Der Weg der gefallenen Sterne - Caragh O'Brien - E-Book

Der Weg der gefallenen Sterne E-Book

Caragh O'Brien

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Beschreibung

Nicht aufgeben!

Die junge Gaia Stone ist Hebamme. Doch in einer zerstörten Welt kann auch sie den verlorenen Kindern nicht mehr helfen, und so trifft Gaia eine schwere Entscheidung. Gemeinsam mit einer Gruppe junger Siedler verlässt sie das Ödland, um zur Stadt hinter der Mauer zurückzukehren und um Hilfe zu bitten. Werden sie die gefährliche Reise überstehen? Und wird sich Gaias Hoffnung auf eine bessere Zukunft endlich erfüllen?

Gerade hat Gaia in der Siedlung Sylum eine neue Heimat gefunden, da steht sie schon wieder vor großen Veränderungen. Denn die Menschen von Sylum leiden an einer sonderbaren Krankheit: Sie können den Ort nur um wenige Meilen verlassen, bevor sie lebensgefährliche Schwächeanfälle erleiden. Ein Hinweis in den Aufzeichnungen ihrer Großmutter zeigt Gaia jedoch, wie sie dieser großen Gefahr entfliehen können. Und so begibt sie sich mit einer Gruppe Siedler auf die gefährliche Reise zurück zu dem Ort, dem sie einst entflohen ist – der Enklave, der Stadt hinter der Mauer. Weder die junge Gaia noch ihre Gefährten wissen, was sie dort erwartet …

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Seitenzahl: 425

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CARAGH O’BRIEN

der weg dergefallenensterne

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Oliver Plaschka

Die Originalausgabe ist unter dem Titel Promisedbei Roaring Brook Press, New York, erschienen.

Copyright © 2012 by Caragh M. O’Brien

Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Karte & Illustrationen: Caragh M. O’Brien

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik Design, München, nach der Idee von Jason Ramirez

Umschlagfoto: Copyright © Rekha Garton

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-09140-8

www.heyne-fliegt.de

Für William, Emily und Michael LoTurco

Inhalt

1 Exodus

2 Klan Neunzehn

3 Ein Versprechen

4 Krims

5 Der Babystreik

6 Heimkehr

7 Das Trägerinstitut

8 Kameras

9 Pegs Taverne

10 Sally Row

11 Die Registrierung

12 Ein Mäuschen im Rohr

13 Alte Freunde

14 Im Kreis

15 Einladung

16 Geburtsfest

17 Der Schläfer im Turm

18 Geheimnisse

19 Belagerung

20 Das Ferkel

21 Mittag

22 Das Leben zuerst

23 Unter der Arkade

24 Lange Schatten

1 Exodus

Gaia legte einen Pfeil ein und spannte den Bogen.

»Keine Bewegung!«, rief sie. »Auf die geringe Entfernung schieße ich nicht vorbei, und ich ziele genau auf deine rechte Niere.«

Der Nomade lag mit in die Stirn geschobener Schutzbrille am Rand der Klippe auf dem Bauch und spionierte Gaias Karawane mit einem Fernglas aus. In Griffweite neben ihm lag ein altes Gewehr. Als er ihre Stimme hörte, ließ er das Fernglas sinken.

»So ist’s gut«, sagte Gaia. »Jetzt rutsch langsam von dem Gewehr weg.«

Der Nomade aber rollte sich zur Seite, warf das Fernglas nach ihr und griff nach der Waffe. Gaia ließ den Pfeil von der Sehne schnellen, er durchbohrte die Hand des Nomaden und sandte das Gewehr in hohem Bogen über den Klippenrand. Ehe der Spion sich von seinem Schreck erholen konnte, hatte Gaia schon einen neuen Pfeil eingelegt und trat mit dem Fuß auf die aufgespießte Hand.

