papiere aus seiner Tasche. »Hier sind die Vereinbarungen aufgeschrieben. Du brauchst nur dein Kreuz dorthin zu machen, wo ich deinen Namen hingesetzt hab’.«

Quint machte sein Kreuz. Dann trank er seinen Krug leer, knallte ihn auf den Tisch und grinste vertraulich. »Aber jetzt«, sagte er, »brauchen wir was Stärkeres, um den Handel zu begießen.«

Kapitel 2

Natürlich war Quint betrunken, als er nach Hause kam, und dabei war es erst Mittag. Mary Quint überraschte das gar nicht. Es war für sie sowieso eine Seltenheit, ihren Mann einmal nüchtern zu sehen. Schon am Hochzeitstag hatte er sich betrunken, er war betrunken, als er in der Hochzeitsnacht zu Bett ging, und seither, meinte Mary, sei er kaum einmal nüchtern gewesen.

Er lehnte am Türstock, hatte vom Trinken rote und dick verschwollene Augen und feixte sie an. »Ist also erledigt, Weib. Hannah wird lernen, was es heißt, selbst ihren Unterhalt zu verdienen.«

Mary sagte darauf nichts. Sie sah ihn nur aus trüben Augen an.

»He, hast du darauf gar nichts zu sagen?« stichelte er. »Und wie hast du den Mund aufgerissen, als ich dir’s zum erstenmal erklärte.«

Mary strich mit ihren abgearbeiteten Händen durch ihr ergrauendes Haar. »Was soll ich dazu sagen, Mr. Quint? Es ist doch, wie du sagst, erledigt.«

»Das ist richtig. Es ist auch erledigt. Und so sind wir viel besser dran.« Er schlurfte zum Schlafzimmer. »Ich schlaf jetzt ein bißchen. War mächtig harte Arbeit, dieses eigensinnige Luder dorthin zu schleppen. Schlimmer als ein Muli war sie. Und du, du gibst Ruhe, ich will schlafen.«

Mary rührte sich nicht, als er in das Schlafzimmer torkelte. Sie bewegte sich so lange nicht, bis sie hörte, wie das Bett protestierte, als er sich darauf warf. Sofort begann er zu schnarchen.

Schließlich machte sie sich daran, die Hütte zu putzen, doch sie achtete sorgfältig darauf, keinen Lärm zu machen. Solange Quint schlief, konnte sie wenigstens ihren eigenen Gedanken nachhängen und hatte ein wenig Frieden. Die ganze Putzerei half ja auch nicht viel. Ein Regiment Putzweiber hätte sich die Hütte vornehmen können, und doch hätte nie der Schmutz beseitigt werden können, der sich an den Wänden und auf dem Boden immer wieder ansetzte. Putzen, das war für sie Gewohnheit. Da hatte sie etwas mit den Händen zu tun, körperliche Arbeit zu leisten.

Sechs Jahre lang war sie nun mit Silas Quint verheiratet, und in diesen sechs Jahren, schien es Mary, hatte sie nichts anderes getan als geputzt und gekocht, wenn es etwas zu kochen gab, und für Hannah hatte sie natürlich getan, was ihr möglich war. Quint hatte sie geheiratet, um ihrem zehnjährigen Mädchen einen Vater zu geben. Ein feiner Vater war er geworden! Ein fürsorglicher Vater, der seine Tochter in die Leibeigenschaft verkaufte, die auch kaum weniger schlimm war als Sklaverei.

Nein, nicht Quints Tochter! Heiliger Jesus, nein! Nicht Quints Tochter!

Marys Gedanken wanderten, wie so oft in letzter Zeit, in die Vergangenheit zurück.

Eigentlich und im gesetzlichen Sinn hatte Hannah keinen Vater. Mit Robert McCambridge war Mary ja nicht richtig verheiratet gewesen. Sie hatte ihn verzweifelt geliebt und er sie auch, doch Robert hatte sich beharrlich geweigert, sie zu seiner angetrauten Ehefrau zu machen. Er war der Sohn eines Plantagenbesitzers schottischer Abkunft in South Carolina und einer Sklavenmutter gewesen, und als seine Mutter starb, hatte man ihm die Freiheit geschenkt. Aber auch seine Mutter war keine reinblütige Afrikanerin gewesen. Ihr Vater war ein Weißer, so daß Robert nur zu einem Viertel farbiges Blut in sich hatte, also ein Quadrone war. War auch seine Haut von Olivfarbe, so hatte er doch von seinem Vater die aristokratischen Züge geerbt, und man hätte ihn durchaus für einen Spaniarden oder einen anderen etwas dunkelhäutigen Kaukasier halten können, solange man ihn nicht allzu genau musterte. Aber der Plantagenadel hielt eisern zusammen, und sehr viele wußten ja über seine Abstammung Bescheid. Heiratete ein Schwarzer oder ein Mulatte eine weiße Frau, so war die Folge die Verbannung aus den Kolonien für ewige Zeiten – für beide. Und nur allzu häufig kam es vor, daß man beide hängte. Aus diesem Grund hatte Robert sich geweigert, Mary zu heiraten.

