Der Witwer - Jonnie Jacobs - E-Book

Der Witwer E-Book

Jonnie Jacobs

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Beschreibung

Ist er der perfekte Hauptverdächtige? Detective Hannah Montgomery ermittelt in Jonnie Jacobs Thriller »Der Witwer« – als eBook bei dotbooks. Sie ist die beste Ermittlerin des Monte Vista Police Departments – aber ihr neuer Fall lässt Detective Hannah Montgomery an ihren Instinkten als Polizistin zweifeln. Vor ihr sitzt Dr. Sam Russel, der vor Jahren unter Verdacht stand, seine erste Frau brutal ermordet zu haben und nur aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. Nun hat man ihn in seinem Auto gefunden, mit Blut unter seinen Fingernägeln, angeblich ohne Erinnerung, was passiert ist … und seine neue Ehefrau ist spurlos verschwunden. Trotzdem kann Hannah nicht glauben, einem Mörder in die Augen zu schauen. Doch um die Wahrheit herauszufinden, muss sie Sam näherkommen, als ihr lieb ist … »Spannende Lektüre vom Allerfeinsten, die voller Überraschungen steckt!« Chicago Tribune Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der atemberaubend spannende Thriller »Der Witwer« von Jonnie Jacobs. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 575

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Über dieses Buch:

Sie ist die beste Ermittlerin des Monte Vista Police Departments – aber ihr neuer Fall lässt Detective Hannah Montgomery an ihren Instinkten als Polizistin zweifeln. Vor ihr sitzt Dr. Sam Russel, der vor Jahren unter Verdacht stand, seine erste Frau brutal ermordet zu haben und nur aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. Nun hat man ihn in seinem Auto gefunden, mit Blut unter seinen Fingernägeln, angeblich ohne Erinnerung, was passiert ist … und seine neue Ehefrau ist spurlos verschwunden. Trotzdem kann Hannah nicht glauben, einem Mörder in die Augen zu schauen. Doch um die Wahrheit herauszufinden, muss sie Sam näherkommen, als ihr lieb ist …

»Spannende Lektüre vom Allerfeinsten, die voller Überraschungen steckt!« Chicago Tribune

Über die Autorin:

Jonnie Jacobs ist eine amerikanische Krimi- und Thriller-Autorin. Sie hat ihren vormaligen Beruf als Rechtsanwältin aufgegeben, um sich voll auf das Schreiben zu konzentrieren und lebt mit ihrem Ehemann in der Nähe von San Francisco.

Bei dotbooks erscheint auch folgender Thriller von Jonnie Jacobs:

»Tödliche Lüge«

***

eBook-Neuausgabe Dezember 2019

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2005 by Jonnie Jacobs

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »The Only Suspect« bei Kensington Publishing Corp., New York.

Copyright © der deutschen Ausgabe 2009 Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Bildmotivs von © shutterstock / Gutzemberg

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96148-785-1

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

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Jonnie Jacobs

Der Witwer

Psychothriller

Aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya

dotbooks.

Im Andenken an meine Eltern

Kapitel 1

Ich hatte von Lisa geträumt. Es war spät im Frühjahr, und wie so oft am Sonntagvormittag schlenderten wir durch den Bostoner Stadtpark und genossen es, zusammen zu sein. Ich schob Mollys Buggy. Lisa legte mir den Arm um die Taille und sagte, wie sehr sie mich liebe. Das grenzenlose junge Glück, das ich damals genoss, wurde selbst in meinem Traum durch den Kummer getrübt, der folgen sollte ...

Ich klammerte mich an die Erinnerung, aber das durchdringende Klingeln ließ mir keine Ruhe. Es war lange her, dass ich Lisas Gegenwart so deutlich gespürt hatte.

Das beharrliche Trillern des Handys war schließlich stärker. Als ich auf dem Nachttisch danach tastete, griff ich ins Leere. Im Bruchteil einer Sekunde war ich hellwach. Ich öffnete die Augen und stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war.

Okay, ich saß in einem Auto, so viel war klar. Meinem Auto, genauer gesagt. In einem Straßengraben neben einer schmalen, staubigen Straße. Wahrscheinlich war der Wagen ins Schleudern geraten, bevor ich dort gelandet war, denn er stand leicht schräg entgegen der Fahrtrichtung. Ich hatte unerträgliche Kopfschmerzen, und mein Mund fühlte sich an, als wäre er voller Sägespäne.

Hastig tastete ich mich ab: Meine Gliedmaßen waren intakt, und ich konnte keine größeren Wunden oder Prellungen entdecken. Offenbar war ich nicht verletzt, zumindest nicht ernsthaft. Allerdings entdeckte ich immer neue schmerzende Stellen, vor allem an Rücken und Nacken.

Verletzt wohl nicht, aber extrem verwirrt.

Was für ein Tag war heute? Welches war der letzte Tag, an den ich mich erinnerte? Mühsam suchte ich in meiner nebelhaften Erinnerung nach Anhaltspunkten. Sie tauchten nur sehr langsam auf, wenn überhaupt.

Der Himmel war klar bis auf ein paar hohe Wolken. Das war ein gutes Zeichen, weil mir der Anblick vertraut vorkam. Ich fuhr mit der Hand über mein Kinn und entdeckte dabei einen weiteren Schmerzpunkt. Meine Bartstoppeln waren höchstens einen Tag alt. Ebenfalls ein gutes Zeichen. Was auch geschehen sein mochte – ich war nicht allzu lange außer Gefecht gewesen.

Das Mobiltelefon, dessen Klingeln aufgehört hatte, bevor ich richtig aufgewacht war, schrillte erneut. Ich griff in meine Jackentasche und warf einen Blick auf die Nummer. Mein Auftragsdienst.

»Dr. Russell? Ich habe einen Anruf für Sie. Eine Dame namens Sherri Moore. Sie sagt, sie ist keine Patientin, aber sie muss mit Ihnen reden.«

Sherri Moore war die Mutter von Mollys bester Freundin Heather. Erleichtert stellte ich fest, dass ich mich allmählich an immer mehr Einzelheiten erinnerte. »Stellen Sie durch.«

»Tut mir leid, dass ich dich stören muss, Sam, aber es ist schon fast Mittag.« Es klang, als wäre sie sauer, wollte es sich aber nicht anmerken lassen. »Wo bist du?«

»Ich, äh ...« Ich sah mich in dem ausgetrockneten, steinigen Gelände um. Hoffentlich war ich in der Nähe unseres Hauses. Sicher war ich mir nicht. Aber das hatte sie auch nicht wissen wollen. »Ich hatte einen Notfall«, sagte ich zur Erklärung. Das war zumindest nicht direkt gelogen.

»So etwas hatte ich mir gedacht. Ich hätte auch nicht angerufen, aber die anderen Mädchen sind schon weg, und Molly macht sich allmählich Sorgen.« Sherri legte eine kurze Pause ein. »Maureen wollte Molly spätestens um neun abholen.«

»Abholen ...«

»Heather hat eine Pyjama-Party gegeben, das weißt du doch sicher noch. Molly war die Nacht über hier.« Ihr Ton kam mir bekannt vor. So redeten Maureens Freundinnen, wenn sie einem zu verstehen geben wollten, dass Männer ohnehin keine Ahnung hatten.

Aber wenn es um Molly ging, wusste ich normalerweise sehr wohl Bescheid. Diesmal allerdings nicht. Mein Kopf war völlig vernebelt. »Wo ist Maureen?«

»Das weiß ich nicht, deswegen habe ich auch deinen Auftragsdienst angerufen. Ich habe es den ganzen Vormittag bei euch zu Hause versucht, aber es ist keiner ans Telefon gegangen. Auf dem Handy habe ich sie auch nicht erreicht.«

Hätte ich Molly abholen sollen? Gut möglich.

Obwohl Maureen und Molly mittlerweile besser miteinander auskamen als am Anfang, war uns allen bewusst, dass sie meine Tochter war und nicht Maureens. Gezwungenermaßen kümmerte sich meine Frau um Mollys Termine, aber für die praktischen Dinge war häufig ich zuständig. Nicht dass ich mich darüber hätte beschweren wollen. Molly war der Mittelpunkt meines Universums.

»Tut mir leid, Sherri. Wahrscheinlich haben Maureen und ich uns missverstanden. Ich bin so schnell wie möglich da, sagen wir in ...« Ich sah mich erneut um. Das Gelände war steil und steinig und zum Großteil von Gestrüpp bedeckt. Wo war ich überhaupt? »In einer Stunde«, schloss ich. Ich konnte schlecht zugeben, dass ich keine Ahnung hatte, wie lange es dauern würde.

»Es hat wirklich keine Eile. Wir haben uns nur Sorgen gemacht. Warte, ich geb dir Molly.«

»Wo bist du, Dad? Hast du mich vergessen?« Ihre Stimme klang traurig und ein wenig vorwurfsvoll.

»Ich habe dich nicht vergessen, Schätzchen, aber ich konnte von der Arbeit nicht weg. Du weißt doch, dass das manchmal vorkommt.« Leider wusste Molly das nur allzu gut. Ich verachtete mich selbst dafür, dass ich sie anlog. Dafür, dass ich mich in eine Situation gebracht hatte, in der ich lügen musste. Ich hatte geglaubt, das läge hinter mir. »Ich mach's wieder gut. Heute Nachmittag.«

»Es ist aber schon Nachmittag«, erwiderte sie mit der messerscharfen Logik einer Elfjährigen, die bald achtzehn werden würde.