»Ich habe gesagt, keine Bewegung!«

Sie zielte nun direkt auf sein Gesicht – und da erst bemerkte sie, dass die Züge unterhalb der schweren Brille die eines jungen Mädchens waren.

Überrascht nahm Gaia den Fuß von der Hand des Mädchens. Sie riss ihr noch den Dolch aus dem Gürtel, dann wich sie zurück. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihr, dass sie noch immer alleine auf der Klippe waren. Wo steckten nur ihre Scouts? Der Himmel über ihr war ein glänzender Baldachin aus Rosa- und Orangetönen, doch das Ödland war in die aschfarbenen Schatten der Dämmerung getaucht, sodass man nur Schemen erkennen konnte. Gaia spannte wieder ihren Bogen.

»Du bist bestimmt nicht alleine hier draußen«, stellte sie fest. »Wo stecken deine Leute?«

Das Nomadenmädchen krümmte sich vor Schmerzen. Rotes Blut tropfte von ihrer Hand auf die Felsen, und die Federn des Pfeils erblühten wie eine hochgiftige Blume aus dem Handrücken.

»Jetzt rede schon«, drängte Gaia sie.

Stattdessen kauerte sich die kleine Nomadin über ihre durchbohrte Hand. Der Schmerz stand ihr in den dunklen Augen, um die ihre Schutzbrille schmutzige Ränder gezeichnet hatte. Hätte Gaia nicht gewusst, dass sie eben noch bewaffnet gewesen war, sie hätte sie für das verletzlichste, hilfloseste Geschöpf gehalten, das ihr je untergekommen war.

»Verstehst du mich?«, fragte sie.

Das Mädchen gab noch immer keine Antwort, doch der wachsamen Art und der ursprünglichen Reaktion nach zu schließen, war Gaia davon überzeugt, dass sie sehr wohl verstand.

Sie hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Abermals ließ sie den Blick umherschweifen, über Felsen, Sträucher, Schatten. Wenn sie ein so junges Mädchen zum Spionieren losschickten, mussten die Nomaden in einer verzweifelten Lage sein, aber das machte sie nicht weniger gefährlich. Unter ihnen, in Schussweite, machten die neunzehn Klane von Gaias Karawane gerade Feuer und Kochtöpfe bereitet, um ihr sorgsam rationiertes Abendessen zu kochen. Sie konnten es sich nicht leisten, etwas davon an Räuber zu verlieren.

Die Nomadin war ganz sicher nicht alleine. Ihre Kleidung aber bestand nur noch aus Fetzen, und ihre Stiefel, die einmal von einer gewissen Qualität gewesen sein mochten, waren voller Staub und kündeten von den vielen Kilometern, die sie zurückgelegt hatten. Da schaute das Mädchen überrascht zu den nahen Sträuchern, und im selben Moment hörte auch Gaia ein Rascheln. Sie duckte sich tiefer, den Bogen nach wie vor auf das Mädchen gerichtet.

»Ganz ruhig«, flüsterte sie. »Wenn jemand uns angreift, erwischt es dich zuerst.«

»Gaia? Bist du das?«, hörte sie eine vertraute Stimme.

Erleichtert richtete sie sich auf und ließ den Bogen sinken. Chardo Peter und fünf ihrer Scouts traten näher und verteilten sich rasch über die Felsen.

»Wir haben nach dir gesucht«, sagte Peter. »Ist alles in Ordnung?«

»Natürlich«, sagte Gaia. »Allerdings hatte ich mit vierzig Scouts hier oben gerechnet. Wo stecken denn alle?«

»Noch weiter draußen«, sagte Peter. »Aber sie kommen schon näher. Siehst du, dort?«

Auf der nächstgelegenen Klippe konnte Gaia Bewegung ausmachen. Zwei Scouts zeichneten sich vor dem Himmel ab und huschten dann weiter. Sie steckte den Pfeil zurück in den Köcher und warf sich den Bogen über die Schulter.

