Beschreibung

Ein geheimnisvoller Mann streift durch die Straßen der Großstadt und verkauft Träume an Menschen, die es längst nicht mehr wagen zu träumen. Ein Betrüger? Ein Psychopath? Ein Weiser? Ein Philosoph? Der Traumhändler stellt den Wahnsinn in unserer heutigen Gesellschaftauf eine erschreckend ehrliche, aber auch einnehmende Weise an den Pranger. Wie einst Jesus erinnert er an die wahren Werte des Lebens: Nächstenliebe, Aufrichtigkeit und Dankbarkeit. Dieses Buch bringt Sie zum Lachen und zum Weinen, vor allem aber zum Nachdenken.

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Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel O VENDEDOR DOS SONHOS – O Chamado im Verlag Academia da Inteligencia, Sao Paolo, Brasilien

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Allegria ist ein Verlag derUllstein Buchverlage GmbH Herausgeber: Michael Görden

ISBN: 978-3-8437-0232-4

© der deutschen Ausgabe 2012 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin © der Originalausgabe 2011 by Augusto Cury Übersetzung: Mechthild Blumberg Lektorat: Jochen Winter Umschlaggestaltung: Frankl Design, München Umschlagillustration: Tony Mauro/tonymaurofineart.com Satz: Keller & Keller GbR eBook: LVD GmbH, Berlin

Widmung

Dieser Roman ist meinen lieben Lesern in all den Ländern gewidmet, wo meine Bücher bisher erschienen sind, insbesondere denjenigen, die dank ihrer Intelligenz, ihres kritischen Denkens, ihrer Sensibilität, Großzügigkeit und Freundlichkeit in irgendeiner Form mit Träumen handeln. Traumhändler sind häufig Fremde im sozialen Nest, Anormale – denn der Normalfall besteht darin, sich im Morast von Individualismus, Egozentrik und Personalismus zu suhlen. Doch was sie uns hinterlassen, wird unvergessen bleiben.

Vorwort

Dies ist mein vierter Roman und mein zweiundzwanzigstes Buch überhaupt. Meine Romane, etwa die Die Zukunft der Menschheit und Die Schönheitsdiktatur, wollen nicht nur unterhalten, zerstreuen und emotional berühren, sondern sie beruhen auf psychologischen, psychiatrischen, soziologischen und philosophischen Standpunkten und wollen Diskussionen anregen, die Welt der Ideen bereisen und trennende Vorurteile überwinden.

Ich schreibe seit über fünfundzwanzig Jahren und veröffentliche seit mehr als acht Jahren. Über dreitausend Seiten warten noch darauf, veröffentlicht zu werden. Viele verstehen nicht, warum meine Bücher so beliebt sind, denn ich habe kein Interesse daran, für sie zu werben, und lebe, soweit möglich, eher zurückgezogen. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Leser gern auf eine Reise durch die geheimnisvolle Welt des menschlichen Geistes mitnehmen lassen. Ich bezweifle, dass ich diesen Erfolg wirklich verdiene. Ich bin kein Autor, dem die Texte leicht von der Hand gehen. Aber ich bin entschlossen und, wie ich scherzhaft zu sagen pflege, äußerst stur. Ich versuche, ein Wortkünstler zu sein, feile Tag und Nacht an jedem Absatz wie ein besessener Bildhauer. So findet der Leser in diesem Roman verschiedene Gedanken, die ich zuvor in meinem Geiste mindestens ein Dutzend Mal umgeschmiedet habe.

Es gibt Bücher, die aus dem Intellekt entstehen; andere entspringen den Tiefen des Gefühls. Der Traumhändler wurzelt im Verborgenen beider Bereiche. Die Idee musste einige Jahre in mir reifen, bis der Augenblick gekommen war, sie in Worte zu fassen. Während ich schrieb, kamen mir unzählige Fra­gen; ich musste über vieles lächeln, und ich dachte über die menschliche Unvernunft nach, zumindest über meine eigene. Dieser Roman durchquert die Täler des Dramas und der Satire, die der Tragödie der Verlierer und der Naivität derer, die das Leben zu einem Zirkus gemacht haben.

