Der Weg der Ahnen - Simo Geschwister - E-Book

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Simo Geschwister

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Beschreibung

Vier Freunde wollen in den Karpaten eine abenteuerliche Reise erleben. Nach vielen kuriosen und mystischen Begegnungen entscheidet sich Attila dazu in der Heimat seiner Vorfahren zu bleiben. Jahrhundertealte Prophezeiungen und geheimnisvolle Botschaften führen ihn zu einem «Tor» zur fünften Dimension. Er wird von einer Gemeinschaft erwartet, welche sich vor langer Zeit zurückzog, um das Wissen der alten Schamanen zu bewahren. Attila wird in ihr Wissen eingeweiht, bevor er in die dritte Dimension zurückkehrt, um eine neue Weltordnung zu erschaffen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Vier Freunde wollen in den Karpaten eine abenteuerliche Reise erleben. Nach vielen kuriosen und mystischen Begegnungen entscheidet sich Attila dazu in der Heimat seiner Vorfahren zu bleiben. Jahrhundertealte Prophezeiungen und geheimnisvolle Botschaften führen ihn zu einem «Tor» zur fünften Dimension. Er wird von einer Gemeinschaft erwartet, welche sich vor langer Zeit zurückzog, um das Wissen der alten Schamanen zu bewahren. Attila wird in ihr Wissen eingeweiht,bevor er in die dritte Dimension zurückkehrt, um eine neue Weltordnung zu erschaffen. «Der Weg der Ahnen» ist ein fantastischer Abenteuerroman, mit Romantik, Mystik,Strategie und Spiritualität.

In Erinnerung an meinen Bruder

Die Idee zu diesem Buch hatte ich so gegen 2006. Die räumliche Entfernung zwischen mir und meinem Bruder, Sandor Simo, war gross und wir sahen uns nur selten. So fragte ich ihn, ob er Lust hätte dieses Buch mit mir gemeinsam zu schreiben. Wir schickten uns unsere Texte alle paar Wochen zu und so entwickelte sich das erste Kapitel langsam. 2009 starb mein Bruder unerwarteter Weise und das Buchprojekt blieb eine Weile liegen. Irgendwann nahm ich mir aber vor, das Buch zu beenden. Ich schrieb schubweise weiter. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Ideen zum Teil mehr nach meinem Bruder klingen als nach mir. Aus diesem Grund erachte ich das ganze Buch als ein gemeinsames Werk.

Danke

Ich danke meiner Mutter, Adele Kehl-Geafer für das Coverbild Danke an Tina Kasper und Patrizia Tschurr für das Lektorieren.

Susanna Zachar-Simo

Die Simo Geschwister

Sandor Simo und Susanna Zachar-Simo

Der Weg der Ahnen

1. Teil

Eine abenteuerliche Reise

Es war eine milde Sommernacht mit klarem Sternenhimmel. Aus der Gartenwirtschaft erklang ein fröhliches Gelächter. Die Stimmen der vielen Gäste vereinten sich zu einem gleichmässigen Rauschen. Die vier Freunde sassen an einem runden Tisch und leerten ein Glas nach dem anderen. «Die nächste Runde zahlst du, Phil“, sagte Attila, den seine Freunde nur Till nannten. Seine Freundin Sofie wollte unbedingt nach Hause. «Oh nein, ihr habt doch echt genug getrunken, ihr seht schon ganz komisch aus. Ich will nach Hause!», jammerte sie. «Du hast Recht, du hast genug gehabt, deshalb bekommst du nur einen Saft. Wir vertragen noch etwas mehr, nicht wahr Jungs?», entschied Phil und machte sich auf den Weg zur Bar. Sofie musste ihren Kopf mit beiden Händen stützen. «Gehen wir bitte nach Hause», flehte sie ihren Freund Till an. «Das tun wir bestimmt nicht. Es ist Partyzeit, wir haben Ferien. Na komm, reiss dich zusammen.» Er hatte Sofie aber umsonst versucht aufzumuntern, sie schlief schon tief und fest über den Tisch gebeugt. Phil kehrte zwischenzeitlich mit drei Gläser Bier und einem Orangensaft von der Bar zurück. Er machte nur kleine, vorsichtige Schritte aus Angst alles zu verschütten. Till und Nina sprangen schnell auf und nahmen ihm die Gläser ab. Die drei stellten sich um den Tisch und erhoben ihre Biergläser, während Phil wie immer einen lustigen Trinkspruch vortrug. Mit viel Schwung stiessen sie auf die Sommerferien an, dabei schäumte das Bier in den Gläsern über und tropfte direkt auf Sofies Kopf. Daraufhin erwachte sie. Etwas erzürnt und knurrend sprang sie auf und verlor dabei das Gleichgewicht. Wenn Till sie nicht am Arm festgehalten hätte, wäre sie mit Sicherheit hingefallen. Nina konnte es sich nicht verkneifen und brach in einem schallenden Gelächter aus. Auch die Jungs fanden die Szene ziemlich lustig, doch Sofie setzte sich mit einer bitter-ernsten Miene wieder. «Ich werde die Sommerferien nicht so verbringen. Jeden Tag hier in dieser Kneipe sitzend und uns besaufend», sagte sie. «Tut mir leid, Jungs, aber ich finde das zum Kotzen.» Den anderen verging das Lachen, sie sahen Sofie etwas fassungslos an. «Wie wäre es, wenn wir zusammen verreisen würden?», brachte Nina den Vorschlag hervor. Sie freute sich über ihre eigene Idee dermassen, dass sie Luftsprünge machte und schrie: «Oh das wird toll!» Den Anderen gefiel die Idee ebenfalls ausserordentlich gut. Nina und Till schwärmten vom Meer, während Sofie auf Abenteuer aus war. Phil machte sich etwas Sorgen um die Kosten, da er gerade etwas knapp bei Kasse war.

Am nächsten Tag wollten sich die vier im Reisebüro nach interessanten Möglichkeiten erkundigen. Leider erwiesen sich alle Angebote als zu teuer. So entschlossen sie sich zu zelten. Das Reiseziel hatten sie aber noch nicht festgelegt.

Es war schon spät am Abend, als Till aus der Gartenwirtschaft nach Hause kam. Sofie war diesmal nicht mitgegangen, denn sie hatte sich gerade den Roman Dracula von Bram Stoker gekauft und wollte darin lesen. Sie war in das Buch so vertieft, dass sie nicht bemerkte, dass ihr Freund ins Zimmer trat. Till sprang mit voller Wucht ins Bett zu Sofie. Sie knurrte nur kurz und las weiter. Er begann sie zu pieken und zu kitzeln, doch sie wollte oder konnte das Buch nicht zur Seite legen. Ein Kissen flog aus Tills Hand an Sofies Kopf, worauf sie dann das Buch doch weglegte und ihm ein anderes Kissen zurückwarf. Eine wilde Kissenschlacht begann. Beide rangen nach Luft vor Lachen, während Sofie ab und zu laut kreischte. Till war viel stärker als Sofie, so gewann er die Oberhand und hielt sie so fest, dass sie sich kaum noch bewegen konnte. Sie ergab sich ihm und er küsste sie zärtlich.

Später, als das junge Paar sich im Badezimmer für die Nacht vorbereitete, brach aus Sofie die Begeisterung für das Buch aus. Ununterbrochen erzählte sie von den gelesenen Ereignissen. «Ah, wie aufregend wäre ein solches Leben?! Was würde ich dafür geben, um an einem solchen Abenteuer wie in dem Roman teilzuhaben», schwärmte sie. «Was, du willst ein Vampir sein? Du kleines, blutrünstiges Ungeheuer!», lachte Till über seine Freundin. «Nein, das meinte ich nicht. Die Reise von diesen Charakteren ist voller Abenteuer. Ich glaube, Transsylvanien ist heute noch immer so geheimnisvoll und mystisch. Ich kann gar nicht verstehen, weshalb du nie dorthin fahren wolltest.» Till mochte dieses Thema nicht, denn sein Vater stammte aus Transylvanien oder wie es auf Deutsch heisst, Siebenbürgen. Er kam als Jugendlicher nach Deutschland. Till war zwölf Jahre alt, als seine Grosseltern starben und sein Vater träumte seitdem davon, wieder einmal dorthin zu fahren, um seiner Familie sein Geburtsland zu zeigen. Irgendetwas kam aber immer dazwischen. Till empfand die Schwärmerei seines Vaters mittlerweile als peinlich. Wahrscheinlich war das auch der Grund dafür, dass er einer Reise nach Siebenbürgen abgeneigt war. «Du, was wäre, wenn wir die Ferien dort verbringen würden?», fragte Sofie. «Ich habe gehört, dass man dort wild campieren kann. Stell dir vor, wie aufregend es dort sein muss. Die wilde Natur und all die Abenteuer, die dort auf uns warten.» Sofie war fest entschlossen nach Siebenbürgen zu fahren. Till konnte nur noch hoffen, dass Nina und Phil bessere Ideen hatten.

