Der ungewöhnliche Held aus Zimmer 13B - Teresa Toten - E-Book

Der ungewöhnliche Held aus Zimmer 13B E-Book

Teresa Toten

0,0
8,99 €

Beschreibung

Als Adam das Mädchen Robyn trifft, weiß er nach einer Sekunde, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Ihre kohlschwarzen Wimpern und himmelblauen Augen hauen ihn einfach aus seinen farbabgestimmten Socken. Doch wie soll er je eine „normale“ Beziehung mit Robyn haben, wenn sein Leben alles andere als normal verläuft? Zum einen gibt es seine geschiedenen Eltern und den kleinen Halbbruder, der wie eine Klette an Adam klebt – zum anderen kämpft Adam mit dem Ungeheuer namens Zwangsneurose. Noch dazu bekommt seine Mutter seit kurzem Drohbriefe. Doch Adam will Robyns Batman sein – und gemeinsam können sie vielleicht alles Böse der Welt besiegen …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 333

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



TERESATOTEN

DERUNGEWÖHNLICHEHELDAUSZIMMER 13B

Aus dem Englischen vonAnn Lecker

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. 1. Auflage 2014

© 2013 by Teresa Toten

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Unlikely Hero of Room 13B« bei Doubleday Canada,

vermittelt durch Barbara Küper,

Literarische Agentur + Medienservice (Frankfurt).

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe by cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Ann Lecker

We aknowledge the support of the Canadian Council

for the Arts for this translation.

Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie

unter Verwendung mehrerer Motive von

Gettyimages: (Image Source/RF); Shutterstock (robert_s)

he · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-14243-8V002

www.cbt-buecher.de

Für alle, die glauben, sie wären allein

KAPITEL 1

Der Junge atmete ein, als sich die Tür öffnete. Es war, als wüsste er es. Das Mädchen betrat den Raum, und einen Herzschlag später war er verloren.

Das Mädchen ging auf den Halbkreis aus Stühlen zu, nicht unbedingt mit einem Lächeln, aber doch selbstbewusst. Sie war bestimmt älter. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Es war also hoffnungslos. Sie setzte sich ihm direkt gegenüber, an ihrem Ende des Halbkreises. Ohne aufzusehen, schlug sie ihre perfekten Beine übereinander und warf einen langen schwarzen Zopf hinter sich. Als er wieder ausatmete, war der Junge verliebt.

Es war, als hätte ihn eine Welle des Verlangens fortgerissen.

Ohne zu wissen, woher, wusste er doch irgendwie, dass er diesem Mädchen seine ganze Welt zu Füßen legen würde, wenn sie nur wollte. Von diesem Augenblick an konnte sie sein iPad 3 haben (vor allem, da er es selbst nicht mehr benutzen durfte), seine Erstausgabe von J.D. Salingers Neun Erzählungen, seine Xbox, seinen Baseball mit einem Autogramm von Doc Halladay darauf und seine über alles geliebten Orks aus dem Warhammer-Fantasy-Battle-Spiel – die der klassischen achten Auflage, nicht das andere Poser-Zeug. Für sie würde er seine peinlichsten Rituale bezwingen und das, was von seinem Verstand übrig war, opfern.

»Grüß dich, Robyn, und willkommen!«, sagte Dr. Chuck Mutinda. Er nickte ihr zu und blickte dann in einen abgegriffenen Ordner. Das machte den Moment zunichte und erhöhte ihn gleichzeitig. Jetzt kannte der Junge ihren Namen.

Robyn.

»Danke«, sagte das Mädchen in Richtung ihrer Füße, und dem Jungen verschlug es den Atem, so hypnotisch war der Klang ihrer Stimme.

Das Mädchen hatte blaue Augen. Bis zu diesem Moment hatte der Junge noch nie darauf geachtet, welche Augenfarbe jemand hatte, hätte nicht einmal sagen können, welche Farbe die Augen seiner Mutter hatten. Aber Robyns Augen … hatten die Farbe eines wütenden Himmels, umrahmt von dichten pechschwarzen Wimpern. Ihre Schönheit – die zu seinem Entsetzen niemanden im Raum dazu veranlasste, vom Stuhl aufzuspringen und der Welt kundzutun – war atemberaubend. Er fühlte sich wie hin und her geworfen und durch die Mangel genommen.

Allein bei ihrem Anblick empfand er einen tiefen Schmerz und konnte doch nicht wegsehen.

So fühlte sich das also an?

»Robyn Plummer schließt sich unserer fröhlichen Runde mit ein wenig Verspätung an, weil sie erst kürzlich das stationäre Behandlungsprogramm im Rogers-Memorial-Krankenhaus abgeschlossen hat.«

Stationär. Ihm blieb kurz das Herz stehen, bevor es weiterschlug. Er konzentrierte sich auf seine Atmung, wie Chuck versucht hatte, es ihm beizubringen – aber da er ihm nie richtig zugehört hatte, half es nichts. Stationär. Die bloße Vorstellung, in stationärer Behandlung zu sein,versetzte sie alle in Angst und Schrecken.

»Willkommen, Robyn, im Zimmer 13B und der Selbsthilfegruppe für junge Erwachsene mit Zwangsstörungen. Es gibt kein Zimmer 13A,«, erklärte Chuck, »was ein Zimmer 13B ein wenig überflüssig macht. Und du hast mit Sicherheit auch schon festgestellt, dass es im Aufzug keinen dreizehnten Stock gibt. Wir müssen im vierzehnten aussteigen, um auf diese Etage zu gelangen.«

»Ja, Mann, was soll der Müll eigentlich? Bei meinem ersten Besuch bin ich den verdammten Aufzug eine halbe Stunde lang hoch- und runtergefahren. Ich dachte, es wäre irgend ’n Psychotest«, meldete sich Peter Kolchak zu Wort, der sich auf seinem Stuhl fläzte. Ein paar der anderen schnaubten zustimmend.

