Der viereckige Smaragd - Edgar Wallace - E-Book
Beschreibung

Anthony Duze, Lady Raythams Diener, wurde aus nächster Nähe erschossen – von einem Unbekannten –. In seiner linken Hand befindet sich einen großer, viereckiger Smaragd. Kein unbekannter Stein für Inspecktor Coldwell und seine Assistentin Leslie Maughan: Er gehörte Lady Raytham. Zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur gehört dieses Meisterwerk eines Ausnahmekünstlers mit anhaltendem und vielfältigem Einfluss auf den lesenden Menschen und die Literaturgeschichte – bis heute. Spannend und unterhaltend, vielschichtig und tiefgründig, informativ und faszinierend sind die E-Books großer Schriftsteller, Philosophen und Autoren der einzigartigen Reihe "Weltliteratur erleben!".

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Edgar Wallace

Der viereckige Smaragd

THE SQUARE EMERALD

Kriminalroman

Aus dem Englischen übertragen von Ravi Ravendro

1

An einem traurigen Februarnachmittag zog Lady Raytham die langen Samtvorhänge zur Seite und schaute auf Berkeley Square hinunter. Die Turmuhr schlug halb fünf. Es regnete und schneite durcheinander, und ein leichter, gelber Nebel verstärkte noch den düsteren Eindruck des sinkenden Tages. Eine ununterbrochene Reihe von Autos bog nach Berkeley Street ein, die glatten, schwarzen Dächer spiegelten den Schein der Straßenbeleuchtung wider, die eben aufflammte.

Lady Raythams geistesabwesende Blicke streiften über die trostlos und verlassen daliegenden Gärten, in denen kahle Bäume ihre Äste traurig gen Himmel reckten und entlaubte Sträucher sich unruhig im Winde hin und her bewegten. Sie starrte hinab, als ob sie fürchtete, der gespenstische Nebel könne bestimmte Gestalt und Form annehmen und gleichsam die Schatten verkörpern, die das Leben bedrohen.

Sie war achtundzwanzig Jahre alt, schlank und hochgewachsen und besaß jene klassische Schönheit, die den Alterserscheinungen lange Zeit trotzt. Ihr Gesicht faszinierte durch seine Ruhe und Herbheit, ihre Augen zeigten das kalte Grau, das man so häufig in England findet. Man hätte sie sich im Mittelalter als die Äbtissin eines mächtigen Klosters vorstellen können oder als die Herrin einer großen Besitzung, die während der Abwesenheit ihres Gatten entschlossen die starke Burg gegen jeden Feind verteidigt. Wenn man ihre Züge einzeln betrachtete, sprachen ihre Augenbrauen und ihr Kinn von unbeugsamer Energie.

Aber im Augenblick schien sie nicht sehr willensstark zu sein, es war im Gegenteil eine gewisse Unsicherheit und Gereiztheit über sie gekommen – Zustände, die sie am meisten scheute und fürchtete.

Sie ließ die Vorhänge wieder zurückfallen, bis sie sich überdeckten, ging zu dem Kamin hinüber und schaute auf die kleine Uhr. Der Salon war nur halb erleuchtet, der Kronleuchter war dunkel, aber die große Tischlampe in der Nähe der Couch glühte hell unter einem roten Schirm. Der luxuriös ausgestattete Raum war mit viel Geschmack eingerichtet.

Als sie vor den Kamin trat und in die Flammen schaute, klopfte es leise an die Tür, gleich darauf trat der Hausmeister ein. Er sah groß und stattlich aus, hatte ein Doppelkinn und ein glattes, faltenloses Gesicht. In der Hand hielt er eine kleine Schale, auf der zusammengefaltet ein längliches, braungelbes Papier lag.

Lady Raytham riß den Umschlag auf und überflog schnell den Inhalt. Das Telegramm, das sie schon den ganzen Nachmittag erwartet hatte, kam aus Konstantinopel und war von ihrem Gatten. Lord Raytham hatte seine Pläne geändert. Er war auf dem Weg nach Basra und wollte von dort nach Bushire, um Ölquellen, an denen das internationale Kapital interessiert war, zu besichtigen. Wenn er sie nicht selbst genauer inspizieren konnte, wollte er sich doch wenigstens über ihre allgemeine Lage informieren. Er entschuldigte sich außergewöhnlich umständlich für die kurze Nachricht und bat sie, nach Cannes zu gehen – wie sie es für den Fall besprochen hatten, daß er nicht vor April zurückkehren könnte. Es tat ihm ›furchtbar leid‹, diesen Ausdruck wiederholte er mindestens viermal.

Sie las die Mitteilung ein zweites Mal durch, faltete sie dann wieder zusammen und legte sie auf den Tisch.

Der Hausmeister wartete leicht vornübergeneigt, um auch das leiseste Wort aufzufangen, aber sie würdigte ihn keines Blickes.

»Es ist gut.«

»Ich danke Ihnen, Mylady.«

Er hatte schon die Tür geöffnet, um sich zurückzuziehen, als sie sich plötzlich an ihn wandte.

»Druze, ich erwarte die Prinzessin Bellini, vielleicht kommt auch Mrs. Gurden. Servieren Sie den Tee, wenn die Damen hier sind.«

»Jawohl, Mylady.«

Die Tür schloß sich leise. Jane Raytham schaute auf die kostbare, polierte Holzfläche und hob merkwürdig lauschend den Kopf, als ob sie erwartete, etwas zu hören. Aber der Hausmeister ging langsam die Treppe hinunter. Ein spöttisches Lächeln lag in seinen Augen, während er seine plumpen weißen Hände rieb. Auf dem Treppenabsatz blieb er stehen, um eine kleine Marmorstatue der Circe zu bewundern, die Lord Raytham von einer Reise nach Sizilien mitgebracht hatte. Gewöhnlich hielt er hier an, um diese Circe mit den verschlagenen Augen zu betrachten, die mit dem Finger winkte. Dabei spitzte er den Mund, als ob er pfeifen wollte.

Ein scharfes Klopfen an der Tür störte ihn auf. Er erreichte die Diele gerade, als der zweite Diener die Haustür öffnete.

Zwei Damen traten ein, und durch die offenstehende Tür konnte er eben noch sehen, wie eine elegante Limousine wegfuhr.

