Der Un-Magier - Rabenfreund - Christopher Golden - E-Book

Der Un-Magier - Rabenfreund E-Book

Christopher Golden

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Beschreibung

"Der gefährlichste Junge der Welt? Timothy ist eine Laune der Natur, ein Außenseiter, eine Unmöglichkeit. Er ist der einzige Lebende Mensch ohne magische Kräfte und hat sein gesamtes Leben verborgen auf einer einsamen Insel zugebracht. Als Timothy endlich seine Geburtsstadt zurückkehrt, ist er fasziniert von den magischen Strömungen, die die Welt antreiben, und wie hypnotisiert von den Gebäuden und Lichtkugeln, die scheinbar schwerelos am Himmel hängen. Aber er ist auch dem Tode geweiht. Assassinen beobachten jede seiner Bewegungen, und die Regierung will ihn tot sehen. Timothy kann sich nicht vorstellen, was er für eine Bedrohung darstellen sollte; schließlich kann er in dieser Welt nicht ausrichten. Oder etwa doch?"

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Seitenzahl: 424

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Kurzbeschreibung:

Der gefährlichste Junge der Welt?

Timothy ist eine Laune der Natur, ein Außenseiter, eine Unmöglichkeit. Er ist der einzige Lebende Mensch ohne magische Kräfte und hat sein gesamtes Leben verborgen auf einer einsamen Insel zugebracht. Als Timothy endlich seine Geburtsstadt zurückkehrt, ist er fasziniert von den magischen Strömungen, die die Welt antreiben, und wie hypnotisiert von den Gebäuden und Lichtkugeln, die scheinbar schwerelos am Himmel hängen. Aber er ist auch dem Tode geweiht.

Assassinen beobachten jede seiner Bewegungen, und die Regierung will ihn tot sehen. Timothy kann sich nicht vorstellen, was er für eine Bedrohung darstellen sollte; schließlich kann er in dieser Welt nicht ausrichten.

Oder etwa doch?

Christopher Golden und Thomas E. Sniegoski

Der UnMagier - Rabenfreund

Edel Elements

Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2017 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2005 by Christopher Golden  und Thomas E. Sniegoski

Original English Language edition Copyright © 2004

Published by arrangement with Aladdin Paperbacks,

An imprint of Simon & Schuster Children’s Publishing Division

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Meller Agentur

Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rightsreserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN:978-3-96215-069-3

www.facebook.com/EdelElements/

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Kapitel eins

Arkanum trauerte. Allüberall flatterten schwarze Fahnen aus den geöffneten Fenstern, und die Flaggen sämtlicher Magiergilden hingen auf Halbmast. Das Geisterfeuer in den runden Straßenlaternen der Stadt brannte in einer anderen Farbe als üblich – die sonst so golden schimmernden Kugeln leuchteten scharlachrot, und das würde auch noch eine ganze Woche lang so bleiben. Zahlreiche Läden und Büros hatten geschlossen, und die Magier Arkanums waren zu Tausenden zusammengeströmt, um sich um den Scheiterhaufen zu scharen, der mitten auf dem Tempelplatz loderte. All dies geschah anläßlich der rituellen Verbrennung, die gerade stattfand. Die Stadt setzte ein Zeichen; sie ehrte Argus Cade, der dahingeschieden war.

Nur wenige andere Menschen waren in dieser Nacht in der trauernden Stadt unterwegs, und diese wenigen schenkten der reichgeschmückten silbernen Kutsche, die durch die Straßen huschte, keine Beachtung. Lautlos glitt das Gefährt dahin. Hellrotes Laternenlicht spiegelte sich auf seiner Oberfläche, und die Geschwindigkeit, mit der es die Ecken und Windungen seiner Route nahm, zeugte von der Geschicklichkeit des Fahrers, der das flüsternde Fahrzeug ein gutes Stück über dem Kopfsteinpflaster der Straße schwebend durch die Stadt lenkte. Das Emblem eines Löwen im Sprung zierte die Türen der Kutsche; das Familienwappen dessen, der darin saß. An allen vier Ecken des Gefährts konnte man das Bild eines silbernen Drachen erkennen, der sich in einer geheimnisvoll wirkenden Ruhestellung zusammengerollt hatte.

Hoch oben auf dem Kutschbock hockte ein in tiefblaue Gewänder gehüllter Mann, dessen Gesicht hinter einem dichten, schweren Schleier verborgen war. Er hielt die Arme ausgestreckt, und aus seinen Fingerspitzen lösten sich knisternd funkelnde Ranken aus Kobaltenergie, die sich tiefblauen Fingern gleich bis hinunter auf den weit unter dem Mann liegenden Boden streckten, um die Straße abzutasten, die vor der Kutsche lag. Er war Navigationsmagus, genau wie sein Vater vor ihm – zwei Generationen, die ihr Leben damit zugebracht hatten, die Zauberkunst des Reisens und des Transports zu vervollkommnen. Ein achtbares Unterfangen, ehrliche Arbeit für ehrbare Männer.

In der Kutsche saß Leander Maddox, der Mann, dessen Familienwappen die Türen des Gefährts zierte. Das leise Summen, das mit der Magie einherging, mit der der Navigationsmagus die Kutsche lenkte, nahm Leander kaum wahr; es war für ihn kaum mehr als weißes Rauschen. Leander war in Gedanken versunken. In seinem Kopf und in seinem Herzen hatte nichts anderes Platz als die tiefe Trauer, die er angesichts des Todes seines Freundes und Mentors empfand und der er sich hilflos ausgeliefert sah. Leander mußte sich zwingen, sich auf die Aufgaben zu konzentrieren, die vor ihm lagen.

Ihm als dem Lehrling Argus Cades fiel es zu, die Residenz des alten Magiers zu schließen und alle Tagebücher und Aufzeichnungen an sich zu nehmen, die dieser hinterlassen haben mochte.

„Argus”, flüsterte Leander vor sich hin und barg das Gesicht in seiner großen Hand. Ein Schauer durchlief seinen Körper. Laut aufseufzend ließ er sich tiefer in die Samtpolster sinken, mit denen die Kutsche ausgekleidet war.

Der Tod des alten Magiers hatte Leander zutiefst getroffen. Argus Cade war der größte Zauberer seiner Generation gewesen; Meister der magischen Wissenschaften, Berater von Königen und Premierministern – aber für den Reisenden in der nächtlichen Kutsche verblaßte das alles neben der Güte und dem Mut, die dem alten Mann zueigen gewesen waren. Argus war für Leander mehr als ein Mentor gewesen. Er hatte ihm stets als Vorbild gedient.

Leander hatte seinen Vater schon als kleiner Junge verloren. Cade hatte ihm den Halt, die Unterstützung und die tatkräftige Führung zuteil werden lassen, die er sich von einem Vater erhofft hätte. Noch dazu war Argus ein Mann gewesen, der inmitten all der politischen Spielchen und Machtkämpfe im Parlament der Magier nie von seinen Grundsätzen abgewichen war, der sich nie mit jemandem verbündet hatte, der diese Grundsätze nicht teilte und der nie mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten hatte, um Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Argus war unabhängig gewesen, ein Mann, der sich ganz auf sich selbst verließ. Diese Haltung hatte ihm allenthalben großen Respekt verschafft.

Leander blickte aus dem Kutschenfenster auf die Straßenlaternen. Die scharlachroten Geisterlichter warfen rote Schatten auf die umliegenden Häuser und Läden, an denen vorbei sich die Kutsche durch die gewundene Straße schlängelte, die zum Erhabenen Hügel hinaufführte, der exklusivsten Wohngegend in Arkanum. Wie oft war er als junger Mann die Treppenstufen und Pflastersteine dieser Anhöhe hinaufgetrottet, auf dem Weg zum Haus seines Lehrers? Noch immer kannte Leander hier jede Tür, war ihm jedes Schild am Fenster eines Gasthauses vertraut.

