Der Vermieter - Andrea Sauter - E-Book

Der Vermieter E-Book

Andrea Sauter

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Beschreibung

Jessica Greene führt mit ihrem Ehemann und den zwei gemeinsamen Kindern ein idyllisches Leben in Calgary. Seit einiger Zeit jedoch fühlt sie sich zunehmend frustriert und wird von Albträumen geplagt. Um wieder zu sich selbst zu finden, fährt sie in ein abgelegenes Haus in die Berge. Doch sie kommt nicht zur Ruhe und ihre psychische Verfassung verschlechtert sich von Tag zu Tag. Sie wird von einem alten Mann belästigt und um sie herum geschehen merkwürdige Dinge. Bildet sie sich das womöglich alles nur ein? Ist sie dabei den Verstand zu verlieren? Oder wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt, die sie bisher erfolgreich verdrängt hatte?

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Seitenzahl: 751

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Der Vermieter

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Tag 8

Tag 9

Tag 10

Tag 11

Tag 12

Tag 13

Tag 14

Tag 15

Tag 16

Tag 17

Tag 18

Tag 19

Fünf Monate später

Impressum neobooks

Tag 1

Ein Strahl der späten Abendsonne brach durch die Wolken, als Jessica Greene das letzte Gepäckstück in den Kofferraum warf. Sie konnte es kaum erwarten, ihrem Alltag den Rücken zu kehren.

»Und tschüss!«, rief sie, während sie in den Rückspiegel blickte, ihre Hand zum Abschiedsgruss hob, aufs Gaspedal trat und mit ihrem Range Rover davonbrauste.

Einen Augenblick später waren ihr arbeitssüchtiger Ehemann, ihre pubertierende Tochter und ihr hyperaktiver Sohn, der neben seiner Schwester stand, nur noch drei kleine Pünktchen in der Ferne.

»Ich bin frei!«, schrie Jessica. »Vier Wochen lang!«

Vier Wochen Ruhe, Einsamkeit und Erholung pur, das versprach sich Jessica auf dem Weg in ein abgelegenes Haus in den Bergen.

Zehn Minuten später, als sich ihr schwarzer Range Rover langsam durch den abendlichen Berufsverkehr schob, vermisste sie ihre Familie bereits.

In Wirklichkeit ist mein Mann ja gar kein Workaholic, überlegte sie, vielmehr ein angesehener Arzt, dessen eigene Praxis von mehr Patienten heimgesucht wird als McDonald‘s von Fast-Food-Liebhabern.

Und schliesslich sind die Hormone daran schuld, dass meine reizende fünfzehnjährige Tochter Alice nur noch Klamotten und Make-up im Kopf hat, die Handyrechnung im letzten Monat in den vierstelligen Bereich anschwellen liess und kürzlich, während eines Justin Bieber-Konzerts, mit der Ambulanz in die Notaufnahme gebracht werden musste.

Auch mein wundervoller dreizehnjähriger Sohn mit dem kleinen Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom kann nichts dafür, dass er während der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hatte und deshalb in der Schule nichts auf die Reihe kriegt. Schliesslich konnte er es damals nicht verhindern, dass ich hochschwanger mit meinen High Heels in einem Einkaufszentrum unterwegs war, dabei eine Designerboutique nach der anderen stürmte, mich anschliessend mit meinen hohen Hacken in einer fahrenden Rolltreppenstufe verhedderte, Bauch voran die Treppe hinunterpurzelte, woraufhin die Fruchtblase platzte und der kleine Matthew, nach Komplikationen während der Frühgeburt, mit einer Saugglocke geholt werden musste.

Das eigentliche Problem, überlegte Jessica weiter, während sie sich immer noch durch den zäh fliessenden Verkehr durch Calgary quälte, bin ich selbst. Und zugegebenerweise war ich in letzter Zeit eine totale Zicke und ein heulendes Elend. Wahrscheinlich führen Michael und die Kinder in diesem Moment gerade einen Freudentanz auf, um meine Abreise zu feiern.

Das übliche Verkehrschaos gestaltete sich an diesem Montagabend noch schlimmer als sonst. Ein Sattelschlepper war bei seinem Versuch, in den Hof eines Lagerhauses einzubiegen, stecken geblieben. Als Jessica die geniale Idee hatte eine Abkürzung zu nehmen, geriet sie in einem anderen Wohngebiet in einen erneuten Stau.

Eine halbe Stunde später konnte sie dann endlich aufs Gaspedal treten. Sie rollte auf dem Trans-Canada-Highway westwärts und blieb während der Fahrt auf der Überholspur. Die Wolkenkratzer und Einkaufszentren im Hintergrund zogen rasch an den Fensterscheiben vorbei. Nach etlichen Kilometern liess sie die Grossstadt hinter sich.

Seit ihrem mittelschweren Nervenzusammenbruch und den plötzlich aufgetretenen Albträumen vor einem halben Jahr suchte Jessica regelmässig Dr. Goldsmith auf. Zuerst war ihr dies nicht leicht gefallen und sie hatte befürchtet, den Arzt mit ihren nichtigen Problemen zu sehr zu langweilen. Aber der Psychiater hatte ihr, mit einem Ausdruck ehrlicher Anteilnahme, aufmerksam zugehört. Er versuchte ihr dabei zu helfen, ihren Albträumen auf den Grund zu gehen. »Sobald wir herausfinden, was die Ursache dafür ist«, hatte er zu ihr gesagt, »werden sie aufhören.«

Nach ein paar Sitzungen fand er heraus, dass Jessica von einem Erlebnis aus ihrer Kindheit traumatisiert war. Und inzwischen machte sich jetzt langsam die aus dem Bewusstsein verdrängte Realität bemerkbar und bestand darauf, wahrgenommen zu werden. »Sie haben es vergessen, damit Sie mit der Vergangenheit nicht konfrontiert werden«, hatte er ihr erklärt.

So kam es, dass der Psychiater seine Patientin hypnotisierte. Danach wollte der Arzt ihr nicht mitteilen, was sie ihm erzählt hatte. Er meinte, die Gefahr einer Re-Traumatisierung wäre zu gross. Möglicherweise könnten sie in einer anderen Sitzung wieder daran arbeiten.

Es gab so viele Erlebnisse. Ihre ganze Kindheit war eine einzige Katastrophe gewesen, und daran konnte sie sich sehr wohl erinnern. Sie wusste auch, dass alle Gefühle, die mit ihren Eltern zusammenhingen, tief in ihr arbeiteten. Immer wieder tauchten Erinnerungen auf, an die sie seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht hatte.

Dr. Goldsmith hatte ihr nach der Sitzung väterlich auf die Schulter geklopft und ihr versichert: »Vertrauen Sie mir. Sie werden sich nach einiger Gedächtnisarbeit wieder daran erinnern, Schritt für Schritt. Warum nehmen Sie sich nicht eine Auszeit und fahren zur Klausur in die Berge?«

Tatsächlich war Jessica schon manchmal der Verdacht gekommen, dass ihre Eltern nicht die alleinige Schuld an ihrem verkorksten Leben trugen. Vielleicht gab es da ja tatsächlich noch etwas, das sie verdrängt hatte. Was der Psychiater gesagt hatte, machte Sinn, aber es fiel ihr schwer, die Vorstellung zu akzeptieren, dass ein langer Weg zu ihrem Seelenfrieden führen sollte. Die Idee, sich eine Auszeit zu gönnen, fand Jessica hingegen grossartig. Schliesslich war ihr Nervenkostüm immer noch hauchdünn und eine Auszeit von ihrer Familie würde ihr bestimmt gut tun.

Gleich am nächsten Tag verkündete sie ihrer Familie, sie werde für vier Wochen in den Urlaub fahren. Sie konnte sich gut daran erinnern:

Die ganze Familie sass in der Küche um den Frühstückstisch. Alle hörten auf zu essen und schauten Jessica entgeistert an. Alice war es, die zuerst die Fassung wieder erlangte: »Wer wird für uns kochen?«, fragte sie mit einem besorgten Gesichtsausdruck.

»Und wer hilft uns bei den Hausaufgaben?«, wollte Matthew wissen, während er sich eine Ladung Cornflakes in seinen vorlauten Mund schob.

»In der Praxis haben wir momentan wahnsinnig viel zu tun«, meldete sich schliesslich auch noch der Ehegatte. »Ich wäre schon froh, wenn du uns in dieser strengen Zeit weiterhin aushelfen könntest.«

Jessica sah die Drei perplex an. Spätestens jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Sie war für ihre Kinder und ihren Ehemann nichts weiter als eine Köchin, Lehrerin und Sprechstundenhilfe!

»Wir werden die Sau rauslassen!«, drohte Matthew. Dabei zwickte er seine Schwester, die neben ihm sass, in die Taille.

Alice schüttete sich vor Schreck die ganze Flasche Ahornsirup über ihren Pullover. »Jetzt sieh mal, was du getan hast!«, schrie sie aufgebracht. »Mom! Hilf mir! Was soll ich jetzt anziehen? Ich glaube, ich kann heute nicht in die Schule gehen!« Ohne Vorwarnung schubste Alice ihren Bruder so stark, dass er vom Stuhl kippte und das Tischtuch mit sich riss.

Michael erhob sich, nahm seine Mappe und nickte betreten.

Jessica blickte entsetzt zu ihm auf.

»Tut mir leid, ich muss los. Eine Horde von Patienten erwartet mich.« Er beugte sich hinunter, küsste seine Frau auf die Stirn und verliess fluchtartig das Haus.

Das war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. »Raus!«, schrie Jessica, während sich die Geschwister immer noch auf dem Küchenboden rauften. Mürrisch und mit übertriebener Geste bedeutete sie den Kindern, die Küche zu verlassen. Noch bevor sie die Sauerei auf dem Boden aufputzte, ging sie zum Computer und buchte ihre Reise.

