Der Weg ins eigene Herz - Anselm Grün - E-Book

Der Weg ins eigene Herz E-Book

Anselm Grün

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Beschreibung

Lebe ich wirklich sinnvoll? Wie komme ich zum Einklang mit mir selbst? Gelingt mein Leben? Anselm Grün antwortet auf solche Fragen nicht abstrakt, sondern mit Geschichten aus den Weltreligionen. Da geht es nicht um Ratschläge oder Dogmatik. Diese Geschichten führen weg vom Kopf, weg vom Rationalisieren und Diskutieren, mitten hinein in unser Herz. Sie bringen uns in Berührung mit unseren tiefsten Sehnsüchten und Hoffnungen, schenken uns eine überraschend neue Sicht auf unseren Weg. Weisheitsgeschichten der Religionen, die ins Herz unserer spirituellen Suche heute treffen.

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Seitenzahl: 182

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Anselm Grün

Der Weg ins eigene Herz

Ein einfach-leben-Buch

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2020

www.herder.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz: post scriptum, Vogtsburg-Burkheim

E-Book-Konvertierung: Newgen Publishing Europe

ISBN EPUB 978-3-451-82185-1

ISBN Print 978-3-451-00861-0

Inhalt

Geschichten der Weltreligionen

Einführung von Anselm Grün

Das Geheimnis, nach dem wir fragen und suchen

Gott ist größer – Von der Weite des Herzens

Mit der Sehnsucht in Berührung – Das wahre Gebet

Wer bin ich? Und wer will ich sein?

Die Anderen und ich

Vom spirituellen Weg

Bewährung im Alltag

Von ungewöhnlichen Lehrmeistern

Sterben, Tod, Jenseits – Letzte Fragen

Vom Weg ins eigene Herz

Nachwort

Quellen und Lesehinweise

Geschichten der Weltreligionen

Einführung von Anselm Grün

Erzählen ist menschlich

Vielleicht liegt der tiefste Grund dafür darin: Geschichten erreichen unser Herz: Sie können beruhigen, aber auch aufwühlen. Sie können erschrecken, zum Nachdenken anregen, Emotionen in Bewegung bringen. Sie berühren die Seele, wenn wir uns in sie versenken, führen uns zu uns selber, aber auch über uns hinaus. Wenn wir uns auf gute Geschichten einlassen, fühlen wir uns wie von selbst in das Geschehen verwickelt. In den Personen von Geschichten reflektiert sich unsere eigene Seele, in der erzählten Handlung spiegeln sich unsere eigenen Möglichkeiten. Nichts Menschliches ist da fremd.

Geschichten zu erzählen, war eine ursprüngliche Form der Therapie. Die Prinzessin Scheherazade in »Tausend und eine Nacht« erzählt dem kranken Prinzen so lange und auf eine so spannende Art Geschichten, bis er von seinem Zwang, die Erzählerin zu töten, geheilt wird. Erzählen ist nicht nur heilsam, es kann sogar Leben retten.

Gott liebt Geschichten

In der Überlieferung und im Weitererzählen von Geschichten haben unsere Vorfahren ihre Lebenserfahrung und ihre Einsichten weitergegeben. Menschen haben sich mit diesen Geschichten vertraut gemacht, sie verinnerlicht, sie in ihrem Herzen anverwandelt. Wie sehr gerade die religiöse Dimension des Lebens die Menschen bewegt hat, wird ebenso anschaulich in den mythischen Erzählungen der Naturvölker wie in den paradoxen, überraschenden Erzählungen östlicher Meister des Tao oder Zen, in den Geschichten muslimischer Sufis, bei den frühen rabbinischen Gelehrten und auch bei den Geschichten christlicher Mönche aus der ägyptischen Wüste oder in den volkstümlichen Erzählungen, die Martin Buber und Elie Wiesel später aus der bedrängten Welt des chassidischen Ostjudentums überliefert haben. Der Erzähler Elie Wiesel sagte einmal: Gott erschuf den Menschen, weil er Geschichten liebt. Und über seine eigenen Texte sagt er: »Macht Gebete aus meinen Geschichten!« Der Mensch nähert sich also über Geschichten auch dem Geheimnis seines Lebens an. Das verweist auf die enge Verbindung von Religion und menschlicher Suche:

Gott selbst liebt die Geschichten. Das Alte Testament – allem voran das Buch Genesis – erzählt uns wunderbare Geschichten von der Entstehung der Welt, den Anfängen der Menschheitsgeschichte und dem Erlösungshandeln Gottes: Erzählungen, die einfach nur darstellen, wie es um den Menschen und sein Verhältnis zu Gott steht – und die uns damit Erkenntnis und Sinn vermitteln.

