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Weihnachtszeit ist Jagdzeit an der Küste - der neue spannende Weihnachtskrimi von Klaus-Peter Wolf Es war Ende August, und bald würde der ganze Wahnsinn wieder beginnen. Die ersten Spekulatius- und Lebkuchentüten lagen bereits in den Supermärkten. Er konnte die Gewürze des Teufels schon riechen, auch hier in Wismar, wo er sich für einige Tage mit seiner Freundin Susi versteckt hielt. Gut, dass bald wieder Jagdzeit in Ostfriesland war. Es standen noch einige Weihnachtsmänner auf seiner Todesliste, die er gerne gen Himmel schicken würde. Das wollte geplant sein, genau recherchiert. Und das vierundzwanzigste Türchen war ja noch immer reserviert für die Eine: für Ann Kathrin Klaasen. Und die musste er nun endlich erwischen. Wenn Sie Weihnachten mit anderen Augen sehen wollen, dann sind die Weihnachtskrimis von Klaus-Peter Wolf genau die richtige Lektüre für die Feiertage.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2025
Klaus-Peter Wolf
Ein Winter-Krimi von der Küste
Schon lange hatte es in Ostfriesland nicht mehr so heftig geschneit wie an diesen Tagen Anfang Dezember. Eine dicke weiße Schicht bedeckte Deich, Küste und Stadt. Eine ungewohnte Ruhe breitete sich aus. Im Polizeipräsidium am Marktplatz freute man sich auf die Weihnachtstage, auf Urlaub und Erholung. Doch dann wurden in kurzer Abfolge vier Menschen erschossen. Und damit war es gründlich vorbei mit der Besinnlichkeit. Jeder fragte sich, ob der Weihnachtsmannkiller wieder da war. Aber war der nicht im letzten Jahr mit seinem Boot in die Luft geflogen? Oder gab es jetzt einen oberschlauen Trittbrettfahrer?
Wenn Sie Weihnachten mit anderen Augen sehen wollen, dann sind die Weihnachtskrimis von Klaus-Peter Wolf genau die richtige Lektüre für die Feiertage.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Seine Romane stehen regelmäßig auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste, auch die Verfilmungen fürs ZDF sind Quotenrenner zur besten Sendezeit und begeistern Millionen von Zuschauern. Mit über 15 Millionen verkaufter Bücher und Übersetzungen in 26 Sprachen zählt Klaus-Peter Wolf zu den erfolgreichsten Autoren der letzten Jahre. Der Autor ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, und engagiert sich ehrenamtlich als Schirmherr im Förderverein Stationäres Hospiz Norden e.V. Seit kurzem ist er auch Botschafter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Wenn der Autor nicht am nächsten Roman schreibt, dann kann man ihn in seinem Lieblingscafé in Norden treffen, wo er als äußerst erfolgreicher Ehrenamtlicher Tortentester fungiert.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: www.buerosued.de
Coverabbildung: Hauke Koch
ISBN 978-3-10-492140-2
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[Er war anders...]
[Tobias Henner malte seinen Plan...]
[Susi Gröpeling lief...]
Fünf Mark
Leseprobe
Er war anders als die anderen Männer. Er bedrängte sie nicht. Sie musste keine Angst haben, plötzlich von ihm berührt zu werden. Vielleicht schaffte sie es deshalb, wie unabsichtlich seine Hand zu nehmen und ganz sanft zu halten.
Sie schlenderten auf den Kruse-Speicher zu wie ein Liebespärchen.
Alles war mit einem Mal locker und leicht.
Sie hatten im vierten Stock zwei Apartments nebeneinander. Jedes mit eigenem Balkon und Blick in den Hafen. Die Schiffe lagen so nah, es war, als könne man sie anfassen, wenn man nur die Hand ausstreckte.
Sie liebte die Geräusche im Hafen, genau wie er. Jeder konnte auf seinem Balkon sitzen, und sie guckten zu, wie die Schiffe be- und entladen wurden. Es war schön, anderen bei der Arbeit zuzusehen und dabei selbst nichts zu tun, sondern nur ganz still zu sitzen und Kaffee zu trinken.
Er mochte lieber Tee.
Sie hatte ihm Tee von Onno Behrends besorgt. Das war echter Ostfriesentee aus Norden, der ältesten ostfriesischen Stadt, wie er gern betonte. Er war ja ein echter Ostfriese, und zwar aus Norden.
Er sollte sich doch wohlfühlen, selbst hier in Wismar. Die Stadt lag zwar nicht an der Nord-, sondern an der Ostsee, aber wenigstens war Wismar eine alte Hansestadt. In Ostfriesland konnte Tobias Henner sich nicht sehen lassen. Offiziell galt er nämlich als tot. Seine Sehnsucht, zurück nach Norden zu gehen, war sehr groß. Susi hoffte aber, das Flair der Hafenstadt könne ihm übers Heimweh hinweghelfen.
Von Balkon zu Balkon warfen sie sich gern verführerische Blicke zu. Sie kamen sich dabei vor wie die zwei Königskinder, die nicht zueinanderfinden konnten.
Die Entfernung und die frische Luft gaben ihr Sicherheit. Sie konnte seinen Ostfriesentee riechen und er ihren Kaffee. So vergingen die Stunden.