Der Navigator ließ die Kutsche langsamer gleiten, denn nun führte die Straße noch einmal um eine scharfe Kurve, ehe sie steiler wurde und der Anstieg zum höchsten Punkt des Erhabenen Hügels begann. Hier hingen die Häuser jenseits des festen Bodens, und in jedes einzelne Teil ihrer Architektur war Magie geflossen, um sie am Absturz zu hindern. Weiter unten in der Stadt hatte man die Häuser auf dem Erdboden errichtet, aber sobald das Terrain steiler wurde, waren die Gebäude nur noch durch einen Anker mit der Erde verbunden und ragten in einem waagerechten Winkel aus den Berghängen heraus.

Leanders Herz war so voller Schmerz, daß er die Augen schließen mußte. Drei Nächte war es jetzt her, seit er das letzte Mal hiergewesen war, und just in jener Nacht war Argus gestorben. Da er die Augen geschlossen hatte, konnte Leander nicht verhindern, daß seine Gedanken in die Vergangenheit schweiften, daß er noch einmal jene tragischen letzten Stunden eines großen Mannes durchlebte, deren Zeuge er gewesen war. Argus hatte in seinem Bett gelegen. Die Lampen im Zimmer waren gedämpft gewesen, es hatte Dämmerlicht geherrscht. Der alte Magier war immer schlank gewesen; nun aber hatte er fast schon wie ein Skelett gewirkt. Noch markanter als sonst hatte die lange, gebogene Nase aus dem bleichen, verwitterten Gesicht geragt.

Von Zeit zu Zeit hatte Argus die Augen geöffnet, und dann war dort ein Licht zu sehen gewesen, ein kleiner Funke nur. Dann hatte der alte Magier leise gelacht und liebevoll von den lange vergangenen Tagen gesprochen, in denen er Leander kennengelernt hatte. Als Professor an der Universität von Saint Germain hatte er den stämmigen, löwengleichen jungen Studenten unter seine Fittiche genommen, und alle Magier, die die beiden damals zusammen erlebt hatten, hatten Bemerkungen darüber gemacht, was für ein ungleiches Paar sie doch abgäben.

Später dann, lange nach dem Tod seiner geliebten Frau Norah, hatte Argus sich aus der Welt zurückgezogen. Er hatte sich selbst genügt; nur Leander hatte er noch Zutritt zu seinen privaten Gedanken gestattet. Von den Bediensteten in seinem Haus einmal abgesehen hatte die Außenwelt Argus nur noch selten zu Gesicht bekommen, auch wenn er weiterhin oft dafür gesorgt hatte, daß das Parlament und die Großmeister der Gilden von seinen Ansichten Kenntnis erhielten. Mittlerweile unterrichtete Leander selbst an der Universität, wo er den Lehrstuhl innehatte, der zuvor Argus’ gewesen war. Er war der Schüler des großen Hexers gewesen, sein Lehrling und sein einziger richtiger Freund.

Leander empfand es als Segen, daß es in seinem Leben einen Argus Cade gegeben hatte.

Aber im Moment machten ihm außer der Trauer um den Freund und Mentor auch noch andere Dinge zu schaffen – wobei diese Dinge allesamt mit Argus’ Tod zusammenhingen. Es hatte nämlich nicht alles, was der alte Magier auf seinem Totenbett geäußert hatte, vernünftig geklungen; nicht alle seine Worte waren von einem vergnügten Funkeln in seinen Augen begleitet gewesen. Im Gegenteil: Ein paar der Dinge, die Argus gesagt hatte, während sich sein Geist immer weiter entfernt hatte, Körper und Verstand ihm entglitten waren, hatten Leander aufs höchste verwirrt.

Das Summen der Kutsche wurde lauter und die Welt draußen vor den Kutschfenstern dunkler. Nur noch schwach und angedeutet sah man die roten Farben, die die Geisterlichter überallhin malten. So hoch auf dem Erhabenen Hügel thronten wenige Residenzen, und wer eine Kutsche dorthin lenken wollte, dem wurde eine große Anstrengung abverlangt, der mußte als Navigator all sein magisches Geschick und sein Können einbringen.

Leander jedoch bekam das kaum mit. Seit dem Tod seines Lehrers waren seine Gedanken in hellem Aufruhr, und in dem ganzen Durcheinander von Gefühlen und Überlegungen schlummerte etwas Verborgenes, etwas, das ihm noch mehr zu schaffen machte als alles andere. Auch wenn es Unsinn sein mochte, was ihn so quälte, beunruhigte es ihn dennoch mit jeder Stunde, die verging, mehr.

In seinen wirren Ausführungen ganz zum Schluß hatte Argus Dinge gesagt, die ... die einfach unmöglich waren. Irres Gestammel eines fiebergeschüttelten Verstandes.

Etwas anderes konnte es nicht gewesen sein.

Verschiedene Male in jener Nacht hatte es so ausgesehen, als werde Argus gleich einschlafen; seine Lider hatten gezittert. Dann aber war er stets wieder aufgeschreckt, hatte die Augen weit aufgerissen, in die Düsternis des Schlafzimmers gestarrt und geflüstert, als fürchte er, jemand könne sie belauschen:

„Der Junge! Ich muß mich um den Jungen kümmern!”

Ganz zum Schluß dann, als jeder Atemzug bereits von einem lauten Rasseln begleitet war und es jedes Mal so ausgesehen hatte, als sei es Argus’ letzter gewesen, hatte der alte Magier seinen Kopf matt zur Seite sinken lassen, wobei sein Blick auf Leander gefallen war. Da hatte er die Hand ausgestreckt und den Arm des jüngeren Freundes mit wilder, übernatürlicher Kraft gepackt und umklammert gehalten.

In diesem Moment – Leander hätte das jetzt nur zu gern geleugnet – war Argus’ Blick völlig klar gewesen.

„Timothy!” hatte der alte Mann gekeucht. „All die Jahre habe ich ihn so sorgsam versteckt, aber nun muß ich mein Geheimnis lüften. Dir gegenüber, Leander, nur dir gegenüber! Du mußt mir versprechen, dich um ihn zu kümmern. In dieser Sache mehr als in allen anderen brauche ich dein Wort!”

Trotz der Klarheit, die Leander in diesem Moment in den Augen des alten Magiers gesehen hatte, hatte er sich einzureden versucht, aus dem Freund hätte die Nähe des Todes gesprochen. Norah war bei der Geburt des einzigen Kindes des Paares gestorben. Für Timothy, das Baby, hatte sich das Trauma des Eintritts in die Welt als zu schwer erwiesen; der Knabe war eine Stunde nach dem Tod seiner Mutter ebenfalls verschieden. Leander wollte es scheinen, als habe Argus sich eine aufwendige Phantasiegeschichte gewoben, in welcher der Junge immer noch lebte.

Argus hatte im Sterben gelegen; Leander hatte ihn trösten wollen, alles andere war ihm gleichgültig gewesen. Der alte Magier hatte ihn um sein Wort gebeten, und Leander gab es ihm. Um den Freund zu trösten und zu beruhigen hatte Leander versprochen, sich um Timothy zu kümmern, als sei der Junge sein eigener Sohn.

Argus’ einzige Antwort darauf hatte in einem letzten, rasselnden Atemzug bestanden. Dann hatte sich der Hexer dem einzigen Feind ergeben, gegen den jede Magie machtlos war. Flüsternd hatte der Tod im Schlafzimmer Argus Cades Einzug gehalten. Die Augen des alten Mannes hatten sich mit einem Film überzogen, die Brust hatte sich nicht mehr gehoben und gesenkt, das Licht im Zimmer, ja, in der ganzen Welt, war schwächer geworden.