Sie waren nach Norden gezogen in die Nähe der Grenze von Virginia, wo niemand sie kannte, und dort hatten sie eine kleine, verlassene Farm gefunden mit einer ziemlich windschiefen Hütte. Robert hatte begonnen, die Farm zu bewirtschaften.

Es waren harte Zeiten gewesen, und Geld hatten sie kaum jemals. Meistens war auch das Essen sehr knapp. Trotzdem waren sie glücklich. Hannah wurde ein Jahr später geboren, und Mary glaubte oft, soviel Glück nicht ertragen zu können. Manchmal ließ das Glück sie ganz vergessen, daß sie ja unverheiratet mit einem Mann zusammenlebte, also eine Sünderin war.

Robert betete seine kleine Hannah an, und Vater und Tochter waren unzertrennlich. Seit Hannah die ersten selbständigen Schrittchen machen konnte, folgte sie ihrem Vater überallhin. Sie lebten sehr isoliert, hatten keine unmittelbaren Nachbarn, und Robert ging immer allein zur zwanzig Meilen weit entfernten kleinen Stadt, wenn etwas eingekauft werden mußte. Sie waren beide der unausgesprochenen Meinung, daß es ein Fehler wäre, hätten sie enge Freunde, und das traf für beide Rassen zu.

Ironischerweise war es ein Neger, der Robert tötete, nicht ein Weißer. Einmal taumelte ein ausgerissener Sklave der McCambridge-Plantage spät nachts in ihre Hütte. Er war schwer verletzt und halb verhungert, ein Jammerbild von einem Mann. Sie nahmen ihn auf, pflegten ihn, versteckten ihn sogar, als die Kopfprämienjäger kamen und nach ihm suchten. Der Sklave, er hieß Isaiah, war einige Wochen lang ihr Gast und teilte mit ihnen das magere Essen und die winzige Hütte.

Isaiah erholte sich allmählich, und da begann er Mary Augen zu machen. Mary bemerkte es natürlich und ging ihm so gut wie nur möglich aus dem Weg. Robert schien das zu entgehen, was sich da abspielte, und Mary wagte es ihm nicht zu sagen. Er war zwar ein sehr sanftmütiger und gutherziger Mann, doch wenn man seinen Zorn herausforderte, konnte er schrecklich sein.

Eines Nachmittags, als Robert mit Hannah auf den Feldern arbeitete – das Mädchen war damals acht Jahre alt und spielte in der Nähe des Vaters –, fiel der flüchtige Sklave in der Hütte über Mary her, warf sie zu Boden und riß ihr die Röcke herunter. Sie wehrte sich erbittert, und da schlug er sie mit der Faust ins Gesicht. Sie wurde kurz ohnmächtig, und als sie wieder zu sich kam, kniete er, die Hosen heruntergelassen, zwischen ihren Schenkeln und wollte sie vergewaltigen. Marys schrille Schreie gellten durch die Hütte.

Dann wußte sie nur noch, daß Isaiah verschwand, ehe er in sie hatte eindringen können, so etwa, als sei ein Racheengel zu ihrer Rettung gekommen.

Mary setzte sich auf und sah Robert. Sein dunkles Gesicht war vor Wut verzerrt, seine Augen sprühten Feuer. Dieser sanfteste aller Männer, der sie nie geschlagen, der niemals auch nur die Stimme gegen sie erhoben hatte, raste nun vor Zorn.

Er sprach mit Donnerstimme, und da fiel ihr alles wieder ein, als sie in die Hüttenecke schaute, wohin Robert den Sklaven wie einen Kornsack geschleudert hatte.

»Du, der du dich Isaiah nennst, kamst zu uns, dem Tode nah. Wir haben dir Unterkunft und Essen gegeben und deine Wunden gepflegt. Wir haben dich als Bruder aufgenommen, und du vergreifst dich zum Dank dafür an meiner Frau!«

Isaiah schob sich langsam in die Höhe und zog seine Hosen hoch. »Deine Frau?« fragte er. »Du meinst wohl, dein weißes Weibstück!« Der Schwarze feixte. »Du weißt doch, was die Weißen sagen. Wenn eine von ihren Frauen mit einem Nigger schläft, dann ist sie selbst ein Nigger. Und daß du weißes Blut in dir hast, Squire McCambridge, rettet dich auch nicht. Du bist und bleibst ein Nigger, und was ist jetzt sie?«

Zitternd vor Wut ging Robert auf ihn los. »Isaiah, dafür bring ich dich um.«

»Du bringst keinen um, Nigger.«

Und dann blitzte das große Fleischmesser aus Marys Küche in Isaiahs Hand.

Der Schwarze mußte es irgendwo an sich selbst versteckt gehabt haben, dachte Mary, und dann schrie sie Roberts Namen, als Isaiah sich duckte, um Robert anzuspringen.