Eigentlich war jedes Apartment groß genug für ein Pärchen, sogar für ein, zwei Kinder wäre noch Platz gewesen. Es gab eine richtige Küche. Ein großes Wohnzimmer mit hohen Decken und ein Schlafzimmer mit bequemen Betten, viel besser als in der Psychiatrie in Düsseldorf.
Als Tobias ihr geholfen hatte, von dort zu fliehen, beeindruckte es Susi besonders, dass er bereits falsche Papiere für sie und sich selbst besorgt hatte. Ausweis. Führerschein. Krankenkassenkarten. Sogar Kreditkarten besaßen sie.
Susi hieß jetzt offiziell Sigrid Hill. Er Amadeus Bach.
Sie hatte Mühe, sich beide Namen zu merken. In der Öffentlichkeit sprachen sie sich mit Du an. Ließen Vornamen weg. Wenn sie sich mal irgendwo vorstellen mussten, konzentrierte Susi sich sehr, um nicht den falschen Namen zu sagen.
Beim ersten Mal, als sie ein Auto mieteten und sie als zweite Fahrerin eingetragen werden sollte, wäre es beinahe schiefgegangen. Nach ihrem Namen gefragt, kaute sie auf der Unterlippe herum und dachte wohl einen Moment zu lange nach, ob sie Sigrid, Susanne oder Sigrun hieß.
Er fand es lustig und scherzte mit dem Autovermieter: »Meine Frau verträgt morgens noch keinen Wein.« Dann hatten beide Männer laut gelacht.
Hier in Wismar hatte Tobias darauf bestanden, dass sie ihr eigenes Reich bekam. Sie sollte sich frei fühlen und nie wieder mit anderen ein Zimmer teilen müssen. Er war eben ein Gentleman.
Jetzt gingen sie im alten Hafen spazieren. Sie liefen auf den ehemaligen Kornspeicher zu, wo es unten einen Laden gab, der Pommesbude hieß, und daneben die Schokoladen-Manufaktur, wo es auch köstlichen Kakao gab.
Susi hätte hier eigentlich täglich essen können und gar nichts anderes gebraucht als die guten Pommes mit superfruchtigen und scharfen Soßen. Pommes Schranke. Rot-Weiß. Was brauchte der Mensch mehr?
Aber ab und zu wollte Tobias die Küche benutzen und Fischstäbchen braten. Er war ein Fischstäbchen-Gourmet, kannte alle Sorten und mischte die besten zu einem Fischstäbchen-Salat. Er baute Häuser damit. Autos, Schiffe oder eine Eisenbahn. Er benutzte Fischstäbchen wie heiße Legosteine.
Im Grunde war er ein Künstler. Ein Fischstäbchen-Künstler.
Es war schön, sich an der Hand zu halten. Gar nicht komisch oder kompliziert. Es kribbelte ein bisschen. Von den Fingern durch den Arm lief etwas in ihre Schulter, von da aus in ihren Hals, und sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde hüpfen, weil Liebestropfen hineinregneten.
Sie hopste an seiner Hand auf und ab. Sollten die Leute doch gucken.
Ja, sie war glücklich!
Nein, sie nahm keine Medikamente mehr. Sie wusste, dass sie die eigentlich brauchte, aber man konnte sie nicht einfach so kaufen. Die Pillen mussten schon von einem Arzt verschrieben werden. Sie ging aber zu keinem Doktor. Sie war doch nicht blöde und ließ sich wieder einfangen …
Angeblich gefährdete sie ohne die Tabletten sich und andere. Aber das stimmte nicht. Nur weil sie sich ein paar Typen mit dem Taschenmesser vom Leib gehalten hatte, war sie doch nicht gefährlich! Die hatten ihr hinterhergepfiffen, und der Große, dem sie mit ein paar Schnitten das Gesicht verschönert hatte, der hatte ihr auf den Arsch geschlagen und gefragt: »Na, du Dreilochstute, wie wäre es mit uns beiden? Bist du das Senftöpfchen, in das ich mein Würstchen stecke?«
Typen gab es!
Seine Freunde hatten vor Gericht behauptet, er habe das gar nicht gesagt.
Klar. Die hielten natürlich zusammen … Und vielleicht hatte er es ja auch wirklich nicht gesagt, sondern nur gedacht. Aber das war genauso schlimm.
Sie konnte manchmal in den Augen der Männer sehen, was sie dachten. Sie konnte sogar ihre Stimmen im Kopf hören. Selbst wenn sie die Lippen fest zusammenpressten, um ihre schlimmen Gedanken nicht herauszulassen – sie konnte sie hören.
Zum Glück war Tobias da ganz anders. Mit ihm konnte sie »Mühle« und »Dame« spielen. Nächtelang. Er ließ sie nicht gewinnen. Sie war einfach besser als er.
Wenn er sie beim Mogeln erwischte, dann wurde er nicht sauer. Im Gegenteil. Er forderte sie auf, es noch einmal zu machen, aber diesmal besser.
