Der träumende Nebel - Manuel Deinert - E-Book

Der träumende Nebel E-Book

Manuel Deinert

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Beschreibung

Der zwölfjährige Flo liebt es, vergessene Orte aufzuspüren. Daher stolpert sein Herz vor Freude, als er an einen uralten Brief gelangt. Darin erzählt der Jäger Waldemar Möhrchen, welch unglaublichen Dinge er an einem nebeligen, eisigen Morgen im Düsterbrook beobachtet hat. Der sumpfige Wald befindet sich unweit von Flos Dorf, von einer alten Mühle in jenem Wald hat er jedoch noch nichts gehört. Die will der Jäger gesehen haben. Ebenso einen weißen Hirsch und eine Waldhexe. Halluzinierte der Jäger? Um das herauszufinden, begibt sich Flo auf die Suche nach der Mühle - zusammen mit seiner besten Freundin Jenny. Die will ihn nämlich nicht alleine lassen in dem eisigen Nebel, der seit Tagen alles verhüllt ... Ein phantastisches und spannendes Abenteuer für alle, die glauben, dass Nebel mehr birgt als Nässe und Kälte!

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Manuel Deinert – als waschechtes Sonntagskind 1979 in Westfalen geboren, sitzt ihm der Schalk im Nacken und die Poesie in der Seele. Seit seiner Jugend schreibt er Gedichte und Lieder und seit einigen Jahren auch Geschichten. Der träumende Nebel ist sein sechstes Buch für kleine und große Abenteuerfreunde.

»Du musst dich beeilen!«

»Wieso?«

»Ich habe das Gefühl, dass dieser

träumende Nebel ein Geheimnis birgt.«

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Nachtrag

24. Anhang

Nachwort

1.

Ein kalter Dunst bedeckt das Land,

an Bäumen glänzen Frost und Eis.

Nur selten kommt solch Nebelwand.

Ob sie was Böses birgt? Wer weiß?

»Komm rein, mein Junge! Komm rein! Holst dir ja den Tod da draußen!«

Der hutzelige, wohlbeleibte Herr Zitterbart schob das dunkle Bündel ins Haus, schaute ungläubig in den eisigen Nebel, der seine blühende Magnolie in einen weißen Märchenbaum verwandelt hatte, und schloss die Tür eilends wieder zu. Sogleich klopfte das Männlein munter auf den Besucher ein und wirbelte funkelnde Eiskristalle auf. »Ein Schneegestöber in meinem Flur!«, lachte es und fuchtelte mit seinen kleinen Armen umher.

Aus dem Bündel kam ein Kichern und Husten und zwei Arme, die sich eine Mütze vom Kopf nahmen, eine Mütze mit verschnörkelten Zeichen und Buchstaben darauf.

»Ja, das ist wirklich scheußlich da draußen!«, sagte das Knäuel und kämpfte gegen seinen scheinbar endlosen Schal. »Die ganze Welt ist eingefroren. Mitten im März! Und dieser Nebel! So etwas habe ich noch nie gesehen!«

»Kannst du auch nicht, Florian«, sagte Herr Zitterbart. »So einen Eisnebel gibt's nur einmal in hundert Jahren. Hab es in einem alten Bauernkalender gelesen. Eine seltene Mischung aus klirrender Kälte und tagelanger Windstille.«

»Flo«, sagte der Junge. »Nennen Sie mich Flo. Nur meine Lehrer rufen mich Florian. Und das auch nur, wenn ich nicht aufgepasst habe.« Er befreite sich aus seinem Schal und zog die Jacke aus. Zum Vorschein kam ein zwölfjähriges Bürschlein mit gefrorener Nase, leuchtend roten Wangen und rehbraunen, aufmerksamen Augen.

»Du hast aber lange Haare, Flo!«, freute sich Herr Zitterbart.

»Danke«, lächelte Flo und strich sich durch die schulterlangen Strähnen.