Der Protagonist ist unvergleichlich kühn und voller Geheimnisse. Niemand, außer seinem eigenen Gewissen, schafft es, seine Gesten und Worte zu kontrollieren. Er posaunt überall hinaus, dass die modernen Gesellschaften zu einem rie­sigen, globalen Irrenhaus geworden sind, in welchem der Normalzustand darin besteht, nervös und gestresst zu sein, während Gesundheit, Ruhe und Gelassenheit als anormal gelten. Mit der sokratischen Methode fordert er den Geist all derer heraus, die ihm über den Weg laufen, sei es auf der Straße, in den Unternehmen, den Einkaufszentren oder den Schulen: Er torpediert die Menschen mit unzähligen Fragen.

Ich träume davon, dass dieses Buch nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von jungen Leuten gelesen wird, da viele von ihnen meiner Ansicht nach auf dem Weg sind, passive Diener des Systems zu werden, anstatt sich von Träumen und Abenteuern mitreißen zu lassen. Abgesehen von einigen Ausnahmen sind sie zu Konsumenten von Gütern und Dienstleis­tungen statt von Ideen geworden. Doch bewusst oder unbewusst wollen sie alle ein Leben voll prickelnder Emotionen, schon als Babys, wenn sie das Risiko eingehen, aus ihrer Wiege zu krabbeln. Aber wo gibt es Emotionen in Fülle? In welchem gesellschaftlichen Bereich finden sie sich? Einige Menschen zahlen viel Geld, um sie zu bekommen, und leben doch in ständiger Bedrängnis. Manche jagen verzweifelt Ruhm und Ehre hinterher, doch sterben schließlich voller Langeweile. Wieder andere bezwingen steile Berge auf der Suche nach einer Prise Abenteuer, die jedoch in der warmen Sonne des darauffolgenden Tages dahinschmilzt. Die Figuren dieses Romans schwimmen gegen den Strom der quälenden Alltagsroutinen. Sie erleben täglich eine hohe Dosis Adrenalin. Doch der Handel mit Träumen hat einen hohen Preis: Ihr Leben ist risikoreich und stürmisch.

Die Begegnung

Am beseelten Tag der Woche, einem Freitag, versammelten sich um fünf Uhr nachmittags Menschen, die es normalerweise eilig hatten, an einer zentralen Großstadtkreuzung und schauten beklommen nach oben. Die ohrenbetäubende Sirene der Feuerwehr verkündete Gefahr. Ein Krankenwagen versuchte, sich durch den Stau einen Weg zu bahnen.

Die Feuerwehr traf schnell ein und sperrte den Bereich ab, um die Gaffer daran zu hindern, sich dem beeindruckenden Hochhaus der Alpha-Holding, einer der mächtigsten Unternehmensgruppen weltweit, zu nähern. Die Umstehenden sa­hen sich an, und die Passanten, die sich nach und nach zu ihnen gesellten, hatten einen fragenden Gesichtsausdruck. Was war los? Warum dieser Aufruhr? Die Leute deuteten nach oben. Im zwanzigsten Stock, an der Brüstung des im­posanten Gebäudes aus verspiegeltem Glas, stand sprungbereit ein Mann.

Wieder wollte jemand seine an sich schon kurze Existenz vorzeitig beenden. Noch ein Mensch hatte den Plan gefasst, das Leben aufzugeben. Es waren tieftraurige Zeiten. Es starben mehr Menschen durch Selbstmord als in Kriegen und durch Mord. Die Zahlen verstörten all jene, die über sie nachdachten. Das Meer an Vergnügungen war unendlich geworden, aber auch so flach wie eine Pfütze. Viele finanziell und intellektuell Privilegierte lebten leer, gelangweilt und isoliert in ih­rer Welt. Nicht nur die Elenden, sondern auch die Begüterten fielen dem Gesellschaftssystem zum Opfer.

Der Lebensmüde auf dem Dach des Alfa-Hochhauses war ein vierzigjähriger Mann mit gut geschnittenem Gesicht, markanten Augenbrauen, fast faltenloser Haut und gepflegtem halblangem meliertem Haar. Seine Belesenheit und Bildung aus vielen Lehrjahren war zu Staub zerfallen. Keine der fünf Sprachen, die er beherrschte, war ihm nützlich gewesen, um mit sich selbst zu sprechen; keine hatte ihn in die Lage versetzt, die Sprache seiner inneren Gespenster zu verstehen. Eine Depression hatte ihm die Luft zum Atmen genommen. Er lebte ohne Sinn; nichts konnte ihn verzaubern.