»Ich habe mich mein ganzes Leben durchgeschummelt. Es ist eine gute Methode, um dem Irrsinn der Welt zu entkommen. Wer fair spielt, verliert sowieso. Der Ehrliche ist meist der Dumme. Es kommt darauf an, die anderen geschickt zu täuschen. Ablenkung ist das Erfolgsgeheimnis. Wenn man es klug anstellt, kann man die Aufmerksamkeit der Menschen lenken.«
Das hatte sie sich gemerkt. Und es stimmte. Jetzt zum Beispiel, wie die Männer guckten, weil sie ihren kurzen Rock trug, der unten ein bisschen flatterte, wenn der Wind kam oder sie mit den Hüften wackelte. Sie sahen nichts anderes mehr, nur noch ihre Beine. Sie waren abgelenkt. Jeder Taschendieb hätte ihnen leicht die Portemonnaies stehlen können.
Sie zog Tobias zur Pommesbude. Er wollte eigentlich lieber Fischstäbchen, aber um ihr einen Gefallen zu tun, gab er nach.
Er tat viel nur aus Liebe zu ihr. So war das, wenn man einen Freund hatte. Ein richtig Verliebter aß auch schon mal Pommes Schranke statt Fischstäbchen. Zumal es hier ja echt die besten Pommes gab.
Mit den Ellbogen auf einen Stehtisch gestützt, aßen sie die heißen Kartoffelstäbchen natürlich mit den Fingern. Genussvoll zog sie eins erst durch die rote Soße, dann durch die Mayo.
Da platzte es einfach so aus ihr heraus: »Wenn wir heiraten, dann feiern wir hier.«
Sie erschrak über ihre eigenen unüberlegten Worte. Eigentlich wollte sie doch nur sagen, dass es ihrer Meinung nach ewig so weitergehen konnte. Einfach in den Tag hineinleben, den Schiffen zugucken und Pommes essen.
Er lachte: »Klar. Wo denn sonst?«
»Willst du«, fragte sie vorsichtig, »weitermachen?«
»Womit?«
»Na ja …« Sie flüsterte: »Du bist der Weihnachtsmann-Killer.«
Er grinste: »Der ist in der Nordsee auf seinem Boot in die Luft geflogen.«
Er machte eine große Bewegung. Dabei segelten Pommes vom Tisch, was die lauernden Möwen als Aufforderung verstanden.
Bei ihm war sie nie sicher, ob er so etwas absichtlich machte. Es sollte für die Leute aussehen wie ein Versehen, weil man Möwen ja nicht füttern durfte. Aber er tat gern verbotene Dinge. Und er fütterte gern Möwen.
Es machte einfach viel mehr Spaß, gemeinsam Verbotenes zu tun.
Sie warf den Möwen ein Kartoffelstäbchen zu. Geschickt schnappte eine es in der Luft.
»Ich habe in deinem Zimmer einen selbstgemachten Adventskalender gesehen.«
»Das ist kein Adventskalender«, erwiderte er, »das ist eine Todesliste. Die muss ich noch abarbeiten. Das bin ich mir selber schuldig.«
»Gibt es so etwas? Dass man sich selbst etwas schuldet? Hast du es dir denn bei dir selbst geliehen?«
Er staunte sie an. »Du kannst Fragen stellen …«
»Ich will noch mehr Pommes!«
Für eine so zierliche Person hatte sie einen erstaunlichen Appetit. Er wusste nicht, wo sie all die Kalorien ließ.
Nach der zweiten Portion Pommes gab es in der Schokoladen-Manufaktur für sie noch einen Kakao mit weißer Schokolade und für ihn einen Kaffee mit schwarzer Schokolade. Sie beugte sich über den Tisch zu ihm vor und verpasste ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Er ließ es erfreut geschehen.
Sie sahen sich in die Augen, und sie fragte: »Sollen wir uns heute mal lieben? Ich meine, so richtig … Wie echte Liebespaare … So mit Knutschen und Anfassen und allem?«
»Wenn ich es überleb«, wollte er sagen und fand das auch witzig. Aber dann schwieg er doch lieber, um sie nicht zu verärgern.
Eigentlich hatte er es so, wie es bisher war, ganz klasse gefunden. Er hoffte, dass es jetzt nicht kompliziert werden würde. Der Versuch, das Schöne, das man hatte, noch toller zu machen, zerstörte es oft.
Es war alles ganz anders gekommen, als Frau Dr. Karin Bogen es erwartet hatte. Es gab viele Spitznamen für sie: Die Gärtnerin der Neurosen wurde sie genannt oder Flitze. Seit der verurteilte Mörder Tobias Henner aus ihrer Obhut entfliehen konnte, sprach man hinter ihrem Rücken auch als die Weihnachtsmann-Killer-Frau von ihr.
Sie wusste das, und es ärgerte sie. Sie wollte nicht über einen Mann definiert werden. Außerdem hörte es sich so an, als hätte sie ein Verhältnis mit dem Weihnachtsmann-Killer gehabt. Das war nun wirklich lächerlich!
Aber man lastete ihr den Ausbruch an. Eine Weile hatten die Medien gar kein anderes Thema mehr gehabt. Regierung und Parlament waren in der Lage, ein paar unbeliebte Maßnahmen durchzusetzen, als sei gerade Fußball-WM oder Olympia. Etwas anderes war wichtiger. Niemand interessierte sich für die x-te Steuer- oder Bildungsreform.
Der Weihnachtsmann-Killer war Thema Nummer eins, und es empörten sich alle darüber, dass ein verurteilter siebzehnfacher Mörder Freigang bekommen konnte und somit die Gelegenheit bekam, noch weitere Menschen umzubringen.
Es war kein Freigang gewesen, sondern ein gemeinsamer Besuch des Weihnachtsmarktes, unter Aufsicht der Polizei. Aber solche Details zählten nicht.