Am nächsten Tag lud Tills Mutter die vier Freunde zum Mittagessen ein. Sofie half ihr den Tisch zu decken. Till öffnete den anderen beiden die Tür. Phil brachte immer eine fröhliche Atmosphäre ins Haus, er war die absolute Stimmungskanone. Tills Eltern mochten Phil sehr, Tills Vater, Peter, zeigte ihm immer seine Zigarrensammlung und bot ihm ab und zu eine Zigarre an. Phil zählte beinahe zur Familie, da die zwei Jungs schon seit über zehn Jahren beste Freunde waren. Nina war seit zwei Jahren Mitglied der Clique, seit sie mit ihren Eltern von Berlin aufs Land zog. Anfangs fanden sie alle etwas zickig und eingebildet, doch ihr Grossstadtwesen brachte Schwung in diese kleine Schlafstadt. Sofie war seit etwas mehr als einem Jahr Tills Freundin und wohnte seitdem auch mehr oder weniger bei seiner Familie. Sie war die älteste Tochter einer Grossfamilie, so nahm sie gern die erstbeste Gelegenheit zur Flucht wahr. Sie genoss die Ruhe in Tills Elternhaus. Bei den Hausarbeiten war sie gern behilflich und Tills Mutter wusste ihre Hilfe zu schätzen. «Die Suppe ist fertig, setzt euch!», sagte eine Stimme aus der Küche, worauf alle ihre Plätze am Tisch einnahmen. Die Kochkünste von Tills Mutter begeisterten stets alle. Höflich bezeichnete Nina das Essen als köstlich, Phil hingegen fragte frech nach, ob er noch mehr haben könnte. Natürlich nahm ihm diese dreiste Art niemand übel. Für Tills Mutter war Phils Hunger das grösste Kompliment. Die Stimmung war bei solchen Mittagessen in Tills Elternhaus in der Regel sehr entspannt und familiär. Oft wurden interessante Themen diskutiert. Peter und Sofie trugen oft heftige politische Diskussionen aus. Tills Vater machte sich gerade Gedanken darüber, wie er Sofie wieder zu einer Debatte herausfordern könnte, doch diesmal verfolgte sie ein anderes Ziel. «Sag mal, Peter, ist es in Transsylvanien wirklich so abenteuerlich wie im Dracula Roman? », fragte Sofie neugierig. Tills Vater Peter hatte die Geschichte von Dracula zwar nie gelesen, aber er wusste, dass sie von Vampiren handelt und dass der Moldawische Prinz, Vlad Tepes, als Dracula bezeichnet wurde. Er fand den Vergleich etwas absurd. Für ihn gehörte Siebenbürgen nach wie vor zu Ungarn. Vor allem bedeuteten ihm die Natur und die Karpaten sehr viel. Da er auf eine Diskussion vorbereitet war, begann er die politischen Hintergründe und die Banalisierung der Kulturwerte durch den Roman zu kritisieren. «Also, so war das ganz und gar nicht.» Till konnte es sich nicht verkneifen und ging dazwischen: «Na siehst du, Sofie, so spannend ist es dort nicht. Eine Reise dorthin würde nur die Sommerferien ruinieren.» Till biss sich auf die Zunge, doch es war schon zu spät, denn er sah den Glanz in den Augen seines Vaters aufleuchten. «Ah, aber sicherlich ist es in Wirklichkeit noch abenteuerlicher, als was sich dieser Autor ausdachte. Auch wenn der angebliche Dracula kein Siebenbürger war, so glauben noch einige an Vampire. Dir, Sofie, würde die wilde Natur sehr gefallen. Die Dörfer sind zum Teil noch wie vor hundert Jahren.» Peter versuchte die Situation zu retten, nachdem ihm klar geworden war, dass sein Sohn auf diese Weise vielleicht doch Mal in seine Urheimat fahren könnte. «Erzähl mal, was gibt es dort Sehenswertes?», fragte Sofie. Tills Vater geriet ins Schwärmen und begann zu erzählen. Phil, Nina und Sofie hörten aufmerksam zu, während Till die Augen verdrehte und gelangweilt mit den Füssen wippte. «Papa, hör doch auf! Merkst du nicht, wie du alle langweilst? Ich habe alles schon tausendmal gehört!» Peter stand wütend auf, knallte seine Serviette auf den Tisch und sagte zu Till: «Attila, du bist eine Schande für unsere Familie. Dafür, dass du kein bisschen Interesse für dein Herkunftsland zeigst, solltest du dich schämen. Deine Freunde interessieren sich mehr für Siebenbürgen als du!» Aufgebracht und mit Tränen in den Augen verliess Peter das Zimmer. Till versuchte zu grinsen und zu lächeln: «Der Alte spinnt manchmal.» Seine Freunde sahen ihn vorwurfsvoll an. Till wurde es unangenehm in dieser Runde, deshalb flüchtete er in die Küche, wo seine Mutter mit dem Abwasch beschäftigt war. Auf Unterstützung hoffend erzählte er ihr murmelnd, was vorgefallen war, sie hielt sich jedoch stillschweigend aus der Angelegenheit raus. Wenige Minuten waren vergangen, als Nina in die Küche trat. Sie bat Till ins Wohnzimmer, um ihm etwas mitzuteilen. «Verschwörung!», dachte sich Till. Er fühlte, dass die ganze Welt gegen ihn war, und wusste, dass er sich wahrscheinlich ergeben musste.

«Wir haben beschlossen, dass wir die Ferien in Siebenbürgen verbringen werden. Uns reizen die Natur und die Kultur. Wir denken, es wird spannend und allzu teuer ist es dort nicht. Entweder kommst du mit, oder wir gehen zu dritt ohne dich.» Sofie stellte ihren Freund vor vollendete Tatsachen. «Na, was gedenkst du zu tun, Attila?», versuchte Phil seinen besten Freund zu provozieren. Till hatte die Schlacht verloren. Das schlechte Gewissen gegenüber seinem Vater hatte ihn bereits geplagt. Auf einmal fand er die Idee gar nicht mehr so schrecklich, schliesslich war das ja kein Familienausflug. Um den Anschein zu wahren, zeigte er sich noch etwas missmutig. «Wenn ihr das wollt, von mir aus. Aber, wenn es euch dort langweilig wird, dann denkt daran, dass es nicht meine Idee war.» «Langweilen werdet ihr euch mit Sicherheit nicht!», versprach Peter, der das Gespräch eben mitbekommen hatte. Er lächelte seinem Sohn zu. Tills Gewissen fühlte sich somit um eine ganze Tonne leichter an.

Die vier Freunde holten sich am gleichen Abend noch die Zugbillette nach Rumänien. Tills Vater hatte auf einer Karte alle Sehenswürdigkeiten eingezeichnet. Sofie suchte im Internet alle Informationen über Dracula zusammen.

Kurz vor der Reise änderte sich Tills Verhalten. Es schien, als wären seine Gedanken immerzu wo anders. Sofie deutete sein Verhalten als Desinteresse. Vielleicht war er aber auch einfach beleidigt. Sie fragte sich, ob sie ihn wohl mit ihrem Entschluss zu dieser Reise überrumpelt hatte. «Er fühlt sich von mir übergangen», dachte sich Sofie. Nina, die überzeugt war, dass alle Männer Machos sind, war sich sicher, dass Tills männlicher Stolz verletzt war. Deshalb baten ihn die beiden Frauen darum, die genaue Route zu planen. «Er muss sich wichtig vorkommen. Das wird ihn motivieren», sagte Nina überklug. Die Wahrheit hatte jedoch nichts mit Ninas Vermutung zu tun. Tills Selbstvertrauen hatte nichts abbekommen. Der Grund für sein Verhalten war die Erinnerung an einen alten Traum, welche ihn nicht mehr losliess.

