Beschreibung

Masuren, Ostpreußen – 1918: Trotz zahlreicher Entbehrungen führt die junge Hedwig ein glückliches Leben. Nach der Heirat mit einem aufstrebenden Musiker und der Geburt zweier Kinder muss sie jedoch ihren eigenen Weg im Leben gehen. Als Hedwig sich endlich angekommen fühlt, zerstört das nahende Ende des 2. Weltkrieges alles. Hedwig und ihrer Tochter Margarethe gelingt die Flucht nach Norddeutschland. Dort kämpfen die beiden Frauen um ein neues Glück, doch auch Margarethes Leben verläuft nicht gradlinig … Der Weg der verlorenen Träume ist die Geschichte zweier Frauen, die stark und mutig allen Widerständen, die das Schicksal ihnen aufzwingt, trotzen und sich dabei nie selbst verleugnen.

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Der Weg der verlorenen Träume

Rebecca Michéle

edition oberkassel

Inhaltsverzeichnis

Prolog

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

Epilog

Nachwort

Dank an die LeserInnen

Rebecca Michéle

Impressum

Landmarks

Cover

Inhaltsverzeichnis

Dieses Buch widme ich meiner Großmutter und meiner Mutter, beide geboren in Sensburg, ­Ostpreußen, ...

... und den Millionen von Frauen, Männern und Kindern, denen durch einen furchtbaren Krieg, durch Flucht und Vertreibung die Möglichkeit ­genommen wurde, ihre Träume zu verwirklichen.

Prolog

Meersburg am Bodensee, Sommer 1994

Still und blau breitete sich der See vor ihm aus. Segelschiffe glitten geruhsam über das Wasser, in Ufernähe kreuzten Ruder- und Tretboote, die Menschen darin lachten und freuten sich über diesen herrlichen Sommertag. In den Sträuchern zwitscherten Vögel, um die Blüten der Sommerblumen summten Bienen und Hummeln auf der Suche nach süßem Nektar.

Werner Dombrowski ließ seinen Blick über die Idylle schweifen. Unterhalb der inmitten der Weinberge gelegenen Aussichtsterrasse lag Meersburg mit seinen historischen Häusern in der Unterstadt, dem alten Schloss mit den dicken, grauen Festungsmauern und dem Neuen Schloss linker Hand. Am gegenüberliegenden Schweizer Ufer zeichneten sich schemenhaft die Umrisse der Alpen ab. Einige Schritte von ihm entfernt hatte ein älteres Ehepaar auf einer Bank Platz genommen und genoss wie er die herrliche Aussicht. Werner Dombrowski hörte, wie der Mann sagte: »Ist das nicht wunderschön? Zu dumm, dass wir den Feldstecher vergessen haben, mit ihm könnten wir die Alpen noch besser erkennen.«

Die Frau seufzte und erwiderte: »Ich glaube, auf den Bergen liegt sogar noch Schnee.«

Dombrowski schmunzelte, schlenderte zu den beiden hinüber, grüßte freundlich und sagte: »Verzeihen Sie, aber ich habe zufällig Ihr Gespräch mitangehört. Heutzutage verwendet kaum noch jemand den Ausdruck Feldstecher.«

Die Frau lächelte und erwiderte: »Sie haben recht, in meiner Kindheit war die Bezeichnung durchaus üblich.«

Die Frau und ihr Mann waren in Dombrowskis Alter, und er nickte wissend.

»Auf einen solch wundervollen Ausblick waren wir nicht vorbereitet«, sagte der Herr in einem rheinischen Dialekt. »Obwohl man es in jedem Reiseführer nachlesen kann – die Wirklichkeit ist viel schöner und großartiger.«

Werner Dombrowski nahm seinen Rucksack vom Rücken, öffnete ihn, holte sein Fernglas hervor und reichte es der Frau.

»Sie können gern meines nehmen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, vielen Dank«, erwiderte der Mann.

»Wenn Sie genau schauen, dann erkennen Sie, dass die Bergkuppen tatsächlich noch schneebedeckt sind«, erklärte Dombrowski. »Ich komme regelmäßig und zu jeder Jahreszeit an den Bodensee und beobachte gern den Wandel der Natur.«

Zuerst blickte die Frau durch das Fernglas, dann reichte sie es ihrem Mann.

»Einfach traumhaft!«

»Sie verbringen Ihren Urlaub am Bodensee?«, fragte Werner Dombrowski.

Die Frau nickte. »Wir wohnen in einem Hotel in Konstanz. Gestern haben wir uns Stein am Rhein, Schaffhausen und den Rheinfall angesehen.«

»Sie sind zum ersten Mal in dieser Gegend? Verzeihen Sie, ich möchte nicht neugierig oder gar aufdringlich wirken«, fügte Dombrowski rasch hinzu.

Die Frau lachte, die Fältchen um ihre Augen hüpften.

»Das sind Sie nicht. Wir mögen den Kontakt zu den Einwohnern.«

»Oh, ich lebe nicht hier, sondern in Rottweil, einer Kleinstadt etwa hundert Kilometer nördlich, an der Autobahn nach Stuttgart gelegen«, erklärte Dombrowski. »Ich bin Mitglied im Schwäbischen Albverein und heute mit dem Bus nach Meersburg gekommen. Allerdings habe ich mich von den anderen abgesondert, manche Momente erlebe ich gern allein.«

»Das verstehe ich«, erwiderte der Mann und gab Dombrowski das Fernglas zurück. »Ich danke Ihnen, Sie sind sehr freundlich. Ich bin Hans Bruckmann, und das ist meine Frau Ingeborg. Verzeihen Sie, dass wir uns bisher nicht vorgestellt haben. Wir leben in Bacharach am Rhein.«

»So was habe ich mir gedacht, denn Ihr Dialekt klingt rheinisch.« Werner Dombrowski schmunzelte. »Leider war ich noch nie in dieser Gegend, es soll aber auch eine sehr schöne Landschaft sein.«

»In der Tat«, bestätigte die Frau, kniff die Augen zusammen und musterte Dombrowski. »Sie sind aber auch kein gebürtiger Schwabe, nicht wahr?«

Dombrowski schüttelte den Kopf. »Obwohl ich seit über vierzig Jahren in Rottweil lebe, habe ich mir das Schwäbische nie richtig angeeignet. Sie, Frau Bruckmann, sprechen aber auch nicht rheinisch.«

»Nein, ursprünglich komme ich aus Ostpreußen«, erwiderte Frau Bruckmann. Bei diesem Wort wurde es Werner Dombrowski warm ums Herz. Er lächelte und antwortete leise: »Ich auch.«

»Das überrascht mich nicht«, sagte die Frau. »Da ist so ein Klang in Ihrer Stimme, den wir Ostpreußen niemals verlieren, gleichgültig, wie lange es her ist, dass wir die Heimat verlassen haben. Aus welcher Gegend Ostpreußens kommen Sie?«

»Aus Sensburg«, antwortete Dombrowski bereitwillig. »Die Polen nennen es heute Mrągowo.«

Die zuvor rosigen Wangen der Frau verloren ihre Farbe. »Auch ich wurde in Sensburg geboren und wuchs dort auf, bis wir fortgingen ... fortgehen mussten.«

»Das gibt es doch nicht!«

»Wie ist denn Ihr Name?«, fragte Frau Bruckmann.

»Dombrowski.«

»Dombrowski?«, wiederholte sie fassungslos, wankte zu der Bank und setzte sich. Ihr Mann eilte an ihre Seite und legte einen Arm um ihre Schultern.

»Was ist mit dir, Inge? Du bist kalkweiß.«

Sie beachtete ihren Mann nicht, sondern starrte Dombrowski an.

»Sind Sie ... sind Sie ... vielleicht mit Hedwig Dombrowski verwandt? Sie hatte eine Schneiderei am Altstädter Markt, aber nein, das kann nicht sein ...«

»Hedwig Dombrowski ist meine Mutter.« Werner Dombrowskis Stimme klang belegt. Er setzte sich neben Frau Bruckmann und griff nach ihrer Hand. Sie war eiskalt. »Kennen Sie meine Mutter?«

Die Frau nickte, das Sprechen fiel ihr sichtlich schwer, und ihre Stimme war so leise, dass Dombrowski Mühe hatte, ihre Worte zu verstehen: »Dann sind Sie ... bist du Werner. Der Bruder von Grete.« Tränen schossen in ihre Augen, und auch Dombrowski hatte einen dicken Kloß im Hals.

»Margarethe ist meine Schwester, ja, und früher nannten wir sie Grete.«

Auf Frau Bruckmanns Gesicht spiegelte sich Ungläubigkeit.

»Ich bin Inge ... Ingeborg ... Bantlin, die Freundin von Grete. Wir ... du, Werner, Grete und ich haben früher im See gebadet, im Winter sind wir mit dem Schlitten den Kilimandscharo hinuntergesaust, wir sagten auch Tivoli zu dem Hügel. In den Ferien war immer ein Cousin von euch aus Königsberg da, ich glaube, sein Name war Gustav.«

Die Erinnerung holte Werner Dombrowski mit einer Wucht ein, als würde die Erde unter seinen Füßen beben. Jetzt erkannte er Inge Bantlin auch.

Ihr Gesicht war zwar von Falten durchzogen, das Haar ergraut, ihre Augen hatten sich aber nicht verändert. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da war er ein wenig in die Freundin seiner Schwester verliebt gewesen, aber Inge hatte in ihm nie mehr als einen guten Kameraden gesehen. Und dann war ohnehin alles vorbei ...

»Grete ...«, flüsterte Inge Bruckmann, eine bange Frage im Blick.

Wie in Zeitlupe nickte Werner Dombrowski. »Sie lebt ebenfalls in Rottweil, in der Nähe von Mutter und mir.«

Ingeborg Bruckmann sprang so schnell auf, als wäre sie ein Teenager.

