Der Wolfsthron - Cinda Williams Chima - E-Book

Der Wolfsthron E-Book

Cinda Williams Chima

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Beschreibung

Ein junger Magier und eine Prinzessin zwischen Liebe und Loyalität – in einem fesselnden Kampf um ein Königreich

Als Han Alister – ehemaliger Straßendieb und bald einer der mächtigsten Magier des Königreichs – die junge Rebecca dem Tode nahe in den Spirit Mountains findet, riskiert er sein Leben, um sie vor ihren Feinden zu beschützen. Selbst als er erfährt, dass das einfache Mädchen, in das er sich verliebt hat, in Wahrheit Prinzessin Raisa, Erbin des Wolfsthrons, ist und damit für ihn unerreichbar, bleibt er an ihrer Seite. Doch kann Raisa ihm wirklich trauen? Oder wird im entscheidenden Kampf zwischen Magiern, Königshaus und freien Clans Hans Hass gegen die Krone die Oberhand gewinnen?

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Cinda Williams Chima

Der Wolfsthron

Der Dämonenkönig

Roman

Aus dem Amerikanischen von Susanne Gerold

Buch

Vor tausend Jahren trat ein Magier zur dunklen Seite über und zerstörte beinahe die Welt. Nur sein Tod stellte das Gleichgewicht wieder her. Seitdem gibt es ein Abkommen, das den Frieden regelt. Doch das Erbe des Magiers lebt weiter. Seine Kräfte sind gefangen in einem machtvollen Amulett, das durch Zufall in die Hände Han Alisters gerät – eines scheinbar einfachen Straßenjungen, der in Wahrheit jedoch der Nachkomme des legendären Dämonenkönigs ist, ausgestattet mit ungeheuren magischen Kräften …

Auf der Flucht vor dem machthungrigen Hohemagier Lord Bayar findet Han Zuflucht in Odenford, wo er zum Magier ausgebildet wird. Dorthin hat sich auch die junge Königinnentochter Raisa geflüchtet, um der Zwangshochzeit mit Micah, dem Sohn Lord Bayars, zu entkommen. Um nicht erkannt zu werden, gibt sie sich als einfache Frau aus dem Volk aus. Doch ihre Feinde sind ihr dicht auf den Fersen. Als Han die junge Frau, die er unter dem Namen Rebecca Morley kennt, dem Tode nahe in den Spirit Mountains findet, gibt es für ihn nichts Wichtigeres, als sie zu retten – um jeden Preis. Denn ihn und Rebecca verbindet etwas ganz Besonderes … Als er jedoch die wahre Identität des wunderschönen, geheimnisvollen Mädchens erfährt, bricht eine Welt für ihn zusammen: Nicht nur, dass es für ihn keine gemeinsame Zukunft mit einer Blaublütigen geben kann – darüber hinaus ist er fest davon überzeugt, dass Raisas Familie für den Tod seiner Mutter und seiner Schwester verantwortlich ist. Dennoch scheint Han nichts anderes übrig zu bleiben, als Raisa treu zur Seite zu stehen – hat er doch einst versprochen, alles zu tun, um der Prinzessin zu ihrem rechtmäßigen Erbe zu verhelfen. Und so treten Han und Raisa gemeinsam an, das Böse zu besiegen … und sich ihren eigenen Gefühlen zu stellen.

Autorin

Cinda Williams Chima schrieb schon zu Schulzeiten Romane, doch leider wurden diese häufig von ihren Lehrern konfisziert. Mittlerweile hat sie sich als Fantasyautorin einen großen Namen gemacht. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in den USA im Staat Ohio. »Der Wolfsthron« ist der dritte Teil der »Dämonenkönig«-Reihe bei Goldmann.

Von Cinda Williams Chima sind im Goldmann Verlag außerdem lieferbar:

Der Dämonenkönig. Roman (46974)

Das Exil der Königin. Roman (46975)

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011unter dem Titel »The Gray Wolf Throne« bei Hyperion Books, New York, an imprint of Disney Book Group.

1. Auflage

Paperback-Ausgabe August 2012

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Cinda Williams Chima

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © from: »The Gray Wolf Throne« by Cinda Williams Chima. Cover image by Larry Rostant. ©2011. Reprinted by permission of Disney Hyperion. All rights reserved.

Redaktion: Kerstin Weber

Th · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-07654-2V002

www.goldmann-verlag.de

Für meine Großmutter mütterlicherseits, Dorothy Downy Bryan, eine begnadete Musikerin und nicht sonderlich ambitionierte Hausfrau, die das Andere Gesicht besaß. Auf dem Schoß meiner Großmutter fanden sieben kleine Kinder Platz – während im Wandschrank immer ein Gewehr bereitstand.

KAPITEL EINS

Im Grenzgebiet

Raisa ana’Marianna hockte wie üblich in einer dunklen Ecke im Purpurreiher und stocherte in ihrer Fleischpastete herum. Sie hatte inzwischen gelernt, ihre Mahlzeit und einen Becher Apfelwein so langsam zu verzehren, dass sie damit den ganzen Abend über auskam.

Es war riskant, sich Abend für Abend in einer Schenke blicken zu lassen, denn sie musste davon ausgehen, dass Lord Bayars Häscher nach ihr suchten. In Odenford hatten seine Attentäter versucht, sie zu töten, was ihnen nur wegen Micah Bayar, Lord Bayars Sohn, nicht gelungen war. Die Spitzel des Hohemagiers konnten überall sein, selbst hier in der Grenzstadt Fetterford.

