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August Gottlieb Meißner

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Beschreibung

"Der unsichtbare Kundschafter" ist August Gottlieb Meißners historischer Spionageroman über das kriminelle England. August Gottlieb Meißner war ein deutscher Schriftsteller der Aufklärung und er gilt als einer der Begründer der deutschsprachigen Kriminalerzählungen. Aus dem Buch: "In den thätigen England sind schon so mancherlei Arten von Betrug und Prellerei zu Reife gediehen; so mancher Schlaukopf hat schon mit Versprechen angefangen, und mit Täuschung geendigt; die Worte dieses Greises klangen so wunderbar, waren aller neuern Weltweisheit so schnur straks zuwider; daß ich fast auf den Verdacht gerieth: ich habe mit einem Gauner zu thun; und es könne mir zum Lohn für meine ritterliche Gutherzigkeit wie dem Landmann gehn, der eine gefrorne Schlange aufthaute."

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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August Gottlieb Meißner

Der unsichtbare Kundschafter

Kriminalroman
e-artnow, 2022 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil
Zweiter Teil

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis
Vorbericht.
I. Wie der Verfasser die Gabe der Unsichtbarkeit erhielt.
II. Prüfungen der Gedult. Endliche Befriedigung.
III. Uebersicht des Ganzen.
IV. Miß Isabella Freecourt. – Opfer eines väterlichen Aberglaubens.
V. Isabelle ist ein – Mädchen, Eduard – was die meisten sind.
VI. – – – Sie wandten sich von ohngefähr, Und sieh, es hinkte mit der Krücke Die Strafe hinter ihnen her.
VII. Damenfreundschaft auf der Probe. – Sie wird als Messing erfunden.
VIII. Miß Betty Dowley. Beschäftigungen die sie der Neugier gab.
IX. Geistliche Klugheit und Demuth! – Auch aufs Feuer kann man sich nicht allemal verlassen.
X. Miß Bettys Beichte.
XI. Ohnmasgebliche Betrachtungen über das Vorherige. Le Bris fernere Schicksale.
XII. Gedankt sei es dem Gott der Ehen, was ich gewünscht, hab' ich gesehen: ich sah ein recht zufriednes Paar.
XIII. Was thut ein Mädchen nicht, wenn langweilige Nächte sie bedräuen!
XIV. Sturm, Donnerwetter, die Wolken fangen sich an zu brechen.
XV. Das Glück hilft seinen Leuten.
XVI. Hochzeit, Vergebung, Belohnung.
XVII. Ein paar Worte gegen eine mächtige Monarchin. Schilderung eines Ehmanns, der Hörner zwar noch nicht trägt, aber schon sie verdient.
XVIII. Ein ewiger Friede wird geschlossen, so wie Monarchen pflegen, ihn zu schließen, und – zu halten.
XIX. Soll Tugend denn alles verschmerzen? Und war sie nicht schön und ein Weib?
XX. Dem Ohngefähr ist alles zinsbar. Es reißt oft ein; es baut oft wieder auf.

Vorbericht.

Inhaltsverzeichnis

Schon vor ohngefähr sechs oder sieben Jahren versprach ich Hrn. Maurer, den Invisible Spy, den ich so eben im Original gelesen, und an welchem mir die Einkleidung und einige Geschichten gefallen hatten, neu zu bearbeiten; und ein ansehnlicher Theil davon ward schon damals fertig.

Bald drauf rief mich mein Geschick in ein andres Land, und zu einem andern Beruf; mancher meiner bisherigen Zirkel ward zerrissen, und auch der unsichtbare Kundschafter wäre vergessen worden; hätte nicht mein Freund und Verleger ihn so oft und auf eine so gutmüthige Weise bei mir in Erinnerung gebracht, daß ich es für meine Pflicht hielt, ienes Versprechen zu erfüllen.

Nun ist es mir freilich gegangen, wie es schon manchem Uebersezzer ging. Bei genauerer Bekantschaft mit der Urschrift habe ich manche Schwächen gefunden, die beim ersten Durchlesen mir entschlüpften. Manche Erzälung im Original war durchaus unübersezbar, weil sie nur von Parlamentswahlen und Staatsgeschäften, kurz von Dingen handelte, die blos dem Engländer interessant seyn konten. Manche andre hatte zwar einen weitern Umkreis, aber keinen großen innern Gehalt. Vor sechs Jahren hatte Teutschland noch der prosaischen Erzälungen viel weniger, als iezt; manche neue einheimische Erfindung kann diese Verpflanzung weit übertreffen. Aber so wenig ich auch daher ein Werk zu liefern glaube, das so unübersteiglich wie die Herkulssäulen wäre, so hoffe ich doch: es kann für ein gutes Lesebuch mehr gelten. Die Sprache des Originals ist leicht; ich wünsche, sie erreicht zu haben. Manches Bild scheint mir aus dem Kreise richtiger Beobachtung geschöpft zu seyn. Manche Begebenheit verdient zwar nicht Bewunderung, aber hoffentlich Beifall. Ich selbst übersezte diesen Theil in den Nebenstunden eines Sommers, wo mich oft Kränklichkeit und überhäufte Geschäfte von Arbeiten, die mehr Anstrengung forderten, abhielten. Ich wünsche, das er auch nur in müßigen und nachsichtsvollen Nebenstunden gelesen werde.

Auf eine wörtlichtreue Uebersetzung machte ich keinen Anspruch. Ich habe oft ganze Seiten in einzelne Perioden zusammengezogen; habe oft kleine Züge eingewebt, und Umstände, die mir nicht zu passen schienen, abgeändert. Auch ganze Erzälungen, wenn sie mir zu unwichtig oder zu lokal däuchten, habe ich weggelassen, und werde ein gleiches im zweiten Theile thun. Dafür gedenk' ich einige andre Novellen aus einem ähnlichen noch nie verteutschten Werke einzuschalten; hoffe, daß grade diese nicht die schlechtesten seyn werden, und würde nicht unzufrieden seyn, wenn die Kunstrichter, wofern sie den Stab zu brechen Lust haben, den zweiten Theil abwarten möchten.

Noch muß ich sagen: daß von diesem unsichtbaren Kundschafter schon 1756 eine Uebersezzung erschienen. Ich wolte sie absichtlich nicht eher lesen, bis ich mit diesem Theile fertig war. – Nun habe ich sie gelesen, und wenn ich ein Uebersezzer von Profession wäre, würde ich vielleicht recht viel Böses davon sagen. Aber nein! sie liest sich leicht, und ist wahrscheinlich von einem Manne (ich kenne ihn nicht,) der beider Sprachen mächtig war. Doch ist sie nach einer ältern, viel schlechtern englischen Ausgabe, und wörtlich getreu. Auch hat sie sich, so viel ich weiß, längst vergriffen. Ich hoffe also auch in sofern keinen Vorwurf, oder wenigstens Entschuldigung zu verdienen.

Prag, Monat September 1790. A. G. Meißner.

I. Wie der Verfasser die Gabe der Unsichtbarkeit erhielt.

Inhaltsverzeichnis

Auffindung von dem Stein der Weisen, Erhaltung einer ewigen Jugend, und die Gabe der Unsichtbarkeit – dies ist ein Kleeblatt von Wünschen, das sicher seit Erschaffung der Welt schon zu unzälichenmalen, und in unzälichen Köpfen aufgestiegen seyn mag. Zwar galt unter diesen drei Stücken gewiß das Leztere immer für das Geringste. Liebe zum Leben und Begierde nach Schäzzen überwiegen bei den meisten Menschen einen Vorzug reichlich, der in der Regel nur der Neugier am ersprieslichsten seyn kann. Aber auch Entkörperung dünkt in manchen Fällen denienigen, die in andern ganz Körper zu seyn wünschen, neidenswerth; und wenn nicht die Geschichte ganz verschiedner Völker und Epochen uns betrügt, so gab es würklich iezuweilen schon einzelne Menschen, die durch ein glückliches Ohngefähr dieses Vorzugs theilhaftig wurden. Der Ring des Gyges, die Nebelkappe wunderthätiger Zwerge, der Stein im Zeisigneste, der Helm des Perseus, der Huth des Fortunatus – sollten alle diese und noch mehrere Wesen nur Geschöpfe der Einbildungskraft, nur Fabeln der Dichter seyn? Sollten, was ich erfuhr, nicht andre schon, auf andern Wegen erfahren haben?

Aber freilich ist es ein seltnes Glück! freilich herscht etwas wunderbares in meinen Schicksalen: und billig ist es daher, daß meine Leser, bevor sie erfahren, was ich sah und hörte? auch wissen: wie ich dazu kam? Aufrichtig will ich ihnen alles was ich darf erzälen: glauben sie mir nicht, schlimm dann für sie selber! Ich erfülle meine Pflicht, indem ich offenherzig bin; sie verabsäumen die ihrige, indem sie mistrauisch sind. Tausend Zeitungen, von Königen und Kaisern privilegirt, sind nicht halb so wahrhaft, wie meine Geschichte.

