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Studienarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte, Note: 1,3, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Seminar für Wissenschaftliche Politik/ Lehrstuhl Prof. Dr. Riescher), Veranstaltung: Politische Theorie nach dem 11. September 2001, Sprache: Deutsch, Abstract: "United we stand!" war nach den Septemberanschlägen auf das World Trade Center 2001 die in New York City fast allgegenwärtig plakatierte und landesweit proklamierte Reaktion angesichts einer neuen, bisher kaum wahrgenommenen Bedrohung des amerikanischen Gemeinwesens: Terror. Die innenpolitische Reaktion war schnell: Für seine Bekämpfung, den "War on Terror", wurde eigens mit großer überparteilicher Übereinstimmung ein neues Ministerium geschaffen, das "Department of Homeland Security", dessen zahlreiche Unterabteilungen ehemals einzelstaatliche Kompetenzen im Bereich der Innen-und Sicherheitspolitik unter dem Dach einer gemeinsamen Bundesbehörde bündeln, um derart den Kampf gegen den Terror effizienter führen zu können. Der Slogan "United we stand!" wurde zugleich zum Sinnbild und Ausdruck für eine Vielzahl unterschiedlichster Assoziationen und Initiativen; Bürgersinn und Bürgerengagement erlebten in New York City wie im ganzen Land eine Renaissance und für einige Wochen und Monate schien die amerikanische Gesellschaft wieder zur jener "lebensweltlich erfahrbaren Gemeinschaft" zurückgefunden zu haben, welche die Kommunitarier in der Gegenwart vermißten und die als Gegenstand politikwissenschaftlicher Theoriebildung wie zivilgesellschaftlichen Engagements in der jüngeren Vergangenheit eine beachtliche Karriere durchlaufen hatte. Nachdem das Konzept der "Community" als Gegenentwurf zu den liberalen Gesellschaftskonzepten der 1960er Jahre mit der Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte "[..] die letzte große Kontroverse in der politischen Theorie im ausgeklungenen Jahrtausend“ befeuerte, dem US-Wahlkampf Bill Clintons 1992 theoretisches Geschirr für die Wiedergewinnung weiter Wählerschichten der politischen Mitte geliefert hatte, schien mittlerweile eine Phase stiller Re-Akademisierung eingetreten zu sein.
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Veröffentlichungsjahr: 2007
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Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg Seminar für Wissenschaftliche Politik
Hauptseminar III: Politische Theorie nach dem 11. September.
United we were- Der US-Kommunitarismus
nach 9/ 11 in der Diaspora:
Ein Erklärungsversuch mit Michael Walzer.
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David Krumwiede
Magisterstudiengang:
1. HF: N. u. N. Geschichte/ 2. HF: Wissenschaftliche Politik
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1. Einleitung:
"United we stand!" war nach den Septemberanschlägen auf das World Trade Center 2001 die in New York City fast allgegenwärtig plakatierte und landesweit proklamierte Reaktion angesichts einer neuen, bisher kaum wahrgenommenen Bedrohung des amerikanischen Gemeinwesens: Terror.