Ich ignorierte die Spitze. »Ich bin bald da. Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch. Bis gleich.«

Mein Audi stand mit dem Heck nach unten schräg im Graben, aber die Böschung war nicht sehr steil. Es gelang mir, die Tür aufzustoßen und auszusteigen. Ich hoffte, die frische Luft würde für einen klaren Kopf sorgen. Stattdessen rebellierte mein Magen. Ich beugte mich vor, wobei ich mich am Auto festhielt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der bittere Geschmack von Galle brannte in meiner Kehle. Hinter meinen Schläfen pochte ein Vorschlaghammer.

Was hatte ich bloß getan? Selbst als ich rund um die Uhr getrunken hatte, hatte ich es meistens noch bis nach Hause geschafft. Und einen Kater hatte ich höchst selten gehabt.

Außerdem war ich nie ein schlampiger Säufer gewesen. Ein funktionierender Alkoholiker, um den Fachausdruck zu gebrauchen. Nur hatte ich nicht so gut funktioniert, wie ich geglaubt hatte.

Fast fünf Jahre lang war ich trocken gewesen, seit meiner Rückkehr nach Kalifornien. Ich war dem schwarzen Loch der Wut und Verzweiflung entkommen, in das ich nach Lisas Tod gestürzt war. Ich hatte ein neues Leben. Ein anderes Leben, aber es war gut. Wie hätte ich so dumm sein können, das zu riskieren?

Aber genau danach sah es aus. Irgendwann, vermutlich in den letzten vierundzwanzig Stunden, war ich schwach geworden und hatte etwas getrunken. Wahrscheinlich hatte ein Drink zum nächsten geführt und so fort, bis ich mich auf einer mordsmäßigen Sauftour befand.

Es wäre nicht der erste Ausrutscher gewesen – aber der erste, seit ich Maureen kannte.

Ich wischte mir den Mund mit dem Ärmel ab und versuchte erneut, mein Gedächtnis zu aktivieren. Nichts. Ich überprüfte das Datum auf meiner Armbanduhr. Sonntag, der 5. Mai.

Wenn gestern Samstag gewesen war, musste ich bis mittags Sprechstunde gehabt haben. Aber ich konnte mich an den Vortag überhaupt nicht erinnern.

Nachdem ich in meine Heimatstadt Monte Vista zurückgekehrt war und die Praxis von meinem Vater übernommen hatte, hatte ich mich besonders darauf gefreut, als altmodischer Hausarzt arbeiten zu können. Ich kannte meine Patienten und ihre Familien, manchmal seit drei Generationen. Warum konnte ich mich dann an kein einziges Gesicht, keinen einzigen Namen aus meiner Samstagssprechstunde erinnern? Es ging einfach nicht, so sehr ich mich auch bemühte.

Ich war bestimmt zur Arbeit gegangen, sonst hätte Ira Alarm geschlagen. Ira Kincaid war mein Freund und Partner. Davor hatte er die Praxis gemeinsam mit meinem Vater geführt. Er kümmerte sich mit militärischer Disziplin um die täglichen Abläufe. Manchmal ging mir das auf die Nerven, aber meistens war ich dankbar, dass er den Verwaltungskram von mir fernhielt.

Nun musste ich mir nur noch überlegen, wie ich Maureen die letzte Nacht erklären sollte. Vielleicht versuchte ich es mit der Wahrheit. Wahrscheinlich würde Maureen sogar Verständnis dafür haben. Natürlich würde sie sauer und enttäuscht sein – das war ich schließlich selbst –, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mir die Sache lange unter die Nase reiben würde.

Dann erst merkte ich, welches Datum wir hatten. Der 5. Mai. Gestern war unser Hochzeitstag gewesen. Erst unser zweiter. Wie hatte ich ausgerechnet an diesem Tag einen Rückfall erleiden können? Wie hatte ich so dumm sein können?

Das körperliche Elend war gar nichts gegen den Selbsthass, den ich empfand. Wäre das Hämmern in meinem Kopf nicht so unerträglich gewesen, hätte ich meinen Schädel vielleicht gegen das Auto gerammt. Stattdessen verpasste ich dem Reifen einen Tritt.

Ein Tag nach dem anderen.

Das war in den letzten Jahren mein Motto gewesen. Zuerst hatte ich es für übertrieben simpel gehalten, aber dann fand ich heraus, dass es tatsächlich funktionierte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ich wieder bei null anfangen musste. Ich musste mich vorwärtsbewegen.

Jetzt musste ich erst einmal aus dem Graben heraus und Molly abholen.

Ich fühlte mich elend, aber ohne Dusche und eine ordentliche Dosis Aspirin würde sich daran vermutlich auch nicht viel ändern. Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass der Wagen nicht so schwer beschädigt war, wie ich befürchtet hatte. Der Winkel war nicht allzu steil und der Graben nicht besonders tief. Falls das Auto keinen Schaden hatte, der auf den ersten Blick nicht zu erkennen war, würde ich mich vermutlich auch ohne Abschleppwagen aus meiner misslichen Lage befreien können.

Als ich mich wieder auf den Fahrersitz sinken ließ, fielen mir meine Hände auf. Besser gesagt, meine Fingernägel. Sie wiesen dunkle Ränder auf, die von getrocknetem Blut zu stammen schienen.

Ich versuchte, meinen rebellierenden Magen, meinen dröhnenden Schädel und die zahlreichen unangenehmen Fragen, die sich mir aufdrängten, zu ignorieren, und konzentrierte mich darauf, langsam und gleichmäßig zu atmen. Ich stieg wieder aus und betrachtete mein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Ziemlich zerzaust sah ich aus. Die obersten drei Knöpfe an meinem Hemd standen offen, und der linke Hemdzipfel hing mir aus der Hose. Ich hatte ein geschwollenes Auge, eine blau angelaufene Lippe und einen Kratzer am Kinn, aber nichts, das eine größere Blutung erklärt hätte.

Woher also stammte das Blut unter meinen Nägeln?

Ich überlegte kurz, ob ich direkt zu Sherri fahren und Molly abholen sollte, aber so verknittert und übelriechend, wie ich war, schien mir das keine gute Idee. Außerdem war es vermutlich besser, wenn ich zuerst allein mit Maureen sprach.

Der Motor sprang problemlos an, und ich atmete erleichtert auf. Alles in allem hatte ich verdammtes Glück gehabt.

Die Räder drehten mehrfach durch, aber es gelang mir, das Auto in der Nähe einer zerklüfteten Felsnase aus dem Graben und zurück auf die schmale, unbefestigte Straße zu manövrieren. Die Gegend war bergig und von Gestrüpp bedeckt, aus dem hie und da Eichen und hohe Kiefern ragten. Da ich weit und breit nichts entdeckte, an dem ich mich hätte orientieren können, fuhr ich in die Richtung, in der ich Westen vermutete. Dort war das Gelände flacher. Gut zehn Minuten holperte ich über die von tiefen Spurrinnen durchzogene Straße, wobei mein Kopf und mein Magen energisch protestierten. Schließlich sah ich eine Weide mit Kühen. Dahinter fuhr ein Lkw auf einer Straße, die quer zu der verlief, auf der ich mich befand.

Ich bog nach Norden ab und schlängelte mich noch einmal zehn Minuten durch Farmland, das mir höchstens vage bekannt vorkam, bis ich auf ein Schild zum Highway 193 stieß. Endlich gelang es mir, mich zu orientieren. Nur zwanzig Minuten später war ich zu Hause, obwohl ich unterwegs noch an einem Blumenstand gehalten hatte, um für Maureen einen großen Strauß rosa- und lilafarbene Tulpen zu erstehen. Als ich in die Garage fuhr, übte ich nervös meine Entschuldigungsrede. Ich hatte mich noch nicht auf eine Story festgelegt, weil ich erst sehen wollte, in welcher Stimmung sie war.

Maureens gelber Miata stand in der Garage, aber sobald ich das Haus betrat, wusste ich, dass sie nicht da war. Die Stille war fast mit Händen zu greifen. Eine Nachricht hatte sie auch nicht hinterlassen. Das überraschte mich nicht besonders, schließlich war ich am Vorabend nicht nach Hause gekommen. Stinksauer war vermutlich gar kein Ausdruck für ihre Stimmung.

Ich zog mich aus und musterte meinen Körper im Badezimmerspiegel. Meine Einschätzung des Schadens blieb unverändert: Bis auf mein Gesicht und eine geprellte Schulter war ich unverletzt. Ich schrubbte mir die Nägel mit heißem Wasser und einer Nagelbürste. Unbehaglich sah ich zu, wie das rosa verfärbte Wasser im Abfluss verschwand.

Vor vielen Jahren hatte ich mich einmal mit einem Kerl angelegt, der Lisa angemacht hatte. Das war mir nicht gut bekommen. Seitdem hatte ich mich von Handgreiflichkeiten ferngehalten, selbst als ich noch trank. Manchmal wurde ich laut und unausstehlich, aber bei körperlichen Auseinandersetzungen war ich ein Feigling. Trotzdem: Wenn das Blut unter meinen Nägeln nicht von mir stammte – was ich nach meiner Selbstuntersuchung für ausgeschlossen hielt –, von wem dann? Die Frage ließ mich nicht los.