Das war vor zwei Wochen gewesen. Jessica drückte aufs Gaspedal und beschleunigte noch mehr. Bald hatte sie die Ausfahrt zu der Ortschaft Banff erreicht. Der Himmel verfärbte sich zu einem dunklen Purpurrot, als die Sonne hinter den Bäumen versank. Ihr Ziel wäre es gewesen, das Haus in den Bergen vor Anbruch der Dunkelheit zu erreichen, aber die Packerei hatte endlos Zeit gekostet.

Während sie mit gedrosselter Geschwindigkeit an einem Supermarkt vorbeifuhr, überlegte sie kurz, ob sie wirklich nichts vergessen hatte einzupacken: Das Gepäck stapelte sich bis unter die Decke des Kofferraums ihres Range Rovers. Auf dem Rücksitz türmten sich, neben Kisten mit Nahrungsmitteln und Getränken, drei vollgestopfte Reisetaschen.

Eine Ampel sprang gerade auf Rot und verschaffte ihr noch ein wenig Bedenkzeit. Sie nahm einen Schluck Wasser, schraubte die Flasche wieder zu und steckte sie zurück in die Türablage. Ich habe praktisch den gesamten Inhalt meines Kleiderschrankes eingepackt, überlegte sie, ich kann nichts vergessen haben.

Ein wildes Hupen riss sie jäh aus ihren Gedanken. Die Ampel hatte offenbar schon längst wieder auf Grün geschaltet. Jessica nahm den Fuss von der Bremse, murmelte eine Entschuldigung in den Rückspiegel, erschrak wegen ihrer neuen Frisur und fuhr mit kreischenden Reifen über die Kreuzung hinweg. Ihr schwuler Frisör Thierry, den man sich eigentlich nur leisten konnte, wenn man vorher einen Kredit aufnahm, hatte ihr zwei Tage vor der Abreise einen Pagenschnitt verpasst. Nun sah sie aus wie Prinz Eisenherz, fand sie. In Wirklichkeit stand ihr der neue Haarschnitt ausgezeichnet. Er betonte auf bezaubernde Weise ihre grossen haselnussbraunen Augen, die exakt mit ihrer Haarfarbe harmonierten. Die von Natur aus schön geformten Augenbrauen verliehen ihr einen frischen und spannenden Gesichtsausdruck. Jessica war sehr hübsch, auch wenn sie das manchmal nicht wahrhaben wollte.

Glücklicherweise war ihr Ehemann kein plastischer Chirurg, ansonsten wäre ihr Gesicht längst erstarrt vor Botox, ihre Lippen auf Schlauchbootgrösse aufgespritzt und nicht vorhandenes Fett abgesaugt worden. All das hatte sie wirklich nicht nötig. Ihre vierzig Jahre sah man ihr nicht an. Sie wäre auch für Dreissig durchgegangen.

Jessica war jetzt schon länger als eine Stunde unterwegs. Die Broschüre auf dem Beifahrersitz enthielt auch eine Wegbeschreibung für die Fahrt von Banff zu dem Haus, welches sie für einen Monat gemietet hatte. Ein kurzer Blick darauf verriet ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war.

Es war bereits dunkel und der Bow River neben dem Bow Valley Parkway war in einen dunstigen grauen Schleier gehüllt. Die Strassenlaternen brannten, aber noch heller leuchteten die Sterne über dem Gebirge, das sich hinter der Stadt aufbaute. Vor zwei Wochen lag, laut Wetterbericht, in den Bergen noch Schnee. Der war aber schon längst wieder dahingeschmolzen und alles war grün. Jessica wünschte sich sehr, dass es schon bald wieder anfing zu schneien. Sie stellte sich ihren Urlaub in einer verschneiten Winterlandschaft in den Bergen absolut märchenhaft vor.

Sie war sowieso gespannt auf das Haus und hoffte, dass es genauso umwerfend wie auf der Abbildung in der Broschüre aussehen würde: helle und freundliche Räume, ein sauberes modernes Badezimmer und ein gepflegter Garten. Genauso wie sie es sich mit ihrer Familie, in ihrem Heim in Calgary, eingerichtet hatte. Sie verabscheute dunkle Möbelstücke, bunte Tapeten und Perserteppiche. Es hatte etwas mit den Erinnerungen ihrer Kindheit zu tun.

Die Sechszimmerwohnung, in der sie aufgewachsen war, erinnerte an ein Schloss: sündhaft teure Antiquitäten, Gemälde von Rembrandt, wertvolle Teppiche und vergoldete Türklinken zierten die düsteren Räume. Ihre Mutter lebte in dem Wunschdenken, dass Blaues Blut durch ihre Adern floss.

Es gab viele Dinge, bei denen sie ihr nicht nacheifern wollte. Jessica hatte sich immer vorgenommen, alles anders als ihre Mutter zu machen, wenn sie einmal eigene Kinder bekommen würde. Als es dann soweit war, übertrieb sie es allerdings – sie war eine richtige Glucke. Sie half den Kindern die Schuhe zu binden, rannte ihnen mit den Pausenbroten hinterher, wenn die beiden sie wieder einmal vergessen hatten einzupacken, und liess sie im Winter nie ohne Mütze und Handschuhe aus dem Haus gehen. Ihrer Familie zuliebe hatte sie auch das Medizinstudium aufgegeben, während Michael immer weiter die Karriereleiter emporgestiegen war. Ihr Mann führte mittlerweile eine eigene Praxis, in der sie von Zeit zu Zeit in der Funktion als Sprechstundenhilfe aushalf, obwohl sie selber gerne Ärztin geworden wäre. In den vergangenen Jahren hatte sie zu viele eigene Wünsche und Bedürfnisse hinten angestellt. Nun war sie unterwegs in die Einöde Kanadas, um herausfinden, wie es weitergehen sollte.

Als sie aus ihren Gedanken auftauchte und sich wieder aufs Fahren konzentrierte, stellte sie fest, dass sie inzwischen die Berge erreicht hatte. Sie bog bei einem baumbestandenen Abzweiger von der Hauptstrasse ab und kurvte in eine steil ansteigende Strasse hinein, die aus hohen Tannenbäumen bestand und sich den Berg hinaufwand.

Je näher sie ihrem Ziel kam, desto mulmiger wurde ihr zumute. Zwar hatte sie kurz das Aufflackern von Vorfreude verspürt, das sich aber wenig später bereits wieder in Angst und Ungewissheit umwandelte.

Vielleicht lag es auch an der melancholischen Musik, die gerade im Radio lief. Während sie versuchte einen anderen Sender einzustellen, geriet ihr Wagen für kurze Zeit auf die Gegenfahrbahn. Aber das spielte keine Rolle. Sie war ganz alleine auf der steilen Gebirgsstrasse.

Sie schob sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund und machte sich Gedanken, was sie jetzt alles tun konnte, nun da sie endlich viel Zeit für sich haben würde. Vielleicht ein Buch schreiben, Fastenwandern, Kanufahren, Japanisch lernen. Sie wollte sich schon lange ein Hobby zulegen.

Es wurde immer dunkler und sie sah immer weniger. Dabei musste sie an ihre beste Freundin denken, die immer halb blind durch die Gegend fuhr, weil sie keine Brille tragen wollte.

Jessica versuchte sich zu erinnern, wann sie Natalie das letzte Mal gesehen hatte. Es war schon eine ganze Weile her, Wochen, wenn nicht Monate. Seit ihre Freundin mit diesem komischen Typen, mit dem schwer aussprechbaren Namen, zusammen war, trafen sie sich nur noch selten. Aber sie telefonierten mindestens einmal pro Woche miteinander, allerdings nur dann, wenn Jaime nicht anwesend war. Der feurige Spanier, mit dem Pferdeschwanz, war in höchstem Masse eifersüchtig. Er belauschte ihre Telefongespräche und mischte sich ständig ein. Manchmal zog er dann einfach den Stecker heraus.

Plötzlich wurde Jessica durch das grelle Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Autos geblendet, das genau durch die Windschutzscheibe strahlte. Für einen kurzen Moment fuhr sie mit geschlossenen Augen weiter.

Sie öffnete die Augen gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, dass vor ihr ein Dickhornschaf in aller Seelenruhe über die Strasse spazierte. Sie schrie laut auf und die Reifen quietschten, als sie voll auf die Bremse trat. Dass ihr Wagen nur wenige Zentimeter vor dem Abgrund zum Stehen kam, grenzte an ein Wunder.

Mein Gott, dachte Jessica. Ich darf gar nicht daran denken, was diesem armen Schaf alles hätte passieren können. Ich muss unbedingt langsamer fahren. Sie schaltete die Scheinwerfer ein und beleuchtete die dichten Nadelbäume, welche die Strasse säumten. Mittlerweile fuhr sie im Schneckentempo, damit sie jederzeit anhalten konnte, falls wieder ein Tier auftauchte.

Während der weiteren Fahrt war ihr kein einziges Auto mehr entgegengekommen und sie fragte sich langsam, ob sie auf der richtigen Strasse war.

Am Gipfel eines hohen Hügels angelangt, erblickte Jessica das Haus, genau dort, wo es laut Plan auch sein sollte. Mit Bruce Springsteen, der im Autoradio einen Rockklassiker zum Besten gab, fuhr sie mit knirschenden Reifen über den kiesbestreuten Vorplatz.

Sie stellte den Motor ab, der Boss verstummte augenblicklich. Als sie aus dem Wagen stieg, wäre sie um ein Haar auf den Kieselsteinen ausgerutscht.