»Ich wähnte euch tot! Viele Jahre habe ich nach Grete und ihrer Familie gesucht, es gab aber keinen Anhaltspunkt, dass ihr es geschafft habt. In den letzten Jahren konnte ich elf Mädchen aus unserer Schule finden, mit Grete sind wir nun dreizehn. Wir treffen uns einmal im Jahr, immer in einer anderen Stadt, wo heute eine von uns wohnt.«

Werner Dombrowski stand auf.

»Sind Sie ... seid ihr mit dem Auto hier?« Inge nickte, und er fuhr fort: »Sollen wir nach Rottweil fahren? Ich melde mich bei meiner Gruppe ab.«

»Das wäre wunderbar!«

Nun strömten Tränen über Inge Bruckmanns Wangen. Ihr Mann legte stützend seinen Arm um ihre Hüfte, und gemeinsam gingen sie zu ihrem Wagen, den sie in der Nähe des Aussichtspunktes geparkt hatten.

Knappe neunzig Minuten später hielt Hans Bruckmann vor einem Mehrfamilienhaus mit blumengeschmückten Balkonen in einer ruhigen Rottweiler Wohngegend.

»Ich spreche zuerst mit ihr«, sagte Werner Dombrowski. »Meine Schwester hat Herzprobleme, ich muss sie langsam vorbereiten.«

Grete öffnete die Tür, erstaunt runzelte sie die Stirn.

»Werner? Was willst du hier?«

Es kam selten vor, dass Werner seine Schwester besuchte. Dombrowski schob sie in die Wohnung und sagte: »Ich glaube, du solltest dich setzen.«

»Ist etwas mit Mutter?«, fragte Grete erschrocken.

Ihre und Werners Mutter war bereits einundneunzig, gesund zwar, in diesem Alter wusste man jedoch nie.

»Mutter geht es gut«, antwortete Werner, »aber unten vor dem Haus stehen Inge und ihr Mann, sie möchten dich besuchen.«

»Inge?«

»Ingeborg Bruckmann, früher hieß sie Bantlin.«

Grete taumelte, griff Halt suchend nach einer Stuhllehne und ließ sich auf diesen fallen.

»Du machst Scherze, Werner!«

Er schüttelte den Kopf und sagte ernst: »Wir trafen uns zufällig in Meersburg. Zuerst konnte ich es auch nicht fassen, es gibt aber keinen Zweifel. Soll ich sie heraufbringen oder regt dich das zu sehr auf? Brauchst du deine Tabletten?«

»Mir geht es gut.« Grete nickte mechanisch. Ihr Herz machte zwar ein paar Stolperer, wenn es aber wirklich stimmte, was Werner behauptete, würde sie jedes gesundheitliche Problem ignorieren.

Eine Minute später fielen sich die Frauen in die Arme.

Jede hatte die andere gleich erkannt, als wären nicht beinahe fünfzig Jahre seit ihrer letzten Begegnung vergangen.

Werner Dombrowski legte eine Hand auf Hans Bruckmanns Schulter und murmelte: »Weiter unten in der Straße gibt es eine Kneipe. Wir sollten ein Bier trinken und die Frauen besser allein lassen.«

Land der dunklen Wälder

und kristall’nen Seen,

über weite Felder

lichte Wunder geh’n.

Starke Bauern schreiten

hinter Pferd und Pflug,

über Ackerbreiten

streift der Vogelzug.

Und die Meere rauschen

den Choral der Zeit,

Elche steh’n und lauschen

in die Ewigkeit.

Tag ist aufgegangen

über Haff und Moor,

Licht hat angefangen,

steigt im Ost empor.

»Ostpreußenlied«

Musik: Herbert Brust (1900–1968)

Text: Erich Hannighofer (1908 – 1945 – verschollen)

EINS

Sensburg, Ostpreußen, 11. November 1918

»Hedi ...«

Der Ruf wurde von einem bellenden Husten unterbrochen. Hedwig legte den Lappen, mit dem sie das Geschirr abgewaschen hatte, beiseite und eilte die Stiege in den ersten Stock hinauf. Mit fieberglänzenden Augen saß die kleine Anna aufrecht in ihrem Bettchen. Als die Schwester das Zimmer betrat, keuchte das Kind: »Tut so weh ...« Ihre Worte gingen in einem weiteren Hustenanfall verloren. In Annas Brust rasselte es wie bei einem Schwertkampf.

»Ich weiß, mein Schatz, ich weiß.« Hedwig schloss den fieberheißen Körper ihrer siebenjährigen Schwester in die Arme. »Du wirst bald wieder gesund sein, du musst nur immer schön die Medizin nehmen.«

»Die ist so bitter.« Tränen kullerten über die blassen Wangen des Kindes.

»Je bitterer eine Medizin schmeckt, umso besser wirkt sie«, sagte Hedwig leichthin, dabei war ihr nicht zum Scherzen zumute. Seit zwei Wochen hielt die schwere Erkältung Anna im Griff, und sie hatten alles versucht, eine Lungenentzündung zu verhindern. Der Arzt hatte eine schwere Bronchitis diagnostiziert und eindringlich darauf hingewiesen, dass das Kind warm gehalten werden und regelmäßig kräftige Nahrung zu sich nehmen müsse.

»Wo ist Mutti?«, keuchte Anna und schnappte nach Luft. »Warum kommt Mutti nicht?«

»Mutti ist sehr müde und schläft. Du weißt doch, dass sie um diese Jahreszeit immer starke Schmerzen hat.«

Anna nickte ernst. »Muss Mutti sterben?«

Schnell schloss Hedwig die kleine Schwester in die Arme.

»Aber nein, Anna! Mutti braucht nur ein wenig Ruhe, morgen kommt sie wieder zu dir.«

Elf Kindern hatte Auguste Mahnstein das Leben geschenkt, sieben hatten das Säuglingsalter überlebt: drei Jungen und vier Mädchen. Die ständigen Geburten hatten an Auguste gezehrt und sie zu einer kränkelnden Frau gemacht. Nach der Geburt des jüngsten Sohnes hatte Hedwig, damals selbst noch ein Kind, zufällig mitangehört, wie ihre Mutter zum Vater sagte, sie wolle nun niemals wieder ein Kind haben. Hermann Mahnstein hatte das mit versteinertem Gesicht zur Kenntnis genommen, und Auguste war seitdem auch nicht wieder schwanger geworden. Hedwigs Vater war Beamter in der preußischen Polizei, eine Tätigkeit, die er stolz und mit großer Strenge ausführte. Einer Strenge, die er auch zu Hause an den Tag legte und seine Kinder mit preußischer Disziplin erzog. Nicht nur Hedwig hatte Respekt und fürchtete sich vor dem Lederriemen, der im Schlafzimmer der Eltern an der Wand hing und mit dem alle Kinder der Mahnsteins regelmäßig Bekanntschaft machten. Gehorsam und Pflichterfüllung waren die obersten Gebote in diesem Haus. Nie hätte eines der Kinder gewagt, Widerworte gegenüber dem Vater zu äußern oder seinen Wünschen nicht sofort nachzukommen. Hermann Mahnstein war für die Sicherheit und das Wohl der knapp achttausend Einwohner der Stadt Sensburg in Masuren zuständig. Stolz trug er seine Uniform und den »Helm mit Spitze« und verbot seinen Kindern, die Kopfbedeckung »Pickelhaube« zu nennen. Seiner Ansicht nach war Pickelhaube eine respektlose und abwertende Bezeichnung, auf Amtsdeutsch war dieser Ausdruck auch nicht geläufig. Hermann Mahnstein hatte ein rundes Gesicht, und seine Ohren standen beinahe in einem rechten Winkel ab. Das sah lustig aus und erschwerte ihm manchmal, sich als Polizist den nötigen Respekt zu verschaffen. Deshalb trat er in seinem Haus besonders streng auf und sparte auch nicht mit Schlägen.

Vor zweihundert Jahren waren die Mahnsteins aus dem Salzburger Land nach Ostpreußen gekommen, die Linie ihrer Vorfahren konnten sie weitere hundert Jahre zurückverfolgen. Einst trugen sie einen Adelstitel und verfügten über Landbesitz vor den Toren der heutigen österreichischen Stadt. Seit dem Westfälischen Frieden war die Familie protestantisch. Da Leopold von Mahnstein nicht bereit gewesen war, zum römisch-katholischen Glauben zurückzukehren, wurde ihm sein Besitz aberkannt und die Familie im Jahr 1732 aus Salzburg ausgewiesen. Ein Schicksal, das sie mit Tausenden weiteren Protestanten teilten.

Der preußische König Friedrich Karl I. holte einen Großteil dieser Emigranten nach Ostpreußen, das durch eine verheerende Pestepedemie Anfang des 18. Jahrhunderts nahezu entvölkert worden war. Leopold von Mahnstein legte seinen Adelstitel ab, und um seine kinderreiche Familie zu ernähren, arbeitete er nunmehr als einfacher Bauer in der Nähe von Gumbinnen.

Zwei Generationen später siedelte sich ein Mahnstein in Obermühlental an, heute ein Stadtteil von Sensburg. Dessen Nachkommen waren die letzten der Familie, alle anderen Zweige waren im vergangenen Jahrhundert ausgestorben. Hedwig, ihre Schwester Paula und ihr Bruder Karl waren noch in dem windschiefen, kleinen Haus in Obermühlental am südlichen Ufer des Junosees geboren worden.

1910 erhielt Hermann Mahnstein von der Stadt Sensburg ein größeres Haus aus roten Backsteinen, nur von einer sandigen Promenade vom Schoß-See getrennt, dem größten See der Gegend. Die wachsende Kinderzahl machte es notwendig, ein größeres Heim zu beziehen, und Hermann Mahnstein wurde damit für seine Arbeit als Polizist belohnt.