Eines Tages, als ich auf einen ziemlich einsamen Spaziergange, in einem Lustwäldchen mich vertiefte, hatte ich das Glück oder Unglück auf zwei iunge Herren zu stoßen, die wahrscheinlich so eben von ihrer französischen Bildungsreise zurückgekehrt seyn mochten, und die für einheimisches Gold ausländische Ungezogenheit und Muthwillen reichlich eingetauscht hatten. Sie wandelten wenige Schritte vor mir, sangen ein paar Pariser Vaudevillen; sprachen viel von den barbarischen Misbräuchen auf unserm widerspenstigen Eiland, und wünschten sich wechselseitig zu ihrer Erleuchtung Glück. Endlich fühlten sie, daß sie müde wären, und sahen sich nach einem Ruhesize um. Ohnfern von ihnen stand eine Bank; sie stand schattigt und bequem, aber sie war nicht mehr ganz ledig. Es saß auf ihr ein Mann, in einem reinlichen, aber fast dürftig scheinenden Rocke, mit schneeweisen, sparsam gewordnen Haaren, mit gesenktem Haupte, mit Gesichtszügen, die einmal schön gewesen seyn mochten, und die noch iezt etwas feierliches hatten; starr blickte er auf den Boden vor sich hin, und lehnte mit der einen zitternden Hand sich auf seinen Stab, als fürchte er sich hinab zu fallen. Ein ehrwürdiges Bild ohne Zweifel; doch unsre beide iungen Herren dachten anders.

»Sieh doch, Karl – rief der eine – ist das nicht der Graukopf wieder, den wir neulich auf dem Kaffeehause so schraubten, und doch kein Wort von ihm erpreßten? Sieht der Kerl nicht aus, wie ein leibhaftiger Zoroaster? Komm! der muß uns seine Bank abtreten!« – Sir Charles, ein Bursche, dessen Miene schon verrieth, daß er zu iedem Muthwillen nicht lange sich nöthigen lasse, war bereit. – »Du hast genug gesessen, alter Trismegistus; war seine Anrede: fort, und mach' uns Plaz.«

»Diese Bank hat allerdings für drei Menschen Raum;« erwiederte mit unbeleidigter Miene der Greis, und rückte zu. Aber diese Willfährigkeit gnügte seinen Beleidigern nicht. – »Daß Raum genug da sei, schrie der eine lachend auf, das sehen wir freilich. Aber ob es uns gelegen sei, neben dir zu sizzen, das ist eine andere Frage. Wer weiß, welcher Kobold uns dann zwicken und kneipen möchte.«

Das Auge des Alten bekam Feuer. Ein bedaurendes Lächeln zog seinen Mund. – »Ihr habt Recht, Gentlemens; erwiederte er: der Kaliban beim ShakespeareIm Sturm. Wahrscheinlich ist allen meinen Lesern dies Söhngen eines Teufels und einer Hexe zur Gnüge bekannt. war iezuweilen dem Zwicken der Kobolde unterworfen; doch nur wenn Prospero es ihnen befahl, und der bin ich nicht.«

»Der Kaliban des Shakespears? rief Sir Charles und hob seinen Stock. – Kerl, ich glaube, du wagst wizzig seyn zu wollen. Den Augenblick trolle dich deiner Wege; oder ich will dich Teufelsbanner lehren, vor Männern unsers Standes Ehrfurcht zu hegen.«

Der arme Greis fing zu zittern an.— »Ich habe ihren Stand, Milords, noch nie beleidigt; und wenn ich der Teufelsbanner wäre, den sie mich schelten, ich glaube, sie würden glimpflicher mit mir sprechen. Wer von uns der Ruhe mehr bedürfe, ich oder sie? das ergiebt sich, wie mich däucht, durch den Augenschein, und durch unser Alter. Aber, wie gesagt, diese Bank hat für uns dreie Raum.«

Er schmiegte sich, indem er dies sagte, so tief er nur konnte, in die Ecke hinein. Aber eben seine Nachgiebigkeit verstärkte das Herz seiner ungezognen Gegner. Schon hatte der Eine ihm beim Arme gefaßt, und machte ihn wegzuschleudern Miene, als ich, der ich dichte dabei diesem ganzen Gespräch zugehört hatte, ihren Muthwillen unmöglich länger dulten konnte. Ich trat daher hinter den Baume, der mich verborgen hatte, hervor, und erklärte: daß wer von ihnen diesen ehrlichen Mann mit Worten oder Werken weiter zu beleidigen wage, es mit mir zu thun habe. Ich war freilich nur einer gegen zwei; aber der Unwillen, den ich innerlich fühlte, mochte entweder meiner Miene und meinem Tone eine gewisse Kraft mittheilen; oder iene Buben hatten da, wo sie ihre Guineen verschleuderten auch ihren Muth zurück gelassen. Kurz, nach einen kleinen Wortwechsel, und nachdem sie mich spöttisch gefragt: Ob ich hier einen Talismann zu erbeuten hoffe? ich aber sehr ernstlich nochmals zu einer Boxübung mich erboten hatte; überließen sie mir das Feld, und dem armen Alten die Bank.

Unsre vaterländische Sprache ist sehr wortreich; dennoch schien es iezt diesem guten Alten an Worten zu gebrechen, um seinen Dank ganz, wie er wollte, auszudrücken. Er forschte anfangs nach: Ob er durch irgend einen Zufall mir schon vorher bekant gewesen sei? Und seine Erkentlichkeit schien sich noch zu vergrößern, als ich ihn versicherte: Dies wäre das erstemal, daß ich ihn sähe; und blos aus Menschlichkeit und aus Achtung für sein ehrwürdiges Aussehn, hätte ich mich zu seinem Vertheidiger aufgeworfen.

»Ich hoffe – antwortete er, und faßte mich zutrauungsvoll bei der Hand – ich hoffe, ihre heutige Güte soll sie in der Zukunft nicht gereuen. Was iene Unverschämte mich schalten, ein Zaubrer, und ein Geisterbanner bin ich zwar nicht; doch manches Geheimnis der Natur, das für den Troß der Menschen fremde blieb, hat mein Fleis und ein günstiger Zufall mir entdeckt. Selbst die Wehrlosigkeit, in der sie mich finden, ist nicht eine Folge meiner Schwäche; dies dürftige Gewand ist nicht eine Nothwendigkeit meiner Armuth, sondern nur ein Zug von Unvorsichtigkeit, die ich beim Ausgehn beging. Denn in meinen Vorrathskammern daheim giebt es manches Geräth, das mich schüzzen, ia wohl gar die Ehrfurcht meines Nächsten mir erwerben könnte.«

Diese sonderbare Rede befremdete mich nicht wenig. Ich sah meinem Alten starr ins Gesicht: ob vielleicht ein süßer Wein aus ihm spräche? Er bemerkte dies, lächelte und fuhr fort: »Wahrscheinlich glauben Sie, daß Alter, Furcht oder Trunk ein sinnloses Zeug mich schwazzen mache. Doch nie war ich mir meiner selbst besser bewußt, als eben iezt. Vorsichtiger sollte ich zwar vielleicht in meinen Reden seyn, doch der Dienst, welchen Sie mir so eben erwiesen, ist so groß, die Merkmale in ihrem Aeusserlichen sind so günstig, sind so fähig Zutrauen zu erweisen, daß ich offenherziger zu ihnen spreche, als ich zu allen Pairs von Britannien, und zu allen Fürsten Europens sprechen würde. Wissen Sie, iunger braver Mann, die Weisheit der Chaldäer ist noch nicht ganz untergegangen; und unter den wenigen, die etwas von diesem Erbtheil empfingen, ließ ihr günstiges Geschick sie auf einen – doch ich habe schon mehr gesagt, als in freier Luft und beim ersten Gespräch zu sagen räthlich war, wollen Sie mich heim begleiten, so kann ich vielleicht mich besser noch vor ihnen aufschließen.«.

Er erhob sich hier von seinem Sizze; und offenherzig zu gestehn, ich war einige Augenblicke zweifelhaft, ob ich mit ihm gehen solle? In den thätigen England sind schon so mancherlei Arten von Betrug und Prellerei zu Reife gediehen; so mancher Schlaukopf hat schon mit Versprechen angefangen, und mit Täuschung geendigt; die Worte dieses Greises klangen so wunderbar, waren aller neuern Weltweisheit so schnur straks zuwider; daß ich fast auf den Verdacht gerieth: ich habe mit einem Gauner zu thun; und es könne mir zum Lohn für meine ritterliche Gutherzigkeit wie dem Landmann gehn, der eine gefrorne Schlange aufthaute. Doch alzuehrlich war, wieder von der andern Seite betrachtet, die Miene dieses Alten; alzuentehrend für die Menschheit überhaupt war der Gedanke: daß er einen Fremden in eben dem Augenblick zu betrügen gesonnen sei, in welchem er Verpflichtung ihm zugestand; und alzusehr regte sich in mir Neubegierde, und ein gewisses ahndendes Gefühl, das man oft schon bezweifelt doch sicher niemals noch wegbewiesen hat. Alles dies, in eine Empfindung zusammen gedrängt, bestimte mich ihm zu folgen.

Warlich, es gereute mich nicht. – » Es giebt mancherlei Dinge im Himmel und auf Erden, wovon unsre Philosophie sich nichts träumen läßt!« Ehrwürdiger Shakespear wäre von deinen so oft gelobten, so oft getadelten, und so selten verstandnen Werken auch nur diese einzige Bemerkung auf uns vererbt worden; unwidersprechlich hättest du durch dieselbe den Scharfsinn deines Geistes bewährt. Wie oft habe ich an deinen Spruch in den nachmaligen Umgange mit meinem neuerworbnen Freunde gedacht! Wie manches, das mir bisher unglaublich geschienen hatte, erkante ich in der kleinen stillen Hütte dieses verborgnen Weltweisen für möglich und für würklich! Wie manches sah ich hier, das ich gern erzälte, und doch verschweigen muß; theils weil ein Eid meine Lippen versiegelt; theils, weil ich die Schreier fürchte, die mich, auch bei der lautersten Wahrheit, für einen Schwärmer und für einen leichtgläubigen Thoren schelten würden; Gesetzt, sie sollten auch so gütig seyn, und den absichtlichen Betrug mir erlassen.