Vor vier Jahren, wollte Tills Familie die Sommerferien in Siebenbürgen verbringen. Sie hatten schon gepackt und die Flugtickets gekauft. In der Nacht vor der Abreise, hatte Till den besagten Traum. Darin hatte sich Till in einer Stadt verirrt. Er fand seine Familie nicht mehr. Er hatte Angst und fror. An einem übelriechenden Ort sah er dann seine Mutter tot am Boden liegen. Till fürchtete deshalb die bevorstehende Reise und flehte seine Eltern an, nicht hinzufahren. Wie es sich dann herausstellte hatte Till die Grippe erwischt und der Traum war ein Erzeugnis des hohen Fiebers, welches ihn plagte. Tills Eltern mussten die Reise absagen. Till hatte diesen Traum nie vergessen und auch die Abneigung gegen die Reise nach Rumänien war geblieben.

Till hatte sich Phil anvertraut, doch er nahm die Sache gelassen. «Es war nur ein Traum, du hattest Fieber, Mensch!», zuckte er mit den Schultern. «Wovor hast du Angst? Deine Mutter kommt nicht mit und du bist kein Kind mehr!» Till musste Phil Recht geben. Er hohlte tief Luft und versuchte, die Sache entspannter zu betrachten. Er setzte sich mit Phil an die Routenplanung und tatsächlich begann er, sich auf die Ferien zu freuen.

Voll bepackt und reisefreudig standen die vier Freunde am Bahnhof als der Zug eintraf. Aufgeregt suchten sie das richtige Zugsabteil. Mit grossen Schritten liefen sie von Wagon zu Wagon. Nina blieb etwas zurück, da sie mit dem Gewicht ihres Rucksackes zu kämpfen hatte. «Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht zu viel Schnickschnack mitnehmen sollst», sagte Phil besserwisserisch, worauf hin alle lachten, denn sie kannten ja Nina. «Aber Phil, Nina kann es doch nicht riskieren ungestylt vor einen hübschen Vampir zu treten. Da muss mindestens ein Ballkleid her.» Till nahm sie hoch. «Spottet nur aber, wenn euch etwas fehlt, dann kommt nicht zu mir», rechtfertigte sich Nina. «Und sowieso habe ich keine Ballkleider oder sonst welchen Schnickschnack mitgenommen, nur Futter für die Reise. «Futter? Ich dachte du willst abnehmen?», grinste Phil fies und fragte hinterher scheinheilig nach, ob sie auch genug Bier eingepackt habe. «Was noch?» Nina wurde langsam etwas griesgrämig. Sofie nahm ihre Freundin endlich in Schutz: «Also Jungs das reicht. Wenn ihr während der Reise saufen wollt, dann könnt ihr selber daran denken und vor allem selbst schleppen.»

Um die Lage wieder zu entschärfen, machte Till die Seitentasche seines Rucksacks auf, der voll mit Bier war. Da mussten wieder alle lachen.

Bis nach Budapest reisten sie im Liegewagen. Der Zug war nicht voll besetzt, so hatten die vier das ganze Abteil für sich. In Budapest blieb ihnen nur eine Stunde Zeit zum Umsteigen, deshalb wollten sie sich nicht gross vom Bahnhof entfernen. Sofie war etwas genervt, denn sie hatte schlecht geschlafen. Sie jammerte ununterbrochen, dass sie hungrig sei. Sofie war nie unerträglicher gewesen, als im müden und hungrigen Zustand. Ihre Freunde kannten sie gut und wussten, dass es in solchen Momenten besser war sie nicht zu ärgern. In der Nähe des Bahnhofes fanden die vier Reisenden ein gemütliches Café, dort nahmen sie ihr Frühstück ein. Kaum hatten sie ihre Teller leer, war es schon wieder an der Zeit zum Bahnhof zurückzukehren. Die ganze Eile war, wie es sich herausstellte, umsonst, denn der Zug hatte Verspätung. Erst war die Rede von fünf Minuten, dann von einer Viertelstunde und zum Schluss sogar von einer halben Stunde. Till und seine Freunde setzten sich auf eine Bank neben dem Bahnsteig. Um die Zeit zu vertreiben fingen sie an, die anderen wartenden Passagiere zu beobachten. Es gab einige kuriose Gestalten zu sehen. Zum Beispiel sass neben ihnen eine alte Frau. Die zahnlose Schönheit hatte bestimmt schon beinahe hundert Jahre erlebt. Sie trug ein mit roten Rosen verziertes Kopftuch, wahrscheinlich um nicht kalte Ohren zu bekommen. Anstelle einer Reisetasche hatte sie zwei karierte Stofftaschen, die sie ständig mit ihren Händen festhielt. Offensichtlich hatte sie Angst beklaut zu werden. Auch den vier deutschen Touristen gegenüber zeigte sie eine gewisse Skepsis.

Sofies Blick wandte sich von der Frau ab, sie stupste die anderen an, um ihre Aufmerksamkeit auf ein Pärchen zu lenken, welches gerade an ihnen vorbeispazierte. Die beiden unterhielten oder stritten sich auf rumänisch. Der Mann trug einen viel zu grossen Anzug, dennoch führte er sich auf, als sei er der grosse Gatsby persönlich. Die Frau war mit Schmuck behängt wie ein Weihnachtsbaum. Sie trug Leggings mit Tigermuster und dazu eine knallblaue Bluse. Ihre Augen waren bis zu den Augenbrauen im gleichen Knallblau bemalt. Sie sah ziemlich schräg aus. Sofie und Nina krümmten sich vor Lachen, als die Frau an ihnen mit 20-Zentimeter-Absätzen vorbeiwackelte. Till bemerkte wenige Meter entfernt eine Gruppe. Er hatte zuvor noch nie Zigeuner gesehen, trotzdem war er sich sicher, dass es sich um solche handelte. Sein Vater hatte ihm ab und zu Geschichten über Zigeuner erzählt. Auch Tills Freunde widmeten ihre Aufmerksamkeit der Sippe. Ein kahlköpfiger Mann mit bräunlicher Haut war dem Anschein nach der Anführer oder das Familienoberhaupt. Er diskutierte heftig mit zwei jüngeren Männern. Diese nickten ihm erst eifrig zu, dann wurden sie etwas lauter und gestikulierten wild. Dann kam eine junge Frau dazu. Sie hatte langes schwarzes Haar und ein sehr schönes Gesicht. Ihre schwarzen Augen spiegelten eine endlose Tiefe. Sie war schlank mit vollzogenen Rundungen. Sie trug einen geblümten Rock und hatte einiges an Goldschmuck umgehängt. Offensichtlich hatten die jungen Männer und die Frau eine Auseinandersetzung mit dem Oberhaupt. Dieser hatte irgendwann wohl genug von der Diskussion, denn er winkte die anderen ab und wandte sich einem Mann mittleren Alters mit noch dunklerer Haut zu. Dieser Mann trug einen Hut. Die beiden tuschelten etwas miteinander. Der dunkle Mann mit Hut ging danach zu einem anderen Mann, der ebenfalls einen Hut aufhatte und neben einer älteren Frau sass. Auch diese beiden schienen etwas Wichtiges zu besprechen. Ein Handschlag folgte, eine Abmachung wurde getroffen. Zu der Sippe gehörte auch eine jüngere Frau die auf ihrem Koffer sass. Ihr langes schwarzes Haar war mit einer glänzenden Haarklammer hochgesteckt. In ihren Armen hielt sie ein Baby. Als sie aufstand konnte man erkennen, dass sie wieder schwanger war. Zwei Mädchen und ein Junge schlenderten die ganze Zeit um sie herum.

«Die war aber fleissig», bemerkte Phil.

«Was meinst du, wer ist ihr Mann?», fragte Sofie neugierig zurück. Die Antwort auf die Frage bekam sie bald, denn es kamen drei weitere Männer zu der Gruppe dazu. Einer von ihnen ging geradewegs auf die Frau zu und nahm ihr das Baby ab.