Jesus – ein Geschichtenerzähler

Auch Jesus war ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Er hat seine Zuhörer ganz offensichtlich fasziniert und in Bann gezogen. Aber es geht ihm nicht um Unterhaltung. Viele seiner Erzählungen haben einen Schluss, der sie zu einem provozierenden Gleichnis werden lässt. Jesus erzählt so, dass die Menschen davon berührt werden. Und dann wendet er die Erzählung um. So wird den Zuhörern auf einmal klar: Die Geschichte betrifft mich. Ich muss mein Leben ändern. Ich muss aufhören, weiter so von mir und von Gott zu denken. Jesu therapeutische Absicht, seine Art und Weise, die Menschen von kranken Gottesbildern und kranken Selbstbildern zu heilen, wird hier deutlich.

Die schönsten Erzählungen Jesu im Lukasevangelium sind die vom verlorenen Sohn und von den Emmausjüngern. Bei der Erzählung vom verlorenen Sohn verzichtet Jesus darauf, eine Folgerung zu ziehen. Er bietet einfach die Erzählung an, damit seine Zuhörer darin selbst erkennen, wie Gott handelt. Auch bei der Erzählung von den Emmausjüngern fehlt der Gleichnischarakter. In der Geschichte wird uns auf einmal deutlich, was das Geheimnis von Auferstehung ist. Wie Lukas Theologie betreibt, zeigt sich daran, wie allein schon in der Erzählung der Geburtsgeschichte deutlich wird, wer dieser Jesus ist. Und in der Emmaus-Geschichte leuchtet auf, was das Geheimnis der Auferstehung ist. Diese narrative Theologie des Lukas ist eine menschenfreundliche Theologie.

Was Geschichten wahr macht

Es geht um Menschliches: Wenn wir eine Geschichte hören, geht es nicht um Informationsvermittlung oder um Faktenwissen. Es ist auch nicht so entscheidend, ob etwas wirklich so geschehen ist. Ein jüdischer Rabbi meinte einmal über seine Geschichten: Einiges habe sich tatsächlich so zugetragen, anderes sei frei erfunden. Aber wahr seien sie alle. Die Wahrheit der Geschichte hängt also nicht von ihrer Historizität ab, sondern von dem, was und wie sie erzählen. Sie erzählen das menschliche Leben so, dass etwas offenbar wird, dass uns auf einmal die Augen aufgehen und wir erkennen: Ja, so ist es wirklich. So steht es auch mit mir. So sollte ich mich und Gott und meine Beziehung zu ihm sehen.

Ganz allgemein gilt: Geschichten, die uns berühren, machen etwas mit uns. Ich kann sie nicht lesen, ohne dass in mir etwas geschieht. Ich erkenne mich darin wieder. Eine gute Geschichte deckt meine Wahrheit auf. Aber sie weitet auch die Perspektive, öffnet Horizonte. Und sie kann Hoffnung geben, wenn sie zeigt, dass und wie menschliches Leben gelingen kann. Dies nicht im Sinne von Handlungsanweisung oder als illustrierte Moralpredigt, sondern als Aufzeigen von Wegen – die ich freilich selber gehen muss.

Die Geschichten lassen dem Leser die innere Freiheit. Er wird nicht zu etwas gezwungen. In einer Geschichte, die der indische Jesuit Anthony de Mello, erzählt, beklagt sich ein Schüler beim Lehrer, dass er nur Geschichten erzählt, ohne ihre Bedeutung zu enthüllen. Die Antwort des Meisters: »Wie würde es euch gefallen, wenn jemand vorgekaute Früchte anböte?«

Nichts wird »vorgekaut«. Aber es wird durchaus zugemutet, das Gehörte mit der eigenen Geschichte, der eigenen Erfahrung zu verbinden. Nur wenn sie diese Freiheit gewähren, werden Geschichten – wie Fulbert Steffensky einmal sagt – zu einem Mantel, den ich anziehen kann, der mich mitten in der unübersichtlichen Welt einhüllt, in dem ich bei mir bin, geschützt und behütet.