Die innenpolitische Reaktion war schnell: Für seine Bekämpfung, den "War on Terror", wurde eigens mit großer überparteilicher Übereinstimmung ein neues Ministerium geschaffen, das "Department of Homeland Security", dessen zahlreiche Unterabteilungen ehemals einzelstaatliche Kompetenzen im Bereich der Innen-und Sicherheitspolitik unter dem Dach einer gemeinsamen Bundesbehörde bündeln, um derart den Kampf gegen den Terror effizienter führen zu können.1
Der Slogan "United we stand!" wurde zugleich zum Sinnbild und Ausdruck für eine Vielzahl unterschiedlichster Assoziationen und Initiativen;2Bürgersinn und Bürgerengagement erlebten in New York City wie im ganzen Land eine Renaissance und für einige Wochen und Monate schien die amerikanische Gesellschaft wieder zur jener "lebensweltlich erfahrbaren Gemeinschaft" zurückgefunden zu haben, welche die Kommunitarier in der Gegenwart vermißten und die als Gegenstand politikwissenschaftlicher Theoriebildung wie zivilgesellschaftlichen Engagements in der jüngeren Vergangenheit eine beachtliche Karriere durchlaufen hatte.3
Nachdem das Konzept der "Community" als Gegenentwurf zu den liberalen
Gesellschaftskonzepten der 1960er Jahre mit der Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte "[..] die letzte große Kontroverse in der politischen Theorie im ausgeklungenen Jahrtausend“ befeuerte4, dem US-Wahlkampf Bill Clintons 1992 theoretisches Geschirr für die Wiedergewinnung weiter Wählerschichten der politischen Mitte geliefert hatte,5schien mittlerweile eine Phase stiller Re-Akademisierung eingetreten zu sein.6
1Department of Homeland Security, unter:www.whitehouse.gov./infofocus/homeland/index.html
2Robert D. Putnam,Bowling Together, in: American Prospect, vol. 13, Issue 3, Febr. 11, 2002: "[..] The unspeakable tragedy of September 11 dramatically interrupted that trend [eine Anonymisierung der Gesellschaft] Almost instantly we rediscovered our friends, our neighbors, our public institutions, and our shared fate."; Vgl. dazu:Debora J. Halbert,Citizenship, Pluralism and the Public Space, in: Innnovation, vol. 15, No. 1, 2002.
3Otto Kallscheuer,Kommunitarismus, in:Dieter Nohlen/ Rainer-Olaf Schultze(Hg.), Lexikon der Politik. Politische Theorien. C.H. Beck, München, 1995, S. 257-267.
4Michael Haus,Kommunitarismus. Eine Einführung, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2003. S. 3.; weitere Werke der US-Kommunitarier ua.:Alasdair MacIntyre,After Virtue: A Study in moral Theory, London, Duckworth, 1981;Charles Taylor,Hegel and Modern Society, Cambridge, CUP, 1979;M. Sandel,Liberalism and the Limits of Justice, Cambridge, CUP, 1982.
5Walter Reese-Schäfer,Politische Theorie heute. Neuere Tendenzen und Entwicklungen, S. 30.
6Etzioni hatte 1997 gefordert, daß die Kommunitarier nach einer Phase politischen Engagements in eine Phase der Re-akademisierung eintreten sollten (Vgl.A.Honneth,Kommunitarismus. Eine Debatte über die Grundlagen
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"Recurrence is all", schrieb der amerikanische Politikwissenschaftler Michael Walzer mit Blick auf das Verhältnis von kommunitarischer Kritik zur politischen Realität.7Doch angesichts der dramatischen Entwicklungen seit den Septemberanschlägen von 2001 stellt sich die Frage wie die Kommunitarier auf die politischen Veränderungen, welche einer Gemeinsinn-Orientierung in der Gesellschaft abträglich sein mußten,8reagieren würden. Gemeinsinn und Gemeinschaft, normative Pole kommunitarischer Theorie, waren zweifelsohne in Gefahr legt man den Etzionischen "Community"-Gedanken zugrunde:
"[..] free individuals require a community, which backs them up against encroachment by the state and sustains morality by drawing on the prodding of kin, friends, neighbors, and other community members, rather than building on government controls or fear of authorities."9
Bedingungen und Vorraussetzungen dieser kommunitarischen Ideale in der Gesellschaft erodierten zusehends mit einer staatlichen Anti-Terrorpolitik, die zwar das altrepublikanische "Homeland" beschwor, aber de facto bürgerliche Freiheiten beschnitt und die staatliche Kontrolle des öffentlichen Raumes ausweitete.10
Der Anti-Terror-Kampf zeitigte ironischerweise landesweit neue Bürgerinitiativen gegen einen Ausbau des staatlichen Überwachungsapparates: Als im Oktober 2003 das „Bill of Rights Defense-Commitee“ eine Verlängerung des „Total Awareness Acts" (TIA) durch den US-Kongreß verhinderte, konnte dies zugleich als eine Sternstunde kommunitarischen Engagements für die Gemeinschaft in der Gesellschaft gelten.11