Trieb zum Wunderbaren fühlt der Mensch in seiner Jugend schon; warum würde der Knabe sonst Mährchen so unendlich lieber als die wahrscheinlichste Geschichte hören! Trieb zum Wunderbaren empfindet der Mann auch noch, nur daß er ihn verheelt oder bekämpft. Aeusserst schäzbar, äusserst willkommen war mir daher der Umgang mit diesem Alten. – Doch bald regte sich eine andre Sitte der Menschheit in mir. Neid ist ein Laster, Wunsch nach Besiz liegt in unsrer Natur. Auch an unserm besten Freund können wir schwerlich einen wichtigen Vorzug bemerken, ohne wenigstens im Geheim zu denken: Wenn Du den doch auch besässest! Natürlich daher, daß auch ich nach den seltnen Kräften, die ich hier in den Händen eines schon abgelebten Greises fand, bald ein geheimes, aber heftiges Verlangen spürte; natürlich, daß ich beim fünften oder sechsten Besuche mit manchem Umschweif, mancher feinen Schmeichelei mich bei ihm erkundigte: ob es nicht möglich sei, sein Schüler zu werden?

Er hörte mich gefällig an. – »Was du mich bittest, sprach er, und was du weit kunstloser mir hättest vortragen dürfen, war schon mein eigner geheimer Endzweck. Unter allen Menschen, die ich kenne, liebe ich keinen, wie Dich. Denn keiner fing so uneigennüzig seine Bekantschaft mit mir an. Gern thäte ich Dir daher alle die Brunnen der Erkentnis auf, aus welchen mir selbst zu schöpfen erlaubt war. Aber wir Magier sind nur mächtig in gewissen Punkten; in manchen andern liegen uns Pflichten ob, die wir ungestraft nicht überschreiten dürfen. So, zum Beispiel, darf keiner von uns einen Schüler sich erkiesen, bevor er nicht die Gestirne gefragt, und von ihnen erfahren hat: daß die Prüfungszeit des Neulings vorüber sei. Die deinige – denn als Vater will ich nun in Dir zu einem Sohne sprechen – die deinige läuft noch. Vielleicht kann sie sich in einem Monate schon, vielleicht erst in Jahren enden. Nur forsche, wenn es Dir ein Ernst mit diesem Anliegen ist, nicht eher darnach, bis ich selbst Dir winken werde.«

So wenig auch dies angerathne Warten meiner Wißbegier ganz behagte, so wenig sah ich doch ein andres Mittel vor mir, als mich in Gedult drein zu geben. Auf ieden Fall freute schon die Hofnung mich, und ich schmeichelte mir nächstens in den Schulen des Trismegistus und Agrippa aufgenommen zu werden, als ein plözlicher grausamer Streich meine schönsten Aussichten vernichtete. Heitrer als gewöhnlich hatte ich einst, fast gegen Mitternacht schon, meinen greisen Freund verlassen, als mich, vor Sonnenaufgang noch, wieder ein Bote von ihm weckte, und mich aufs schnelste bei ihm zu erscheinen einlud. Diese Eilfertigkeit befremdete mich allerdings. Aber da man immer hoft, was man wünscht, so legte ich sie auch mehr zu meinem Vortheil, als zu meinem Schaden aus. »Vielleicht, dachte ich, stehn die Gestirne nunmehr in iener glücklichen Eintracht, die so unumgänglich zu deiner Einweihung seyn soll. Vielleicht ist dieses rasche Aufgebot der längstgewünschte Ruf zu den Hallen der Erkenntnis. Ja, vielleicht ist diese Eilfertigkeit und diese ungewöhnliche Zeit die erste Probe, ob es dir ein Ernst mit deiner Bewerbung war. Auf daher, damit du sie nicht versäumest!«

Ich flog mehr, als ich ging. Aber wie erschrack ich, als ich ins Zimmer eintrat und meinen ehrwürdigen Freund todtenbleich, zusammengesunken, mit keichender Brust, und halb sterbend schon in seinem Lehnstuhl sizzend fand. Sein Blick erhellte sich zwar ein wenig bei meinem Eintritt; er streckte seine eiskalte Hand nach mir; und sein Körper schien sich aufrichten zu wollen. Aber kraftlos sank er sogleich wieder zusammen; seine Finger konten nicht fassen mehr, sondern nur winken; und nachdem ich mich so dicht als nur möglich zu ihm hingesezt hatte, sprach oder stammelte er vielmehr also zu mir:

»Wie so verschieden sind doch die Rathschlüsse der Unsterblichen von den Plänen sterblicher Menschen. Ich hofte, mein Sohn, bald in einem glänzenden Kreise Dich zu umarmen; hofte neu in Dir aufzuleben; in Dir einen Schüler zu erziehn, der seinen Meister noch übertreffen solte. O, wie oft habe ich deinetwegen die Gestirne befragt! Vielleicht misfiel diese Eilfertigkeit, vielleicht mein Vorsaz selbst meinen Gebietern; vielleicht grif auch nur dies Hoffen und dies Erwarten alzustark meinen abgelebten, schon hundertiährigen Körper an. Kurz, ich fühle, die Stunde ist da, wo ich dieser geschäftigen Welt Lebewohl sagen soll. Der silberne Strick ist erschlaft, der goldne Becher zerbrochen; dies künstliche Gewebe des Körpers naht sich seiner Auflösung. Wenige Stunden, und ich athme nicht mehr. Wenige Tage noch, und meine Hülle modert. Sowie ich dies ernste Urtheil vernahm, war Dich noch einmal zu sehn, mein sehnlichster Wunsch. Ich habe es gethan; und ich bin nun bereit die Reise in ienes unentdeckte Land anzutreten von dessen Flüssen, wie Hamlet richtig sagt, kein Wandrer noch zurückkehrte.«

O mein Vater, mein Vater! rief ich voll des wüthigsten Schmerzens; und wolte mich zu seinen Füßen werfen. Er faßte, wiewohl mühsam, meine Hand, und fuhr fort.– »Laß uns durch Klagen nicht erst die wenigen Augenblicke noch verschwenden. Klagen sind immer unnüz; hier sind sie Dir schädlich sogar. Höre mich aus: da ich die Erinrung an Dich gewiß auch ienseits des Grabes noch mitnehmen werde, so wünscht ich diesseits desselben in Deinen Herzen auch mir einen Plaz zu versichern; wünschte, Dir nicht fremd geworden zu seyn, wenn ich in der Ewigkeit einst Dir entgegen eilen werde. Ich seh auch sterbend noch in Dein Inres; ich weiß, was bei meinem Tode am meisten Dich schmerzt. Möchte ich doch Dir helfen können! Aber Dich noch iezt in die Tiefen der Weisheit einen Erkentnisblick thun zu lassen, verbieten meine erlöschenden Kräfte, und iene Rathschlüsse, die der Sterbende gewöhnlich pünktlicher, als der Lebende verehrt. Liegende Gründe, Juweelen, Gold und Silber, so gern ich iezt alles dies zum Erbe Dir hinterließe, und so leicht ich es oft zu erwerben vermocht hätte, besizze ich nicht. Aber an Seltenheiten gebricht es mir keineswegs. Die Kraft der meisten erlöscht zwar, so wie mein Leben verlöscht; doch einer derselben wenigstens vermag ich Dauer zu geben. Und das will ich thun; will meine Arbeiten damit schließen, Dir nüzlich zu seyn.«

Er zog, indem er dies sprach, aus einer versteckten Tasche ein kleines goldenes Schlüsselchen heraus; sah es schweigend einige Sekunden hindurch an, seufzte, und fuhr fort: »Nimm diesen hier. Er führt Dich in ein Gemach, wohin ausser mir, noch kein menschliches Auge blickte. Geh eine Treppe höher, die mein Knabe Dir weisen wird, so kanst Du rechter Hand es finden und öfnen. Unter allen Seltenheiten die Du dort antreffen wirst, und die kein Monarch verschmähen würde, wäle eine Dir aus, und behalte sie als ein Andenken meiner Liebe und einer Freundschaft, die gern noch thätiger seyn möchte.«

Ich nahm den Schlüssel mit einer Rührung hin, wie ein solcher Anblick und ein solches Erbieten sie wohl verdienten. Der sterbende Greis schellte: der Bursche, der mich geholt, erschien wieder, und wies mir auf seines Herrn Gebot eine schmale verborgne Treppe. Ich stieg sie hinauf, fand die Thüre, öfnete sie und befand mich in einem kleinen viereckichten Zimmer, das einem Luftthürmgen glich. Da ich auf sonderbare Erscheinungen mich gefaßt gemacht hatte, so staunte ich wieder im Gegenzuge darüber, daß ich nichts als einige Stücken des altäglichsten Hausraths erblickte. Ein Stuhl, von dessen vier Beinen wenigstens dreie schon ziemlich mürbe geworden waren; ein Tischgen, das mehr schwebte, als stand; ein Stück grüne Wachsleinwand, die eine Art von Sonnenschirm abgegeben haben mochte, machten die hauptsächlichsten Zierden dieses Zimmergens aus. Zwar lag die Tafel voll Papier und Geräthschaften; doch auch diese versprachen von weiten so wenig, daß ich vielleicht sie nie einer Untersuchung werthgeschäzt haben würde, hätte iene Verheißung nicht mich dazu aufgemuntert.

Das Erste was ich fand, war eine Erd- und Himmelskugel, ein Schreibezeug, einige Hefte beschriebnes Papier, aber mit Zügen beschrieben, die keinem von allen mir bekanten Alphabeten glichen; daneben lagen drei Bücher mit arabischer Schrift; Telescope, Horoscope, Microscope, alles durch einander; aber auch alles dem Anschein nach so abgenüzt, wie der Körper des Besizzers selbst. Endlich fiel mir eine kristallne Kugel, erfüllt mit einem gelblichen glänzenden Pulver in die Augen; sie hing in des Zimmers Mitte, und ich fand bei genauer Besichtigung folgenden Zettul auf ihr:

Täuschungspulver.