»Lady Raytham ist im Empfangszimmer, Hoheit – darf ich Hoheit helfen, den Mantel abzulegen?«

»Nein, danke«, entgegnete die erste und größere der beiden Frauen abweisend. »Helfen Sie nur Mrs. Gurden. Ich kann nicht verstehen, daß Sie so schreckliche Capes tragen, Greta.«

Mrs. Gurden lächelte.

»Meine Liebe, ich muß doch irgend etwas tragen – danke schön, Druze.«

Der Hausmeister nahm ihr den dünnen seidenen Umhang ab und übergab ihn dem zweiten Diener, während die Prinzessin bereits die Treppe hinaufstieg. Sie stieß die Tür auf und trat unangemeldet ein. Lady Raytham stand am Kamin, hatte ihren Arm auf die Marmorplatte gestützt und den Kopf daraufgelegt. Als die Prinzessin hereinkam, blickte sie erschrocken auf.

»Entschuldige bitte – dreh doch das Licht an, Anita. Der Schalter ist gleich dort an der Tür.«

Prinzessin Bellini zog ohne Hilfe ihren schweren Mantel aus und hängte ihn über eine Stuhllehne. Dann legte sie mit einer raschen Bewegung den Hut ab und warf ihn auf den Mantel.

Leute, die Anita Bellini zum erstenmal sahen, schauten sie erstaunt und scheu an. Es lag eine gewisse rücksichtslose Strenge in ihren Zügen und in ihrer ganzen Haltung. Sie war etwa fünfzig Jahre alt und von einer achtunggebietenden Größe.

Der männliche Ausdruck ihres energischen Gesichts wurde noch mehr durch das graue, kurzgeschnittene Haar betont und durch ein Monokel ohne Einfassung, das sie fast stets ins Auge klemmte. Sie hatte eine lange Bernsteinspitze im Mund, in der eine brennende Zigarette steckte.

Ihre Ausdrucksweise und ihre Sprache waren abgerissen, burschikos und manchmal verletzend.

»Wo ist Greta?«

Die Prinzessin zeigte mit dem Ende ihrer Zigarettenspitze nach der Tür.

»Sie macht sich noch mit Druze zu schaffen. Die Frau würde sogar mit einem Müllkutscher poussieren; sie ist im gefährlichen Alter. Es ist schrecklich, wenn man früher einmal hübsch gewesen ist und Eindruck gemacht hat. Die meisten Menschen können sich nicht daran gewöhnen, daß das auch einmal vorbei ist.«

Jane Raytham lächelte.

»Man sagt, daß du früher einmal ein recht hübsches Mädchen gewesen bist, Nita –«, begann sie.

»Das ist einfach gelogen«, erwiderte die Prinzessin ruhig. »Der Fotograf Russels pflegte meine Bilder so lange zu retuschieren, bis nichts mehr übrigblieb als der Hintergrund.«

In diesem Augenblick rauschte Greta ins Zimmer. Sie streckte die Arme weit aus, und auf ihrem Gesicht lag ein verzückter Ausdruck.

»Mein Liebling«, sagte sie atemlos und nahm Janes Hände.

Anita verzog verächtlich das Gesicht. Und doch hätte sie allmählich Mrs. Gurden kennen müssen, deren natürlicher Zustand nun einmal Begeisterung war. Sie mußte immer andere Leute berühren, sie in die Arme schließen, sich über sie neigen und sie aus nächster Nähe mit ihren dunklen Augen ansehen, wobei sie manchmal ein wenig schielte.

Greta Gurden war früher einmal schön gewesen, aber jetzt war ihr Gesicht lang und ein wenig eingefallen; es war das Gesicht einer Frau, die in ihrem Vergnügungstaumel fürchtete, etwas zu versäumen, und sich deshalb nicht genügend Zeit zum Schlafen gönnte. Sie hatte ihre Lippen hellrot gefärbt und ihre Augen sorgsam bearbeitet, als ob sie noch eine Theaterstatistin wäre. Anita hatte sie als solche kennengelernt und aus dieser untergeordneten Stellung befreit.

»Meine liebe Jane, Sie sehen wieder so vornehm aus... Und dieses prachtvolle Kleid – sicher stammt es von Chenel?«

Jane Raytham schaute kaum an sich herab.

»Nein, es ist nicht von hier, ich glaube, ich habe es voriges Jahr in New York gekauft.«

Greta schüttelte sprachlos vor Erstaunen und Bewunderung den Kopf.

Anita Bellini blies einen Rauchring in die Luft und klopfte dann die Asche ihrer Zigarette in den Kamin.

»Greta übertreibt immer etwas«, sagte sie und schaute Lady Raytham mit prüfendem Blick an. »Du siehst angegriffen aus, Jane – macht das die Trennung von deinem Mann?«

»Ja, ich gräme mich furchtbar.«

Die Ironie, die in ihrem Ton lag, entging Anita nicht.

»Was macht Raytham? Er hat soviel Geld, und doch läßt er keinen Tag vorbeigehen, ohne neues zu verdienen. Wo ist eigentlich der Hausmeister – ach, da kommt er gerade.«

Druze brachte gerade den Servierwagen herein.

»Geben Sie mir schnell einen Whisky mit Soda, Druze, ich verdurste.«

Anita trank den Inhalt des Glases mit einem Zug aus und reichte ihm das leere Glas zurück. Dann setzte sie das Monokel fester ins Auge und steckte sich eine neue Zigarette an. Der Hausmeister zog sich zurück und verließ den Raum wieder.

»Wo hast du Druze eigentlich her? Er bewährt sich, Jane.«

Lady Raytham schaute schnell auf.

»So? Ich kümmere mich kaum um ihn. Er ist sich gleichgeblieben, solange ich ihn kenne. Früher war er bei Lord Everreed angestellt.«

»Das ist nur ein paar Jahre her. Ich kann mich aber auf ihn besinnen, als er noch jung war.«

Die Prinzessin hatte die unglückliche Angewohnheit, mit geschlossenen Lippen zu lächeln, was nicht sehr schön aussah.