»Warnt sie, dass wir nicht alleine sind. Und ich möchte, dass die nähere Umgebung noch einmal abgesucht wird – jetzt gleich.« Ein paar Scouts verschwanden in den Schatten. Gaia trat auf das Mädchen zu. »Wer ist noch da draußen?«

Das Mädchen schüttelte verängstigt den Kopf.

»Kannst du nicht sprechen?«

»Brauche Hilfe«, hauchte die junge Nomadin mit kehliger Stimme. Sie zeigte nach Westen.

»Wer ist dort?«, hakte Gaia nach. »Deine Familie?«

Das Mädchen schüttelte abermals den Kopf und schluckte schwer. »Mein Freund ist verletzt«, flüsterte sie rau, offensichtlich bereitete das Sprechen ihr Schmerzen. »Bitte.«

Gaia ging neben ihr auf die Knie. »Lass mich deine Hand sehen«, sagte sie. »Peter, schau doch mal, ob du ihr Fernglas findest. Sie hat es nach mir geworfen. Und am Fuß der Klippe müsste auch ihr Gewehr liegen. Das möchte ich haben.«

Dann untersuchte sie die Wunde, die ihr Pfeil in die zierliche Hand des Mädchens geschlagen hatte. Die Ränder waren unregelmäßig, und sie konnte die Blutung nicht stillen, ehe der Pfeil nicht entfernt war. Kurz hatte sie ein flaues Gefühl im Magen, dann riss sie sich zusammen und legte die Hand des Mädchens auf einen flachen Stein. Sie nahm ein Tuch aus ihrer Tasche, faltete es und legte es bereit.

»Stillhalten«, sagte sie und schaute dem Mädchen in die Augen. »Ich ziehe den Pfeil jetzt heraus. Bereit?«

Das Mädchen nickte und schloss fest die Augen. Mit einem glatten Ruck zog Gaia den Pfeil aus der Wunde, dann presste sie dem Mädchen ihr Tuch auf die Handfläche.

»Peter.«

Er reichte ihr sein schwarzes Halstuch, damit sie es dem Mädchen als behelfsmäßigen Verband um die blutende Hand wickeln konnte. »Halte die Hand immer aufrecht, und drücke den Verband von beiden Seiten fest. Siehst du? So.«

Zaghaft schlug das Mädchen die Augen wieder auf und besah sich seine bandagierte Hand.

»Wie fühlt es sich an?«, fragte Gaia.

Das Mädchen räusperte sich und nickte, doch statt zu reden, zeigte sie wieder nach Westen und richtete sich mühsam auf.

»Die Wunde muss ordentlich gesäubert werden. Ich bringe dich runter ins Lager.«

Doch die Nomadin schüttelte den Kopf und zog an Gaias Ärmel. Ganz offensichtlich wollte sie nicht ins Lager, sondern dass Gaia ihr folgte.

»Ist dein Freund weit weg?«

Das Mädchen hob fünf Finger.

»Fünf Minuten?«, fragte Gaia, und das Mädchen nickte.

»Du kannst nicht gehen«, protestierte Peter. »Es könnte ein Hinterhalt sein.«

Gaia wusste, dass er recht hatte, doch etwas an der gefassten Art des Mädchens hatte ihr Misstrauen besänftigt. Sie legte der Kleinen eine Hand auf die Schulter und sah nichts als Hunger und Erschöpfung in ihrem Blick.

»Werde ich es bereuen, wenn ich dir vertraue?«, fragte sie.

Das Mädchen schüttelte schwach den Kopf, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. »Bitte. Keine Gefahr.«

»Ich kann sie begleiten«, bot Peter an. »Du solltest besser zurück ins Lager. Sicher warten dort schon fünfzig Leute, die irgendwas von dir wollen.«

Genau diesen Pflichten aber hatte Gaia für fünf Minuten entfliehen wollen, als sie sich zu einem Spaziergang auf der Klippe entschlossen hatte.