Vor allem hier. Denn Bayar war sicherlich daran gelegen, dass sie die Grenze zu den Fells gar nicht erst passierte, sondern vorher abgefangen wurde. Auf diese Weise würde man den Mord an ihr leichter geheim halten können, sowohl vor ihrer Mutter, der Königin, als auch dem Volk ihres Vaters, den Spirit-Clans.

Aber sie konnte sich unmöglich die ganze Zeit in ihrem Zimmer verstecken. Abgesehen davon, dass sie für diejenigen, von denen sie gefunden werden wollte, sichtbar sein musste. Irgendwie musste sie es schaffen, nach Hause zu kommen, um sich mit Königin Marianna zu versöhnen und sich ihren Widersachern entgegenzustellen, die ihr den Grauwolf-Thron abspenstig machen wollten.

Der Name Rebecca Morley bot ihr keinen Schutz mehr. Zu viele ihrer Feinde kannten ihn bereits. Deshalb nannte sie sich jetzt Brianna Trailwalker und ehrte damit zugleich ihre Clan-Herkunft. Passend dazu hatte sie sich die Geschichte einer jungen Händlerin ausgedacht, die von ihrer ersten Reise in den Süden auf dem Rückweg war und durch den Aufruhr an der Grenze aufgehalten wurde.

Nachdem sie jetzt schon einen Monat in Fetterford festsaß, kannte sie die Stammgäste des Purpurreihers – hauptsächlich Lotsen von der Flussfähre, Eisenschmiede, Hufschmiede und Stallmeister, die den Reisenden ihre Dienste anboten. Allerdings waren die Einheimischen in der Minderheit. Die Stadt brodelte vom Hin und Her der kriegerischen Auseinandersetzungen.

Raisa ließ ihren Blick auf der Suche nach Fremden durch den Raum schweifen. Zwei Frauen aus Tamron saßen schon den zweiten Abend an einem Ecktisch. Die eine war jung und hübsch, die andere stämmig und mittleren Alters; beide waren für den Purpurreiher zu gut gekleidet. Vermutlich handelte es sich um eine Adelige, die mit ihrer Gouvernante floh, um den Kämpfen im Süden zu entgehen.

Drei schlanke junge Männer in ardenischer Zivilkleidung spielten an einem Tisch bei der Tür Karten. Ursprünglich waren sie zu viert hereingekommen, aber vor einer Weile war einer von ihnen wieder gegangen. Raisa hatte schon mehrmals den Blick von einem von ihnen aufgefangen, wenn sie hochsah. Sie spürte, wie ihr ein besorgtes Prickeln über den Rücken wanderte. Waren es Diebe oder Attentäter? Oder einfach nur junge Männer, die sich eben für ein junges Mädchen interessierten?

Aber es gab keine einfachen Antworten mehr.

Bei den Stammgästen handelte es sich überwiegend um Soldaten. In Fetterford wimmelte es nur so von ihnen. Einige trugen den Roten Falken von Arden, andere den Reiher von Tamron und wieder andere gar kein Wappen – was bedeutete, dass sie entweder Söldner waren oder Deserteure aus König Markus’ Armee.

Jeder von ihnen konnte hinter Raisa her sein. Ein Monat war vergangen, seit sie Gerard Montaigne entkommen war, dem ehrgeizigen jungen Prinzen von Arden. Gerard hoffte, auf mindestens drei der Sieben Reiche Anspruch erheben zu können, indem er seinen Bruder Geoff, den gegenwärtigen ardenischen König, stürzte, ins – ehemals mit ihm verbündete – Nachbarland Tamron einmarschierte und schließlich Raisa ana’Marianna heiratete, die Erbin des Grauwolf-Throns der Fells.

Täglich rechnete man in Fetterford mit der Nachricht, dass die Hauptstadt Tamron Court an Gerard gefallen war. Der Prinz von Arden belagerte sie nun schon seit Wochen.

Eigentlich hatte Raisa vorgehabt, die militärischen Oberen von Fetterford darum zu bitten, einen Boten zum Garnisonshaus an der Westmauer der Fells zu schicken, von wo aus eine Nachricht zu ihrem Vater, Averill Lord Demonai, hätte gebracht werden können. Oder zu Edon Byrne, dem Hauptmann der Wache der Königin – den vielleicht einzigen beiden Menschen in den Fells, denen sie trauen konnte.

Als sie jedoch in der Grenzstadt angekommen war, hatte sie gar keine Oberen vorgefunden. Das Garnisonshaus von Fetterford war verlassen, die Soldaten waren geflohen. Manche waren vielleicht nach Süden gegangen, um die belagerte Hauptstadt zu unterstützen. Aber die meisten hatten sich vermutlich unter die Bevölkerung gemischt und warteten den Ausgang des Krieges ab.

Raisa konnte nur hoffen, dass ihr bester Freund, Korporal Amon Byrne, ihr mit seinen Grauwölfen nach Norden gefolgt war und sie hier in Fetterford finden würde. Dann könnte sie im Schutz dieser Gruppe weiterreisen, wie schon im Herbst, als sie zur Akademie von Odenford unterwegs gewesen war.

Da Amon als zukünftiger Hauptmann ihrer Wache auf magische Weise mit ihr verbunden war, hätte er eigentlich ahnen müssen, wo sie sich befand. Trotzdem vergingen die Wochen, ohne dass er auftauchte. Wenn er sich tatsächlich auf den Weg zu ihr gemacht hätte, hätte er schon längst eintreffen müssen.