Weisheit, die verwandelt

Der jüdische Philosoph Walter Benjamin hat, was ein Erzähler ist, einmal so beschrieben: »ein Mann, der dem Hörer Rat weiß«. Und weiter: »Rat in den Stoff gelebten Lebens eingewebt, ist Weisheit.« Benjamin beklagt, dass die Kunst des Erzählens zu Ende geht, »weil die epische Seite der Wahrheit, die Weisheit, ausstirbt.« (TRE 10.227, Henning Schröer, Erzählen) Benjamin ist überzeugt, dass nur die epische Seite der Wahrheit zur Weisheit führt. Eine logische Wahrheit ist in sich stimmig. Aber sie hat nichts mit Weisheit zu tun. Wir sollten, so Benjamin, wieder lernen, Geschichten zu erzählen, um weise zu werden. Vielwissen schafft noch keine Weisheit. Aber eine Geschichte, die das Geheimnis des Menschen aufleuchten lässt, bewirkt etwas. Da geschieht in uns selbst Verwandlung: Mein Selbstbild wandelt sich, aber auch mein Blick auf die Welt und auf das Leben. Wie diese Wandlung sich vollzieht, können wir kaum beschreiben. Wir wissen nur: Manche Erzählung lässt uns nicht mehr los. Sie begleitet uns. Sie ist wie eine Brille, mit der wir auf unser Leben schauen.

Spirituelle Gemeinsamkeit: Suchen verbindet

Die Vielfalt der hier gesammelten Geschichten zeigt auch: Alle Religionen sehen nur den Zipfel der Wirklichkeit Gottes. Und auch der sieht von allen Religionen und Kulturen her immer wieder anders aus. Die Geschichten aus den verschiedenen Religionen zeigen aber oft auch eine große Ähnlichkeit. Da werden zwar mit anderen Bildern doch immer wieder ähnliche Erfahrungen beschrieben. Und letztlich sind alle Erzählungen offen für das Geheimnis des einen Gottes, der jenseits aller Religionen ist. Sie öffnen unseren Blick für dieses Geheimnis und zeigen, wie unser Leben, das unterwegs ist zu diesem Geheimnis, gelingen kann. Und sie zeigen uns durchaus auch Gefahren auf, die uns auf unserem Weg behindern: etwa die Erfahrung, uns über andere zu stellen, oder Gott in ein festes Bild zu zwängen.

Ich selber lese gerne Geschichten aus der Sufi-Tradition und aus der buddhistischen Tradition. Aber zugleich kenne ich viele, die Zenmeditation üben und sich an den Erzählungen der Wüstenväter erfreuen. Die Geschichten aus den verschiedenen Weltreligionen verbinden die Menschen miteinander, die diesen Religionen anhängen. Indem wir die Geschichte lesen, übersteigen wir schon die eigene Religion. Wir werden offen für die Erfahrung, die in dieser Geschichte beschrieben wird. Die Geschichten zeigen Weisheiten, die für jeden Menschen gelten. Und in ihnen wird deutlich, dass alle Religionen auf der Suche sind. Und zugleich, dass die Vertreter aller Religionen den gleichen Gefahren ausgesetzt sind: der Gefahr der Überheblichkeit, der Flucht in die Grandiosität und der Gefahr der Rechthaberei.

Die Leser aller Religionen können in den Geschichten der verschiedenen Traditionen aber auch den gleichen Geist spüren: den Geist der Frische und Echtheit, des Nicht-Bewertens und der Milde. All diese Geschichten spiegeln zudem auch einen gewissen Humor wider. Da werden zu pathetische Worte entlarvt und allzu Abgehobenes wieder auf den Boden gestellt. Und in allen Geschichten erkennen wir eine tiefe Sehnsucht. Sie kreisen letztlich darum, wie wir Gott erfahren können und wer dieser Gott für uns ist. Sie öffnen uns die Augen für seine Wirklichkeit. Aber sie lassen ihn jenseits aller Worte und Vorstellungen.

Worte, die ins Schweigen führen

Denn ein Paradox steckt in diesen religiösen Erzählungen. Sie alle wissen, dass wir Gott nicht fassen können in Dogmen und nicht reduzieren dürfen auf Moralforderungen. Deswegen ist immer wieder auch von Stille und vom Schweigen die Rede. Das Schweigen ist für alle spirituellen Traditionen der bevorzugte Ort, an dem wir Gott erfahren können. Das zeigt uns schon die Elija-Erzählung der hebräischen Bibel. Elija erfährt Gott »in der Stimme verschwebenden Schweigens«, wie Martin Buber übersetzt, oder »im sanften, leisen Säuseln«, wie die Einheitsübersetzung sagt (1 Kön 19,12). Doch es gehört zum Paradox all dieser Erzählungen, dass sie über die Worte hinaus führen in das Schweigen, in dem uns der eine Gott – jenseits aller Worte und Bilder und Erzählungen – aufgeht als das absolute Geheimnis, auf das hin wir alle unterwegs sind.