»Also«, fuhr Chuck fort und ignorierte den Einwurf, »auf irgendeine wohltuende existenzielle Art und Weise, äh, existieren wir nicht.« Wie fast alles sagte er das mit einem kaum wahrnehmbaren jamaikanischen Akzent. Er hatte seine Heimat schon vor langer Zeit hinter sich gelassen, aber nicht den rhythmischen Singsang seiner Sprache. Er wandte sich wieder dem Ordner zu. »Robyn ist sechzehn und …«

Sechzehn! Der Junge stolperte über die Zahl. Sechzehn war nicht gut. Es war eine gerade Zahl und musste daher sterilisiert werden. Außerdem war es ein sehr schlechtes Alter. Sechzehn – er wiederholte es fünfzehnmal und trommelte es dreiunddreißigmal, bis es sich »genau richtig« anfühlte. Na gut, es hätte schlimmer sein können. Aber dann wurde ihm klar: Es war schlimmer. Da war auch noch das Größenproblem. Selbst im Sitzen war es unübersehbar. Die Größe – ihre Größe – könnte und würde mit Sicherheit ein Problem werden. Robyn war für eine sechzehnjährige Göttin ungewöhnlich groß, während er für einen fast fünfzehnjährigen Jungen leider ziemlich klein war – das ließ sich nicht abstreiten. Zu jung, zu klein – eindeutig Hindernisse.

Aber auch sie waren überwindbar.

Der Junge würde wachsen und zwar schnell – jetzt, da er ein Ziel hatte. Er hatte bisher noch nie ein Ziel gehabt, kein wirkliches oder zumindest keines, an das er sich erinnern konnte. Er würde sofort, auf der Stelle, unverzüglich damit loslegen. Der Junge fing an, seine brandneuen Ziele aufzulisten, während Chuck alle Mitglieder der Gruppe Robyn vorstellte. Mit dem rechten Zeigefinger notierte er sie Punkt für Punkt in die abgeschirmte Handfläche seiner linken Hand.

Auf der Stelle wachsen.Mutig werden.Mutig bleiben.Normal werden.Robyn Plummer heiraten.

Das sollte erst einmal genügen.

Der Junge richtete sich kerzengerade auf seinem Stuhl auf. Der abgenutzte Kunststoff bohrte sich in seine Schulterblätter. Gleich war er an der Reihe.

»Und neben Elizabeth Mendoza sitzt …«

»Schönling Ross«, warf Peter ein, der Chucks Vorstellungsrunde mit laufenden Kommentaren begleitete. Peter saß neben Robyn und hatte sich ihr zugewandt, während er ihr unmerklich immer näher kam. Schönling? Was soll der Scheiß? Peter würde zum Problem werden. Vielleicht mussten seine Medikamente auch nur neu eingestellt werden. Bei manchen in der Gruppe war das schwer zu sagen.

Chuck zog eine Augenbraue hoch. Das war so ziemlich Chucks strengster Blick. »Und neben Elizabeth sitzt unser jüngstes Mitglied, Adam Spencer Ross.«

Hatte er das wirklich gesagt? Chuck und Peter ließen Adam wie das Baby der Gruppe dastehen. Elizabeth war nur ein paar Monate älter, Herrgott noch mal! Chuck hatte bei der ersten Vorstellungsrunde letzte Woche genau dasselbe gesagt. Aus irgendeinem Grund hatte es da nicht ganz so dusselig geklungen. Adam hätte jetzt normalerweise die Fliesen gezählt oder getrommelt, aber da er seit sieben Minuten ein Mann mit einem Ziel war, ließ er es bleiben. Außerdem waren alle Blicke auf ihn gerichtet. Also setzte er alles auf eine Karte, von der er nicht einmal wusste, dass er sie besaß. Er hielt sich aufrechter und schenkte Robyn sein bestes »Kann-man-nichts-machen!«-Lächeln.

Und dann geschah ein Wunder.

Sie lächelte zurück.

Seine Füße wurden heiß. Bei den anderen, die, wie er letzte Woche bereits entschieden hatte, viel verrückter waren als er, hatte sie nicht zurückgelächelt. Adam hatte ihre Reaktion bei jedem genau verfolgt, während er seine frisch überarbeiteten Lebensziele auflistete. Nach jahrelangem Hochleistungsmultitasking war er in der Lage, gleichzeitig zu trommeln, zu zählen und wichtige Informationen zu speichern.

»Und wieder zurück zu unserem neuesten Mitglied Robyn Plummer …« Chucks Rasta-Dreadlocks schienen ihr zuzuwinken, als er seine Notizen durchsah. »Robyn geht in die elfte Klasse der Chapel-Highschool.«

Das war’s! Game over! Aus und vorbei! Die elfte Klasse war oberste Highschool-Liga. Sie war praktisch nichtmehr in der Highschool! Elftklässlerinnen gingen manchmal mit College-Jungs aus. Selbst er wusste das. Peter Kolchak, der ihr weiterhin schöne Augen machte, war im College oder wäre es gewesen, wenn er nicht abgekackt hätte. Adam war in der zehnten Klasse. Das war eine klassische Romeo-und-Julia-Situation. Dass er an seiner Schule, St. Mary’s, im Programm für Hochbegabte war, brachte ihm keine Pluspunkte ein. Er wurde wieder sauer auf seine Mutter. Sie hatte sich strikt geweigert, ihn die dritte Klasse überspringen und direkt in die vierte vorrücken zu lassen, und das, obwohl die Nonnen es ihr sehr deutlich nahegelegt hatten (deutlich für Nonnen, wohlgemerkt). Wenn seine Mutter nicht gewesen wäre, wären Robyn und er jetzt in derselben Klasse. Adam trommelte mit dem rechten Fuß drei Zahlenreihen bis neunundzwanzig, die er jeweils zur Sicherheit mit drei Mittelfingerschlägen beendete. Selbst in diesem Raum voller Experten war es kaum wahrnehmbar. Die Verärgerung über seine Mutter verschwand. Sie meinte es gut, und er liebte sie, ganz gleich, welche Farbe ihre Augen hatten.

Robyn faltete ordentlich die Hände im Schoß. Sie ragten aus einem tannengrünen Schulblazer hervor. Die Uniformjacke war zu klein und der Schulrock zu kurz. Das hatte mehr mit Nachlässigkeit zu tun als damit, cool aussehen zu wollen. Adam hätte es schwören können. Von ihren glänzenden, perfekt geformten Lippen einmal abgesehen, erstrahlte ihr wunderschönes Gesicht ohne eine Spur von Make-up, aber sie hatte leuchtend blau lackierte Fingernägel. Wie zehn kleine Rotkehlcheneier. Robyns Eier. Er wusste mit unerschütterlicher Gewissheit, dass das der Grund war, warum sie diese Farbe gewählt hatte. Er kapierte es. Das war noch ein weiterer Grund in der schwindelerregend schnell wachsenden Ansammlung von Gründen, warum sie bis in alle Ewigkeit zusammen sein sollten.