»Man blase von diesem Pulver eine kleine Prise, wenn der Mond im Zeichen des Widders steht, durch eine Stachelschweins-Borste, und glänzende Erscheinungen werden die Augen des Volks bethören. Man thue eben dasselbe, wann dieser Planet ins Zeichen des Krebses tritt, und es wird ein algemeines Schrecken und Erstaunen sich verbreiten.«

Ja wohl hat mein Freund Recht, – sprach ich bei mir selbst – wenn er dies eine Seltenheit nent, und glaubt, daß mancher Monarch sie gern besizzen möchte. Er könte dann leichten Kaufs für einen Vater des Vaterlands durch schöne Luftgestalten gelten; auch, wann er ausziehn wolte, um Eroberungen zu machen, und doch, der heutigen Tacktick nach, gern iede Schlacht vermeiden möchte, so dürfte er es nur im Zeichen des Krebses thun. Wie wenn ich – doch nein, ich mag meine Nebenmenschen nicht täuschen, und will lieber Zufriedenheit als Furcht um mich verbreiten.

Eine Dose von gelben, goldähnlichen Metall, die auf der Tafel stand, zog iezt meine Aufmerksamkeit an sich. Ich öfnete sie; fand sie, wie es schien, mit Spaniol gefüllt, und überdies noch folgende Nachricht in ihr:

Prüfungsdose.

»Laß aus ihr ieden, der Dir verdächtig scheint, eine einzige Prise nur nehmen, und er wird seines Herzens geheimste Gedanken vor Dir aufschließen.«

Auch dieses Kunststück, rief ich aus, solte ein Fürst besizzen. Er würde, wenn er sie im Zirkel seiner Höflinge herum reichte, von eben denen, die einen Augenblick vorher ihm schmeichelten, ein sonderbares Lied anstimmen hören; würde in iedem Hundert treudevotester Diener wenigstens neunundneunzig Heuchler erfinden. Ueberhaupt ein nüzliches Mittel bei Freundschaft und Liebe; eine furchtbare Entlarvung iedes Betrügers! Aber kein wünschenswürdiges Gut für den Besizzer selbst! Er würde dann und wann zwar vor Gefahr sich hüten, und vor einem Abners-Kuß sich schüzzen können. Aber zehnmal öfter noch sein eignes Leben sich verbittern, allen Umgang von sich entfernen, manchen süßen Rausch entbehren müssen. O nein! gute Dose; ich nehme dich nicht mit. Du würdest mir neues genug, doch selten etwas erfreuliches hören lassen.

Meine Augen irrten weiter umher, und erblickten ein Glas, ohngefähr wie dieienigen Gläser sind, in welchen man Ungarisches Schlagwasser zu verkaufen pflegt. Ich nahm es auf und fand die Umschrift:

Nachdenken erregendes Salz.

»Nur viertehalb Sekunden dies Glas vor die Nase gehalten, so sind alle flüchtige, flatternde Gedanken zerstreut, ein fester Muth gewonnen, und die Seele im Stand gesetzt, über Gegenstände aller Art gehörig nachzudenken.«

Selbst dieses Gläsgen – fast schäme ich mich iezt es zu sagen, – ward wieder hingelegt, doch keineswegs aus der lächerlichen Eitelkeit, als sei ich durch natürliche Fähigkeiten dieses Salzes unbedürftig; sondern vielmehr eines Gewissenzweifels halber. »Wie unendlich viel beßre Dienste köntest du thun, dachte ich, wenn du in den Besiz eines Gottesgelehrten, Rechtskundigen, Staatsmans, Arztes oder Feldherrn kämest. Wie mancher Glaubensartikel würde dann verbessert, wie manches Gesez anders gegeben, wie mancher Staat weiser geleitet, wie mancher Kranke gerettet, und wie manches unnöthig vergoßne Menschenblut erhalten werden. Auch ienen, die immer weiser als Vater und Mutter seyn wollen, die immer wichtige Entwürfe anfangen und keinen vollenden, diesen Gros- und Kleinmännern in Europens Staaten, wäre ein solches Fläschgen nüzlicher, als eine eroberte Provinz. Ruhe daher hier, bis ein solcher dich findet!«

Noch eine Menge von Dingen, die in der gewöhnlichen Welt nicht sind, und wenn sie in ihr wären, zur ungewöhnlichen sie gar bald machen müsten, gingen durch meine Hände. Aber eben ihre Menge machte mich so ungewiß, daß ich keines von allen wählte, und selbst die Erzälung davon meinen Lesern schenken will. – Endlich erblickte ich an einem Nagel in der Wand eine Art von Gürtel schweben, der aber mehr eine Samlung von Stäubgen, wie sie im Sonnenstral zu spielen pflegen, als ein Gewebe, oder eine feste Substanz vorzustellen schien. Spinneweben sind dicht gegen ihn. Ich wagte es kaum nach ihm zu greifen. Als ich es endlich that, und er schon in meinen Händen sich befand, konte ich kaum mit den Augen ihn erkennen; an ein Fühlen war nicht zu gedenken. Dennoch hing an diesem unkörperlichen Wesen ein Zettel, der also lautete

Gürtel der Unsichtbarkeit.

»Wenn man diesen Gürtel auf die bloße Haut sich umbindet, so wird er, sobald er sich erwärmt, seinen Besizzer vor allen übrigen menschlichen Augen unsichtbar machen.«

Dieser Wundergürtel war die erste unter allen durchgemusterten Seltenheiten, nach deren Besiz mich verlangte; schon war ich ihn mitzunehmen entschlossen, und sah mich nur, um nichts zu verabsäumen, flüchtig noch allenthalben um; als mir in einem Winkel des Zimmergens eine Art von Schreibtafel oder Taschenbuch ins Gesicht fiel, das mir auch einer genauern Untersuchung würdig dünkte. Ich fand, daß es aus einem hellen, durchsichtigen, festen Wesen bestand, das viel Aehnlichkeit mit den Blasen hatte, die man iezuweilen auf des Wassers Oberfläche entstehen sieht. Es war geschmeidig, und in so vielfache Falten gebrochen, daß es zusammengelegt zwar äusserst klein aussah, ganz ausgebreitet hingegen an Länge und Breite den grösten Royalbogen übertraf. Wozu es bestimt sei, sagte mir folgende Ueberschrift.

Wundersame Schreibtafel.

»Wo diese Schreibtafel immer ausgebreitet wird, da drückt sich ihr iedes gesprochne Wort so leserlich, als sei es in Kupfer gestochen ein. Auch kann es nicht anders, als durch die Hand einer Jungfrau wieder ausgelöscht werden; aber einer so unschuldigen, reinen Jungfrau, daß sie selbst an den Unterschied beider Geschlechter nie gedacht haben darf. – Diese, wenn es anders eine solche giebt, hauche dann sieben und dreiviertel Sekunden ziemlich stark diese Schrift an; und überfahre sie ganz gelind, mit der ersten Pflaumfeder, die einem noch unbefiederten Schwan unter dem linken Flügel, zur Zeit wenn der Mond im Zeichen der Jungfrau steht, ausgezogen worden; so wird die Schreibtafel sofort wieder rein, und zur Aufnahme neuer Eindrücke tauglich werden.«

»Doch wohl zu merken, daß die Jungfrau schon ihr zwölftes Jahr zurück gelegt habe!«

Jezt war ich wieder eine lange Zeit ungewiß, wozu ich greifen sollte. Beim Gürtel gingen mir schon tausend Gedanken durch den Kopf, wie ich ihn nüzzen, und meinen Hang zur Neugier durch mancherlei Entdeckungen befriedigen könne. Auf der andern Seite war mein Gedächtnis nicht das treueste. Eine Tafel, die iedem gesprochnem Worte Dauer gab, versprach mir die glücklichste Unterstüzzung, und ich brante für Begier nach dem Besiz eines solchen Schazzes. Ich überlegte, und überlegte. Freigestanden wünschte ich mir beide. So gierig ist der menschliche Geist, daß die Gewährung einer Begier, sofort die Mutter der zweiten wird.