Sie glaubte, erledigt zu sein. Die ganze lange und teure Ausbildung für die Katz. Aber dann drehte sich der Wind.
Sie wurde zur Fachfrau, die seine Psyche kannte. Die praktisch besser über ihn Auskunft geben konnte als er selbst.
Sie wurde eine gefragte Interview- und Talkshow-Partnerin. In der Klinik bekam sie nicht die erwartete Kündigung, sondern wurde zur Leitenden Oberärztin ernannt. Über sich hatte sie nur noch den Chefarzt und den ärztlichen Direktor. Beide fürchteten, sie könnte ihren Jobs gefährlich werden. In der Klinik sprachen zwar alle von Teamwork und kollegialer Zusammenarbeit, aber in Wirklichkeit waren hier Hierarchien mindestens so wichtig und starr wie beim Militär.
Für ein Buch über den Weihnachtsmann-Killer hatte sie einen Vorschuss in Höhe von sechs Bruttogehältern bekommen. Sie war fast fertig und strickte am Schlusskapitel. Dabei ging sie schonungslos auch mit sich selbst ins Gericht. Sie gestand, die Situation falsch eingeschätzt zu haben. Ihre Schuld wurde nur dadurch relativiert, dass er ein genialer Täuscher war. Ein charmanter Blender.
Was ausgesehen hatte wie ihre größte berufliche und persönliche Katastrophe, entpuppte sich als der Wendepunkt in ihrem Leben. Sie, die so viele Menschen durch die Absturzstellen und Höllen ihres Lebens begleitet hatte, dass sie kurz davor gewesen war, ihr eigenes Glück aus den Augen zu verlieren, war in der besten Phase ihres Lebens angekommen.
Sie hatte ein Verhältnis mit einem fast zwanzig Jahre jüngeren Mann. Er lebte in Scheidung, war im Bett ein unsicherer, aber zärtlicher Liebhaber und versuchte an ihr gutzumachen, was er bei seiner Frau und in seiner Ehe verbockt hatte. Für sie eine sehr angenehme Situation.
Sie machte sich nichts vor. Es würde nicht ewig dauern. Aber solange es lief, war es für sie großartig. Sie war für ihn so etwas wie die oberste moralische Instanz. Lehrerin. Mutter. Geliebte und ein bisschen auch Therapeutin. Vermutlich viel mehr, als sie wahrhaben wollte.
Bullemann kauerte vor ihr. Er schaffte es nicht, während der Gesprächsstunde liegen zu bleiben. Er war jedes Mal viel zu aufgeregt. Der Zwei-Meter-vier-Koloss hockte auf der Couch wie ein aus dem Nest gefallenes Küken. Er weinte, weil Susi seit dem Feuer in der Klinik verschwunden war. Er liebte sie, genau wie Ödi.
Seit Susi nicht mehr körperlich anwesend war, wuchs ihre Präsenz ins Unermessliche.
Die Theorien wurden immer verrückter. Mal vermutete Bullemann, sie sei von Mädchenhändlern entführt und an einen Scheich verkauft worden. Aber er und Ödi würden sie befreien. Dann wieder glaubte er ganz sicher zu wissen, dass sie die Klinik nie verlassen hatte, sondern heimlich bei Ödi im Zimmer wohnte. Mal versteckt in seinem Schrank, dann wieder unter seinem Bett.
»Das ist verboten, das darf man nicht …«, jammerte er mit Spuckebläschen auf den Lippen. »Susi ist meine Freundin!«
»Wünschen Sie sich, dass Susi Ihre Freundin werden würde?«, fragte die Gärtnerin der Neurosen.
Bullemann ballte die Fäuste. In die rechte biss er hinein: »Sie war meine Freundin. Meine! Er hat sie mir weggenommen!«
Frau Dr. Bogen befürchtete Ärger. Sie wollte eine Schlägerei im Flur oder Frühstücksraum verhindern.
»Susi wurde auch die Unberührbare genannt. Wissen Sie, warum?«, fragte sie Bullemann.
»Ja, weil sie Schreikrämpfe gekriegt hat, wenn man sie anfassen wollte.«
»Haben Sie sie angefasst?«
Er sprang empört von der Couch und stampfte mit dem rechten Fuß auf: »Natürlich nicht! Aber sie hat mich geliebt!«
»Sie glauben also, dass Susi verliebt in Sie gewesen ist?«
»Ja! Sie hat mich immer so angeguckt. Vielleicht ist sie jetzt in diesem Scheißharem bei dem Scheißscheich! Wir müssen sie befreien. Ödi hilft bestimmt mit.«
Die Psychotherapeutin sah auf ihre Uhr. Eine Stunde dauerte bei ihr fünfzig Minuten. Genau fünfzig Minuten.
»Unsere Zeit ist um«, sagte sie sanft, aber bestimmt. Sie wusste, dass viele erst gegen Ende der Stunde geschwätzig wurden und unbedingt noch etwas loswerden wollten, das sie die ganze Zeit verschwiegen hatten.
Auf ihrem stumm geschalteten Handy leuchtete das Display und zeigte einen Anruf an. Insider wussten, dass sie tagsüber zwischen den Therapiestunden immer eine zehn Minuten lange mentale Pause einlegte. In der Zeit trank sie ein Tässchen Tee und war nur für Notfälle erreichbar.