Auf seine für ihn typische entspannte Art lief Chuck auf Hochtouren. Er ging zurück zum Anfang der Runde. Ein Raunen ging durch den Raum.

Adam hatte irgendetwas nicht mitbekommen.

»Vertraut mir, Leute, Studien beweisen, dass das sehr befreiend sein kann. Probiert es aus und seht, ob es passt. Sucht euch einfach eine Figur aus. Es ist ein bisschen so, als könntet ihr mehr ihr selbst sein, wenn ihr jemand anderes seid.«

Häh?

Chuck sah aus, als kümmerte es ihn kein bisschen, egal was sie machten. Aber Adam wusste es besser. Er war bereits seit einem Jahr in Einzeltherapie gewesen, als Chuck vorschlug, er solle sich der Gruppe anschließen. Dr. Charles Mutinda kümmerte alles.

Chuck hatte sie aufgefordert, sich für diese und zukünftige Sitzungen einen Nom de Guerre auszusuchen, wie er es ausdrückte. So würden sie ihr von Zweifeln zerfressenes, verstörtes und gequältes Selbst vor der Tür lassen und stattdessen allmächtige Wesen werden. Adam wurde gegen seinen Willen ganz aufgeregt. Ihn würde es nicht mehr geben, sondern nur noch Lord Kroak den Ehrwürdigen oder Grimgork Eisenpelz! Ja! Warum nicht?

Aber nachdem sich die ersten drei ihre Figur ausgesucht hatten, kristallisierte sich ein klarer Trend heraus: Außer Elizabeth Mendoza, die sich für einen Reality-TV-Star namens Snooki entschied, wählten die anderen Comic-Superhelden. Die Gruppe spaltete sich lose in zwei Lager auf: entweder war man bei der DC-Comics Justice League oder bei Marvels Avengers, mit ein paar eingesprenkelten X-Men. Connie Brenner wählte Wonder Woman als ihr Alter Ego und schlug sich auf die Seite der Justice League, während Peter Kolchak Wolverine für sich beanspruchte. Kyle Gallagher wollte Iron Man sein, und Tyrone Cappell sagte, er wäre Green Lantern, wenn niemand etwas dagegen hätte.

»Nee, keine gute Wahl, Cappell!«, schnaubte der frisch getaufte Wolverine. »Hast du nicht gehört? Green Lantern ist ’ne Tunte … ich meine, schwul.«

Green Lantern schien einen Moment lang darüber nachzudenken und stammelte dann: »Äh, j-ja, deswegen passt Green Lantern ja perfekt.«

»Oh. Okay, alles klar. Cool. Geschenkt«, erwiderte Wolverine.

Jacob Rubenstein, der auf Robyns anderer Seite saß, entschied sich für Captain America und konnte nicht aufhören zu lächeln. Dann teilte Chuck allen mit, dass sich Nicolas Redmond, der riesige grüblerische Typ, der vielmehr hinter dem Halbkreis als im Halbkreis saß, den mächtigen Thor ausgesucht hatte. »Nicht wahr, Nick?«

Die Gewitterwolke knurrte zustimmend.

Adam lächelte den Wikinger an wie ein Idiot. Er konnte nicht anders. »Hey, Alter, Thor ist der Coolste!« Der frisch ernannte Wikinger funkelte ihn böse an. Egal. Adam liebte die gepeinigten Thor-Comics. Er hatte eine Million Ausgaben, die ordentlich nach Veröffentlichungsdatum in seinem Schrank gestapelt waren. Nicolas Redmond war der perfekte Thor.

Dann war sie dran.

»Robyn«, flüsterte sie. »Wenn ihr nichts dagegen habt, wäre ich gern Robin. Nicht wie mein Name, sondern wie der Vogel … ihr wisst schon.« Aus jedem Konsonanten und jedem Vokal sprach Schmerz.

Und obwohl er Mädchen bisher kein bisschen Beachtung geschenkt hatte – na gut, so ein bisschen mehr oder weniger, aber nicht wirklich –, wusste Adam, dass er sie retten musste; er musste sie retten, auch wenn es ihn umbrachte. Seine Liebe für sie war tiefer, unbändiger und stärker, als er es noch vor ein paar Minuten überhaupt für möglich gehalten hätte. Robyn, seine Robyn, brauchte jemanden Überlebensgroßes – einen Gewinner, einen Ritter –, und er würde das für sie sein. Für sie würde und könnte Adam normal und furchtlos sein. Er wollte unbedingt furchtlos sein. Er könnte es sein. Er würde ihr Superheld sein.

Das war’s!

Alle Blicke waren jetzt auf ihn gerichtet, Thors und Robyns eingeschlossen. Ihr Lächeln wurde süßer, dessen war sich Adam auch sicher. Er spürte, wie er wuchs. Alles ergab einen Sinn. Das Universum entfaltete sich genau wie vorgesehen.

»Batman«, sagte er mit klarer, kräftiger Stimme. Adam Spencer Ross würde ihr Batman sein.

KAPITEL 2

»Also, mein Freund, hast du deine Hausaufgaben gemacht?«

Dreiviertel von Adams und Chucks monatlicher Sitzung waren bereits vorbei, als Chuck anfing, einen Füllfederhalter durch die Finger seiner rechten Hand zu fädeln. Es hatte etwas Hypnotisierendes. Wusste Chuck das? Bestimmt. Chuck wusste alles.

Adams Hausaufgabe bestand lediglich darin, die LISTE zu erstellen. Aber meistens machte er sie nicht – konnte oder wollte sie nicht machen, und er hatte keine Ahnung, warum. Chuck gab auch in der Gruppe Hausaufgaben auf, meistens aus dem Zwangsstörungshandbuch, das sie alle am Anfang hatten kaufen müssen. Auch diese machte Adam nicht. Es war verrückt. Er machte alle seine Schulhausaufgaben. Vermutlich war er der einzige Schüler in St. Mary’s, der das von sich behaupten konnte. Er erledigte sie in Rekordzeit in der Schulbibliothek, wo er die Computer benutzte. Und er machte sie aufs Gründlichste. Aber Chucks Aufgaben?

Fehlanzeige.

Bis heute.

Adam hatte jetzt Ziele.

»Ja, Sir. Ja, hab ich.«

Chuck zog die linke Augenbraue hoch und dann die rechte. Er konnte es nicht ausstehen, wenn man ihn Sir nannte.

»Hey, es gibt für alles ein erstes Mal, oder?«, sagte Adam.