Endlich fuhr der Zug ein, die meisten Passagiere stürmten zum Gleis vor. Die Sippe der Zigeuner besetzte eine ganze Wagontüre. Till und seine Freunde nahmen es gelassen. Im Wissen, dass der Zug noch wartet stiegen sie zum Schluss in aller Ruhe ein. Die Folge ihrer Gelassenheit war jedoch, dass sie keine Sitzplätze mehr fanden. Die Reservation war für diesen Zug nicht obligatorisch und die vier wollten sich das Geld sparen. Jetzt bereuten sie es. Genau noch zwei Plätze konnten sie in einem Abteil ergattern, dort nahmen Sofie und Nina Platz. Sie wollten sich dann mit den Jungs abwechseln. Till und Phil standen im Gang und unterhielten sich. Die beiden Zigeunermädchen spielten ebenfalls im Gang. Da hörten sie, wie die Jungs auf Deutsch sprachen. Das ältere Mädchen war ungefähr zehn Jahre alt. Sie holte tief Luft, ihre schwarzen Augen waren weit aufgerissen und sahen Till an. Sie musste wahrscheinlich ihren ganzen Mut zusammennehmen, doch dann fragte sie auf Deutsch. «Wie heisst du?» Till musste lächeln. Er antwortete automatisch auf Ungarisch. «Ich bin Attila, ich kann Ungarisch nur meine Freunde nicht. Wer bist denn du?» Das Mädchen hiess Anastasia. Sie stellte Till viele Fragen über Deutschland. Sie erzählte ihm, dass sie in der Schule Deutsch lernt und dass sie in ihrer Klasse in Deutsch die Zweitbeste sei. Der kahlköpfige Sippenchef bekam das Gespräch mit und ging auf die Jungs zu.

«Wenn ihr keine Sitzgelegenheit gefunden habt, dann könnt ihr euch auf die Plätze der Kinder setzen, solange sie spielen.» Phil und Till nahmen das Angebot gerne an. Die Zigeuner stellten sich ihnen vor. Der Kahlköpfige hiess Josef und der mit dem Hut hiess Gusti. Nur die schwangere Frau reiste mit Ihnen, aber ohne das Baby. Sie wurde Vera genannt. Die zwei braunhäutigen Männer begannen Till auszufragen. Woher er komme und wohin er mit seinen Freunden gehe. Till erzählte ihnen, dass sie Campen wollen und dass er noch nie in Siebenbürgen war, obwohl sein Vater dort geboren wurde. Ein wenig ängstlich, doch ohne weiter darüber nachzudenken fragte Till: «Sagt mal, ihr seid doch Zigeuner, oder?» Die beiden Männer blickten einander schmunzelnd an. Gusti verzog den Mund, Josef kniff die Zähne zusammen. Ein tiefes Schweigen legte sich für eine kurze Zeit über die Zugskabine. Till wurde die Situation unangenehm. «E…entschuldigt, wenn ich etwas Unpassendes gesagt habe. Ich, ich dachte n-nur…», stammelte er. «Keine Bange! Ja, wir sind Zigeuner, aber anständige, ehrbare Zigeuner!», sagte Gusti in hohen Tönen. «Weisst Du, es gibt verschiedene Zigeuner. Ich weiss nicht, was du über uns gehört hast, aber wir sind auf jeden Fall anständige Zigeuner. Wir stehlen nicht!“, betonte er. «Wir sind Händler», fügte Josef hinzu. Er warf Gusti ein verschmitztes Lächeln zu, woraufhin dieser eine Plastikflasche mit Hauswein aus dem Gepäck nahm. Er streckte die Flasche Phil zu und sagte auf Deutsch «Trinken!» Phil führte die Flasche zum Mund, danach reichte er sie an Till weiter. Till zögerte ein wenig, dann trank er einige Schlücke davon. Josef und Gusti tranken ebenso vom Wein. So ging die Flasche mehrere Male umher. Die Zweiliterflasche neigte sich dem Ende zu, als Till seinem Freund zuflüsterte: «Ich glaube, mir wird bald schlecht von dem Wein, dir nicht?» Phil sah Till erstaunt an, dann meinte er gelassen «Nein, ich habe keinen Tropfen getrunken. Ich tat nur so als ob!» Till wurde vor Wut ganz rot im Gesicht.

Sofie und Nina sassen zwei Zugsabteile weiter und erzählten sich spannende Horrorgeschichten. Sie scherzten darüber, wie es wohl wäre, wenn sie tatsächlich Vampiren oder Werwölfen begegnen würden. Ein alter Mann sass Sofie gegenüber. Sein vollkommen weisses Haar war nach hinten gekämmt. Über seinen Lippen, die immerzu ein wenig lächelten, trug er einen gezwirbelten Schnurrbart. Seine tiefsitzenden Augen strahlten die beiden jungen Frauen an. Nina wandte etwas arrogant ihren Kopf ab, während sie die Augenbrauen hochzog. Sofie hingegen fand den alten Mann niedlich und lächelte ihm freundlich zu.

«Deutsch? », fragte der alte Mann «Ja!», antwortete Sofie. «Bisschen kann ich sprechen Deutsch», sagte der Mann mit einem markanten Akzent. «Ich bin Ludwig», stellte er sich vor. Auch die Mädchen nannten ihren Namen. Nina hatte ihre unfreundliche Art von vorhin wieder abgelegt. «Im Krieg hatte ich einen deutschen Freund. Wir waren zusammen im russischen Konzentrationslager gefangen», erzählte er mit glänzenden Augen. Dann fügte er besonnen hinzu. «Weiss nicht, ob er noch lebt.» Sofie war an seiner Geschichte sehr interessiert so stellte sie ihm einige Fragen, woraufhin er mit voller Hingabe zu erzählen begann. Er hielt ab und zu inne, man sah ihm an, dass er sich erinnerte, danach führte er die Erzählung fort. Von Zeit zu Zeit wiederholte er sich, und wenn ihm das Deutsche Wort nicht einfiel, dann sagte er es auf Rumänisch. Die beiden Mädchen verstanden dann zwar nicht alles, aber sie setzten die Sätze irgendwie zusammen. Ludwig erzählte ihnen, dass sein Dorf, in dem er geboren ist, in seiner Jugend noch zu Ungarn gehörte, aber dann kamen die Rumänen. Er beschrieb die Geschehnisse zu Kriegsbeginn. Er wurde zur Arbeit einberufen und wurde dann in russische Gefangenschaft gebracht. Im russischen Gefangenenlager waren auch viele Deutsche. Sein Freund Frank war sehr erfinderisch, so war schliesslich alles erträglicher. Der alte Mann erzählte den Mädchen von der Kälte in Russland und von den Arbeiten in den Minen. Er beschrieb die Schwierigkeiten, welche er hatte um wieder nach Hause zu gelangen. Als er wieder nach Hause kehrte, war seine Heimatstadt nicht mehr in Ungarn, sondern in Rumänien. Als er darüber sprach, schluchzte er ein wenig. Sofie hatte von Tills Vater schon Geschichten über die Aufteilung Ungarns gehört, so wusste sie bereits einiges. Sie war auf Details gespannt, deshalb befragte sie Ludwig zu diesem und jenem. Sie wollte auch seine Meinung über Vampire hören. Der alte Herr knurrte und schüttelte den Kopf. Er sagte etwas, was die Mädchen nicht verstehen konnten, danach sah er die Mädchen wieder an und fragte: «Also, ihr interessiert euch für Vampire, was?» Sofie und Nina nickten ihm zu. «Ich fand die Geschichte von Dracula so spannend. Und es heisst ja, dass es auf gewissen Wahrheiten basiert. Gibt es denn noch Vampire in Transsylvanien?» Ludwig verzog den Mund zu einem Lächeln und wieder schüttelte er sein Kopf. «Na gut, aber seid mir nicht böse, wenn ich euch enttäuschen muss. Ich habe den Roman von Dracula nie gelesen, aber ich habe darüber schon genug gehört um zu wissen, welchen Schaden er angerichtet hat.»