Der Alte fuhr über seine runzelige Glatze. »Kaum zu glauben, ich hatte auch mal so eine Hippie-Matte wie du.« Er kicherte. »Jetzt sieht mein Schädel aus wie eine verwelkte Bowlingkugel.«

Flo lachte und betrachtete seinen Gastgeber. Er war nicht viel größer als Flo, aber um ein etliches älter. Mindestens achtzig, schätzte Flo. Und nicht nur seine Glatze, sein ganzes Gesicht bestand aus unzähligen Falten und Grübchen, aus denen ein paar spitzbübische Augen blitzten. Sein Bauch war gemütlich rund und steckte hinter einem braunen Hemd und Hosenträgern. Flo musste an einen Hobbit denken, den ältesten, gutmütigsten Hobbit im Auenland.

»Deine Mütze sieht höchst sonderbar aus«, bemerkte der Hobbit, dessen klare Stimme das hohe Alter nicht ahnen ließ. »Diese seltsamen Zeichen und der Schriftzug: Farrenstein. Was ist ein Farrenstein?«

Lächelnd drehte Flo seine Mütze. »Das ist eine Mittelalter-Band.«

»Mittelalter-Band? Gab es damals schon Bands?«

Flo schmunzelte. »Wahrscheinlich nicht. Aber wer weiß das schon so genau?«

»Das stimmt«, nickte der rundliche Kerl. »Wir waren ja nicht dort. Und was machen die für Musik?«

»Die spielen auf Gitarren und Flöten mittelalterliche Melodien und singen über Vagabunden, Wälder, alte Sagen, so was halt.«

Der Alte runzelte die Stirn. »Und sie verkaufen Mützen. Höchst sonderbare Geschäftsidee!«

»Äh«, machte Flo und wollte etwas erwidern, doch da zwinkerte ihm Herr Zitterbart zu.

»Schön, dass du meiner Einladung gefolgt bist«, strahlte dieser. »Sie kam vermutlich etwas überraschend.«

Allerdings, dachte Flo und nickte. Er hatte den Alten schon oft gesehen, im Supermarkt oder in der Kirche; Westerheide war ein beschauliches Dorf. Aber er kannte bisher nur Zitterbarts Enkel Paul und Kalle, wie jeder im Dorf. Paul besaß seltene Schafe, die auf den Wiesen rund um Westerheide weideten, und Kalle hielt glückliche Schweine, wie er jedem erklärte. Er belieferte Meises Landmetzgerei ebenso wie das Landlädchen von Flos Mutter mit allerlei Köstlichkeiten. Dennoch war Flo sofort in die Pedalen gestiegen, als ihm Herr Zitterbart am Telefon von einer höchst interessanten Entdeckung erzählt hatte.

»Komm, ich habe einen heißen Kakao für dich.«

Flo rieb sich die Hände. »Das klingt gut. Dann taue ich wieder auf.«

Er folgte dem Alten in den Flur, wo alte Gemälde und Karten von Westerheide und dem Umland hingen. Flo sah sie sich begeistert an und entdeckte Klosterruinen, Heidebilder und dunkle Wälder. Auf einer Zeichnung ragten zerfallene Mauern aus dichtem Gestrüpp empor. Darunter stand geschrieben:

Grau liegt der Schleier der Vergessenheit auf diesem Steingetrümmer, auf den Grüften, die in der braunen Heide rings verstreut, und keine Hand vermocht' es, ihn zu lüften.

Flo hielt nichts von Gedichten, sie waren schnulzig und schwurbelig, kein vernünftiger Mensch redete so. Aber diese Zeilen, geschrieben von einem gewissen Ludwig Altenbernd, gefielen ihm. Er verstand sie, er fühlte sie. Versuchte er doch in seiner Freizeit genau das: die Geheimnisse vergessener Orte zu lüften.