Chucks Augenbrauen waren ebenfalls hypnotisch. Er konnte sie unabhängig voneinander hochziehen, was ziemlich beeindruckend war, wenn man genauer darüber nachdachte. Wenn Chuck die rechte Augenbraue hochzog, bedeutete es, dass er ein wenig sauer oder frustriert war, so wie bei der letzten Gruppensitzung mit Wolverine. Zog er die linke Braue hoch, war er überrascht oder wunderte sich, genau wie jetzt.

Adam sollte eine wöchentliche Liste mit zehn Punkten führen, so eine Art Lage-der-Nation-Bericht, und sie zur Durchsicht mitbringen. Chuck hatte ihm das vor vier Monaten aufgegeben, und Adam hatte heute endlich seine erste Liste erstellt – auf dem Weg zur Sitzung. Aber zumindest hatte er es getan. Und von jetzt an würde er jede Woche eine Liste erstellen und sie mitbringen. Wenn er seine Probleme im Schnellverfahren aus der Welt schaffen konnte, indem er die Psychohausaufgaben machte, dann Bahn frei für Adam Spencer Ross, er würde auf diesen Zug aufspringen. Robyn wartete.

»Können wir sie zusammen durchsehen?«, fragte Chuck.

»Nein! Äh, ich meine, nein. Wir … Nicht heute, wenn Sie nichts dagegen haben. Einverstanden?« Adams Herz raste. Es ging im selben Moment an den Start, als Chuck durchsehen sagte. Natürlich würde der Therapeut die Liste »durchsehen«, besprechen und auseinanderpflücken wollen. Oh Mann, allein bei dem Gedanken, dass Chuck sie lesen würde, kriegte er Panik.

Chuck schob die Brille tiefer und lugte über das Gestell. Er trug eine riesige Fliegerbrille mit Drahtgestell aus den Achtzigern. Der Mann war eine wandelnde Zeitkapsel.

Adam seufzte, lenkte ein und reichte Chuck einen Zettel, der so oft gefaltet worden war, dass er aussah, als habe er den zweiten Platz bei einem abgedrehten Origami-Wettbewerb gewonnen. Der Therapeut fing an, ihn auseinanderzufalten und zu lesen, während Adam innerlich auf und ab lief. Er kannte die LISTE auswendig. Er hatte sie in Gedanken mehrere Male umgeschrieben, bevor er sie schließlich zu Papier brachte. Sie war nicht perfekt.

12. SeptemberDIELISTEAdam Spencer Ross

Medikamente: Anafranil 25 mg 1x am Tag

Lorazepam wenn nötig 4–6 pro Woche

Primär auftretende Zwänge: Ordnen, Zählen, Magisches Denken in Bezug auf Zwangsrituale

Ich glaube, dass ich mich letzten Montag in Robyn Plummer verliebt habe. Dieses Gefühl ist ausgesprochen unangenehm. Wenn ich könnte, würde ich es stoppen.Ich glaube, dass man mich die vierte Klasse hätte überspringen lassen sollen. Dann wäre ich jetzt in der elften, und mein Leben wäre völlig anders. Besser. Irgendwie.Ich glaube, dass Stones (Ben Stone) und ich uns gerade so über Wasser halten konnten, weil wir die ganzen Jahre über zusammen Warhammer gespielt haben.Ich glaube, dass mich mein vierjähriger Halbbruder »Sweetie« mehr liebt als alle Erwachsenen in unserem Leben zusammengenommen. Was ihn jedoch nicht davon abhält, eine gewaltige Nervensäge zu sein.Ich glaube, dass die Gruppe massig durchgeknallt ist (Robyn ausgenommen). Mir ist zwar nicht klar, wie uns das weiterhelfen soll, aber die Sache mit den Superhelden finde ich gar nicht mal so übel.Ich glaube, dass gerade Zahlen kompliziert sind und sie bei bestimmten (aber nicht vorhersehbaren) Anlässen mit toxischen negativen Ionen behaftet sind.Ich glaube, dass ich ein Lügner bin wegen all der Dinge, die ich verbergen muss. Es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, wo eine Lüge endet und die nächste anfängt. Ich glaube, dass es einen verändert und krank macht, so viel zu lügen.

Chuck zuckte nicht einmal mit der Wimper, während er das las, aber Adams Herz verharrte am Start und wartete auf den Startschuss, wartete auf Zeichen der Entrüstung.

Auf die Plätze!

Ohne aufzusehen, fragte Chuck Adam, ob er seine Atemübungen gemacht hatte. Adam sagte, ja, hätte er.

Fertig!

»Wirklich?« Chuck zog die linke Augenbraue hoch. »Dann solltest du sie jetzt machen, weil ich von der anderen Seite des Raums hören kann, wie deine Anspannung sprunghaft ansteigt.«

Los!

Und schon rannte sein Herz los. Chuck wussteBescheid! Er musste Bescheid wissen. Er wusste, was für ein Lügner Adam war, und würde ihn dementsprechend verurteilen, weil er es verdiente, dass man ihn …

»Adam?« Chuck sprach so leise, dass Adam sich nicht sicher war, dass er seinen Namen gehört hatte.

»Ja, Sir?«

»Alle lügen, mein Junge. Alle.«

Chuck war in seinen Kopf eingedrungen und hatte genau das zutage gefördert. Adams Herz wurde langsamer. Er nickte.

»Und nenn mich nicht Sir«, sagte Chuck, bevor er sich wieder der Liste zuwandte. »Das werde ich dir noch austreiben, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.«

Ich glaube, meine Gefühle für Robyn bereiten mir Probleme. Sie sind so überwältigend. Ist das normal? Verschwinden sie irgendwann, zeitweise, für immer? Mir kommt es so vor, als würde ich in Elektrizität ertrinken.Ich glaube, dass meine Mom ein wenig seltsamer wird. Aber das ist schwer zu sagen.Ich glaube, dass ich von jetzt an alle Zwangsstörungshausaufgaben, einschließlich dieser Liste, machen werde, weil ich für Robyn gesund werden muss. Ich glaube auch, dass jetzt, wo Robyn da ist, die Gruppensitzungen nicht mehr ganz so ätzend sein werden.