»Es ist merkwürdig, wie alt man wird – die Zeit von dreißig bis fünfzig vergeht wie ein Blitz.«

Plötzlich änderte sie das Thema und sprach darüber, was sie an diesem Nachmittag unternommen hatte.

»Ich habe mich ein wenig mit Bridge beschäftigt, dann ein Streichquartett gehört, das allerhand spielte, nur nichts Melodiöses.«

»Ach, es war doch entzückend«, sagte Greta, wieder ganz hingerissen vor Begeisterung.

»Einfach schauderhaft! Und noch schlimmer, weil Peters Mutter dort war. Der enge Gesichtskreis dieser Frau deprimiert mich.« Lady Raytham blickte wieder ins Feuer.

»Ich fragte sie, was sie wegen Peter zu tun gedenkt«, fuhr Anita fort. »Gott sei Dank hat sie in dem Punkt einigen Verstand. Für sie ist Peter vollkommen erledigt. Margaret wird nicht einmal mehr über ihn reden. Der einzige, der noch an ihn glaubt, ist Lord Everreed – aber der war ja immer ein einfältiger Mensch. Peter wäre auch niemals angeklagt und verfolgt worden, wenn die Bank nicht darauf gedrungen hätte.«

Die letzten Worte sagte sie mit einer gewissen Genugtuung. Anita haßte ihren Neffen, und Peter haßte sie – er haßte ihre spöttischen Bemerkungen über ihn, als er, der Sohn eines reichen Mannes, es vorzog, die Stelle eines Privatsekretärs bei dem großen Parlamentarier, dem Viscount Everreed, anzunehmen, statt in die Bank seines verstorbenen Vaters einzutreten. Und später saß sie mit verächtlichem Lächeln dabei, als der junge Mann vor Gericht verurteilt wurde, weil er den Namen seines Chefs auf einem Scheck über fünftausend Pfund gefälscht hatte.

Lady Raytham rührte zerstreut ihren Tee um.

»Wann wird er –«

»Herauskommen? Ich glaube jetzt. Ich will einmal nachrechnen. Er wurde zu sieben Jahren verurteilt, und ich habe gehört, daß diese Leute für gute Führung einen Straferlaß bekommen – drei Monate jedes Jahr. Weshalb man das macht, mag der liebe Himmel wissen. Wir zahlen zuerst viel Geld, um sie zu fangen, und sobald solche Galgenvögel hinter Schloß und Riegel sind, machen wir uns mit diesem Schloß zu schaffen, um sie wieder herauszulassen.«

»Schmachvoll!« murmelte Greta. »Ich möchte nur wissen, was der anfangen will. Für einen Mann wie Peter wird das Leben sehr schwer werden –«

»Ach, Unsinn«, fiel ihr Anita ins Wort. »Werden Sie doch bloß nicht sentimental über Peter. Er ist fünf Jahre im Gefängnis gewesen, und in Dartmoor, oder wo sonst er seine Strafe abgesessen hat, werden die Leute auch noch in anderen Dingen als gerade im Scheckfälschen unterrichtet. Wahrscheinlich wird er jetzt ein guter Landarbeiter geworden sein.«

Lady Raytham zitterte.

»Ach, wie schrecklich!«

Die Prinzessin lächelte.

»Peter Dawlish ist ein Narr. Er gehört zu den Menschen, die immer der dienenden Klasse angehören werden. Wenn du dich um Peter kümmerst, so mußt du auch um den Tod des Rebhuhns trauern, das auf deinem Tisch serviert wird. Ich möchte nur wissen, wie er jetzt über Druze denkt.«

Lady Raytham schaute auf.

»Glaubst du, daß er ihn noch haßt?«

»Druze war Everreeds Hausmeister und hatte den Scheck kassiert. Am nächsten Tag trat Peter seinen Erholungsurlaub an – das heißt, in Wirklichkeit stürzte er sich in sein großes Abenteuer. Als er dann zurückkam, wurde er festgenommen. Er leistete tausend Eide, daß er nichts von dem Scheck wisse, klagte auch noch den armen Druze der Fälschung an – aber alle diese Ausflüchte haben ihn nicht vor der Verurteilung geschützt.«

Jane erwiderte nichts.

»Es ist ganz erklärlich, daß Peter aufgebracht ist. Wenn er immer noch davon überzeugt ist, daß Druze an allem schuld ist, dann können wir noch allerhand Unannehmlichkeiten erwarten – wir wollen uns darüber nicht täuschen.«

Anitas Zigarette war ausgegangen. Sie öffnete ihre Handtasche mit einer ungeduldigen Bewegung und suchte etwas.

»Keine Streichhölzer dabei? Macht auch nichts.«

Sie fand einen Brief in der Tasche, riß ein Stück davon ab, beugte sich herunter und steckte es am Feuer an.

»Wer mag bloß Leslie Maughan sein?«

Anita schaute auf die Unterschrift des Briefes.

»Leslie Maughan?« fragte Jane Raytham. »Ich kenne ihn nicht. Warum fragst du?«

Anita knitterte den Brief zusammen.

»Leslie Maughan will mich in einer persönlichen Angelegenheit sprechen. Wahrscheinlich ist er irgendein Erfinder oder ein Mensch, der in Geldnot ist. Vielleicht will er auch eine Expedition nach den Kokosinseln machen, die ich finanzieren soll. Zum Teufel mit Leslie Maughan!«

2

Druze war geräuschlos in das Zimmer getreten und stand mit zusammengefalteten Händen wartend an der Tür. Sein Gesicht war auffallend bleich, und während er sprach, zuckte seine rechte Backe krampfhaft.

»Was gibt es, Druze?«

»Mylady, wollen Sie Miss Leslie Maughan empfangen?«

»Miss!« rief Anita erstaunt, als sich Lady Raytham erhob.

»Jawohl, Miss Leslie Maughan vom Kriminaldienst, Scotland Yard.«

Jane griff nach der Stuhllehne. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Sie öffnete den Mund, um zu sprechen, aber es kam kein Wort über ihre Lippen. Greta starrte die Prinzessin an, die den blassen Hausmeister beobachtete.