Der Alte huschte durch eine Tür in ein schummriges Zimmer und winkte Flo, ihm zu folgen. Er ließ ab von den Karten und Bildern und betrat nichtsahnend den Raum.

Wow!, staunte er, als er eintrat. Wow!

Der Raum war groß und besaß hohe Wände, was nichts Besonderes war. Flos Klassenzimmer hatte ebenfalls hohe Wände, weiße, kahle Mauern. Flo rieb sich die Augen. Wie anders sah es aber hier aus! Vom Boden bis zur Decke befanden sich Regale voller Bücher. Bücher, die uralt schienen, mit roten, braunen und grünen Einbänden, geheimnisvoll verziert und mit einer altertümlichen Schrift bedruckt. Und der Geruch! Das vergilbte Papier verströmte einen seltsamen, staubigen Duft.

»Uff«, entfuhr es Flo, der sich vorkam wie in der Hogwarts-Bibliothek. »Die müssen steinalt sein!«

Der rundliche Greis fuhr mit seinem Blick über die zahllosen Schätze und in seinen Augen blitzte eine kindliche Freude. »Manche haben ihre vierhundert Jahre hinter sich.«

»Vierhundert Jahre?«, staunte Flo, dem plötzlich ein Licht aufging: Herr Zitterbart gab seit etlichen Jahren die Heimatblätter heraus, ein Magazin zur Geschichte von Westerheide. Flo hatte sich schon immer gefragt, woher der Alte sein ganzes Wissen hatte. Die Bücher! »Daher Ihre vielen Entdeckungen!«

Der Alte kicherte. »Die Bücher sind mir eine große Hilfe. Aber es gehört mehr dazu.«

Flo rieb sich das Kinn. »Haben Sie die alle gelesen?«

»Ja, so ziemlich«, nickte der Alte und seufzte, als erinnerte er sich an lang vergangene Zeiten mit guten Freunden.

»Wow!«, sagte Flo, der außer den Heimatblättern und archäologischen Online-Artikeln nicht gern las.

»Und was ist mit dir?«, erkundigte sich der Alte.

»Es geht so«, grinste er verlegen.

Herr Zitterbart schien Flos Gedanken zu erraten und zwinkerte ihm zu. »Ich meine nicht diese öden Schinken aus der Schule.« Er griff nach einem Buch mit reich verziertem Rücken. »Ich meine so etwas: Robert Reinick, Geschichten und Gedichte aus vergangenen Tagen.« Er nahm ein weiteres Buch in edlem Ledereinband mit Goldrand. »Rudolf Baumbach, niemand hat von den Ereignissen grauer Vorzeit so meisterhaft erzählt wie er.«

Flo zuckte die Schultern. »Nie gehört.«

Herr Zitterbart schüttelte den Kopf. »Sie verderben euch in der Schule. Es ist eine Schande!« Und mit einer Schnelligkeit, die Flo dem alten Mann nicht zugetraut hätte, huschte er zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Tasse Kakao dampfte. »Hier, der ist für dich.«

Flo nahm die Tasse und pustete. »Danke!« Er trank einen Schluck und spürte, wie die Wärme in seinen Magen rutschte und es sich dort gemütlich machte. »Also«, sagte er, halb neugierig, halb amüsiert. »Sie meinen, unsere Lehrer verderben uns?«

»Nein, nicht die Lehrer, der Lehrplan!«, schnaubte der Alte und nahm ein weiteres Buch, dessen Einband eine gezeichnete Wassermühle zierte. »Die Lehrer machen das, was sie sollen. Und so lernt ihr ein paar Namen und Daten von Königen und Päpsten, aber wie der einfache Mensch lebte und was er glaubte, davon erfahrt ihr kein Wort.« Er sah Flo prüfend an. »Oder weißt du, dass Müller im Mittelalter als Diebe galten? Und dass man als Landstreicher in einer Mühle Asyl fand?«

»Äh«, machte Flo nur.