Nachdem ich geduscht und mich umgezogen hatte, stellte ich die Blumen in eine Vase auf dem Küchentisch und schrieb einen Zettel. Ich kann gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Kannst du mir noch einmal verzeihen? Ich liebe dich. Sam.

Dann fuhr ich los, um Molly abzuholen.

»Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee vertragen«, meinte Sherri, während sie mich durch den gefliesten Eingangsbereich zur Küche führte. Sherri wohnte in einer der schicken neuen Siedlungen am Stadtrand.

»Ist es so schlimm?«

Ohne zu fragen, goss sie mir eine Tasse ein. »Was ist mit deinem Gesicht passiert? Bist du gegen eine Tür gelaufen?«

Ich rieb mir das Kinn und lachte verlegen. »Klingt nach einer Ausrede für misshandelte Frauen, was? Tut mir leid, dass das mit dem Abholen nicht geklappt hat.«

»Macht nichts. Die Mädchen haben sich super amüsiert.« Sherri strich sich eine Strähne honigblondes Haar aus dem Gesicht. »Ich hoffe, ihr beide habt den Abend gut genutzt.«

Ich zögerte mit meiner Antwort. Sherri wusste vielleicht, was wir vorgehabt hatten, das konnte mir bei der Rekonstruktion der Ereignisse helfen. Aber wollte ich sie wirklich fragen? Das hätte bedeutet zuzugeben, dass ich mich selbst an nichts erinnerte. Schließlich entschied ich mich dagegen. Nicht bei meiner Vergangenheit und nicht bei Sherri, die nichts für sich behalten konnte. Stattdessen nickte ich vage.

»Gut. Ich weiß, wie Maureen sich darauf gefreut hat.« Sherri legte eine Pause ein, als wollte sie noch etwas hinzufügen, lächelte aber nur. »Ich sage Molly, dass du hier bist.«

An dem Tag, an dem Molly geboren worden war, hatte sich mein Leben von Grund auf geändert. Ich musste mich mit Windeln, schlaflosen Nächten und Wagenladungen von Baby-Utensilien herumschlagen, die wir überall mit hinschleppten. Aber der wirkliche Wandel ging viel tiefer.

Vom ersten Augenblick an, in dem ich sie in meinen Armen gehalten hatte, war ich von diesem winzigen, hilflosen Bündel Mensch hingerissen, das meine Tochter war. Die Erfahrung übertraf all meine Erwartungen. Meine Gefühle waren so heftig, dass es mich immer wieder überraschte. Der Gedanke, dass ich sie beinahe verloren hätte, machte mir Angst. Erst nachdem Lisas Eltern das Sorgerecht für Molly beantragt hatten, hatte ich endlich mit dem Trinken aufhören können.

Und jetzt stand ich unerklärlicherweise erneut am Rande dieses Abgrunds. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Molly erschien mit dem Rucksack über der Schulter in der Tür. Das volle kastanienrote Haar und die braunen Augen hatte sie von Lisa, aber die Wirbel und Wellen stammten von mir. Lisa hatte glattes Haar gehabt.

»Fertig?«, fragte ich.

»War ich schon um neun.«

»Tut mir wirklich leid, war mein Fehler.«

Sie lächelte und zeigte dabei ihre Zahnspange.

Ich wartete, bis wir im Auto saßen, um mich richtig zu entschuldigen und ihr, falls nötig, eine Erklärung zu liefern, aber da hatte sie schon das Thema gewechselt. Dass ich sie nicht pünktlich abgeholt hatte, war längst nicht so interessant wie der flauschige schwarze Welpe, der dem Jungen von nebenan gehörte. Mir wurde schnell bewusst, dass der Junge viel wichtiger war als der Hund. Noch vor gar nicht so langer Zeit wäre das anders gewesen, dachte ich wehmütig.

Erst als wir zu Hause waren, erkundigte sie sich nach Maureen. »Wo ist sie?«

»Das weiß ich nicht genau. Wahrscheinlich ist sie mit einer Freundin unterwegs.«

»Shopping?«

»Vielleicht.« Das war gut möglich, schließlich ging Maureen liebend gern einkaufen. Und ihre Handtasche fehlte, das hatte ich bereits überprüft. »Hat sie zu dir gesagt, mit wem sie los wollte?«

Molly schüttelte den Kopf.

Obwohl ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, war ich zunehmend beunruhigt. Wenn Maureen sauer war, ignorierte sie mich nicht, sondern las mir die Leviten. Kaltes Schweigen war nicht ihr Stil. Leider konnte ich nicht ausschließen, dass mir nur entfallen war, wo sie war, obwohl sie es mir gesagt hatte. So wie ich den gesamten Vortag vergessen hatte.

Molly sah mich misstrauisch an. »Habt ihr beide euch gestritten?«

»Wieso fragst du?«

»Ich weiß nicht. Das ist alles so merkwürdig. Erst vergesst ihr beide, mich abzuholen, dann ist sie nicht zu Hause, und du siehst aus ...« Sie senkte den Blick. »Du siehst aus, als hätte dich jemand verprügelt.«

Ich umarmte sie. »Maureen und ich haben uns nicht gestritten, und mich hat auch keiner verprügelt. Ich bin gegen eine Tür gelaufen, du weißt doch, wie ungeschickt ich sein kann. Das ist alles. Sieht schlimmer aus, als es ist.«

Sie erwiderte meine Umarmung, warf mir aber einen zweifelnden Blick zu. »Du würdest es mir doch erzählen, wenn was Schlimmes passiert ist, oder? Ich. bin schließlich kein kleines Kind mehr.«

»Ich weiß, dass du längst kein kleines Kind mehr bist, Schätzchen. Aber es ist alles in Ordnung.«

Keine Ahnung, ob Molly das glaubte. Ich jedenfalls nicht.

Kapitel 2

Am Sonntagabend aßen wir normalerweise bei meinem Vater in dem alten zweistöckigen Haus, in dem ich aufgewachsen war. Meistens grillte er, aber manchmal zauberte er uns auch Tacos oder Pizza. Das war schon seine Spezialität gewesen, als meine Mutter noch lebte. Sonst kam er nie auch nur in die Nähe der Küche. Seit ihrem Tod hatte er aus reiner Notwendigkeit noch ein paar andere Gerichte gelernt, aber wenn er uns am Sonntag bewirtete, hielt er sich stets an das Altbewährte. Als Maureen gegen fünf Uhr immer noch nicht zurück war, überlegte ich, ob ich meinen Vater anrufen und absagen sollte. Aber ich wusste, dass er traurig sein würde, also ging ich mit Molly trotz allem hin.

Mein Bruder Chase war bereits da und hatte sich mit einer Dose Bier vor dem Fernseher niedergelassen. Da es noch früh im Monat war, hatte er Dad vermutlich noch nicht angepumpt. Gelegentlich, wenn auch nur selten, deutete ich an, er solle das vielleicht besser lassen. Dann hielt er mir jedes Mal einen Vortrag darüber, wie er meinen Eltern während der langwierigen Krebserkrankung unserer Mutter zur Seite gestanden hatte. Ich dagegen hatte im fernen Boston in Saus und Braus gelebt, wie er es nannte. Für ihn zählte das, und ich wollte ihm nicht widersprechen.

Er begrüßte uns, ohne sich vom Sofa zu erheben. »Hallo, Molly-Golly. Komm her und lass dich von deinem alten Onkel Chase umarmen. Du wirst jeden Tag hübscher.«

Sie schlang die Arme um seinen Hals. »Das sagst du jedes Mal.«

»Weil es jedes Mal stimmt. Du bist deiner Mama wie aus dem Gesicht geschnitten.« Chase bot Molly einen Schluck Bier an, obwohl er wusste, dass ich nichts davon hielt.

Er warf mir einen Blick zu und grinste. »Das schadet ihr schon nicht, Sam. Nur ein Schluck. Dad hat uns doch auch immer an seinem Whiskey nippen lassen, als wir klein waren. Erinnerst du dich nicht mehr?«

Und ich war zum Alkoholiker geworden. Allerdings war mir klar, dass das nicht Dads Schuld war.

»Wo ist deine bessere Hälfte?«, fragte Chase, mehr um etwas zu sagen, als weil es ihn wirklich interessiert hätte. Chase und Maureen waren nie besonders gut miteinander ausgekommen.

Ich hatte einen Großteil des Nachmittags damit verbracht, mir vorzustellen, wo Maureen sein mochte. Am wahrscheinlichsten schien mir, dass wir am Vortag ausgegangen waren – immerhin war es unser Hochzeitstag gewesen. Ich hatte mich volllaufen lassen, und wir hatten uns deswegen gestritten. Oder wir hatten einen fürchterlichen Streit gehabt, und ich hatte deswegen angefangen zu trinken. Auf jeden Fall war sie stinksauer und wollte für den Augenblick nichts mit mir zu tun haben.

Allerdings hoffte ich, dass sie mit einer Freundin unterwegs war und ich die Verabredung nur vergessen hatte.

Im Hinterstübchen jedoch wusste ich, dass es noch eine dritte Möglichkeit gab. Vielleicht war etwas Furchtbares geschehen? Ich sah einen Straßenräuber vor mir, der meine Brieftasche verlangte, mir einen Kinnhaken verpasste und mit Maureen davonlief. Das hätte das Blut unter meinen Nägeln erklärt, aber es überzeugte mich nicht. Zum einen hatte ich meine Brieftasche noch, zum anderen hätte ich diese umgehend herausgerückt.