»Ich will sie empfangen – führen Sie die Dame in den kleinen Salon, Druze ... Bitte entschuldigt mich solange.«

Sie verließ das Zimmer schnell, behielt aber den Drücker der Tür in der Hand, bis Druze unten auf dem Treppenpodest verschwunden war. Rechts neben ihr lag die Tür zu ihrem Ankleidezimmer. Rasch und geräuschlos schlüpfte sie hinein und machte Licht. Dann starrte sie in den Spiegel – sie sah geisterhaft bleich aus, ihr weißes, eingefallenes Gesicht war ein Schuldbekenntnis für sich. War sie verraten worden? Hatten sie ihre Drohung wahrgemacht?

Sie zog eine Schublade ihres Toilettentisches auf, kramte eilig darin, fand eine Puderdose und zauberte mit geschickter Hand ein täuschendes Rot auf ihre Wangen.

Nach einem nochmaligen kurzen Blick in den Spiegel eilte sie die Treppe hinunter. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, obwohl sie fast verzweifelte.

Alle Lichter brannten in dem kleinen Salon. Als sie sich ihrer Besucherin gegenübersah, war sie überrascht und erleichtert. Es war ihr vorher nicht bekannt gewesen, daß es weibliche Detektive in Scotland Yard gab, und sie hatte sich eine Frau mit harten Gesichtszügen, mürrischen Mienen und schlechtsitzenden Konfektionskleidern vorgestellt.

Die junge Dame aber, die neben dem Tisch stand und in einer illustrierten Zeitung blätterte, schien höchstens zweiundzwanzig Jahre alt zu sein. Sie trug einen Nutriamantel, an dessen Kragen ein großer Veilchenstrauß befestigt war. Sie war ebenso groß wie Jane Raytham und sehr schlank. In den seidenen Strümpfen und eleganten Schuhen kamen ihre schönen Fußgelenke zur Geltung. Haar und Augen waren dunkel. Das Gesicht, das unter dem nach oben gebogenen Rand eines kleinen Filzhutes hervorschaute, war das Erstaunlichste von allem. Jane Raytham sah ein Paar tiefdunkler Augen auf sich gerichtet. Die schöngeschwungenen Lippen waren ebenso rot wie die Gretas, ohne daß künstlich nachgeholfen war. Ein festes, rundes Kinn und der Schimmer eines weißen Halses schauten aus dem Pelzkragen hervor. Lady Raytham war etwas verwirrt, als sie alle diese sichtbaren Vorzüge wahrnahm, die die äußere Erscheinung ihres unerwarteten Besuches bot.

»Sie sind doch nicht Miss Maughan?«

Leslie Maughan lächelte stets mit Augen und Lippen, und die Grübchen in ihren Wangen ließen sie noch jünger erscheinen als sie wirklich war.

»Gewiß, das ist mein Name, Lady Raytham. Es tut mir außerordentlich leid, daß ich Sie störe, aber ich habe einen sehr strengen Vorgesetzten.«

»Sind Sie wirklich eine Detektivin? Ich wußte nicht –«

»Daß es auch weibliche Beamte in Scotland Yard gibt?« sagte die junge Dame lachend. »Und Sie haben auch ganz recht, denn ich nehme eine außergewöhnliche Stellung ein. Ich bin die Assistentin des Chefinspektors Coldwell. Die anderen höheren Beamten, die eigentlich sehr konservative Herren sind, haben hiergegen keine Einwendungen erhoben. Aber ich glaube, daß ich auch wirklich ein Detektiv bin. Wenigstens stelle ich Nachforschungen an.«

Sie stand am Tisch. Eine Hand hatte sie leicht auf die Hüfte gelegt, die andere spielte mit den Blättern einer illustrierten Zeitung. Ihr fester Blick ruhte auf Jane Raytham.

»Ich stelle auch jetzt Nachforschungen an, Lady Raytham«, erklärte sie ruhig. »Ich möchte Sie fragen, warum Sie am vorigen Montag zwanzigtausend Pfund von Ihrer Bank abhoben?«

Einen Augenblick war Jane bestürzt und verlor die Fassung so weit, daß sie beinahe die Wahrheit verraten hätte. Aber mit äußerster Willensanstrengung zwang sie sich zur Ruhe und schien äußerlich kaum betroffen zu sein. Gleich darauf hatte sie sich wieder in der Gewalt und beherrschte ihre Stimme vollkommen.

»Seit wann hat denn die Polizei die Befugnis, die Bankkonten von Privatpersonen zu überwachen?« fragte sie in kühlem und gemessenem Ton. »Sie haben eben eine ungewöhnliche Frage an mich gerichtet. Ist es denn ein Vergehen, wenn ich eine Summe von zwanzigtausend Pfund von meinem eigenen Bankguthaben abhebe? Sagen Sie mir bitte, woher Sie das überhaupt wissen?«

»In meiner Stellung erfährt man allerhand, Lady Raytham.«

Leslie Maughan war auch kühl, die gespielte oder echte Entrüstung Janes machte keinen Eindruck auf sie.

»Lady Raytham, Ihrer Meinung nach sind wir unverschämt, Sie finden unser Verhalten unentschuldbar. Und wenn Sie diese Sache in Scotland Yard anzeigten, würde ich mir auch sicher hierdurch einen Verweis zuziehen. Aber darauf sind wir gefaßt.«

Lady Raytham sah Leslie Maughan erstaunt an.

»Aber warum kommen Sie dann überhaupt zu mir?«

Das junge Mädchen atmete tief. Ein schwaches Lächeln spielte um ihre Mundwinkel und verschwand plötzlich wieder.

»Zwanzigtausend Pfund sind eine große Summe Geldes«, sagte sie sanft, und ihre Stimme klang fast bittend.

Plötzlich wurde Lady Raytham die Bedeutung dieses Besuches klar. Sie erschrak so sehr, daß sie einen Schrei nicht ganz unterdrücken konnte. Sie wußten es. Die Polizei kannte die Bestimmung des Geldes. Sie atmete schnell und konnte nicht gleich sprechen. Ängstlich schaute sie in Leslies dunkle Augen und versuchte, so gut es ging, ihre Gedanken zu ordnen.

Dieses hübsche, schlanke junge Mädchen war eine Detektivin! Und sie war vorzüglich gekleidet – der weibliche Instinkt in Lady Raytham nahm dies fast unbewußt wahr. Ihre Handschuhe mußten von Renaud sein ...