Hedwig liebte dieses Haus. Zwei Vollgeschosse, mehrere große, helle Zimmer, eine geräumige Küche, der zentrale Mittelpunkt der Familie; hinter dem Haus ein sonniger Garten, in dem sie Gemüse und Obst anbauten; an der anderen Seite des Hofes ein Schuppen und Stallungen, in denen sie Hühner hielten und täglich frische Eier hatten. Das Erste, was Hedwig sah, wenn sie nach dem Aufwachen aus dem Fenster schaute, war der See mit seinen uralten, mächtigen Weiden. Im Schilfrohr am Ufer nisteten im Frühjahr unzählige Vögel und Enten, in den warmen Monaten quakten die Frösche ohne Unterlass. Hedwig liebte Sensburg und Masuren. Irgendwann würde sie heiraten – das wurde schließlich von jedem Mädchen erwartet –, auf keinen Fall aber einen Mann, mit dem sie aus der Heimat fortgehen musste. Sich heute über eine Ehe den Kopf zu zerbrechen, war jedoch müßig, sie war ja erst fünfzehn Jahre alt.

Hedwig flößte ihrer Schwester einen weiteren Löffel von dem dunkelbraunen, zähen Hustensaft ein. Anna verzog angewidert das Gesicht und schluckte widerwillig. Dann legte Hedwig ein frisches, mit kaltem Wasser getränktes, Tuch auf Annas fieberheiße Stirn und blieb auf der Bettkante sitzen, bis das Mädchen eingeschlafen war. Ein Schlaf, der dem Kind ein paar schmerzfreie Stunden bescherte und hoffentlich Besserung bringen würde.

»Bitte nicht auch noch sie«, murmelte Hedwig. »Lieber Gott, sie ist doch noch so klein und unschuldig!«

Der Arzt hatte zwar von keiner akuten Lebensgefahr gesprochen, seit ihrer Geburt aber war Anna ein zartes und schwächliches Kind. Ob Masern, Mumps oder Windpocken – in ihren jungen Jahren hatte Anna schon alle Krankheiten gehabt und unter den damit einhergehenden Beschwerden stärker gelitten als ihre Geschwister. Die Schwester zu verlieren, wäre mehr, als Hedwig ertragen könnte. Nicht auch noch Anna…

Aufgeregte, laute Stimmen und das Geräusch, als würde eine Menschenmenge auf der Straße herumrennen, lenkten Hedwig von der Erinnerung an ihren Bruder ab. Unwillig runzelte sie die Stirn. Wer machte einen solchen Lärm? Hoffentlich wachte Anna nicht wieder auf. Sie öffnete das Fenster und blickte hinunter auf den Fußweg, der direkt neben dem Haus von der Uferpromenade aus in die Stadt hinaufführte. Vor einer halben Stunde noch war der Weg ruhig und verlassen gewesen, inzwischen war es dunkel, und Dutzende von Menschen strömten in die Stadt, ungeachtet des Nieselregens und der Kälte des Novembertags. Viele trugen Petroleumlampen oder Fackeln, ihre Gesichter leuchteten im Schein der Lichter, alle lachten und jubelten.

Eine solch ausgelassene Fröhlichkeit war in den letzten vier Jahren selten geworden. Worte konnte Hedwig keine verstehen, sie spürte aber, dass etwas Entscheidendes geschehen sein musste. Über die Dächer der Nachbarhäuser hinweg erkannte sie einen Lichtschein, der vom Marktplatz kommen musste. Sie schloss den Fensterladen, um die Geräusche zu dämpfen, und eilte nach unten. Was ging hier vor? Die Haustür wurde aufgerissen. Zusammen mit der eiskalten Luft strömte Karl Mahnstein in den langen, schmalen Hausflur.

»Füße abtreten!«, wies Hedwig den ein Jahr jüngeren Bruder scharf zurecht. »Ich habe erst vorhin aufgewischt.«

Karl kümmerte sich nicht um Hedwigs Ausruf. Er umarmte sie, hob sie mühelos hoch und wirbelte sie im Kreis herum. Trotz seiner Jugend war er einen Kopf größer als seine Schwester.

»Es ist vorbei!«, schrie er, bevor Hedwig ihn ermahnen konnte, aus Rücksicht auf Anna keinen Lärm zu veranstalten. »Der Krieg ist aus! Vorbei, hörst du, Hedi? Es ist endlich vorüber!«

Er stellte sie wieder auf die Füße, und Hedwig lehnte sich schwer atmend an die unverputzte Wand.

»Was sagst du?«

»Es stimmt.« Karl nickte mit geröteten Wangen, seine Augen glänzten, als habe er Fieber. »Zuerst wollte ich es nicht glauben, aber die Meldung kam gerade auf dem Telegrafenamt an. Seit heute Mittag herrscht Waffenstillstand. Das Töten hat endlich ein Ende. Komm, Hedi, wir wollen feiern! Die anderen sind alle schon in der Stadt, Paula und Luise bei Tante Martha, sie hat für alle Kakao gekocht.«

»Wo ist der Vater?«, fragte Hedwig, aber Karl schüttelte den Kopf.

»Keine Ahnung, ist auch egal. Kommst du jetzt?«

»Ich muss das Essen vorbereiten«, murmelte Hedwig automatisch. »Wenn Vater nach Hause kommt …«

»Unsinn«, unterbrach Karl sie. »Heute denkt niemand ans Essen.« Er sah seine Schwester an. »Hast du verstanden, was ich gesagt habe, Hedi? Der Krieg ist beendet! Deutschland hat ihn zwar verloren und musste bedingungslos kapitulieren, das wussten wir aber schon seit Monaten. Jetzt schweigen die Waffen, und niemand wird mehr sterben.«

Nur langsam drang die Bedeutung seiner Worte in Hedwigs Kopf. Konnte es tatsächlich wahr sein? War dieser Irrsinn, der über vier Jahre die Welt in Atem gehalten und unendlich viele Tote gefordert hatte, wirklich vorüber? Und wenn ja, was würde nun folgen?

»Geh schon mal vor in die Stadt, ich komme nach«, sagte Hedwig leise und schob ihren Bruder zur Tür. »Ich muss mich um Mutter und Anna kümmern.«

Karl nickte, stürmte aus dem Haus, schwenkte seine Mütze und Hedwig hörte ihn »Juchhe!« rufen.

Sie kehrte in die Küche zurück, die von einer Glühbirne in schwaches Licht getaucht war. Das abgespülte Geschirr stand noch im Schüttstein, zwei Kohlrüben lagen bereit, die Hedwig putzen, zerkleinern und für das Abendessen hatte zubereiten wollen. Immer mehr Menschen zogen am Haus vorbei, der Schein ihrer Fackeln leuchtete gespenstisch durch den neblig-trüben Abend.

»Frieden! Endlich Frieden!«, hörte Hedwig die Leute jubeln.

Hedwig sah zu dem Korbsessel in der linken Ecke der Wohnküche, einst der Lieblingsplatz von Heinrich. Ein kalter Schauer rann über ihren Rücken. Für ihn kam der Frieden zu spät. Heinrich war das älteste der Mahnsteinkinder gewesen, zwei Jahre vor ihr geboren. Zum Leidwesen des Vaters war Heinrich weder groß noch stark, und der eher sensible, feinfühlige Junge hatte seine Nase lieber in Bücher gesteckt, als mit seinen Kameraden auf Bäume zu klettern oder Krieg zu spielen. Trotzdem oder gerade deswegen hatte Hedwig ihren älteren Bruder zärtlich geliebt, und auch sie war seine Lieblingsschwester gewesen, was er die anderen nie hatte spüren lassen.

»Manchmal denke ich, wir wären Zwillinge«, hatte Heinrich oft augenzwinkernd zu ihr gesagt. »Wir sind uns viel ähnlicher als die anderen.«

Dass ein Krieg kein Spiel mit Holzschwertern war, hatte Heinrich im Herbst des vergangenen Jahres erfahren müssen. Gerade erst sechzehn war er gewesen, als der Einberufungsbescheid gekommen war. Obwohl er den Befehl stillschweigend entgegengenommen und seine Sachen gepackt hatte, hatte Hedwig gespürt, dass Heinrich längst nicht mehr an einen Sieg glaubte. Nach außen hin war er voller Enthusiasmus Seite an Seite mit seinen gleichaltrigen Schulkameraden durch die von jubelnden Passanten gesäumten Straßen zum Bahnhof geschritten. Zum Abschied hatte Hermann Mahnstein ihm wohlwollend auf die Schulter geklopft.

»Nun bist du kein Junge mehr, sondern ein Mann, auf den der Kaiser stolz sein kann.«

Heinrich war noch keine zwei Monate fort gewesen, als Hedwig eines Abends die Küche aufräumte. Sie war allein, die Geschwister bereits im Bett, die Eltern saßen in der guten Stube, als das Korbgeflecht des Sessels knarzte, als hätte sich ihr Bruder hineingesetzt. Das Geräusch war Hedwig so vertraut wie ihr eigener Atem.

»Heinrich!«

Hedwig war herumgeschnellt, hatte den leeren Stuhl angestarrt und sich verwirrt über die schweißnasse Stirn gewischt. Sie zitterte am ganzen Körper, Hitzewallungen und Schüttelfrost wechselten sich ab. Sie konnte die Anwesenheit ihres Bruders körperlich spüren, was natürlich Unsinn war. Niemand außer ihr befand sich in der Küche, alles war ruhig. Nur die Standuhr in der Diele schlug in diesem Moment die neunte Abendstunde. Dieser Schlag brannte sich wie mit einem glühenden Eisen in Hedwigs Gedächtnis ein.

Zwei Wochen später hatten die Mahnsteins den Brief erhalten. In knappen, unpersönlichen Worten war der Familie mitgeteilt worden, der Soldat Heinrich Mahnstein sei am 24. November 1917 bei der Schlacht von Cambrai verwundet worden und einen Tag später exakt um einundzwanzig Uhr seinen Verletzungen erlegen. Sein Leichnam wurde vor Ort in einem Kriegsgrab beigesetzt.