In jenem Moment schien ihn nur das Sterben anzuziehen. Dieses monströse Phänomen, das für gewöhnlich als Tod bezeichnet wird, war beängstigend und doch auch eine magische Erleichterung menschlicher Seelenqualen. Offenbar konnte nichts jenen Mann von dem Entschluss abbringen, seinem Le­ben ein Ende zu setzen. Er blickte nach oben, so als suchte er einen Freispruch für seinen letzten Akt, blickte nach unten und machte zwei schnelle Schritte, ohne sich darum zu sorgen, hinunterzustürzen. Durch die Menge ging ein entsetztes Tuscheln; die Leute glaubten, er würde springen.

Einige Zuschauer kauten nervös an den Fingernägeln. Andere hatten sogar aufgehört, zu zwinkern, um ja kein Detail zu verpassen – zwar verabscheuen die Menschen den Schmerz, doch fühlen sie sich stark von ihm angezogen; sie fürchten Unfälle, Leid und Elend, können ihren Blick aber nicht davon abwenden. Obwohl der Ausgang jenes Akts den Beobachtern Beklemmung und Schlaflosigkeit bescheren würde, sträubten sie sich dagegen, den Schauplatz des Schre­ckens zu verlassen. Im Gegensatz zu den gespannten Umstehenden waren die im Stau feststeckenden Autofahrer ungeduldig und hupten unaufhörlich. Einige lehnten den Kopf aus dem Fenster und brüllten: »Spring endlich und hör auf mit dem Theater!«

Die Feuerwehr und der Einsatzleiter der Polizei stiegen aufs Dach des Gebäudes und versuchten erfolglos, den Lebens­müden von seinem Vorhaben abzubringen. Angesichts dieser Niederlage wurde eiligst ein renommierter Psychiater herbeigerufen, der versuchte, das Vertrauen des Mannes zu gewinnen, und ihm ins Gewissen redete, er solle die Folgen seines Planes bedenken, doch ohne Erfolg … Der Selbstmörder fiel nicht mehr auf psychologische Kniffe herein; er hatte bereits vier vergebliche Therapien hinter sich, und nun schrie er drohend: »Noch ein Schritt und ich springe!«

Er war sich nur eines sicher: Der Tod würde alle quälenden Gedanken zum Schweigen bringen, zumindest glaubte er das. Sein Entschluss stand fest, mit oder ohne Publikum. Er war auf seine Frustrationen fixiert, erlebte sein Unglück immer wieder neu und fachte damit seine Qualen an.

Während sich dieses Drama auf dem Hochhausdach abspielte, tauchte plötzlich ein Mann in der Menge auf und bat darum, durchgelassen zu werden. Er sah aus wie einer der gaffenden Bankangestellten, war allerdings schlechter ge­kleidet, ohne Krawatte, mit einem verblichenen und fleckigen hellblauen Oberhemd unter einem verknitterten schwarzen Anzug, der schon lange nicht mehr gereinigt worden war. Sein angegrautes Haar hing ungekämmt über die Ohren, sein langer Bart war ungepflegt, seine Haut trocken und faltig. Man sah, dass er manchmal die Nacht im Freien verbrachte. Er war zwischen dreißig und vierzig, schien aber älter, und er sah keineswegs wie eine politische oder geistige Autorität und schon gar nicht wie ein Intellektueller aus. Er wirkte eher wie ein Unterprivilegierter statt wie eine Ikone des Ge­sellschafts­systems.

Sein unattraktives Äußeres kontrastierte mit der Zartheit seiner Gesten. Sanft berührte er die Schultern der Umstehenden, lächelte und bahnte sich so den Weg. Die Leute konnten die Empfindung, die sie dabei verspürten, zwar nicht benennen, machten ihm jedoch schnell Platz.

Der Fremde näherte sich der Absperrung und wurde von Feuerwehrleuten zurückgehalten. Doch er fixierte sie und sagte bestimmt: »Sie müssen mich durchlassen, der Mann erwartet mich.« Die Feuerwehrmänner schauten ihn von oben bis unten an und schüttelten den Kopf. Er schien eher ein weiterer Hilfsbedürftiger zu sein als jemand, der in einer derart angespannten Situation nützlich sein könnte.

»Wie heißen Sie?«, fragten sie mit starrem Blick.

»Das ist jetzt unwichtig!«, antwortete der Sonderling.