Danach hatte Leander sich um unendlich viele Dinge kümmern müssen. Unzählige Details galt es zu beachten, um eine angemessene Trauerfeier vorzubereiten, und der Magier hatte seinen Kummer erst einmal beiseite geschoben. Dieser Kummer hatte ihn jedoch nie verlassen, war stets im Hintergrund spürbar gewesen, als hohler Schmerz in der Brust und im Magen. Ebenso hatten ihm Argus’ letzte Worte eigentlich keine Ruhe gelassen; auch sie hallten wie ein Echo wieder und wieder durch seine Gedanken.

Unmöglich, dachte Leander erneut.

Dennoch blickte er mit einer gewissen besorgten Anspannung durch das Kutschfenster, als sie nun vor dem stattlichen Sitz der Cades vorfuhren. Das Haus war enorm. Es war nach den Launen seines Meisters erbaut und unzählige Male umgebaut worden. Gauben ragten überall aus dem Dach, und weinumranktes Gitterwerk ergoß sich über die Wände bis weit in das darunterliegende Tal hinab. Nur die Südseite, die zum Gipfel des Erhabenen Hügels hin lag, war mit dem Erdboden verbunden. Ansonsten schien es seitlich aus dem Berg zu sprießen, und zwar in einem Winkel, der im Vergleich zur rechtwinkligen Ausrichtung der anderen Häuser der Gegend wie die spektakuläre Ausgeburt einer wirklich bizarren Geometrie wirkte.

Der Navigator steuerte mit der Kutsche die untersten Stufen der großen Freitreppe an, die sich vor dem Haus befand. „Soll ich hier auf Euch warten, Meister Maddox?” rief er zu Leander herunter.

Leander stieß die Kutschtür auf und trat über den steilen Abgrund des Erhabenen Hügels hinweg auf die Treppe, die ganz im Schatten des großen Hauses lag. Dann drehte er sich um und sah zum verschleierten Gesicht des Navigators hinauf.

„Ja bitte, Kaiphas. Ich weiß nicht, wie lange ich brauchen werde. Wenn du also eine Pause machen möchtest, dann gönne sie dir ruhig.”

„Vielen Dank, Sir.”

Nach diesen Worten ließ Leander den Navigator allein zurück, um langsam die Marmortreppe hinaufzusteigen, die zur Vorderseite des Hauses führte. Weit unter sich sah er die Stadt liegen, die goldenen Lichter, die in den Häusern schimmerten, das scharlachrote Licht der Geisterfeuer in den Straßenlaternen. Mitten in Arkanum glomm es orange, und Leander wurde warm bei diesem Anblick, bewies er doch, daß die Überreste von Argus Cades Scheiterhaufen immer noch loderten. Es war, als sei der alte Magus noch nicht endgültig fortgegangen. Noch gab es eine dünne Faser, die Leander mit seinem toten Mentor verband. Eine Stunde noch – eine weitere Stunde.

Leander strich mit der Hand durch die Luft vor Argus Cades Tür, und zwischen seinen Fingern tanzte flackernd ein violettes Licht, ein Zauber, der als Schlüssel diente. Soweit Leander wußte, war er die einzige lebende Person, die den Zauberschlüssel zum Anwesen der Cades besaß. Entschlossen richtete er sich auf und bereitete sich im Geiste auf die Aufgaben vor, die ihn erwarteten. Er wollte die Papiere des Toten sortieren und die Dinge, die der Universität zugehen und damit der Nachwelt erhalten bleiben sollten, von denen trennen, über die lediglich er, Leander, Bescheid wissen durfte. Es gab Forschungsvorhaben, die Leander im Namen seines Freundes fortführen wollte, aber es waren auch andere Dinge vorhanden, die niemand sonst sehen durfte. Das lag nun einmal in der Natur der Magie.

Die Tür schwang auf. Das Haus hatte seit dem Tod des Hausherrn leergestanden. Alle Diener waren sofort entlassen, nichts war angerührt, nichts verändert worden.

Leander fuhr mit der Hand über das Emblem des Alhazred-Drachen an der Wand, woraufhin überall im Haus die Lampen zum Leben erwachten. In warmen Glanz getaucht lag die große Eingangshalle vor ihm; Leander sah die Porträts, die die Wände zierten, die hölzernen Greifen, die die Säulen am Fuß der Treppe schmückten und den eleganten Teppich auf dem Boden des Flures, der von der Eingangshalle wegführte. Auch die runde, geschwungene Treppe, die sich im Herzen des Hauses emporwand, war mit diesem Teppich belegt.

Leander stand in der Halle und fuhr sich mit den Fingern nachdenklich durch den dichten Bart. Nun blieb nichts anderes mehr zu tun, nun mußte er mit der Arbeit beginnen, die ihn in dieses Haus geführt hatte. Er durchquerte das Foyer und schickte sich an, die Wendeltreppe hinaufzusteigen.

Sofort erfaßte ihn ein leises Schwindelgefühl, das ihn veranlaßte, das Treppengeländer fest zu umklammern, während er eine Stufe nach der anderen langsam hinaufstieg, höher und immer höher, stets im Kreis herum. Wie immer kam ihm die Treppe viel länger vor, als sie in Wirklichkeit war. Sobald er einen Blick hinunter in die Eingangshalle riskierte, verschwamm alles vor seinen Augen: die Halle schien weit, ganz weit unter ihm zu liegen.

Leander blieb stehen und schüttelte leise lachend den Kopf. Argus hatte eine Vorliebe für Beschwörungsarchitektur gehabt; es war ganz nach seinem Geschmack gewesen, in seinem Haus eine Treppe zu errichten, die alle Sinne berührte und den Benutzer zwang, sich Gedanken über Größe und Erhabenheit zu machen. Der junge Magier erklomm die nächste Treppenstufe, schaute nicht mehr zurück und konzentrierte sich ganz auf das, was über ihm war.

Da lag auf einmal das Flattern großer, schwarzer Flügel in der Luft, und die Krallen eines Raubvogels näherten sich bedrohlich seinem Gesicht.

Mit einem lauten: „Krah! Krah!” glitt der Rabe an Leander vorbei, drehte eine Runde und kam auch schon zurückgeschossen, um sich nur ein halbes Dutzend Schritte von der Stelle entfernt niederzulassen, an der Leander nun kauerte, beide Hände schützend vor das Gesicht gehoben. Das Herz des Magiers raste; violettes Licht funkelte an seinen Fingerspitzen. Aber bald schon hatte er sich wieder beruhigt, holte einmal tief Luft und atmete ganz langsam wieder aus.

„Verdammter Vogel!” knurrte er empört. „Du treibst mich zum Wahnsinn, Edgar, wirklich, das tust du!”

Es gab noch andere Worte, andere Verwünschungen, die Leander in diesem Moment auf den Lippen lagen und die er liebend gern ausgesprochen hätte, aber statt dessen schwieg er und starrte die Krähe fassungslos an. Irgend etwas stimmte hier nicht. Es war unmöglich, völlig unmöglich. Viele Magier hatten Vertrautentiere, Gefährten, die dank der Magie ihrer Herren viel schlauer waren, als Tiere eigentlich sein konnten. Die Zauberer hatten in grauer Vorzeit diese Tradition begründet, und manche pflegten sie auch heute noch.

Diese Saatkrähe nun mit ihren seidigen schwarzen Federn und den glitzernden ebenholzschwarzen Augen war Argus Cades Vertrauter gewesen. Allen Überlieferungen nach jedoch, die Leander zu diesem Thema gelesen hatte und auch all seiner eigenen Erfahrung zufolge starb ein solcher Vertrauter für gewöhnlich beim Tod seines Herrn oder seiner Herrin. Edgar allerdings lebte. Die Krähe hockte direkt vor Leanders Augen auf der Wendeltreppe und fixierte den Magier mit einem starren Blick, als sähe sie in ihm einen Eindringling.