Endlich entschloß ich mich zu einer List; nahm Gürtel und Taschenbuch zu mir; verschlos sorgfältig die Thüre dieses Gemachs; und kehrte zu meinem Freunde zurück. Ich fand ihn ganz in dem Zustande noch, in welchem ich ihn gelassen hatte; da ich den Gürtel über die Achseln gehangen, das Taschenbuch aber in Händen hielt, sah er nur ienen, und sprach mit einem mühsamen Lächeln: – »Ganz, wie ich es dachte! Ganz der alten, von mir stets geglaubten Wahrheit gemäß: daß Neugier die herschende Leidenschaft der menschlichen Seele sei!«

»Ihr mögt sehr recht haben, mein Vater; erwiederte ich: doch ist dieser Hang nicht so stark in mir, das ich entscheiden könne: was ich wählen soll: diesen Wundergürtel? oder dies Wunderbuch? Der Werth von beiden scheint mir so gleich zu seyn, daß, so oft ich mich für eines bestimmen will, die Vorzüge des andern gleich wieder die Waage in Stilstand bringen; und daß ich mich nicht zu entschlißen vermag, was ich mit größern Vergnügen nehmen oder wovon ich mich mit mindern Schmerzen trennen soll. Deshalb brachte ich beide her, und ersuche euch: entscheidet statt meiner.«

Der gute Greis verstand meine Meinung gewiß volkommen; denn nach einer kleinen Pause war dies seine Antwort: »Mein Sohn, als ich Dir die Erlaubnis gab, eine meiner Seltenheiten Dir auszusuchen, da wolt ich nicht, daß Du beim Empfang dieser einen unglücklich durch den Mangel der andern würdest. Du hast gewählt, wie der Mensch gewöhnlich wählt. Ja, Du hast sogar gnügsam dich bewiesen, weil Du nur zweierlei Dir wünschest. Zudem sind Gürtel und Taschenbuch gewissermaßen verwandte Dinge; behalte sie daher beide, nur unter der Bedingung, der Gürtel würke nie, wenn Du das Taschenbuch nicht rein bei Dir trägst. Das Buch empfange nichts, wenn Du den Gürtel nicht umgürtet hast!«

Ich küßte dankbar seine Hand. – Bald nachher schlug seine lezte Stunde. Er verschied in meinen Armen; oder besser zu sagen, er verlöschte. – Ich wolte die Anstalten zu seinem Begräbnis treffen; als ein paar Anverwandte, die von seinem Tode gehört hatten, und hoften; daß doch etwas bei ihm zu erben seyn würde, sich eilfertig einstelten, und der Mühe mich überhoben. Ihre Blicke waren so mistrauisch gegen mich, daß ich besorgte: Sie möchten endlich eine Untersuchung meiner Taschen in Vorschlag bringen; und ich entfernte mich gern sobald es nur irgend sich thun ließ.

So war ich also im Besiz eines Schazzes,der mir um so unschäzbarer dünkte, als ich gewiß wußte, daß ihn im ganzen Königreiche keine Herrlichkeit und keine Hoheit mit mir theile. Auch machte ich es ganz mit ihm, wie die Kinder und die meisten Menschen beim Besiz von etwas Neuem und Seltnem es machen; das heißt: ich konnte den Augenblick kaum erwarten, wo ich das erstemal eine Probe damit anstellen solte. Ich hielt mich daher noch auf dem Heimweg nach meiner Wohnung in einem einsamen Hof auf, umgürtete mich, und ging weiter. Als ich an meiner Saalthüre klingelte, meine alte Wärterin mir solche öfnete, und ich unbemerkt bei ihr vorbeiging, da war mir ihr Unwille gegen den Buben, der sie geäft habe, das schönste Schauspiel, das ich iemals gesehen; und als ich auf mein Zimmer kam, meine Tafel besah, und alle Schimpfreden auf ihr treulich eingedrückt fand; da hatte ich Newtons oder Shakespears Werke nie mit größerm Vergnügen angeblickt; da war ich undankbar genug, auf eine halbe Stunde wenigstens zu vergessen: welchen Freund, und zugleich, welche Hofnung ich mit ihm verloren habe.

II. Prüfungen der Gedult. Endliche Befriedigung.

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Aber unterm Monde ist kein Glück vollkommen, und ie größer, ie wandelbarer ist es auch! Das erfuhr ich bald; erfuhr zugleich, daß meine Begier nach zwei Gütern mich um den Genuß von iedem einzeln bringen könnte. Als der sterbende Greis um meinen Wunsch nach beider Besiz zu befriedigen, Tafel und Gürtel untrennbar in ihrer Würkung machte, da fiel es mir nicht ein, wie gefährlich diese Bedingung mir werden könne; erst dann erkannte ich es, als nach zwei oder dreien unsichtbar abgestatteten Besuchen, meine Schreibtafel angefüllt war; denn iezt fühlte ich die Nothwendigkeit sie zu reinigen, und die Schwürigkeit dabei. Zwar eine Schwanenfeder war mit allen den Pünktlichkeiten, die ihr Ausziehn erforderte, bald herbeigeschaft; aber als ich wohl hundert Frauenzimmer – meine ganze Verwandschaft mit eingeschlossen – auf die Schrift zu hauchen gebeten hatte; als sie alle zwar willig hauchten, aber keine auch nur ein Jota wegwischte: da fing mir an schwüle bei dem Handel zu werden. Schon wolte ich in die bitterste Schmähung gegen alle iungfräuliche Tugend losbrechen. Doch als ich genauer darüber nachdachte, fand ich, daß wenigstens aus meiner Erfahrung noch kein Beweis dagegen sich führen lasse. Zu meiner Bestimmung muste ein Mädchen nicht nur vollkommen unschuldig, sondern auch gleich stark unwissend seyn. Daß sie keines Mannes begehrt oder genossen habe, war nicht hinlänglich; sie muste auch nie daran gedacht haben, daß es einen Unterschied der Geschlechter gebe; ein Umstand, der sich kaum von einem Mädchen von sechs bis sieben Jahren fordern läßt! und der, wenn man ihn fände, die grösten Wunder meines Adepten erreichen, wo nicht überwiegen würde!

O was hätte ich nicht damals für ein Mädchen wie Dorinde in Shakespears bezauberter InselWieder im Sturm die Tochter des Prospero. war, hingegeben; doch da bloßes Wünschen unnüzlich und bloßes Hoffen thöricht gewesen wäre, so sann ich lieber Tag und Nacht, wie diese Schwürigkeit sich übersteigen lasse, und war endlich glücklich im Plan und in der That. Eine arme Witwe, mit sieben Kindern am Leben und oft ohne Brod für sich selbst, ließ sich durch ein ansehnliches Stück Gelde, und durch den Schwur, daß ich nicht etwan, wie man sonst von den Juden glaubte, ihr Kind zu opfern gedenke, zum Abtritt ihrer iüngsten dreiiährigen Tochter bereden. Eine ältliche Frau, deren Verschwiegenheit und Treue ich kante, ward nun zur Erzieherin dieses erkauften Kindes ausersehn, meine ganze Absicht ihr entdeckt, und der Weg, den sie einzuschlagen habe, ihr vorgezeichnet.

Das kleine Geschöpf ward in eine Dachstube gebracht; ein einziges Fenster von obenher ließ das Tageslicht gerade hinunter fallen; von allem was in der übrigen Welt unter, um, und neben ihr vorging, erfuhr sie kein Wort, und erhielt keine Gelegenheit es zu muthmaßen. Wenige leichte Speise war ihre Nahrung; nur die Hälfte der gewöhnlichen Schlafzeit ward ihr verstattet; keine lebendige Seele, als das alte Müttergen, das sie pflegte, ihr Essen und Wartung gab, kam zu ihr.

Da ich die Zimmergen des ganzen Dachs gemiethet hatte, so war ich oft durch die Spalten der Bretwand ein scharfer Beobachter ihres Lebenswandels, und hatte alle mögliche Ursache mit der Befolgung meiner Befehle zufrieden zu seyn. Um dieser unschuldigen Gefangnen Gesundheit zu erhalten, hatte ihre Wärterin ihr eine Schwenke gemacht, hatte sie Ballspielen und Kreisel treiben gelehret, und beschäftigte sie täglich durch Spiele, die auch in diesem Zimmergen ihrem Körper Bewegung, ihrem Geiste eine Unterhaltung gaben. Wie lang mir selbst die Zeit bei dieser Erwartung ward, das kann sich ohngefähr nur ein iunger Verschwender vorstellen, dem ein karger Vater den Possen thut, und nicht sterben will. Ich zählte neun Jahre hindurch fast ieden Tag, wenigstens iede Woche, und sah nie meinen zwar sorgfältig verwahrten, aber iezt nuzlosen Gürtel an, ohne herzlich meine Begehrlichkeit zu beseufzen.

Endlich trat meine Pflegtochter in ihr dreizehntes Jahr; und schon des andern Tage war die Schreibtafel in ihren Händen, und ich an der Spalte in der Wand. O die Angst, mit der ich hinblickte, als sie sieben und dreiviertel Sekunden drauf hauchte! und o die Freude als ich so schnell, wie von einem feuchten Schwamme die Schrift einer Schiefertafel verschwindet, iene hartnäckigen Züge unter ihrer Hand wegfliegen sahe. Daß ich diesen Tag noch den Gürtel umschnallte, und von ihm und meinem Taschenbuche Gebrauch machte, das wird wohl ieder glauben, der auch nur die ersten oberflächlichsten Kentnisse vom menschlichen Herzen besizt. Alle Mühe der verfloßnen Jahre war nun belohnt; alle Sorge vergessen; alle ehmalige Pläne wurden nun vorgesucht; manche davon würklich erfüllt.

Freilich besorge ich, daß manche Leser an alle dem, was ich gesagt habe und noch sagen werde, Zweifel tragen dürften. Es giebt Leichtgläubige die alles, es giebt Ungläubige, die nichts für wahr halten, was sie nicht selbst erfahren haben. Doch diese zu widerlegen, wäre eben so unnöthig als ihre Bekehrung unmöglich ist. Ich will, statt bei ihnen mich zu verweilen, und statt Zeit und Raum mit langen nutzlosen Widerlegungen zu verderben, mich lieber nun ohne weitern Eingang, zu dem, was ich sah und hörte, wenden.