Robert stand da, locker und bereit, die Fäuste an den Seiten. Und dann bewegten sich beide Männer mit der Geschwindigkeit kämpfender Katzen. Sie prallten so aufeinander, daß die ganze Hütte bebte. Robert hatte eine große Hand um das Gelenk der Hand gelegt, in der das Messer war. Sie rangen und kämpften, so daß Möbel umstürzten. Mary kauerte sich an die Wand. Sie war starr vor Angst um Robert. Er war zwar größer als der andere Mann, doch der war jünger und schneller.

Sie kämpften schweigend und verbissen. Dann gelang es Isaiah, ein Knie hochzuziehen und in Roberst Leistengegend zu stoßen. Robert schrie vor Schmerz, ließ die Messerhand los und krümmte sich zusammen.

Blitzschnell wie eine Schlange stieß das Messer zu, noch einmal und ein drittes Mal, und jedesmal kam es rot von Roberts Blut wieder heraus.

Dann sank Robert zusammen. Er fiel nach vorn auf sein Gesicht und blieb still am Boden liegen.

Keuchend und wildäugig wie ein in die Ecke gedrängtes Tier stand Isaiah über ihm und wartete. Robert bewegte sich nicht mehr.

Wie betäubt schaute sich Isaiah dann um. Seine Augen fanden Mary. Er trat auf sie zu. Mary schrie.

Da wirbelte Isaiah herum und rannte zur Hütte hinaus. Das bluttriefende Messer hatte er noch in der Faust.

Mary lief zu Robert McCambridge und rollte ihn auf den Rücken. Sein Bauch war aufgeschlitzt, die Gedärme quollen heraus, hellrotes Blut spritzte.

Seine Augen öffneten sich flatternd. Er schaute sie an. »Mary, meine Liebe. Mary …«, flüsterte er. Dann war er tot.

Da kniete nun Mary. Innerlich starb sie vor Trostlosigkeit und Verzweiflung. In einem Augenblick grausamster Gewalttätigkeit war ihr Lebensinhalt ausgeblasen worden wie eine Kerze. Sie blieb auf den Knien liegen, murmelte Gebete und wiederholte immer wieder diese nutzlosen Worte. Gott hatte ihr gezürnt, doch den Grund dafür kannte sie nicht. War es deshalb gewesen, weil sie in Sünde mit einem Mann gelebt hatte, dessen Frau sie nur vor Gott, nicht aber vor der Kirche gewesen war? Hätte Isaiah das Messer zurückgelassen, hätte sie es sich in dieser dunklen Stunde selbst in die Brust gestoßen.

»Mammi, Mammi, was ist mit Daddy?«

Der hysterische Ton in Hannahs Stimme riß Mary aus der Versunkenheit ihrer tiefen Trauer. Es gab ja noch etwas, wofür sie leben mußte. Wie hatte sie auch nur einen Augenblick lang Hannah vergessen können?

Sie sprang auf und eilte hinaus, um das kleine Mädchen abzufangen, als es in den Raum kam. Sie drückte das Gesicht des Kindes in ihre Röcke.

»Daddy ist doch verletzt, nicht wahr? Hier ist Blut, Mammi. Überall ist Blut!«

»Ja, Kind, er ist verletzt«, antwortete Mary mit so ruhiger Stimme, wie es ihr gelang. »Es war ein …« Sie schluckte heftig, um die richtigen Worte zu finden. »Daddy ist gegangen. Er ist für immer von uns gegangen. Du wirst lernen müssen, ohne …«

Hannah rutschte aus den Armen ihrer Mutter auf den Boden; sie war ohnmächtig.

Mary sah darin eine Barmherzigkeit Gottes. Sie hob das Kind auf, trug es in das kleine Schlafzimmer und legte es auf das Bett. Dann schleppte sie Roberts Leiche hinaus und begrub sie. Woher sie die Kraft dazu nahm, wußte sie selbst nicht. Danach kehrte sie in die Hütte zurück und schrubbte das Blut vom Boden. Den Grund dafür wußte sie selbst nicht. Vielleicht mußte sie ihrem Körper etwas zu tun geben, damit ihr Kopf nachdenken konnte, was sie nun zu tun hatte.

Hier bleiben konnte sie nicht, soviel war klar. Isaiah konnte zurückkommen und sie beide töten. Das Verbrechen zu melden wagte sie nicht. Das konnte sie auch nicht, denn sie hätte ja zugeben müssen, daß sie einen durchgebrannten Sklaven aufgenommen hatte. Und außerdem konnte sie die Farm nicht allein bewirtschaften.

Noch am selben Abend warf sie die wenigen Habseligkeiten auf den Karren und spannte das kleine, ein wenig lahme Pferd davor, mit dem Robert gepflügt hatte. Hannah kauerte auf dem Sitz neben ihr. Seit sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, war Hannah in einem Zustand halber Betäubung geblieben.

Geld hatte Mary keines. Unterwegs tauschte sie ein paar von ihren dürftigen Besitztürmern gegen Nahrung ein und gelangte schließlich nach Williamsburg, wo sie Pferd und Karren verkaufte. In einigen der feinen Häuser, die allmählich um den Marktplatz herum gebaut wurden, fand sie Arbeit als Putzfrau.