»Wer hat Sie gerufen?«, fragten die Feuerwehrleute.

»Sie werden es erfahren! Aber wenn Sie mich jetzt weiter ausfragen, können Sie gleich ein Begräbnis vorbereiten«, sagte er und blickte nach oben.

Die Feuerwehrmänner begannen zu schwitzen. Der eine litt unter Panikattacken, der andere unter Schlaflosigkeit. Der letzte Satz des geheimnisvollen Mannes beeindruckte sie, sodass sie ihn durchließen. Vielleicht war er ja ein exzentrischer Psychiater oder ein Verwandter des Lebensmüden.

Als er oben auf dem Dach angekommen war, wurde er wieder aufgehalten. Der Einsatzleiter der Polizei war barsch: »Bleiben Sie stehen! Sie haben keinen Zutritt!« Er befahl ihm, sich umgehend wieder zu entfernen.

Aber der rätselhafte Mann fixierte seinen Blick und erwiderte: »Wieso habe ich keinen Zutritt? Ich wurde gerufen!«

Der Einsatzleiter der Polizei schaute den Psychiater an, welcher seinerseits den Einsatzleiter der Feuerwehr an­blickte. Mit Handbewegungen fragten sie sich gegenseitig, wer den Mann wohl gerufen hatte. Wenige Sekunden Unaufmerksamkeit reichten, damit der ungepflegte Kauz ihre Barriere durchbrechen und sich dem Mann, der seinem letzten Atemzug nahe war, gefährlich nähern konnte.

Als sie es bemerkten, war es zu spät, um ihn zurückzuhalten, da jegliche Verwarnung das Unglück auslösen und den Lebensmüden dazu bringen konnte, sein Vorhaben auszu­führen. Beunruhigt zogen sie es daher vor, den Verlauf der Ereignisse abzuwarten.

Ohne um Erlaubnis zu fragen und sich um die Möglichkeit zu sorgen, dass der Verzweifelte sich in die Tiefe stürzte, überrumpelte ihn der Fremde und blieb etwa drei Meter vor ihm stehen.

Bei seinem Anblick brüllte der Mann: »Verschwinden Sie oder ich springe!«

Die Drohung ließ den Sonderling unberührt. So als wäre es das Natürlichste der Welt, setzte er sich auf die Brüstung, zog ein Sandwich aus der Jackentasche und begann, es genüsslich zu verspeisen. Zwischen den einzelnen Bissen pfiff er glücklich und zufrieden ein Liedchen.

Der Lebensmüde war wie gelähmt. Er fühlte sich brüskiert, gekränkt und in seinen Gefühlen verletzt.

»Hören Sie auf zu pfeifen! Ich springe runter!«, schrie er.

Unbeirrt erwiderte sein Gegenüber: »Könnten Sie die Güte haben, mein Abendbrot nicht zu stören?« Und biss ein wei­teres Stück von seinem Sandwich ab, wobei er fröhlich mit den Beinen baumelte. Dann schaute er zum Verzweifelten hi­nüber und bot ihm mit einer Geste an, auch einen Bissen zu nehmen.

Bei diesem Anblick zitterten dem Einsatzleiter der Polizei die Lippen, der Psychiater riss die Augen auf, und der Einsatzleiter der Feuerwehr hob entgeistert die Brauen.

Der Lebensmüde erstarrte und dachte: »Unmöglich! Der ist ja noch durchgedrehter als ich!«

Der Hauptdarsteller stellt sich vor

Dass jemand angesichts eines Menschen, der sich gerade umbringen will, genüsslich ein Sandwich verspeist, schien irgendwie surreal. Wie in einem Film.

Der Verzweifelte kniff die Augen zusammen, atmete schneller und verhärtete seine Gesichtszüge. Er wusste nicht, ob er hinunterspringen, einfach nur schreien oder den Fremden anfahren sollte.

Schließlich brüllte er keuchend: »Hau ab! Ich springe jetzt!« Und taumelte über dem Abgrund.

Es schien, als würde er diesmal wirklich auf dem Boden aufschlagen. Ein erschrecktes Raunen ging durch die Menge, und der Einsatzleiter der Polizei schlug die Hände vors Gesicht, um das Unglück nicht mit ansehen zu müssen.