»Siehst du! Sie verderben euch!« Er zeigte auf die Bücherwand. »Die Hochwohlgeborenen und Pfaffen haben sich nach Belieben ihre eigene Geschichte geschrieben, und zwar mehr gelogen als gelebt. Aber was wirklich dort draußen passiert ist, in den Wäldern und Mooren, jenseits der Burgen und Kirchen, das findest du hier drin.« Behutsam strich er über ein paar Buchrücken. »Festgehalten in volkskundigen Sammlungen, Tagebüchern, Liedern, Sagen und Gedichten. Von Müllern, Köhlern, Jägern …« Er hielt inne und schielte zu Flo. »Kannst du mir noch folgen?«

»Ja«, schmunzelte Flo, froh, den Weg durch den Eisnebel auf sich genommen zu haben. Der runde Kerl wurde ihm von Minute zu Minute sympathischer. Flos Herz schlug ebenfalls für all das Vergessene dort draußen. Ihm war jedoch nicht bewusst gewesen, dass es Bücher, so viele Bücher darüber gab. Sollte er doch mit Lesen anfangen?

»Ist die Schrift schwer zu lernen?«, fragte er und betrachtete die sonderbaren Buchstaben auf dem Mühlenbüchlein.

»Altdeutsch? Nein«, freute sich der Alte. »Das ist nicht schwer. Ich kann es dir beibringen. Ist schnell gemacht und wie so vieles im Leben nur eine Sache der Übung.«

»Gerne«, sagte Flo mit Herzklopfen. Alles, was ihm helfen würde, Rätsel der Vergangenheit zu lösen, bereitete ihm Freude.

Er trank einen weiteren Schluck Kakao und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Nicht nur die Regale waren vollgestopft mit Büchern, auch die kleinen, dunkelbraunen Tische, die mitten im Zimmer standen. Auf einem lag ein großer Foliant, auf dem das Bild eines alten Klosters prangte. Dreizehnlinden stand darunter. Oder so ähnlich.

»Also«, schmunzelte Flo, der dieses Chaos mochte. »Wieso wollten Sie mich sprechen?«

»Ach ja«, meinte Herr Zitterbart und wedelte mit dem Mühlenbuch in der Hand. »Manchmal verliere ich den Faden. Ich weiß auch nicht, wieso. Vermutlich gibt es einfach so viel zu entdecken und zu erzählen.« Er trat hinter seinen überfüllten Schreibtisch und zog aus einem weiteren vergilbten Buch einen Brief hervor. »Den habe ich heute gefunden.« Er faltete das gelbbraune Stück Papier behutsam auseinander und drehte es in Flos Richtung. Darauf standen schräge, dichtgedrängte Zeichen, von Hand geschrieben.

»Äh«, lachte Flo. »Soll das eine Schrift sein?«

»O ja, das ist die deutsche Kurrentschrift, so schrieb man noch bis vor achtzig Jahren. Schön, nicht wahr?«

»Na, ich weiß nicht«, meinte Flo und schaute auf das verschnörkelte Durcheinander auf dem Papier. Er konnte nicht ein Wort entziffern. »Es sieht auf jeden Fall sehr kunstvoll aus.«

Der Alte nahm den Brief in die Hand und schnupperte daran. »Hach, es gibt nichts Spannenderes als altes Papier. Was es alles zu erzählen weiß!«

»Wenn man es lesen kann«, meinte Flo.

Herr Zitterbart richtete seinen Blick fest auf Flo. »Schließe die Augen.«

Flo schaute ihn irritiert an.

»Schließe deine Augen.«

Flo lachte unsicher. »Na, wenn Sie meinen.«

»Nicht schummeln!«, ermahnte ihn der Alte und trat hinter dem Schreibtisch hervor.

»Nee, ich drücke die Augen ganz fest zu.«

»So ist's gut«, meinte Herr Zitterbart. »Was siehst du?«

Zuerst wusste Flo nicht, was er sagen sollte. Seine Augen waren nun wirklich zusammengekniffen. Er sah aus, als würde er in eine Zitrone beißen. Doch was war das!