Jessica trug einen schmalen dunkelblauen Mantel, einen dünnen rosa Pullover, Designerjeans und schwarze Stiefel. Sie sah sich um und inhalierte die frische, kalte Gebirgsluft. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick ins Tal. Es gab keine anderen Häuser, die einem die Sicht versperrten. Hier war man ganz allein.

Einfach traumhaft, dachte Jessica. Genau das, was ich brauche. Friedliche Stille in der Natur, Zeit um ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Sie drehte sich um und bestaunte das einstöckige Holzhaus mit dem Schindeldach. Sie fand, dass es ganz entzückend aussah. Allzu viel erkennen konnte sie zwar nicht. Das Haus war vollkommen dunkel, nur das Licht auf der Veranda brannte. Die Fensterläden im oberen Stockwerk waren geschlossen.

Daneben stand noch ein etwas grösseres Haus, das in der Broschüre nicht abgebildet war. Einen Augenblick lang war Jessica verunsichert. Sie hatte absichtlich ein abgelegenes Haus gemietet, um ihre Ruhe zu haben. Auf Nachbarschaft konnte sie gut verzichten. Da es ebenfalls im Dunklen lag, schüttelte sie den Gedanken an einen unliebsamen Nachbarn schnell wieder ab.

Sie öffnete die hintere Tür des Wagens, nahm eine ihrer Reisetaschen vom Rücksitz und ging über den Kies zum Haus.

Auf seinem Bestätigungsschreiben hatte der Vermieter ihr mitgeteilt, dass er den Hausschlüssel unter dem grossen Blumentopf neben dem Eingang deponieren würde. Das fand sie zwar etwas merkwürdig, hatte ihr aber die Freiheit gegeben, von zu Hause loszufahren, wann immer sie wollte.

Sie ging die Verandastufen hoch, hievte den schweren Topf zur Seite und bückte sich. Sie drehte und wendete ihn. Da war kein Schlüssel. Sie schaute sich nach anderen Blumentöpfen um. Es gab keine.

Was soll das?, fragte sie sich. Sie schaute sich hilflos um. Dann presste sie ihren Zeigefinger auf die Türklingel und zuckte bei dem darauffolgenden ohrenbetäubenden Geschepper gleich zusammen.

Sie horchte sekundenlang an der braunen Haustür, hinter der es still war. Dann drückte sie kurzerhand die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen.

»Das darf doch nicht wahr sein!«, regte sie sich auf.

Sie ging ums Haus herum und warf einen Blick in den Garten hinein. Die verwahrlosten Blumenbeete und die verkümmerten Bäume auf dem laubüberwehten Rasen waren trotz der Dunkelkeit zu sehen. Das soll ein Garten sein?, wunderte sie sich. Sie schaute am Haus hinauf und betrachtete mit grossem Entsetzen die vermoderten Fensterläden, die schief an den dunklen Fenstern baumelten. Die Rückseite des Hauses sah alt und verkommen aus.

Plötzlich hörte sie ein Motorengeräusch. Schnell ging sie zurück. Sie sah ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern langsam näherkommen. Ein hellbrauner Mercedes fuhr dicht neben ihren Range Rover, bremste scharf und kam augenblicklich zum Stehen.

Die Lichter des Wagens erloschen und ein weisshaariger alter Mann kletterte ächzend aus dem Auto. Der Mann kam Jessica mit ausgestreckter Hand entgegen und begrüsste sie mit heiserer, leicht krächziger Stimme. Sein Händedruck war fest und brach ihr beinahe die Knochen. Er schien etwas verwirrt, so dass Jessica ihren Namen zweimal wiederholen musste.

»Mein Name ist Norbert Finch«, stellte sich der alte Mann schliesslich vor. »Ich bin der Vermieter. Tut mir leid, ich hatte gestern keine Zeit mehr gehabt, den Schlüssel unter den Blumentopf zu legen.« Er zog die Augenbrauen, die buschig und dicht über seinen wasserblauen Augen wuchsen, nach oben und fügte hinzu: »Ich hoffe, Sie mussten nicht lange warten.«

»Ich bin gerade erst angekommen«, antwortete Jessica.

Mr. Finch kramte in den Taschen seiner dunkelbraunen Jacke und zog den Hausschlüssel heraus. »Da habe ich ja Glück gehabt«, sagte er keuchend, als er die Eingangstür aufschloss.

Jessica hob ihre Reisetasche vom Boden auf, doch Mr. Finch nahm ihr die Tasche mit festem Griff aus der Hand und sagte: »Herein in die gute Stube!«

Jessica spürte zwar ein Gefühl der Erleichterung, nicht »wie bestellt und nicht abgeholt« ohne Hausschlüssel vor einem Haus in der Einöde zu stehen, wäre jetzt aber lieber alleine gewesen. Auf eine Hausführung hätte sie gerne verzichtet.

Einen Augenblick blieb Jessica unentschlossen auf der Schwelle stehen, bevor sie eintrat und in der absoluten Dunkelheit stand.

Sie tastete mit ihrer rechten Hand die Wand nach dem Lichtschalter ab, aber ausser dass sich ein paar Krümel Verputz lösten, geschah nichts. Der alte Mann schob sich laut atmend neben sie.

Jessica fuhr erschrocken zusammen. Sie fürchtete die Dunkelheit und stand mit wackligen Beinen im Korridor. »Wo ist der Lichtschalter?«, rief sie nervös und machte vorsichtig einen Schritt nach vorne. Der Dielenboden knarrte unter ihren Stiefeln.

Der alte Mann lachte hohl und betätigte den Schalter. Die Lampe in der Diele leuchtete flackernd auf.

Jessica drehte ihren Kopf. Zu ihrer Rechten hing ein grosser breiter Spiegel in einem üppigen Eichenrahmen, in dem sie ihr erschrecktes Gesicht sehen konnte. Zu ihrer Linken befand sich die Garderobe.

»Keine Angst, ich hätte Sie schon aufgefangen, wenn Sie in der Dunkelheit gestürzt wären!« Der Vermieter lachte laut, als ob ein Witz in seinen Worten steckte.

Jessica machte grosse Augen und wich einen Schritt zurück. Das Benehmen des alten Mannes gab ihr etwas zu denken. Während sie sich unsicher umschaute, ging Mr. Finch an ihr vorbei und bog links ab. »Sie wollen bestimmt zuerst in die Küche. Das ist doch das Wichtigste für eine Frau, Sie kochen bestimmt gerne.«

Jessica folgte ihm über den schmalen Flur. Sie kam sich jetzt, auch wenn das Gefühl des Unbehagens noch nicht ganz verflogen war, doch ein bisschen dumm vor.

»Ich bin keine leidenschaftliche Köchin«, antwortete sie, als sie die Küche betrat. Sofort fiel ihr ein eigenartiger Geruch auf. Sie rümpfte die Nase und sah den Vermieter fragend an. Die Küche war auf den ersten Blick nicht direkt schmutzig, aber alles andere als sauber. Das dicke grüne Linoleum, auf dem eine Staubschicht lag, zeigte Trittspuren grosser Füsse, die nass gewesen sein mussten, als sie entstanden waren. Hier wurde offensichtlich schon länger nicht mehr sauber gemacht.

»Ich bin mit selbst gekochtem Essen gross geworden«, verkündete der alte Mann feierlich. »Echte Hausmannskost! Kartoffeln, Speck und Bohnen! Für einen richtigen Mann gibt es nichts Besseres!«

Jessica nickte geistesabwesend. Während der Vermieter weiterredete, machte sie einen der Küchenschränke auf und spähte hinein.

»Ist alles da, was Sie brauchen«, sagte der alte Mann. »Geschirr, Besteck, Pfannen, ja, sogar ein Schnellkochtopf. Alles was das Frauenherz begehrt!«

Sie hatte doch gerade gesagt, dass sie nicht gerne kochen würde. Was sollte sie denn mit einem Schnellkochtopf anfangen? Es gab nur zwei Gerichte, die sie mehr oder weniger gerne kochte: Pasta mit Tomatensauce und Gemüselasagne. Kochen war wahrscheinlich auch ein Kindheitstrauma. Von klein auf stand sie auf Anweisung der Mutter stundenlang in der Küche. Anschliessend musste der Tisch gedeckt werden – in Kniggemanier. Schon als Fünfjährige wusste sie genau darüber Bescheid, welches Besteck für welches Gericht verwendet wurde. Bei jeder Mahlzeit musste sie zudem Tischkärtchen auf dem Tisch platzieren – obwohl nur drei Personen anwesend waren: der Vater, die Mutter und sie selbst. Und der grösste Witz dabei war, dass eh jeder immer am gleichen Platz sass.

»Der Dunstabzug muss repariert werden«, erklärte Mr. Finch und fing an daran zu rütteln. »Ich könnte ihn mir ansehen, wenn Sie wollen.«

»Nein, danke, das ist nicht nötig«, erwiderte Jessica schnell. »Ich kann ja das Fenster aufmachen, während ich koche.«

»Nun ja, das Fenster klemmt ein wenig«, meinte der Vermieter. »Hat sich wahrscheinlich verzogen. Aber das wird sich wieder legen, sobald die Heizungen angelaufen sind.«

Die Enttäuschung dämpfte Jessicas Stimmung. Als sie dann noch einen unappetitlichen Fleck auf dem Küchentisch entdeckte, wurde ihr Gesicht immer finsterer. »Wann ist hier das letzte Mal geputzt worden?«, erkundigte sie sich, während sie demonstrativ auf die dreckige Stelle auf dem braunen Holztisch starrte.

Mr. Finch warf einen Blick darauf und sagte: »Aber das ist doch gar kein Problem! Das kann man doch ganz einfach mit etwas Spucke wegmachen!«

Das ist doch wohl ein Witz?, dachte Jessica.