Dann lernte sie Silas Quint kennen. Natürlich hatte sie nie auch nur mit einem Wort angedeutet, daß Hannah ein wenig Negerblut in sich hatte.

Was sollte nun aus Hannah werden? Da Robert sein Sohn gewesen war, hatte der Herr der Plantage dafür gesorgt, daß der Junge gut erzogen wurde und etwas lernte. Robert hatte Hannah Lesen und Rechnen beigebracht. Aber Mary selbst hatte sehr wenig Bildung, so daß sie Roberts Arbeit nicht fortsetzen konnte.

»Alte!« schrie Quint aus dem Schlafzimmer. »Alte, ich bin hungrig! Stell was zu essen auf den Tisch!«

Mary seufzte und machte sich an die Arbeit, aus dem Wenigen, das im Haus war, ein Essen auf den Tisch zu bringen.

Sie war kaum vierzig Jahre alt, aber sie war alt. Auch Hannah würde vor der Zeit alt werden …

Kapitel 3

Hannah schrubbte auf Händen und Knien den groben Boden des Schankraumes. Vor einer Stunde hatte Amos Stritch den Riegel der Falltür zurückgeschoben und ihr befohlen: »Mädchen, komm runter! An die Arbeit! Bevor das Abendgeschäft einsetzt, muß der Boden des Schankraumes sauber sein. Du wirst also gute Arbeit tun, sonst geh ich mit dem Stock über deine Kehrseite, aber ordentlich! Ich kann nicht jede Minute neben dir stehen und aufpassen. Mit diesem verdammten Gichtfuß sollt ich schon längst im Bett liegen. Er tut scheußlich weh, wenn ich drauf stehen oder gehen muß. Aber vergiß nicht, der Boden ist sauber, bis ich runterkomm.«

Hannah hatte einen Trick, um die Zeit schneller vergehen zu lassen, wenn sie eine unangenehme Arbeit zu verrichten hatte, und den hatte sie richtiggehend kultiviert. Er war auch der Grund, weshalb Quint immer auf ihr herumhackte, sie würde trödeln.

Ein paarmal hatte sie ihre Mutter zur Arbeit in feinen Häusern begleitet, und daran erinnerte sie sich sehr gut. Wie wunderbar wäre es doch, in einem so schönen Haus leben zu können! Und natürlich wäre es noch unvergleich herrlicher, dessen Herrin zu sein … Das feine weiße Leinen, das schimmernde Silberzeug, die großen Kerzenleuchter, die hochpolierten Möbel, in denen man sich spiegeln konnte … Und die feinen Kleider, die diese Damen trugen! Seide, Samt und Satin. Hannah überlegte oft, wie solch weiche Stoffe sich auf ihrer Haut anfühlen würden. Und die Düfte! Sie erinnerten an hundert Blumengärten, so delikat und stark waren sie.

In Williamsburg wurden gerade viele große, schöne Häuser gebaut. Das gab Arbeit für zahlreiche geschickte Handwerker, es war jedoch auch genug zu tun für weniger geschickte Leute. Wann immer Hannahs Mutter mit Silas Quint darüber sprach, hörte sie die gleiche Klage: »Mein Rücken, Frau! Du weißt doch, da hab’ ich mir vor ein paar Jahren was zugezogen. Harte Arbeit kann ich nicht leisten, und auf dem Bau ist die Arbeit immer hart.«

Hannah riß ihre Gedanken los von dem unerfreulichen Objekt Stiefvater und hing wieder ihren Träumen nach. Niemals hatte sie die Fahrt mit ihrer Mutter nach Williamsburg vergessen, niemals in all diesen Jahren, und sie würde sie auch nie vergessen, solange sie lebte. Diese Reise hatte fast einen Monat gedauert. Der Tod ihres Vaters rückte ein wenig in den Hintergrund ihres Bewußtseins; oder richtiger gesagt: um diese Erinnerung errichtete sie einen Schirm, der sie gegen ihr bewußtes Denken abgrenzte.

Unterwegs waren sie an vielen großen Plantagen vorbeigekommen. Die feinen Häuser standen ein wenig abseits von der Straße mitten im saftigsten, hügeligen Grün, und manchmal konnte sie sogar für einen Augenblick die feinen Damen und Herren sehen. Sie erinnerte sich an riesige tiefgrüne Felder mit Tabakpflanzen, auf denen schwarze Sklaven arbeiteten. Ihre ebenholzfarbene Haut glänzte schweißfeucht, denn sie mußten auch in der drückendsten Hitze schuften.

Viele von ihnen waren nackt. Hier sah Hannah zum erstenmal unbekleidete Männerkörper. Neugierig und entgeistert starrte sie die männlichen Geschlechtsteile an, die während der Arbeit frei schwangen.