Im Augenblick wollte ich keine dieser Möglichkeiten diskutieren. »Sie konnte nicht kommen«, erklärte ich daher.

»Die Frau ist nicht dumm. Diese Sonntagsessen können ganz schön lästig werden, wenn du mich fragst.« Chase sah mich genauer an. »Was ist denn mit deinem Gesicht passiert?«

»Bin gegen eine Tür gelaufen.« Am besten blieb ich bei meiner Geschichte.

»Klar.« Er grinste ungläubig.

»Ich sage wohl besser Dad hallo.«

»Wenn du darüber sprechen möchtest, bin ich ganz Ohr«, rief Chase mir nach. »Ich bin Experte für Beziehungsprobleme.«

Nur aufgrund seiner eigenen Erfahrung. Chase konnte auf eine lange Liste gescheiterter Beziehungen zurückblicken, aber es war nicht ersichtlich, ob er etwas daraus gelernt hatte.

An jenem Abend gab es Steak, das wie immer perfekt zubereitet war. Weniger gelungen war der Rest der Mahlzeit, für den in besseren Zeiten meine Mutter zuständig gewesen war. Die Pommes frites aus der Tiefkühltruhe waren in der Mitte noch etwas matschig, gewannen aber mit Ketchup deutlich an Geschmack. Die einzige andere Beilage war eine Schüssel Eisbergsalat. Von einem Arzt im Ruhestand hätte man eigentlich erwarten können, dass er auf seine Ernährung achtete, aber mein Vater hatte vermutlich kein richtiges Gemüse mehr gegessen, seit meine Mutter zu krank zum Kochen geworden war.

»Debbie sagt, ihr wollt das Wartezimmer renovieren. Ira und du, meine ich«, meinte mein Vater.

Debbie war unsere Arzthelferin, die meinem Vater getreulich alles berichtete, was in der Praxis vor sich ging. Sie hatte fast zwanzig Jahre für ihn gearbeitet und gab immer noch mehr auf seine Meinung als auf unsere. Jetzt, wo sich Ira mit mir die Praxis teilte und nicht mit meinem Vater, ärgerte er sich mehr darüber als früher. Mir war es egal, solange sie ihre Arbeit tat.

»Wir denken daran«, gab ich zurück. »Wahrscheinlich nur ein bisschen frische Farbe und ein neuer Teppich. Vielleicht auch neue Möbel. Das hängt davon ab, was es kostet.«

Mein Vater runzelte die Stirn, bis die buschigen Brauen ein einziges stahlgraues Band über seinen Augen bildeten. »Das wird eine Menge kosten, glaub mir. Alles ist heutzutage teuer.«

»Deinen Patienten wird es egal sein«, meinte Chase. »Die kommen zu dir, weil du ein guter Arzt bist und dich um sie kümmerst.«

Aber vor allem, weil ich der Sohn meines Vaters war. Trotzdem freute ich mich, dass Chase so dachte. Er war zwei Jahre älter als ich. Als Kind war er für mich der perfekte ältere Bruder gewesen. Von ihm lernte ich, wie man angelte und Basketball spielte. Bevor ich Lisa kennenlernte, hatte ich praktisch mein gesamtes Wissen über Sex von ihm bezogen. Wenn auf dem Spielplatz jemand frech zu mir wurde, bekam er es mit Chase zu tun. Viele Jahre lang genügte allein die Tatsache, dass es Chase gab, um mir den Rücken freizuhalten.

Als Chase den Militärdienst quittierte, wurde das anders. Vielleicht, weil er nun kein Held mehr war. Vielleicht lag es auch daran, dass er es in keinem Job lange aushielt. Entweder er wurde entlassen oder er kündigte selbst, weil er sich wegen irgendeiner Kleinigkeit mit seinem Vorgesetzten angelegt hatte. Chase war immer noch nicht wieder richtig auf die Beine gekommen, wie mein Vater es gern nannte, aber er schien es mir nie zu verübeln, dass ich so erfolgreich war, wo er zu kämpfen hatte.

»Vorerst passiert sowieso nichts«, erklärte ich. »Ira muss erst seine Kreditkartenkonten ausgleichen.«

»Ist er schon wieder am Limit?«, fragte mein Vater.

Ich nickte. Ira hielt nichts davon, sich irgendwelche Freuden zu versagen. Und seine Vorlieben waren teuer: Golf, Autos, Glücksspiel und Frauen.

»Dagegen bin ich der reinste Heilige, was?« Chase rülpste und grinste Molly verstohlen an.

Sie kicherte, während mein Vater eine finstere Miene aufsetzte.

Nach dem Abendessen verschwand ich im Arbeitszimmer meines Vaters und rief bei mir zu Hause an. Ich hoffte, Maureen würde ans Telefon gehen, hörte aber nur meine eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter. Dann versuchte ich es auf ihrem Mobiltelefon, wurde aber direkt zur Mailbox weitergeleitet. Die Angst um sie, die ich den ganzen Abend lang verdrängt hatte, packte mich so heftig, dass mir übel wurde. Wo steckte sie nur?

Während Chase und Molly abspülten, half ich meinem Vater, seinen neuen Computer einzurichten. Es hatte eine Weile gedauert, bis ihn das Elektronik-Zeitalter erreichte, aber nachdem er seinem Zauber einmal erlegen war, war er nicht mehr aufzuhalten.

»Schade, dass Maureen nicht kommen konnte«, sagte er, als wir so gut wie fertig waren. »Ich weiß, dass diese Essen im Familienkreis kein großes Vergnügen für sie sein können, aber sie lässt sich nichts anmerken.«

»Ich glaube, sie hat ihren Spaß dabei.« Ich wusste, dass sie froh war, nicht kochen zu müssen.

»Wirklich schade, dass sie mit ihrer eigenen Familie nicht zurechtkommt. Spricht sie nie mit ihren Leuten?«

»Sie hat überhaupt keinen Kontakt zu ihnen. Für sie existiert ihre Familie nicht. Offenbar denken die anderen ebenso.«

»Hast du eine Ahnung, was da passiert ist?«

Ich schüttelte den Kopf. Maureen hatte ihre Familie selten erwähnt. Dieser Teil meines Lebens ist vorbei, hatte sie einmal gesagt. Ich will nicht, dass das, was ich heute bin, dadurch verdorben wird. Ich persönlich finde, dass die Vergangenheit nie wirklich abgeschlossen ist. Auf jeden Fall ist es etwas, das man mit dem Menschen teilt, den man liebt. Aber Maureen war anderer Ansicht und hatte sich von mir versprechen lassen, dass ich sie diesbezüglich nicht bedrängen würde.

Mein Vater erhob sich von seinem Stuhl. »Sag ihr, wir haben sie heute Abend vermisst.«

»Werde ich ausrichten.« Ich sah auf die Uhr. »Molly und ich machen uns besser auf den Heimweg.«

»Nimm dir Brennholz mit. Feed and Fuel haben ihren Winterbestand geräumt. Ein echtes Schnäppchen. In der Garage findest du eine Plane, mit der du den Kofferraum auslegen kannst.«

»Danke.«

Mit Hilfe von Chase schleppte ich zwei Ladungen Holz, die neben dem Haus lagerten, zur Einfahrt, wo ich meinen Audi abgestellt hatte. Chase ging die Plane holen.

»Was ist mit deiner hinteren Stoßstange passiert?«, fragte er, als er zurückkam.

»Ich hab nicht aufgepasst und bin rückwärts gegen einen Baum gefahren.« Hätte ich von Anfang an klar gedacht, hätte ich mir eine Geschichte überlegt, die sowohl mein Gesicht als auch die Stoßstange erklärte. Jetzt musste ich mich mit zwei Unfallstorys herumschlagen, die beide nicht gerade überzeugend klangen.

Doch Chase schien nichts zu merken. »Selbst bei so einer kleinen Beule kostet die Reparatur eine schöne Stange Geld.«

»Ich weiß. Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich so blöd war.« Zumindest das stimmte. »Das Auto ist so alt, dass ich es vielleicht gar nicht reparieren lasse.«

»Das wäre aber schade. Ansonsten ist es nämlich wirklich gut in Schuss.« Chase lud einen Armvoll Holz ab und ging eine weitere Ladung holen. Der Himmel hatte sich verdunkelt, und der erste Stern schimmerte in der Dämmerung. Wäre Maureen da gewesen, hätte sie die Augen fest geschlossen und einen Wunsch zum Himmel geschickt. Sie sagte mir nie, was sie sich wünschte. »Das würde alles verderben«, behauptete sie, küsste mich aber jedes Mal auf die Wange.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich würde innerlich zerrissen.

Als Chase zurückkam, lehnte ich mich mit einem Seufzer gegen das Auto. »Ich brauche einen Rat.«

Sein Gesicht wurde ernst. Das hatte es seit der Highschool nicht mehr gegeben. »Was ist los?«

»Was ich über Maureen gesagt habe ... Es stimmt gar nicht, dass sie nicht kommen konnte. Sie ist weg.«

Chase ließ die Holzscheite in den Kofferraum fallen, ohne sie zu stapeln. »Was soll das heißen?«

»Ich weiß nicht, wo sie ist.« Ich glaubte, an den in mir aufsteigenden Emotionen zu ersticken. Sorge, Schuld und Angst mischten sich in das Gefühl des Verlustes.