»Wollen Sie mir nicht alles sagen? Es würde Sie wahrscheinlich vor vielen Unannehmlichkeiten bewahren. Es ist unsere Hauptaufgabe in Scotland Yard, die Leute vor Unglück zu behüten. Das hätten Sie wohl niemals gedacht? Aber die Polizei hat viel mehr vom Charakter eines hilfreichen Bruders als von dem eines Menschenfressers. Wollen Sie es nicht tun?«

Jane schüttelte den Kopf. Es war ein Fehler, daß sie zu sprechen versuchte.

»Nein, ich will nicht!« rief sie atemlos. »Ich habe Ihnen nichts zu sagen. Ihr Auftreten hier ist unverantwortlich. Ich werde schreiben – ich werde schreiben –«

Sie taumelte, und sofort war Leslie Maughan an ihrer Seite, um sie zu stützen. Die Stärke ihres Griffs war eine neue Überraschung für Lady Raytham.

Mit letzter Anstrengung riß sie sich zusammen und machte ihren Arm frei.

»Gehen Sie jetzt bitte, und wenn ich Sie nicht anzeige, dann tue ich das nur, weil ich annehme, daß Sie in Unkenntnis und in Übereifer gehandelt haben.«

Sie blickte zur Tür, und Leslie nahm langsam ihre Handtasche und ihren Schirm auf.

»Wenn Sie mich jemals brauchen sollten – meine Telefonnummer steht auf der Karte.«

Lady Raytham hielt die Visitenkarte in der Hand. Sie schaute darauf, ging dann langsam zum Kaminfeuer und warf sie in die Flammen.

»Sie können sie auch im Telefonbuch finden«, sagte Leslie, als sie sich entfernte.

Druze stand unten in der Diele und rieb sich die Hände, als ob er sie wüsche. Aber man sah seinen Bewegungen an, daß er sehr nervös war. Er eilte zur Haustür und öffnete sie.

»Gute Nacht, Miss«, sagte er heiser.

Leslie sah ihn an, und es überlief sie ein Schauer. Sie wußte nicht, warum sie zitterte, aber sie hatte plötzlich eine lebhafte, schreckliche Vorstellung – es war ihr, als ob sie in die starren Augen eines Toten schaute.

3

Leslie Maughan ging mit raschen Schritten das Themseufer entlang. Der Abend war bitter kalt, und nicht einmal ihr warmer Nutriamantel konnte sie gegen den eisigen Nordwind schützen, der ihr entgegenwehte. Der Herr, der an ihrer Seite ging, war groß und breitschultrig. Er hatte den Gang eines Offiziers und schwenkte einen Schirm im Takt zu seinen Schritten.

»Das ist ein Selbstmörder – dort links«, sagte er ruhig, als ob er ein Fremdenführer wäre, der seine Begleiterin auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt aufmerksam machte.

Die junge Dame blieb stehen und schaute zurück.

»Glauben Sie das wirklich, Mr. Coldwell?«

Sie blickte auf die düstere Gestalt, die an dem Steingeländer der Brücke lehnte. Die Arme des Mannes ruhten auf den Granitsteinen, und er hatte den Kopf in die Hände gestützt. Er war hager und unterschied sich in keiner Weise von den Vagabunden, die sich hier nach Mitternacht herumtrieben und versuchten, ein wenig auf den Bänken zu schlafen, wenn die Polizeistreifen vorübergegangen waren.

»Es ist sehr wahrscheinlich. Wenn einer von diesen Brüdern so in den Fluß hinabstarrt, denkt er über einen neuen Weg nach, alte Rechnungen zu begleichen. Interessiert er Sie? Sie werden doch nicht etwa sentimental werden?«

Sie zögerte.

»Doch – ein wenig. Ich weiß nicht, ob es Mitgefühl oder nur weibliche Neugierde ist.«

Plötzlich verließ sie ihn und ging zu dem Mann zurück, der sie schon bemerkt und beobachtet haben mochte, denn er richtete sich schnell auf, als sie näher kam.

»Ganz herunter und zu Ende?« fragte sie.

Er lachte leise vor sich hin.

»Ganz herunter, aber noch lange nicht zu Ende.«

Sie hörte an seiner Stimme, daß er eine bessere Erziehung genossen hatte. Er sprach in dem leichten, vornehmen Ton, den die Studenten auf der Universität annehmen.

»Habe ich etwa Ihr Mitleid erregt? Das täte mir leid. Wenn Sie mir Geld anbieten, bringen Sie mich direkt in Verlegenheit. Sie können hier in dieser Gegend genügend arme Bettler finden, bei denen Ihre – Mildtätigkeit besser angebracht ist. Ich gebrauche dieses Wort in seiner reinsten Bedeutung.«

Sie sah ihm ins Gesicht. Ein kleiner Schnurrbart und ein unordentlicher Backenbart täuschten sie nicht darüber, daß er noch jung war. Chefinspektor Coldwell, der nun auch näher gekommen war, betrachtete ihn mit beruflichem Interesse.

»Möchten Sie wissen, woran ich im Augenblick wirklich dachte?« Seine Stimme klang fast scherzend. »Ich dachte an Mord. In dieser Stadt lebt ein Mensch, der mir das Leben sehr schwer gemacht hat. Und ich hatte gerade beschlossen, ihn bei der nächsten besten Gelegenheit aufzusuchen und ihm drei Kugeln aus meiner Pistole durchs Herz zu jagen, als Sie meine Mordpläne unterbrachen.«

Coldwell lachte vor sich hin.

»Ich glaube, ich kenne Sie – Sie sind Peter Dawlish.«

Der abgerissene Mann lüftete seinen Hut mit ironischer Höflichkeit.

»Da sieht man, wie berühmt man ist«, sagte er sarkastisch. »Sie sind Mr. Coldwell – das Erkennen ist gegenseitig. Und da ich mich nun hoffnungslos selbst belastet habe, nehme ich an, daß Sie den nächsten Polizisten anrufen, um mich zu verhaften und so vor allen Versuchungen zu bewahren.«

»Wann sind Sie aus dem Gefängnis gekommen?« fragte Coldwell.