„Aus dem Weg, Edgar!” murmelte Leander. „Ich weiß wirklich nicht, wie und warum du überlebt hast, aber ich bin hier, um auf Geheiß deines Meisters dessen letzte Wünsche zu erfüllen.”

„Krah!” rief die Krähe. Sie neigte den Kopf zur Seite und warf ihm einen durchdringenden Blick zu. „Letzte Wünsche!” Sie spreizte die Flügel, wobei ihre Federn durcheinander gerieten. „Du zweifelst an ihm. Das solltest du nicht.”

Ein kalter Schauder durchlief Leander. Bilder der letzten Stunde seines alten Freundes schossen ihm durch den Kopf. Hier war nichts, wie es eigentlich hätte sein sollen. Daß Edgar immer noch lebte und hier anwesend war, die wirren Dinge, die Argus zum Schluß von sich gegeben hatte ... ehe Leander von dem Vogel eine Erklärung verlangen konnte, stieß dieser ein weiteres, lautes Krächzen aus, schwang sich in die Luft und flog hoch, immer höher und weiter hinauf in den Tunnel, der durch den runden Treppenaufgang entstand. Leander rief ihm nach, aber Edgar krächzte und fing dann an, ganz oben unter der hohen Decke des Hauses Kreise zu ziehen wie eine Aaskrähe, die darauf wartet, daß die Beute endlich erlahmt.

Mit rasender Geschwindigkeit erklomm Leander die letzten Treppenstufen. In seinem Kopf überschlugen sich die Fragen, gemischt mit Spekulationen voller Mißtrauen, mit Staunen und schierem Unglauben. Als der Magier endlich am oberen Ende der Treppe angekommen war, kreiste Edgar um seinen Kopf.

„Was hast du mit deinen Worten gemeint, Krähe?” verlangte Leander zu wissen. „Du sagst mir sofort, was du damit gemeint hast!”

„Ich soll es dir sagen? Krah! Zeigen werde ich es dir!” Mit diesen Worten schlug der Vogel noch einmal mit den Flügeln und übernahm die Führung.

Leander folgte ihm. Die Krähe führte ihn durch einen Flur nach dem anderen, durch Türen, die der Magier nie zuvor gesehen hatte, um Ecken herum, die von festen Wänden markiert schienen, bis man sie aus einem bestimmten Blickwinkel heraus betrachtete. Das ganze Haus war von den Einfällen eines Beschwörungsarchitekten geprägt. Wieder Argus’ Phantasie. Es gab Flure ohne Fenster, Korridore mit Fenstern, aus denen man einen Ausblick hatte, der völlig unmöglich wirklich so sein konnte, und Korridore, von denen keine Türen abgingen.

Schließlich führte der Vogel den jungen Magier in einen kleinen, engen, unauffälligen Flur ohne Porträt, Spiegel oder Wandbehang. Der einzige Schmuck dieses speziellen Korridors bestand in einer einzelnen Tür, die in schwarzes Feuer und scharlachroten Nebel gehüllt war und zusätzlich durch ein Scherengitter aus glänzendem grünen Draht und blauem Eis gesichert war.

Bei ihrem Anblick stockte Leander der Atem. In all den Jahren mit Argus hatte er diese Tür nie gesehen, und jetzt, da er sie erblickte, ging seine Neugier schier mit ihm durch. Zu gern wollte er wissen, was sich dahinter verbarg. „Was in aller Welt ist denn das?” fragte er benommen.

„Tritt ein!” forderte die Krähe ihn auf.

Leander konnte nicht anders, er mußte lachen. „Dummer Vogel! Du sagst das, als sei es die einfachste Sache der Welt! Die größten Zauberer, selbst die Zauberer der alten Zeit, könnten ihr ganzes Leben damit zubringen, die Zauber zu entziffern, mit denen diese Tür gesichert ist!”

Edgar glitt zu Boden. Sobald er gelandet war, hüpfte er näher an den Zauber heran, der den Zutritt zu der geheimnisvollen Tür blockierte. Dann blieb er stehen, neigte erneut den Kopf zur Seite und blinzelte Leander zu.

„Krah! Wohl wahr, wohl wahr!” sagte die Krähe. „Aber die Zauberer der alten Zeit hätten auch wohl kaum einen Schlüssel, was? Nur du! Krah. Nur du hast den Schlüssel.”

Leander hielt den Atem an. Er trat vor und fuhr mit der Hand vor der Tür auf und ab. Violette Energiefunken tanzten um seine Fingerspitzen, und sofort lösten sich die Zauber auf, die die Tür verschlossen und verriegelt gehalten hatten. Nur ein paar Fetzen schwarzer Flamme blieben übrig, und in der Luft hing die Kälte, die das blaue Eis ausgestrahlt hatte. Leanders Atem gefror zu kleinen Nebelwolken, als er vor Verwunderung keuchte.

Die Tür sprang auf, und helles Licht drang hinaus in den engen Flur.

Erneut flatterten die Flügel der Krähe, als sich der Vogel in die Luft hob. Dicht hinter ihm trat auch Leander durch die Tür.

Warm schien die weiße Sonne auf die Insel Geduld. Ihre Strahlen tauchten den Himmel in goldenes Gelb, das sich weit hinaus bis über das Meer erstreckte. Wohin man auch sah, überall Schönheit, überall Verlassenheit: der weite Himmel oben, das unendliche Meer unten. Der Wind strich flüsternd durch die hohen Yaquisbäume, deren lange Wedel tief herabhingen und die fetten, saftigen Früchte verbargen, die unter den Zweigen baumelten. Die Brandung gischtete an die Strände der Insel; ihre sanfte, gedämpfte Stimme klang wie eine Antwort auf das Murmeln des Windes.

An einem felsigen Abschnitt der Küste dieser kleinen Insel hatten die Zeit und die Launen des Meeres einen großen Steinhaufen zusammengetragen und so eine kleine Landzunge entstehen lassen. Am äußersten Rand dieser Landzunge hockte auf seinem Lieblingsstein ein Junge, der sich im weißen Sonnenlicht badete. Sein Körper war von demselben satten Braun wie die Haut einer reifen Yaquisfrucht, und in der Hand hielt er eine Rute, die er sich aus einem Yaquiszweig geschnitzt hatte. Er hatte den Yaquisbaum für diese Zwecke gewählt, weil dessen Holz von hoher Biegsamkeit war. Aus den hängenden Blättern des Horaxbaumes, der tiefer im Innern der Insel wuchs, hatte sich der Junge eine starke Schnur gewunden. Anscheinend besaß er Verständnis und Sinn für solche Dinge, denn zusätzlich zur Rute und zur Schnur hatte er auch noch eine Spule entworfen, um die sich die Schnur winden ließ und eine Kurbel, mit deren Hilfe man die Spule drehen konnte.

Diese Vorrichtung, diese Angelrute, hatte der Junge entwickelt und angefertigt, als er sechs Jahre alt gewesen war. So ließen sich die Fische viel leichter fangen – vorher war er mit einem Speer bewaffnet durch die Brandung gewatet. Das Fischen machte nun richtig Spaß – und warum auch nicht? Die warmen Steine unter ihm, der gelbe Himmel über ihm, der smaragdgrüne Ozean, der gegen die Felsen schlug ... und wenn die Fische soweit waren, daß sie sich fangen und essen lassen wollten, dann ließen sie ihn das wissen, indem sie am Knochenhaken zogen, den er am Ende seiner Leine befestigt hatte.

Stille.

Insel Geduld – so lautete schließlich der Name der Insel. Auch wenn der Junge ihr diesen Namen selbst verliehen hatte.

An diesem schönen Tag jedoch wurde die Stille gestört.

„Krah! Krah! Krah!”