Wer sie gut kannte, versuchte, sie in den zehn Minuten vor der vollen Stunde zu erreichen. Sie ging sofort ran und erkannte die Stimme schon am Atmen. Es war dieses Japsen nach Luft, mit dem Susi begann, bevor sie etwas sagte, das ihr schwerfiel.
»Ich bin’s, Frau Dr. Flitze.«
Dr. Bogen schickte Bullemann mit einer Handbewegung hinaus. Er brauchte immer diesen Wink, bevor er ging. Leise schloss er die Tür.
»Susi?«, fragte Karin Bogen.
»Ja, ich bin’s. Ich wollte Ihnen sagen, ich hab einen! Ich hab mich in einen … verliebt! Ich dreh auch nicht durch, wenn er mich anfasst. Heute werden wir es zum ersten Mal miteinander machen. Ich bin so aufgeregt!«
»Wo sind Sie, Susi? Nehmen Sie Ihre Medikamente?«
»Nein, die brauche ich nicht mehr. Ich hab mich doch jetzt richtig verliebt! Alles wird gut. Sie haben mir doch immer gesagt, dass eines Tages alles wieder gut werden wird.«
»Susi, Sie sind schwer traumatisiert! Sie brauchen Ihre Medikamente und Ihre Therapie. Kommen Sie wieder zurück!«
»Wir können ja Therapie machen. Gerne. Ich vermisse die Gespräche mit Ihnen. Ich kann Sie anrufen.«
»Anrufen?«, fragte Karin Bogen verdutzt und ärgerte sich über die unprofessionelle Reaktion. »Wer ist denn dein neuer Freund?«, hakte sie nach. »Kenne ich ihn?«
Susi antwortete ausweichend: »Das ist ein ganz Lieber. Aber ich darf Ihnen den Namen nicht sagen. Der bedrängt mich nicht, und der hat auch keine schlimmen Gedanken so wie die anderen. Der respektiert mich richtig.«
»Warum darf ich nicht wissen, wie er heißt?«
»Weil das ein Geheimnis ist. Aber vielleicht werden wir heiraten, und dann laden wir Sie in die Pommesbude ein.«
»Eine Hochzeit in einer Imbissstube?«
»Ja! Das wünsche ich mir.«
»Andere wünschen sich eine Hochzeit in Weiß, träumen davon, wie eine Prinzessin zum Traualtar geführt zu werden …«
»Ja, das kann man ja auch alles machen. Aber danach will ich in der Pommesbude Pommes Schranke essen. Kommen Sie dann auch?«
»Ich weiß noch gar nicht, wo Sie sind.«
»Oh, ich muss Schluss machen. Er war nur kurz auf dem Klo. Ich ruf Sie wieder an, ja? Dann machen wir Telefontherapie.«
Dr. Bogen hörte eine Stimme, die ihr eine Gänsehaut den Rücken hinunterjagte. Die Stimme rief: »Susi? Mit wem telefonierst du?«
Das Gespräch wurde weggedrückt, doch Frau Dr. Bogen glaubte, genug gehört zu haben. Das war die Stimme von Tobias Henner. Dem Weihnachtsmann-Killer. Fast ein Jahr lang hatte sie ihn in der Gruppentherapie und in Einzelstunden gehabt. Sie wusste, wie er sich anhörte, wenn er euphorisch war. Misstrauisch. Böse oder gut gelaunt.
Obwohl sie schon lange nicht mehr rauchte, bekam sie große Lust auf eine Zigarette. Sie zog sich einen Block heran, um etwas zu notieren. Der Bleistift zitterte in ihrer Hand. Sie ahnte, dass eine Katastrophe nahte. Sie spürte es, als würde sie ein schweres Unwetter am Horizont heraufziehen sehen.
Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen saß bei ihrer Nachbarin Bettina Göschl auf der Terrasse. Sie hatten ihre Harfen so gestellt, dass sie sich beim Spielen anschauen konnten. Sie versuchten gemeinsam ein Stück.
Bettina besaß drei Harfen. Eine Reiseharfe. Eine keltische Hakenharfe und eine kleine Knieharfe.
Sie übten ein bretonisches Stück. Es hieß Bärentanz.
Ann Kathrin war Anfängerin. Sie suchte einen Ausgleich zum aufreibenden Kampf mit Verbrechen und Bürokratie, wobei sie oft nicht wusste, was schwieriger war.
Manchmal hatte sie das Gefühl, sich in die Harfenklänge fallenlassen zu können, dann wieder, mit ihnen wegzufliegen. Vieles, was vorher schwer schien, wurde leicht.
Ihr Handy lag zwischen den Teetassen und der Eierlikörtorte aus dem Café ten Cate.
Jetzt jaulte der Seehund in ihrem Handy. Der Klingelton ließ jeden sofort an einen einsamen Heuler auf einer Sandbank denken, der seine Mutter verloren hatte.
Bettina Göschl musste lachen. Irgendwie passte der kleine Seehund zum Bärentanz. Sie selbst hatte ihr Handy, wenn sie Harfe spielte, immer auf lautlos gestellt. Sie akzeptierte aber, dass Ann Kathrin ranging. Bettina wusste, dass Ann Kathrin sonst unkonzentriert oder unentspannt weiterspielen würde. Das machte wenig Spaß.