Natürlich will das vorliegende Buch keine Ethik der Religionen in Geschichten sein. Die Auswahl ist auch nicht repräsentativ, sondern subjektiv. Aber sie zeigt immerhin: Das Erzählen gehört zu allen Religionen. Es ist Ausdruck der menschlichen Seite ihrer Suche. Die Geschichten, die in diesem Buch als Ausgangspunkt für die Suche nach gelingendem Leben genommen wurden, sind auch ganz verschiedenen Quellen entnommen oder von ihnen inspiriert. Zum Teil stammen sie aus alten weisheitlichen Überlieferungen, die oft umgeformt oder in den Erzählströmen spiritueller Überlieferung auch anonym immer neu erzählt wurden. Zum Teil sind sie – wie einige von Martin Buber sprachlich gefasste chassidische Geschichten oder die Geschichten aus der Mönchstradition – in einer bestimmten Form weitergegeben worden. Hinter allen aber zeigt sich die Freude am Erzählen, an der lebendigen Verbindung von Sprache und Leben, wenn es um die Suche nach Sinn und nach gelingendem Leben geht. Gerade heute, in einer Zeit, in der die Religionen und Kulturen durch Globalisierung und Migration nicht immer konfliktfrei näher zusammenrücken, ist es gut zu sehen, dass diese Suche die Menschen und unterschiedliche Traditionen verbindet.

Wir alle sind unterwegs, um das Geheimnis unseres Lebens immer mehr zu verstehen. Und wir alle stehen vor dem Geheimnis, das wir Gott nennen und das wir wohl nie ergründen werden. Die Weisheitsgeschichten der Religionen wollen uns für dieses Geheimnis sensibel machen, das uns umgibt. Sie wollen uns öffnen für das Geheimnis des Lebens, für das Geheimnis des Ursprungs allen Seins und allen Lebens.

Der Verborgene

Yehiel, der Enkel des berühmten chassidischen Rabbi Baruch, kam aufgelöst in die Studierstube seines Großvaters. »Yehiel, Yehiel, warum weinst du?« »Mein Freund betrügt. Er ist unfair, er hat mich ganz und gar verlassen, daher weine ich.« »Willst du mir das nicht genauer erzählen?« »Sicher, Großvater. Wir spielten Verstecken. Und ich war an der Reihe, mich zu verbergen. Und er war dran, nach mir zu suchen. Aber ich hatte mich so gut versteckt, dass er mich nicht finden konnte. Da hat er aufgegeben. Er hat einfach aufgehört, nach mir zu schauen. Und das ist unfair.« Rabbi Baruch begann Yehiels Gesicht zu streicheln, und ihm selber traten Tränen in die Augen. »So ist es auch mit Gott, Yehiel!« flüsterte er. »Stell dir seinen Schmerz vor. Er ist versteckt, und der Mensch schaut nicht nach ihm. Verstehst du, Yehiel, Gott verbirgt sich, und der Mensch sucht ihn nicht einmal …« (Elie Wiesel)

Es ist bewegend, wie der alte Rabbi die Erzählung seines Enkels vom Versteckspiel auf eine andere Ebene hebt. Das Kinderspiel wird für ihn ein Bild für unsere Beziehung zu Gott. Gott hat sich vor den Menschen verborgen. Er ist nicht einfach zu finden. Er steht nicht an der nächsten Straßenecke. Er ist im Dickicht des Alltags verborgen. Aber der Mensch macht sich gar keine Mühe, ihn zu suchen. Er hat es wie der Freund Yehiels einfach aufgegeben, Gott zu suchen. Doch das ist unsere eigentliche Aufgabe: Gott zu suchen. Der hl. Benedikt fordert von seinen Mönchen, dass sie ihr Leben lang nach Gott suchen. Im Lateinischen steht hier: »quaerere«. Es heißt suchen und fragen. Das deutsche Wort »suchen« kommt aus der Jägersprache und meint wittern, einer Spur folgen. Der Mensch hat in sich eine Ahnung, ein Gespür für die Spur Gottes. Es ist die Sehnsucht, die tief in seinem Herzen verankert ist. Aber manche Menschen betäuben die Sehnsucht. Sie folgen der Spur ihres Herzens nicht. Das Wort »Frage« ist verwandt mit »Furche«. Nach Gott fragen heißt, eine Furche in den Acker der Welt graben, um in der Tiefe der Erde nach dem Grund zu suchen, der alles zusammenhält. Und fragen hängt zusammen mit »forschen«. Es geht darum, nach Gott zu forschen, mit allen Sinnen zu suchen, wo und wie dieser Gott zu finden ist. Dabei finden wir ihn nicht so wie den Jungen aus der Geschichte, der sich versteckt hat, sondern als den, der unsere Sehnsucht erfüllt, der unserer inneren Witterung entspricht und uns erkennen lässt: Hier ist das Geheimnis, nach dem wir unser Leben lang fragen und suchen und forschen.