Die Augen des Jungen weiteten sich. Er lachte glücklich, sprang auf und stand hochaufgerichtet auf seinem Felsen. Fast hätte er sogar die Angelrute vergessen, aber dann blieb er doch noch so lange stehen, bis er die Kurbel betätigt und Schnur samt Haken eingezogen hatte – mit dem Haken auch den leicht zerfallenen Schellfisch, den er als Köder benutzt hatte. Natürlich hätte er ohne weiteres immer wieder eine neue Angel bauen können, aber trotzdem war es besser, auf die hier achtzugeben. Sobald er jedoch den Haken eingeholt hatte, legte er sich die Angelrute über die Schulter und hüpfte gekonnt von einem Stein zum nächsten, während er sich geschickt seinen Weg über die heimtückischen Felsen der kleinen Landzunge hinweg suchte.

„Krah! Krah!” ertönte noch einmal der Ruf des Rabenvogels, und schon sah der Junge vor sich die Krähe, die in der Luft ihre Kreise drehte.

„Edgar!” rief er aufgeregt.

Aber in seinem Herzen rief er ganz etwas anderes. In seinem Herzen rief er Vater! Denn die Ankunft des Vogels bedeutete, daß sein Vater wiedergekommen war, um ihn zu besuchen. Der letzte Besuch des geliebten Mannes war so lange her – Monate, soweit der Junge das nachvollziehen konnte – daß er schon befürchtet hatte, seinen Vater nie wiederzusehen.

Die Felsküste wich einem Strand, einer weiten Fläche aus rotfarbenem Sand, den die Füße des Jungen jetzt aufwirbelten, als er immer schneller am Meer entlanglief, wobei seine Augen eifrig nach der Tür Ausschau hielten. Dann endlich sah er sie, und sein Herz tat einen kleinen Sprung. Die reichverzierte Tür in ihrem eleganten Rahmen war wie immer dort aufgetaucht, wo eigentlich unmöglich eine Tür sein konnte. Nur ein kleines Stück von der Brandung entfernt schwebte sie über dem roten Sand in der Luft.

Die Tür stand offen.

Die Schritte des Jungen wurden zögerlicher.

Die Krähe schrie erneut, flatterte kurz und landete dann auf dem Türrahmen, wo sie hockte und dem Jungen zusah, der sich nun immer langsamer näherte. Die Gestalt, die durch die Tür getreten war und jetzt dort im Sand stand, war an diesem friedlichen Ort ebenso fehl am Platz wie die Tür selbst – das war nicht sein Vater. Dieser Mann trug einen schweren, dunkelgrünen Umhang, dessen Kapuze er zurückgeschoben hatte. Er war verblüffend groß und breitschultrig, mit einem dichten Bart und einer dunklen Haarmähne, die ihm so ins Gesicht fiel, daß der Junge unwillkürlich an ein Bild denken mußte, das sein Vater einmal während einer Unterrichtsstunde herbeigezaubert hatte. Der Fremde erinnerte den Jungen an einen Löwen.

Eigentlich war der Fremde auch gar kein Fremder; das Gesicht mochte dem Jungen nicht vertraut sein, er hatte aber durchaus eine ausführliche Beschreibung dieses Gesichtes erhalten.

Der Junge ging noch langsamer. Wachsam, vorsichtig, bewegte er sich auf den Fremden zu, die Angelrute immer noch über die Schulter geworfen. Der Mann starrte ihn mit weit offenen, erstaunten Augen an, genauso, wie er auch alles andere um sich herum anstarrte. Die Krähe sah ihm dabei zu und registrierte alles still und schweigend.

„Du bist Leander Maddox!” sagte der Junge, kaum in der Lage, über dem Lärm der Brandung die eigene Stimme zu hören.

„Der bin ich”, bestätigte der große Besucher mit einem Nicken.

Der Junge ließ den Kopf hängen, den Blick unverwandt auf die eigenen, gebräunten Füße im rotschimmernden Sand gerichtet.

„Dann ist mein Vater tot.”

Kapitel zwei

„Timothy?” Leander starrte den Jungen ungläubig an; er mußte die Stimme erheben, um sich angesichts der tosenden Brandung, die gegen den Strand krachte, Gehör zu verschaffen.

Der dunkelhäutige Junge sah von seinen sandigen Füßen auf‚ Tränen in den großen Augen. „Ja.”

Edgar, der immer noch auf der mystischen Tür hockte, krächzte laut und voller Kummer, ehe er herabglitt, um sich auf der bloßen Schulter des Jungen niederzulassen. „Es tut mir so leid, Kleiner!” krächzte der Vogel, wobei er es fertigbrachte, sowohl mit seiner Stimme als auch mit seinem Blick tiefstes Mitgefühl auszudrücken.

„Dann stimmt es also?” fragte der Junge und sah Edgar an, der sich in seiner Gegenwart deutlich anders verhielt als zuvor. „Dann ist mein Vater wirklich tot?”

Der Vogel hüpfte auf der Schulter des Jungen hin und her, ehe er antwortete: „Krah! Wie ungern ich derjenige bin, der es dir sagen muß! Aber ja, Tim, dein Vater ist von uns gegangen.”

Vom Wasser her drang eine warme, feuchte Brise zur kleinen Gruppe am Strand herüber, und abermals wurde Leander vom ganzen Ausmaß der Täuschung getroffen, mit der er sich hier konfrontiert sah.

„Timothy!” wiederholte er und machte sich auf, durch den Sand zu waten, fort von der offenen Tür, durch die er so rasch wieder hätte in die reale Welt, in die Normalität zurückkehren können. Fassungslos starrte er den Jungen an, diesen außergewöhnlichen, an und für sich vollkommen unmöglichen Jungen, unfähig, den Blick von ihm zu lösen. „Du lebst!” sagte er und kam sich dabei selbst wie ein Trottel vor, sah sich aber nicht in der Lage, sein ungläubiges Staunen zu verbergen.

Empört plusterte die Krähe die Federn auf und schlug aufgeregt mit den Flügeln. „Der Junge hat soeben erfahren, daß sein Vater gestorben ist! Wie wäre es mit ein bißchen Mitgefühl?” schimpfte sie.

Leander hatte Argus Cades Vertrauten noch nie so reden hören und fand es ein wenig beunruhigend. Er fragte sich, ob Edgars neues Sprachtalent – wenn er es auch zugegebenermaßen für eine recht ungehobelte Sprache nutzte – etwas damit zu tun hatte, daß er sich nun auf dieser Insel befand oder ob es sich dabei um eine Begleiterscheinung von Argus Cades Hinscheiden handelte. Oder vielleicht, dachte der Magier, war Edgar ja immer schon solch eine schillernde Persönlichkeit, was auch zu den Dingen gehörte, die man mir vorenthielt! Wie dem auch sein mochte, Leander wußte, die Krähe hatte recht. Er selbst hatte unter einem solchen Schock gestanden, daß er sich den Bedürfnissen und Gefühlen des Jungen gegenüber zutiefst unsensibel verhalten hatte.

„Mein herzliches Beileid, Timothy”, sagte Leander und neigte entschuldigend den Kopf. „Ich bitte dich sehr, mein Verhalten zu entschuldigen. Es tut mir aus ganzer Seele leid, daß du deinen Vater verloren hast. Du mußt nur wissen, daß ich völlig überwältigt bin! Der Schock, dich hier vorzufinden – lebend!”

Der Junge schien gesund und munter zu sein. Er wirkte wach und mobil, war erstaunlich muskulös für sein Alter, und seine sonnengebräunte Haut schimmerte. Leander hatte auch die Rute bereits gesehen, die Timothy über der Schulter trug und sich gefragt, welchem Zweck sie wohl dienen mochte.