III. Uebersicht des Ganzen.

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Grade zu derienigen Zeit, wo ein nachforschender Geist in großen Städten am meisten Stof zu Bemerkungen findet, war ich mit allen Anstalten zu meinen unsichtbaren Kreuzzügen fertig. Der Winter hatte die Staatsmänner von ihren Gütern, die Lädis aus ihren Gärten, und die Landiunker von ihren Jagden vertrieben. Unsre verreiste iunge Herren kamen von Calais mit verbesserten Kleidungen, neumodischen Tabacksdosen, verändertem Kopf und verschlimmerten Herzen wieder. Jene ehrwürdige Versamlung, welche die Stimme des Volks vorstellen soll, saß bereits zankend oder gähnend auf Wollsäcken und auf Bänken. Die Ausleger der Gesezze eilten nach Westminsterhall, die Ausleger des Evangeliums machten zu St. James ihre Verbeugung. Die Kriegsschiffe lagen vor Anker, ihre wackern Befehlshaber hatten nun die Rauhigkeiten der Wellen und Winde mit der noch gefährlichern Luft des Hofs und der städtischen Vergnügungen vertauscht; enterten oft zur Unzeit, oder strichen die Flaggen, wenn sie schon zu siegen hoften. Unsre Landhelden, die bisher, weil ihr Schwerdt in Ruhe rostete, den Landmädchens und den Hasen gefährlich gewesen waren, iagten nun nach einem andern Wildpret, auf Bällen, Schauspielen und Maskeraden. Die Lords durchlasen den HoyleDer bekantlich über das Whistspiel geschrieben hat.; die Lädis überlegten an ihren Nachttischen, wie sie an Reiz ihre Schwestern übertreffen, durch ihren Puz hier Fehler verstecken, dort Schönheiten herausheben könten. Halbgetrente Liebschaften wurden erneuert; frische angesponnen. Madame Fama von ihren tausend und aber zehntausend Kundschaftern umflossen, mit Neuigkeiten ieder Art, bald wahr, bald falsch überladen, durchstrich iezt stürmisch wie ein Nordwind, und iezt schleichend wie die Pest, iedes Viertheil unsrer großen Hauptstadt; und wäre der menschliche Körper an iedem seiner Poren mit einem Ohre versehn gewesen, sie hätte Stof genug für alle gehabt.

Wäre Neugier daher mein einziges Erbübel gewesen, auch ohne Gürtel und Buch hätte ich sie so zu befriedigen vermocht, daß dies kurze Leben vielleicht dafür nicht zugereicht hätte. Aber von Jugend auf hatte bei mir ein gewisses Mistrauen der Neugier die Wage gehalten; fast immer hatte ich gefunden, daß das Gerücht noch sehr gütig mit einer Sache umgehe, wenn es sie nur verdopple; um desto mehr freute ich mich, die Wahrheit iezt als Wahrheit zu erkennen; um desto mehr nahm ich es mir vor: die Maske der Heiligkeit vom Angesicht manches Heuchlers abzuziehn; Thorheiten und Laster in mannichfaltigen Abwechslungen zu haschen und darzustellen; böse Thaten ihres Schimmers zu berauben, und manchen Ränken bis in ihre tiefsten Schlupfwinkel nachzuspähen. Im Gegentheil gelobte ich der gedrückten Unschuld Schutz, der verkanten Tugend Rechtfertigung, und dem stillen Leiden Beistand. Kurz, ich nahm mir vor, so seltne Güter durch den Gebrauch nie zu entweihen.

Ziemlich ohne Unterschied stelte ich anfänglich meinen Ausflug an, denn ich glaubte, überall sei der beste Ort. Doch ich lernte bald einsehn, daß dieser Glaube ein Irrthum sei. Ich entzog mich bald wieder den Schauspielhäusern und Bällen, denn ich fand des Gedränges zu viel und der Ausbeute von Belange zu wenig. Ich floh bald die großen Tafeln und Gastgelage; denn ich erkante, daß ie zahlreicher eine solche Versamlung sei, ie minder werde in ihr etwas nüzliches gesprochen. Ich floh alle vermengten Gesellschaften; nur die Maskeraden und die Kaffeehäuser nicht; denn in ienen machte die Larve oft sicher, und in diesen thauten oft an abgesonderten Tischen die zugeschlossensten Lippen auf. Ich besuchte anfangs fleißig die Vorgemächer des Monarchen; aber ich erschrack über die Menge schaaler Komplimente, die ich hörte; und ein so dichter Nebel füllte gewöhnlich den ganzen Kreis, daß selbst die Zauberkraft meiner Tafel unwürksam blieb, und meistens mit halbvollendeten Perioden, und Gedankenstrichen sich begnügte.

Ich entwich eben sobald aus den Zimmern der Staatsminister und der Häupter von den Staatsparteien; denn ich fand da, wo sie ihre Zusammenkünfte hielten, oder Audienz ertheilten, den Fußboden so schlüpfrig, daß der geringste Fehltritt meine Unsichtbarkeit, ia selbst mein Genick sogar in Gefahr versezzen konte. Nur in ihr Schlafgemach verfolgte ich sie zuweilen, wenn sie vom Hofe, oder von ihren patriotischen Geschäften heimeilten; und oft sah ich da Dinge – warum solte ich meinen Mitmenschen das Herz erst schwer machen? warum von Krankheiten sprechen, die so unheilbar wie der Biß der Klapperschlange sind?

Ich liebe den Soldatenstand, und würde gerne und oft ihn genauer betrachtet haben. Aber der angeborne Muth unsrer Krieger machte, daß sie alle Augenblicke, zumal wenn sie mit Unbewafneten sprachen, nach ihren Degen griffen, und ich sorgte: daß das, was selbst ihrer Absicht nach ein Lufthieb seyn sollte, mich treffen, und aus einem ganzen Menschen zwei Hälften machen könne. Ja, wenn auch ihr Streich gelinder, wenn er meinem Gürtel nur gefährlich gewesen wäre, welche Figur würde ich gemacht haben, sichtbar zum Theil, und zum Theil unsichtbar! Wie leicht hätte das Schrecken dann mein Vaterland um einen seiner Helden bringen können! Wie leicht – Kurz, ich blieb auch da zurück.

Aber wann der Ruf von irgend einem Mann vorzüglich viel – es mochte nun gutes oder böses seyn – zu sprechen beliebte; wann irgend ein eheliches Paar, oder ein einzelner Mensch sich zum Muster eines Zirkels empor hob; wann mehrere entweder seinen löblichen Eigenschaften nacheiferten, oder seine Thorheiten nachäften: dann ermangelte ich nicht lange meinen unsichtbaren, aufmerksamen Besuch alda abzustatten; und ward allerdings neunmal in meiner Erwartung betrogen, indem ich sie zum zehntenmal halbbefriedigt fand.

Oft begab ich mich zu den runden Tafeln eines vertrautern Häufleins; hörte gern ihren Scherzen, ihren Gesundheiten, oft auch ihren ernsthaften Plänen zu. Manche Staatsbegebenheit wußte ich dann lang voraus, nicht weil sie im Ober- und Unterhause, oder im Kabinet zu St. James, sondern weil sie beim Punschnapf, wenn der Kopf wärmer und das Herz etwas ofner ist, entworfen worden. Wie unglaublich viel zwei oder drei Menschen vermögen, wenn sie entschlossen und ausdaurend sind, davon sah ich manches Beispiel. Nur vergällte mir die Freude darüber mancher andre Anschlag, der im Winkel began, und bald alzuthätig ward, da er ewig in diesem Winkel hätte bleiben sollen.

Wenn ein Schriftsteller das Publikum in Erstaunen oder Entzücken sezte; wenn er von unsern Lädis beim Frisiren, von unsern iungen Herrn beim Einschlafen gelesen zu werden anfing, dann suchte ich mich in sein Studierzimmer zu schleichen, (was ich freilich oft unterm Dache suchen muste) und bestrebte mich zu ergründen, ob Strohflamme oder ein dauerndes Feuer in ihm brenne. Nicht selten ärgerte ich mich herzlich, wenn ich eben den Mann, dessen Werte schon in manchem Franzbande glänzten, im dürftigsten Gewand fand; Aber noch verdrüslicher war es mir, wenn ich zuweilen den Tugendlehrer im Armen seiner Aufwärterin, den Originalgeist in Umschmelzung seiner Kollektaneen, den Mann von wahren Talenten im Bestreben durch Schleifwege aufzusteigen ertappte. Auch unsre Wochenblätler und Kritiker suchte ich dann und wann heim; sah, wie ängstlich iene oft den Himmel baten: ihre Nebenmenschen eine Thorheit begehn, oder einen Großen endlich einmal ein gescheutes Wort sagen zu lassen, nur um Stoff für ein noch leeres Blatt zu erhalten; sah, wie neidisch diese oft eben dasienige Werk zerfleischten, das sie mit schmerzlichen Gefühl ihres Unvermögens gelesen hatten; und wie oft sie den Dumkopf erhoben, weil sie mit ihm im Briefwechsel oder wohl gar in seinem Solde standen.

Zuweilen schlich ich mich ins Zimmer eines Samlers von Alterthümern oder Seltenheiten, von Münzen oder Gemälden, von Büchern oder von Naturprodukten; und fand theils zur Verwunderung, theils zum Mitleid, oft auch zum Unwillen reichlichen Stof. Denn was ist so komisch und ärgerlich zugleich als einen Knicker zu sehn, der seiner Gattin ihren Puz, seinen Kindern ihren Unterhalt, und sich selbst iedes Vergnügen versagt, um einen ehrnen Otto – der noch dazu vielleicht iünger als sein Käufer ist! – mit zehn Pfund Sterling zu bezalen; einen andern, der mit Gold dem ersten halbzerfreßnen Druck eines alten Autors aufwiegt, um ihn ungelesen hinzustellen; einen dritten, der freudig hundert Guineen für eine vermoderte Lampe hinwirft, weil ihm ein Antiquar, mit mehr Schlauigkeit als Ehrlichkeit, versichert, daß zu Cäsars Zeiten schon ein Dacht in ihr gebrant habe; und einen vierten, der willig den Rostbeaf auf seiner Tafel abschaft, um einen raren Schmetterling mehr in seinen Schrank aufspießen zu können.