Mary Quint sah die Richtung ihres Blickes und drehte das Gesicht ihrer Tochter zur anderen Seite. »Es schickt sich nicht für ein Mädchen deines Alters, so etwas anzustarren«, tadelte die Mutter.

»Aber warum haben sie denn keine Kleider an, Mammi?« fragte Hannah.

Ihre Mutter schwieg eine ganze Weile, als wolle sie überhaupt nicht antworten. Schließlich sagte sie voll Bitterkeit: »Weil sehr viele Leute überhaupt keinen Respekt vor ihren schwarzen Sklaven haben und keinerlei Rücksicht nehmen. Für diese Leute sind sie nur … nur ein Ding, weißt du, ebensowenig menschlich wie dieses alte Pferd hier. Warum sollten sie sich also die Mühe machen und ihnen Kleider geben?«

An ein Plantagenhaus erinnerte sich Hannah ganz besonders gut. Es war nur eine Tagesfahrt von Williamsburg entfernt. Es hatte ein Erd- und ein Obergeschoß, war strahlend weiß und von hohen Bäumen beschattet und saß auf einem Hügel über dem James River. Auf allen Seiten war es von herrlichem grünem Rasen eingefaßt. Neben dem Haupthaus gab es noch verschiedene Nebengebäude. Für Hannah sah dies schon aus wie eine kleine Stadt.

Über dem Tor an der Straße, das die Zufahrt zur weitgeschwungenen Auffahrt vor dem Haus sicherte, hing ein Schild. Es hatte nur ein Wort. Hannah kannte noch nicht alle Buchstaben und fragte die Mutter, was auf dem Schild stand.

»›Malvern‹«, antwortete sie. »Viele dieser feinen Leute haben ihren Plantagen Namen gegeben. Eine hochmütige Art, wenn du’s wissen willst. Richtig Fantasie.«

Später erfuhr Hannah dann, daß diese Plantage Malcolm Verner gehörte und daß er jetzt allein dort lebte, natürlich mit zahlreichen Dienern und Farmarbeitern. Seine Frau war vor etlichen Jahren am Fieber gestorben und sein einziger Sohn Michael war vor einem Jahr auf See geblieben. Trotz des herrlichen Besitzes und all seiner Reichtümer mußte er ein sehr unglücklicher Mann sein, dachte sie.

In ihren künsten Träumen malte sie sich’s aus, wie wundervoll es wäre, Herrin eines so großen und schönen Hauses zu sein. Natürlich war es nur ein Traum, und mehr als dies konnte es niemals werden. Aber es wäre schon unendlich besser, als Leibeigene in einem solchen Haus zu dienen als in einer Kneipe …

»Bist du die Neue?«

Hannah schreckte aus ihren Träumen auf und sprang auf die Füße. Müdigkeit und Hunger hatten sie sehr geschwächt. Sie schwankte und knickte in den Knien ein.

Starke Arme fingen sie auf und drückten sie an einen sehr üppigen Busen, der köstlich nach frischgebackenem Brot und anderen herrlichen Sachen duftete. Eine tiefe Stimme sagte: »Du lieber Gott! Kind, was ist los mit dir? Du bist ja blaß wie ein Geist!« Ein rumpelndes Lachen. Es klang sehr gemütlich. »Der Herr weiß, ich bin kein Geist.« Der riesige Busen hüpfte vor Gelächter.

Hannah öffnete die Augen und schaute in das schwärzeste Gesicht und die gütigsten Augen, die sie je gesehen hatte. Im schwachen Licht wirkte das Gesicht fast blau, so dunkel war es. Auf den fleischigen Wangen des dicken Gesichtes waren ein paar weiße Schmierer, vermutlich Mehl.

Verlegen trat Hannah einen Schritt zurück. »Danke«, sagte sie schüchtern. »Es tut mir leid. Ich …«

Die schwarze Fau winkte ab. »Kind, ich heiße Bess. Der alte Stritch nennt mich Black Bess, wenn er nicht betrunken ist. Meistens ist er’s aber, und dann gibt er mir Namen, die nicht für die Ohren eines Kindes taugen.« Bess musterte sie nüchtern. »Dann bist du also Hannah? Na, sag mal, warum bist du denn grade umgekippt?« Sie klatschte sich mit der flachen Hand an die Stirn und ließ wieder weiße Spuren zurück. »Na, als wenn ich das nicht wüßte! Hungrig bist du, was, Kind? Hungrig. Und dazu in der Hitze den Boden schrubben. Komm schon mit.«

»Aber Mr. Stritch sagte …«

»Laß dich doch von dem alten Teufel Stritch gern haben! Außerdem kriecht der heute nicht vor dem Abend, wenn überhaupt, aus seinem Federbett.« Bess lachte und zeigte schneeweiße Zähne. »Nein, das tut er nicht mit seinem Gichtfuß.«

Bess führte Hannah nach rückwärts in die Küche, die ein paar Schritte vom Haupthaus entfernt war. Hannah wußte, daß man dies deshalb tat, weil man die Hitze der Kochfeuer vom Schankraum fernhalten wollte.