Raisa hatte noch einen anderen Plan gehabt: sich mit einem Clan-Händler zusammenzutun, der ebenfalls auf dem Weg nach Norden war. Sie war ein Halbblut; mit ihrer karamellbraunen Haut und den dichten dunklen Haaren konnte sie sich als Clan-Mitglied ausgeben. Aber auch diese Hoffnung hatte sich in Luft aufgelöst, nachdem – Woche um Woche – überhaupt keine Händler durch Fetterford gekommen waren. Angesichts des Aufruhrs in Tamron zogen die meisten Reisenden es wohl vor, die sumpfigen Fens und die unheimlichen Wasserläufer zu meiden und stattdessen den direkteren Weg über den Marisa-Pines-Pass und Delphi zu wählen.

Ein Schatten fiel auf Raisas Tisch. Simon, der Sohn des Schankwirts, stand wieder da und wartete. Wie immer musste er seinen ganzen Mut zusammennehmen, um zu fragen, ob er ihren Teller wegräumen dürfe. Meistens dauerte es eine Stunde, bis er mal drei Worte sagte.

Raisa vermutete, dass Simon in ihrem Alter war, vielleicht sogar etwas älter, aber in letzter Zeit fühlte sich Raisa deutlich älter als sechzehn – zynisch und abgespannt und voller Liebeskummer.

Du würdest dich nicht wirklich mit mir einlassen wollen, dachte sie mürrisch. Ich kann dir nur raten, dich einfach umzudrehen und die Beine in die Hand zu nehmen.

Noch immer verfolgte Han Alister sie in ihren Träumen. Manchmal wachte sie bei Nacht auf und spürte seine Küsse auf ihren Lippen, spürte die Erinnerung an das Brennen auf ihrer Haut, wenn er sie berührt hatte. Bei hellem Tageslicht dagegen konnte sie sich kaum vorstellen, dass ihre kurze Romanze überhaupt stattgefunden hatte. Oder dass er noch an sie dachte.

Als Raisa Han das letzte Mal gesehen hatte, hatte Amon Byrne ihn mit dem Schwert in der Hand davongejagt. Und dann war sie von der Akademie verschwunden, ohne irgendeine Nachricht zurückzulassen – verschleppt von Micah Bayar. Han hatte bestimmt keine netten Erinnerungen an das Mädchen, das er als Rebecca kannte. Aber es war ohnehin unwahrscheinlich, dass sie ihn jemals wiedersah.

Inzwischen war fast Sperrstunde, und ein weiterer Tag war nutzlos verstrichen, während sich zu Hause die Ereignisse überschlugen – ohne sie. Vielleicht war sie ja bereits enterbt worden. Vielleicht hatte Micah den Fängen Gerard Montaignes entkommen können; vielleicht fügte er sich genau in diesem Moment in die Pläne seines Vaters, ihre Schwester Mellony zu heiraten.

Jemand räusperte sich dicht bei ihr. Sie schreckte zusammen und sah hoch. Es war Simon.

»Mylady Brianna«, sagte er zum zweiten Mal.

Bei den Gebeinen, dachte sie. Ich muss mir endlich angewöhnen, auf den Namen Brianna zu reagieren.

»Diese Damen da drüben möchten gern, dass Ihr Euch zu ihnen an den Tisch setzt«, sprach Simon weiter. »Sie sagen, dass es für eine Dame ziemlich unangenehm sein kann, ganz allein zu essen. Ich habe ihnen gesagt, dass Ihr bereits gegessen habt, aber …« Er zuckte mit den Schultern; seine Hände hingen an den Seiten herunter wie zwei Schinken.

Raisa sah zu den beiden Frauen aus Tamron hinüber. Sie saßen nach vorn gebeugt da und verfolgten das Gespräch mit erwartungsvollen Mienen. Frauen in Tamron, so hieß es, waren verzärtelte Treibhauspflanzen, die zwar gesellschaftlich skrupellos waren, körperlich jedoch zartbesaitete Wesen, die im Damensattel ritten und sich mit Schirmen vor der südlichen Sonne schützten.

Trotzdem war der Gedanke verlockend, sich einmal mit jemand anderem als Simon zu unterhalten – mit Menschen, die selbst etwas zur Unterhaltung beisteuern konnten. Und vielleicht hatten sie sogar neue Informationen über das Geschehen in Tamron Court.

Aber es war besser, wenn sie es bleiben ließ. Simon die Geschichte einer in der Grenzstadt gestrandeten Händlerin aufzutischen, war eine Sache. Simon wollte zum Narren gehalten werden. Sich mit hochgeborenen Damen an einen Tisch zu setzen, die begierig darauf waren, Geheimnisse aufzuspüren, war eine ganz andere Sache.

Raisa lächelte ihnen zu und schüttelte dann bedauernd den Kopf, wobei sie auf die Reste ihres Essens deutete. »Sag ihnen, dass ich ihnen danke, aber mich schon bald zurückziehen werde«, sagte sie.

»Hab ihnen schon gesagt, dass Ihr so was sagen würdet«, entgegnete Simon. »Aber sie sagten, ich soll Euch sagen, dass sie ein Ang … eine Arbeit für Euch haben. Sie wollen Euch als Begleitung für die Reise über die Grenze anheuern.«

»Mich?«, platzte Raisa heraus. Sie war nun wirklich nicht der Typ, der sich als Leibwächter eignete, so schlank und feingliedrig wie sie war.