Ann Kathrin stellte ihren Beruf über alles. Erst kam die Verbrechensbekämpfung, dann der Rest. Für Freunde und Familie war das nicht immer leicht. Für Gangster auch nicht.
Sie meldete sich vorsichtshalber nur mit »Moin?«.
Sie konnte Moin auf so viele Arten sagen. Jetzt hieß es: Wer bitte ist da? Und hoffentlich haben Sie einen wichtigen Grund, mich zu stören.
»Frau Klaasen?«
»Ja?«
»Ich bin’s. Karin Bogen. Sie erinnern sich? Dr. Karin Bogen aus Düsseldorf. Ich war bei Ihnen, um Ihnen zu helfen, den Weihnachtsmann-Killer einzufangen.«
»Ja, Frau Dr. Bogen, ich erinnere mich sehr gut. Worum geht es?«
Bettina fand es gut, dass Ann so forsch vorging und sich nicht mit Smalltalk oder Vorgeplänkel aufhielt.
Bettina spielte weiter, doch als sie sah, wie Ann die Augen weit aufriss und aufsprang, legte sie ihre Handflächen auf die Saiten, um die Klänge zu ersticken.
Ann Kathrin hätte fast ihre Harfe umgeworfen. Sie wackelte noch auf dem Holzfuß.
»Sie haben was?« Ann Kathrins Stimme überschlug sich fast.
Frau Dr. Bogen wiederholte sich: »Susi Gröpeling hat mich angerufen. Die Unberührbare! Und im Hintergrund habe ich die Stimme von Tobias Henner gehört.«
»Der Weihnachtsmann-Killer lebt? Sind Sie sicher?«
»Ich habe ihn zwar nur ganz kurz gehört, aber ich war seine Therapeutin. Ich kenne seine Stimme.«
»Wissen Sie, woher der Anruf kam?«
»Nein.«
»Wurde das Gespräch aufgezeichnet?«
Frau Dr. Bogen stöhnte: »Ich bitte Sie, Frau Klaasen. Wir kennen doch beide die Gesetze …«
Ann Kathrin bohrte weiter: »Haben Sie etwas gehört, das uns einen Hinweis geben könnte? Irgendwelche Geräusche im Hintergrund oder …«
»Nein, das nicht. Dafür war ich auch viel zu aufgeregt. Aber …« Karin Bogen dachte nach und drückte den Stift zwischen ihren Fingern, als könne sie die Erinnerung heraussaugen.
»Aber was?«
»Sie hat mich zu ihrer Hochzeit eingeladen.« Frau Dr. Bogen lachte: »In eine Pommesbude.«
»Hochzeit? Hat sie gesagt, wie ihr Bräutigam heißt?«
»Ich vermute mal, Tobias Henner, aber das hat sie nicht gesagt. Susi kokettiert gern mit Männern. Die kann gucken … das verstehen einige als Aufforderung falsch, aber sie hat ein hohes Aggressionspotenzial. Wenn ihr jemand zu nahe kommt, dann … Sie ist geprägt durch Missbrauchserfahrungen und … Es tut mir leid, Frau Klaasen, aber mein nächster Patient wartet schon. Ich muss leider das Gespräch beenden.«
»Ich danke Ihnen erst mal und …« Ann Kathrin guckte ihr Handy an, als könne alles nur ein Albtraum gewesen sein. Es kam ihr unwirklich vor.
»Habe ich das gerade richtig verstanden? Der Weihnachtsmann-Killer geht wieder auf Jagd?«, fragte Bettina Göschl.
Ann Kathrin nickte und schüttelte dann sofort den Kopf: »Ich weiß noch gar nicht, was das jetzt bedeutet.«
Bettina zuckte mit den Schultern: »Nun, vermutlich, dass unsere schöne Stunde Harfenmusik beendet ist.«
Ann widersprach nicht. Sie nahm sich noch eine Gabel von den Resten der Eierlikörtorte und verabschiedete sich mit vollem Mund.
Tobias Henner wusste nicht, wie er es Susi sagen sollte. Sie hielt ihn für einen Mann mit Erfahrungen. Sie bewunderte ihn und glaubte, er habe schon viele Frauen gehabt, aber keine sei für ihn gut genug gewesen.
In Wirklichkeit war er immer menschenscheu gewesen, kam mit Tieren besser klar. Er mochte Möwen. Ratten. Maulwürfe. Silberfische und streunende Hunde. Mit Menschen kam er nicht so gut klar.
Noch nie hatte sich eine Frau in ihn verliebt. Oder es war ihm nicht aufgefallen.
Eine Weile hatte er sich gern Pornos angeschaut, aber wirklichen Spaß am Sex hatte er nie gefunden. Kurz vorher wurde er von Versagensängsten geplagt, und das, was die Kerle in den Filmen machten, konnte er sowieso nicht. Das sah zwar alles echt aus, aber er glaubte trotzdem, dass es gefaked war. Durch irgendwelche Filmschnitte sah es dann nur so aus, als könnten sie stundenlang.
In Emden war er ein paarmal zu einer Hure gegangen. Sie hieß Desiree und war ihm als Rubensmodell angepriesen worden. Ja, sie nahm Geld für ihre Dienste, aber dann benahm sie sich so, wie er sich eine echte Geliebte vorstellte. Er fühlte sich von ihr gesehen und respektiert.