Wann ein reicher Erbe von seinen Reisen zurück kam, um das Vermögen in Besiz zu nemen, das ein gutherziger Ohheim, oder ein hektischer Vater für ihn zusammen gespart hatte; so pflegte ich oft bei seinem Aufstehn gegenwärtig zu seyn. Wenn ich ihn dann fand, umringt von Menschen, die erbötig waren, für seine Heirath, sein Vergnügen und für den richtigen Umlauf seiner Wechsel zu sorgen; umlagert von Prokuratoren, Spielern, französischen Schneidern, Galanteriehändlern, gutwilligen Mädchen, glückwünschenden Reimern, kurz von Betrügern und Schmeichlern aller Art; – o, seufzte ich heimlich bei mir, der Hof deines Sohnes wird sicher nicht so zahlreich als der deinige seyn!

Ein andermal mischte ich mich in die Gesellschaft einer Dame von Stande; sah den Spieltischen zu; sah, wer verlohr und wer gewann, und in welcher Münze unsre Lädis oft ihre Ehrenschulden zu bezahlen gezwungen sind. – Wußte ich nicht besser meine Zeit zu nüzzen, so besuchte ich unsre öffentlichen Spaziergänge; sezte mich ungesehen auf eine Bank, wo mehrere Damen saßen; hörte, wie sie sich iezuweilen ihr Herz ausschütteten, Pläne entwarfen, und noch öftrer ein Urtheil – Minos Urtheil ist minder strenge – über die Tugend und über die Verdienste ihrer Mitschwestern fällten.

Aber mein größtes Vergnügen war es, die Siz-Zimmer unsrer berühmtesten Schönheiten zu besuchen. Oft war ich dann kühn genug, selbst in ihr Schlafgemach zu schlüpfen; doch blieb ich dem Vorsaz getreu, nie einen Fuß breit vom Pfade der Rechtschaffenheit abzuweichen; nie eine Handlung zu begehen, auf die ich nicht einst im Sterben, so ruhig, wie Thomson auf seine GedichteMan entsinnt sich vielleicht des vortreflichen Prologs von Garrick, in welchem er Thomson den Dichter nennt, der sterbend keine Zeile verwischt zu haben wünschte. zu sehn vermögte; und der Vorhang des Betts machte meiner Neugier äußerste Grenze aus.

Da ich, so oft meine Schreibtafel gefüllt war, nie unterließ, das abzuschreiben, was ich merkwürdig fand, so wuchs der Vorrath meiner Handschriften bald zu einer ansehnlichen Höhe; und da ein widriger Zufall – von welchem sich erst später zu sprechen gedenke – meinen Kreuzzügen auf lange, wo nicht auf immer Einhalt that; so dünkt mich, konnte ich nichts bessere thun, als einige dieser Bruchstücke ordnen, ergänzen, und zum Gebrauch für andere fähig machen.

Auch hier gab es einige Wege, die mir einzuschlagen, frey standen. Ich hatte mich fern vom eigentlichem Hofe und von den Sälen der Minister gehalten. Doch manche geheime Anekdote war mir da zu Theil geworden, wo ich am wenigsten sie suchte. Mancher Mann im Blauenbande hatte, ohne daß er es dachte, vor meinem Richterstuhl sich deutlicher, als vor seinem Monarchen und vor den Augen der Menge enthüllt. Ihn zu zeichnen war mir leicht, und an Interesse würde es hoffentlich nicht ermangelt haben. Doch nie hatte ich die Rolle des Prokops geliebtProkop, ein Schriftsteller am Hofe Justinians, schrieb von eben demienigen Kaiser, den er ehmals aufs höchste gelobt hatte, eine geheime Geschichte, die ihn und seine Minister in den schwärzesten Farben darstellte.; unglaublich würde manche unedle That eines edlen Pairs ohne Beweise scheinen; und die Ränke der Höflinge gegen einander machen ein so niedriges, der Menschheit selbst ungünstiges Schauspiel aus, daß es iedem, der nicht selbst zu diesem Skorpionengeschlecht gehört, verdrießt, länger als er muß, an sie zu denken.

Ich hörte so manchen weisen Mann, wenn er ohne Rückhalt seine Meinungen enthüllte. Ich sah so manchen Gelehrten, wenn ihn gerade der Gedanke des Ruhms nicht anwandelte, und er ganz kunstlos sprach und handelte. Ich entdeckte den Keim mancher litterarischen Fehde, ehe sie noch ausbrach, und ehe sie noch den größern Haufen ärgern und belustigen konte – es wäre mir daher leicht gewesen, meinen Aufsäzzen die Mienen wichtiger Gelahrheit zu geben. Aber ich schmücke mich nicht gern mit fremden Federn, bin nicht stolz genug das Reich der Wissenschaften erweitern zu wollen; und rechne auf Leserinnen fast noch mehr, als auf Leser. Unterhaltung sei daher mein einziger Zweck bei dieser Samlung. Durch kleine Geschichten hoffe ich sie zu bewürken; und das Karakteristische in ihnen sei: daß ich solche Begebenheiten wähle, wo entweder ein falscher Anschein den großen Haufen täuschte; oder wo man fruchtlos den Kopf mit Rathen sich zerbrach, weil man freilich dahin nicht blicken konte, wohin mir zu blicken erlaubt war.

IV. Miß Isabella Freecourt. – Opfer eines väterlichen Aberglaubens.

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Nichts ist verehrungswerther, als Religion, nichts liebenswürdiger als Gottesfurcht. Seegen ist in ihrem Gefolge, alle übrigen Tugenden sind ihre Töchter. Durch sie erhalten sie ihr Dasein, durch sie ihre Stärke. Und doch nur alzuoft verwandelt sich dieser Schmuck der Menschheit in das greulichste Schreckbild. Wo Sanftmuth, Wohlwollen, Dankbarkeit, Milde und algemeine Liebe glänzten, da tritt Stolz, Zanksucht, Neid, Haß und Verfolgungsgeist an ihre Stelle; da erneuert sich das Schauspiel ienes Erzengels, der zunächst an Gottes Klarheit stand, als er sich selbst in die tiefste Hölle stürzte. – Andächtelei und Aberglaube, dies sind die Fallgruben, die so viele verschlingen, und aus denen so selten Erlösung ist! Alle andere Laster führen ihren Stachel bei sich. Unser eignes Gewissen macht uns Vorwürfe deshalb. Schaam und Reue verfolgen uns ihrentwegen, und bewahren uns vielleicht vor neuen Fehltritten. Nur diese heilige Raserei frohlockt, indem sie uns der Menschheit unwerth macht; und wir halten Ausdaurung in ihr für der Tugend höchsten Grad. – Doch wo bin ich? Ich wolte nur erzälen, und greife meinen Lesern mit Betrachtungen vor, die ihnen entweder auch ohne mein Zuthun bald, oder auch mit demselben nie einfallen dürften.

Schon sein funfzigstes Jahr hatte Sir William Freecourt erreicht; und der Neid selbst, – so erfinderisch er sonst zu seyn pflegt – hatte nichts der Rede werth an ihn zu tadeln gefunden. Durch Einsichten in manches Fach der Gelehrsamkeit und der Staatswissenschaft, durch fröliche Laune und ein untadelhaft scheinendes Herz hatte er sich die Hochachtung seiner Bekanten, die Liebe seiner Freunde, und fast die Anbetung derienigen, die von ihm abhingen, zu erwerben gewußt. Er war reich, hatte verschiednemal mit Ehren einen Siz im Parlament bekleidet: und iezt, da er alt zu werden begann, schien er in einem Sohn und einer Tochter wieder aufleben zu wollen. Bei der Geburt dieser Leztern war seine Gemalin gestorben. Noch war er damals nicht vierzig Jahr alt gewesen; dennoch hatte er sich nie zu einer zweiten Heirath entschließen können. Alle seine Sorgfalt war nur auf die Erziehung dieser beiden Kinder gerichtet, die er mit unaussprechlicher Liebe liebte, und die deren auch würdig waren.

Karl, so hieß sein Sohn, hatte mit dem Beifall aller Lehrer, seine Studien vollendet; hatte Wissenschaften gnüglich eingesamlet; hatte ein edles Herz durch manchen kleinen Zug verrathen, und solte nun auch Lebensart und die Bildung der feinern Welt, auf der sogenanten großen Reise, unter der Aufsicht eines verständigen Begleiters, sich erwerben. Isabelle galt mit Recht für eine Zierde des väterlichen Hauses. Eine schönre Blondine ist keines Malers Pinsel, ist selbst dem Pinsel der Angelica nie gelungen. Auch besaß sie ieden Reiz der Seele, ieden, den ihr Geschlecht sowohl als ihr Rang erfoderte; so, daß sie bald alle bewunderten, die sie sahen und alle liebten, die sie sprechen hörten.

Einer iungen Lädi von solchen Verdiensten würde es auf dem kleinsten Dorfe an Bewunderern und Bewerbern aus der Nachbarschaft unmöglich lange gemangelt haben; und noch minder war dieser Fall in dem volkreichen London denkbar. Die Anbeter samleten sich bald in dichten Schaaren um ihre Loge im Theater; um ihren Siz in Konzerten, um die Bank, wo sie auf Spaziergängen ausruhte; und Isabelle war Mädchen genug, um das nicht übel zu nehmen; doch auch sittsam genug, um nicht Liebe allein, sondern auch Ehrfurcht einzuflößen. – Einer von diesen iungen Männern, Sir Eduard Wellgrave, gehörte zu derienigen Art von Freiwerbern, die bei einem Liebesantrag wenig zu fürchten, und viel zu hoffen haben. Seine Person war angenehm, sein Geschlecht gut, und er selbst der Erbe eines ansehnlichen Vermögens. Nur ein paar Jahr älter als der iunge Freecourt, war er eine Zeitlang sein akademischer Genosse gewesen, und war noch iezt sein Freund. Eben durch ihn hatte er Eintritt im Hause von Isabellens Vater gefunden, hatte dem Bruder gestanden, daß ihm die Schwester gefalle; und war von diesem, bevor er seine Reise antrat, mit aufrichtiger Wärme an Sir William sowohl als auch an Isabellen empfohlen worden.