„Mein Vater hatte mich gewarnt. Er hatte mir gesagt, daß du anfangs so reagieren würdest”, sagte Timothy, wobei sein Blick zum Meer hinüberglitt und sein ganzer Körper eine solche Traurigkeit ausstrahlte, daß es kaum mit anzusehen war. Dann aber hob er entschlossen den Blick und heftete ihn prüfend auf Leanders Gesicht. „Er sagte mir, wenn ihm irgend etwas zustieße, würdest du kommen, und ich sollte dir erklären, warum ich hier bin.”

„Das hat Zeit, Tim”, mischte Edgar sich ein. „Nimm dir erst einmal Zeit für dich selbst. Auch du hast ein Recht zu trauern, wie wir alle getrauert haben.”

Der Junge lächelte bekümmert, streckte die Hand aus und strich dem Vogel über die glänzenden schwarzen Federn. „Es ist schon in Ordnung, Edgar. Mein Vater hat mich hierauf vorbereitet. Er hat mir schon gesagt, daß Leander nicht gerade der geduldigste aller Magier ist. Wir sollten ihn nicht warten lassen; wir sollten ihm das Geheimnis dieser Insel rasch erklären.”

Von der Schulter des Jungen aus funkelte die Krähe Leander böse an. „Na, dann tu, was du nicht lassen kannst!” meinte sie widerstrebend.

Leander spürte, wie ihn Schuldgefühle packten und kräftig schüttelten – man hätte dem Jungen wirklich Zeit zum Trauern lassen sollen -, aber gleichzeitig vermochte er seine Neugier kaum noch zu zügeln. Er mußte einfach erfahren, wieso sein Freund und Mentor den eigenen Sohn derart hatte aussetzen können, warum er ihn sich selbst überlassen hatte, fernab aller Welt.

„Warum, Timothy?” fragte er denn auch, während er sich bückte, um dem Jungen in die Augen sehen zu können. „Warum diese ganze Scharade – warum wollte dein Vater, daß die Welt dich für tot hält?”

Ganz langsam ließ sich Timothy in den roten Sand sinken und sah so aus, als sei die Last seines Wissens letztlich doch zu schwer für ihn geworden, als drücke sie ihn nun zu Boden. Edgar flatterte von der Schulter des Jungen und landete neben ihm, wo er sich aufbaute und im Sand hin und her stolzierte, als wolle er über den Knaben wachen.

„Weil ich anders geboren bin”, sagte Timothy und ließ die dunkelroten Körnchen durch seine Finger rinnen. Er sah nicht auf, und Leander hatte das Gefühl, der Junge schäme sich für irgend etwas.

„Anders, Junge?” Der Magier hockte sich neben den Kleinen in den Sand und legte ihm tröstend die große Hand auf die Schulter. „Wie anders?”

Weiter ließ Timothy roten Sand durch seine Finger rinnen, während er sich seine Antwort lange und genau durch den Kopf gehen ließ.

„Timothy?” drängte Leander sanft.

„Ich kann Sachen nicht so machen, wie alle anderen es können”, sagte der daraufhin und hob nun endlich den Blick. Eine weitere warme Brise vom Meer zerzauste ihm das dunkle, lockige Haar, und er mußte die Augen zusammenkneifen, denn sonst wäre ihm Sand hineingeraten. „Ich kann nicht zaubern”, sagte er. Dieses Eingeständnis schien ihn die letzte Kraft gekostet zu haben. Er ließ den Kopf sinken und wandte das schamgerötete Gesicht erneut dem rotschimmernden Sand zu.

Verwirrt runzelte Leander die Stirn. „Du bist in der Kunst nicht ausgebildet?” fragte er nach. „Nicht so geschickt wie dein Vater? Aber es besteht doch gewiß kein Grund ...”

Edgar flatterte ärgerlich mit den Flügeln. „Hör dem Jungen doch zu, Leander!” krächzte er. „Er kann nicht zaubern, hat er gesagt!”

Der Magier blickte von dem Vogel zu dem Jungen. Timothy schien geschrumpft zu sein, sich ganz in sich selbst zurückgezogen zu haben.

„Ich kann es nicht anders ausdrücken”, erklärte er. „Mein Vater sagte, die ganze Welt basiere auf Magie, werde von Magie angetrieben, alles und jedes enthalte Magie, und alles sei in einem Kreislauf aus Zauberkraft miteinander verbunden. Aber ich nicht. Ich bin nicht Teil dieses Kreislaufs. In mir ist keine Magie. Ich habe überhaupt keine Magiebegabung.”

Leander war so erstaunt, daß er den Knaben nur anstarren konnte. Diese Worte, die Timothy hier so einfach aussprach, waren schreckliche Worte, die sich anhörten wie ein fürchterlicher, makabrer Scherz. Ganz ohne Magie zu sein – das war, als hätte man keinen Herzschlag, als könne man nicht atmen! Aber was der Junge sagte, war wahr. Natürlich. Daß Argus Cade den eigenen Sohn so lange weggesperrt hatte ... zumindest warfen die Worte des Jungen ein gewisses, wenn auch bizarres Licht auf die Sache. Zumindest schien nun alles einen gewissen Sinn zu ergeben. „Es – es tut mir wirklich leid, daß ich dich so anstarre, Timothy!” Die Worte sprudelten förmlich aus Leander heraus. „Es ist nur so ... so etwas habe ich noch nie gehört!” Wieder schämte sich der Magier seines mangelnden Mitgefühls. „Das ist doch ganz und gar unglaublich!” fügte er hinzu.

„Hört, hört!” krächzte Edgar. „Aber nun verstehst du, nicht wahr? Deswegen hat Meister Argus diese Tür eingebaut, deswegen hat er diesen Anbau hier erschaffen. Wir sind in einer Taschendimension, die direkt an unsere Dimension angrenzt. Einfache Hexerei für einen, der so geschickt war wie er.”

„Was ...?” flüsterte Timothy, der immer aufgeregter wurde und dessen Finger sich immer tiefer in den roten Sand bohrten.

„Hier war er sicher”, krächzte die Krähe. „Hier war er geschützt!”

Die Fragen überschlugen sich so rasch und wütend in Leanders fast schon fiebrigem Verstand, daß der Magier kurz davor war, zur eigenen Beruhigung einen Zauber der Ausgeglichenheit zu sprechen. Auch Timothy schien sichtlich aufgebracht, und Leander streckte eine tröstende Hand nach dem Jungen aus. „Aber, aber ...”, hob er an – da jedoch war Timothy auch schon auf den Beinen, ehe Leander ihn hatte erreichen können.

„Es tut mir leid!” verkündete er mit fester Stimme. „Aber jetzt brauche ich wirklich Zeit für mich. Ich muß ein wenig allein sein.” Mit diesen Worten drehte er sich um und ging auf den smaragdgrünen Ozean zu.

„Natürlich, nimm dir Zeit!” rief Leander ihm nach. Sein eigenes Herz schmerzte zum Zerspringen, als er sich zu verstehen bemühte, was das alles bedeuten mochte. Argus Cade hatte die Welt für ihn bedeutet, und nun hatte Argus diese Welt verlassen – und hier war sein Sohn. Ein Junge, dessen Wohlergehen man in seine, Leanders Hände gelegt hatte. „Laß dir Zeit, soviel du brauchst!”

Von irgendwoher tief in Edgars Schlund drang ein häßliches Geräusch. „Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl!” krächzte der Vogel unheilverkündend und sah zu, wie der Junge in die Fluten des Ozeans stieg. „Ein ganz schlechtes Gefühl habe ich da!”

Leander war sich nicht sicher, wie lange er dort am Ufer dieser tropischen Insel in jener veränderten Dimension gestanden hatte, ganz benommen von der Ungeheuerlichkeit des Geheimnisses, das man ihm gerade enthüllt hatte. Die warme Brise, die vom Meer her kam, spielte mit seinen grünen Gewändern, und der betörend süße Duft blühender Obstbäume, der in seine Nase drang, verführte ihn kurz zu der Annahme, es handele sich bei all dem nur um einen Traum. Oder um einen Zauber — ein Zauber der Verwünschung konnte durchaus bewirkt haben, daß er sich dies alles hier lediglich einbildete!