»Großer Schritt vorwärts, Adam. Gut gemacht!« Chuck faltete den Zettel wieder zusammen. »Wir werden sie nicht besprechen. Wir werden uns nie eine Liste im Detail ansehen, wenn du noch nicht so weit bist. Setz dich also nicht unter Druck, okay? Mach sie einfach.«

»Ja, alles klar.« Adam nickte und sah zur Uhr auf. Er hätte sich willentlich einer Beschneidung unterzogen, nur um aus diesem beigefarbenen Albtraum von einem Büro zu entkommen. Mehr als fünfzig Minuten waren vergangen. Zeit zu gehen.

»Nur eine Sache noch … eine kleine Nachfrage.«

Adam nickte. Dreiundfünfzig Minuten. Auf die Plätze! »Ja, Sir.«

»Deine Mutter?«

Fertig!

»Ja, sie ist komisch geworden.«

Chuck zog die linke Augenbraue hoch.

»Äh, sie ist in den letzten paar Tagen komischer geworden.« Adam wandte den Blick von Chuck ab. »Sie hat einen Brief oder einen Umschlag oder so was zerrissen, als ich von der Schule nach Hause gekommen bin. Es sah aus, als würde sie hyperventilieren. Wir haben beide so getan, als würde ich es nicht merken. Sie hat den ganzen Abend kein Wort gesagt.«

Chuck schrieb etwas auf. Fünfundfünfzig Minuten. Sie waren über der Zeit. Im Wartezimmer saß vermutlich irgendein armer Kerl, der sich mit Desinfektionsmittel einbalsamierte. »Meistens hat es was mit der Scheidung, Geld, meinem Dad zu tun oder … ach, was soll’s, suchen Sie sich was aus. Keine große Sache, oder?«

»Ja.« Chuck klappte die Akte zu und nickte. »Gut. Ich glaube, deine Medikamente sind momentan richtig eingestellt. Es überrascht mich nach wie vor, dass du keine Nebenwirkungen vom Anafranil hast, aber bei dem ganzen Ärger, den wir mit den neueren Medikamenten haben, bin ich erleichtert. Manchmal ist es wohl am besten, beim Bewährten zu bleiben.«

Adam nickte, als würde er aufpassen.

»Mach auf der Liste genaue Angaben, in Ordnung? Jetzt, da du für deine eigene Dosis verantwortlich bist, ist das sehr wichtig. Aber es sieht alles gut aus. Konzentriere dich im Laufe des nächsten Monats auf deine Atemübungen, die Liste, Sport, und du bist auf dem richtigen Weg.«

Auf dem richtigen Weg. Wenn er auf dem richtigen Weg war, war es das alles wert.

Aber wohin?

Auf dem Weg, gesund zu werden. Normal zu sein.

Adam stand auf, durcheinander von all den Möglichkeiten, und schüttelte seinem Therapeuten geistesabwesend die Hand. »Danke.« Er war auf dem richtigen Weg, normal zu werden. Er war auf dem richtigen Weg zu Robyn. Robyn. Ihre Lippen bogen sich an den Mundwinkeln nach oben. Diese weichen, perfekten, glänzenden Lippen. Von jetzt an würde Adam jede Woche nach Hause rennen oder zumindest schnell laufen. Keine Busse oder Taxis mehr, nirgendwo, zu keiner Zeit. Bei dem ganzen Sport, den Hausaufgaben, den Atemübungen und den Gruppen- und Einzelsitzungen, Wahnsinn – in dem Tempo wäre er bis zum Ende des Monats geheilt.

»Und, Adam?«, rief Chuck, als er nach der Türklinke griff. »Ich bin sicher, du hast recht, was den Brief angeht – kein Grund zur Beunruhigung –, aber halt mich auf dem Laufenden, wie es deiner Mom geht, okay?«

Adam drückte die Klinke.

»Das ist wichtig.«

»Ja, klar.« Adam atmete aus und öffnete die Tür. »Alles klar«, log er.

KAPITEL 3

Adam dachte die ganze Woche ununterbrochen an Robyn und das drei Wochen hintereinander. Bei der Kombination aus großer Liebe und Zwangsstörung ließ sich das nicht wirklich vermeiden. Wenn er Künstler gewesen wäre, hätte er sie gezeichnet. Wenn er Schriftsteller gewesen wäre, hätte er über sie geschrieben. Wenn er ein Smartphone oder einfach einen normalen PC hätte haben dürfen, hätte er gescrollt, gewühlt und gesucht. Aber da er es nicht war, tat er es nicht, und da er keinen haben durfte, konnte er es nicht.

Letztes Jahr hatte er diesen Zwang entwickelt, stundenlang zu scrollen und unter anderem das Blinken des Cursors, Bilder, Wörter und den Buchstaben m zu zählen. Es dauerte immer länger und länger, bis es sich »genau richtig« anfühlte. Die Folge waren neue Medikamente und keine eigenen Geräte mehr. Jetzt dachte er nur noch. Seine Gedanken konnten sie ihm nicht wegnehmen, obwohl er sich die meiste Zeit wünschte, sie könnten es.

Adam dachte an ihr Lächeln, ihre Stimme, ihre Beine, ihr schwarzes Haar und ihre himmelblauen Augen. Es war eine Checkliste: Augen, Beine, Lächeln, Stimme, Beine, Haar, Augen… Er dachte so viel an sie, dass er während der letzten beiden Gruppentermine kaum einen Ton gesagt hatte. Beide Sitzungen waren die reinste Qual gewesen, ausgenommen der Tatsache, dass er sie die ganze Zeit ansehen konnte. Und er war nicht der Einzige, dem offenbar unwohl war. Vier Sitzungen später schienen alle immer noch eigenartig schüchtern. Bisher hatten die Gruppensitzungen ungefähr so viel Selbstwertgefühl aufgebaut wie ein Mittelstufenball – der Ball, der in der kleinen Turnhalle stattfand. Wolverine war der Einzige, der immer in die Bresche sprang. Das Problem war nur, dass er gar nicht mehr damit aufhörte und mit einer megamännlichen Ausstrahlung über seine völlig bescheuerten eingebildeten Krankheiten jammerte. »Habt ihr gewusst, dass jedes Jahr fast hundert junge Sportler in Topform an verborgenen kardiovaskulären Krankheiten wie hypertrophische Kardiomyopathie sterben? Ich sollte bestimmt irgendein harntreibendes Mittel nehmen.« Er musste einfach durchgeknallter sein als Adam. Leider bewegte sich Wolverine wie ein Hockeyspieler und sah auch wie der Hockeyspieler aus, der er einmal gewesen war, bevor er sich selbst davon überzeugte, dass die Abgase im Eisstadium ihn umbringen würden. Schlimmer noch, Adam war überzeugt, dass Wolverine ein Auge auf Robyn geworfen hatte. Und noch schlimmerer, er war groß.