Vielleicht hätte es dieser Empfehlung, zumal bei der leztern, nicht einmal bedurft; Isabellens inres Gefühl unterschied ihn bald von allen seinen Mitbewerbern. Doch verboten ihr Bescheidenheit und Klugheit diesen Vorzug ihm eher einzugestehn, bevor die einzige Person, in deren Händen ihr Schicksaal stand, – bevor Sir William sie dazu berechtige; und auch Sir Eduard, seiner Seits war ein viel zu gehorsamer Sohn, als eher seinen entscheidenden Schritt zu thun, bevor er mit seinem Vater gesprochen, und seiner Einwilligung sich versichert hatte.

Die beiden Alten eröfneten daher die Unterhandlung, und Freecourt hatte nicht das geringste Bedenken dem ältern Wellgraven bei der Werbung für seinen Sohn, die Einwilligung mit der Bedingung zu geben: daß Isabellens Herz kein Nein dagegen spreche; denn daß er nie sie zwingen werde, wiederholte er oft. Noch an eben diesem Abend eröfnete er ihr alles; fügte die einzige Empfehlung hinzu: daß er Eduarden für einen sehr annehmlichen braven iungen Mann halte; und überließ es ihr ganz: ob sie Neigung für ihn fühle, oder nicht?

Isabelle, als sie ihren Vater so sprechen hörte; erröthete, wie die Abendwolke, durch welche die untergehende Sonne sich bricht. Was sie hier sich anempfohlen sah, war so übereinstimmend mit ihren eignen Wünschen, daß es ihr Mühe kostete, eine freudige Bestürzung zu verbergen. Sie antwortete ihm endlich: daß sie in allem seiner Leitung sich überlasse; und so kurz und kalt diese Worte klangen, so zeugte doch die sanfte Unruhe in ihrem ganzen Wesen, und die Freude, die aus ihren Augen stralte, daß diesmal kindliche Pflicht und iungfräuliche Zuneigung in keinem Streit mit einander ständen. Ihr Vater lächelte: Wohlan, sprach er, weil ich entscheiden soll, so betrachte den Sir Eduard Wellgraven, von nun an, als den Mann, den der Himmel und dein Vater dir zum Gemal bestimmen.

Wenn ich anders schöne Leserinnen habe – und diese Hofnung ist zu süß, als sie mir rauben zu lassen, – so werden sie leicht begreifen, welche liebliche Bilder der Zukunft nun Isabellens ganze Seele füllten. – Oft hatte sie vorher gefürchtet – denn was fürchtet Liebe nicht alles! – daß diese Leidenschaft über sie den Meister spielen, sie in ihres Vaters Augen herabwürdigen dürfte. Jezt ermunterte er sie selbst, so viel zu lieben, als sie nur wolle. Ehrerbietig küßte sie daher seine Hand, empfing seinen Seegen, und entfernte sich bald darauf in ihr Zimmer, wahrscheinlich um dort ungescheuter ihrem Entzücken freien Lauf zu lassen. – Ich selbst, denn durch ein Ohngefähr war ich eben zu Tische dort, freute mich über die Verbindung zweier so braven Häuser, und zweier der glücklichen Liebe so werthen Personen.

Sir Eduard, als sein Vater ihm von dem Schritt, den er gethan, und von der Vertröstung, die er erhalten, Nachricht gab, war nicht weniger froh; nur minderte noch ein klein wenig Ungewißheit seine Freude. – »Sie sah freilich nie mit einem merklichen Misfallen auf mich. Ich glaubte einigemal sogar Zuneigung in ihren Augen zu erblicken. Aber ach, wenn ich mich irrte! Wenn sie mich verschmähte!« – So dachte, so sprach er fast die halbe Nacht mit sich selbst. Erst des andern Tags, als er ihr – so früh als es nur schicklich war – aufwartete; als sie auf seine ehrfurchtsvolle Erklärung, auf den innigsten Schwur seiner Zärtlichkeit ihn mit der sitsamsten, doch unbefangensten Miene gestand: daß er – er allein, vermögend sei, sie für die Verlassung Ihres väterlichen Hauses und ihres iezzigen Standes, zu entschädigen, da traute er endlich seinem Glücke; da prieß er sich für den Neidenswürdigsten aller Menschen; da beging er im frohen Rausche seiner Liebe tausend Thorheiten, die alle doch seiner Geliebten – keine Thorheit zu seyn schienen.

Nicht nur Braut und Bräutigam, sondern auch beiderseitige Schwiegerväter wünschten nun eine baldige Verbindung sehnlichst. Ein naher Tag ward zur Hochzeit anberaumt; die Eheverträge wurden pünktlichst, doch ohne Zwist und Unwillen, aufgesetzt. Neue Kleider, neue Wohnung, neue Bediente, neue Karossen, alles was sonst noch Bequemlichkeit, häusliche Einrichtung und geziemender Staat erfordern, wurden aufs eilfertigste bestelt, gemiethet und gekauft. Glückwünsche wurden angenommen, und alle Bekante glaubten nun nächster Tage Miß Isabella Freecourt in Lädi Wellgrave verwandelt zu erblicken, als plözlich am hellsten Mittag ein Sturm sich aufzog, der alles verfinsterte, und bald auch alles verheerte. Jene Aussichten der Freude verwandelten sich in Gram, und schlossen mit Untergang und Verzweiflung. – Glück der Sterblichen, wie eitel bist du! Wie eitel sind die bunten Seifenblasen, die du vor unsern Augen fliegen lässest, und die gewöhnlich zerplazen, wenn wir thöricht genug sind, nach ihnen zu greifen. – Sir William, der bisher der liebreichste, gutwilligste Alte gewesen war, ward plözlich mürrisch; erst stumm, dann auffahrend; aß nicht, trank nicht, seufzte, wo er stand, schien verwechselt und umgestaltet zu seyn. Mit Eifer hatte er bisher die Anstalten zur Hochzeit seiner Tochter betrieben; auf einmal zögerte er nicht nur, sondern trieb alles hinterwärts. Wenn Eduards Vater und sein Advokat zur Besieglung und Unterschrift des Ehekontrakts kamen, ließ er sich verläugnen. Kleidungsstücke, die er so gut schon als behandelt hatte, wurden den Kaufleuten wieder zurückgesendet. Das schon gemiethete Quartier sagte er, mit Verlust wieder auf. An ein neues dachte er nicht.

Ein solches Betragen beleidigte den ältern Wellgrave höchlich, und versezte unsre Liebenden in unbeschreibliche Bestürzung. Obschon Sir Eduard alltäglich ein- auch zweimal seine Braut besuchte, so vermied Freecourt doch so sorgsam seine Gegenwart, daß er nie Gelegenheit fand, ihn über diese geänderte Aufführung zu befragen; und Isabelle war durch die ungewohnte Strenge ihres Vaters, und durch die Unfreundlichkeit seiner Blicke so außer Fassung gesezt, daß sie es nicht wagte, den Mund zu einer Frage zu öfnen. – Eines Nachmittags, als sie in ihrem Sizzimmer schon eine geraume Weile auf den Besuch ihres Geliebten wartete, ließ ihr Vater sie zu sich rufen, und da sie sofort gehorchte, da sie seine Frage: Ob sie iezt auf den Zuspruch von Sir Eduard warte? offenherzig beiahte; so erklärte er ihr: daß diese Hofnung vergeblich sei: denn er sei schon da gewesen, aber auf seinen Befehl abgewiesen worden. – Diese Nachricht befremdete das arme Mädchen gewaltig. Sie fragte: Ob denn ihr Bräutigam durch irgend eine wissentliche oder unwissentliche Schuld seinen Unwillen gereizt habe? Der Alte gestand: Nein! Er gestand: daß kein Vater, und wenn er noch so reich, noch so vornehm wäre, eines solchen Schwiegersohns sich schämen dürfe; aber er hing die Erklärung dran: daß er dennoch über diese Verbindung seinen Entschlus geändert habe! daß es ihm leid thue, zu sehen: daß seine Tochter mit ganzer Seele an ihren bisherigen Bräutigam hänge; und daß es noch mehr ihn kränke, ihr gestehn zu müssen: daß Eduard nie mit seinem Willen ihr Gemahl werden könne.

Die arme Lädi zitterte, wie ein Espenlaub, bei dieser Erklärung. Sie erinnerte ihren Vater mit aller kindlichen Ehrfurcht: daß er ia selbst es sei, der diesen Bräutigam ihr gegeben habe; sie gestand: daß sie ihn innigst liebe, ia ohne ihn kein Glück sich denken könne; sie bat endlich sie wenigstens aus einer Marter, die härter als der Tod sei, aus der Marter der Ungewisheit zu reissen, und ihr den Grund anzugeben, der einen sonst so gütigen Vater iezt ihr Glück zu machen verhindre?

Sir William schwieg ein paar Augenblicke. – Deines Vaters eignes Wohl oder Weh! rief er endlich voll Nachdruck aus. Entsezzen sprach kräftiger, als Worte, aus iedem Zug seines Gesichts. Entsezzen ging auch eben so schnell von ihm auf seine Tochter über! Sie verstand freilich den Sinn