Seitdem war kaum eine Nacht vergangen, in der Hedwig nicht von Heinrich träumte. Nun war der Krieg zu Ende, aber die gefallenen Männer, die vielen Söhne, Brüder und Väter, würden niemals zurückkehren. Kaum eine Familie in Sensburg, die keine Verluste zu beklagen hatte. Wie die Mahnsteins hatten die meisten kein Grab, an dem sie trauern und um ihre Lieben weinen konnten.

»Hedi! Warum versteckst du dich hier?« Hedwig zuckte zusammen. Sie hatte ihre Schwester Paula nicht kommen hören und erschrak, als die Neunjährige sie am Arm packte. »Karl schickt mich, dich zu holen. Die Menschen singen und tanzen, einige haben auch Instrumente dabei.«

Hedwig seufzte und strich sich eine Strähne ihres dunkelblonden, glatten Haares, die sich aus dem Dutt gelöst hatte, hinters Ohr, dann nahm sie Paulas Hand.

»Ich sehe nur kurz nach Mutter und Anna, dann komme ich.«

Auguste Mahnstein hatte von dem Trubel nichts mitbekommen. Hedwig rüttelte ihre Mutter mehrmals an der Schulter, bis sie aufwachte. Ungläubig lauschte sie den Worten ihrer Tochter.

»Was für ein glücklicher Tag«, sagte sie leise, »sofern es kein Gerücht ist.«

»Anna schläft«, erwiderte Hedwig. »Kann ich euch allein lassen? Ich möchte zu Tante Martha gehen.«

»Geh nur, Kind, und feiere mit den anderen. Ich selbst fühle mich zu schwach, um in die Stadt zu gehen, und werde nach Anna sehen.«

Hedwig schlüpfte in ihre Schuhe aus festem Leder, zog den warmen Mantel an und machte sich auf den Weg. Von den Einwohnern Sensburgs waren so gut wie alle, die der Krieg verschont hatte, auf den Straßen, und es herrschte eine ausgelassene Stimmung wie an einem Jahrmarktstag. Obwohl Hedwig bei Kriegsausbruch erst elf Jahre alt gewesen war, erinnerte sie sich noch gut daran, wie die ersten Männer zum Bahnhof gezogen waren, um im kaiserlichen Heer ihr Vaterland zu verteidigen. Die Uniformen mit Blumen geschmückt und in der festen Überzeugung, an Weihnachten wieder zu Hause zu sein, waren die Burschen in einen Krieg gezogen, der in den darauf folgenden Jahren alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen und so viele Opfer – auch unter der zivilen Bevölkerung – fordern sollte wie kein Krieg zuvor. Auch Ostpreußen war von der russischen Armee mehrmals angegriffen worden. Die Schlacht von Tannenberg aber hatte den Wendepunkt gebracht, seitdem wurde Paul von Hindenburg als glorreicher Sieger und Held verehrt. Der kaiserlichen Armee war es gelungen, die Feinde aus dem Land zu treiben. Neben der Stadt Königsberg waren fünf weitere Landkreise von den Angriffen verschont worden, darunter Sensburg. Hier hatte die Bevölkerung die Schrecken des Krieges nicht hautnah miterleben müssen. Niemand musste Hunger leiden, denn die Felder rund um Sensburg waren gut bestellt, das Vieh stand auf saftigen Weiden und die Wälder waren wildreich. Wenn nicht wöchentlich die langen Verlustlisten eingetroffen und immer mehr Frauen in schwarzer Kleidung durch die Straßen gegangen wären, hätte man glauben können, der Krieg wäre eine Angelegenheit, die die Sensburger nicht betraf. Ein trügerischer Schein, denn jetzt hatte das Deutsche Reich verloren, und Hedwig ahnte trotz ihrer jungen Jahre, dass von einem Tag auf den anderen nicht alles wirklich vorüber sein würde, aber wenigstens schwiegen die Waffen.

Tante Martha, die ältere Schwester von Hermann Mahnstein, war seit vielen Jahren verwitwet. Sie hatte zwei Söhne bei Verdun verloren, ihre Tochter war verheiratet und lebte in Allenstein. So kümmerten sich die Mahnsteinkinder regelmäßig um die Tante, die immer leckere Kuchen oder köstliche Saure Klopse für Besuch bereithielt. Über dem Verlust ihrer Söhne war Martha Mahnstein nicht zerbrochen, zumindest zeigte sie es nach außen hin nicht, obwohl sie die Trauerkleidung nicht mehr ablegte. Heute hatte sie Platten mit belegten Broten und kleinen, süßen Kuchenstücken bereitgestellt, die Kinder erhielten Kakao und die Männer Bier. Ihr Mann war ein vermögender Kaufmann gewesen, so hatte Tante Martha keine finanziellen Sorgen, und sie lebte in einem schmalen, zweistöckigen Haus in einer Seitenstraße des Marktplatzes. Dort angekommen traf Hedwig auf den Vater und die Geschwister. Nach Heinrichs Tod war Hedwig die Älteste, ihr folgten Karl, Paula, Luise, die kranke Anna, und das Nesthäkchen war Fritz, der trotz seiner fünf Jahre ausgelassen auf der Straße herumhüpfte.

»Vater …« Hedwig trat näher. »Stimmt es, was die Leute sagen? Der Krieg ist wirklich vorbei?«

Wenn es jemand genau wissen musste, dann Hermann Mahnstein, er war schließlich kaiserlicher Beamter. Er nickte, allerdings sah er äußerst grimmig und alles andere als erfreut aus.

»Der Kaiser ist nach Holland geflohen.« Hermann Mahnstein versuchte nicht, seinen Zorn zu verbergen, eine Ader schwoll auf seiner Stirn, und seine Augen verengten sich. »Er hat Deutschland und sein Volk im Stich gelassen und ist feige abgehauen.«

»Beruhige dich, Hermann.« Martha legte eine Hand auf den Arm ihres Bruders. »Der Krieg war seit Monaten verloren, der Kaiser musste sicher auf Druck des Parlaments das Land verlassen, sonst wäre es nie zu einem Ende gekommen.«

Hermann schüttelte ihre Hand ab, als wäre sie ein lästiges Insekt.

»Misch dich nicht in Dinge ein, von denen du nichts verstehst«, herrschte er seine Schwester an. »Nur gut, dass keine Weiber in den Krieg gezogen sind, sonst hätten wir schon nach ein paar Wochen kapitulieren müssen.«

Hermann Mahnstein war der Überzeugung, Politik könne von Frauen nicht verstanden werden, da deren Gehirne für solch komplexe Vorgänge nicht geschaffen waren. Frauen gehörten früh verheiratet, sollten viele Kinder gebären und sich um den Haushalt kümmern. Einzig Aktivitäten in der Kirchengemeinde fanden Mahnsteins Wohlwollen, denn die Familie war gläubig und besuchte regelmäßig den Gottesdienst.

Martha trat einen Schritt zurück und schenkte den Kindern frischen Kakao in die Tassen. Sie wusste, wann es besser war zu schweigen, auch Hedwig vertiefte das Thema nicht länger. Der Vater war durch und durch kaisertreu und hatte es nie überwunden, dass er aufgrund eines angeborenen leichten Herzfehlers für das Militär und den aktiven Dienst an der Front untauglich war. Dieser Fehler erlaubte ihm zwar, ein normales Leben zu führen, nur in den Kampf hatte er nicht ziehen dürfen. Wenigstens konnte er als Polizist für Recht und Ordnung sorgen.

»Komm, lass uns tanzen!« Karl zog sie an der Hand aus dem Haus. »Soll Vater ruhig ein Gesicht machen, als hätte er Essig getrunken – wir lassen uns das Feiern nicht verbieten.«

Obwohl auf Hedwigs Schultern die Erziehung der Geschwister und der Haushalt ruhten, war sie doch nur ein Mädchen, das sich von der allgemeinen Heiterkeit und Freude anstecken ließ. Bis vor eineinhalb Jahren hatte sie die Volksschule besucht, seit Herbst 1917 ging sie bei einer Schneiderin in die Lehre. Gegen diese Ausbildung hatte ihr Vater nichts eingewendet, denn nähen zu können, war eine Aufgabe, die Frauen anstand. Solange Hedwig ihre häuslichen Pflichten nicht vernachlässigte, akzeptierte er, dass seine älteste Tochter in die Lehre ging, außerdem brachte ihr Lohn ein paar Mark zusätzlich in die Haushaltskasse. Es verstand sich von selbst, dass Hedwig ihrem Vater jeden Pfennig aushändigte und nicht für sich selbst behielt. Hedwig arbeitete gern bei Erna Ballnus, deren einziges Lehrmädchen sie war. Fräulein Ballnus war auch so freundlich gewesen, Hedwig ein paar Tage frei zu geben, damit sie ihre Schwester Anna pflegen konnte, denn die Schneiderin wusste, dass die Verantwortung für die Familie auf Hedwigs Schultern lastete.

Auf dem Marktplatz herrschte dichtes Gedränge, am nördlichen Rand wurde zu den Klängen, die aus einem Gasthaus auf die Straße drangen, ausgelassen getanzt. Hedwig überließ sich Karls Führung, wirbelte mit ihm im Kreis, ihre Füße bewegten sich im Rhythmus einer Trommel. Plötzlich fand sie sich in den Armen von Detlef, einem Nachbarsjungen, wieder, dann tanzte sie mit dem gutmütigen Bäcker mit den immer geröteten Wangen. Hunderte von Lampen tauchten den Marktplatz in helles Licht. Die Wirtin des Gasthauses, deren Mann im Krieg geblieben war, stand auf den Stufen und rief: »Freibier für alle, für die Frauen und Kinder Limonade!«

Von ihrem Bruder war Hedwig getrennt worden und das Tanzen hatte sie durstig gemacht. Sie drängte sich durch die Menschen in die Schankstube. Ihr Vater würde sie rügen, sollte er erfahren, dass sie allein ein Wirtshaus betrat, heute waren die Regeln jedoch außer Kraft gesetzt.