Heute würde es anders laufen. »Mein Sohn kann reden«, sagte Adams Mom immer. »Er kann jedem ein ganzes Kotelett ans Ohr reden.« Die Zeit war gekommen. Er würde etwas sagen. Todsicher.

Auf dem Nachhauseweg von der Schule nutzte er die Zeit, ein paar Themen durchzuspielen. Zu Fuß nach Hause zu gehen, dauerte länger, als den Bus zu nehmen. Aber die zusätzliche körperliche Anstrengung gab ihm ein gutes Gefühl und er konnte sich unterwegs Gedanken über potenziellen Gesprächsstoff machen. Einerseits wollte er hilfsbereit sein. Bisher hatte Green Lantern kaum etwas gesagt, und Captain America schien mit seinen Gedanken völlig woanders zu sein. Das Einzige, was man von Thor erwarten konnte, war ein Knurren hier und da, wenn er nicht gerade Schlaf nachholte. Sogar Snooki und Wonder Woman befanden sich in einer Art Komazustand, und Adam hätte sie beide eigentlich eher als Quasselstrippen eingeschätzt. Das ließ den Therapeuten mit Wolverine im Regen stehen. Adam fühlte sich unwohl, wenn man Leute im Regen stehen ließ, und extrem unwohl, wenn es um Wolverine ging.

Er mochte Chuck. Sie alle mochten Chuck und nicht nur, weil er der einzige Psychiater in der Stadt war, der auf Zwangsstörungen bei Jugendlichen spezialisiert war. Adam musste das für Chuck ins Lot bringen. Und er musste es auf eine Weise tun, die ihn tough, groß und wie einen harten Typ aussehen ließ.

Er überlegte, ob er den Brief erwähnen sollte. Den neuen, der letzte Woche eingetroffen war. So wie seine Mom deswegen ausgeflippt war, war es bestimmt irgendetwas Fieses, obwohl sie wieder versucht hatte, den Brief vor ihm zu verbergen. Aber da es der Brief seiner Mutter war, verkomplizierte es die Sache. Es war ihr Problem, oder? Doch der Brief hatte sie aufgebracht und somit auch ihn, sodass es im Endeffekt sein Problem war. Nein. Er kannte sich bei solchen Sachen, dem Trennen-von-Problemen-Problem, aus. Dennoch machte sich Adam Sorgen. Aber zumindest wusste er jetzt, dass er es nicht sollte. Er war auch schlau genug, nichts zu besprechen, was mit seiner Mutter zu tun hatte. Ein harter Kerl redet nicht über seine Mom.

Als er die Klinik erreichte, hatte er sich also fünf Mom-freie Themen einfallen lassen.

Wonder Woman, Wolverine und Robyn waren in der Eingangshalle und warteten auf den uralten Aufzug.

»Hi, Batman!«, riefen die Mädels gleichzeitig. Wolverine nickte kaum merklich.

»Hi! Connie, ich meine Wonder Woman, Robyn, Wolverine.«

Wonder Woman schenkte ihm ein angespanntes Lächeln und konzentrierte sich dann wieder darauf, den Etagenanzeiger zu verfolgen. Der Aufzug befand sich im vierzehnten Stock. Es würde ewig dauern, bis er im Erdgeschoss ankam. Wonder Woman schwitzte. Adam trat hinter sie und bemerkte kleine Schweißperlen, die sich auf ihrem Nacken bildeten. Noch vielsagender war, dass sie sich anstrengte, ein Atemmuster aufrechtzuerhalten. Fünf Herzschläge einatmen, drei Luft anhalten, dann sechs Herzschläge ausatmen.

Adams Magen zog sich im selben Moment zusammen, als er die Angst erkannte.

»Und was geht, Batman?«, fragte Robyn.

Selbst ihre Stimme brachte ihn um den Verstand. Er drehte sich um und stellte fest, dass sie ihn direkt mit ihrem glänzenden, fabelhaften Mund anlächelte.

»Nicht viel. Und du?«

Adam hatte das dringende Bedürfnis, schnurstracks auf sie zuzugehen, die Arme um sie zu schlingen, sie zu küssen und sie vor allen anderen in Besitz zu nehmen. Also das würde beweisen, was für ein harter Kerl er war. Stattdessen blickte er zurück zu Wonder Woman. Sie betrachtete den Etagenanzeiger, als berge er den Schlüssel zum Universum. Der Aufzug erreichte den elften, dann den zehnten Stock. Ihre Haut sah klamm und klebrig aus.

»Hey, wisst ihr was, Leute?«, trällerte er. Es klang definitiv wie ein Trällern. Adam räusperte sich und versuchte es noch einmal in einem tieferen Register. »Ich habe mir letzte Woche ernsthaft vorgenommen, in Superhelden-Form zu kommen.«

Neunter Stock, achter Stock – gleich würde sie kotzen, er konnte es spüren.

»Also, ich versuche, nicht mehr so viel Müll zu essen. Ich hab meine Mom sogar dazu gebracht, mir einen Quinoa-Salat zu machen.« Mist. Er hatte Mom und Quinoa im selben Satz gesagt! Adams Glaubwürdigkeit als »knallharter Kerl« lag zerschmettert vor seinen Füßen, und trotzdem ließ er nicht locker. »Und für den ganzen Sportkram bin ich jetzt auch zu haben. Also, äh, ich laufe jetzt überallhin und versuche, hin und wieder zu joggen. Deswegen nehme ich jetzt die Treppe – kommt irgendjemand mit?« Oh mein Gott, er klang wie SpongeBob Schwammkopf.

Vierter Stock … dritter Stock.

Robyn blickte ihn an, als hätte sie ihn noch nie zuvor gesehen.

»Niemand?«

Zweiter Stock.

»Ich komme mit!«, rief Wonder Woman und marschierte direkt aufs Treppenhaus zu. Die Türen des Aufzugs öffneten sich.