Leander wandte sich zum Meer und sah den Wellen zu, die an den Strand rollten. In der Ferne wirkte ein kleiner, dunkelhäutiger Junge inmitten der unendlichen See winzig und zerbrechlich. Ein Traum ist das nicht! dachte Leander und spürte erneut schmerzhaft die Trauer um den Freund, um dessen Verhalten — und ein Zauber war es auch nicht.

Leander kehrte dem traurigen Bild, das der trauernde kleine Junge im weiten Meer abgab, entschlossen den Rücken zu und richtete sein Interesse auf das Land, auf dem er stand. Sehr groß schien die Insel nicht zu sein, aber für einen einzigen und noch dazu so jungen Bewohner war sie groß genug. Es mochte sich bei dieser Insel in der Tat um eine Taschendimension handeln, aber Leander wurde schnell klar, daß diese Dimension viele ihrer Eigenschaften mit der Welt teilte, in die er selbst geboren war. Er fragte sich, wie weit die Insel wohl von der nächsten großen Landmasse entfernt sein mochte und ob es hier noch andere empfindende Wesen gab oder nicht.

Der rote Strand war von einem üppigen Urwald gesäumt; eine Überfülle an Yaquisbäumen stand dort, deren lange Wedel sich sanft im stillen Wind wiegten, als wollten sie Leander zuwinken, als wollten sie ihn näher heranlocken. Sein Magen knurrte erwartungsvoll – er hatte den exotischen Geschmack der Yaquisfrucht schon immer sehr gern gemocht und ihm wurde mit einem Schlag bewußt, daß er mehr als einen Tag lang nichts gegessen hatte. Zu sehr war er abgelenkt gewesen von seiner Trauer, von all seinen Aufgaben und nun auch noch von dem schier Unglaublichen, das sich ihm hier langsam enthüllte.

Als Leander weiter den Strand entlangschaute und den Blick dann ins Inselinnere schweifen ließ, konnte er ein Lager erkennen. Dabei handelte es sich wohl um die Behausung des Jungen. Der Magier schirmte seine Augen gegen die Sonne ab und blinzelte, um weitere Einzelheiten ausmachen zu können. Richtig: In einer besonders dichten Gruppe uralter Yaquisbäume, die oberhalb des Strandes wuchsen, hatte man, von den Bäumen hinabhängend, eine rechteckige Konstruktion angebracht. Aus einem Schornstein stieg ein breiter Rauchstreifen in den gelben Himmel. Unter dieser hängenden Konstruktion befand sich eine weitere, größere. Auf jeden Fall verfügte Timothy also über ausreichend Schutz, sollten die Elemente ihre Laune ändern und das Wetter beschließen, nicht mehr strahlend schön, sondern unangenehm zu werden.

Als Leander seine Gedanken zu ordnen begann, begann sich auch seine Stimmung zu wandeln. Er malte sich das Leben des Jungen aus, so ganz allein an diesem einsamen Ort, und diese Vorstellung stimmte ihn traurig und gleichzeitig sehr besorgt. Völlig egal, welche Gründe Argus bewogen haben mochten, seinen Sohn auf diese Insel zu verbannen – Leander spürte eine höchst unwillkommene Wut auf den alten Magier in sich aufkeimen. Sein Mentor hätte ihm sagen können, was vorgefallen war, was er geplant hatte! Er, Leander, hätte ihm auf jeden Fall davon abgeraten. Die Welt konnte doch unmöglich so grausam sein, daß sie einem derart hilflosen Jungen etwas antat!

Als nächstes schlich sich eine ganz andere, viel düsterere Überlegung in Leanders Gedanken. Was, wenn Argus Timothy nun nicht aus reinem Beschützerinstinkt versteckt hatte, sondern weil ihm die Existenz des Knaben peinlich gewesen war? Diese Überlegung machte dem jungen Magier außerordentlich zu schaffen.

„Denk nicht schlecht von ihm!” krächzte Edgar, schlug mit den Flügeln und flog mehrere Fuß näher an Leander heran, ehe er sich wieder am Strand niederließ und durch den dichten, roten Sand auf den Magier zuhüpfte. „Ich sehe in deinem Gesicht, was du denkst. Aber Meister Argus liebte den Jungen. Er wollte, daß er sicher sei; das war sein ganzes Bestreben. Diese Insel ist einsam, aber in gewisser Weise ist sie auch ein Paradies. Niemand kann Tim hier etwas tun. Der Junge hat gelernt, für sich selbst zu sorgen. Was er braucht, nimmt er sich aus der Welt, die ihn umgibt. Er ist brillant, wie sein Vater.”

Mit gerunzelter Stirn wandte Leander den Blick von der Krähe. Gewiß, Argus Cade war ein feiner Mann gewesen, der beste, den der junge Magier je gekannt hatte. „Ich weiß nicht, Edgar”, sagte er mit rauher Stimme. „Ein Kind derart von allem abzuschotten, auch wenn es sich um ein Kind handelt, das so schwer behindert ist wie Timothy ... es fällt mir schwer, mir selbst glaubhaft einzureden, es habe wirklich keinen anderen, keinen besseren Weg gegeben.”

Dann schwieg der Magier einen Augenblick lang, ehe er die Krähe wieder direkt ansah. „Was ist mit dir, Vogel? Du kannst viel besser reden und weißt auch viel mehr, als ich je ahnte. Gibt es vielleicht noch andere Geheimnisse, in die du mich gern einweihen möchtest?”

Mit leichten Schlägen seiner ebenholzschwarzen Flügel hüpfte der Vogel näher an Leander heran. „Laß uns eins ganz klarstellen”, krächzte er. „Ich weiß, daß du mich nicht leiden kannst, das habe ich immer schon gespürt, und ich mache mir, um bei der Wahrheit zu bleiben, auch nicht gerade allzuviel aus dir. Du bist ein aufgeblasener, humorloser Esel. Aber genau wie du habe auch ich Argus Cade ein Versprechen gegeben, ehe er starb.”

Zwar fühlte sich Leander durch die Offenheit des Vogels mehr als nur leicht vor den Kopf gestoßen, kam aber nach einer Weile nicht umhin zu nicken. Edgar hatte recht, und zwar mit allem, was er gesagt hatte. Wie ein Blitz zuckte die Erinnerung an Argus’ letzten Atemzug durch Leanders Kopf; noch einmal sah er den Ausdruck genau vor sich, mit dem der alte Magier ihn angesehen hatte, als er seine Bitte vortrug, erinnerte sich an die Bitte selbst. „Argus hat mich gebeten, mich um Timothy zu kümmern, wenn er selbst nicht mehr in der Lage wäre, dies zu tun.”

„Genau das habe ich auch versprochen!” sagte Edgar. „Ich als Timothys Vertrauter, du als sein Vormund.”

Leander nickte, denn mittlerweile sah es ganz so aus, als ergäben zumindest ein paar Dinge in dieser Sache letztlich doch einen Sinn. „Das erklärt, warum du nicht gestorben bist, als dein Herr starb. Er hat dich Timothy vermacht. Ist das auch der Grund dafür, daß sich ... daß sich dein ganzes Auftreten derart verändert hat? Spiegelt dein Verhalten jetzt Timothys Jugend wider und nicht mehr das Alter und die Würde deines früheren Herrn?”

Die Krähe plusterte sich auf. „Hast du dir das alles ganz allein zurechtgelegt?” krächzte sie. „Langsam verstehe ich, warum du einer von Argus’ besten Schülern warst.”