«Schaden angerichtet? Wie kann ein Buch Schaden anrichten?», fragte Nina verständnislos und blickte von Ludwig zu Sofie und wieder zu Ludwig herüber. Der alte Mann antwortete selbstbewusst. «Nur soweit kann ein Buch schaden anrichten, indem es die Geschichte der Ungarn verfälscht. Vor allem die von den Siebenbürgen Szeklern und sogar die der Sachsen. Aber die rumänische Regierung hat ja schon genug von uns gestohlen, da kommt es darauf nicht mehr an. Was Dracula betrifft, da gab es mal tatsächlich einen moldawischen Fürsten namens Vlad. Weil er seine Feinde gepfählt hattte, bekam er den Beinamen Tepes - der Pfähler. Sein Vater war als Dracul bekannt, da er zu König Sigismunds Drachenorden gehörte.» Die Mädchen hörten dem alten Mann gespannt zu. Ludwig führte die Erzählung über die Geschichte des fünfzehnten Jahrhunderts fort. Über den König Ungarns, den Herrscher Siebenbürgens, den türkischen Sultan und über die moldawischen Fürsten der Walachei, welche ihre Verbündete wie bei einem Schachspiel wechselten. Die Mädchen erfuhren von Ludwig, dass die Vampire auf Rumänisch Moroi heissen, und die Leute glaubten, diese seien Untote, welche zu Lebzeiten Sünden begangen und ihre Seelen dem Bösen verkauft hatten. Die Erde nahm ihre Körper deshalb nicht an und ihre Seelen fanden keine Ruhe. So wurden sie dazu verflucht, sich von den Lebenssäften ihrer Familienmitglieder, Verwandten oder Feinde zu ernähren. Da Vlad, Sohn des Dracul, Dracula nicht nur seine Feinde sondern auch Kranke, Waisenkinder und das Bettlervolk ermordete, wurde er für die Bevölkerung ebenfalls zu einem Vampir.»

Der alte Ludwig genoss die Aufmerksamkeit der beiden deutschen Frauen, deshalb holte er immer wieder neu aus, um noch mehr zu erzählen. Die deutschen Wörter fielen ihm immer schneller ein, ohne lange nachzugrübeln, obschon sich immer noch einige rumänische Bezeichnungen in seine Sätze mischten. Er selbst bemerkte es nicht einmal, dass er die beiden Fremdsprachen, die er beherrschte, miteinander vermischte.

Folglich verstanden die Mädchen nicht ganz alles, was der alte Mann ihnen mitteilen wollte. Er nannte zum Beispiel die Habsburger ständig diebische Ritter, die Erklärung dazu blieb aber aus. Sofie wollte nachhacken, doch Nina winkte ihr zu, sie solle Ludwig weitererzählen lassen. «Schloss Bran ist das angebliche Schloss des Draculas, welches der Erbe von diesen diebischen Rittern zurückbekommen hatte um es gleich wieder zu verkaufen. Also wie auch immer, Dracula oder Vlad hatte damit echt nichts am Hut. Auch wenn die dies der Welt so verkaufen wollen. Und mit Schässburg hat Vlad auch nichts zu tun. Er ist nicht dort geboren, glaubt mir!» Er sprach etwas aufgebracht, offensichtlich belasteten ihn diese Geschichten. Er bemerkte die Verwirrung in den Augen seiner Zuhörer, deshalb fasste er sich wieder und fuhr etwas sachlicher fort. «Also Schloss Bran ist schön, sieht es euch ruhig an, aber denkt daran: Es hat nichts, wirklich nichts mit diesem Dracula zu tun. Mein Namensvetter, der grosse König Ludwig, liess diese Burg von den Sachsen in Kronstadt bauen. Die Siebenbürger Szekler waren dann diejenigen, die das Schloss gegen die Türken und den Fürsten der Walachei verteidigten. Wenn Vlad jemals dort war, dann höchstens im Kerker!» Mit diesem Satz beendete der alte Mann seine Erzählung. Die Mädchen schwiegen ihn erst eine Zeit lang an. Sie hatten so viele Informationen erhalten, erst mussten sie alles verdauen. Nina versuchte, das Schweigen zu brechen und das Gespräch auf ein leichteres Thema zu lenken. «Und wohin reisen Sie?», fragte sie den Alten. «Nach Arad», antwortete er, «dort wohnt mein älterer Sohn. Mein anderer Sohn ist nach Ungarn ausgewandert, ihn habe ich soeben besucht. Ich bleibe ein paar Tage, dann fahre ich wieder nach Hause nach Csik.» Sofie hatte die Landkarte Rumäniens bereits ausführlich studiert, deshalb kamen ihr die Ortsnamen bekannt vor. «Arad liegt doch bei der ungarischen Grenze, nicht wahr?», fragte sie nach. «Ja», gab Ludwig zur Antwort und fügte mit ernsterer Miene hinzu: «Obwohl die Stadt nahe bei Ungarn liegt, wohnen dort mittlerweile mehr Rumänen als Ungarer. Die Grenzgebiete wurden gleich nach Trianon mit Rumänen bevölkert. Auf diese Weise kann Ungarn das Gebiet nicht mehr zurückhaben wollen.» Nina spürte die Schwermütigkeit des alten Mannes, deshalb versuchte sie das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. «Ist denn Arad eine schöne Stadt?», fragte sie «Ja es hat schon einige Sehenswürdigkeiten“, antwortete er kurzangebunden.

Till nickte in seinem Rausch vom Hauswein ein. Phil lächelte die beiden Zigeuner verlegen an. Für eine Konversation sah er keine Möglichkeit, deshalb versuchte er ebenfalls etwas zu schlafen. Der Zug rüttelte und pfiff, danach hielt er mit einem Ruck an und weckte dabei die beiden Jungs wieder auf. Uniformierte, bewaffnete Männer stiegen in den Wagon und durchstreiften mit grossen Schritten den Gang. «Passaporte!», schrie einer von ihnen. Die Jungs standen von ihren Plätzen auf und gingen zu den Mädels hinüber, da ihre Pässe auch dort waren. Ein Zollbeamter mit groben Gesichtszügen ging auf sie zu und sagte zu ihnen etwas auf Rumänisch. Die vier Jugendlichen starrten ihn fragend an. Der Mann wiederholte seine Worte nochmals etwas lauter. Daraufhin sagte der alte Ludwig dem Beamten etwas, danach übersetzte er den Deutschen die Frage des Mannes: «Er fragte, ob Sie etwas zu verzollen haben?» Auf die Frage antworteten alle vier gleichzeitig, dass sie nichts mitführen. «Passaporte!», sagte der Mann in Uniform wieder und nahm alle Ausweise an sich. Ludwigs Pass gab der Zollbeamte nach Kurzem zurück, doch die Ausweise der vier Freunde blätterte er lange durch. Er verglich die Bilder gründlich mit den Reisenden. Danach drückte er die vier Pässe in Phils Hand und ging ohne ein Wort zu sagen weiter. Kaum war der erste Zollbeamte ausser Sichtweite, kam schon ein weiterer Uniformierter, bewaffneter Mann. Auch dieser verlangte nach den Pässen. Er stellte Ludwig einige Fragen, danach gab er ihm seinen Ausweis wieder. Die vier deutschen Ausweise betrachtete auch dieser Grenzwächter länger. Vor allem in Tills Ausweis blätterte er besonders lange. Er wiederholte seinen Namen laut «Hmm, Regös, Attila». Er sah ihn forschend an, dann fragte er: «Visum?» Die vier Freunde sahen sich verwundert an. Der alte Ludwig wollte behilflich sein, deshalb wiederholte er die Frage des Beamten: «Er fragt, ob ihr einen Stempel habt. Ihr braucht ein Visum!» - «Aber das kann nicht sein“, dachten sie sich, sie hatten es ja in Deutschland abgeklärt. Man hat ihnen gesagt, dass ein Visum nicht mehr nötig sei. Nina versuchte die Angelegenheit auf Englisch zu klären, doch der Mann verstand weder Englisch noch Deutsch. Da bat Till den alten Ludwig zu übersetzen. Der Grenzwächter wirkte plötzlich etwas verunsichert. Ohne eine Erklärung lief der Beamte davon und nahm die deutschen Ausweise mit. Verwirrt und etwas besorgt blickten sich die vier an. «Was macht dieser Mann jetzt mit unseren Pässen?», fragten sie sich. Es vergingen einige Minuten, in denen Nina immer mehr in Panik geriet. Phil war etwas aufgebracht und auch Till fühlte sich etwas unwohl. Nur Sofie fand die Situation extrem aufregend. Nach einigen Minuten kam der Grenzwächter mit einem Kollegen zurück. Auch dieser fragte sie, ob sie ein Visum hätten. Die vier Deutschen schüttelten nur ihre Köpfe und zuckten mit den Schultern. Etwas verunsichert sahen sich die zwei Beamten um, schliesslich druckten sie in alle Ausweise jeweils einen Stempel. Damit war die Sache abgeschlossen. Sie gaben die Pässe an die Reisenden zurück und verabschiedeten sich. Kaum waren sie aus dem Wagon gestiegen, fuhr der Zug weiter. Nina, die gerade eben noch kurz vorm Heulen stand, begann lauthals zu kichern. «Nur wegen uns musste der Zug so lange stehen!» Mit einem Lächeln auf dem Gesicht sagte der alte Ludwig: «Die wussten nicht, was sie zu tun haben, deshalb sagte der eine zum anderen, dass sie die Pässe zur Sicherheit abstempeln sollten.» Alle mussten lachen. Till stellte mit Entsetzen fest, dass die Grenzwächter nicht wirklich gut ausgebildet waren.