»Ich rieche Kakao!«, grinste Flo.

»Papperlapapp!«, sagte der Alte. »Ich will nicht wissen, was du riechst.«

»Okay, okay!«, beschwichtigte Flo, dem das Ganze sehr sonderbar vorkam. Was sollte man mit geschlossenen Augen sehen?

Moment! Ein merkwürdiger Hauch streifte Flos Nase. Der Kakaoduft war verschwunden. Jetzt roch es nach, nach ... nach Vergangenheit. Ja, so roch die Zeit, wenn sie lange vorbei war. Und da! Bilder tauchten vor seinen Augen auf. Erst schemenhaft, vernebelt, dann in kräftigen Farben.

»Und?«, fragte der Alte. »Was siehst du?«

Flo lächelte, als erinnerte er sich eines lang vergessenen Traumes. »Alte Fachwerkhäuser und Menschen, sonderbar gekleidet, einen Pferdewagen, mit Heu beladen. In den Gassen laufen Hühner und ein Esel steht vor einer Wassermühle.«

Flo bemerkte es nicht: Auch Herr Zitterbart lächelte. Eine Röte breite sich auf seinen Wangen aus und er wirkte sehr, sehr zufrieden. »Und was hörst du?«

»Vogelzwitschern, Kinderstimmen, Hufgeklapper, Hühnergackern. Und von irgendwo erklingt ein Lied.«

Einen Augenblick standen die beiden träumend und beglückt im Zimmer und wer sie durch das große Fenster von draußen gesehen hätte, wäre nicht wenig verwundert gewesen, den alten Zitterbart dabei zu beobachten, wie er dem Florian Fritzenkötter ein Blatt Papier unter die Nase hielt, der so selig wirkte, als röche er eine Pizza Tonno mit doppelt Käse.

Plötzlich verschwand der Geruch und wie aus einem Halbschlaf erwachend öffnete Flo die Augen.

»Das war der Brief?«, staunte er, einen letzten Hauch des Papieres wahrnehmend, das Herr Zitterbart zurück auf den Schreibtisch legte.

»Das war der Brief«, bestätigte der Alte. »Ich wusste, du kannst ihn lesen.« Und mit einem Schmunzeln fügte er hinzu. »Ganz ohne die vielen Worte.«

Flo schwirrte der Kopf. Was waren das für Bilder gewesen? Und dieses Kribbeln! Das hatte er zuletzt beim Entdecken der Entenkojen gespürt. Damals, mit Klecks.

Er seufzte. Es war ein dreiviertel Jahr her, dass Klecks gestorben war. Klecks, sein geliebter Hund. Er hatte ihn auf dem Hundefriedhof begraben. Damals, im Sommer.

»Willst du wissen, was in dem Brief steht?«, fragte Herr Zitterbart ihn. Flo nickte benommen. »Das ist gut, deswegen habe ich dich hergebeten.«

»Wegen des Briefes?«

»Gewiss, du bist doch der jüngste Hobbyarchäologe in Westfalen, oder?«

Flo grinste und griff sich an den Hals. Dorthin, wo sich all die Zeit das braune Halstuch befunden hatte, das er von echten Archäologen der Denkmalbehörde für das Auffinden jener alten Ententeiche geschenkt bekommen hatte. Das braune Halstuch, das nun mit Klecks begraben lag.