War es nicht. Der alte Mann war bereits dabei, den Fleck mit seinem Speichel zu entfernen.

Jessica schüttelte sich voller Ekel und Entsetzen.

Mr. Finch grinste breit und verliess die Küche. Jessica trottete mit ausdrucksloser Miene hinterher. Als sie erwähnte, dass es in diesem Haus ganz anders aussehen würde, als in der Broschüre angegeben, stiess sie auf taube Ohren.

Ich bleibe hier eine Zeit lang und versuche mein Leben wieder in Ordnung zu bringen, sagte sie sich. Wahrscheinlich muss ich mir einfach mal bewusst werden, was für ein schönes Leben ich in Wirklichkeit führe.

Das Wohnzimmer war ordentlich, aber geschmacklos eingerichtet. Es gab nicht einen einzigen modernen Gegenstand. Jessica fühlte sich ins neunzehnte Jahrhundert zurückversetzt. Die massiven Möbel waren offensichtlich alle handverarbeitet. Antiquitätensammler hätten ihre Freude daran gehabt. Dunkle Perserteppiche belagerten den Boden. Braune Samtvorhänge und vergilbte Gardinen zierten die Fenster.

Die Einrichtung beschwor unweigerlich Bilder aus ihrem Elternhaus herauf und Jessica bereute es augenblicklich, dieses Haus gemietet zu haben. Am liebsten wäre sie in ihr Auto gestiegen und nach Hause gefahren. Das schreckliche Haus, dieser widerliche alte Mann – sie hatte sich alles ganz anders vorgestellt.

Mr. Finch ging hinüber zum Fenster. »Es ist schon zu dunkel, um etwas zu sehen, aber morgen früh haben Sie einen herrlichen Ausblick. Die Lage dieses Hauses ist ideal, um einmal richtig auszuspannen.«

Jessica blickte starr aus dem grossen Fenster, dabei reflektierte das Gesicht des alten Mannes in der Scheibe. Es ist schon sehr einsam hier oben, dachte Jessica. Aber genau das hatte ich ja gewollt.

»Haben Sie noch mehr Gepäck?« Mr. Finch wartete Jessicas Antwort gar nicht erst ab, sondern liess sie einfach stehen und ging zum Range Rover, um die restlichen Koffer zu holen.

Jessica nutzte die Zeit, während der Vermieter mit Gepäckschleppen beschäftigt war, um sich in den übrigen Räumen im Erdgeschoss umzusehen. Ausser einem Esszimmer fand sie nur noch eine Abstellkammer, die mit allerlei Gerümpel vollgestopft war. Im ganzen Haus roch es muffig. Schmutz lag auf dem Boden und Spinnweben hingen in den Ecken. Auch hier musste seit Wochen nicht mehr sauber gemacht worden sein. Sie beschloss, am nächsten Tag das Haus erst einmal gründlich zu putzen.

Gepolter kündigte die Rückkehr des Vermieters an. Atemlos und schweissgebadet kam er mit der letzten Reisetasche ins Haus gestapft. Mr. Finch wischte sich den Schweiss von der Stirn, dann stand er nur da und starrte Jessica auf beunruhigende Weise an. Plötzlich sagte er: »Hoffentlich funktioniert der alte Heizkessel. Letztes Jahr hatte er den Geist aufgegeben und alle Rohre waren zugefroren.« Den Blick immer noch auf Jessica haftend, fuhr er fort: »Keine Angst, falls die Heizungen wieder streiken sollten, komme ich sofort vorbei und gebe Ihnen warm.« Er lachte hell und fügte hinzu: »Verfroren ist hier noch keiner!«

Jessica wusste nicht recht, ob sie diese unmögliche Bemerkung abstossend oder belustigend finden sollte. Bevor sie etwas sagen konnte, ergriff Mr. Finch wieder das Wort. »Ich habe Ihnen im grossen Schlafzimmer das Bett bezogen. Ich dachte, dort haben Sie am meisten Platz.« Er machte eine kurze Pause. »Das Telefon ist da drinnen«, fügte er hinzu und deutete auf das Wohnzimmer.

»Super«, brachte Jessica schliesslich hervor und rang sich ein Lächeln ab.

»Soll ich Ihnen noch beim Auspacken helfen?«, fragte Mr. Finch.

Jessica schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr das Pagenhaar um die Ohren flog. Jetzt ging seine Hilfsbereitschaft definitiv zu weit. »Nein, vielen Dank«, lehnte sie sein Angebot höflich, aber bestimmt ab.

»Gut«, sagte Mr. Finch. »Wenn etwas ist, rufen Sie mich an. Sie haben ja meine Nummer.«

Nachdem der Vermieter endlich gegangen war, atmete Jessica laut und hörbar auf, und vergewisserte sich, dass die Tür abgesperrt war. Dann machte sie sich daran, das Gepäck in das obere Stockwerk zu schleppen. Von dem kleinen Eingangsbereich aus führte eine knarrende Holztreppe in den oberen Stock hinauf. Dort mündete sie in einen breiten Korridor, der das Haus der Länge nach in zwei Hälften teilte. Hier lagen die beiden Schlafzimmer und dazwischen befand sich ein einziges Badezimmer.

Jessica warf einen kurzen Blick hinein. Ihre Begeisterung hielt sich auch hier in Grenzen. Dann betrat sie das eine Schlafzimmer, dessen Tür offen stand. Hier befand sich ein Einzelbett mit einer hellgrünen Steppdecke darauf und ein grosser Schreibtisch, wo sie gleich ihren Laptop und einen kleinen Laserdrucker platzierte.

Dann öffnete sie die Tür des anderen Schlafzimmers. Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick wie versteinert stehen. Die Wände waren mit grossblumigen Tapeten bedeckt, im hinteren Teil des Zimmers stand ein breites altes Doppelbett, ein Schrank und eine wurmstichige Kommode mit drei Schubladen. Am Fenster hingen burgunderfarbene Vorhänge und weisse Gardinen mit Spitzen.

Hier drinnen wurde sie zwangsläufig an das elterliche Schlafzimmer erinnert. Dort war alles burgunderfarben: die Tapeten, der Teppich, die Bettwäsche, die Zierkissen, dann gab es noch einen Schrank, der war zwar schwarz, hinter zwei Glasfenstern hingen aber zwei kleine Vorhänge in der Farbe Burgunder. Ihre Eltern nannten den Schrank »Napoleon«. Jessica hatte nie herausgefunden weshalb er so hiess. Nur so viel, dass der alte Holzschrank nichts mit Napoleon Bonaparte zu tun hatte. Genauso wenig wie die Betitelung für das Elternschlafzimmer zutraf: »Moulin Rouge«. Was sich in diesem Raum meistens abgespielt hatte, erinnerte eher an die Krankenhausserie Emergency Room. Die vielen Krankheiten der Mutter – die echten und die eingebildeten – bestimmten damals den Alltag von der ganzen Familie. Eines Tages hatte die Mutter sogar beschlossen nicht mehr zu laufen und musste dann mit dem Rollstuhl herumgeschoben werden.

Während sie immer noch die Vorhänge anstarrte, stieg auf einmal eine Erinnerung aus ihren Kindheitstagen auf. Sie war damals sechs Jahre alt und besuchte die erste Klasse:

Als die Schule aus war, ging Jessica schnurstracks nach Hause. Sie hatte einen Schlüssel zur Wohnungstür an einem Band um den Hals hängen, damit sie hereinkonnte, wenn die Mutter im Bett lag und der Vater nicht zu Hause war. Sie schloss auf und trat leise über die Schwelle. Sie streifte die Schuhe von den Füssen und ging auf Zehenspitzen über den Flur. Sie hoffte, dass ihre Mutter schlief oder sie nicht bemerkte, damit sie sich eine Weile ungestört ihren Hausaufgaben widmen konnte.

Die Schlafzimmertür stand weit offen. Als sie um die Ecke spähte, sah sie, wie ihre Mutter aufrecht im Bett sass. Das Gesicht geisterhaft weiss, die blonden toupierten Haare in alle Richtungen abstehend. Die verhärteten Züge der Mutter wurden vom Schein eines Sonnenstrahls, der durch die Fensterscheibe drang, betont. Sie trug ein hellblaues Nachthemd.

Jessica wusste nicht was sie tun sollte. Leise kehrt machen oder ihre Mutter ansprechen? Diese Entscheidung wurde ihr sofort abgenommen.

»Mir ist es schlecht!«, schrie die Mutter aus heiterem Himmel.

Jessica zuckte zusammen und betrat langsam das Schlafzimmer. »Kann ich dir etwas bringen? Vielleicht einen Tee?«, fragte sie schüchtern.

»Nein!«, kreischte die Mutter. »Ein Becken! Schnell!«

»Was für ein Becken?«

»Eines aus dem Badezimmer! Na los!« Dann fing die Mutter an zu würgen.

Jessica machte auf dem Absatz kehrt und spurtete in die Küche, denn sie wusste nicht, welches Becken ihre Mutter gemeint hatte. Dort schnappte sie sich eine leere Schüssel, stolperte zurück ins Schlafzimmer und schaffte es gerade noch, Mutters Mageninhalt, der in hohem Schwall aus ihrem Mund geschossen kam, in der Schüssel aufzufangen. Als sie das Gefühl hatte, dass ihre Mutter jetzt fertig war, zog sie die Schüssel weg. Ihr war selbst schon ganz übel. Aber dann ging es wieder los. Schnell hielt Jessica die schwere Schüssel wieder unter Mutters Kinn. Trotz ihrer Geistesgegenwärtigkeit landete ein Teil davon auf der Bettdecke und auf dem hellblauen Nachthemd. Jessicas Hände fingen an zu zittern. Sie konnte die Schüssel kaum mehr halten.