Ludwig begann sein Gepäck zusammenzustellen, da der Zug bald in Arad eintreffen würde. Nachdem der alte Mann und ein weiterer Passagier ausgestiegen waren, setzten sich die Jungs zu den Mädchen ins Abteil. Sofie studierte Peters Aufzeichnungen und die Landkarte Rumäniens. «Die nächste Station ist Deva, lasst uns dort aussteigen», sagte Sofie voller Euphorie. «Wieso, was soll dort sein?», fragte Phil. Till erinnerte sich an eine Geschichte, die ihm sein Vater früher immer wieder erzählt hatte. Als Kind liebte er die Legende über Devas Burg. «Es gibt dort eine Burg», begann er zu erzählen. «Die Legende besagt, dass einst zwölf Maurer die Aufgabe erhielten die Burg aufzubauen. Doch was sie an einem Tag erbauten, zerfiel in sich in der darauffolgenden Nacht. Die Zwölf sahen keine andere Lösung, als eine Frau zu opfern. Ihre Asche sollten sie mit dem Mörtel vermischen, nur so konnten sie die hohe Burg erbauen. Sie hatten ein Bündnis geschlossen. Wessen Frau als Erste das Mittagessen bringt, wird geopfert. Der Fluch traf die Frau von Kelemen. Sie wurde verbrannt und ihre Asche wurde in den Mörtel gemischt. So konnten die zwölf Maurer Devas Burg errichten.» Sofie kannte die Geschichte bereits, dennoch lauschte sie gerne Tills Erzählung. «Ist denn das eine wahre Geschichte?», fragte Nina etwas naiv. «Auf jeden Fall steht die Burg nicht mehr, jetzt ist sie nur noch eine Ruine“, erklärte Till «Macht nichts, dann bauen wir sie wieder auf, was Till? Wir können ja Nina und Sofie einmauern!», scherzte Phil, worauf hin Sofie ihm ihre Tasche an den Kopf schmiss.

Die Sonne stand schon im Westen als die vier Freunde in Deva eintrafen. Erst hielten sie nach einem Hotel Ausschau, doch alle Zimmer schienen ausgebucht zu sein. Sofie und Phil kamen auf die Idee bei der Burgruine zu zelten. Till gefiel der Gedanke ebenfalls, nur Nina zögerte ein wenig. Die Ruine ragte auf einem Hügel in die Höhe und beherrschte mit ihrer Präsenz die ganze Stadt. In der Abenddämmerung wirkten die zerstörten Gemäuer beängstigend und mystisch, dennoch zogen sie die vier Jugendlichen magisch an. Den Weg zur Ruine fanden die deutschen Freunde auf Anhieb. Unter dem Hügel lag ein Bauernhof. Von dort kam ein hellbrauner Hund von mittlerer Grösse auf sie zugerannt. Nina hatte Angst vor Hunden, deshalb versteckte sie sich hinter Phils Rücken. Von dort aus kreischte sie und rief dem Hund zu, er solle verschwinden. Sofie hingegen hätte das niedliche Tier am liebsten gestreichelt. Sie hatte jedoch Bedenken, er könnte tollwütig sein. Der Vierbeiner umkreiste die vier Menschen und wedelte freudig mit dem Schwanz. Anschliessend bellte er einmal und lief auf dem Weg zur Ruine voraus. Es sah beinahe so aus, als würde er den Touristen den Weg zeigen wollen. Sie folgten dem Tier auf den Hügel hinauf durch den Wald. Phil ging mit grossen Schritten voraus. Sofie versuchte mitzuhalten, das kostete ihr aber ihre ganze Willenskraft. Nina hatte etwas Mühe mit dem Gewicht ihres Rucksacks und auch Till war etwas ausser Atem, denn er war sich ans Wandern nicht gewöhnt. Die Sonne war in der Zwischenzeit untergegangen und es war beinahe schon ganz dunkel, als die vier bei der Ruine ankamen. Die Jungs machten sich auf die Suche nach Brennholz und zündeten ein Feuer an. Die Mädchen bauten währenddessen das Zelt auf. Der Hund wich nicht von ihrer Seite, obwohl sie ihn weder gefüttert noch gestreichelt hatten. Die vier Freunde sassen am Feuer und assen gegrillte Würste, da konnte Phil nicht anders und warf dem Hund ein Stück Wurst zu. Der Hund schnupperte daran, warf Phil einen dankbaren Blick zu, verschwand dann aber ohne das Fleisch anzurühren. «Na, dieser Hund ist aber sehr eigenartig!», stellte Phil fest.

Sofie war von der Umgebung und der Aussicht überwältigt. Auch den anderen gefiel ihr Standort und die Burgruine sehr. Die vier Freunde unterhielten sich bis spät in die Nacht. Müde und erschöpft schlüpften sie in ihre Schlafsäcke. Alle schliefen sehr schnell ein, lediglich Nina schreckte ab jedem Geräusch auf. Ab und zu knackste ein Ast, ein Tier musste in der Nähe sein. Plötzlich gefror ihr das Blut in den Adern. «Was war das?» Sie hörte eine zierliche, weibliche Stimme. Als würde jemand weinen. Sie versuchte sich auf die Stimme zu konzentrieren, doch da überkam sie eine drückende Müdigkeit. Sie träumte von einer Frau mit langem, braunem Haar. Sie stand auf einem Scheiterhaufen zwischen Flammen und weinte. Nina schreckte wieder auf. Sie war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob sie eben geträumt hatte oder nicht. Sie zitterte vor Angst. Sie versuchte sich zusammenzureissen, da hörte sie wieder die weinende Frau. «Hey!», sagte sie laut um die anderen aufzuwecken. «Was ist?», knurrte Phil müde. «Die Frau des Maurers!», sagte Nina verängstigt. «Was?» Phil hatte keine Ahnung, was Nina meinte. «Die Frau in der Burgmauer! Ich hörte, wie sie weint», Nina war ausser sich vor Schreck. Sie sprach flüsternd und bewegte sich nicht. Phil war wieder eingenickt, so bekam er Ninas weitere Worte gar nicht mehr mit. Nina begann verzweifelt Sofie zu pieken. «Häh?! Was!?», schreckte Sofie auf. Sie schrie so laut, dass auch die Jungs endgültig aufwachten. «Was schreit ihr herum?», fragte Till wütend. «Ich hörte, wie die Frau in der Mauer jammerte», erklärte Nina mit Tränen in den Augen. Ihre Freunde mussten lachen. «Du hast nur geträumt», versuchte Sofie schliesslich ihre Freundin zu beruhigen. Till versuchte wieder einzuschlafen, während Phil Nina noch immer auslachte. «Psst! Hört nur!», sagte Nina. Auch die anderen drei wurden still und horchten, ob sie etwas hören. Tatsächlich konnte man von draussen ein leises Wimmern hören. Die vier Jugendlichen zuckten zusammen. «War die Legende wirklich wahr? War es wirklich der Geist der Frau, der weinte?» Wie gelähmt sassen die vier in ihren Schlafsäcken. Sofie erwies sich als die Mutigste. «Na kommt, wir sehen nach!», entschied sie und sprang auf. Sie öffnete das Zelt und ging hinaus. Die anderen folgten ihr etwas ängstlich. Eng hintereinander schreitend gingen sie um die Ruine herum. Das Weinen war nur selten zu hören, das machte es schwierig die Klangrichtung festzustellen. Die vier Freunde hatten jeden Winkel in der Ruine abgesucht, doch einem Geist sind sie nicht begegnet. In einem Schlupfloch entdeckten sie den treuen, hellbraunen Hund. Er schlief sehr tief, denn er wachte nicht einmal auf, als die vier Menschen sich ihm näherten. Der Hund knurrte und jauchzte im Schlaf ein wenig. «Ich glaube der Köter hat im Schlaf geweint», schlussfolgerte Till.