Alle erwarteten, dass der Fremde sofort das Feld räumen würde, um die Tragödie zu vermeiden. Er hätte wie der Psychiater und der Polizeibeamte sagen können: »Tun Sie das nicht! Ich gehe schon«, oder einen Rat geben können wie: »Das Leben ist schön! Es gibt Lösungen für Ihre Probleme! Sie haben noch so viele Jahre vor sich!«

Stattdessen richtete er sich plötzlich auf und deklamierte zum allseitigen Er­staunen, insbesondere zur Überraschung des Lebensmüden, lauthals ein Gedicht.

Er richtete es gen Himmel und deutete dabei auf denjenigen, der gerade seinen Lebensatem aushauchen wollte:

Gelöscht sei der Tag, an dem dieser Mann geboren wurde!

Verdunstet der Tau, der an diesem Morgen das Gras benetzte!

Verlöschen soll die Helligkeit des Tages, die den Wanderern Freude spendete!

Voll Leiden sei die Nacht, in der dieser Mann empfangen wurde!

Der Glanz der Sterne am Himmelszelt sei ihr entrissen!

Lächeln und Ängste der Kindheit seien dem Mann ge­nommen!

Seiner Jugend Übermut und Abenteuer geraubt!

Und der Zeit der Reife gestohlen die Träume und Albträume, klaren Momente und Spleens!

Nachdem er das Gedicht aus voller Kehle hinausgerufen hatte, sah der Fremde traurig aus. Er senkte die Stimme und flüsterte ohne jede weitere Erklärung die Zahl Eins. Die verblüfften Gaffer begannen sich zu fragen, ob das Ganze nicht eher eine Performance war. Auch der Polizist wusste nicht, wie er reagieren sollte: Sollte er eingreifen oder den Gang der Ereignisse weiter beobachten? Der Einsatzleiter der Feuerwehr schaute den Psychiater fragend an. Dieser sagte verwirrt: »Aus der Literatur ist mir nichts von einem Rückgängigmachen der Existenz oder einer Tilgung des Lächelns bekannt. Ich verstehe nichts von Gedichten … Wahrscheinlich noch so ein Verrückter!«

Der Lebensmüde stand unter Schock. Die Worte des Fremden hallten in seinem Geiste wider, ohne dass er dies verhindern konnte. Empört und wütend brüllte er: »Was maßen Sie sich an, meine Vergangenheit auslöschen zu wollen? Welches Recht haben Sie, meine Kindheit zu zerstören? Wie kommen Sie dazu?«

Nachdem er den Eindringling so angegriffen hatte, kam er zu sich. Ob etwa er selbst der Urheber dieser Verbrechen war? Doch er widersetzte sich jedem Anflug von Besonnenheit.

Der Geheimnisvolle sah, wie der andere in sich versunken war, und wagte es, ihn noch weiter zu provozieren: »Vorsicht! Denken ist gefährlich, vor allem für jemanden, der sterben will. Wenn Sie sich umbringen wollen, dann denken Sie lieber nicht!«

Der Lebensmüde wurde verlegen – der Eindringling hatte ihn durchschaut. Wollte er ihn zum Sterben ermutigen? War er ein Sadist? Wollte er etwa Blut sehen? Er schüttelte den Kopf, so als könnte er sich dadurch seiner Grübeleien ent­ledigen, doch die impulsiven Wünsche werden immer durch Gedanken untergraben.

Der Fremde bemerkte die Verwirrung des Mannes und fuhr sanft, jedoch ebenso nachdrücklich fort: »Denken Sie nicht! Denn wenn Sie nachdenken, werden Sie merken, dass derjenige, der sich umbringt, einen Doppelmord begeht: Erst tötet er sich selbst und dann diejenigen, die zurückbleiben. Wenn Sie nachdenken, werden Sie verstehen, dass Schuld, Irrtümer, Enttäuschungen und Unglück das Privileg eines bewussten Lebens sind. Der Tod kennt diese Privilegien nicht!«

Der Sonderling verfiel nun in einen Zustand der Sorge. Er nannte die Zahl Vier und schüttelte verdrießlich den Kopf.