Sie starrte die Frauen an und dachte nach, während sie an ihrer Unterlippe knabberte. Nicht allein zu reiten wäre sicherer, aber die Frauen würden Raisa nicht viel Schutz bieten. Zwar mochten ihre gesellschaftlichen Waffen fein geschliffen sein, aber in einem richtigen Kampf würden sie ihr kaum helfen können. Und außerdem käme sie mit ihnen zusammen viel langsamer voran.

Allerdings würde sicher niemand auf die Idee kommen, dass Raisa ana’Marianna mit zwei Frauen aus Tamron unterwegs war.

»Ich werde mit ihnen sprechen«, entschied Raisa. Simon wollte sich schon umdrehen, als Raisa ihm eine Hand auf den Arm legte. »Simon, weißt du, wer diese Männer da sind?«, fragte sie und nickte, ohne hinzusehen, in Richtung der Kartenspieler.

Simon schüttelte den Kopf. Er war ihre Fragen längst gewöhnt, und er wusste, was sie wissen wollte. »Sie sind heute zum ersten Mal hier, aber sie bleiben nicht«, sagte er und grabschte sich ihren Teller. »Sie sprechen Ardenisch, aber sie bezahlen mit Münzen aus den Fells.« Er beugte sich näher zu ihr herunter. »Sie haben Fragen über Euch und die beiden Damen gestellt. Aber ich hab ihnen nichts gesagt.«

Simons Kopf zuckte hoch, als sich die Schenkentür öffnete und einen Schwall feuchte, kühle Nachtluft zusammen mit ein paar Regentropfen hereinließ – und einem halben Dutzend neuen Gästen, die alle noch nie hier gewesen waren. Sie trugen Umhänge aus Walkwolle, die zwar unauffällig wirkten, aber zugleich etwas Militärisches an sich hatten. Raisa ließ sich in die Schatten zurücksinken. Ihr Herz hüpfte wie ein zappelnder gestrandeter Fisch. Sie versuchte, irgendetwas von ihrer Unterhaltung mitzubekommen, um herauszufinden, in welcher Sprache sie redeten.

Wie lange soll das noch so gehen?, fragte sie sich dann. Wie lange konnte sie noch auf eine Eskorte warten, die vielleicht nie kommen würde? Wenn Gerard Tamron erobert hatte … wie lange würde es dann dauern, ehe er die Grenzen ganz dichtmachte und Raisa hier gefangen war? Vielleicht war es wirklich besser, sich so bald wie möglich allein über die Grenze zu wagen, statt weiter auf eine Eskorte zu warten.

Aber in den Grenzgebieten wimmelte es nur so von Deserteuren, Dieben und Flüchtlingen, und dementsprechend hoch war das Risiko, ausgeraubt, vergewaltigt und ermordet am Straßenrand zu enden.

Sollte sie bleiben oder gehen? Bleiben oder gehen … Die Frage hallte in ihrem Kopf wider wie der Regen, der auf das Blechdach der Schenke prasselte.

Einem plötzlichen Impuls folgend stand sie auf und ging zum Tisch der beiden Frauen hinüber.

»Ich bin Brianna Trailwalker«, sagte sie mit kalter, sachlicher Stimme. »Ich habe gehört, dass Ihr über die Grenze wollt und eine Begleitung sucht.«

Die stämmige Frau nickte. »Das ist Lady Esmerell«, sagte sie mit einer Kopfbewegung in Richtung der jüngeren Frau. »Und ich bin Tatina, ihre Gouvernante. Unsere Heimat ist von der ardenischen Armee überrannt worden.«

»Und wie seid Ihr auf mich gekommen?«, fragte Raisa.

»Von Händlern weiß man, dass sie mit Waffen umgehen können, selbst die Frauen«, sagte Esmerell. »Und wir würden uns sehr viel wohler fühlen, wenn wir gemeinsam mit einer anderen Frau reisen könnten.« Sie zitterte leicht. »Unterwegs lauern nur allzu viele Männer, um zwei behütet aufgewachsene Damen auszunutzen.«

Ich weiß nicht, dachte Raisa. Tatina sieht ganz danach aus, als könnte sie sehr gut ein paar Köpfe zusammenschlagen.

»Wollt Ihr den Weg über die Fens nehmen oder den durch die Fells?«, fragte Raisa.

»Wir werden den Weg nehmen, den Ihr uns vorschlagt«, sagte Esmerell. Ihre Unterlippe zitterte. »Wir möchten einfach nur von hier weg und im Tempel von Fellsmarsch Unterschlupf finden, bis die ardenischen Banditen wieder aus unserem Land vertrieben sind.«

Das kann aber dauern, dachte Raisa.

Esmerell griff in ihr Gewand und zog eine dicke Geldbörse hervor, die sie vor sich auf den Tisch knallte. »Wir können Euch bezahlen«, sagte sie. »Wir haben Geld.«

»Steckt das bloß weg, bevor es jemand sieht«, zischte Raisa. Die Geldbörse verschwand wieder.

Raisa sah auf die beiden hinunter und dachte nach. Sie konnte nicht ewig warten, dass jemand kam und sie holte. Vielleicht war es an der Zeit, ein Risiko einzugehen.

»Bitte«, sagte Tatina und legte Raisa eine Hand auf den Arm. »Setzt Euch doch. Vielleicht möchtet Ihr uns erst besser kennenlernen, um …«

»Nein.« Raisa schüttelte den Kopf. Falls irgendjemand Fragen stellte, sollte sich niemand daran erinnern können, wie sie in dieser Schenke mit den beiden Frauen an einem Tisch gesessen hatte. »Wir sollten besser bald zu Bett gehen, wenn wir morgen in aller Frühe aufbrechen wollen.«

»Dann seid Ihr also einverstanden?«, fragte Esmerell und klatschte vor Freude in die Hände.