Wo Gott wohnt?

Rabbi Mendel von Kozk fragt einen Schüler: »Weißt du denn überhaupt, wo Gott wohnt?« Als der verblüfft verstummt, fährt er fort: »Ich werde es dir sagen: Er wohnt dort, wo man ihn einlässt.« (Elie Wiesel)

Kinder fragen oft danach, wo Gott wohnt. Und auch Erwachsene wollen wissen, wo sie Gott finden: Im Wald? Im Gottesdienst? Oder in der Stille? Andere stellen sich vor, dass Gott im Himmel wohnt, auch wenn sie freilich nicht genau wissen, wie sie sich den Himmel vorstellen sollen. Wieder andere glauben, Gott sei in der Natur, sein Geist würde die ganze Natur durchdringen. All das sind Antworten in Bildern. Aber Gott ist jenseits aller Bilder.

Rabbi Mendel gibt eine andere Antwort: »Gott wohnt dort, wo man ihn einlässt.« Er meint damit das menschliche Herz. Aber Gott wohnt nicht automatisch in jedem Herzen. Er nimmt nur dort Wohnung, wo wir ihn einlassen. Und was heißt das: »Gott einlassen«? Es bedeutet, dass ich mein Herz öffne für Gott – aus der Überzeugung heraus, dass ich mir selbst nicht genug bin. Wenn ich nur bei mir selbst bleibe, bin ich leicht in Gefahr, nur um mich und um mein Wohlgefühl zu kreisen. Gott einlassen heißt also: Ich traue meiner Sehnsucht, dass nur Gott allein mein Herz beruhigen kann. Nur wenn er in meinem Herzen wohnt, komme ich wirklich zu mir, werde ich frei von den Bildern, die ich mir von mir selbst gemacht habe. Dann bringt mich Gott mit dem Bild in Berührung, das er sich von mir gemacht hat. Und dort, wo Gott in mir wohnt, kann ich auch bei mir selbst wohnen. Wo Gott, das Geheimnis, in mir ist, kann ich bei mir selbst daheim sein. Dass Gott Wohnung nimmt im eigenen Herzen, das entspricht der tiefsten Sehnsucht des Menschen. Jesus verheißt denen, die ihn lieben: »Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.« (Joh 14,23) Die Liebe zu Jesus ist demnach eine Weise, das eigene Herz so zu öffnen, dass Gott darin einziehen kann.

Die chassidische Überlieferung kennt übrigens noch eine Geschichte, die von dieser Allgegenwart der Gotteserfahrung zeugt und uns für diese Erfahrung öffnen möchte: Als der später berühmte Rabbi Naftali von Ropschitz noch ein Kind war, sagte jemand zu ihm: »Ich gebe dir einen Taler, wenn du mir sagst, wo Gott ist.« Und der erwiderte: »Und ich gebe dir zwei Taler, wenn du mir sagst, wo er nicht ist.«

Und auf poetische Weise hat ein Urdu-Dichter am Ende des 18. Jahrhunderts diese Weisheit von der Allgegenwart des Göttlichen ausgedrückt: »Rose und Spiegel, Sonne, Mond – was sind sie? Wohin wir blickten, war Dein Antlitz nur.«

Aufleuchten im Dunkel

Abbas Johannes sagt: »Wenn Moses nicht in die Finsternis gegangen wäre, hätte er den Herrn nicht gesehen. Man interpretiert die Finsternis als die Wohnung des Mönches. Wenn du in deiner Wohnung bleibst, wirst du alle Wunder des Herrn sehen.« (Wüstenväter, Eth Coll 14,16)