Vor dem Tresen drängten sich die Männer, denn niemand wollte sich das Freibier entgehen lassen. Auf dem Klavier wurde ein beschwingter Walzer von Johann Strauß geklimpert. Hedwig wurde hin und her geschubst, ein zufälliger, kräftiger Stoß in den Rücken ließ sie zuerst taumeln, dann stolpern und sie purzelte dem Klavierspieler direkt auf den Schoß. Er unterbrach sein Spiel, umfasste mit beiden Händen ihre Hüften und zog sie an sich.

»Hoppla, was fällt mir denn hier Hübsches in die Arme?«

Hedwig sah in zwei dunkelbraune, lachende Augen.

»Lassen Sie mich sofort los!« Mit hochrotem Kopf befreite Hedwig sich aus der Umarmung. »Was fällt Ihnen ein?«

Der Mann zwinkerte ihr zu.

»Verzeihen Sie, Fräulein, aber ich dachte, Sie konnten meinem Charme nicht widerstehen und begaben sich freiwillig in meine Arme. Ich stehe Ihnen jederzeit gern wieder zur Verfügung.«

Unwillig runzelte Hedwig die Stirn. Mit einem gemurmelten »unverschämter Kerl« drückte sie sich durch die Menschenmenge zur Tür. Der Durst war ihr vergangen. Kriegsende hin oder her – was erlaubte sich dieser Mann, sie derart vertraulich anzufassen, dazu seine anzüglichen Worte! Eigentlich hatte er ganz nett ausgesehen, dunkle Augen, pechschwarzes Haar und ein schmaler Oberlippenbart über vollen Lippen. Hedwig drehte sich um und versuchte, durch die Leute einen Blick auf den Klavierspieler zu erhaschen, der sein heiteres Spiel fortgesetzt hatte. Schnell und routiniert flogen seine Finger über die Tasten. Hedwig hatte ihn nie zuvor gesehen und er war noch sehr jung, kaum älter als sie selbst.

»Da bist du ja.« Karl war plötzlich wieder an ihrer Seite. »Vater möchte nach Hause, er hat Hunger.«

Hedwig folgte ihrem Bruder. Sie dachte daran, dass die Kohlrüben noch roh in der Küche lagen. Die Familie würde sich heute mit Butterbroten begnügen müssen. Trotz der besonderen Umstände des Abends stand Hedwig eine Strafpredigt ihres Vaters bevor, der sie aber gelassen entgegensah. Längst hatte sie sich angewöhnt, dessen Vorwürfe an sich abprallen zu lassen.

ZWEI

Zwei Wochen später war es amtlich: Kaiser Wilhelm II. hatte abgedankt und Deutschland war nicht länger eine Monarchie, sondern eine Republik. Noch waren von dieser gravierenden Veränderung in Sensburg keine Auswirkungen zu bemerken, und für Hedwig war es ohnehin von größerer Bedeutung, dass Anna ihre Erkältung überwunden hatte und auf dem Weg der Besserung war.

Nahezu über Nacht hatte der Winter in Masuren Einzug gehalten. Bereits am Nachmittag mussten die Lampen angezündet und das Feuer im Kamin geschürt werden. Schneeweiß waren die Birkenwälder, die Hügel und Täler, die Flüsse gefroren, und auf dem Schoß-See hatte sich eine Eisschicht gebildet. Noch war das Eis nicht dick genug, dass die Kinder ihre selbst gebastelten Schlittschuhe anschnallen und im schnellen Rausch über den See flitzen konnten. Auch Fritz und Anna mussten sich in Geduld üben, bei dem anhaltenden Frost würde es aber nicht mehr lange dauern, bis der See für die Kinder zum Tummelplatz werden würde. Auf der gegenüberliegenden Landzunge, die einer Insel gleich in den See ragte, gab es einen Hügel, auf dem die Kinder Schlitten fuhren. Allgemein wurde diese Erhebung Kilimandscharo genannt, wobei niemand wusste, wie der Hügel zu einer solch ausgefallenen Bezeichnung gekommen war, hatte er doch mit dem Berg in Afrika nichts gemein.

Obwohl Hedwig die heißen, hellen Sommertage lieber mochte, hatte der Winter auch seinen Reiz. Masuren lag wie unter einer friedvollen Glocke, das Leben schritt langsamer voran, an den Abenden saß die Familie in der Küche zusammen, und man erzählte sich gegenseitig Märchen und Geschichten aus längst vergangenen Tagen. Bald war der 1. Advent und die besinnliche Vorweihnachtszeit brach an. Das erste Christfest nach dem schrecklichen Krieg. Hedwig wollte das Haus besonders hübsch schmücken und jede Menge Köstlichkeiten zubereiten. Für ihre Geschwister gab es nichts Schöneres, als an den Samstagnachmittagen Plätzchen auszustechen und Pfeffernüsse, Lebkuchen und Stollen zu backen. Im Haus Mahnstein gab es nur wenige und nützliche Geschenke. Aus Stoffresten, die Fräulein Ballnus ihr überlassen hatte, fertigte Hedwig Röcke, Blusen und Hemden für die Geschwister, für die Mutter häkelte sie eine Stola, der Vater erhielt zum Fest ein Paar gestrickte Strümpfe aus dicker Wolle. Die Mahnsteins waren nicht arm, aber auch nicht vermögend. Das Gehalt, das Hermann Mahnstein als Polizeibeamter verdiente, reichte zwar aus, dass Schmalhans nie Küchenmeister war, dennoch hielt Auguste Mahnstein die Pfennige zusammen und verabscheute Verschwendung und unnötige Ausgaben.

Es war noch dunkel, als Hedwig sich den Schnee vom Mantel klopfte und ihre Schuhe auszog, bevor sie die Schneiderwerkstatt ihrer Lehrherrin betrat. Eigentlich war es gar keine richtige Werkstatt, sondern nur ein kleines, quadratisches Zimmer neben Erna Ballnus´ Küche in deren Wohnung neben der evangelischen Kirche: an den Wänden Regale mit Stoffballen und Bändern, in Schubladen bunte Garne und Knöpfe in allen Formen und Größen, in der Mitte der wuchtige Schneidertisch und zwei Nähmaschinen aus schwarz-glänzendem Metall.

»Guten Morgen, Fräulein Ballnus«, grüßte Hedwig.

»Guten Morgen, Hedwig«, erwiderte die Schneiderin und schob Hedwig eine Tasse mit Kamillentee hin. »Trink, der Tee ist heiß und deine Nase rot von der Kälte.«

»Die taut gleich wieder auf. Dankeschön.«

Hedwig lachte und nippte an dem Tee. Jeden Morgen begrüßte Fräulein Ballnus sie mit einem Tee, und mittags bekam sie ein Butterbrot, manchmal auch mit Speck darauf. Nachdem ihr warm geworden war, griff Hedwig nach einem Mantel, dessen Kragen gewendet und neu gefasst werden musste. Gestern hatte sie mit der Arbeit begonnen und wollte sie heute fertigstellen. Fräulein Ballnus nahm ihr jedoch den Mantel aus der Hand und sagte:

»Du musst heute etwas zustellen, bei der Kälte schmerzen meine Knie so sehr, dass ich kaum laufen kann.«

Hedwig nickte. Obwohl Erna Ballnus die Fünfzig noch nicht erreicht hatte, saß ihr das Rheuma in den Knochen. Beim Gehen musste sie sich häufig auf einen Stock stützen, was bei den vereisten Wegen beschwerlich war. Dunkle Schatten unter Fräulein Ballnus´ grauen Augen zeugten davon, dass sie in der letzten Nacht wegen der Schmerzen nur wenig, wenn überhaupt, geschlafen hatte. Nicht alle Kunden kamen in die Schneiderwerkstatt, einige suchte Erna Ballnus auch in der heimischen Umgebung auf und lieferte die fertigen Kleidungsstücke in deren Häuser und Wohnungen aus.

Sie humpelte zu einem Regal, in dem ein in braunes Papier eingeschlagenes Päckchen lag, darauf ein Rechnungszettel, und drückte beides Hedwig in die Arme.

»Du musst aber bis nach Kahlenwald raus, Hedwig«, sagte sie bedauernd.

»Nach Kahlenwald?«, wiederholte Hedwig erstaunt. »Zu der Frau Baronin?«

Fräulein Ballnus nickte. »Ich habe versprochen, das Kleid heute zu liefern. Ich wäre ja selbst gegangen, aber ...« Bedeutungsvoll klopfte sie gegen ihr linkes Knie.

»Mein Mantel ist warm, meine Schuhe fest«, erwiderte Hedwig fröhlich. »Ich scheue das Wetter nicht, wusste aber nicht, dass Sie auch für die Frau Baronin nähen.«

»Es ist erst die dritte Anfertigung und wahrscheinlich auch die letzte.« Ein grimmiger Zug bildete sich um ihre Mundwinkel, als Fräulein Ballnus fortfuhr: »Bestehe darauf, dass die Baronin dir das Geld sofort aushändigt. Wenn sie es nicht in bar hat und Ausflüchte vorbringt oder dir als Bezahlung gar Fleisch oder Wurst anbietet, dann bringst du das Kleid wieder zurück. Zweimal habe ich sie schon anschreiben lassen und meine Not gehabt, den Lohn zu erhalten. Baronin hin oder her, ich möchte für meine Arbeit bezahlt werden, und zwar nicht erst nach Wochen oder Monaten.«

Hedwig war dem Baron und der Baronin von Dombrowski bisher nie begegnet, denn diese waren erst im letzten Sommer in das alte Rittergut Kahlenwald eingezogen. Zuvor hatte das Haus einige Monate leer gestanden, nachdem der letzte Besitzer im Krieg geblieben war. Der jetzige Baron war ein entfernter Vetter aus Stettin und der einzige Erbe. Obwohl Hedwig sich nicht für Klatsch interessierte, hatte sie die Leute reden hören, dass die von Dombrowskis bereits seit drei Generationen verarmt waren, der gesamte Landbesitz längst veräußert war, und das Gutshaus befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Den Lebensunterhalt verdiente der Baron als Fleischer, eine Tätigkeit, der er in Stettin nachgegangen war, aber seine Frau hielt die Nase so hoch, als würden sie mit dem Kaiser persönlich verkehren und regelmäßig bei den adligen Großgrundbesitzern Masurens ein- und ausgehen. Ihre Fleisch- und Wurstwaren kauften die Mahnsteins nicht auf Kahlenwald, da es zu weit außerhalb lag. Auf dem Wochenmarkt bot der Baron seine Waren ebenfalls an, Hedwig hatte dem Stand aber nie Beachtung geschenkt.