»Dann sind wir Kollegen«, sagte Herr Zitterbart und kicherte. »Nur bin ich wahrscheinlich der älteste Hobbyarchäologe in Westfalen.« Er deutete auf einen dicken Ledersessel. »Setz dich, Flo, mach es dir bequem. Herr Möhrchen hat uns eine Menge mitzuteilen.«

»Herr Möhrchen?«, fragte Flo verwundert. »Waldemar Möhrchen?«

»Du kennst ihn?«, erwiderte der Alte. »Er war Jäger in Westerheide.«

»Der hat den Hundefriedhof gegründet.«

»Richtig, im Jahre 1877, um genau zu sein. Für seinen treuen Jagdhund Waldi. Seitdem begraben die Menschen in Westerheide ihre Hunde auf dem Friedhof hinter der Kirche.«

Ich weiß, dachte Flo mit einem Kloß im Hals. Herr Zitterbart wusste nichts von Klecks und den Abenteuern, die sie gemeinsam erlebt hatten. Er schluckte und zeigte auf den Brief. »Und der ist von Waldemar Möhrchen? Dann ist der ja, äh, uralt.«

»Genau, aber nicht sein Alter ist von Bedeutung, sondern sein Inhalt. Von merkwürdigen Dingen wird darin berichtet. Und da du dich in Westerheide auskennst wie kein zweiter, dachte ich mir, hilfst du mir dabei, ihn zu verstehen.« Er zwinkerte Flo zu. »Von Kollege zu Kollege.«

Flo machte große Augen. Herr Zitterbart war der Experte, was Westerheide betraf. Er wusste schier alles, was in den letzten achthundert Jahren in dem kleinen Dorf passiert war. Flo hatte bisher nur die Entenkojen entdeckt. Nichtsdestotrotz rieb er sich die Hände. »Ich will's versuchen.«

Er setzte sich auf den Ledersessel, aber ganz vorn auf die Kante, damit er ja kein Wort dieses geheimnisvollen Briefes verpasste. Eines Briefes, der so wichtig war, dass der Alte ihn trotz des Eisnebels hergebeten hatte. Wovon mochte er berichten?

Gespannt nahm er die Tasse Kakao in die Hand und lauschte.

2.

Im Düsterbrook, dem stillen Moor,

empfängt dich weite Einsamkeit.

Und manchmal steigen dort empor

Geschichten aus vergangner Zeit.

17. Januar 1879

Werter Herr Pfarrer,

nachdem mein lieber Waldi vor nunmehr zwei Wintern in die Ewigen Jagdgründe eingegangen ist und jetzt dem himmlischen Hifthorn folgt, wird es für mich Zeit, Ihnen von jenem denkwürdigen Tag zu berichten, von dem alle wissen, dass mich da mein Waldi gerettet hat. Gerettet! Was für ein billiges Wort für die Befreiung aus des Teufels Hand!

Ich habe bisher keinem davon erzählt, sagte stets, dass ich mich im Wald verlaufen hatte. Es erschien mir immer sonderbar, dass niemand diesen Umstand in Frage stellte. Welcher Jäger verirrt sich in seinem eigenen Wald? Vielleicht war es Anstand, vielleicht Achtung vor meiner Person, ich weiß es nicht. Kam Ihnen nie in den Sinn, mich danach zu fragen?

Ja, der Düsterbrook ist ein schauriger Wald. Mit seinen dichten Erlen und Birken und windschiefen Kiefern. Mit seinen Mooren und Morasten. Es gibt nur Wenige, die die Pfade durch diese tückische Landschaft kennen. Die alten Entenmüller. Weil sie in der Nähe die Entenkojen unterhalten. Und ich. Weil ich seit vierzig Jahren im Düsterbrook ein und ausgehe. Daher bin ich mir sicher, dass es an jenem Märzmorgen nicht mit rechten Dingen zuging.

Aber lassen Sie mich von vorn beginnen.

Es war ein sonderbarer Tag. Es wehte kein Wind. Nicht ein Lufthauch regte sich. Und kalt war es. So unsagbar kalt, dass der Lederriemen meiner Büchse schier an meinem Mantel festfror. Und weil es so kalt war und windstill, sah die Welt ganz eigenartig aus. Da war ein Nebel über Wald und Feld. Aber nicht gebildet aus feuchter Luft, sondern aus Eis. Und dieser Eisnebel ruhte zwischen den Bäumen, zwischen den Mooren und Binsen. Entfernen sich die Schleier für gewöhnlich, wenn man sich ihnen nähert, so verharrten diese an Ort und Stelle. Die Luft war erfüllt mit Eiskristallen, und sie bewegte sich nicht. Es war, als würde man durch einen vereisten Traum wandeln.