Der Verzweifelte war wie gelähmt. Er wollte die Ausführungen des Fremden von sich weisen, die sich jedoch wie Vi­ren in seinen Gehirnwindungen ausbreiteten. Was waren das für Worte? Verwirrt versuchte er, gegen sie anzugehen, und schleuderte seinem Gegenüber entgegen: »Wer sind Sie, dass Sie mich angreifen, anstatt mich zu schonen? Warum behandeln Sie mich nicht wie einen armen, bedauernswerten Irren?« Er wurde laut: »Verpiss dich! Ich bin am Ende.«

Anstatt sich einschüchtern zu lassen, verlor der sonderbare Mann nun die Geduld und wurde direkt: »Wer sagt denn, dass Sie schwach sind oder depressiv oder dass es keine Lebensfreude mehr für Sie gibt? Wer sagt, dass Sie betrogen oder frustriert wurden? Oder dass Sie das Gewicht Ihrer Nieder­lagen nicht mehr tragen können? In meinen Augen trifft nichts von alledem auf Sie zu. Für mich sind Sie einfach nur eitel, gefangen in Ihrem emotionalen Käfig und blind für größeres Elend als das Ihre.«

Wie mitten ins Herz getroffen wich der Verzweifelte erschrocken zurück. Wütend und mit bereits belegter Stimme fragte er: »Wie kommen Sie dazu, mich als eitel und als Gefangenen in meinem emotionalen Käfig zu bezeichnen? Was maßen Sie sich an, zu behaupten, ich sei blind gegenüber größerem Leid als dem meinen?«

Er fühlte sich ertappt und bekam keine Luft mehr. Der Eindringling hatte ihn im Innersten erfasst. Dessen Worte waren wie ein Blitzstrahl in die letzten Winkel seiner Psyche vorgedrungen. In jenem Augenblick dachte der traurige Mann an seinen Vater, der seine Kindheit zerstört und ihm viel Leid zugefügt hatte. Gefühlskalt und verschlossen war er gewesen. Doch der Lebensmüde hatte mit niemandem über diese Angelegenheit gesprochen; es fiel ihm extrem schwer, mit den Wunden der Vergangenheit umzugehen. Von diesen verstörenden Gedanken ergriffen, sagte er in versöhnlicherem Tonfall und mit Tränen in den Augen: »Schweigen Sie. Sagen Sie nichts mehr. Lassen Sie mich in Ruhe sterben.«

Da er bemerkte, dass er eine tief liegende Wunde berührt hatte, senkte auch der Mann, der ihn befragte, seine Stimme: »Ich achte Ihren Schmerz und kann nichts darüber sagen. Ihr Schmerz ist einzigartig, und nur Sie können ihn wirklich spüren. Er gehört niemandem sonst als Ihnen allein.«

Diese Worte erhellten die Gedanken des Mannes, der fast zu weinen begann. Er verstand, dass keiner über fremden Schmerz urteilen kann. Verstand, dass der Schmerz seines Vaters einzigartig war und daher auch von niemand anderem gespürt oder beurteilt werden konnte. Er hatte seinen Vater immer vehement verurteilt und begann nun zum ersten Mal, ihn mit anderen Augen zu sehen. In diesem Moment richtete der Eindringling zu seiner Überraschung einige Worte an ihn, von denen er kaum sagen konnte, ob es sich um Lob oder Kritik handelte: »Für mich sind Sie auch sehr mutig, da Sie ja beabsichtigen, Ihren Körper zerschellen zu lassen, um eine endlose Nacht im Gefängnis eines Grabes zu schlafen! Das ist zweifellos eine schöne Illusion« – und er unterbrach seine Rede, damit der Lebensmüde sich der unabsehbaren Folgen seines Vorhabens bewusst würde.

Dieser wunderte sich zum wiederholten Male über den sonderbaren Mann, der aufgetaucht war, um seine Pläne zu stören. Wer war er? Welch bemerkenswerte Worte! Eine endlose Nacht im Gefängnis eines Grabes zu schlafen … diese Vorstellung stieß ihn ab. Trotzdem beharrte er weiter auf seiner Absicht und entgegnete: »Ich sehe keinen Grund dafür, dieses unnütze Leben fortzusetzen!« Trotzig zog er die Augenbrauen zusammen, während ihn ungebetene Gedanken quälten.