»Nein. Wir gehen gemeinsam.« Sie wandte sich an die übrigen Scouts. »Lasst in Zukunft etwas mehr Vorsicht walten. Hätte diese Nomadin feindliche Absichten gehabt, hätte sie viele von uns ausschalten können. Das ist euch doch klar, oder?« Sie steckte das Messer ein. »Wenn wir in einer halben Stunde nicht zurück sind, sagt Chardo Will, dass er die Karawane führt.«

Ohne auf eine Reaktion zu warten, wandte sich Gaia ab und folgte der Nomadin, die sie im Halbdunkel rasch und lautlos durchs Gestrüpp führte. Ihre Kleidung hatte exakt die braungraue Farbe des Landes, sodass es einem vorkam, als sähe man ein Stück der Landschaft selbst durch die Schatten gleiten. Hinter sich konnte Gaia Peters Schritte hören.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als Gaia das bekannte Gefühl der Schwäche befiel, schlimmer als je zuvor. Sie hoffte, dass es vorübergehen würde, doch binnen Sekunden war sie schweißnass und zitterte. »Einen Moment«, sagte sie.

Dann packte sie einen nahen Felsen und wappnete sich gegen die Übelkeit, die sie nun mit voller Macht überkam. Sie beugte sich vor, von Magenkrämpfen geschüttelt, die Zähne zusammengebissen, und hoffte, dass sie sich nicht übergeben musste. Eine Sekunde lang sah es so aus, als könnte sie dem noch entgehen, dann erbrach sie sich in den Schatten des Felsens.

Hervorragend, dachte sie. Wenigstens hatte sie nicht ihre Hose bekleckert.

»Eigentlich sollte dir nicht mehr übel sein«, sagte Peter. »Alle anderen haben das schon vor zwei Wochen hinter sich gebracht. Ist dir denn die ganze Zeit über schlecht?«

Sie schloss die Augen und wartete, bis sich ihr Magen beruhigt hatte.

»Gaia?«, fragte er sanft und ganz aus der Nähe.

Sie wollte Peters Mitgefühl nicht. Sie winkte ihn weg und spuckte aus. »Es geht schon wieder.«

Das Mädchen aber betrachtete Gaia mit Besorgnis. Sie legte den Kopf schief, deutete einen großen runden Bauch mit den Händen an und zeigte auf Gaia.

»Nein, ich bin nicht schwanger«, sagte sie, sich vollauf bewusst, dass Peter ihr zuhörte. »Mein Problem ist, ich kann auf nichts schießen. Nichts Lebendes jedenfalls. Hinterher geht es mir immer so.« Und kein Training der Welt konnte ihr das austreiben.

Das Mädchen schaute überrascht drein, dann hob sie die verwundete Hand und stieß ein klangvolles, heiseres Lachen aus.

»Ich weiß. Ist schon komisch«, sagte Gaia.

Peter fand es offensichtlich nicht sehr witzig. »Wer weiß sonst noch davon?«

»Leon natürlich und ein paar der Bogenschützen. Es ist wirklich keine große Sache. Normalerweise bin ich ja nicht diejenige, die schießen muss – dafür habe ich meine Scouts.«

»Wenn du sie denn einmal mitnehmen würdest.«

Lästigerweise fühlte sie sich in Peters Gegenwart immer genötigt, die Wahrheit zu sagen. Auch das hatte sich nicht geändert. »Ich wollte einfach fünf Minuten meine Ruhe haben. Nur fünf Minuten. Ich habe dich nicht darum gebeten, dir Sorgen zu machen.«

»Das ist aber meine Aufgabe.«

»Dann hättest du die zusätzlichen Scouts auf der Anhöhe platzieren sollen, wie ich gesagt habe.«

Kaum, dass die Worte über ihre Lippen drangen, bedauerte sie ihre Schärfe. Schweigend wischte sie sich die Lippen mit dem Ärmel.

»Du kannst mir immer noch nicht in die Augen sehen, oder?«, fragte Peter.