Hinter Bess betrat sie das Kochhaus, und da wäre sie fast wieder umgekippt. Es roch herrlich nach gebratenem Fleisch, doch es war ungeheuer heiß.

Sie schaute sich schnell um. Fast ehrfürchtig stellte sie fest, daß schon die Küche hier viel größer war als die ganze elende Hütte, in der sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater wohnte.

Ein riesiger Feuerplatz nahm eine ganze Wand ein. Er war so groß, daß eine Person mit der gesamten Kochausstattung drinnen stehen konnte. Ein Wildbretviertel drehte sich langsam an einem Spieß, und dieser Anblick überwältigte Hannah so sehr, daß ihr unwillkürlich der Speichel im Mund zusammenlief. Bess folgte der Richtung ihres Blickes. Sie deutete auf einen kleinen Tisch neben der Tür. »Setz dich da her, Kind, da ist’s kühler. Ich such dir inzwischen was für deinen leeren Magen zusammen.«

Die schwarze Frau watschelte zur Feuerstelle, stellte den Spieß ab und schnitzelte Scheiben des gebratenen Fleisches vom Hinterviertel. Das Fleisch legte sie auf einen großen Zinnteller, und Hannah schaute ihr dabei fassungslos zu. Sie hätte doch nie daran zu glauben gewagt, daß man ihr das Fleisch zu essen geben könnte.

Bess stellte den Spieß wieder so ein, daß er sich weiterdrehte, dann nahm sie den Teller und stellte ihn auf den großen Mitteltisch. Aus der Speisekammer nebenan holte sie einen riesigen Brotlaib. Von dem schnitt sie eine dicke Scheibe ab und legte sie neben den Teller.

Weißes Brot. Zu Hause hatten sie niemals weißes Brot. Der Hunger krampfte Hannahs Magen zusammen, als sie zusah, wie Bess noch einen großen Butterklecks auf den Teller legte und einen Becher voll Milch goß.

Bess winkte Hannah heran und schob das Essen vor sie. Hannah wollte sich sehr bemühen, sich wie eine junge Dame zurückzuhalten, doch ihr Hunger war so groß, daß es ihr nicht gelang. Wie eine halbverhungerte Wilde fiel sie über das Essen her. Bess sah ihr ein paar Augenblicke lang zu und nickte zufrieden. Dann machte sie sich an ihre Arbeit.

Das Fleisch war außen wundervoll rösch und innen saftig. Das Brot duftete, war innen zart und hatte eine braune Kruste, die Milch war kühl und schmeckte köstlich. Als Hannah endlich den schlimmsten Hunger gestillt hatte und langsamer weiteraß, hatte Bess schon einen neuen Teller vor sie gestellt. Darauf lagen Stücke würzig riechenden Ingwerbrotes, eine Scheibe Maispudding und ein dicker, reifer, rosiger Pfirsich.

Dankbar schaute sie zu Bess hoch. Im Moment vermochte sie nicht zu sprechen. Die große, dicke Frau nickte verständnisvoll, kehrte wieder zu ihrer Arbeit zurück und ließ Hannah weiteressen, ganz in Ruhe und ohne Verlegenheit.

Als Hannahs Hunger endlich ganz gestillt war, schaute sie sich um. Ihr Staunen wuchs. Hier gab es so viele Pfannen und Töpfe, daß sie einen solchen Reichtum nie für möglich gehalten hätte. Das war aber auch eine moderne Küche! Ober dem Feuerplatz und an den Wänden hingen sehr viele Geräte und Instrumente, deren Verwendungszweck sie nicht kannte, denn sie hatte all diese Dinge noch nie gesehen. Schon der sich von selbst drehende Spieß war für sie ein Wunder.

Sie lehnte sich im Stuhl zurück. Weil sie soviel gegessen hatte wie noch nie in ihrem Leben, fühlte sie sich schläfrig und auch etwas aufgebläht. Angenehm müde sah sie Bess zu, die sich in der Küche zu schaffen machte und bedächtig arbeitete, aber keinen Handgriff zuviel tat, keine Bewegung dabei verschwendete. Und dabei schwatzte sie unaufhörlich. Die Frau war so umfangreich, daß sich Hannah gar nicht vorstellen konnte, wie sie die Hitze ertrug.

»Dieser alte Teufel Stritch kommt ungefähr alle zwei Wochen mit einem Gichtanfall. Füllt seinen Bauch mit viel zuviel guten Sachen aus meiner Küche, jawohl. Einmal wird es ihm noch seinen dicken, vollgefressenen Bauch zerreißen.« Sie lachte schallend. »Ha, ha, auf den Tag warte ich! Kind, du darfst froh sein, daß der alte Stritch die Gicht hat. In den nächsten paar Tagen wird er kaum rumhoppeln können.«

Sie musterte Hannah mit einem mitleidsvollen Blick, doch Hannah war so schläfrig, daß sie ihn kaum bemerkte.