Leslie hörte bestürzt zu. Noch vor einer Viertelstunde hatte sie über diesen Mann gesprochen, und sie hatte den ganzen Nachmittag an seinen Fall denken müssen. Ihn nun hier an diesem windigen Platz zu treffen, gerade ihn unter den Millionen Menschen in London, erschien ihr mehr als ein bloßer Zufall. Es war Schicksal.

»Mr. Dawlish, Sie werden es nicht glauben, wenn ich Ihnen jetzt sage, daß Sie gerade der Mann in London sind, dem ich gerne begegnen wollte. Ich habe erst heute erfahren, daß Sie entlassen sind. Könnten Sie mich noch heute abend besuchen?«

Peter lächelte.

»Die Einladungen kommen schneller und zahlreicher als ich dachte«, sagte er halb zu sich selbst. »Vor zehn Minuten erhielt ich erst eine Aufforderung, zu einer Herberge der Heilsarmee mitzukommen. Glauben Sie mir –«

»Mr. Dawlish« – Leslie sprach sehr ruhig, aber sehr deutlich –, »Sie bemitleiden sich selbst, nicht wahr?«

Sie sah nicht, daß er rot wurde.

»Ja, Sie haben recht«, erwiderte er rauh. »Aber ein Mann in meiner Lage ist berechtigt –«

»Dazu hat ein Mann unter keinen Umständen ein Recht. Hier ist meine Karte.«

Sie hatte ihre Handtasche geöffnet, und er nahm die Karte aus ihrer Hand. Er mußte sie dicht an die Augen halten, um in dem schlechten Licht einer entfernten Straßenlaterne lesen zu können.

»Wollen Sie mich um halb elf aufsuchen? Ich werde Ihnen kein Geld anbieten, ich will Ihnen auch keine Arbeit verschaffen wie Holz zerkleinern oder Abfallpapier sortieren – ich möchte aus einem viel wichtigeren Grund mit Ihnen sprechen.«

Er las Name und Adresse aufs neue und runzelte die Stirn.

»Ja – nun gut – wenn Sie es wünschen.«

Er wurde plötzlich merkwürdig verlegen und ungemütlich. Sie erkannte sofort den Umschwung in seinem Verhalten und in seinem Ton.

»Es tut mir leid, daß ich wie eine Vogelscheuche aussehe – das macht Ihnen wohl nichts aus?«

»Nein«, entgegnete sie und hielt ihm die Hand hin.

Er zögerte eine Sekunde, dann schlug er ein. Sie fühlte, wie hart seine Hand war, und es überkam sie ein schmerzliches Gefühl, als sie daran dachte, was diese Schwielen bedeuteten. Im nächsten Augenblick war sie wieder an der Seite Mr. Coldwells, der auf sie gewartet hatte. Peter Dawlish sah ihnen nach, bis sie außer Sicht waren, dann wandte er sich nachdenklich um und ging langsam nach Blackfriars zu.

»Ich weiß ja, wie klein die Welt ist«, begann Coldwell, der noch immer seinen zusammengerollten Regenschirm umherwirbelte. »Aber ich wußte noch nicht, daß das auch für London zutrifft. Peter! Es sind Jahre vergangen, seitdem ich ihn das letztemal gesehen habe. Vor fünf Jahren war er ein Nichtsnutz.«

»Glauben Sie wirklich, daß er die Fälschung begangen hat?«

»Ein Schwurgericht seiner Landsleute hat ihn verurteilt«, erwiderte Mr. Coldwell vorsichtig, »und Schwurgerichte haben im allgemeinen recht. Nach allem, was ich weiß, brauchte er das Geld. Sein Vater war ein alter Geizhals, und man kann nicht auf großem Fuß leben und hübsche junge Damen nach New York begleiten, wenn man nur zweihundertfünfzig Pfund im Jahr verdient. Er hat die Sache auch zu dumm angestellt. Wenn er nicht ausgerechnet damals drei Monate Urlaub genommen hätte, wäre der Betrug nie entdeckt worden.«

»Wer war sie denn?« fragte Leslie.

»Ich weiß es nicht. Die Polizei hat vergeblich versucht, die Frau ausfindig zu machen. Peter hat ausgesagt, daß sie eine Statistin von der Pariser Oper gewesen sei. Er war gerade nicht sehr stolz darüber.«

Leslie seufzte.

»Alles Böse kommt von den Frauen«, sagte sie.

»Je nachdem«, meinte Mr. Coldwell und drehte an seinem grauen Schnurrbart.

In der Nähe des düsteren Eingangs von Scotland Yard blieb er stehen und stellte sich breit vor sie hin.

»Vielleicht werden Sie jetzt nicht mehr so geheimnisvoll tun und mir sagen, warum Sie sich so außerordentlich für Peter Dawlish interessieren, daß Sie in den letzten drei Tagen nur von ihm gesprochen haben?«

Sie schaute ihm fest in die Augen.

»Weil ich weiß, warum Peter Dawlish morden und wen er umbringen will.«

»Selbstverständlich Druze, das kann das kleinste Kind vermuten. Und er wird ihn ermorden, weil er davon überzeugt ist, daß Druzes Zeugenaussage ihn ins Gefängnis gebracht hat.«

In Leslies Lächeln lag selbstbewußte Überlegenheit.

»Sie irren – Druze wird sterben, weil er Kinder nicht liebt!«

Mr. Coldwell starrte sie nur verwundert an.

4

»Ich möchte diese Sache richtig verstehen«, sagte er dann langsam. »Wenn Druze getötet wird, so sollte es aus dem Grund sein, weil er keine Kinder liebt?«

Leslie Maughan nickte.

»Ich weiß, daß Sie Geheimnisse nicht leiden mögen – kein Mensch in Scotland Yard liebt Unklarheiten. Eines Tages werde ich Ihnen erklären, was ich damit sagen will. Können Sie sich daran erinnern, daß Sie mir im vorigen Sommer Urlaub gaben?«

Mr. Coldwell besann sich sehr gut darauf.