Wolverine setzte den Fuß auf den abgetretenen grünen Teppich des Aufzugs und hielt die Türen offen. »Echt jetzt? Mann, das sind dreizehn Stockwerke!«

Robyn drehte sich zu Adam und zwinkerte. »Ich bin auch dabei, Batman. Wir sollten das regelmäßig machen, dann sind wir alle bald topfit und durchtrainiert.«

Wolverine schnaubte und trat einen Schritt zurück. »Mann! Das ist die bescheuertste Idee aller Zeiten. Na schön, gehen wir«, grummelte er. »Da drin ist es bestimmt total dreckig und wimmelt nur so von Schimmelbakterien und Gott weiß was noch …«

Sie waren schon halb tot, als sie den fünften Stock erreichten – das waren fünfundsechzig Stufen, aber wer zählt schon mit? Wolverine überprüfte immer wieder seinen Puls und beschwerte sich, dass er Herzrhythmusstörungen bekam. »Ich spüre, wie unregelmäßig mein Herz schlägt.« Als sie im neunten Stock ankamen, war die ehemalige Sportskanone zum Glück zu sehr außer Atem, um zu reden, einhundertsiebzehn Stufen. Das waren dreizehn Stufen pro Stockwerk; wie schön, dass es ungerade Zahlen waren.

»Okay«, sagte Adam, der aus irgendeinem Grund die Vorhut bildete. »Machen wir auf jedem zweiten Stockwerk eine Pause. Schaut, das ist gut, dass wir das machen. Ich muss schon sagen, dass wir hier voll ablosen. Aber bis Weihnachten werden wir Superhelden sein!« Mann, jetzt machte er schon wieder einen auf SpongeBob Schwammkopf.

»Wir sind der totale Witz«, keuchte Robyn, die sich am Geländer festhielt.

Wonder Woman sagte jedes Mal, wenn sie anhielten, lautlos danke. Die anderen taten so, als bemerkten sie es nicht.

Sie waren spät dran.

»Ach, da sind sie ja!«, rief Chuck von seinem Stuhl in der Mitte des Halbkreises. »Ein bisschen verspätet von ihrem Kampf gegen das Verbrechen, nehme ich an! Ich grüße euch, Batman, Wonder Woman, Robyn und … äh, Wolverine?«

»Wir sind gelaufen«, ächzte Wolverine.

»Dreizehn Stockwerke?«, kreischte Snooki. »Geht der Aufzug nicht? Dieses monströse, alte …«

Wonder Woman blickte besorgt, als sie neben Snooki Platz nahm. Hatte sie Angst davor, wohin das führen würde?

»Nein«, unterbrach sie Robyn, während sie sich keuchend hinsetzte. »Batman meinte, wir müssten fitter werden.«

Alle anderen waren bereits da und saßen auf ihren Stammplätzen. Adam warf einen Blick auf die Uhr. Es war 16.33 Uhr. Nur in einem Raum voller Leute mit Hardcore-Zwangsstörungen würden drei Minuten als Verspätung angesehen werden.

Nächste Woche würden sie den Treppenaufstieg früher angehen.

Nach der üblichen Begrüßungsrunde setzte Iron Man zu einer langen und verworrenen Geschichte über die Leute an, denen er seiner Meinung nach in dieser Woche unfreiwillig und doch unwiderruflich Schaden zugefügt hatte. Bei so einem Problem hatten die Gruppe und Chuck nicht viel Handlungsspielraum. Man kann Jugendliche mit Zwangsstörungen nicht ständig beschwichtigen, weil das ein Fass ohne Boden ist, aber andererseits war Iron Mans Schmerz so offensichtlich, dass ihn alle am Ende trösteten, was das Zeug hielt. Und dann gab es kein Halten mehr. Sie redeten, schwatzten und beklagten sich. Alle außer Thor, aber selbst er blieb die ganze Sitzung über hellwach.

»Iron Man, check mal dein Cipralex oder was auch immer du nimmst. Die Dosis, meine ich.« Alle wandten sich Adam zu, als er einatmete. »Ich mein ja nur. Wenn bei mir die Rituale ohne Grund schlimmer werden, liegt es meistens daran, dass ich die falsche Dosis genommen habe. So was passiert.« Er atmete langsam aus. »Hört mal, ich bin der Meister darin, meine Medikamente falsch zu nehmen. Aber das hört alles ab sofort hier mit euch zusammen auf. Woche für Woche, Ritual für Ritual. Ich werde hier eine Lösung finden. Wir werden hier eine Lösung finden.«

»Genau!«, sagte Captain America, und weil er Captain America war, wiederholte er es noch dreimal. Wolverine sah aus, als kotze er gleich, aber alle anderen grübelten gemeinsam darüber nach, vor allem diejenigen, die mehrere Medikamente nahmen.

»Batman könnte recht haben«, sagte Chuck. Adam konnte Iron Man ansehen, dass er seine Medikamenteneinnahme immer wieder durchging, noch während der Therapeut redete. »Iron Man, ich möchte, dass du diese Woche ein Dosistagebuch führst. Liste jeden Tag die Nebenwirkungen deiner Medikamente auf, wie viel du genommen hast und wann. Handschriftlich, nicht am Computer. Was hältst du davon?«

»Okay.« Iron Man nickte, wobei ihm aus jeder Pore Erleichterung strömte.

Thor funkelte Adam böse an. Aber vielleicht war es gar kein so böses Funkeln, sondern vielmehr etwas … na ja, anderes. Dem Wikinger gelang es jedes Mal, einen, ohne ein Wort zu sagen, in Angst und Schrecken zu versetzen. Egal. Adam mochte ihn immer noch am meisten.

Wonder Woman meldete sich als Nächste zu Wort. Sie gestand, dass sich ihre Essstörung ein wenig verschlimmert hätte und ihre Platzangst gerade eskalierte. An der Essensfront musste das Wenige, das sie aß, grün sein und nach Grünheitsgrad gegessen werden. Snooki versicherte ihr, es läge nur daran, dass die Schule wieder richtig losging, und gab zu, momentan selbst ein paar Essprobleme zu haben. Selbst Robyn meldete sich zu dem Thema zu Wort, schwor aber hoch und heilig, dass sie nicht abführte. Abführen? Ach, du liebe Scheiße. Sie war eine Kotzerin?

Und so ging es weiter. Alle außer Thor sagten etwas, gaben etwas zu, öffneten sich und teilten irgendein kleines Geheimnis. Oder …

Sie logen alle.

Adam wusste, dass er es tat.

KAPITEL 4

Nach der Sitzung half Adam Chuck genau sieben Minuten lang, die Stühle aufzustapeln, genügend Zeit, wie er dachte, um Robyn einen Vorsprung zu geben. Er gratulierte Chuck zu der tollen Sitzung – »So langsam haben Sie den Dreh raus!« – und stürmte dann den Gang und die Treppe hinunter.