Der Fremdling wurde energisch und widersprach mit mächtiger Stimme: »Unnützes Leben? Wie undankbar! Bestimmt würde Ihr Herz jetzt am liebsten den Brustkorb sprengen, um gegen die Vernichtung des Lebens zu protestieren!«

Mit seltener Darstellungsgabe veränderte er nun den Tonfall, um das Herz des Verzweifelten sprechen zu lassen: »Nein, nein, hab Mitleid mit mir! Ich habe dein Blut unermüdlich und millionenmal durch den Körper gepumpt, habe deine Bedürfnisse erfüllt, dir gedient, ohne mich je zu beschweren. Und jetzt willst du mich zum Schweigen bringen und mir noch nicht einmal das Recht auf Selbstverteidigung einräumen? Immerhin war ich der treueste aller Sklaven! Und womit werde ich belohnt? Was ist der Preis? Ein sinn­loser Tod! Du willst, dass ich aufhöre, zu schlagen, nur um dein Leid zu beenden. Ach was bist du nur für ein Egoist! Was gäbe ich dafür, wenn ich dir Courage durch den Körper pumpen könnte! Biete dem Leben die Stirn, du Egozentriker!« Und er forderte den Selbstmörder dazu auf, in sich hi­neinzuhören und die Verzweiflung seines Herzens nachzuempfinden.

Jetzt fühlte der Mann, wie seine Brust bebte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sein Herz im Begriff war zu explodieren. Es schien wirklich so, als würde es in seiner Brust schreien. Er erstarrte. Die Wirkung der Worte jenes Fremden auf seine Gedanken beeindruckte ihn. Doch obwohl er bereits geschlagen schien, bot er noch das wenige an Entschlossenheit auf, das ihm geblieben war: »Ich habe mich schon zum Tode verurteilt. Es gibt keine Hoffnung mehr.«

Da fügte ihm der andere den letzten Stoß zu: »Sie haben sich schon verurteilt? Wussten Sie, dass Selbstmord die ungerechteste aller Strafen ist? Denn derjenige, der sich umbringt, vollstreckt gegen sich selbst eine nicht wieder rückgängig zu machende Strafe, ohne sich zumindest das Recht auf Verteidigung einzuräumen. Warum verurteilen Sie sich, ohne sich zu verteidigen? Warum geben Sie sich nicht das Recht, mit Ihren Gespenstern zu streiten, Ihren Niederlagen ins Auge zu sehen und gegen Ihre pessimistischen Gedanken anzukämpfen? Es ist einfacher, zu sagen, dass sich das Leben nicht lohnt … Sie sind wirklich ungerecht sich selbst gegenüber!«

Der Fremde wusste ganz genau, dass diejenigen, die sich das Leben nehmen, die Reichweite ihrer Tat nicht überblicken, auch wenn sie ihren Tod detailliert planen. Er wusste, dass sie, wenn sie die Verzweiflung ihrer Lieben und die unfassbaren Konsequenzen ihres Selbstmords sähen, zurückschrecken und sich wehren würden. Er wusste, dass kein Abschiedsbrief eine solche Tat rechtfertigen kann. Der Mann auf dem Hochhausdach hatte seinem einzigen Sohn einen Brief hinterlassen, in dem er versuchte, das Unerklärliche zu erklären.

Er hatte auch schon mit Psychiatern und Psychologen über seine Selbstmordgedanken gesprochen. Er war untersucht und analysiert worden, hatte Diagnosen erhalten und verschiedenste Ansichten über Störungen in seinem Hirnstoffwechsel gehört, und er war ermutigt worden, seine Konflikte zu überwinden und gegenüber seinen Problemen neue Perspektiven einzunehmen. Aber nichts von alldem hatte ihn, den starren Intellektuellen, berühren können. Keine dieser Behandlungen oder Erklärungen hatte ihn aus seiner emoti­onalen Sackgasse befreit.

Obwohl völlig unzugänglich, war er nun zum ersten Mal von jenem Fremden verunsichert worden, der sich ihm hoch oben auf dem Gebäudedach entgegenstellte. Der Kleidung und dem ärmlichen Aussehen nach zu urteilen, handelte es sich um einen Bettler. Doch seine Worte zeigten, dass er ein Spezialist darin war, geistige Festungsmauern zu erschüttern. Was er sagte, war alles andere als beruhigend. Es schien, als wüsste er, dass es ohne Beunruhigung kein Hinterfragen gibt, und dass man ohne zu hinterfragen keine Alternativen findet, da der Horizont des Möglichen verhangen bleibt.

Der lebensmüde Mann hielt es nicht mehr aus, und so wagte er es, dem Fremden eine Frage zu stellen; er hatte lange da­mit gezögert, da er seit Beginn der Konfrontation das Gefühl hatte, damit ein Minenfeld zu betreten. Und so geschah es denn auch.