Die vier kehrten zum Zelt zurück. Der Schlaf überkam sie schnell, nur Nina blieb noch eine zeitlang wach. Da das Weinen aber nicht mehr zu hören war, schlummerte auch sie schliesslich ein.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als die vier Abenteurer aufwachten. Während dem Frühstück sprachen sie über die Ereignisse der vergangenen Nacht. Sie mussten über sich selbst lachen. Bei Tageslicht kam ihnen alles so unwahrscheinlich vor, sie konnten kaum noch nachvollziehen, weshalb sie so erschrocken waren. Auch der Hund hatte sich wieder zu ihnen gesellt. Mit freudigen Sprüngen rannte er um sie herum. Es war schon beinahe Mittag, bis sie sich wieder auf den Weg nach unten machten. Die Stadt unter dem Hügel erschien ihnen als ein grosser grauer Fleck. Die meisten Menschen auf den Strassen gingen mit gesenkten Blicken an den Deutschen vorbei. Es kam ihnen vor, als würden sie die Leute meiden. Einige Anwohner begafften sie wiederum als wären sie nicht von dieser Welt.

Als erstes suchten die Touristen eine Bank um Geld zu wechseln, danach setzten sie sich in eine Gartenwirtschaft. Sie wollten dort Mittagessen und die weitere Route besprechen. Von Deva aus wollten die vier zu Fuss nach Kronstadt gelangen. Sofie sagte das Ziel an, während Till die Route auf der Karte einzeichnete.

Sie sassen bestimmt schon eine Viertelstunde im Restaurant ohne bedient zu werden. Es sah so aus, als würde sie die Kellnerin nicht bemerken. Nach dem Phil der Bedienung vergeblich zuwinkte, stand er auf und ging auf sie zu. Die Frau kam dann endlich zu ihrem Tisch und legte die Menukarte vor. Anschliessend verschwand sie wieder. Die Speisekarte war ausschliesslich auf Rumänisch geschrieben, so konnten die vier Freunde nur vermuten was es geben könnte. Nach wenigen Minuten kehrte die Kellnerin mit einem Notizblock zurück und erwartete die Bestellung. Sofie versuchte auf Deutsch nachzufragen, was dies oder jenes sein könnte, doch die Frau verstand kein Deutsch. Till versuchte sein Glück auf Ungarisch, doch die Frau verhielt sich noch gleichgültiger. Sofie stellte ihre Fragen auch noch auf Englisch und Nina nahm sogar ihre Französischkenntnisse hervor, von der Frau kam jedoch keine Reaktion. Till empfahl seinen Freunden irgendetwas zu bestellen, es wird schon alles geniessbar sein, doch ehe sie hätten bestellen können, lief die Kellnerin davon und kehrte nicht wieder zurück. Umsonst winkten sie ihr zu. Die Frau ignorierte sie, als ob sie gar nicht da wären. Nach einer Dreiviertelstunde mussten die Vier einsehen, dass sie in diesem Restaurant nichts zu essen bekommen würden. Vergeblich suchten sie hungrig und wütend nach einem anderen Restaurant. Sie fanden keines. In einem Lebensmittelgeschäft kauften sie etwas Brot und Würste. «Wir essen dann an einer Feuerstelle», sagte Till entschlossen. So machten sich die Freunde wieder auf dem Weg, der aus dieser unfreundlichen Stadt hinausführte. Der Hund folgte ihnen bis zur Stadtgrenze, dort blieb er stehen und bellte ihnen nach. Phil schien ihn zu verstehen. Er ging auf den Hund zu und streichelte ihn zum Abschied. Der Hund wedelte mit dem Schwanz, bellte noch einmal und lief dann wieder zurück in die Stadt.

Die vier Freunde sahen den Hund mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach. Sofie sprach es aus was alle dachten: «Diesen Hund werde ich niemals vergessen.»

Der Wind wirbelte eine dünne aber gut sichtbare Staubschicht über die Strasse. Leerstehende, herabgekommene Fabrikgebäude zeugten von dem Versuch der Industrialisierung. Die einst wahrscheinlich schöne Landschaft wirkte auf die kleine Gruppe bedrückend. Stillschweigend liefen die vier Freunde nebeneinander. Alle vier dachten das Gleiche: «Was war das für eine beunruhigende Kraft, deren Spuren man auf den Gebäuden und auf den Gesichtern der Leute sehen konnte?» Umso länger sie unterwegs waren, desto schneller begannen die Jungs zu marschieren. Die Sonne brannte heiss und die Betonstrasse reflektierte die Hitze. Nina hielt die Spannung nicht mehr aus. «Wir sind doch in den Ferien, oder?» Phil wusste nicht, was er antworten sollte, er lächelte ihr nur freundlich zu. Sofie fand die angespannte Stimmung belustigend, doch um Nina aufzuheitern schrie sie lauthals: «Juhui! Wir sind in den Ferien!» Daraufhin hakte sie sich bei Nina ein und begann freudig zu springen. «Auch so etwas muss man geniessen können. Alles ist eine Frage der Einstellung“, fügte sie etwas besserwisserisch hinzu. Nina konnte sich nicht mehr zurückhalten, sie begann zu jammern. «Für dich mag das alles amüsant sein, dreckig, verschwitzt und hungrig zu sein, aber ich… » «Ja, ja wir alle wollten uns waschen und etwas essen, doch der Fluss schien vorhin nicht sehr sauber zu sein und eine schöne Feuerstelle werden wir auch noch finden», unterbrach Till die Mädels.

Bereits anderthalb Stunden waren vergangen, seit sie die Stadt hinter sich gelassen haben. Die Gegend wurde immer freundlicher. Hügel und Täler lockten in leuchtendem Grün. Das Gemüt der vier Freunde wurde ebenfalls heiterer. Obschon sie etwas erschöpft waren. Sie überquerten eine Wiese, die mit Wildblumen bewachsen war. Die Strahlen der Sonne brannten heiss auf sie herab. Sie bogen auf einen Feldweg ein, der durch ein Waldstück führte. Im Schatten konnte sich die kleine Gruppe endlich abkühlen. Auf einmal stand ihnen ein Stier im Weg. Zuerst versuchten sie, sich am Tier langsam vorbeizuschlängeln, doch dieser sah sie bedrohlich an und stampfte mit den Vorderbeinen. Wie verwurzelt blieben die vier Freunde stehen. Nina stand eng hinter Phil. «Was jetzt?», fragte sie flüsternd. «Was soll schon sein? Ist doch nur eine Kuh!», antwortete er nicht allzu überzeugend. Fragend sah er zu Till hinüber. «Wenn wir durch das Gebüsch gehen, kommt er wahrscheinlich nicht nach», überlegte Till immer noch stillstehend. Die Flucht durch das stachelige Gebüsch war nicht wirklich verlockend. Unentschlossen standen die Vier immer noch vor dem Stier, als ein schrilles Pfeifen erklang. Ein kleiner Junge von etwa zehn Jahren, mit schlankem, nacktem Oberkörper stand plötzlich neben dem Stier. Der Knabe schlug mit einem Stock auf das Hinterteil des Tieres. Mit unverständlichen Wörtern forderte er den Stier auf weiterzugehen. Der Stier war zwar dem Jungen gefügig, dennoch wirkte er auf die Jugendlichen triumphierend. Kurzerhand machte das Tier kehrt und lief zwischen den Bäumen davon. Der Junge zwinkerte den Deutschen zu und lief dem Tier hinterher.

«Njeeh», versuchte Till den Jungen nachzuahmen. Die vier Freunde atmeten erleichtert auf. Nach der ausgestandenen Angst lachten und scherzten sie etwas übermütig. «Gehen wir weiter, ihr heldenhaften Torreros!», ärgerte Sofie die Jungs. Die vier Freunde gingen zunächst nur langsam weiter, denn sicher ist sicher.