Chase fasste mich an der Schulter. »Sie hat dich verlassen?«

»Ich weiß es nicht. Ihr Auto und ihre Kleider sind noch da. Das Einzige, was fehlt, ist ihre Handtasche. Ich habe Angst, dass ihr was zugestoßen ist.«

»Hast du die Polizei benachrichtigt?«

»Findest du, das sollte ich tun?«

Chase sah mich verwirrt an. »Spricht irgendwas dagegen?«

»Vielleicht bedeutet es ja gar nichts. Sie ist erst seit einem Tag weg, genaugenommen noch kürzer. Ich will kein großes Theater machen, falls es nur ... du weißt schon, falls es eine harmlose Erklärung gibt.«

Chase sah mich schweigend an.

»Vielleicht hat sie mir gesagt, wo sie hin wollte, und ich hab es vergessen. Oder sie wollte nur eine Weile allein sein.«

»Ist sie sauer auf dich?«

»Das weiß ich nicht genau.«

Er rieb sich das stoppelige Kinn. »Ich habe das Gefühl, hinter der Sache steckt mehr, als du sagst.«

Ich zögerte. Es fiel mir schwer zuzugeben, dass ich schwach und dumm gewesen war. Aber da dies offenbar der Fall gewesen war, musste ich es auch zugeben – das war ein wichtiger Schritt. Ich nickte.

»Ich glaube, ich habe gestern Abend getrunken.«

»Du glaubst?«

»Ja. Ich kann mich nicht ... ich kann mich nicht erinnern. An gar nichts.«

Chase wartete, bis ich weitersprach.

»Heute Morgen bin ich in meinem Auto aufgewacht. In einem Straßengraben und mit rasenden Kopfschmerzen. Als ich nach Hause kam, war Maureen nicht da. Sie ist den ganzen Tag lang nicht aufgetaucht.«

»Du denkst, sie saß gestern Abend vielleicht mit dir im Wagen?«

»Als ich heute Morgen aufgewacht bin, waren die Türen verriegelt.«

»Himmel.«

Ich nickte erneut. »Ich hab es versaut.«

»Du meinst, deswegen ist sie weg?«

»Das ist eine Möglichkeit. Zu allem Überfluss war gestern auch noch unser Hochzeitstag.«

Chase schüttelte den Kopf. »Tolle Leistung, Bruder.«

»Es gibt natürlich noch eine andere Möglichkeit«, setzte ich hinzu.

»Dass ihr was zugestoßen ist?«

»Ja.« Ich sah Chase an, dass er an Lisa dachte. Genau wie ich.

»Es ist nicht dasselbe«, sagte er.

»Aber du verstehst, warum ich die Polizei nicht informieren will, wenn es sich vermeiden lässt.«

Er schwieg einen Augenblick. »Ich sage das nicht gern, Sam, aber ich fürchte, es lässt sich nicht vermeiden.«

In irgendeinem Winkel meines Gehirns hatte ich das die

ganze Zeit schon gewusst, aber so wie Chase es sagte, schien es auf der Hand zu liegen.

»Am besten rufst du auch gleich Jesse an.«

Jesse Black war mein Mentor bei den Anonymen Alkoholikern. »Dafür ist es ein wenig zu spät, Chase. Ich hätte ihn vor dem ersten Schluck anrufen sollen.«

»Ich hatte nicht an die Anonymen Alkoholiker gedacht«, erwiderte Chase leise.

Ich spürte einen Knoten in meiner Brust. Offenbar wollte er darauf hinaus, dass Jesse früher Strafverteidiger gewesen war. Kein sehr ermutigender Gedanke. Offenbar glaubte Chase, ich bräuchte einen Anwalt.

Ich hegte immer noch die Hoffnung, dass Maureen zu Hause sein würde, als Molly und ich heimkamen. Aber das war sie nicht. Das Haus lag so still und verlassen wie bei unserem Aufbruch.

Mittlerweile war auch Molly klar, dass etwas nicht stimmte. »Wo ist Maureen?«

»Ich weiß es nicht genau.«

»Was soll das heißen? Wie kannst du das nicht wissen?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte mich herausfordernd an.

Mir war klar, dass sie sich Sorgen machte. Ob es ihr wirklich um Maureen ging oder ob sie nur beunruhigt war, weil etwas nicht stimmte, hätte ich nicht sagen können. Maureen und Molly kamen nicht so gut miteinander aus, wie ich gehofft hatte. Maureen war es am Anfang nicht behutsam genug angegangen. Vermutlich hatte sie erwartet, eine perfekte Postkartenfamilie zu übernehmen. Molly hatte sich verständlicherweise dagegen gewehrt. Obwohl sich ihre Beziehung verbessert hatte, ließ sie noch einiges zu wünschen übrig.

»Sie könnte überall sein«, erklärte ich sachlich.

»Dad! Was geht hier vor?« Mollys Stimme klang geradezu schrill.

»Ich weiß es nicht, Molly. Ehrlich. Maureen war nicht hier, als ich heute Morgen von ... äh, von einem Patientenbesuch nach Hause gekommen bin.« Angewidert stellte ich fest, wie leicht mir die Lüge über die Lippen kam. »Sie hat mir keine Nachricht hinterlassen.«

Molly beäugte mich misstrauisch. »Bist du sicher, dass ihr euch nicht gestritten habt?«

Ich lächelte steif. »Nicht dass ich wüsste.«

»Machst du dir keine Sorgen?«

»Doch, das tue ich. Ich hatte gehofft, sie wäre inzwischen zu Hause und es wäre alles nur ein großes Missverständnis. Zu dir hat sie nichts von irgendwelchen Plänen gesagt, oder?«

»Nein.«

Ich strich Molly über die Wange. »Geh ins Bett, ja? Morgen ist Schule. Ich rufe Maureens Freundinnen an. Vielleicht läuft da irgendeine Frauensache, die ich vergessen hatte.«

»Hat Maureen denn Freundinnen?«, fragte Molly mit einer Spur Sarkasmus.

»Molly, das ist nicht ...«

»Okay, tut mir leid. Zumindest musst du nicht den ganzen Abend am Telefon hängen.«

Maureen beschwerte sich immer, dass sie nichts mit den anderen Frauen in der Stadt gemeinsam hatte. In vielerlei Hinsicht stimmte das. Abgesehen von der zunehmenden Zahl von Rentnern, die von den erschwinglichen Immobilienpreisen angelockt wurden, war Monte Vista eine Stadt für Familien. Die Leute zogen aus Sacramento und sogar aus San Francisco hierher, weil ihre Kinder in einer ruhigen, sicheren Umgebung aufwachsen sollten. Die soziale Struktur war auf Kinder ausgerichtet und basierte auf Schulen und Sportvereinen. Die meisten Frauen freundeten sich mit den Müttern der Freunde ihrer Kinder an. In dieser Hinsicht war Maureen im Nachteil. Zum einen war sie jünger als die meisten anderen, zum anderen war die Mutterschaft für sie eine Rolle, die sie übernommen hatte, keine Leidenschaft. Aber wenn sie sich ein wenig mehr bemüht hätte, hätte sie sicher Frauen gefunden, die ihr lagen. Davon war ich überzeugt.

So weit war es jedoch nie gekommen. Molly hatte Recht. Drei oder vier Anrufe würden genügen, um die Leute abzuklappern, die wissen mochten, wo Maureen war.

»Ab ins Bett jetzt«, sagte ich zu Molly. »Ich sage dir gute Nacht, wenn ich hier fertig bin.«

Ich wartete, bis Molly eingeschlafen war, bevor ich die Polizei informierte. Irgendwie hoffte ich immer noch, Maureen würde heimkommen, wenn ich nur lang genug wartete. Aber ich wusste, dass das dumm war. Sie war nicht einfach weggegangen, dessen war ich mir zunehmend sicher. Schließlich rief ich die Polizei an und sprach mit einer Beamtin namens Hannah Montgomery.

»Haben Sie bei der Verkehrspolizei nachgefragt, ob irgendwo ein Unfall war?«, fragte sie.

»Das Auto meiner Frau steht in der Garage.«

»Und ihre Freunde?«

»Keiner weiß, wo sie sein könnte.«

»Manchmal fahren Leute irgendwohin, geraten in einen Stau und vergessen anzurufen. So etwas kommt vor«, gab Detective Montgomery zu bedenken.

Sie legte eine Pause ein, um mir Gelegenheit zu geben, meine Zustimmung zu äußern, aber ich sprang nicht darauf an. Die harmlosen Erklärungen klangen einfach nicht überzeugend.

»Die Chancen, dass sich alles aufklärt, stehen gut, aber wenn Sie wollen, komme ich vorbei, um die Meldung aufzunehmen. Sie könnten mir ein Foto geben, damit wir nach ihr Ausschau halten können.«

»Danke. Bitte kommen Sie her.« Erst als ich auflegte, merkte ich, wie fest ich das Telefon umklammert gehalten hatte. Meine Finger waren weiß von der Anstrengung.

Kapitel 3

Hannah Montgomery presste ihre Fingerspitzen an die pochenden Schläfen, was aber weder den Schmerz noch die Anspannung linderte. Sie brauchte dringend eine Zigarette, aber bis dahin musste sie noch zwei Stunden durchhalten. Ob sie das schaffen würde, wusste sie beim besten Willen nicht.