Hedwig schritt zügig aus, um der klirrenden Kälte zu trotzen. Gut Kahlenwald lag zwei Kilometer westlich der Stadt in Richtung des Gielandsees. Nachdem sie die letzten Häuser passiert hatte, begann die lange Allee aus zum Teil mehrere hundert Jahre alten Eichen. Nach einer leichten Biegung nach links bog Hedwig in einen Trampelpfad ein, der unter den Schneemassen kaum zu erkennen war. Erna Ballnus hatte ihr aber genau beschrieben, welchen Weg sie einschlagen musste. Es begann wieder zu schneien, und die dichten, großen Flocken setzten sich auf Hedwigs Mütze. Eine traf ihre Nasenspitze, und Hedwig versuchte, sie mit der Zungenspitze zu fangen. Um sie herum war es totenstill, auf dem Weg gab es keine Wagen- oder Fußspuren, ein Zeichen, dass sie heute wohl die erste Besucherin auf Gut Kahlenwald sein würde. Hedwig passierte ein verfallenes Vorwerk, durch dessen dunkle Fensterhöhlen der Wind wie ein Rudel hungriger Wölfe heulte. Hedwig beschleunigte ihre Schritte, sie wollte diesen Auftrag so schnell wie möglich erledigen. Endlich kam das Haus in Sicht. Es war nahezu quadratisch, hatte drei Stockwerke und ein Krüppelwalmdach, in das Fledermausgauben eingelassen waren. Linker Hand erkannte Hedwig drei langgestreckte niedrige Gebäude mit leeren Fensterhöhlen und eingesunkenen Dächern. Offenbar die früheren Stallungen, dachte sie, und das Gerücht, die von Dombrowski besäßen kein Vermögen, bestätigte sich, denn über dem ganzen Anwesen lag der Hauch der Verwahrlosung.

An der Eingangstür aus massivem, dunklem Eichenholz zog Hedwig an der altmodischen Klingelschnur. Als sich nach einigen Minuten nichts rührte, zog sie ein zweites, dann ein drittes Mal, dann drehte sie am Knauf, die Tür war jedoch verschlossen. Unwillig runzelte Hedwig die Stirn. Nach dem langen Fußmarsch durch den Schnee hatte sie sich auf eine heiße Tasse Tee oder Gemüsebrühe gefreut. Es war ein ungeschriebenes Gesetz in Masuren, jedem Gast – gleichgültig, mit welcher Mission er kam – aufzuwarten, bevor er seinen Rückweg antrat. Hedwig dachte an die mahnenden Worte ihrer Lehrherrin, auf keinen Fall ohne das Bargeld für die Schneiderarbeit zurückzukehren, und das Päckchen konnte sie ohnehin nicht einfach vor die Tür legen, wo es der Witterung ausgesetzt wäre. Mit einem Seufzer umrundete sie das Haus und stieß an der Rückseite auf eine zweite Tür. Hier gab es keinen Klingelzug. Hedwig drückte auf die Klinke. Sie hatte Glück, diese Tür war nicht abgeschlossen. Dahinter erstreckte sich ein düsterer Gang mit einer niedrigen Decke. Hedwig vermutete, dass es sich um den ehemaligen Dienstboteneingang handelte und der Korridor einst zu den Wirtschaftsräumen geführt hatte.

»Ist jemand zu Hause?«, rief Hedwig. »Ich habe eine Lieferung aus der Stadt abzugeben.«

Sie erhielt keine Antwort, das Haus schien verwaist zu sein. Entschlossen trat Hedwig ein. Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als das Kleid hier im Trockenen abzulegen. Fräulein Ballnus würde ihr schon nicht den Kopf abreißen, wenn sie erklärte, niemanden angetroffen und das Geld deswegen nicht mitgebracht zu haben. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz ging Hedwig zögernd den Korridor entlang. Sie fühlte sich nicht wie ein Eindringling, denn nur wenige Menschen in Masuren verschlossen ihre Häuser. Die Besitztümer anderer wurden respektiert und geachtet, man fürchtete keine Spitzbuben oder gar Diebe. Am Ende des Ganges klangen einzelne musikalische Töne an Hedwigs Ohr. Jemand spielte Klavier, aber kein ganzes Stück, sondern ein paar Töne wurden angeschlagen, dann eine Pause, und das Geklimper begann von vorn. Es musste sich also doch jemand im Hause befinden. Wegen des Klavierspiels war ihr Klingeln wohl nicht gehört worden. Erleichtert atmete sie auf und folgte den Tönen. Hedwig gelangte durch eine Vorhalle in die Eingangshalle, die bis auf einen wackligen Tisch und zwei Stühle unmöbliert war. Die Tapeten an den Wänden waren verblasst, das Muster kaum noch zu erkennen, der Boden aus schwarz-weißen Marmorfliesen zeugte aber von dem einstigen Reichtum der Eigentümer. Die Musik kam aus dem ersten Stock, und Hedwig stieg die steinerne, schmucklose Treppe hinauf. Die Tür zu dem ersten Zimmer auf der rechten Seite war nur angelehnt.

»Guten Tag, ist hier jemand?«, rief Hedwig und stieß die Tür ganz auf. Ein junger Mann saß an einem Klavier. Bei Hedwigs Anblick zuckte er zusammen und sprang hastig auf. »Ich wollte Sie nicht erschrecken, verzeihen Sie«, sagte Hedwig. »Ich habe mehrmals geläutet und gerufen.«

Der Mann kam näher und runzelte nachdenklich die Stirn. »Kennen wir uns nicht?«

»Nicht, dass ich wüsste«, stieß Hedwig hervor, etwas zu schnell, denn sie hatte den Mann auf den ersten Blick wiedererkannt: Es war der Klavierspieler aus dem Wirtshaus, auf dessen Schoß sie gesessen und der sie umarmt hatte. Ihre Wangen brannten vor Scham. Sie hoffte, er würde die Röte auf die draußen herrschende Kälte zurückführen.

»Ich könnte wetten, wir sind uns schon mal begegnet. Ein so hübsches Gesicht vergesse ich niemals.« Er deutete eine Verbeugung an, und Hedwig erwiderte: »Fräulein Ballnus, die Schneiderin in der Stadt, schickt mich. Ich habe der Frau Baronin ein Kleid abzuliefern.«

Sie hielt ihm das Paket hin, er warf aber keinen Blick darauf. Seine haselnussbraunen Augen wanderten über Hedwig, und mit einem Lächeln fragte er: »Und Sie sind?«

»Fräulein Mahnstein, ich arbeite bei Fräulein Ballnus.«

»Sie haben bestimmt auch einen Vornamen, Fräulein Mahnstein?«

»Der Sie nicht zu interessieren hat.« Distanziert musterte sie ihn und fuhr fort: »Sie hatten selbst noch nicht die Freundlichkeit, sich vorzustellen.«

Er lächelte, legte formvollendet eine Hand in seinen Rücken und verbeugte sich, ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen.

»Albert von Dombrowski, der Sohn des Hauses. Na ja, sagen wir mal: Das schwarze Schaf der Familie, da ich aber der einzige Sohn bin und meine Eltern mich nicht umtauschen können, haben sie sich mit mir abgefunden.«

Unwillkürlich musste Hedwig über eine solch entwaffnende Ehrlichkeit lachen. Aus der Nähe und bei Tageslicht betrachtet erkannte sie, dass ihr erster Eindruck sie nicht getäuscht hatte. Auch wenn seine Worte altklug klangen, war er erst sechzehn, maximal siebzehn Jahre alt.

»Was ist nun mit dem Päckchen?«, sagte sie und wich seinem Blick aus. »Kann ich bitte die gnädige Frau sprechen?«

Er zuckte mit den Schultern und erwiderte: »Es tut mir leid, meine Eltern sind nach Allenstein gefahren, vor morgen Nachmittag erwarte ich sie nicht zurück. Sie können die Lieferung aber mir überlassen, ich versichere Ihnen, sie meiner Mutter alsbald auszuhändigen.«

»Ich bekomme sechs Mark, die Rechnung habe ich mitgebracht.«

»Sechs Mark? So viel Geld habe ich nicht.« Er griff in seine Hosentaschen und drehte sie nach außen. »Bitte, Sie können sich selbst davon überzeugen, Fräulein Mahnstein.«

»Ich habe Anweisung, das Kleid nur gegen Barzahlung abzuliefern«, beharrte Hedwig, sein Verhalten erschien ihr übertrieben theatralisch, und sie empfand die Situation alles andere als lustig. »Dann war der weite Weg umsonst«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu und wandte sich zur Tür.

Mit einem Schritt war er an ihrer Seite und legte eine Hand auf ihren Arm.

»Warten Sie, ich denke, meine Mutter möchte das, was immer sie sich hat anfertigen lassen, gern vorliegen haben, wenn sie nach Hause kommt. In den nächsten Tagen wird sie in die Stadt kommen und die ausstehende Summe begleichen.«

So, wie zweimal zuvor, dachte Hedwig. Eben noch hatte sie daran gedacht, das Kleid irgendwo abzulegen und ohne das Geld zurückzugehen, da jetzt aber jemand im Haus war, wollte sie das Versprechen gegenüber ihrer Lehrherrin einhalten.