Jeder Schritt knisterte, jeder Atemzug klirrte, die gefrorenen Nadeln der Kiefern schienen zu knacken, ebenso das Eis auf dem Moor. Nichts regte sich, aber alles klang. Das habe ich in meinen über sechzig Lebensjahren nicht erlebt. Schaurig war das.

Durch diese weiße, knisternde Stille führte mich mein Weg an jenem Morgen. Ich folgte der frischen Spur eines Hirschen. Eines großen Hirschen. Auf dem eisigen Boden waren seine Hufabdrücke unschwer auszumachen. Aber er wollte mich narren. Ich fand Spuren, aber keinen Hirsch.

Doch mit einem Male knackte es im Erlenholz. Und da! Ein weißer Hirsch! Direkt vor meinen Augen. Ein Märchenwesen. Der Traum eines jeden Jägers. Er überragte mich um mehr als eine Kopflänge, sein Gehörn glitzerte weiß, sein Fell schimmerte weiß, selbst seine Hufen waren weiß. Doch wie ich blinzle, ist er in den Nebelschwaden verschwunden.

Waldi und ich folgten seiner Fährte und fanden wieder nichts als vereiste Bäume, Pilze und Blätter. Es war nicht auszuhalten. Mein Jägerglück! Der Fang meines Lebens! Irgendwo versteckt im Düsterbrook!

Da hörte ich es wieder knacken. Diesmal kam kein Hirsch, sondern ein Junge. Er trug grüne Leinenhosen und ein weites, graues Hemd. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen. Seinen Kopf bedeckte zwar eine dicke Fellmütze, aber seine Ärmel waren hochgekrempelt, kräftige Arme kamen darunter zum Vorschein. Von den Entenmüllern war es niemand. Die Jungs kenne ich alle. Wer war dieser Knabe?

Er schien verärgert. Seine Stirn war gefurcht, sein Blick gesenkt. Und so knurrte er ein Lied:

»Ein Rettich und eine Rüb', ein Müller und ein Dieb, ein Schäfer und ein Schinder, welches ist mehr oder minder?«

Verächtlich spuckte er zu Boden. »Sollen sie ihre Spottlieder singen!«, fauchte er kaum hörbar. »Die werden schon sehen! Denen werd ich es zeigen!«

Neugierig folgte ich dem Knaben, ich wollte wissen, was er im Düsterbrook suchte. Wollte er Brennholz sammeln? Oder zu den Entenkojen, die an den Wald grenzten? War er ein Wilddieb und Waldfrevler?

Unbedarft stapfte er durch das Unterholz. Er schien die Wege ebenso gut zu kennen wie ich, nie kam er ab vom Pfad. Dabei schien es ihm egal zu sein, ob jemand ihn entdeckte. Was gegen einen Wilddieb sprach. Niemand, der ein böses Stück plant, stapft singend durch den Wald.

War das Erscheinen des Jungen seltsam genug, so wurde es nun geradezu unheimlich. Denn seine Schritte führten ihn zu einer alten Mühle!

Mein Freund, ich kenne den Düsterbrook wie meine Manteltasche. Kenne jeden hohlen Stamm, jeden Tümpel und Trampelpfad. Dort gibt es keine Mühle. Es gibt dort nicht einmal einen Bach, der eine Mühle mit Wasser versorgen könnte. Und doch stand sie wenige Meter vor mir, samt Wasserrad. Alles glitzerte wie mit Kristallen überzogen.

Der Knabe spuckte ins Gras, verharrte kurz an der Tür und verschwand ins Haus.