Adam hatte beschlossen, ihr zu folgen. Mal wieder.

Er war Robyn schon letzte Woche gefolgt und die Woche zuvor auch, während er seine Feigheit aus einer sicheren Entfernung von geschätzten einundvierzig Schritten verfluchte. Heute würde er jedoch etwas sagen müssen, weil er sonst vor sich selbst das kalte Grausen kriegen würde.

Robyn nahm jedes Mal die Abkürzung durch den Pleasantville-Friedhof. Der Friedhof war wie ein riesiger Park, den man mitten in die Stadt gepflanzt hatte. Sie ging durch das Bayfield-Tor hinein, drei Blöcke von der Klinik entfernt, und kam auf der anderen Seite durch das Main-Street-Tor wieder heraus. Adam hatte den Entschluss gefasst, dass er ihr, wenn sie diese Woche stehen blieb – denn sie blieb jede Woche stehen –, zufällig über den Weg laufen würde.

Die Liebe seines Lebens schien sich in der Nähe von ein paar Gräbern neben einer gigantischen Weide herumzudrücken. Nachdem Robyn letzte Woche den Friedhof verlassen hatte, war Adam an die Stelle zurückgerannt, wo sie sich aufgehalten hatte. Aufgrund des Sicherheits-Stalkingabstands, den er zwingend einhalten musste, hatte er nicht sehen können, welchem Grab sie sich zugewandt hatte. Die Hammerstatue eines geflügelten Engels weinte über dem Grabstein eines Lieutenant Archibald-Lewis, der 1918 im Alter von neunzehn Jahren gestorben war. Die alte Weide war ringsherum von Steinengeln verschiedenster Formen und Größen umgeben, wobei der des Lieutenants alle anderen überragte. Sie weinten alle, jedenfalls kam es Adam so vor. Und die meisten Grabsteine waren mit einer Inschrift, einem Gedicht oder einem Bibelvers versehen. Es war nett. Adam gefiel es, sie zu lesen. Die Inschrift des Lieutenants lautete: Bis der Tag anbricht und die Schatten davoneilen. Armer Kerl. Aber es war wahrscheinlich nicht sein Grab, das sie aufsuchte.

Gleich neben dem Lieutenant standen zwei gewaltige plinthenähnliche Dinger, in deren Sockel auf allen vier Seiten eine große Anzahl Namen eingraviert war. Die meisten dieser Leute waren jedoch schon superalt gewesen, als sie starben, und vor sehr langer Zeit verschieden. Das erste Monument war eine Säule mit einer Urne oben drauf und das zweite ein schlichter pinkfarbener Granitobelisk, der sich in den Himmel hob. Weit innerhalb des Rings aus Engeln befand sich ein riesiger, löcheriger grauer Grabstein, der mit einer kunstvollen Gravierung eines mit Rosen umrankten Kreuzes verziert war. Er gehörte einer Marnie Wetherall, 1935–1939: Bis wir zusammen über die Wolken gehen. Nur vier Jahre alt, das war echt übel. Aber Adam glaubte auch nicht, dass Robyn diesen Grabstein besuchte.

Adam nahm an, Robyn sei vor einem polierten schwarzen Granitgrabstein stehen geblieben. Der gewaltige Stein schluckte alles Licht. Es war ein düsteres Ding, ganz modern und scharfkantig. Den Eckdaten nach war die dort begrabene Frau sechsunddreißig gewesen, als sie starb, aber der Nachname war anders. Robyn hieß Plummer, und diese Frau hieß Jennifer Roehampton, 7. Mai 1971– 14. Oktober 2008. Und sonst stand da nichts. Der schwarze Granit wies keine Gedichtzeilen auf. Da waren auch keine Bibelsprüche und keine tröstenden Worte.

Das machte ihn traurig.

Heute ging er wie ein Superheld durch das Bayfield-Tor. Adam blieb plötzlich nicht weit von der Grabsteingruppe neben der großen Weide stehen. Und tatsächlich, da war sie.

Also gut.

Bevor er es sich selbst ausreden konnte und solange ihn noch Entschlossenheit verblendete, marschierte er direkt auf die Weide zu. Auf dem Weg gleich hinter ihr blieb er stehen. Robyn stand mit gesenktem Kopf vor dem schwarzen Stein.

Adam räusperte sich, so leise er konnte. »Hey, wow, bist du das, Robyn? Wow, was?« Drei Wochen vor dem Spiegel und mehr hatte er nicht zu bieten? Batman hätte eher einen Haarballen herausgewürgt, als so etwas Lahmes von sich zu geben.

Robyn lächelte, sobald sie ihn sah. »Hey, Batman … äh, Adam. Ich meine, ähm, Adam-Batman.« Sie trat einen Schritt von dem Grabstein zurück. Ihre Augen strahlten vor Überraschung, ihn zu sehen. »Was machst du hier?«

»Äh …« Okay. So weit war er bei seinen Vorbereitungen nicht gekommen. Es gab viel zu lernen. »Ich bin auf dem Weg nach Hause?« Leider klang es eher wie die Frage eines zu kleinen, zu grünen Jungen und nicht wirklich wie die Antwort eines Superhelden, aber Robyn fiel das offenbar nicht auf.

»Wow, ich auch«, sagte sie.

Adam sah demonstrativ auf den schwarzen Grabstein.

Robyn ignorierte es demonstrativ. Stattdessen richtete sie den Blick auf seine Schuljacke.

»St. Mary’s?«, fragte sie.

Sie war so wahnsinnig schön, so herzbrecherisch, atemberaubend schön. Es war verrückt. Er konnte ihr nicht das Wasser reichen.

Völlig egal. Sie war einfach alles.

»St. Mary’s ist eine katholische Schule, oder?«

»Da kannst du Gift drauf nehmen!«, erwiderte er mit dem übereifrigen Enthusiasmus einer kompletten Knalltüte. Was, wenn sie Katholiken nicht ausstehen konnte?

»Dann bist du also katholisch?«

Er schluckte und nickte.

»Ich bin irgendwie nichts, aber der katholische Glauben fasziniert mich«, erklärte sie. »Ich will alles darüber wissen.«

»Ich auch.« Was sollte das denn? Er hatte doch gerade erst gesagt, dass er einer war, verdammt noch mal!

Wie durch ein Wunder lächelte Robyn wieder. Seit sie sich das erste Mal begegnet waren, hatte sie ihn jetzt insgesamt viereinhalb Mal angelächelt. Er bekam heiße Ohren.