Langsam drehte sie sich zu ihm um. Peter rückte sich ungeduldig den Gurt seines Köchers auf der Brust zurecht. Sein braunes Haar hatte er wachsen lassen, und an den Spitzen war es fast blond von den endlosen Tagen, die er vor dem Exodus mit der Erkundung des Ödlands verbracht hatte. Er hatte recht – ihr war seine Nähe nach wie vor unangenehm, selbst wenn ihre letzte Aussprache auf der Veranda des Mutterhauses mittlerweile mehr als ein Jahr zurücklag.

»Möchtest du mir etwas sagen?«, fragte sie.

Er betrachtete sie ruhig. »Hast du je bedauert, was du mir angetan hast?«

Ihre zerbrochene Beziehung hatte sie länger gequält, als sie eingestehen mochte, und seitdem für mehr als genug Konflikte mit Leon gesorgt – selbst wenn das keiner von ihnen je ausgesprochen hatte. »Aber natürlich.«

Er hob überrascht die Brauen. »Wieso hast du dann nichts gesagt?«

»Was hätte das für einen Unterschied gemacht?«

Fast war ihr, als könnte sie spüren, wie sich eine unsichtbare Felswand zwischen ihnen verfestigte.

»Es würde einen sehr großen Unterschied machen«, entgegnete er. »Selbst jetzt noch.«

Gaia massierte sich den Nasenrücken. »Wenn das so ist: Es tut mir leid.« Sie hatte ihn nicht absichtlich in Schwierigkeiten bringen wollen, als sie ihn damals, vor langer Zeit, geküsst hatte – aber genau das war geschehen, und sich freiwillig mit ihm an den Pranger zu stellen, hatte alles nur noch schlimmer gemacht. »Ich dachte, das hätte dir klar sein müssen. Ich fühle mich schrecklich bei dem Gedanken, wie ich dich behandelt habe, aber ich werde niemals bereuen, mich für Leon entschieden zu haben. Du und ich, wir können einfach keine Freunde sein.«

Peters distanzierte Haltung schmolz ein wenig dahin. »Ich bitte ja gar nicht darum, dein Freund zu sein.«

»Was willst du dann?«

»Ignoriere mich nicht länger. Schau mich an, wie du auch andere anschaust. Tu nicht länger so, als wäre ich gar nicht da. So viel habe ich mir verdient.« Er machte einen Schritt auf sie zu, in die unsichtbare Barriere hinein, die einen Sprung bekam und sich in viele schmerzhafte Scherben auflöste.

Mit einem bewussten Kraftakt begegnete Gaia seinem Blick. Seine blauen Augen waren so wach und lebendig wie eh und je, doch das Schmunzeln, das seine Züge einst umspielt hatte, war einer argwöhnischen Reserviertheit gewichen. Sie verstand ihn nur zu gut und fühlte mit ihm, und tief in ihrem Inneren schmerzte sie das Wissen, dass sie die Schuld an seiner Verwandlung trug.

Er machte einen weiteren halben Schritt auf sie zu und wandte keine Sekunde den Blick ab.

Es ging ihm wirklich nicht um Freundschaft, auch nicht um Vergebung. Er wollte etwas, das noch viel schwieriger war: Ehrlichkeit ohne Intimität.

»Ich kann es versuchen«, sagte sie.

Er nickte stumm. Das Mädchen schnippte ungeduldig mit den Fingern und zeigte voraus, Gaias ganze Aufmerksamkeit war aber auf Peter gerichtet.

»Reicht das?«, fragte sie.

»Ja«, sagte er leise und wandte als Erster den Blick ab. »Das reicht.«

»Führ uns weiter«, sagte Gaia.

Die Nomadin entschwand wieder in die Schatten.

In Gaias Erleichterung mischte sich auch eine Spur schlechtes Gewissen. Sie fragte sich, was Leon wohl von ihrem neuen Frieden mit Peter hielte. Dann verdrängte sie den Gedanken und eilte dem Mädchen hinterher.