Der Magier schenkte dieser respektlosen Bemerkung keine Beachtung, sondern richtete seine Aufmerksamkeit ganz auf das eigentliche Thema ihrer Unterhaltung: auf den Jungen, der da so ganz allein in den grünen Fluten stand. In der Welt, in die Timothy Cade hineingeboren war, würde der Junge als Mißgeburt gelten, wäre er unfähig, auch nur die allereinfachsten Arbeiten zu erledigen – das würde sich vom simplen Licht einschalten bis hin zur Zubereitung einer Mahlzeit erstrecken. Verfügte er wirklich über keinerlei Magie, dann wäre er auch nicht in der Lage zu lernen, wie andere Kinder es taten. Die ganz gewöhnlichen Freuden der Jugend – das Spiel mit Verwandlungszaubern oder Schwebezaubern zum Beispiel – wären ihm verwehrt.

Aber er war doch dein Sohn, Argus! dachte Leander. Dein Sohn! Ihn derart vor der Welt zu verstecken und die Welt vor ihm zu verstecken ... der junge Magier verstand immer noch nicht, warum sein alter Lehrer gemeint hatte, dies tun zu müssen.

Mit einem lauten Krächzen flog Edgar auf und schraubte sich in einem langen, weitgezogenen Kreis in die Lüfte. Leander blickte hinaus auf das Meer und sah, daß der Junge zurückkam. Langsam trottete er durch den Sand und entfernte sich immer mehr von den Wellen, die hungrig an ihm zerrten. Die weiße Kugel, die in dieser Dimension die Sonne darstellte, wollte gerade untergehen, und ihre letzten Strahlen tauchten den ohnehin schon roten Sand in noch dunklere Töne.

„Denk daran!” warnte Edgar leise. „Wir haben geschworen, die Interessen des Jungen zu wahren.”

Leander sah zu, wie der immer noch tief erschütterte Knabe näher kam und gab der Krähe keine Antwort. Die Interessen des Jungen, sagte er im Geiste laut vor sich hin. Was genau soll das heißen?

Dann stand der Junge vor ihm. „Weißt du”, sagte Leander, „wir müssen das nicht unbedingt sofort machen. Wenn du mehr Zeit brauchst, dann nimm sie dir ruhig.”

Der Junge bückte sich, um den merkwürdigen Ast aufzusammeln, den er zuvor hatte fallen lassen. „Mir geht es soweit gut”, sagte er und warf sich die Rute über die Schulter. „Ich mußte mich nur von meinem Vater verabschieden.” Diese Worte klangen schwer und bedeutsam, und während er sie sagte, blickte der Junge hinaus auf das weite Meer. Dann richtete er sich kerzengerade auf und sah Leander in die Augen. „Vater sagte, ich solle dir die Insel Geduld zeigen. Ich solle dir alles zeigen, was ich hier getan habe – was ich angefertigt habe.”

Mit diesen Worten schickte der Junge sich an, auf die Konstruktion zuzugehen, die Leander bereits zuvor aus der Ferne gesehen hatte.

„Angefertigt?” hakte Leander nach, der Timothy den Strand entlang folgte, während Edgar in den warmen Luftströmen über ihren Köpfen dahinglitt.

„Ich stelle Dinge her”, erklärte der Junge und hielt Leander als Beispiel die Rute hin, die er aus dem Zweig eines Baumes angefertigt hatte. „Dinge wie dies hier.”

„Was genau ist das?” wollte der Magier neugierig wissen.

„Das ist meine Rute, um Fische zu fangen”, verkündete der Junge stolz. „Die habe ich mir gebaut, als ich sechs Jahre alt war.”

Timothy führte die Angelrute, die Leander höchst merkwürdig fand, vor, indem er an der Kurbel drehte und so eine Schnur abwickelte, an deren Ende ein gebogener Knochen befestigt war. „Auf den Knochenhaken dort steckt man Köder für die Fische, und dann läßt man den Haken ins Wasser hinab. Wenn ein Fisch bereit ist, sich fangen zu lassen, frißt er den Köder und zieht damit an der Leine.” Er tat, als habe er gerade im Sand etwas gefangen. „Dann drehe ich an der Kurbel und ziehe den Fisch aus dem Wasser.”

So etwas wie diese Rute hatte Leander noch nie zuvor gesehen, und doch fand er die simple Logik, nach der sie funktionierte, wunderbar. „Clever”, lobte er beeindruckt.

Edgar, der vor den beiden herflog, krächzte dazu nur laut. Der Vogel war bereits bei den Konstruktionen angekommen, und nun beeilten Timothy und Leander sich, um ihn einzuholen. Bald waren auch sie bei der Behausung angelangt, von der Leander annahm, es handle sich um die Wohnräume des Jungen. Die Wände dieser Behausung bestanden aus grauem Metall und Holzbalken; eine Reihe Yaquiswedel über der nächsten bildeten das Dach. Durch das Dach des unteren Baus ragte eine Leiter, die zu einer Tür führte, welche sich im Boden der zweiten Konstruktion befand. Dieses Bauwerk hing wie ein Nest in den Bäumen über dem ersten. Rauchwolken stiegen von der Rückseite des am Boden befindlichen Gebäudes und aus dem auf Baumhöhe auf.

„Hat dein Vater diese Behausungen errichtet?” wollte Leander wissen.

Timothy blieb an der Tür des unteren Hauses stehen und zuckte die Achseln. „Beim Bau der Rahmen hat er mir geholfen, nach meinen Entwürfen. Den Rest habe ich allein gebaut.”

„Das hat doch aber sicher einige Zeit in Anspruch genommen.”

Timothy lehnte seine Rute gegen die Außenwand des unteren Hauses. „Ja”, sagte er. „Aber die Dinge brauchen nun einmal so lange, wie sie brauchen, und es ist ja auch nicht so, als hätte ich noch andere Verpflichtungen”, sagte er und näherte sich der geschlossenen Tür des unteren Hauses, die aus demselben grauen Material hergestellt war wie auch die Wände.

Wäre dieses Haus eine der Heimstätten in einem der zahlreichen Distrikte Arkanums gewesen, dann hätte Timothy jetzt lediglich die Hand vor ein mystisches Auge halten müssen, und die Tür hätte sich geöffnet und ihn willkommen geheißen. Leander kniff die Augen zusammen und sah genau hin, als der Junge statt dessen einen Riegel zur Seite schob, die Handfläche gegen das graue Metall legte und die Tür mit der eigenen Körperkraft öffnete.

„Das ist meine Werkstatt”, sagte Timothy stolz und forderte Leander mit einer Handbewegung auf einzutreten. Edgar holte zu einem kraftvollen Schlag mit den mächtigen Schwingen aus und schwebte über den Köpfen der beiden ebenfalls durch die Tür, hatte im Innern des Hauses aber Mühe, auf einem mit höchst ungewöhnlichem Müll überladenen Tisch einen Platz zum Landen zu finden. „Hier stelle ich die Dinge her, die ich mir im Kopf vorstelle”, fuhr Timothy mit seiner Erklärung fort.

Zu sagen, Leander hätte es beim Anblick dieser Werkstatt die Sprache verschlagen, wäre gelinde gesagt eine Untertreibung gewesen. Der Magier warf einen raschen Blick durch den ganzen Raum, mußte dann aber feststellen, daß es damit keineswegs getan war. Er fing noch einmal von vorne an, diesmal jedoch sah er sich seine Umgebung sehr langsam und sorgfältig an, bemüht, sich keine Einzelheit entgehen zu lassen. Wo er auch hinschaute, fiel sein Blick stets auf irgend etwas, das seine Neugier erregte. Er sah Holz in allen Größen und Formen auf dem Boden gestapelt, das zum Teil vom Yaquisbaum stammte, der auf der Insel in Hülle und Fülle wuchs. Aber auch edleres Holz war vorhanden, das man wahrscheinlich aus der Welt draußen hereingebracht hatte.