»Weißt du, Mädelchen, nach wem sie mich benannt haben?« redete sie weiter und tat dabei ihre Arbeit. »Da ist eine weiße Königin in England drüben. Königin Elizabeth. Queen Bess nennt man sie auch. Mächtige Frau.« Sie lachte laut. »Meine alte Mammi war ja auch bloß eine Sklavin, aber sie war gern lustig und hat sich auch immer was Lustiges ausgedacht. Und sie fand es lustig, mich nach der Königin von einem ganzen weißen Volk zu nennen.«

Hannah nickte heftig dazu, um ihr Interesse zu bekunden. »Bess, wie lange bist du Leibeigene bei Mr. Stritch?« fragte sie.

»Leibeigene!« Sie schwag ihren mächtigen Körper herum und sah ernst drein. »Herrje, Kind, ich bin keine Leibeigene vom alten Stritch. Er hat mich mit Leib und Seele und fürs ganze Leben gekauft. Das heißt, wenn er mich nicht wieder verkauft.«

Hannah hielt den Atem an. »Ah, Bess, das tut mir aber leid!«

»Honey, Liebes, du brauchst keinen Atem zu verschwenden. Ist gar nicht nötig, daß dir die alte Bess leid tut. War mein Leben lang nichts als Sklavin, Mädchen. Und du wirst noch genug Gelegenheit haben, dir selbst leid zu tun, Mädchen …«

In diesem Moment kam der Junge, den sie morgens gesehen hatte, als er die Straße vor der Kneipe fegte, schüchtern in die Küche.

Bess drehte sich zu ihm um. »Magst du einen Happen essen?« fragte sie ihn. »Bist du draußen fertig?«

»Ja, Mammi.« Der Junge nickte eifrig.

»Hannah, das Kind heißt Dickie«, erklärte ihr Bess.

Hannah lächelte den Jungen an. »Hallo, Dickie. Und wie heißt du noch?«

Der Junge zog den Kopf ein und schaute auf seine nackten Füße hinab. »Hab’ keinen anderen Namen, M’lady«, murmelte er.

Bess zauste den Schopf des Jungen. »Dickie ist ein Waisenkind, Honey. Hat keine Menschenseele und auch sonst nichts. Ist über das Wasser gekommen, aus England, und dann hat ihn der alte Stritch als Leibeigenen bekommen.« Sie trat zurück, und ihre Stimme wurde ein wenig rauher. »Junge, bevor du dir den Bauch vollschlägst, füllst du mir noch den Kessel mit Wasser von der Pumpe draußen.«

Dickie nickte, nahm einen Holzeimer aus der Ecke und verschwand nach draußen.

Bess wandte sich an Hannah. »Und du, Kind, brauchst eine ordentliche Wäsche. Ich mache einen Kessel Wasser warm, dann kannst du dich dort in der Wanne waschen. Und was anderes zum Anziehen müssen wir dir auch suchen. Du hast ja nur Lumpen und Fetzen an dir.«

Da fiel Hannah wieder die ganze Würdelosigkeit ein, der sie ausgesetzt gewesen war, und sie raffte hastig das zerrissene Kleid über der Brust zusammen. »Es ist … auf dem Weg hierher … zerrissen«, stammelte sie.

»Hab’s gesehen. Hab’ ja zugeschaut, wie dich der Mann an einem Strick hergezogen hat«, antwortete Bess grimmig. »Den sollt man ja wirklich mal gründlich mit dem Stock behandeln. Das seinem eigenen Kind anzutun!«

»Es ist nicht mein Vater, sondern mein Stiefvater.«

»Spielt überhaupt keine Rolle. War auf jeden Fall eine sehr schändliche Sache.«

Dickie kam mit einem Eimer Wasser zurück und goß es in den großen schwarzen Kessel über der Feuerstelle. Bess legte Holz auf, und Dickie mußte noch ein paarmal gehen und das kalte Wasser in eine Holzwanne in der Ecke gießen.

Schließlich sagte Bess: »So, das reicht jetzt. Hier …« Sie häufte Essen auf einen Teller. »Und du gehst jetzt nach draußen, Dickie. Aber daß du mir nicht reinguckst! Wir müssen dieses Kind hier ganz gründlich abschrubben.«

Sie scheuchte Dickie hinaus und wandte sich zu Hannah um. »Und du, Lieberchen, ziehst dich jetzt aus. Splitternackt. Bis auf die Haut, verstanden?«

Verlegen zögerte Hannah. Noch nie hatte sie nackt vor einem anderen Menschen gestanden, nur vor ihrer Mutter.