Hannah hatte beschlossen, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Teil dieser Kampagne war, mit dem Rauchen aufzuhören. Wieder einmal. Diesmal würde sie es allmählich angehen. Alle behaupteten, es sei einfacher, mit einem Schlag aufzuhören, aber das hielt sie nicht durch. Sie hatte es bereits mehrfach vergeblich versucht. Allerdings fiel es ihr auch nicht gerade leicht, weniger zu rauchen.

Vorwurfsvoll starrte sie auf das Telefon, obwohl sie schon lange vor Sam Russells Anruf Kopfschmerzen gehabt hatte. Wenn sich der Kerl schon den ganzen Tag Zeit ließ, um seine Frau als vermisst zu melden, hätte er doch auch noch die vierzig Minuten warten können, bis sie Dienstschluss hatte. Dann hätte sich die nächste Schicht mit der Sache herumschlagen müssen. Eigentlich hätte sie sowieso frei gehabt. Den Dienst hatte sie nur getauscht, um ihre Teamfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Hannah war zwar erst seit etwas über einem Jahr beim Monte Vista Police Department, aber seit dreizehn Jahren bei der Polizei. Sieben davon hatte sie beim Raub- und Morddezernat der Polizei von Los Angeles verbracht. Als Ermittlerin war sie sich ihrer selbst sicher, aber mit der internen Politik der Behörde hatte sie Probleme. Das war nur ein Grund dafür gewesen, dass sie aus Los Angeles weg wollte, aber sie hatte gehofft, in einer kleineren Stadt wie Monte Vista wären die Arbeitsbeziehungen weniger kompliziert. Bis jetzt wusste sie noch nicht recht, ob das stimmte.

Sie hatte schon öfter mit Vermisstenfällen zu tun gehabt. Allerdings musste sich erst noch erweisen, ob diese Mrs Russell tatsächlich verschwunden war. Häufig klärten sich solche Sachen von selbst. Paare stritten sich, oder es hatte einen Unfall gegeben. Manchmal war der Vermisste nur auf Verwandtenbesuch. Schließlich tauchte die Person dann auch ohne Eingreifen der Polizei wieder auf.

Wenn dies aber nicht geschah, lag die Sache völlig anders. Der Ausgang war immer tragisch, sofern sich der Fall überhaupt jemals klärte. Manchmal dauerte es Jahre, bis auch nur die Leiche gefunden wurde.

Zu welcher Sorte der Russell-Fall gehörte, ließ sich vermutlich besser einschätzen, nachdem sie den Bericht aufgenommen hatte. In L. A., wo sie einen Großteil ihrer beruflichen Laufbahn verbracht hatte, hätte Hannah Sam Russell gebeten, seine Frau auf der Polizeistation als vermisst zu melden. Aber das hier war Monte Vista, wo die Beziehungen zu den Bürgern für die Polizei nicht weniger wichtig waren als ihre eigentliche Tätigkeit. Es war ein ruhiger Ort, der aufgrund seiner Lage nördlich von Sacramento eine gewisse Inselmentalität entwickelt hatte. Die Leute waren stolz auf ihre Stadt, und die Polizei stand im Dienste der Gemeinschaft.

Hannah warf der Marlboro-Schachtel in ihrem Schreibtisch einen letzten sehnsüchtigen Blick zu, griff nach Schlüsselbund und Jacke und machte sich auf den Weg zu Sam Russell.

Die Russells lebten in einer von Bäumen gesäumten Straße mit gepflegten Rasenflächen in einem der älteren Wohnviertel. Die Häuser waren nicht so groß wie in den neuen Siedlungen am Rande der Stadt, aber für Hannah besaßen sie unendlich mehr Charme.

Sam Russell öffnete die Haustür, bevor Hannah klingeln konnte. Nachdem er sie schnurstracks in die Küche geführt hatte, schloss er die Schwingtür hinter sich, die den Raum vom Rest des Hauses trennte.

»Meine Tochter schläft«, erklärte er. »Ich will sie nicht stören.«

»Ich bin Detective Montgomery.« Hannah merkte, dass sie flüsterte, und kam sich idiotisch vor.

»Sam Russell.« Er lächelte. »Bei geschlossener Tür hört Molly uns bestimmt nicht, aber ihr Zimmer liegt direkt am Gang.«

Er überragte Hannah, die einen Meter zweiundsiebzig groß war, nur um wenige Zentimeter. Sein dunkles, schwer zu bändigendes Haar wurde am Scheitel ein wenig dünn, aber seine haselnussbraunen Augen waren voller Wärme und wurden von einem Netz von Lachfältchen eingerahmt. Sie fand ihn attraktiv im Stil eines Robin Williams. Kein gutaussehender Mann im klassischen Sinn, aber angenehm. Ein wenig fühlte sie sich sogar an Malcolm erinnert, an den sie im Augenblick nun wirklich nicht denken wollte. Malcolm gehörte zu dem Leben, das sie hinter sich gelassen hatte.

Ihr fiel eine leichte lilafarbene Schwellung in der Nähe von Russells rechtem Auge auf. Ein Geburtsmal oder ein blauer Fleck? Sie speicherte die Information im Geiste für später.

»Wie alt ist Ihre Tochter?«, erkundigte sie sich. Ein Baby deutete auf eine andere Familienstruktur hin als ein –rebellischer Teenager. Und die Dynamik innerhalb einer Familie war stets von Bedeutung, wenn eines ihrer Mitglieder verschwand.

»Elf«, sagte Russell.

»Weiß sie, dass ihre Mutter verschwunden ist?«

»Maureen ist ihre Stiefmutter. Molly weiß nur, dass sie heute noch nicht zu Hause war. Ich habe versucht, die Sache herunterzuspielen, weil ich sie nicht beunruhigen wollte, aber sie spürt mit Sicherheit, dass etwas nicht in Ordnung ist.«

Er stellte eine Vase mit lila- und rosafarbenen Tulpen beiseite und bedeutete Hannah, sich an den rechteckigen Bauerntisch aus Kiefernholz zu setzen, der den freien Raum in der Küche weitgehend füllte. Die gesamte Einrichtung bis hin zu den karierten Volants und dem Keramik-Keksbehälter in Kuhform war im Landhausstil gehalten. Nicht gerade Hannahs Geschmack, aber sie musste widerwillig zugeben, dass sie die Gemütlichkeit, die der Raum ausstrahlte, ansprechend fand.

»Meine erste Frau ist gestorben, als Molly vier Jahre alt war«, setzte Sam hinzu.

»Das tut mir leid. Es muss für Sie beide eine schwere Zeit gewesen sein.«

Er nickte. »Das war und ist es. Aber wir schlagen uns durch.«

Hannah hatte das selbst erlebt. Allerdings ohne Kind. Sie versuchte, sich einzureden, das wäre ein Segen. Trotzdem beneidete sie Sam Russell dafür, dass er eine neue Liebe gefunden hatte.

Sie holte Notizblock und Stift hervor. »Wie heißt Ihre Frau mit vollem Namen?«

»Maureen Judith Brown Russell.«

»Brown ist ihr Mädchenname?«

Russell nickte.

»Wie alt ist sie?«

»Achtundzwanzig.«

Das hieß nach Hannahs Schätzung, etwa zehn Jahre jünger als ihr Ehemann. Sie notierte das, obwohl sie nicht davon überzeugt war, dass es von Bedeutung sein würde.

»Würden Sie bitte ihr Aussehen beschreiben?«

»Sie ist einen Meter achtundsechzig groß und wiegt etwa einundsechzig Kilo. Ihr Haar ist hellbraun und gut kinnlang. Hier ist ein aktuelles Foto von ihr.« Er schob einen Farbschnappschuss über den Tisch in Hannahs Richtung.

Die Aufnahme zeigte eine Frau, die in einem Polstersessel am Kamin saß und in die Kamera lächelte. Maureen Russell war keine Schönheit, aber eine attraktive Frau und legte offenkundig großen Wert auf ihr Äußeres. Die Strähnen in ihrem Haar und der elegante Schnitt verrieten die Hand eines guten Friseurs. Der beige Pullover und die weiße Hose wirkten ebenso kostspielig wie der Diamantanhänger an ihrem Hals.

»Das Foto stammt von Thanksgiving«, erklärte Russell.

Hannah legte das Bild für den Augenblick beiseite. »Würden Sie mir bitte noch einmal erklären, warum Sie glauben, dass Ihre Frau verschwunden ist?«

»Ihr Auto steht in der Garage, aber sie war den ganzen Tag nicht zu Hause.«

»Ist sie vielleicht bei einer Freundin?«

Russell runzelte die Stirn. »Den ganzen Tag? Außerdem habe ich überall herumtelefoniert. Niemand hat sie gesehen.«

»Haben Sie bei den Krankenhäusern nachgefragt?«

Er nickte, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und holte tief Atem.