»Still«, sagte Raisa und sah sich vorsichtig um, aber niemand schien auf sie zu achten. »Seid bei Tagesanbruch bei den Ställen, mit gepackten Sachen und dazu bereit, den ganzen Tag durchzureiten.«

Damit verließ Raisa die beiden Frauen und kehrte zu ihrem Tisch zurück. Sie hoffte, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie hoffte, dass sie auf diese Weise schneller als gedacht nach Hause kam. Pläne und Ideen wirbelten durch ihren Kopf. Sie würde Simon bitten, ein Paket mit Brot, Käse und Wurst für sie zusammenzupacken. Wenn sie erst in den Fens waren, konnte sie mit den Wasserläufern Kontakt aufnehmen, und sie würden vielleicht …

»Ihr seht aus, als könntet Ihr ein bisschen Aufmunterung gebrauchen, junge Lady«, sagte eine raue Männerstimme auf Ardenisch. Ein massiger Fremder ließ sich schwer auf den Stuhl gegenüber von ihr plumpsen. Er gehörte zu der Gruppe, die gerade erst gekommen war, und sein Gesicht lag im Schatten einer Kapuze. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, seinen Umhang abzulegen, obwohl sich dadurch Pfützen auf dem Boden bildeten.

»Du da!«, rief er Simon zu. »Bring der Dame noch einen Becher von dem, was sie vorher getrunken hat, und mir einen Krug Bier. Und ein bisschen flott, wenn ich bitten darf. Es ist bald Sperrstunde.«

Wut flackerte in Raisa auf. Allein in einer Schenke zu essen, barg auch die Gefahr, dass man von jedem Mann, der hereinmarschierte, als Freiwild angesehen wurde. Nun, sie würde ihn von diesem Irrglauben befreien.

»Ihr mögt vielleicht den Eindruck haben, dass ich Begleitung wünsche«, sagte Raisa eisig, »aber da irrt Ihr Euch. Ich ziehe es vor, allein zu essen, und wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr mich nicht länger belästigen würdet.«

»Jetzt habt Euch doch nicht so«, beklagte sich der Fremde so laut, dass er im ganzen Schankraum gehört werden konnte. »Für ein Mädchen wie Euch schickt es sich nicht, die ganze Zeit allein dazusitzen.«

Der Soldat beugte sich vor, und seine Stimme veränderte sich. Sie wurde leise und weich, auch wenn er immer noch Ardenisch sprach, als wäre er hier geboren. »Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr nicht einen Moment für einen Soldaten erübrigen könnt, der schon so lange unterwegs ist?«

Er schob die Kapuze zurück, und Raisa blickte in die von Falten umgebenen grauen Augen von Edon Byrne, dem Hauptmann der Wache der Königin der Fells. Augen wie die seines Sohnes Amon. Die Ähnlichkeit war beinahe unheimlich.

Raisa fiel fast die Kinnlade herunter. Fragen brandeten in ihr auf und drohten herauszuplatzen. Wie hatte er sie gefunden? Was tat er hier? Wieso konnte er fließend Ardenisch sprechen? War Amon bei ihm?

»Nun«, brachte sie hervor. »Nun, na ja.« Sie räusperte sich, um etwas zu sagen, aber in diesem Moment brachte Simon ihnen die Getränke. Er knallte das Bier so hart vor Byrne auf den Tisch, dass es überschwappte. Byrne wartete, bis Simon wieder gegangen war, ehe er weitersprach.

»Fetterford ist nicht länger sicher«, murmelte er noch immer auf Ardenisch. »Wir sind gekommen, um Euch nach Hause zu holen.« Byrne sah an ihr vorbei und musterte den Raum. Er roch nach Schweiß und Leder, und sein Gesicht war von seiner tagelangen Reise stoppelig. Obwohl er sich in seinen Stuhl fläzte, entging Raisa nicht, dass er den Umhang zurückgeschoben hatte, um den Schwertgriff hervorblitzen zu lassen.

»Wir müssen uns unterhalten«, sagte Raisa und spürte, wie Hoffnung in ihrem Herzen aufkeimte. »Kommt in zehn Minuten in die Ställe hinter der Schenke.«

Sie stand abrupt auf. »Wenn Ihr nicht geht, tue ich es. Belästigt jemand anderen.« Sie wandte sich zur Treppe um. Die Frauen aus Tamron waren ganz aufgeregt und kicherten mitfühlend; wahrscheinlich dachten sie, Raisa hätte ihr Angebot lieber annehmen und sich zu ihnen setzen sollen.

»Junges Fräulein! Ihr habt Euren Apfelwein vergessen!«, rief Byrne hinter ihr her, was einiges an Spott und Gelächter nach sich zog.

Raisa ging an der Treppe vorbei und durch die Küche, wo Simon gerade damit beschäftigt war, Brotteig zu kneten, der über Nacht aufgehen würde. »Mylady?«, fragte er und sah zu ihr hoch.

»Ich brauche etwas frische Luft«, sagte Raisa. Simon starrte ihr nach, als sie durch die Hintertür verschwand und in den Regen hinaustrat. Zitternd zog sie sich Fiona Bayars Umhang enger um die Schultern. Er war bei dem Pferd gewesen, das sie der Tochter des Hohemagiers entwendet hatte – eins der wenigen Dinge von Fiona, die ihr passten.