Sie lächelte nicht ein einziges Mal spöttisch, wenn er sich auf ihr abmühte. Sie zeigte ihm sogar ein paar Tricks, wie er Sachen machen konnte, die Frauen angeblich liebten. Er wurde ihr gelehriger Schüler.
Susi war ganz das Gegenteil von Desiree. Aus Desiree hätte man leicht zwei oder drei Susis schnitzen können.
Er wollte Susi nicht erzählen, dass er Stammkunde bei einer Hure gewesen war, das machte ihn irgendwie klein, fand er. Er hatte Susi von seiner Freundin Desiree nur erzählt, dass die gern Kuchen gegessen und Mentholzigaretten geraucht hatte.
Aber um Susis Fragen auszuweichen – sie konnte sehr neugierig sein, was sein Liebesleben betraf –, hatte er ihr von Ann Kathrin Klaasen erzählt und wie sehr er die Kommissarin hasste. Sie war die größte Hexe von allen.
Seit sein Haus in Norden abgerissen worden war, fühlte er sich wie ein Einsiedlerkrebs. Wie diese schob er seine viel zu verletzlichen Körperteile gern in fremde Häuser, um sie zu schützen. Genauso empfand er es. Wie der Einsiedlerkrebs Schneckenhäuser besetzte, um seinen weichen Hintern in Sicherheit zu bringen, so mietete er sich Hotelzimmer und Ferienwohnungen. Dort konnte er unterkriechen. Dort fühlte er sich geschützt.
Seit Monaten lebten sie so, und es gefiel ihm. Er hatte vor, noch ein paar Wochen in Wismar zu bleiben. Er konnte sich auch vorstellen, mit Susi noch eine Weile auf der Insel Poel zu wohnen. Sie hatten einen Fahrradausflug dorthin gemacht. Susi fuhr gerne mit dem Rad. Es vermittelte ihr das Gefühl von Freiheit.
Er suchte nach Möglichkeiten, wie er sie heute ablenken konnte, denn sie schien wild entschlossen zu sein, heute mit ihm zu schlafen. Und er war noch nicht so weit. Er hatte Angst, alles könne sich zum Negativen verändern. Vielleicht fanden sie sich ja gegenseitig völlig unattraktiv und doof. Vielleicht würde es ja überhaupt keinen Spaß machen …
Das ganze Thema war ohnehin so sehr überhöht und durch Filme und Bücher mit Erwartungen aufgeladen, dass es eigentlich nur scheitern konnte. Bestimmt kamen sich die Menschen danach alle mies vor, weil sie es nicht so toll machten wie die Paare in den Videos, die sich jeder im Internet kostenlos angucken konnte.
Sie hatten einen schönen, sorglosen Sommer miteinander verlebt. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein. Allein zu erleben, wie sehr Susi die Freiheit genoss, wie sie zwei große Eisbecher nacheinander verputzen konnte und sich mit dem Handrücken die Sahne von den Lippen wischte.
Ihr Lachen, wenn ihr etwas schiefging, wenn sie sich beim Essen beschlabberte, weil sie so gierig war. Und sie freute sich genau wie er, wenn Möwen versuchten, Fischbrötchen oder Eiswaffeln zu stehlen.
In schönen Momenten nannte sie ihn Möwchen. Manchmal auch Möwe. Aber wenn sie um etwas bat oder ihn zu etwas bringen wollte, dann säuselte sie Möwchen.
Sie hatte ihn schon mal gefragt, woher das Geld kam. Er zahlte immer in bar. Er lehnte Kreditkarten ab. »Nur Bares ist Wahres«, sagte er gern, und auch damit brachte er sie jedes Mal zum Lachen, als hätte sie den Spruch noch nie gehört.
Sie saß gern auf den bequemen Bänken beim Spielplatz nahe dem Kornspeicher. Dort konnte man die Beine ausstrecken. Für übermüdete Eltern oder Liebespaare war es originell gemacht.
So, wie sie den spielenden Kindern zusah, wusste er nicht genau, ob sie am liebsten selbst wieder ein kleines Mädchen gewesen wäre und sich auf der Schaukel und im Sandkasten ausgetobt hätte oder ob sie insgeheim davon träumte, Mami zu werden und selbst Kinder zu haben.
Ihr Gesicht veränderte sich, wenn sie die Kinder sah. Er spürte da ein Verlangen, aber auch eine gewisse Trauer.
Sie saß neben ihm und wippte mit den Füßen. Sie flüsterte: »Sollen wir jetzt hochgehen, Möwchen?«
Er guckte sie an, als wüsste er gar nicht, worüber sie sprach.
Sie lachte: »Du kannst mich haben, wenn du mich willst. Oder gefalle ich dir nicht?«
»Doch, du gefällst mir – und wie du mir gefällst!«
Dann fiel ihm ein, wie er aus der Situation herauskommen konnte: Nosferatu! Das war es! Nosferatu!
»Ich freue mich sehr drauf, aber ich will dir vorher noch etwas zeigen.«
»Och nö, das können wir uns ja später angucken. Lass es uns jetzt tun.«
»Ich weiß nicht, ob das später noch geht. Wir hätten jetzt die Chance. Wir können uns noch so oft lieben, wie wir wollen. Wir haben noch ein ganzes Leben vor uns. Aber das, was ich dir zeigen will, das ist vielleicht bald schon weg.«
»Was soll das sein? Das Meer? Die Wolken? Die Vögel? Es ist doch alles immer da.«
Er lockte sie: »Komm!«
Er hielt ihr die Hand hin. Sie nahm sie nicht, stand aber trotzdem auf und verließ mit ihm den Spielplatz.