Schliesslich gab der Magen der Mutter nichts mehr her. Jessica wollte das Zimmer gerade verlassen, da krächzte die Mutter: »Jetzt musst du die Bettwäsche wechseln und mir ein frisches Nachthemd anziehen.«

»Das kann ich nicht«, sagte Jessica.

»Warum nicht?«, fragte die Mutter mit kläglicher Stimme.

»Weil es mir jetzt selber schlecht ist.«

»Das glaube ich dir nicht! Du willst dich nur drücken!«

Jessica hielt immer noch die Schüssel mit dem Erbrochenen in ihren Händen, den Kopf hatte sie dabei zur Seite gedreht, damit sie nicht hineinschauen musste. »Das stimmt nicht. Mir ist es wirklich ganz übel.«

»Du holst jetzt sofort frische Bettwäsche!«, befahl die Mutter. »Marsch!«

Jessica verspürte Brechreiz, während sie diese Erinnerung wegschüttelte. Solche Zwischenfälle gehörten damals zur Tagesordnung. Wenn ihre Mutter infolge ihres Alkohol- und Medikamentenabusus nicht am Erbrechen war, dann hatte sie einen Herzanfall oder einen Blasenkrampf.

Sie legte sich versuchsweise auf die Matratze, um die Härte zu testen. Die Matratze war hart wie ein Brett und total unbequem. Den Blick nach oben gerichtet, sah Jessica, wie sich eine schwarze Spinne langsam an ihrem Faden von der Decke hinabliess.

Mit einem gellenden Aufschrei sprang sie vom Bett auf und musste dann hilflos mitansehen, wie das schwarze Ungeheuer mitten auf dem weissen Kissen landete. Jessicas Herz raste. Sie hatte panische Angst vor Spinnen. Allein schon beim Gedanken an die acht Beine bekam sie eine Gänsehaut.

Es galt, rasch zu handeln. Kurz entschlossen verliess sie das Schlafzimmer, polterte die Treppe herunter, raste in die Küche, suchte in den Schränken über der Spüle nach einem Glas, wurde fündig, rannte mit dem Glas zurück ins Schlafzimmer und hoffte, dass sich die Spinne in der Zwischenzeit nicht irgendwo versteckt hatte.

Dem Himmel sei Dank! Die Spinne hatte sich nicht vom Fleck gerührt.

Jessica holte tief Luft. Schritt für Schritt wagte sie sich vor, unterdrückte ihren Ekel und beugte sich mit dem Glas über die Spinne. Doch dann verliess sie der Mut schon wieder. »Ich schaff das nicht!«, kreischte sie und stürzte wieder aus dem Schlafzimmer.

Im Korridor versuchte sie sich durch schlichte Logik zu überzeugen, dass die Spinne ihr nichts anhaben konnte. Es war ja nur eine Spinne – ohne böse Absichten!

Obwohl, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf, ihr war aufgefallen, dass die Spinne rote, wie kleine Orangenscheiben geformte Flecken auf dem Hinterleib hat. Es könnte sich hierbei durchaus um eine Schwarze Witwe handeln.

Nein! Unmöglich! Ich glaube, ich spinne doch!

Als sie neuen Mut gefasst hatte und ins Schlafzimmer zurückkehrte, war die Spinne verschwunden.

Was mache ich jetzt? Wieder abreisen? Wegen einer Spinne?

Reiss dich zusammen!

Sie ging wieder nach unten und schleppte das restliche Gepäck nach oben. Im Schlafzimmer wuchtete sie ihren Hartschalenkoffer auf das Bett und fing an ihre Sachen auszupacken. Sie räumte ihre Pullover, Jacken und Hosen in den zweitürigen Holzschrank.

Während sie ihre sauber gefalteten Pyjamas, die Unterwäsche und die Socken in die wurmstichige Kommode verstaute, fragte sich Jessica erneut, ob es wohl doch keine gute Idee war, in ein dermassen abgelegenes Haus zu fahren. Es war nicht nur die Spinne, vor der sie sich fürchtete.

Vielleicht hatte sie das mit der Klausur, in die Berge zu fahren, etwas zu wörtlich genommen. Auch mit der Distanz hatte sie es eindeutig übertrieben.

Nachdem sie fast alles verstaut hatte, verliess sie das Schlafzimmer und ging langsam die Treppe hinunter. Als sie die unterste Stufe erreicht hatte, blieb sie abrupt stehen und lauschte angespannt.

Was war das für ein Geräusch?, fragte sie sich. Es hat sich angehört wie das Knarren einer Tür! Unsinn!, beruhigte sie sich selbst. Ich bin doch mutterseelenallein in diesem Haus.

Nun ja, ganz allein war sie ja doch nicht.

Die Spinne war ja noch da. Aber sie hatte beschlossen, sich mit der Spinne irgendwie zu arrangieren. Schliesslich hatte sie keine Wahl.

Jessica stellte eine Kiste mit Lebensmitteln in die Küche, die mit allem Notwendigen beladen war. Der Proviant würde vorerst zwei Wochen lang reichen. Sie machte sich Gedanken über die Fussabdrücke auf dem Linoleum. Waren das die Abdrücke des Vermieters? Sie hatte gar nicht auf seine Schuhe geachtet!

Eine Viertelstunde, nachdem sämtliche mitgebrachten Lebensmittel in den Küchenschränken und im Kühlschrank verstaut waren, hatte sie ein hell loderndes Feuer im Kamin entfacht und sass nun mit hochgelegten Beinen auf der abgenutzten Couch. Sie überlegte krampfhaft, was sie jetzt noch tun konnte. Ihr fiel nichts ein.

Sie erhob sich wieder und ging zu der Glastür, die sich im Wohnzimmer fast über die ganze Wand erstreckte, zog die schweren Vorhänge zurück und drückte ihre Nase an der Scheibe platt. Bestimmt eine wunderschöne Aussicht. Trotzdem war in diesem Haus alles total anders, als es in der Broschüre angegeben war.

Plötzlich kam ihr alles so unwirklich vor und eine entsetzliche Leere breitete sich in ihrem Brustkorb aus. Vor ein paar Stunden hatte sie mit ihren Kindern noch in der gemütlichen Küche in ihrem Haus in Calgary gesessen. Jetzt war sie allein in diesem düsteren Haus und fühlte sich irgendwie verloren. Und was Jessica am meisten verwirrte, war, dass sie es ja ursprünglich kaum erwarten konnte, in dieses abgelegene Haus zu gelangen. Sie fragte sich langsam, ob sie dabei war, verrückt zu werden. Sie hatte Angst, wie ihre Mutter zu werden.

Dann schoss es ihr plötzlich durch den Kopf, dass sie vergessen hatte, zu Hause anzurufen. Sie begab sich blitzartig zum Telefon und griff zum Hörer.

»Sie sind mit dem Anrufbeantworter der Greenes verbunden«, kam es aus der Hörmuschel.

Der Anrufbeantworter? Jessica betrachtete ungläubig das Telefon.

Sie wartete den Pfeifton ab und hinterliess eine Nachricht. Als sie aufgelegt hatte, war ihre Stimmung auf dem absoluten Nullpunkt angelangt. Normalerweise waren ihr Mann und ihre Kinder um diese Uhrzeit daheim. Sie machte sich plötzlich Sorgen, dass ihnen etwas zugestossen sein könnte.

Jessica liess sich in den Ledersessel vor dem Kamin fallen und starrte den ausgestopften Kopf eines Hirsches an, der an der Wand hing. Es sah so aus, als starrte er wütend zurück.

»Tut mir leid«, sagte Jessica, »ich finde es auch schrecklich, Tiere umzubringen und auszustopfen.«

Sie überlegte, ob Mr. Finch diesen Hirsch getötet hatte. Das wollte sie nicht hoffen. Sie liebte Tiere über alles. Niemals könnte sie einem Tier ein Leid zufügen. Aus diesem Grund war sie auch Vegetarierin. Und aus diesem Grund hatte sie auch die grässliche Spinne im Schlafzimmer am Leben gelassen.

Nach einer Weile fühlte sie sich müde und beschloss, früh schlafen zu gehen. Morgen würde sie alles in einem neuen Licht sehen. Schliesslich hatte sie noch viel vor. Sie wollte jetzt tatsächlich ein Buch schreiben, eine Autobiographie sozusagen. Nicht für die Öffentlichkeit, mehr um herauszufinden, was ihr während ihrer Kindheit widerfahren war, an das sie sich nur unter Hypnose erinnern konnte.

Das Badezimmer war sehr eng. Man konnte sich hier drinnen kaum umdrehen. Der Fussboden war rissig und abgetreten. Die Wände und die Decke waren grau statt weiss.

Ausserdem fiel ihr auf, dass sich rund um die olivgrünen Kacheln Schimmel gebildet hatte. Unter dem Fenster war ein wolkenförmiger feuchter Fleck, wo die Farbe Blasen geworfen hatte und sich der Verputz darunter hochwölbte.

Die kleine Badewanne sah auch nicht gerade sauber aus. Sie entdeckte sogar noch einige Schamhaare. Von wem die wohl stammen?, überlegte sie.

Als sie sich vorstellte, dass der schmuddelige Vermieter sich womöglich kurz zuvor in dieser Wanne gesuhlt hatte, verzichtete sie auf ein Bad, putzte sich nur noch schnell die Zähne und schminkte sich notdürftig ab. Dann klebte sie sich frische Nikotinpflaster auf beide Oberarme.

Eine gute Gelegenheit, hatte sie gedacht. Friedliche Stille in der Natur, Zeit um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Zeit um mit dem Rauchen aufzuhören.