Nach wenigen hundert Metern kamen sie zu einer Felswand. Auf ihrer linken Seite ragte diese steil in die Höhe. Auf der anderen Seite war eine Weidelandschaft zu sehen, mit einer kleinen Holzhütte. Neben dem Weg sass ein Mann an einen Baum gelehnt. Dieser hatte seinen Hut übers Gesicht gezogen und mampfte etwas, das in Zeitungspapier eingewickelt war. Der Mann unter dem Baum trug trotz der Hitze einen dicken Wollpullover. Darunter blickte auch noch ein hellblauer Hemdkragen hervor. Nina war über den Anblick der seltsamen Gestalt so entsetzt, dass sie den Mann unwillkürlich anstarrte. Der Mann musste ihren Blick gespürt haben, denn er rückte seinen Hut zurecht, wischte sich den Mund mit dem Pulloverärmel ab und schaute dann den Wanderern mit erhobenen Augenbrauen nach. Die Mädchen schien er regelrecht von oben bis unten zu begutachten. Die vier Freunde waren bereits an ihm vorbeigegangen, als er ihnen nachrief. «Unde, unde?», fragte er auf Rumänisch. Drei Augenpaare richteten sich auf Till der ihnen mit einem Schulterzucken mitteilte, dass er den Mann ebensowenig verstehe wie sie. Auch der Mann verstand seine Gestik und fragte nochmals auf Ungarisch nach: «Sind Sie Ungarn?» «Wir kommen aus Deutschland, aber ich kann Ungarisch», antwortete Till, doch da er keine Lust hatte, lange mit diesem eigenartigen Figur zu kommunizieren, lächelte er freundlich und ging auf dem Weg weiter. «Na, warum so eilig?», fragte die Gestalt während sie aufstand und mit den Armen die Gruppe zu sich einlud. Alle Blicke richteten sich auf Till, er fühlte sich wie im Kreuzfeuer. «Er will mit uns plaudern», sagte er nicht allzu begeistert. Nina war schon müde und setzte sich auf ihren Rucksack. «Ich werde Sie schon nicht essen!», scherzte der Mann. Till verzog den Mund zu einem Lächeln. Der Mann ging einen Schritt auf die Jugendlichen zu. «Wohin gehen Sie?», fragte er. «Nach Kronstadt!», kam die Antwort, worauf der Mann seinen Hut abnahm und sich den Hinterkopf zu kratzen begann. Man sah ihm an, dass er sich Gedanken machte. «Nach Kronstadt!? Sie wollen zu Fuss nach Kronstadt?», er konnte es kaum fassen, «Das ist weit!» Er atmete schwer durch. «Zu Fuss wollen Sie nach Kronstadt?», wiederholte er seine Frage fassungslos. Till bemerkte die einfachen Gedankengänge des Mannes, deshalb erklärte er ihm, dass sie hier Wanderferien machen. «Na gut dann!», liess sich der Mann überzeugen. Nina, Sofie und Phil verstanden kein Wort von der Unterhaltung, deshalb wurden sie etwas ungeduldig. Auch Till wollte den Weg fortsetzen, er versuchte den Mann auf höfliche Weise loszuwerden. Vom Häuschen auf der Weide war ein Ruf zu hören: «Heyeyeyey». Der Mann antwortete zugleich und auch von der anderen Seite des Hügels kam ein ähnlicher Ruf. Die vier Reisenden sahen sich verwundert an. «Das war meine Frau, das Essen ist fertig. Wenn Sie wollen, können Sie gerne mit uns essen», sagte der Mann. Zwar fanden die vier den Mann ein wenig abstossend, weil sie aber sehr hungrig waren, nahmen sie die Einladung dennoch dankend an. Nina hatte insgeheim sogar gehofft, auf dem Hof duschen oder sich zumindest waschen zu können. Die vier nickten dem Mann zustimmend zu, der die Freunde zu seinem Hof geleitete. Erst führte der Weg ein wenig aufwärts, anschliessend betraten sie einen engen Pfad zwischen Sträuchern und Bäumen, bis sie schliesslich über eine Weide zum Haus des Mannes gelangten. Soweit man diese Hütte ein Haus nennen konnte, denn die Wände des Holzgebäudes standen so schräg, als wollten sie jeden Moment zusammenbrechen. Das Dach bestand lediglich aus einigen Blechplatten. Die Hütte hatte drei Teile, ein Fenster war aber nirgends zu sehen. Die deutschen Touristen verloren die Fassung beim Anblick dieser Armut, der Hausherr zeigte sein Zuhause jedoch voller Stolz. Die Hausherrin trug ein graues, schlichtes Kleid und ein Kopftuch. Als sie die Gäste erblickte, sprang sie von der Bank, auf der sie sass und rannte in die Hütte. Innerhalb kürzester Zeit, trat sie ohne Kopftuch mit frisch gekämmtem Haar und Geschirr für die Gäste wieder hervor. Sie deckte den Tisch draussen vor dem Haus. Ihr Gatte rief ihr etwas auf Rumänisch zu, woraufhin sie wieder im Haus verschwand. Der Hausherr bot seinen Gästen einen Platz am Tisch, deutete an, dass er gleich wiederkomme und verschwand ebenfalls in der Hütte. Von dem Hügel rannte eine kleine Gestalt hinunter und näherte sich dem Tisch. Es war der Junge mit dem Stier, er musste der Sohn des Gastgebers sein. Der Knabe kam lachend auf die Besucher zu. Er sagte etwas auf Rumänisch, da er aber bemerkte, dass die vier ihn nicht verstanden, machte er mit seinen Händen zwei Hörner und deutete somit auf den Stier. Till nickte höflich dem Jungen zu, doch dieser fand die Angelegenheit sehr belustigend. Inzwischen kam auch der Hausherr aus dem Haus. Mit seinen rauen Händen streichelte er über den Kopf des Jungen und sagte dann stolz zu Till: «Das ist mein Sohn, Jani.» Der Junge und sein Vater setzten sich zu den Gästen. Die Hausherrin kam aus der Küche und stellte einen grossen Topf auf den Tisch. «Mögen Sie Suppe? », fragte der Mann. Etwas enttäuscht sahen sich die vier Freunde an, denn sie hatten grossen Hunger und bloss eine Suppe konnte diesen nicht stillen. Ein Blick in den Topf beruhigte die Gemüter dann aber schnell. Die Suppe sah köstlich und sehr ergiebig aus. Die vier Touristen schlürften die Suppe hinunter, als hätten sie seit mehreren Tagen nichts zu essen bekommen. Keiner sagte etwas während dem Essen, doch es war allen klar, dass weder die Frau noch der Sohn des Gastgebers Ungarisch konnten. Nachdem die hungrigen Gäste den ganzen Suppentopf geleert hatten, fragte die Frau zufrieden; «Bine?» Auch ohne Rumänischkenntnisse verstanden die deutschen Besucher die Frage und nickten eifrig. Der Mann nahm den leeren Suppentopf zurück in die Küche und kam mit einer reichbelegten Holzplatte zurück. «Bitte greifen Sie zu. Wir haben köstlichen, hausgemachten Schafskäse und feinen geräucherten Speck. Der Schafskäse hat meine Frau gemacht. Und das hier ist Salami mit Knoblauch. Sie ist ein wenig scharf, aber es ist die beste Salami, die es gibt», sagte er freundlich. Die Jungs liessen sich nicht zweimal bitten, sie packten jeweils ein Stück Brot und strichen dick Schafskäse darauf und nahmen auch reichlich Wurst und Speck dazu. Nina pickte nur ein wenig, schliesslich wollte sie abnehmen. Sofie bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen. «Wie arm müssen die sein», dachte sie «trotzdem bewirten sie uns so gut und wir, wir benehmen uns wie irgendwelche Trampel.» Während ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen, lächelte sie mit einem warmen Lächeln ihren Gastgebern zu. «Danke, es ist sehr gut», sagte sie auf Ungarisch, etwas steif doch richtig. In den letzten Jahren hatte Sofie von Till einige Ausdrücke gelernt und dachte, nun sei der Zeitpunkt gekommen diese zu nützen. Dem Hausherrn hat Sofies Versuch Ungarisch zu reden sehr imponiert, doch weder seine Frau noch der Junge hatten reagiert. «Ja, danke sehr, es war ausgezeichnet», fügte Till hinzu, woraufhin der Mann noch mehr zu Essen anbot. «Essen Sie ruhig, es hat noch mehr», versicherte er, doch die ganze Truppe war schon mehr als satt. Sogar Phil, der Nimmersatt, hielt sein Bauch fest und befürchtete, dass er gleich platzen würde. Ninas grösster Wunsch war sich zu waschen, doch wenn sie ihr Blick über die Hütte schweifen liess, konnte sie da kein Badezimmer erkennen. Etwas abseits stand ein kleines Holzgebäude. Das musste die Toilette sein, doch wo konnte man sich hier waschen? Als hätte die Frau Ninas Gedanken verstanden, winkte diese ihr und Sofie zu, sie sollen ihr folgen.

---ENDE DER LESEPROBE---