»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Heute Morgen.« Aufgewühlt schob er seinen Stuhl zurück und erhob sich. »Kann ich Ihnen ein Glas Wasser oder etwas anderes anbieten?«

»Nein danke.«

Er holte sich selbst ein Glas Leitungswasser und trank es in einem Zug aus, bevor er weitersprach. »Früh am Morgen. Sie lag noch im Bett, als ich zu einer Patientin fuhr. Ich bin Arzt«, ergänzte er, als wäre die Erwähnung der Patientin nicht eindeutig genug. »Meine Tochter hat die Nacht bei einer Freundin verbracht. Als ich von dort mit ihr nach Hause kam, war Maureen weg.«

»Um welche Uhrzeit war das?«

Russell zögerte. »Ich war kurz zu Hause, bevor ich meine Tochter abgeholt habe. Das muss kurz nach zwölf Uhr gewesen sein. Eine halbe Stunde später kamen wir dann beide wieder.«

Hannahs Kopfschmerzen hatten nicht im Geringsten nachgelassen. Außerdem sehnte sie sich verzweifelt nach einer Zigarette. Es dauerte einen Augenblick, bis sie sich wieder konzentrieren konnte. »Und beide Male keine Spur von Ihrer Frau?«

»Nein. Beim ersten Mal habe ich mir nichts dabei gedacht. Außerdem hatte ich es eilig, weil ich Molly abholen musste.«

»War die Tür abgeschlossen? Irgendwelche Anzeichen für einen Einbruch?«

»Ich bin durch die Garage hereingekommen«, erklärte Russell. Er schien die Ereignisse vom Vormittag im Geiste noch einmal durchzugehen. Dann schüttelte er den Kopf. »Es wäre mir bestimmt aufgefallen, wenn die Haustür nicht abgesperrt gewesen wäre. Außerdem schien nichts verändert worden zu sein.«

»Was ist mit Hand- und Brieftasche Ihrer Frau?«

»Die sind weg. Und sie geht nicht an ihr Handy.«

»Fehlt etwas von ihrer Kleidung?«

»Der Schrank sieht ziemlich voll aus, aber ich würde es nicht merken, wenn das eine oder andere Stück weg wäre.«

»Sind Sie sicher, dass sie Ihnen nichts von irgendwelchen Plänen gesagt hat?«, fragte Hannah, die es für durchaus möglich hielt, dass die Frau freiwillig weggegangen war.

Russell wirkte einigermaßen verlegen. »Nicht dass ich wüsste. Aber vielleicht habe ich es nur vergessen.«

Manche Männer waren tatsächlich so unaufmerksam. Hannah hatte keine Ahnung, ob Sam Russell zu dieser Sorte zählte. Eigentlich hätte sie ihn nicht so eingeschätzt. »War Ihre Frau je weg, ohne Ihnen Bescheid zu sagen?«

Er zögerte. »Einmal. Aber sie wusste, wie beunruhigt ich damals war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mir so etwas noch einmal antun würde.«

Wenn ihr jemand den richtigen Anlass lieferte, vielleicht schon, dachte Hannah. »Wann war das?«

»Vor etwa einem Jahr. Wir hatten uns gestritten, und sie war so wütend, dass sie einfach nach Sacramento fuhr und sich dort für eine Nacht ein Hotelzimmer nahm.«

»Hatten Sie in letzter Zeit Streit?«, hakte sie nach.

Er zögerte erneut, aber diesmal wich er ihrem Blick aus. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Nein, wir haben uns nicht gestritten.«

Etwas an seiner Antwort gab ihr zu denken. »Streiten Sie beide viel?«

»Nicht mehr als üblich.«

»Was ist üblich? Worüber streiten Sie?«

Er zuckte die Achseln. »Über die Hausarbeit. Geld. Das Leben hier.«

»Das Leben hier?«

»In Monte Vista. Maureen wollte lieber in der Stadt wohnen. Am liebsten in San Francisco, aber Los Angeles wäre auch in Ordnung gewesen.«

Hannah stockte der Puls. Sie sah ihn an. »Warum haben Sie gerade die Vergangenheitsform benutzt?«

»Die Vergangenheitsform?«

»Sie haben gesagt, Ihre Frau ›wollte‹ lieber woanders wohnen.«

Russell setzte zu einem Lächeln an, überlegte es sich aber offenbar anders. Die Frage schien ihn jedoch nicht aus der Fassung zu bringen. »Im Grunde war das geklärt. Meine Praxis ist hier, meine Familie lebt hier. Molly hat sich hier eingewöhnt. Ich kann nicht umziehen. Maureen wusste das, als sie mich geheiratet hat.«

»Wann war das?«

»Vor zwei Jahren. Kurz nach meiner Rückkehr. Ich bin hier aufgewachsen, aber ich habe eine Zeit lang in Boston gelebt.«

Vielleicht hatte er sich tatsächlich nicht versprochen. Blieb noch die verfärbte Stelle an seiner Wange, die sehr wohl ein blauer Fleck sein mochte. Sie fragte sich, ob Sam Russell und seine Frau die Frage wirklich geklärt hatten. Wenn er ihr seinen Willen aufgezwungen hatte, mochte das erklären, warum sie die Flucht ergriffen hatte. Falls sie das getan hatte.

Manchmal hatte Hannah bei Vermisstenfällen das Gefühl, dass die Sache nicht gut ausgehen würde. Es war eine Art sechster Sinn, sie spürte es sozusagen in den Knochen. Eine Frau verlässt eine Bar mit einem Mann, den sie eben erst kennengelernt hat, und wird nie wieder gesehen. Oder ihr Auto wird verlassen am Straßenrand gefunden, und ihre leere Brieftasche liegt auf dem Vordersitz. Aber das war hier nicht der Fall.

»Falls es Sie beruhigt«, erklärte sie Russell, »das ist nicht das typische Szenario für ein Verschwinden unter verdächtigen Umständen. Zumindest nicht auf den ersten Blick.«

Seine Stirn legte sich in Falten. »Was soll das heißen?«

»Die Türen waren versperrt. Die Handtasche Ihrer Frau ist weg. Das sieht danach aus, als hätte sie die Tasche mitgenommen und das Haus freiwillig verlassen.«

»Aber es ist fast zehn Uhr abends«, protestierte Russell. »Da müsste sie in jedem Fall wieder da sein oder angerufen haben.«

Nicht, wenn sie nicht gefunden werden wollte. »Haben Sie Ihre Konten überprüft? Ich wüsste gern, ob sie in letzter Zeit Geld abgehoben hat.«

»Ich rufe morgen früh bei der Bank an.«

»Bitte besorgen Sie mir eine Liste mit Namen und Telefonnummern von Verwandten, Freunden und anderen Personen, mit denen sie regelmäßig Kontakt hatte.«

Ein Motorrad raste mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit vor dem Haus vorbei. Die Polizei war nie da, wenn man sie brauchte, dachte Hannah ironisch. »Ist Ihre Frau berufstätig?«

»Nicht mehr. Sie hat bei mir die Büroarbeit erledigt. So haben wir uns kennengelernt.«

Maureen Russell, eine durchaus attraktive Frau, die jünger war als ihr Ehemann, keinen Job und nur wenige Freunde hatte. War ihr Monte Vista vielleicht wirklich zu ruhig gewesen? Oder steckte etwas viel Schlimmeres dahinter?

Echte Verbrechen waren in der Stadt selten, aber das hieß nicht, dass sie nie vorkamen. Kurz nachdem Hannah nach Monte Vista gezogen war, war eine Frau von einem Gammler vergewaltigt worden, der durch ein offenes Fenster ins Haus eingestiegen war. Erst vor wenigen Monaten war ein älteres Ehepaar in der eigenen Garage überfallen worden. Konnte Maureen Russell etwas Entsetzliches zugestoßen sein? Natürlich war das möglich, aber Hannah war nicht davon überzeugt.

»Soll ich das als Vermisstenmeldung behandeln«, sagte sie, »oder möchten Sie lieber ein oder zwei Tage warten?«

Sam starrte auf seine Hände. Sein Mund war grimmig. »Ich glaube, Sie fangen besser gleich an.«

»Ich werde ihre Beschreibung herausgeben und mich mit der Lokalzeitung in Verbindung setzen. Normalerweise berichten die ziemlich schnell über solche Fälle. Am besten drucken Sie Flugblätter und verteilen sie in der Stadt. Je mehr Leute nach ihr suchen, desto besser.«

»Ja, das werde ich tun.«

»Hier ist meine Durchwahl.« Hannah gab ihm ihre Visitenkarte. »Melden Sie sich, wenn Sie von ihr hören oder wenn Ihnen etwas einfällt, das uns helfen könnte.« Sie musste sich beherrschen, um nicht ein paar aufmunternde Worte zu sagen. ›Machen Sie sich keine Sorgen‹ zum Beispiel. Aber das wäre absurd gewesen, jeder in seiner Lage machte sich Sorgen. Und ob seine Frau in Not war oder ihn verlassen hatte – unerfreulich war es auf jeden Fall.

Zurück in der Polizeistation, füllte Hannah die Formulare aus und faxte Maureen Russells Foto an die wichtigsten Polizeibehörden im County. Dann fragte sie bei der örtlichen Taxizentrale nach. Zum Haus der Russells war keiner der Wagen gefahren. Das Sheriff's Department verfügte über Hunde und einen brillanten Hundeführer namens Rick Thompson. Hannah würde sich am Morgen mit ihm in Verbindung setzen. Falls die Hunde Maureens Spur aufnehmen konnten, wussten sie zumindest, ob sie zu Fuß oder mit einem Fahrzeug unterwegs gewesen war.