Im Stall war es warm und trocken, und es roch nach süßem Heu und Pferd. Ghost streckte den Kopf aus seiner Box, schnaubte und blies Haferstückchen in ihre Richtung. Sie strich ihm über die Nüstern. Zwei Boxen weiter sah sie Ransom stehen, den großen kastanienbraunen Wallach von Byrne – eine Bergponykreuzung.

Die Stalltür öffnete sich quietschend, und Byrne trat ein, gefolgt von einer Handvoll Blaujacken. Allerdings traf diese Bezeichnung im Augenblick eher weniger zu, da sie unscheinbare warme Kleidungsstücke in Braun- und Grüntönen trugen.

Raisa musterte sie rasch, aber zu ihrer Enttäuschung war Amon nicht unter ihnen, und auch keiner der anderen Grauwölfe. Diese Soldaten hier waren erfahrener als Amons Kadetten; Sonne und Wind hatten bereits ihre Spuren in den immer noch jungen Gesichtern hinterlassen.

Byrne verriegelte sorgfältig die Stalltür und stellte einen der Soldaten als Wache ab. Die anderen machten sich sofort an die Arbeit, holten die Pferde aus ihren Boxen und sattelten sie.

»Ihr wollt heute Nacht noch aufbrechen?«, fragte Raisa und nickte in Richtung der anderen.

»Je früher, desto besser«, sagte Byrne. Er stand da, starrte auf sie herunter, biss sich auf die Unterlippe und musterte sie prüfend, als suche er nach irgendwelchen Verletzungen. »Ich bin sehr erleichtert, dass Ihr noch lebt.«

Als ob er es nicht gemerkt hätte, wenn sie getötet worden wäre. Als ob er diesen Schlag gegen das überaus wichtige Geschlecht der Grauwölfe nicht gespürt hätte.

»Was ist passiert?«, fragte Raisa. »Woher wusstet Ihr, dass ich hier bin? Wo ist Amon? Und wieso ist es in Fetterford nicht mehr sicher?«

Byrne machte einen Schritt nach hinten, als wollte er vor dem Ansturm ihrer Fragen zurückweichen. Er nickte zur Sattelkammer hinüber. »Unterhalten wir uns dort.«

Da erinnerte sich Raisa an die beiden Frauen aus Tamron. »Oh – da ist noch was. Diese beiden Damen, mit denen ich im Schankraum gesprochen habe – ich habe mich bereiterklärt, morgen mit ihnen zusammen weiterzureisen. Könntet Ihr jemanden schicken, der ihnen mitteilt, dass sich meine Pläne geändert haben?« Es war feige, das wusste sie, aber sie war zu erschöpft, um sich um Lady Esmerells Enttäuschung zu kümmern.

»Corliss.« Byrne machte einem seiner Männer ein Zeichen und schickte ihn zurück zur Schenke, um Esmerell und Tatina die schlechte Nachricht zu überbringen.

Raisa holte Ghost aus seiner Box und führte den Hengst in die Sattelkammer, wo sie ihn zwischen zwei Wänden festband. Dann nahm sie sein Sattel- und Zaumzeug von dem Gestell, das an der Wand stand.

Byrne folgte ihr in den kleinen Raum und zog die Tür hinter sich zu. Er musterte Raisa einen Moment, während sie das Pferd bereitmachte. »Ist das der Flatland-Hengst, den Fiona Bayar geritten hat, als sie das letzte Mal zu Hause war?«

Raisa nickte. Fiona ging mit Pferden in etwa so um wie ihr Bruder Micah mit Liebschaften. »Ich habe ihn mir ausgeliehen.« Sie zog sich einen Tritthocker heran und stieg darauf, um die Pferdedecke über Ghosts breiten Rücken werfen zu können.

»Diese Geschichte würde ich gern hören«, sagte Byrne.

»Eigentlich wolltet Ihr mir eine Geschichte erzählen, nämlich die, wie es dazu kam, dass Ihr hier seid, Hauptmann Byrne.«

»Ja, Eure Hoheit.« Byrne neigte den Kopf und gab sich geschlagen. »Euer Vater hat eine Nachricht abgefangen, die darauf hindeutet, dass Lord Bayar weiß, wo Ihr seid, und Attentäter ausgeschickt hat, um Euch ermorden zu lassen.«

»Oh«, sagte Raisa und sah von ihrer Arbeit auf. »Richtig. Das weiß ich bereits. Er hat vier von ihnen nach Odenford geschickt.«

Byrne wölbte eine Braue, was sie so sehr an Amon erinnerte, dass ihr Herz einen Satz machte. »Und?«, fragte er trocken.

»Einen habe ich getötet, und die anderen drei hat Micah Bayar getötet«, erzählte Raisa.

»Micah?«, fragte Byrne scharf. »Wieso sollte er …?«

»Wie es aussieht, will er mich lieber heiraten als begraben«, sagte Raisa. »Er hat mich aus der Akademie entführt und war gerade dabei, mich zur Hochzeit nach Hause zurückzuschleppen, als wir von Gerard Montaignes Armee überfallen worden sind, die auf dem Weg nach Tamron war. Das war gleich nördlich von Odenford. Wenn Micah überlebt hat, wird er vermutlich glauben, dass ich zur Akademie zurückgekehrt bin, statt zu den Fells weiterzuziehen. Also ist es unwahrscheinlich, dass Lord Bayar weiß, wo ich jetzt bin, oder?«, versuchte sie sich selbst Mut zu machen.