Im Schlafzimmer warf sie einen Blick auf ihr Handy und entdeckte eine Nachricht von ihren Liebsten: WIR SIND FROH, DASS DU GUT ANGEKOMMEN BIST. WIR VERMISSEN DICH AUCH. GENIESSE DEINEN LANGEN URLAUB. WIR LIEBEN DICH. MICHAEL, MATTHEW UND ALICE.

Jessica war erleichtert. Noch einen letzten Blick liess sie durch das Zimmer schweifen. »Gute Nacht Spinne. Ich lasse dich in Ruhe, und du mich. Abgemacht?« Dann löschte sie das Licht.

Vom Dach kam ein ständiges Ticken und irgendwo lief Wasser durch ein Abflussrohr. Das nervte Jessica noch mehr als ihr Tinnitus. Sie blieb zunächst liegen, in der Hoffnung, dass ihre Augenlider von selbst herunterklappen würden und sie schliesslich einschlafen konnte. Aber bald musste sie einsehen, dass es keinen Sinn hatte, länger liegen zu bleiben und sie stand wieder auf.

Sie beschloss, die restlichen Sachen auszupacken, bis sie vor Müdigkeit umfallen würde. Es dauerte keine Viertelstunde, bis sie über einer halb ausgepackten Reisetasche zusammenbrach, sich daraufhin zurück ins Bett schleppte und unverzüglich einschlief.

Tag 2

Nach einer nicht sehr erholsamen ersten Nacht, auf der steinharten Matratze, war Jessica dennoch zeitig aufgestanden.

Den ganzen Morgen hatte sie versucht, das Haus einigermassen in Ordnung zu bringen. Sie hatte geputzt wie eine Wahnsinnige. Es hatte sie viel Mühe, Zeit und Nerven gekostet. Aus den Wasserhähnen kam entweder kochend heisses oder eiskaltes Wasser. Sie brauchte fast fünf Minuten, um sich die richtige Temperatur einzustellen.

Der Aufwand hatte sich dennoch gelohnt. Das Haus sah trotz der schäbigen Einrichtung einigermassen wohnlich und sauber aus. Jessica hatte sogar das Geweih des armen Hirsches liebevoll abgestaubt.

Sie bewunderte gerade das Ergebnis ihrer Arbeit, als eine scheppernde Klingel ertönte.

Jessica zuckte zusammen. Wer konnte das sein?, überlegte sie. Nur ihre Familie wusste, wo sie war. Von den Dreien würde keiner unangemeldet hereinschneien und in dieser Gegend kannte sie niemanden. Ausserdem war sie hier in den Ferien und wollte nicht gestört werden.

Und wie sehe ich denn aus? So kann ich doch unmöglich die Tür öffnen! Sie blickte an sich hinab, auf das graue verwaschene T-Shirt, mit einem Aufdruck von Marge Simpson, das ihr fast bis zu den Knien reichte und die ausgeleierte pinkfarbene Trainingshose mit weissen Längsstreifen an der Aussenseite, die von ihren Hüften zu rutschen drohte. Zudem war sie verschwitzt und ungeschminkt.

Es klingelte erneut. Ohne weiter über ihr Aussehen nachzudenken, stolperte sie aus dem Wohnzimmer in Richtung Haustür, um herauszufinden, wer es wagte, ihr mühsam errungenes Hochgefühl zu stören.

Als sie um die Ecke bog, rutschte ihr der kleine Teppich im Flur auf dem frisch polierten Parkett unter den Füssen weg. Jessica schrie auf, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, bevor sie das Gleichgewicht verlor und zur rechten Seite wegkippte. Als sie mit dem Oberschenkel auf dem Boden aufschlug, jagte ein unglaublicher Schmerz durch ihren Körper, der sich dann in die Hüfte bohrte. Einen Moment lang blieb Jessica benommen liegen, bevor sie sich fluchend und mit schmerzverzehrtem Gesicht aufraffte, um die Haustür zu öffnen.

Sie machte grosse Augen. Der Vermieter stand ihr gegenüber und betrachtete sie mit freundlichen, lebhaften Blicken.

Grossartig! Genau das, was sie brauchte! Einen Überraschungsbesuch von diesem alten Mann.

Mr. Finch trug einen eng anliegenden hellblauen Pullover, der ihn noch unförmiger erscheinen liess. Das weisse Haar stand in widerspenstigen Büscheln vom Kopf ab.

»Hätten Sie wohl Lust, mit mir einen Kaffee zu trinken?«, fragte er.

Zu nichts hatte Jessica weniger Lust, doch ehe sie das aussprechen konnte, fuhr er fort: »Ich habe Eierbrote mitgebracht.«

Sie öffnete den Mund, um etwas zu antworten, und schloss ihn wieder. Mr. Finch war bereits über die Schwelle getreten und marschierte direkt in die Küche.

Jessica hinkte hinterher. Ihre Hüfte schmerzte höllisch. Aber sie begriff, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als Mr. Finch einen Kaffee zu machen.

In der Küche schaltete sie die Kaffeemaschine ein und knallte zwei Teller auf den Tisch. Ihr wurde kalt und heiss zugleich. Sie wollte keinen Besuch, sondern sehnte sich nach einer heissen Dusche und nach völliger Ruhe.

Da hätte ich ja auch gleich zu Hause bleiben können, dachte sie. Wenn sie sich dort mit einer Zeitschrift irgendwo hinsetzte, dauerte es keine Minute, bis jemand auftauchte, der etwas von ihr wollte. Der Begriff Ruhe war für sie schon längst zum Fremdwort geworden. Für sie gab es keinen Feierabend und keine Wochenenden mehr.

Der unangemeldete Besuch von Mr. Finch kam ihr höchst ungelegen. Die Königin von England würde jetzt sagen: »I am not amused.«

»Wie ich sehe, haben Sie sich schon eingerichtet«, sagte Mr. Finch, nachdem er sich unaufgefordert gesetzt hatte.

»Ja«, erwiderte Jessica knapp und liess lieblos ein paar Servietten auf den Küchentisch flattern.

Die Kaffeemaschine verursachte einen ohrenbetäubenden Lärm, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Jessica wartete stumm bis der Kaffee durchgelaufen war, während der alte Mann etwas zu ihr rüber schrie.

Als das nervige Gerät schliesslich abstellte, füllte Jessica die beiden Tassen mit geschäumter Milch auf und stellte sie auf den Tisch.

Mr. Finch trank einen Schluck Kaffee und gab zwei Zuckerwürfel in die Tasse, die er schnell umrührte. Dabei schnalzte er mit der Zunge und auf seinen Wangen brannten rote Flecken.

Mit zittrigen Fingern wickelte er die Eierbrote aus der Folie und legte je eines davon auf die beiden Teller. »Na dann«, sagte er. »Guten Appetit!«

Jessica nickte und setzte sich. Sie beugte sich vor und starrte auf den Teller. Das belegte Brot mit Ei sah ekelerregend aus. Trotzdem hatte sie das Gefühl, aus Höflichkeit, davon kosten zu müssen. Doch ein Biss in das Sandwich bestätigte, dass die Eier nicht mehr ganz frisch waren. Sie spuckte alles auf den Teller. Auf eine Salmonellenvergiftung konnte sie gut und gerne verzichten.

»Schmeckt es Ihnen nicht?«, fragte Mr. Finch, während er sein Sandwich mit beiden Händen vor den Mund hielt, dann herzhaft hineinbiss und auf vollen Backen kaute.

Jessica machte ein angewidertes Gesicht. »Ich bin nicht hungrig«, log sie. Natürlich war sie das. Sie hatte sogar einen Bärenhunger. Fünf Stunden lang putzen, das macht hungrig. Putzen, damit man in diesem schäbigen Haus überhaupt einigermassen wohnen kann. Und weshalb habe ich diese Bruchbude gemietet? Damit ich meine Ruhe habe!

»Sie machen doch nicht etwa eine Diät?«, erkundigte sich Mr. Finch.

»Nein, ich mache keine Diät.«

»Das haben Sie auch nicht nötig.«

Sie aber schon, dachte Jessica. Sein Herz war bestimmt verfettet und träge. Es bestand Hoffnung, dass das geplagte Herz stehen blieb.

»So, nun erzählen Sie mal junge Frau. Was hat Sie dazu veranlasst, so ganz alleine in die Berge zu verreisen?«

Jessica beobachtete, wie er den rechten Mundwinkel, an dem ein kleines Stück Eidotter klebte, zu einem flirtenden Lächeln hochzog. Sie rückte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Mit gezwungenem Lächeln antwortete sie schliesslich: »Ich bin hier, um ein Buch zu schreiben.«

Mr. Finch gewann Interesse. Er knetete seine Hände, so dass die Gelenke knackten. »Und worüber schreiben Sie?«

Jessica zögerte mit ihrer Antwort. »Ich schreibe über ...«, natürlich wollte sie dem alten Mann nichts über die geplante Autobiographie verraten, »ich schreibe über Alaska. Und über Eisbären.«

»Aha«, sagte er. »Sie reisen wohl gerne?«

»Ja.«

»Ich reise auch gerne, bin schon viel unterwegs gewesen, hab schon fast die ganze Welt gesehen.« Mr. Finch war nicht mehr zu bremsen. Frankreich, Italien, ja ganz Europa hatte er gesehen. In China erwischte ihn die Vogelgrippe und er musste in Quarantäne. In Russland wurde er verhaftet – grundlos. In Rio de Janeiro habe er ein Brazilian Waxing über sich ergehen lassen und in den Everglades sei er beim Nacktbaden von einem Krokodil angegriffen worden. Dazwischen erzählte er noch, dass seine Frau an Unterleibskrebs gestorben sei.

Jessica hatte plötzlich das Bedürfnis, sich die Ohren abzuschneiden, um sich diesen Schwachsinn, den Mr. Finch von sich gab, nicht mehr anhören zu müssen.