»Es tut mir leid, Fräulein Ballnus besteht auf Barzahlung«, sagte sie entschlossen. »Richten Sie der gnädigen Frau bitte aus, sie kann das Kleid jederzeit in der Schneiderwerkstatt abholen.«

Er sah ein, dass es ihm nicht gelingen würde, Hedwig zu überzeugen, und fragte: »Wie kommen Sie in die Stadt zurück, Fräulein ohne Vornamen?«

Sie hob eine Augenbraue. »Zu Fuß, so, wie ich auch hergekommen bin.«

»Ich könnte Sie fahren.« Er sah ihr Erstaunen, grinste und nahm ihre Hand, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. »Komm mit!«

Hedwig ließ sich von ihm aus dem Zimmer ziehen, rief dann aber: »Das Kleid!«

»Leg es hier hin, ich verspreche, meine Mutter wird die Rechnung unverzüglich begleichen.« Unwillkürlich war Albert von Dombrowski zum vertraulichen Du übergegangen, was Hedwig in Anbetracht, dass sie fast gleichaltrig waren, nicht störte.

Sie folgte ihm durch die Halle und den Haupteingang ins Freie, überquerte den Hof und betrat einen Stall, der im Gegensatz zu den anderen Gebäuden einen noch stabilen Eindruck machte. Als Hedwig eintrat, schlug ihr warme, nach Pferdemist riechende Luft entgegen. In einer der sechs Boxen stand ein Pony, das bei dem Besuch den Kopf hob und freudig wieherte. Albert tätschelte den Hals des Pferdes, wandte sich zu Hedwig um und sagte: »Das ist Troja, sie wird uns in die Stadt bringen.«

»Troja? Das ist ein seltsamer Name für ein Pferd.«

»Ich war dabei, als sie geboren wurde, und da ich gerade ein Buch über die Schöne Helena gelesen hatte, erschien mir dieser Name passend.«

Hinter dem Stall stand ein Schlitten mit zwei Sitzplätzen. Mit geübten Handgriffen spannte Albert das Pony ein, aus dessen Nüstern stieg der Atem in kleinen Dampfwolken hervor. Er half Hedwig, einzusteigen, wickelte sie sorgfältig in ein wärmendes Fell und legte zusätzlich eine Wolldecke über ihre Beine.

»Hast du es bequem und frierst du auch nicht?«, fragte er.

Hedwig nickte. Nie zuvor war sie in einem Pferdeschlitten gefahren. Manchmal sah man Schlitten in Sensburg dahingleiten, die Insassen in dicke, kostbare Pelze gekleidet, denn nur Vermögende konnten sich ein solches Gefährt leisten. Sie dachte an die Bemerkung von Fräulein Ballnus, die von Dombrowskis wären verarmt und das, was sie, Hedwig, von dem Haus gesehen hatte, bestätigte diesen Eindruck. Als hätte Albert ihre Gedanken erraten, sagte er, als er den Schlitten auf die Allee lenkte:

»Für Troja habe ich gekämpft, um sie behalten zu können. Weißt du, dass unsere Familie in Stettin ansässig war, bevor wir hierherzogen?« Hedwig nickte, und er fuhr fort: »Mein Vater hätte nie geglaubt, Kahlenwald und den Titel zu erben, war er doch nur ein Cousin zweiten Grades des einstigen Barons. Das Schicksal wollte es aber, dass die anderen Linien ausstarben, und Vater ist nun der Letzte. Allerdings haben wir nicht mehr als das Haus und die Nebengebäude. Der einst weitreichende Landbesitz wurde bereits vor Jahrzehnten veräußert. Deswegen arbeitet mein Vater als Fleischer, wozu im Haus ausreichend Platz vorhanden ist. Nicht gerade das, womit sich ein Baron üblicherweise beschäftigt. Die Zeiten, in denen sich der Adel von allein ernährt, sind jedoch vorüber und die Zukunft wird noch schwieriger werden. Bald werden alle Großgrundbesitzer um ihr finanzielles Überleben kämpfen müssen. Die Zeit der Jagden und rauschenden Feste wird dann vorbei sein.«

»Bist du etwa ein Kommunist?«

»Nein, nur Realist.«

»Warum erzählst du mir das?«, fragte Hedwig. »Deine Familienverhältnisse gehen mich nichts an.«

Albert betrachtete sie mit einem Seitenblick, den Hedwig nicht deuten konnte. In ihm lagen sowohl Spott, Belustigung, aber auch eine gewisse Taxierung ihrer Person.

»Ich hoffe, dich in Zukunft häufiger zu sehen«, sagte er mit einer offenen Selbstverständlichkeit.

Unwillkürlich begann Hedwigs Herz schneller zu schlagen. Den kalten Fahrtwind spürte sie nicht mehr, ihr Gesicht war glühend heiß. Sie betrachtete seine Hände, die sicher und ruhig die Zügel führten. Albert trug dunkle Wollhandschuhe, zuvor hatte sie aber bemerkt, dass seine Hände schmal, seine Finger lang und dünn mit kurzen, gepflegten Nägeln waren. Finger, die, Schmetterlingsflügeln gleich, über Klaviertasten huschten.

»Du bist Musiker?«, fragte sie, um irgendetwas Neutrales zu sagen.

»Ich wäre es gern.« Er seufzte und zuckte mit den Schultern. »Am liebsten würde ich von früh bis spät Musik machen und die Menschen unterhalten. Ich fühle mich für die Bühne geboren. Mein Vater ist alles andere als begeistert. Er meint, wenn ich schon nicht die Fleischerei übernehmen will, was ich auf gar keinen Fall machen werde, soll etwas anderes Anständiges aus mir werden. Die letzten zwei Jahre verbrachte ich auf einer Militärschule bei Stettin. Dort bin ich aber im Herbst rausgeflogen, deswegen bin ich jetzt hier.«

»Warum haben sie dich aus der Schule geworfen?«

Ein belustigendes Zwinkern zuckte in seinen Augenwinkeln. »Hätte der Krieg noch länger gedauert, wäre ich nach Weihnachten ins Feld geschickt worden. Ich wollte aber nicht kämpfen, außerdem war es jedem bewusst, dass der Krieg verloren war, nur wollte es niemand aussprechen. So habe ich mit meinem Vorgesetzten einen Streit provoziert, in Folge dessen ich ihn ohrfeigte, was zu meiner sofortigen Entlassung führte.«

Hedwig zog erschrocken die Luft ein und stieß hervor: »Dafür hätten sie dich erschießen oder zumindest in den Kerker sperren können!«

»Das Risiko bin ich eingegangen, es führte ja zu dem Ziel, das ich hatte.« Albert von Dombrowski sprach mit einem spöttischen Unterton, als wäre das alles ein riesengroßer Spaß. Hedwig vermutete, er war ein Mensch, der das Leben nicht sehr ernst nahm.

»Hältst du mich jetzt für einen Feigling, weil ich mein Vaterland nicht verteidigen und an dem sinnlosen Gemetzel nicht teilhaben wollte?« Albert sah sie mit einem Blick an, als wäre ihm Hedwigs Meinung wichtig.

»Niemand ist ein Feigling, der es ablehnt, Menschen zu töten«, antwortete Hedwig im Brustton der Überzeugung und fragte: »Was wirst du jetzt machen?«

Ein erneutes Schulterzucken. »Auf keinen Fall werde ich Tiere ausnehmen und in ihre Einzelteile zerlegen, sondern ich strebe ein Musikstudium an. Im Moment fehlt mir noch das nötige Kleingeld, es wird sich aber ein Weg finden.«

Unwillkürlich legte Hedwig ihre Hand auf seinen Arm. »Da bin ich ganz sicher! Du spielst wunderbar, und ich wünsche dir, dass du ein erfolgreicher Musiker werden wirst.« Sie hatte die Worte ganz ernst gesagt und meinte sie ehrlich, denn Hedwig spürte, dass in dem jungen Mann mehr Potenzial steckte, als sein Leben als Metzger zu verbringen.

Hedwig bat Albert, am Stadtrand anzuhalten. »Den Rest gehe ich zu Fuß.«

Er nickte und erwiderte: »Ich verstehe, du willst nicht, dass die Leute sehen, wie du wie eine große Dame in einem Schlitten vorfährst.« Hilfsbereit reichte er ihr seine Hand beim Aussteigen, hielt diese dann länger als notwendig fest. »Verrätst du mir nun deinen Vornamen?«

»Hedwig, meine Familie und Freunde nennen mich Hedi.«

»Dann werde ich dich auch Hedi nennen, denn ich glaube, wir sind jetzt Freunde. Wir sehen uns bald wieder, Hedi, ich weiß ja jetzt, dass ich dich bei der Schneiderin finden kann.«

Rasch entzog sie ihm ihre Hand und lief davon, musste sich aber beherrschen, sich nicht noch einmal umzudrehen und zu Albert von Dombrowski zurückzublicken.

Wie erwartet reagierte Erna Ballnus ungehalten, als sie erfuhr, dass ihr Lehrmädchen ohne das Geld zurückgekommen war. Mit hängenden Schultern stand Hedwig vor ihr und murmelte: »Die Frau Baronin ist verreist, und der Sohn hatte nicht so viel Geld im Haus.«

»Die Dombrowskis haben nie Geld im Haus!«, wetterte Fräulein Ballnus. »Nun kann ich wieder zusehen, wie ich zu meinem Geld komme, wenn ich es überhaupt erhalte. Ich hätte größte Lust, dir den Betrag von deinem Lohn abzuziehen. Es war definitiv das letzte Mal, dass ich für die Dombrowski etwas genäht habe, ich muss schließlich auch sehen, wie ich über die Runden komme.«

»Ich kann am Wochenende noch mal nach Kahlenwald gehen und das Geld holen«, bot Hedwig an, nicht ohne Hintergedanken. Sie hätte dann einen Grund, Albert wiederzusehen. »Vielleicht kommt die Frau Baronin aber wirklich morgen in die Stadt und begleicht ihre Schulden.«

»Ja, sicher, und in diesem Jahr fallen Weihnachten und Ostern zusammen auf einen Tag«, brummte Erna Ballnus verstimmt.