»Die Nachricht ist noch nicht sehr alt«, sagte Byrne und runzelte die Stirn. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich tatsächlich auf den früheren Versuch bezieht.«

Eine üble Situation, dachte Raisa zitternd, wenn so viele Leute versuchen, einen zu töten, dass man sie nicht mehr auseinanderhalten kann.

Byrne nahm Ghosts Sattel und legte ihn auf das Pferd. »Wenn Ihr Eure Sachen holen wollt, werde ich ihn für Euch satteln.«

Raisa kannte die Ablenkungsmanöver der Byrnes gut genug, um zu wissen, wann sie hinters Licht geführt werden sollte. »Korporal Byrne hat mir beigebracht, mich selbst um mein Pferd zu kümmern«, sagte sie und duckte sich, um den Sattelgurt zu befestigen. »Wer weiß sonst noch, dass Ihr auf der Suche nach mir seid?«

Byrne dachte einen Moment nach. »Euer Vater«, sagte er. »Und Amon.« Bei dem letzten Wort biss er sich auf die Lippe, als bedauerte er, es ausgesprochen zu haben.

Raisa stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn über Ghosts Rücken hinweg ansehen zu können. »Hat Amon irgendwie mit Euch Kontakt aufgenommen? Habt Ihr daher gewusst, dass Ihr mich hier finden würdet?«

Byrne räusperte sich. »Als Ihr von Odenford verschwunden seid, hat Korporal Byrne geglaubt, dass Ihr Euch möglicherweise auf dem Heimweg befindet, ob freiwillig oder nicht. Er hat vermutet, dass Ihr die westliche Route nehmen würdet, da Ihr diesen Weg auch im letzten Herbst genommen habt. Er hat einen Vogel mit der Nachricht geschickt, dass ich Euch hier abfangen soll, um einen möglichen Hinterhalt bei Westgate zu verhindern.« Raisa war klar, dass er sich diese Geschichte schon vor einiger Zeit ausgedacht hatte.

»Tatsächlich?«, fragte sie. »Und woher wusste er, dass ich überlebt habe? Der Kampf in Odenford war eine ziemlich blutige Sauerei.« Sie machte Ghosts Zaumzeug fest, während der Hengst an der Gebissstange leckte und versuchte, sie auszuspucken.

»Er … äh … hatte so ein Gefühl«, sagte Byrne. Raisa schnaubte. Er konnte kein bisschen besser lügen als Amon.

»Wenn er dachte, dass ich hier bin, warum ist er dann nicht selbst hergekommen?« Raisa zog erneut am Sattelgurt; sie war noch nicht ganz davon überzeugt, dass er richtig fest saß.

»Er dachte, ich könnte früher hier sein«, sagte Byrne und verlagerte sein Gewicht.

»Wieso? Wo ist er jetzt?«, wollte Raisa wissen.

Byrne sah zur Seite. »Ich weiß nicht, wo er gerade ist«, sagte er.

»Nun, wo war er denn, als er Euch die Nachricht geschickt hat?«, beharrte sie. »In Odenford gab es keine Vögel, mit denen wir eine Botschaft nach Fellsmarch hätten schicken können.«

»Er war in Tamron Court, Eure Hoheit«, sagte Byrne wie eine Auster, die gezwungenermaßen ihr Inneres preisgab.

»Tamron Court!« Raisa richtete sich auf und wirbelte herum. »Was hat er da zu suchen?«

»Er hat nach Euch gesucht«, antwortete Byrne. »Er hat die Nachricht erhalten, dass Ihr in ein Scharmützel zwischen Montaignes Armee und einem Spähtrupp aus Tamron geraten wärt. Er dachte, Ihr hättet vielleicht Schutz in der Hauptstadt gesucht. Also ist er mit seinem Tripel dorthin gegangen, um Euch zu finden.«

Raisa starrte Byrne an. Ihr Magen verkrampfte sich, als sich die Gewissheit in ihr ausbreitete. »Er ist immer noch da, nicht wahr?«, flüsterte sie. »Und Gerard Montaigne hat die Stadt umzingelt.«

»Deshalb ist es wichtig, dass wir so schnell wie möglich aufbrechen, solange der Prinz von Arden noch glaubt, dass Ihr in Tamron Court seid«, sagte Byrne.

»Was?«, flüsterte Raisa. »Wieso sollte er glauben …«

»Das ist eine lange Geschichte.« Byrne rieb sich das Kinn, als würde er darüber nachdenken, ob er verhindern konnte, mehr als unbedingt nötig zu erzählen. »Montaigne hat damit gedroht, die Hauptstadt dem Erdboden gleichzumachen, wenn sie sich nicht ergibt. Niemand weiß, ob er das wirklich tun könnte, aber König Markus scheint davon überzeugt zu sein und hat daher die Nachricht durchsickern lassen, dass Ihr in Tamron Court seid. Er hat gehofft, dass der Prinz von Arden die Stadt nicht zerstören wird, solange Ihr Euch dort aufhaltet. Jetzt verlangt Montaigne, dass König Markus Euch ausliefert, ansonsten will er alle in der Stadt töten. Also hat Markus eine Botschaft an Königin Marianna gesandt und darum gebeten, eine Armee zu schicken, um Euch zu retten.«

»Hat er denn keine Angst, dass ich irgendwo anders auftauchen und ihn als Lügner entlarven könnte?«

»Korporal Byrne hat ihm erzählt, dass Ihr im Laufe des Scharmützels mit Montaignes Streitkräften getötet worden wärt.« Byrne zog eine Grimasse. »Tatsächlich war Korporal Byrne derjenige, der Markus diesen Plan vorgeschlagen hat, nachdem Montaigne die Stadt belagerte.«

»Aber wieso tut er so etwas?«, fragte Raisa verständnislos.