Jetzt war er bei den Krankheiten angelangt – Schwerpunkt Darm. Er fing mit seinem Reizdarm an, es ging weiter mit Blähungen, unzähligen Anekdoten über Montezumas Rache und beim Thema Hämorrhoiden war er gar nicht mehr zu stoppen. Er erklärte, dass starkes Pressen bei Verstopfungen dazu geführt hätte. »Der Juckreiz ist manchmal unerträglich«, fuhr er fort. »Aber ich schwöre auf Analtampons mit Kamille und Kastanienextrakt.«

Jessica lächelte gequält.

Der Gestank von faulen Eiern hing immer noch in der Luft.

Angewidert betrachtete sie ihr angebissenes Eierbrot, das vor ihr auf dem Teller lag. Sie konnte nicht verstehen, dass sie noch kurz zuvor solchen Hunger gehabt hatte. Jetzt krampfte sich ihr Magen allein bei dem Gedanken an Essen zusammen.

Als Jessica glaubte, dass er mit dem Darm endlich durch war, folgte der Darmprolaps. All dies begann sie zu ermüden. Ihr war danach, sich hinzulegen, doch sie getraute sich nicht, den Vermieter hinauszuwerfen. Aber gegen das ständige Gähnen war sie machtlos. Manchmal renkte sie sich fast den Kiefer aus und unterdrückte auch die ächzenden Geräusche nicht, die sie dabei erzeugte.

Endlich wechselte Mr. Finch das Thema. »Ja, als Diabetiker hat man es nicht einfach, man muss ständig schauen, was man isst. Und die Füsse machen mir auch zu schaffen.«

Jessica griff nach einer Papierserviette, begann sie zu drehen, zu falten und baute ein Schiffchen.

»Das Alter bringt eben allerlei Leiden mit sich«, schloss er, nachdem er mehr oder weniger den ganzen Pschyrembel aufgezählt hatte.

Jessica nickte und sah Mr. Finch mit einem langen Blick an. Sie schätzte ihn auf Ende neunzig, vielleicht älter. Aber das war wohl kaum möglich.

»So, jetzt habe ich genug gejammert«, sagte er. »Haben Sie eigentlich gut geschlafen letzte Nacht?«

»Ja, eigentlich schon«, antwortete Jessica gelangweilt.

»Hatten Sie genug warm?«

»Sicher.«

»Das glaube ich Ihnen gerne. Schliesslich haben Sie die allerbeste Decke. Ich sage immer: lieber Gänsedaunen statt Gänsehaut.«

»Gänsedaunen?«, fragte Jessica. Sie benutzte aus Tierliebe nur synthetische Bettwäsche. »Aber hoffentlich wurden die Gänse nicht lebend gerupft!«

»Doch, ich besass früher Gänse. Ich habe sie gerupft und gestopft.« Mr. Finch lachte hell auf. Dieses Lachen kam überraschend und war überhaupt nicht angebracht.

Jessica starrte Mr. Finch wütend an, verkniff sich aber eine Diskussion über das Thema. Sie konnte seine Gegenwart keine Sekunde mehr ertragen. Hätte sie ihm doch bloss die Tür nicht aufgemacht! Schliesslich warf sie einen Blick auf die Armbanduhr und tat sehr überrascht. Sie erklärte ihm, dass sie einen dringenden Termin in der Stadt hätte und ihr deswegen leider keine Zeit mehr für eine weitere Tasse Kaffee bliebe.

Mr. Finchs Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Da kann man nichts machen«, sagte er und erhob sich. »Dann gehe ich noch schnell ins Atelier. Ich wollte sowieso ein Bild fertig malen.«

»Ja, tun Sie das«, sagte Jessica und strebte bereits in Richtung Haustür. Ihre Hüfte tat immer noch weh, aber sie liess sich nichts anmerken. Bestimmt hatte Mr. Finch ein künstliches Hüftgelenk, und sie wollte ihn nicht dazu ermutigen, über weitere Gebrechen zu berichten.

»Haben Sie noch kurz Zeit, sich das Atelier anzusehen?«, fragte Mr. Finch.

»Nein, wirklich nicht«, antwortete Jessica schnell, wie aus der Pistole geschossen.

»Das Atelier ist gleich um die Ecke«, beharrte Mr. Finch. »In fünf Minuten lasse ich Sie gehen.«

»Wie, um die Ecke?«

»Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«

»Nein.«

»Also gut, dann ein anderes Mal.« Mr. Finch zögerte einen Augenblick, dann ging er.

Nachdem Jessica ganz langsam die Tür geschlossen hatte, um nicht den Eindruck zu erwecken, als würde sie diese hinter ihm zuschlagen, eilte sie zum Fenster und spähte durch die Gardinen. Sie sah, wie Mr. Finch in dem Haus, das in der Broschüre nicht abgebildet war, verschwand. Sein Mercedes stand immer noch vor dem Haus.

»Nein! Nein! Nein!«, schrie Jessica. »Das darf nicht wahr sein!« Das Haus nebenan gehörte Mr. Finch und offensichtlich wohnte er auch dort.

Draussen begann es langsam zu dämmern und am Horizont hing bereits eine schmale Mondsichel. Jessica war den ganzen Nachmittag im Haus geblieben, hatte weder geduscht, noch sonst irgendetwas zustande gebracht.

Die meiste Zeit war sie damit beschäftigt, durch die Gardinen zu spähen und das Haus von Mr. Finch zu beobachten, in der Hoffnung, dass er verschwinden würde.

Ein Atelier?, ging es Jessica plötzlich durch den Kopf. Er malt Bilder? Vielleicht ist Mr. Finch ein wahrer Künstler, gar ein Genie!

Sie verstand plötzlich nicht mehr, weshalb sie sich überhaupt so aufregte. Mr. Finch war doch nur ein einsamer alter Mann. Was musste er von ihr denken? Schliesslich hatte er es doch nur gut gemeint. Es war doch wirklich nett von ihm, mit den Eierbroten bei ihr vorbeizuschauen. Ausserdem hatte er ihr gestern Abend das gesamte Gepäck ins Haus geschleppt. Und das trotz Diabetes und Darmverschluss.

Zur Abwechslung blickte Jessica wieder einmal zum Fenster hinaus, zuckte aber gleich zurück, als Mr. Finch ihr heftig zuwinkte.

Sie wandte sich vom Fenster ab und zog den Vorhang zu. Einen Moment später beobachtete sie, wie der Mercedes die Auffahrt hinunterbrauste.

Jessica atmete auf. Er wohnt gar nicht da! Bestimmt hat er hier oben nur sein Atelier! Vielleicht würde sie seine Einladung doch annehmen, um seine Bilder zu begutachten.

Endlich hatte sie die Kraft, sich in die obere Etage zu begeben und im Arbeitszimmer den Computer einzuschalten.

Jessica setzte sich an den Schreibtisch. Die alte Ahornholzplatte war vergilbt und mit dunklen Ringen von Kaffeetassen und sonstigen Getränken übersät. Sie lehnte sich in dem quietschenden Bürostuhl zurück und verschränkte die Hände im Nacken.

Womit sollte sie anfangen? Sie hatte nicht die leiseste Ahnung.

Nachdem der Bildschirmschoner schon zum dritten Mal das weisse Fenster mit einem Familienfoto überdeckte, fing sie endlich an zu schreiben:

ICH WURDE AM 29. FEBRUAR 1972 IN ZÜRICH GEBOREN. Sie hielt inne. Sollte sie ihre wahre Identität überhaupt preisgeben? Ja, sagte sie sich, das gehörte schliesslich zu ihrer Vergangenheitsbewältigung dazu. Sie musste sich mit der Person auseinandersetzen, die sie einmal war. Sie musste über Jasmin Müller schreiben:

AM 29. FEBRUAR ERLEBTEN MEINE ELTERN EINE HERBE ENTTÄUSCHUNG. EIN MÄDCHEN WURDE GEBOREN – ICH. SIE HATTEN SICH EINEN JUNGEN GEWÜNSCHT. DAMALS GAB ES EBEN NOCH KEINEN ULTRASCHALL.

Gab es das damals wirklich noch nicht?, überlegte sie. Keine Ahnung. Das muss ich dann wohl noch recherchieren. Aber eines wusste sie mit Sicherheit. Ihr Vater hatte sich einen Stammhalter gewünscht. Ein Mädchen ging bei ihm gar nicht. Und die Mutter wollte auch nicht so eine blöde Tochter. Warum eigentlich nicht?

Sie schrieb weiter:

ZUERST HIELT MAN MICH FÜR TOT. ABER DANN REAGIERTE ICH AUF EINEN KRÄFTIGEN SCHLAG AUF DEN ALLERWERTESTEN UND ATMETE UND SCHRIE WIE AM SPIESS.

Nun ja, so zumindest hatte ihre Mutter es ihr geschildert. Das konnte ja kein guter Start ins Leben sein, überlegte sie. Aber daher rührt mein Trauma wohl kaum. Später wurde sie zwar auch öfters mal geschlagen – mit einem Teppichklopfer. Aber das war nicht die schlimmste Erinnerung.

Jessica dachte an ihre erste Geburt zurück. Alice war ein wunderhübsches Baby: schwarze Haare, blaue Augen, genau wie ihr Vater. Wie hätte man dieses süsse Mädchen ablehnen können?

Alice war auch heute noch sehr hübsch. Und trotz der Tatsache, dass sie gertenschlank und so hübsch wie ein Fotomodell war, bildete Alice sich nicht viel auf ihr Aussehen ein. Sie fand sich selbst zu dünn, ihre Ohren zu gross und ihre Zehen zu lang.