Wir verbinden Gott mit dem Licht. »Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.« (1 Joh 1,5) Doch der Wüstenvater Abbas Johannes (Abba ist die Anrede für einen erfahrenen Mönch) verweist auf eine andere Erfahrung. Moses geht in die Finsternis und darin erfährt er Gott. Gerade wenn sich alles menschliche Denken verdunkelt, wenn wir nicht mehr alles erklären können, wenn uns vieles dunkel erscheint, gerade dann kann uns Gott aufgehen als das Geheimnis, das nicht zu fassen ist. Abbas Johannes deutet die Finsternis mit der Wohnung des Mönches. Wenn wir ganz bei uns bleiben, wenn wir aufhören, über alles nachzudenken, dann erleben wir die Dunkelheit des Geistes, die zugleich ein Aufleuchten des göttlichen Lichtes ist. Wenn wir einfach bei uns und unserer inneren Dunkelheit aushalten, dann werden wir die Wunder Gottes sehen. Dann wandelt sich unsere Dunkelheit in Licht. Aber damit wir dieses Licht erkennen, braucht es den Mut, in die eigene Dunkelheit der Seele hinabzusteigen und es bei sich in seiner Wohnung auszuhalten.

Wind und Sonne

Ein Zenmeister wurde gefragt: »Existiert Gott? Und wenn er existiert, wie können wir das wissen – kannst du es beweisen? Und wenn du ihn beweisen kannst, was müssen wir dann tun?« Der Meister antwortete: »Vor ein paar Tagen ging ich am Fluss entlang. Der Wind wehte. Plötzlich dachte ich: Oh, die Luft existiert wirklich! Wir wissen, dass die Luft da ist, aber solange uns nicht der Wind ins Gesicht weht, sind wir uns ihrer nicht bewusst. Vom Wind umweht, wurde mir plötzlich bewusst, dass sie wirklich da ist. Genauso ist es mit der Sonne. Plötzlich nahm ich die Sonne wahr, die durch die kahlen Bäume schien. Ihre Wärme, ihre Helligkeit – alles vollkommen frei, vollkommen gratis. Wir können sie einfach genießen. Und ohne es bewusst zu wollen, völlig spontan, legte ich die Hände gegeneinander und verneigte mich. Mir wurde klar, dass es nur darauf ankommt: dass wir uns verbeugen, tief verbeugen können. Einfach nur das.« (Zengeschichte)

Diese Geschichte, die ein vietnamesischer Zenmönch erzählte, könnte ähnlich auch von den christlichen Wüstenvätern erzählt werden. Statt Gott theoretisch zu beweisen, verweist der Meister auf eine ganz konkrete Erfahrung: Wir wissen, dass die Luft uns umgibt und die Sonne strahlt und uns wärmt. Aber oft erleben wir sie nicht wirklich. Wir bewegen uns in der Luft, aber wir spüren sie nicht. Wir nehmen die Sonne wahr, wissen aber nicht um ihr Geschenk. Wer sie aber mit allen Sinnen so intensiv wahrnimmt, dass ihm die Erfahrung des Windes und der Sonne unter die Haut geht, der verbeugt sich tief. Er ist ergriffen. Indem er sich die Erfahrung bewusst macht, erfährt er in ihr die Wirklichkeit Gottes selbst. Und indem er sich tief verbeugt, geht ihm die Erkenntnis Gottes tief in seine Knochen. Das ist Mystik mitten im Alltag.

Alles was ist, ist Vischnu

Ein Heiliger, der beinahe ununterbrochen im Zustande der Ekstase lebte und sich weigerte zu sprechen, wurde allgemein für geistesgestört angesehen. Als er eines Tages Speisen im Dorfe gesammelt hatte, ließ er sich neben einem Hunde nieder und fütterte ihn, indem er abwechselnd je einen Bissen dem Hunde und einen sich selbst zuführte. Mensch und Tier verzehrten die Mahlzeit in bester Eintracht wie zwei wahre Freunde. Diese eigenartige Szene zog Neugierige herbei, die sich um den Heiligen scharten und ihn einen Verrückten nannten. Er aber rief ihnen zu: »Vischnu sitzt bei Vischnu; Vischnu füttert Vischnu; worüber lachst du, o Vischnu. Alles was ist, ist Vischnu.«

(Sri Ramakrishna)