»Kennst du«, fragte er, »Bram Stokers Roman Dracula?«
»Den Roman hab ich nicht gelesen, aber ich hab ein paar Dracula-Filme gesehen.«
»Hast du Nosferatu gesehen?«
Sie dachte einen Moment nach, und er konkretisierte: »Nosferatu – Symphonie des Grauens. Der Film wurde hier in Wismar in der Altstadt gedreht. Das ist ein Klassiker! Sozusagen Filmgeschichte.«
Er zog sie in Richtung Altstadt. Er verriet es ihr wie ein gut gehütetes Geheimnis: »Ich weiß, dass die heute proben.«
»Du willst jetzt mit mir ins Theater?«, fragte sie entgeistert.
»Nein. Nicht ins Theater. Was ich dir jetzt zeige, hast du garantiert noch nie gesehen.«
Und in der Tat staunte sie nicht nur, sondern umarmte ihn vor Glück und tat, als hätte sie Angst und müsste sich hinter ihm verkriechen. So konnte er den Helden für sie spielen.
Die erste 3,50 Meter hohe Großfigur überquerte direkt vor ihnen am Wassertor die Straße. Es war der Vampir Graf Orlok, einen Sarg unterm Arm. Er ging in Richtung Altstadt. Er sah aus wie eine gigantische Marionette mit riesigem Kopf, nur dass die Marionette nicht von oben an Fäden geführt wurde, sondern drei Spieler waren nötig, um eine Figur zu bewegen. Einer steckte drinnen und trug das gewaltige Gewicht auf seinen Schultern. Jede Hand wurde von einem anderen Spieler mit einem Stab geführt.
Tobias wollte Susi die Geschichte erzählen. War so eine Vampirstory nicht genau das Richtige, um sie abzulenken?
»Nosferatu«, sagte er, »kam mit dem Schiff nach Wismar. Er hatte einen Makler beauftragt, ihm hier ein neues Haus zu suchen. Der hieß Knock. Schau mal, da ist er ja! Graf Orlok ist Nosferatu. Der Makler schickt seinen Mitarbeiter Thomas Hutter zum Grafen, um das Geschäft zu machen. Er will ihm das Haus unbedingt verkaufen. Zunächst gefällt Orlok der verfallene Bau aber gar nicht, und er ist auch viel zu teuer. Aber dann sieht er ein Foto von Ellen und verliebt sich sofort in sie.«
Inzwischen waren sie bei der St.-Georgen-Kirche. Einige Touristen waren fasziniert und nutzten ihre Handys, um Fotos zu schießen.
Tobias passte immer mächtig auf, um nicht zufällig auf ein Foto zu geraten. Manchmal drehte er sich scharf weg oder hielt sich die Hand vors Gesicht.
Sie wusste genau, warum er das tat. Schließlich wurde er als siebzehnfacher Mörder gesucht. Wobei er inzwischen ein paar mehr Leute auf dem Gewissen hatte, aber dafür war er noch nicht verurteilt worden. In der Gerichtsakte stand siebzehn.
Manchmal stellte sie sich so hin, dass die Touristen ihn nicht mit aufs Bild bekamen, wenn sie eigentlich Nosferatu knipsen wollten oder die zauberhaften Gebäude der mittelalterlichen Hafenstadt. Sie tat alles, um ihn zu verdecken.
Er registrierte das mit Wohlwollen.
»Da ist ja auch Ellen«, freute Susi sich. »Das soll sie doch sein, oder?«
»Ja«, bestätigte Tobias. »Ist das nicht gruselig? Ein Vampir verliebt sich in eine junge Frau …«
»Und dann? Wie geht es weiter?«, fragte Susi und zerrte an seinem Arm. »Tötet er sie?«
»Nein, umgekehrt. Der Sage nach ist es wohl so gewesen, dass sie sich geopfert hat. Sie hat sich freiwillig von ihm beißen lassen, damit er«, Tobias zitierte aus dem Gedächtnis, »den Hahnenschrei verpasste.«
»Häh? Wie?«
»Ja, Vampire dürfen doch kein Sonnenlicht haben. So zerfiel er wieder zu Staub. Sie hat ihn letztendlich besiegt.«
»Er ist«, sagte Susi ein wenig traurig, »an seiner Liebe gestorben?«
»Ja, vielleicht, wenn du so willst. So genau weiß ich es auch nicht mehr. Ich habe es ja nicht auswendig gelernt. Aber ich habe Nosferatu mehrfach gesehen.«
Der mochte die Menschen genauso wenig wie ich, dachte Tobias. Er suchte auch einen Ort, wo er unterkriechen konnte, und hat sich nur ab und zu einen Menschen geholt, um sich zu ernähren.
Ja, vielleicht hatten Nosferatu und er einiges gemeinsam …
In der Eisdiele Il Bacetto trank er noch einen Kaffee. Sie wollte ein Spaghettieis.
»Il Bacetto«, sagte er, »ist nicht der Name des Besitzers, sondern heißt Küsschen oder so ähnlich.«