Hedwig schämte sich, die Anweisung ihrer Lehrherrin nicht in aller Konsequenz umgesetzt zu haben. Sie hätte das Kleid niemals in Kahlenwald lassen dürfen, hatte sie doch mit eigenen Augen gesehen und von Albert selbst gehört, wie es um die Finanzen der von Dombrowskis bestellt war. Wie ein dummes Mädchen hatte sie sich von seinen freundlichen Worten und seinen warmen Blicken einlullen lassen. Das würde ihr nicht noch einmal passieren.

»Säume die Manschetten an der blauen Bluse«, wies Erna Ballnus sie nun an, »und keine Sorge, ich ziehe dir den Betrag nicht vom Lohn ab. Das nächste Mal hältst du dich daran, was ich dir auftrage, Hedwig.«

Sie versprach, es zu tun.

Gegen sechs Uhr kam Hedwig nach Hause, bereitete das Abendbrot zu und deckte den Tisch. Als alle beisammensaßen, sagte die zwölfjährige Paula unvermittelt: »Hedi ist heute mit einem Pferdeschlitten spazieren gefahren und war in dicke Pelze eingepackt.«

Der Löffel entglitt Hedwigs Fingern und klirrte auf den Tellerrand. Die Augen des Vaters verengten sich, und er fragte: »Was hat das zu bedeuten, Hedwig? Warst du etwa nicht bei der Arbeit?«

»Fräulein Ballnus schickte mich, ein Kleid auszuliefern«, antwortete Hedwig und hielt dem bohrenden Blick ihres Vaters stand. Sie hatte nichts Unrechtes getan oder gar etwas zu verbergen. »Der Sohn des Hauses war so freundlich, mich im Schlitten mitzunehmen, da er ohnehin in die Stadt musste.« Das war zwar geschwindelt, klang aber logisch.

»Wer in aller Welt besitzt in der Gegend einen Pferdeschlitten?«, fragte Auguste Mahnstein. »Wo bist du gewesen, Tochter?«

»Auf Gut Kahlenwald.«

»Bei den von Dombrowskis?«

»Du kennst sie, Vater?«

Er nickte und antwortete grimmig: »Sie sind zugezogen, ich bin dem Baron ein paar Mal begegnet. Ein grobschlächtiger Mann, na ja, das passt zu seiner Tätigkeit.«

»Hedi saß aber mit einem jungen Mann im Schlitten«, rief Paula dazwischen

»Sei doch still«, zischte Hedwig ihr zu, die Schwester aber fuhr triumphierend fort: »Und der sah sehr gut aus.«

Langsam erhob sich Hermann Mahnstein, stützte die Handflächen auf die Tischplatte, runzelte die buschigen Augenbrauen und sagte missbilligend: »Ich verbiete dir, dich mit Männern herumzutreiben! Du bist noch ein halbes Kind und wirst die Familie nicht in Verruf bringen!«

»Albert von Dombrowski war nur so freundlich, mich bei der Kälte den weiten Weg nicht zu Fuß zurückgehen zu lassen«, erwiderte Hedwig mit einem trotzigen Unterton. »Es war helllichter Tag, ich habe einen Auftrag meiner Lehrherrin ausgeführt, und Albert ist kein Mann, sondern ein Junge in meinem Alter.«

»Ach, du nennst ihn schon Albert?« Hermann Mahnstein kam um den Tisch herum und baute sich vor Hedwig auf. »Du wirst dich von diesen Leuten fernhalten, Tochter. Hast du das verstanden?«

Hedwig nickte. Sie kannte ihren Vater gut genug, um an seinem Gebaren zu erkennen, wann es besser war, keine Widerworte zu geben. Da sagte ihre Mutter mit ihrer leisen, zarten Stimme: »Hermann, schimpf nicht mit ihr. Nach diesem Krieg können wir froh sein, wenn es noch junge Männer gibt, die alle Gliedmaßen besitzen und nicht blind, taub oder sonst was sind. Hedwig wird immerhin bald sechzehn, und ...«

»Viel zu jung, um sich mit Männern zu verabreden«, schnitt Hermann seiner Frau das Wort ab. »Meinen Standpunkt habe ich wohl deutlich klargemacht. Wen Hedwig einmal zum Mann nimmt, bestimme immer noch ich, und jetzt möchte ich in Ruhe mein Abendbrot essen.«

»Meine Güte, ich habe nicht vor, Albert von Dombrowski zu heiraten!«, rief Hedwig aufgebracht. »Macht doch bitte kein Drama aus einer gerade mal zwanzig Minuten dauernde Schlittenfahrt! Vater, ich weiß, was sich gehört, und werde euch keine Schande bereiten.«

Der Blick, mit dem ihr Vater sie bedachte, sagte Hedwig, dass er sich dessen keineswegs sicher war.

Zwei Tage später berichtete Erna Ballnus, die Baronin von Dombrowski habe sie am Abend des Vortages aufgesucht und die ausstehende Rechnung auf Heller und Pfennig beglichen.

»Das hat mich überrascht, aber vielleicht war ich in meinem Urteil zu voreilig«, bemerkte die Schneiderin nachdenklich. »Die Frau Baronin drückte ihr Bedauern aus, nicht persönlich anwesend gewesen zu sein, um das Kleid in Empfang zu nehmen und die Rechnung sofort zu bezahlen.«

»Das freut mich«, erwiderte Hedwig, gleichzeitig empfand sie auch ein wenig Bedauern, denn nun hatte sie keinen Grund mehr, Gut Kahlenwald aufzusuchen. Obwohl Hedwig sich sagte, dass der junge Dombrowski sie nichts anginge und seine Worte nur so dahingesagt waren – wahrscheinlich verhielt er sich allen einigermaßen hübschen Mädchen gegenüber ähnlich –, ließ sie am Sonntag beim Gottesdienst ihren Blick über die Leute schweifen in der Hoffnung, ihn in der Kirche zu entdecken. Vom Gut Kahlenwald suchte aber keiner das Gotteshaus auf, und Hedwig fragte sich, ob die von Dombrowskis entweder nicht gläubig waren oder zu der Minderheit der Katholiken gehörten, die die Messe in einer anderen Kirche besuchten.

Die Evangelische Pfarrkirche war von außen ein schmuckloser Bau aus dem frühen 18. Jahrhundert, der graue Stein aber hatte den verheerenden Stadtbrand im Jahr 1822 beinahe unbeschädigt überstanden. Unmittelbar nachdem der preußische König der Reformation anhing, wurde auch Masuren lutherisch. Die katholische St.-Adalbert-Kirche aus roten Backsteinen befand sich nur ein kurzes Stück östlich die Straße hinunter und war erst vor rund fünfzig Jahren erbaut worden. Bei den Messen war sie meistens halb leer, während in der Pfarrkirche die Menschen oft keinen Sitzplatz mehr bekamen und den Gottesdienst stehend verfolgen mussten. Im Haus Mahnstein wurde Religion groß geschrieben. Auguste Mahnstein war eine zutiefst gläubige Frau und erwartete dasselbe von ihren Kindern. Hedwig betete jeden Abend für ihre Familie. In den letzten Tagen hatte sich in ihr Gebet die Bitte eingeschlichen, Jesus Christus möge auch auf Albert von Dombrowski ein wachsames Auge haben und seinen Wunsch, Musiker zu werden, alsbald erfüllen.

Hedwig stürzte sich in die Weihnachtsvorbereitungen, auch in der Schneiderwerkstatt fand sie kaum Gelegenheit, um Luft zu holen. Wer es sich leisten konnte, ließ sich zum Christfest neue Kleider anfertigen, dementsprechend voll war das Auftragsbuch von Erna Ballnus. Zwei Tage vor dem Heiligen Abend betrat eine untersetzte, kräftige Frau die Schneiderstube. Hedwig war allein, Fräulein Ballnus weilte bei einer Kundin in der Stadt, um Maß zu nehmen.

»Guten Tag, kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte Hedwig die ihr unbekannte Dame, denn dass sie eine Dame war, verriet ihr hochmütiger Gesichtsausdruck.

Die engstehenden Augen der Frau irrten suchend durch das Zimmer.

»Ist die Ballnus nicht da?«

Unwillig runzelte Hedwig die Stirn und erwiderte kühl und mit Betonung des ersten Wortes: »Fräulein Ballnus ist bei Kundschaft. Ich bin ihr Lehrmädchen.«

Die ohnehin schmalen Lippen der Frau wurden zu einem Strich, aus denen sie hervorpresste: »Da komme ich extra den weiten Weg in die Stadt, um mit einem Lehrmädchen abgespeist zu werden.« Sie musterte Hedwig eindringlich, bevor sie erklärte: »Ich habe einige Stücke zum Ändern mitgebracht. Die Qualität der Stoffe ist sehr schlecht, beim Waschen sind die Sachen eingegangen. Sie müssen die Nähte herauslassen.«

Die Frau stellte den mitgebrachten Korb auf den Tisch und nahm zwei dunkelbraune Röcke, eine helle Bluse und ein dunkelgrünes Kleid heraus. Mit einem Blick erkannte Hedwig, dass es sich um eine gute Stoffqualität handelte. Nicht die allerbeste, aber bestimmt nicht so schlecht, dass die Kleidungsstücke bei einer fachgerechten Wäsche eingingen. Sie vermutete, dass die Frau an Gewicht und Umfang zugelegt hatte und die Schuld auf minderwertiges Material schieben wollte.

»Ich werde es Fräulein Ballnus ausrichten und Maß bei Ihnen nehmen.«