»Ich bin damals nach Cumberland gegangen, um ein wenig umherzustreifen. Um keinen Preis wollte ich daran erinnert werden, daß es eine Stelle in der Welt gibt, die Scotland Yard heißt, aber ich habe nun einmal diese Veranlagung, alles zu durchstöbern und zu erforschen. Eines Tages kam ich durch ein kleines Dorf und fand dort etwas, woraus ich schloß, daß Druze Kinder nicht leiden mag. Und eines Tages wird Peter Dawlish, wenn er es entdecken sollte, ihn deshalb umbringen!«

»Die Sache wird immer geheimnisvoller und rätselhafter«, brummte Coldwell. »Ich fürchte, Sie jagen einem Phantom nach. Das ist nun einmal das Mißgeschick aller begeisterten jungen Beamten – womit ich nicht behaupten will, daß Sie schon den Charakter eines Beamten haben.«

Leslie Maughan hatte ihre Karriere bei der Polizei als junge Stenotypistin begonnen. Ihr Vater war der bekannte und berühmte Vizepräsident Maughan, durch dessen Tatkraft und Scharfsinn viele dunkle Verbrechen aufgeklärt werden konnten. Bei seinem Tod hinterließ er seiner Tochter ein großes Vermögen, so daß sie sich nicht um ihren Lebensunterhalt zu kümmern brauchte. Aber sie hatte von ihrem Vater die Begabung und den Hang zum Detektivberuf ererbt und war von Stufe zu Stufe emporgestiegen, bis ihre Vorgesetzten, die einer Frau keine leitende Stellung im Polizeipräsidium Londons einräumen wollten, sie zur Assistentin eines der vier höchsten Beamten machten.

»Sie ist ganz ausgezeichnet, ich finde keine anderen Worte für sie«, sagte ihr Chef zu dem Polizeipräsidenten. »Und obgleich ich nicht der Ansicht bin, daß dies ein Frauenberuf ist, muß ich doch zugeben, daß ich niemals eine Dame kennengelernt habe, die sich besser für einen hervorragenden Posten in Scotland Yard eignete.«

»Welche besondere Fähigkeiten besitzt sie denn?« fragte der Polizeipräsident.

»Sie denkt schnell, und sie hat Glück«, war die Antwort.

*

Als Leslie am Abend zu ihrer Wohnung in Charing Cross Road zurückkehrte, mußte sie auch darüber nachdenken, daß sie eigentlich viel Glück hatte. Schon die Tatsache, daß sie ein so schönes Heim besaß, sprach dafür. Sie hatte einen langjährigen Mietvertrag für eine Wohnung über einem Kino zu einer Zeit abgeschlossen, als die Mietpreise noch sehr niedrig waren. Bei einer Weitervermietung hätte sie die doppelte Summe ihrer Miete als Abstand dafür bekommen können. Da ihre Wohnung aber wegen der zentralen Lage sehr günstig war, widerstand Leslie allen Versuchungen, umzuziehen, um dadurch einen pekuniären Vorteil zu erlangen.

Eine Seitentür führte zu ihren Wohnräumen. Kaum hatte sie die Haustür geschlossen, als sie von oben angerufen wurde.

»Sind Sie es, Miss Maughan?«

»Ja.«

Leslie hängte ihren Mantel in dem kleinen Flur unten auf und ging dann nach oben zu dem Mädchen, das sie auf dem Treppenabsatz erwartete. Lucretia Brown, ihr einziger Dienstbote, war groß und breitschulterig und hatte ein glattes, rundes, nicht unangenehmes Gesicht. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und betrachtete ihre Herrin vorwurfsvoll.

»Ich dachte schon, Sie wären –«, begann sie.

»Sie haben natürlich wieder gedacht, ich wäre ermordet und in den Fluß geworfen worden«, erwiderte Leslie in guter Laune. »Das denken Sie ja immer, wenn ich nicht mit dem Glockenschlag heimkomme.«

»Ich traue dieser großen Stadt London nicht.«

Lucretia war wirklich ihr Name. Ihr Vater, ein Landarbeiter, hatte einmal in der Gemeindehalle einen Vortrag über die Borgias gehört. Er hatte zwar nicht viel davon verstanden, aber doch einen allgemeinen Eindruck bekommen, daß dieser historische Name irgendwie sehr wertvoll und schön sei.

»Ich habe London nie getraut, und ich werde es auch nicht tun. Haben Sie schon zu Abend gespeist, gnädiges Fräulein?«

»Ja, ich habe schon gegessen.« Leslie schaute rasch auf ihre Uhr.

»Ich erwarte einen Besuch – um halb elf wird ein Herr kommen. Wenn Sie ihm die Tür öffnen, sagen Sie also bitte nicht, daß ich fort sei und erst in drei Wochen wiederkäme.«

Lucretia schnitt ein Gesicht.

»Halb elf des Abends ist ein wenig spät für Herrenbesuch, Miss Maughan. Ist er denn ein Freund von Ihnen?«

Leslie hatte ihr die persönliche Teilnahme an ihren Angelegenheiten nicht abgewöhnen können, denn Lucretia nahm immerhin eine Vertrauensstellung bei ihr ein und hatte im Laufe der Zeit gewisse Vorrechte erlangt. Leslie war von ihrer frühesten Kindheit an von ihr betreut worden.

»Ist es jemand, den wir kennen? Vielleicht Mr. Coldwell?«

»Nein, es ist ein Mann, der eben aus dem Gefängnis entlassen wurde.«

Lucretia schloß die Augen und wurde fast ohnmächtig.

»Großer Gott!« stieß sie heiser vor. »Ich hätte niemals gedacht, daß ich das erleben würde, daß ein früherer Sträfling Sie nachts um halb elf besuchen darf. Ich glaube, es wäre gut, wenn ich einen Polizisten holte, damit er draußen vor der Tür aufpaßt und zu Hilfe kommt, wenn Ihnen der Kerl etwas tun will.«

»Ach, Lucretia, Sie sind viel zu ängstlich und brauchen immer gleich die Polizei«, erwiderte Leslie ernst. Lucretia schwieg, obgleich sie innerlich noch tief entrüstet war.

Es schlug halb elf von der Kirche St. Martins-in-the-Fields, als unten die Hausglocke ertönte. Lucretia kam ins Wohnzimmer, ihre Augen leuchteten vor Erregung.

»Das ist er«, rief sie aufgebracht.