Es war fast Mitternacht, als sie endlich zu Hause eintraf, wenn man einen spärlich eingerichteten Drei-Zimmer-Bungalow als Zuhause bezeichnen konnte. Nachdem sie eine Flasche Anchor Steam geöffnet hatte, holte sie liebevoll die sehnsüchtig erwartete Zigarette aus ihrer Zellophanverpackung. Sie zündete sie an, lehnte sich auf dem Sofa zurück und inhalierte tief. Ihre Stimmung hob sich schlagartig. Vielleicht sollte sie gar nicht erst versuchen aufzuhören. Was machte es schon, wenn sie ein paar Jahre weniger lebte? Sie wusste doch gar nicht, ob sie wirklich alt werden wollte.

Sie gönnte sich eine zweite Flasche Bier und ein halbes Käsesandwich. Dann kroch sie ins Bett und schaltete das Licht aus. Hoffentlich konnte sie zur Abwechslung einmal sofort einschlafen.

Sie rollte sich erst auf der rechten, dann auf der linken Seite zusammen. Dann legte sie sich quer über die Matratze, nur weil der Platz da war, und streckte ein Bein vor sich aus.

Gar nicht so schlecht, ein Doppelbett für sich allein zu haben, das musste sie zugeben. Aber es weckte in ihr ein Gefühl schmerzlicher Einsamkeit, das sie nicht erklären konnte. Deshalb füllte sie die Leere häufig auf eine Art und Weise, die höchst unklug war – und das wusste sie auch.

Am Montagmorgen saß Hannah mit verschlafenen Augen an ihrem Schreibtisch, obwohl es bereits ihre zweite Tasse Kaffee war. Sie hatte sich noch gar nicht voll auf die Arbeit vor ihr eingestellt, als Dallas Pryor, ihr Partner, ihr ein Blatt Papier auf den Tisch knallte.

»Was ist denn das?«, fragte er und stützte sich mit den Handflächen auf den Schreibtisch. Die Aftershave-Wolke, in die er sich gehüllt hatte, ließ Hannah zurückweichen.

»Eine Vermisstenmeldung. Ein Anruf letzte Nacht, als ich Jack vertreten habe.«

»Maureen Russell. Die Ehefrau von Dr. Sam Russell?«

Hannah nickte. Dallas' Ton entnahm sie, dass ihr etwas entging. Wahrscheinlich irgendeine Streiterei aus Highschool-Tagen. Dallas Pryor war in Monte Vista aufgewachsen und mit vielen Bürgern der Stadt zur Schule gegangen. Das wirkte sich oft zu seinem Vorteil aus, aber Hannah war der Meinung, dass es gelegentlich sein Urteilsvermögen beeinträchtigte. Dallas schien zu vergessen, dass die Highschool lange zurücklag.

»Hast du mit Sam gesprochen?«, fragte er.

»Erst telefonisch, dann bin ich zu seinem Haus gefahren und habe die Meldung aufgenommen. Warum?«

»Was für einen Eindruck hat er gemacht?«

»Er war besorgt. Verwirrt.« Hannah wusste nicht recht, worauf Dallas hinauswollte. »Der Fall kam mir nicht unbedingt verdächtig vor, aber ich dachte, wir tun besser zu viel als zu wenig.«

Dallas fuhr sich mit der Hand durch das schüttere blonde Haar. »Kam dir Sam Russells Schilderung glaubwürdig vor?«

»Ja, eigentlich schon. Im Grunde hat er nur gesagt, dass sie weg ist. Weißt du etwas, das ich nicht weiß?«

»Hat er zufällig seine erste Frau erwähnt?«

»Er hat gesagt, sie ist tot.«

»Sie wurde ermordet.« Dallas trat zurück und verschränkte die Arme über der Brust.

»Was?« Hannah war sicher, dass sie sich verhört hatte. »Sam Russell hat sie getötet. Er ist nur auf freiem Fuß, weil sich die Geschworenen nicht auf ein Urteil einigen konnten.«

Kapitel 4

Molly brach in Tränen aus. Nicht wegen Maureen, sondern weil ihre rosa Lieblingsstrumpfhose ein Loch hatte. Zumindest behauptete sie das.

»Du hast doch bestimmt nicht nur eine«, sagte ich naiv. Wir waren ohnehin schon spät dran. Angesichts der Ereignisse fiel es mir schwer, mich über eine Strumpfhose aufzuregen.

Molly schob das Kinn vor und funkelte mich empört an. »Du verstehst wirklich gar nichts!«

Bestimmt nicht von Mode, aber ich hatte das Gefühl, dass es in Wirklichkeit gar nicht darum ging. Ich holte tief Luft, um meine Ungeduld zu unterdrücken.

»Ich weiß, dass du dir Sorgen machst«, sagte ich.

Sie antwortete nicht.

»Ich mache mir auch Sorgen um Maureen.«

Ich hatte Angst, dass sie verletzt war. Oder tot. Oder Opfer einer sadistischen, perversen Vergewaltigung geworden war. Ich hatte Angst, dass ich für das, was ihr zugestoßen war, irgendwie verantwortlich war. Meine Nerven lagen blank vor Angst.

Trotzdem versuchte ich um Mollys willen, beruhigend zu klingen. »Die Polizei sucht nach ihr. Und wir wissen auch nicht mit Sicherheit, dass ihr etwas Schlimmes zugestoßen ist. Vielleicht ist sie nur für eine Weile fortgegangen.«

»Mir doch egal, wo sie ist«, fuhr Molly mich an und drehte mir den Rücken zu. »Von mir aus kann sie ganz wegbleiben.«

Ich kniff die Augen zu und holte tief Luft.

»Sie ist nicht meine Mutter«, setzte Molly hinzu.

»Das heißt nicht, dass du dir ihretwegen keine Sorgen zu machen brauchst.«

Molly sah mich einen Augenblick lang an. »Glaubst du, sie ist weggelaufen?«

»Warum fragst du das?«

Sie zuckte die Achseln. »Ich glaube nicht, dass Maureen mich besonders mag.«

Das traf mich wie ein Schlag aus heiterem Himmel. »Schätzchen, das stimmt doch nicht. Überhaupt nicht.«

Molly knüllte die kaputte Strumpfhose zu einem Knäuel zusammen.

»Wieso meinst du, Maureen mag dich nicht?«

»Weil sie sich so benimmt.«

Ich hatte gedacht, die beiden würden sich verstehen, aber vielleicht war der Wunsch der Vater des Gedanken gewesen. »Wie benimmt sie sich?«, fragte ich.

»Als wäre ich eine große Enttäuschung für sie.«

»Das stimmt doch nicht. Sie findet dich toll.« Aber irgendwie verstand ich, was Molly empfand. Manchmal benahm Maureen sich, als würde auch ich ihren Erwartungen nicht gerecht.

Molly sah mich finster an. »Ich habe ihr gesagt, dass ich eine neue Strumpfhose brauche.«

»Soll ich dir helfen, eine andere Strumpfhose für heute zu suchen?«

Sie seufzte dramatisch, sammelte eine Jeans vom Fußboden auf und stapfte ins Bad. »Ach, egal. Ich zieh was anderes an.«

Während sie sich fertig machte, ging ich in die Garage, um das Feuerholz im Kofferraum auszuladen. Nachdem ich das Holz an der Hausmauer gestapelt hatte, schüttelte ich die Plane aus, mit der ich den Kofferraum ausgelegt hatte. Als ich sie falten wollte, um sie meinem Vater zurückzubringen, fiel mir ein Schuh in der Nähe des Radkastens auf. Eine elegante schwarze Sandale.

Ich hob sie auf und drehte sie in der Hand. Hatte Maureen die am Samstagabend getragen? Das würde allerdings nicht erklären, wie der Schuh in meinen Kofferraum kam. Ich versuchte, mich zu erinnern, welche Ausflüge wir in letzter Zeit unternommen hatten. Vielleicht war die Sandale ja aus ihrem Gepäck gefallen. Eine Fahrt in den Schnee vor zwei Monaten war alles, was mir einfiel. Dafür hatte sie wohl kaum Sandalen eingepackt.

Molly erschien mit dem Rucksack über der Schulter. »Okay, ich bin fertig.«

Ich ließ den Schuh wieder in den Kofferraum fallen und schob ihn außer Sicht.

Aber sein Anblick blieb mir im Kopf. Ein einzelner Schuh, ein Frauenschuh in meinem Kofferraum. Unerklärlich. Ich hatte das Gefühl, dass die Luft aus meinen Lungen gepresst wurde.

Es war fast ein Uhr, als ich mit dem letzten Patienten des Vormittags fertig war. Damit blieben mir etwa zwanzig Minuten von meiner Mittagspause, für die eigentlich neunzig Minuten vorgesehen waren. Ich hatte keinen Hunger, und meine Kehle war wie zugeschnürt, sodass ich ohnehin keinen Bissen heruntergebracht hätte. Aber ich brauchte Zeit, um zu mir zu kommen. Daher ging ich in mein Sprechzimmer und schloss die Tür.

Vom Schreibtisch strahlte mir Mollys Schulfoto aus der fünften Klasse entgegen. Daneben stand ein Schnappschuss von ihr als Kleinkind mit Lockenköpfchen. Lisa hatte das Bild aufgenommen, während ich wie ein Clown auf und ab sprang, um Molly zum Lachen zu bringen. Bei der bittersüßen Erinnerung an damals spürte ich einen Kloß in der Kehle. Manchmal war der Schmerz über ihren Verlust so frisch, dass es mir den Atem raubte.