»Wer sind Sie?« Er wünschte sich eine kurze, klare Antwort, die natürlich nicht kam. Stattdessen musste er sich weitere Fragen an­hören.

»Wer ich bin? Wie können Sie es wagen, mich das zu fragen, wenn Sie noch nicht einmal wissen, wer Sie sind! Wie können Sie es sich anmaßen, Ihre Existenz vor einem entsetzten Pub­likum auslöschen zu wollen?«

Der Lebensmüde versuchte, dem Mann, der ihn derart ins Gebet nahm, zu trotzen, und erwiderte in sarkastischem Tonfall: »Ich? Wer ich bin? Ich bin ein Mann, der in wenigen Augenblicken nicht mehr da sein wird. Und dann werde ich nicht mehr wissen, wer ich bin oder war.«

»Also ich bin da anders als Sie. Sie haben es aufgegeben, nach sich selbst zu suchen, so als wären Sie Gott. Ich dagegen frage mich täglich, wer ich bin.« Und listig stellte er eine weitere Frage: »Und wollen Sie wissen, welche Antwort ich gefunden habe?«

Der andere nickte verlegen, und der Fremdling fuhr fort: »Ich werde es Ihnen sagen, aber zuerst müssen Sie mir antworten. Welche philosophische, religiöse oder wissenschaftliche Quelle verleitet Sie zu der Annahme, dass der Tod das Ende der Exis­tenz ist? Sind wir nichts als Atome, die zerfallen und nie mehr dieselbe Struktur bilden? Sind wir einfach nur gut organisierte Gehirne oder haben wir womöglich auch eine Psyche, die mit dem Gehirn koexistiert, doch seine Grenzen überschreitet? Welcher Sterbliche weiß das schon? Wissen Sie es? Welcher religiöse Mensch kommt, wenn er für seine Überzeugungen eintreten soll, ohne den Glauben aus? Welcher Neurowissenschaftler argumentiert ohne jede Spekulation? Welcher Atheist oder Agnostiker ist in seinem Diskurs über jeden Zweifel erhaben?«

Der Fremde war offensichtlich ein Meister in der Methode des Sokrates, die Überzeugungen seines Gegenübers durch im­mer weitere Fragen aus den Angeln zu heben. Der Lebensmüde war durch diesen Beschuss völlig verwirrt. Eigentlich war er Atheist und nun musste er zugeben, dass sein Atheismus auf Spekulation fußte. Wie viele sogenannte »normale« Menschen hielt er mit unerschütterlicher Überzeugung ra­ti­onalistische Vorträge gegen alles, was er als »esoterische Spinnerei« ansah, ohne darüber jemals ruhig und ideologiefrei zu debattieren.

Dagegen befragte der Mann mit der zerschlissenen Kleidung und gedankenvollen Miene auch sich selbst mit der­selben Schonungslosigkeit. Und nun, ohne von seinem Gegenüber eine endgültige oder auch nur provisorische Antwort auf seine Fragen abzuwarten, schloss er mit der Bemerkung: »Wir sind beide unwissend. Der Unterschied zwischen uns besteht darin, dass ich es zugebe.«

Überzeugungen werden erschüttert

Während auf dem Gebäudedach große Gedanken erörtert wurden, gingen einige Leute davon, ohne mitbekommen zu haben, was dort oben gerade vor sich ging. Sie ertrugen es nicht, auf das bittere Ende des fremden Unglücks zu warten. Doch die meisten verharrten tapfer; sie wollten wissen, wie das Ganze weitergehen würde.

Plötzlich tauchte in der Menge ein Mann auf, den eine Wolke aus Whisky und Wodka umgab noch jemand voller verborgener Narben. Er hieß Bartholomäus, war äußerst jovial und zeitweilig sogar ungestüm. Sein wirres, doch relativ kurzes schwarzes Haar hatte seit Wochen weder Kamm noch Wasser gesehen. Er war über dreißig, hatte helle Haut, buschige Augenbrauen und ein leicht aufgedunsenes Gesicht, in dem die Schrammen seiner gepeinigten Existenz nicht zu sehen waren. Er war so betrunken, dass er über die eigenen Beine stolperte. Lallend rempelte er einige der Umstehenden an und, anstatt sich dafür zu bedanken, dass sie ihn stützten, beschwerte er sich.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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