Bess spürte ihre Verlegenheit, drehte ihr den Rücken zu und schwatzte weiter. »Deine Lumpen verbrennen wir. Sind noch ein paar Kleider von dem letzten Mädchen da, und die müßten dir passen. Sie hat eben ihre Zeit als …«

Sie drehte sich herum, als Hannah eben aus ihrem zerfetzten Hemd stieg. Bess blieb eine Weile mit offenem Mund stehen. »Herrje, Kind, du bist aber ein Anblick!« Sie spitzte die Lippen zu einem leisen Pfiff der Anerkennung. »Du bist ja schmucker als jede von den teuren Ladies!«

Hannah spürte, wie sie rot wurde. »Meinst du wirklich, Bess? Quint sagt immer, ich bin für eine Frau viel zu groß. Er nennt mich eine große Kuh.«

Bess schniefte. »Du hör ja nie auf das, was die Sorte Männer sagt, Honey. Er ist doch nicht besser als Straßendreck und versteht nichts von Qualität. Du hör lieber auf die alte Bess, und die sagt, du bist eine Schönheit.«

Die schwarzen Augen der dicken Negerin musterten lange das herzförmige Gesichtchen mit dem Rahmen aus kupferfarbenen Locken. Die grünen Augen schimmerten wie Smaragde. Hannahs Brüste waren hoch angesetzt und stolz; der Bauch über dem rostfarbenen Fellchen ihres Venusberges war leicht gerundet, und sie hatte ausnehmend schöne lange Beine. Bess überlegte, daß dieses Mädchen heute schon das personifizierte Versprechen großer Schönheit war, sobald erst einmal der Rest des Babyspecks wegschmolz. Und das, was sie dem Mädchen sagte, stimmte. Mit ihrer Schönheit und stolzen Haltung konnte Hannah die meisten reichen und sogar schönen Damen in den Schatten stellen. Nicht einmal die Schmutzschmierer im Gesicht und an den Händen konnten ihre Schönheit herabmindern. Und ihre Anmut war die Grazie der königlich Geborenen. Ihre Haut war weich und hatte einen rosig-goldenen Schimmer wie ein reifer Pfirsich.

Plötzlich griff Bess aus und nahm eine von Hannahs Händen. Es war eine schöne Hand, wenn auch verarbeitet, doch gut geformt. Bess ließ die Hand fallen und tätschelte dem Mädchen den Kopf. Sie war traurig über das, was sie gesehen hatte. Irgendwo in der Vergangenheit des Kindes war eine afrikanische Königin, dachte sie, aber Hannah schien davon nichts zu ahnen.

Wenn sie sich so Hannahs fast vollerblühten Körper anschaute, begriff sie, was diesen alten Teufel Stritch veranlaßt hatte, dieses Mädchen als Leibeigene aufzunehmen. Das arme Kind; Hannah wußte noch gar nicht, was auf sie wartete.

»So, und jetzt in die Wanne mit dir, Kind!« befahl Bess energisch.

Hannah gehorchte und stieg mit einem Fuß hinein, dann mit dem anderen. »Oh, das ist aber kalt, Bess!« murmelte sie.

»Klar, Honey«, antwortete Bess und runzelte die Brauen, kam aber sofort mit dem dampfenden Kessel. »Und du sagst mir jetzt, wann’s warm genug ist für dich.«

Sie goß heißes Wasser aus dem Kessel in die Wanne, und Hannah stand nackt vor ihr. Seltsam, sie hatte keine Scheu vor dieser Frau. Gleich darauf spielte das warme Wasser schon um ihre Knöchel. Sie ließ sich hinab, zog die Knie hinauf und saß da.

»Warm genug?«

Hannah nickte. Bess reichte ihr einen Riegel grober Seife und einen Waschlappen. »Aber jetzt rubbel dich mal ganz ordentlich ab, ja?«

Darüber braucht sie sich keine Gedanken zu machen, überlegte Hannah und genoß das Bad. Zu Hause war alles, was sie für sich tun konnte, eine kalte Ganzwäsche mit dem Waschlappen. Das hier war einfach himmlisch! Langsam und sehr gründlich wusch sie sich und hörte zu, was Bess alles schwatzte.

»Die meisten Schenken«, sagte sie, »haben ein Dutzend Leute, Sklaven und Leibeigene. Aber der alte Stritch ist ein Geizkragen. Nur du und ich und Dickie, drei zum Bedienen und zum Saubermachen oben. Und Nell.«

»Wer ist Nell?«

»Das andere Mädchen für die Schenke. Die ist ein ganz gemeines Luder, Hannah, ordinär wie Katzendreck. Laß dich von der nur ja nicht belästigen …«

Hannah war erst ein wenig schockiert, daß eine Frau sich solcher Ausdrücke bediente, doch sie gewöhnte sich allmählich daran. Sie wußte, daß sie Bess mochte, egal ob sie sich nun sehr drastisch ausdrückte oder nicht.

»Kind, für eines kannst du dankbar sein. Vielleicht gibt es in den nächsten Wochen nicht allzu viel Arbeit. Kannst dich dann leichter eingewöhnen. Während der öffentlichen Wochen geht es aber schlimm zu. Da tritt das Bürgerhaus zusammen. Feine Gentlemen aus ganz Virginia kommen her. Und da schuften wir dann ununterbrochen. Alle Betten oben sind vermietet, nur das vom alten Stritch nicht. Den ganzen Tag über bis spät in die Nacht hinein wird gegessen und getrunken …«

Von der Kneipe her ertönte ein Schrei. Bess ging zur Tür.