»Nun ja, lassen Sie ihn doch herein!«

»Was auch geschehen mag – ich lehne jede Verantwortung dafür ab.«

Leslie zeigte nur zur Tür.

Der Fremde stieg die Treppe so leise in die Höhe, daß sie seine Schritte nicht hörte. Die Tür öffnete sich, und Lucretia erschien wieder.

»Der Herr ist da!« sagte sie laut, sah den Fremden ärgerlich an, ließ ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm.

Peter Dawlish blieb am Eingang stehen, wo Lucretia ihn verlassen hatte. Er hatte seinen weichen Filzhut in den Händen, sah die junge Dame an und betrachtete dann den gemütlichen Raum. Ein schwaches Lächeln spielte auf seinem Gesicht. Sie sah nun deutlich, wie schlecht er gekleidet war. Er trug keinen Kragen, und seine Schuhe waren grau vor Schmutz. Sein alter, schlechtsitzender Anzug war befleckt und abgetragen.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich aussehe wie eine Vogelscheuche«, begann er, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. »Als ich entlassen wurde, gab man mir einen schönen Anzug, der im Gefängnis gemacht war, aber er schien mir nicht geeignet, darin einer kritischen Welt wieder gegenüberzutreten, und ich tauschte ihn gegen diesen ein.«

Sie schob einen Stuhl an das Feuer.

»Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Dawlish.«

»Mr. Dawlish – das klingt ja fürchterlich achtungsvoll.«

»Sie können rauchen, wenn Sie wollen«, sagte sie, als er sich bedächtig gesetzt hatte.

»Ich möchte schon, aber die Zutaten fehlen mir.«

Hastig öffnete sie eine Schublade, nahm eine Zigarettenschachtel heraus und reichte sie ihm.

»Danke schön.« Er nahm eine Zigarette und runzelte die Stirn. »Es ist doch zu merkwürdig.«

»Was finden Sie denn merkwürdig?«

»Gerade diese Sorte Zigaretten pflegte ich in früheren Tagen zu rauchen. Ich habe sie mir direkt von Kairo kommen lassen. Hier in London konnte man sie nicht kaufen, wenigstens damals nicht, als ich – mich zurückzog. Aber sehen Sie, ich bemitleide mich schon wieder. Und dabei hasse ich das doch so sehr. Es war mir selbst etwas ganz Neues, als ich entdeckte, daß ich in dieser Beziehung jetzt auch zur großen Masse gehöre.«

Er steckte die Zigarette an und rauchte sie mit großem Genuß.

»Ah, das ist wundervoll.«

»Haben Sie schon gegessen?«

Er nickte.

»Wie ein Sybarit. In einem kleinen Restaurant in der Blackfriars Road. Das ganze Abendbrot hat nur einen halben Shilling gekostet. Das war sehr verschwenderisch, aber ich fühlte, daß ich eine Stärkung brauchte, bevor ich mich dieser Prüfung hier unterzog.«

»Haben Sie keine Wohnung?«

»Nein.«

Er spielte mit seinen langen, schmalen Fingern, und sie bemerkte mit Genugtuung, daß seine Hände tadellos sauber waren. Wieder schien er ihre Gedanken zu erraten, denn er sah auf seine Hände herunter.

»Ich wüßte nicht, was ich Ihnen mitteilen könnte, wenn Sie irgendwelche Informationen von mir wünschen. Wenn Sie ein männlicher Beamter von Scotland Yard wären, hätte ich Ihre Einladung einfach abgelehnt. Aber ein weiblicher Polizeibeamter ist etwas Eigenartiges. Ich habe natürlich schon mehrere im Dienst gesehen – kleine, wohlbeleibte Frauen mit niedrigen Helmen. Aber sie sollen ja ganz brauchbar sein.«

Er sah, daß sie selbst nicht rauchte und erwähnte es auch.

»Ich rauche nur selten. Würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich ganz offen zu Ihnen spräche?« sagte sie dann ernster.

»Je offener Sie mit mir sprechen, desto lieber ist es mir.«

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und blies eine Rauchwolke zur Decke empor.

»Sie haben natürlich kein Geld?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das bedeutet also, daß Sie sich nachts auf der Straße herumtreiben müssen?«

»Ich habe mich schon daran gewöhnt. Es wäre auch ganz interessant, wenn man nur nicht so schrecklich müde wäre. Ich bekam etwas Taschengeld, als ich das Gefängnis verließ. Ich kam damit nicht ganz eine Woche aus, ich fürchte, ich bin etwas unvorsichtig damit umgegangen. Man kann tagsüber in verlassenen, versteckten Parkecken ganz gut schlafen, besonders an warmen, sonnigen Tagen. Und für regnerische Nächte kenne ich ein Gerätehaus in einer Gärtnerei. Es kann sich allerdings nicht mit den Luxuswohnungen für Hochzeitsreisende im Ritz-Carlton messen, aber es ist immerhin ganz annehmbar. Ich habe letzte Nacht mit einem früheren Infanterie-Obersten und einem Rechtsanwalt dort geschlafen, der mit mir zusammen in derselben Abteilung in Dartmoor war.«

Sie sah ihn fest an.

»Diese Nacht werden Sie aber besser schlafen«, sagte sie in ihrem ruhigen, gleichmütigen Ton, »und morgen werden Sie sich einen besseren Anzug kaufen und einen Besuch bei Ihrer Mutter machen.«

Er zog die Augenbrauen hoch und betrachtete sie ein wenig belustigt.

»Ich wußte allerdings nicht, daß Sie auch in meine Familiengeheimnisse eingedrungen sind. Warum sollte ich das denn tun, Miss Maughan? Es wäre Geldverschwendung, einen neuen Anzug zu kaufen. Auf meine Mutter würde ein luxuriöses Äußere nicht den geringsten Eindruck machen. Sie würde höchstens annehmen, daß ich einen anderen gutmütigen Herrn gefunden hätte. Alle derartigen Dinge würden sehr viel Geld kosten, und ich glaube, es ist ganz gut, daß ich Ihnen, bevor wir uns weiter unterhalten, ausdrücklich sage, daß ich unter keinen Umständen die Absicht habe, Geld von Ihnen anzunehmen – unter gar keinem Vorwand.«