Matthew, der zwei Jahre später das Licht der Welt erblickt hatte, war genauso niedlich gewesen, ähnelte mit seinen grossen braunen Augen eher seiner Mutter. Sie liebte beide Kinder gleichermassen. Jetzt verstand sie auch plötzlich nicht mehr, weshalb sie diesen Urlaub gebucht hatte. Und weshalb sie ihre Familie beinahe fluchtartig verlassen hatte. Aber nach jenem Vorfall am Frühstückstisch, vor zwei Wochen, hatte sie sich so elend und jämmerlich gefühlt, wie schon lange nicht mehr. Drei Tage lang lief sie so herum, dass Michael und die Kinder sich fast fürchteten, sie anzusehen.

Jessica sass mehrere Minuten reglos vor dem Bildschirm und dachte, mit einer Mischung aus Depression und Schuldgefühlen, über die letzten Wochen nach. Sie erinnerte sich dabei an einen weit zurückliegenden Abend:

Jessica stand in ihrer grossen, modernen Küche und schälte lustlos eine Kartoffel, als Matthew hereinkam.

»Mom«, begann er zögernd.

Jessica drehte sich wütend nach ihm um. »Was willst du? Kann ich denn nie allein sein? Kann keiner von euch ...« Sie verstummte hilflos.

Matthew blieb stehen und sah seine Mutter bekümmert, aber unerschrocken an. Jessica drehte ihm den Rücken zu und wartete trotzig darauf, dass er ging.

»Kannst du nicht versuchen, wieder etwas fröhlicher zu werden?«, fragte Matthew schliesslich. »Wir sind doch eigentlich alle ganz nett. Magst du uns nicht mehr?«

»Das ist es nicht.« Jessica legte den Kartoffelschäler auf die Küchenablage und starrte aus dem Fenster.

»Nein? Was ist es dann?« Matthew liess nicht locker. Seine Hand berührte schüchtern ihren Arm. Jessica zog ihn zurück, als sei er aussätzig.

»Ich dachte«, fuhr Matthew fort, »wir alle denken, du seist böse auf uns. Aber wir wissen nicht warum, ehrlich.«

Jessica zuckte die Achseln. Sie konnte es nicht erklären. »Es ist wegen mir«, murmelte sie. »Ich bin unmöglich.«

Matthew trat einen Schritt zurück und musterte seine Mutter. »Du meinst, nicht wir sind es, die du nicht magst, sondern du selbst?«

»Ja, ganz recht. Ich mag mich nicht. Ich habe einen Dachschaden.«

»Da kann ich dir auch nicht helfen«, sagte Matthew, schnappte sich eine Tüte Chips, die auf dem Tisch lag, und verliess die Küche mit schlurfenden Schritten.

Ihre Augenlider fingen an zu zucken, als sie in die Gegenwart zurückkehrte. »Ja, ja, wen kümmert es denn schon, wie ich mich fühle.«

Jessica erhob sich, ging hinunter in die Küche, holte eine Tüte eiskalte Milch aus dem Kühlschrank und begab sich damit wieder nach oben. Nachdem sie sich wieder an den Schreibtisch gesetzt hatte, wanderten ihre Gedanken zum gestrigen Tag, kurz vor ihrer Abreise. Sie hatte sich betont fröhlich und unbekümmert gegeben und den ganzen Tag gesungen und vor sich hingepfiffen. Ihr Mann und die Kinder waren ganz verwirrt und wussten nicht mehr, was sie von Jessica halten sollen. Erst war sie nur unfreundlich und empfindlich gewesen, dann bösartig, dann theatralisch. Und dann diese plötzliche Fröhlichkeit, die so aufgesetzt wirkte, dass Alice erschrak. Nur Matthew wunderte sich nicht. Er nahm die Dinge stets, wie sie waren. Er kümmerte sich nicht, ob sie sich seit gestern verändert hatten. Er konnte sich sowieso nur schwer an gestern erinnern.

Jessica schrak aus ihren Gedanken auf, als das Telefon klingelte. Sie polterte die Holztreppe hinunter, in das grosse Wohnzimmer mit den wuchtigen Möbeln, und riss den Hörer von der Gabel. »Hallo«, keuchte sie.

«Wer ist da?«, fragte sie, als keine Antwort kam. Während sie lauschte, schaute sie fragend zu dem Hirschkopf hinauf. Der Hirsch sagte auch nichts. In der offenen Leitung waren keinerlei Geräusche zu vernehmen. Kein lautes Atmen oder Keuchen, wie das bei den meisten anonymen Anrufen so üblich war. Es kam ihr so vor, als wäre die Person am anderen Ende tot. Oder war die Leitung tot?

Nein, ziemlich sicher handelte es sich um einen Witzbold, deshalb schwieg sie ebenfalls. Selber schuld, dachte sie, das Gespräch, oder besser gesagt das lange Schweigen, geht ja nicht zu Lasten meiner Telefonrechnung.

Während sie immer noch am Telefon horchte, erinnerte sie ihre schmerzende Hüfte wieder an den unliebsamen Besuch am Morgen, und daran, was sie an diesem sonnigen Tag alles hätte tun können.

Nach einer Minute wurde es ihr langsam unheimlich. Ihr fiel ein, dass sie diese Telefonnummer, ausser ihrer Familie, niemandem gegeben hatte.

War es wirklich nur Zufall, dass jemand irgendeine Nummer eingetippt hatte und ausgerechnet bei ihr gelandet war? Schnell warf sie den Hörer auf die Gabel.

Sie wartete noch eine Weile, doch das Telefon blieb stumm. Trotzdem hatte sie jetzt ein eigenartiges Gefühl. Sie griff sich den Feuerhaken, der neben dem Kamin in seinem Messinggestell hing, und marschierte kriegerisch durch das Haus. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, schaltete überall das Licht ein und bald leuchtete das Haus aus allen Fenstern.

Danach tat ihre Hüfte noch mehr weh. Sie humpelte in die Küche zum Kühlschrank hinüber, wo sie eine Tüte gefrorene Erbsen aus dem Tiefkühlfach nahm. Das tiefgefrorene Gemüse eignete sich hervorragend zum Kühlen ihrer Prellung. Ächzend stützte sie sich auf den Küchentisch, während sie ihr Hausmittel auf die schmerzende Stelle auf ihrer Hüfte drückte. Schwer zu sagen, ob die Kälte den Schmerz linderte oder alles noch viel schlimmer machte. Auf jeden Fall half sie gegen die Schwellung.

Nach einer Weile löschte sie das Licht in der unteren Etage und ging wieder nach oben. Sie hatte sich bestimmt wieder einmal in etwas hineingesteigert.

Ein anonymer Anruf und schon drehte sie durch. Was würde passieren, wenn sie wieder einen Nervenzusammenbruch bekam? Gummizelle oder eine weitere Psychotherapie?

Im Arbeitszimmer angekommen, schaltete sie den Computer aus. Jetzt hatte sie keine Lust mehr zu schreiben. Was hatte sie denn schon geschafft? Nichts.

Und an ihre Geburt konnte sie sich ja in Wirklichkeit gar nicht erinnern. Sie beschloss, am morgigen Tag ein spannenderes Kapitel aus ihrem Leben aufzuschlagen und ging früh ins Bett.

Tag 3

Als Jessica am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie ein gutes Gefühl. Vielleicht war das ein Zeichen, dass es von nun an aufwärts ging.

Heute lasse ich mir den Tag von nichts und niemandem verderben, versprach sie sich, als sie im Wohnzimmer die Gardinen zurückzog und durch die Glastür hinaussah. Die Aussicht war atemberaubend. Am wolkenlosen Himmel stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die grünen Nadelbäume, die den steilen Abhang bis zum Fuss des Berges bedeckten. Jetzt musste sie ganz genau überlegen, was sie tun konnte, um ihrer Familie zu beweisen, dass sie nicht mehr die alte Jessica war, die sich selbst bemitleidete und so furchtbar empfindlich war. In vier Wochen wollte sie sich ihnen als die neue Jessica präsentieren.

Sie beschloss, in die Stadt zu fahren und sich mit einem Notizheft in ein nettes Café zu setzen. Vielleicht würde ihr dort etwas zu ihrer Vergangenheit einfallen. Auf gar keinen Fall wollte sie wieder den ganzen Tag am Fenster vergeuden, um das Haus von Mr. Finch zu beobachten. Nachdem sie geduscht hatte, zog sie sich rasch an, schnappte sich die Handtasche und die Autoschlüssel und verliess das Haus.

Doch dann traute sie ihren Augen nicht.

Der hellbraune Mercedes von Mr. Finch parkte direkt vor ihrem Wagen, so dass sie an ihm vorbeigehen musste, um in ihr Auto zu steigen.

Sie kniff die Augen zusammen und versuchte auszumachen, ob der alte Mann im Wagen sass. Wahrscheinlich war jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich ernsthaft mit der Anschaffung einer Brille auseinanderzusetzen, dachte sie, denn sie konnte nicht wirklich viel erkennen.

Jessica wollte gerade weitergehen, da registrierte sie einen dunklen Schatten an ihrer Seite und zuckte zusammen. Reglos blieb sie stehen. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass der alte Mann direkt neben ihr stand.

Aber Mr. Finch schien hocherfreut, sie zu sehen. »Wollen Sie ein bisschen frische Luft schnappen, Mrs. Greene?«, fragte er. Der dunkelbraune Anzug, den er trug, sah speckig aus. Die obersten beiden Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet, und Jessica konnte das vergilbte Unterhemd sehen. Er strich mit der Zunge über die Innenseite seiner Unterlippe und sah Jessica erwartungsvoll an.

Doch statt einer Antwort murmelte Jessica eine Entschuldigung, lief zurück ins Haus und verriegelte die Tür.

Mr. Finch schaute ihr verdutzt nach.