Die Hitze des Tages klang bereits ab. Die Nächte hier draußen waren dunkel und kalt. Gaia roch Salbei und den allgegenwärtigen Staub, das Ödland war der Inbegriff der Trockenheit. Das Gelände senkte sich ab, und sie verlangsamten ihre Schritte, bis sie den Grund einer schattigen Schlucht erreichten. Im nächsten Moment war das Mädchen verschwunden.

»Wo ist sie hin?«, fragte Gaia. Irgendwo musste es einen versteckten Durchlass oder eine Höhle geben – aber Gaia konnte beim besten Willen keinen Weg durch die Felsen entdecken.

Da tauchte auf einmal in einiger Entfernung ihr Kopf wieder auf, dicht über dem Boden. Sie bedeutete ihnen, näherzukommen. Vorsichtig pirschte sich Gaia voran, und erst, als sie sie erreicht hatte, entdeckte sie die Spalte im Fels – fast zu klein für einen Menschen, aber Gaia konnte jemanden darin atmen hören. Vorsichtig legte sie ihren Köcher ab, duckte sich und folgte dem Mädchen hinein.

Weiter hinten in der Spalte lag zusammengesunken ein Mann auf dem Boden. Ein süßer, metallischer Geruch nach Blut lag in der Luft. Das Mädchen kuschelte sich an den Mann und fühlte nach seinem Herz, da legte er einen schlaffen Arm um sie.

»Du dummes Ding«, murmelte er. »Was habe ich dir gesagt, Angie? Du sollst dich doch der Karawane anschließen. Ich hole dich schon wieder ein.«

Auch Peter steckte nun den Kopf in die Spalte und riss ein Streichholz an. Der Verwundete zuckte zusammen und schaute auf. Seine Augen leuchteten fiebrig im Grabesdunkel des Felsens. Seine Wangen waren hohl, sein Bart dunkler als das ausgebleichte Haar, die Augenbrauen seltsam jungenhaft selbst in seiner Qual. Gaia ließ den Anblick auf sich wirken – und da traf sie das Erkennen mit aller Gewalt.

»Jack?«, fragte sie fassungslos.

Gaias Bruder verzog den Mund zu einem Grinsen. »Na so was«, sagte er schwach. »Wenn ich jetzt schwanger wäre, wärst du wirklich eine Riesenhilfe.«

2 Klan Neunzehn

Peters Streichholz ging aus.

»Mach schnell ein neues an«, sagte Gaia. »Es ist mein Bruder.« Sie war völlig außer sich vor Freude, ihn endlich wiederzusehen, doch seine schlechte Verfassung erschreckte sie. »Wo bist du verletzt? Wie lange liegst du schon hier?«

Peter zündete ein Streichholz nach dem nächsten an, damit sie etwas Licht hatten. Jack blinzelte schwach und studierte Gaia mit fiebrigen Augen. Sein Hemd war voller getrocknetem Blut.

»Kümmere dich einfach um Angie«, sagte Jack. »Sie hatte es schwer genug. Ich bin froh, dich noch einmal zu sehen – ich hatte es wirklich gehofft.«

»Sag mir, was dir passiert ist.«

»Ein Messerstich in der Seite. Ich dachte erst, so schlimm ist es schon nicht, dann bin ich umgekippt. Die Klinge muss vergiftet gewesen sein.«

»Wann war das?«

»Vor ein paar Tagen. Angies Mutter war gerade gestorben, und die Kleine hat sonst keine Familie. Es ist eine lange Geschichte, aber ihre Mutter bat mich, Angie zur Enklave zu bringen, damit sie wenigstens eine Chance hat. Ich war ihr was schuldig, also habe ich es versucht. Gaia, versprich mir bitte, dich um sie zu kümmern. Du willst doch wieder zur Enklave, oder nicht?«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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