»Korporal Byrne hat vermutet, dass Ihr die Grenze noch nicht überquert habt. Er wollte, dass diejenigen, die hinter Euch her sind, Euch in Tamron Court vermuten und nicht hier im Grenzland. Also haben er und sein Tripel sich in der Stadt offen zu erkennen gegeben, damit irgendwelche Spione, die für Montaigne oder Lord Bayar arbeiten, sehen können, dass die Mitglieder der Wache der Königin immer noch da sind. Und daher davon ausgehen, dass Ihr es auch noch sein würdet.«

»Nein«, flüsterte Raisa. Sie schritt unruhig auf und ab. »Oh, nein. Wenn Montaigne herausfindet, dass er reingelegt worden ist, wird er fuchtsteufelswild werden. Es ist gar nicht auszudenken, was er dann tun wird.« Sie blieb stehen und sah zu Byrne hoch. »Was ist mit der Königin? Wird sie Hilfe schicken?«

»Angesichts der Situation zu Hause können wir keine Armee nach Tamron aussenden«, sagte Byrne mit ausdrucksloser Stimme. »Das würde die sowieso schon heikle Situation erst recht ins Wanken bringen. Je nachdem, was bezüglich der Thronfolge geschieht, kann zu Hause jeden Augenblick Krieg ausbrechen.«

»Aber … wenn Mutter glaubt, dass ich in Tamron Court gefangen bin«, flüsterte Raisa, »würde sie dann nicht so oder so eine Armee schicken?« Tatsächlich war Raisa sich nicht sicher, wie die Antwort auf diese Frage lautete.

»Ich habe ihr geraten, es nicht zu riskieren. Und ich habe ihr gesagt, dass Ihr gar nicht dort seid«, sagte Byrne, den Blick seiner grauen Augen fest auf sie gerichtet.

»Aber – aber – aber – das bedeutet, dass Amon – und alle anderen Grauwölfe – dass sie dort sterben werden«, rief Raisa. »Auf schreckliche Weise.«

»Diese Möglichkeit besteht«, sagte Byrne ruhig.

»Möglichkeit? Diese Möglichkeit?« Sie baute sich vor Byrne auf und ballte die Hände zu Fäusten. »Amon ist Euer Sohn! Wie konntet Ihr ihm das antun? Wie konntet Ihr nur so etwas tun?«

»Amon hat seine Entscheidung zum Wohle des Königinnen-Geschlechts getroffen, wie es seine Pflicht ist«, sagte Byrne. »Ich werde seine Entscheidung nicht in Frage stellen.«

Raisa erhob sich auf die Zehenspitzen und beugte sich in Byrnes Richtung. Sie war so wütend, dass ihr die Ohren klingelten und ihre Zunge sich löste. »Hatte er überhaupt jemals eine Wahl?«, fragte sie. »Er hat mir gesagt, was Ihr ihm angetan habt – er hat von dieser magischen Verbindung erzählt, die Ihr ihm aufgezwungen habt.«

Byrne runzelte die Stirn und rieb sich mit einem Daumen den Augenwinkel. »Wirklich? Hat er das gesagt?«

Raisa war nicht mehr zu bremsen. »Hat er jetzt überhaupt noch einen freien Willen, oder ist er dazu verdammt, sich zur Rettung dieses verfluchten Geschlechts zu opfern?«

»Hmmm«, machte Byrne und war immer noch aufreizend ruhig. »Nun, da er Euch von dem Band zwischen Königinnen und Hauptmännern erzählt hat, vermute ich, dass er sehr wohl noch einen freien Willen hat.«

»Was ist mit den Grauwölfen?«, fragte Raisa. »Hatten sie eine Wahl?« Sie dachte an die Freunde, die sie unter Amons Kadetten gefunden hatte: Hallie, die in Fellsmarch von ihrer zweijährigen Tochter erwartet wurde. Talia, die vermutlich ihre geliebte Pearlie in Odenford zurückgelassen hatte. Und der arme Mick, der Raisa als Trost für ihren Liebeskummer wegen Amon Byrne seine clangefertigte Satteltasche geschenkt hatte.

Tamron Court statt meiner, dachte sie. Natürlich wusste sie, dass es arrogant war zu glauben, bei dem Einmarsch in Tamron würde es um sie gehen. Gerard Montaigne wollte Tamrons Reichtümer, eine größere Armee und den Thron. Sie war im Grunde nur das Sahnehäubchen – die Chance für ihn, auch auf die Fells Anspruch zu erheben.

»Wir müssen zu ihnen«, sagte Raisa. »Wir müssen irgendeine Möglichkeit finden, sie da rauszuholen. Was wäre, wenn – wenn ich mich zeige und Montaigne von da weglocke? Oder wenn ich signalisiere, dass ich verhandlungsbereit bin? Vielleicht ist es ja auch irgendwie möglich, zwischen ihren Linien hindurchzuschlüpfen und …«

Doch noch während sie all diese Überlegungen anstellte, begriff Raisa, dass keine davon funktionieren würde. Und das wusste auch Byrne, der sie einfach nur ungerührt ansah, während ihre Stimme allmählich versiegte.

»Wir können nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob er überhaupt noch in der Stadt oder auch nur am Leben ist, Eure Hoheit«, sagte Byrne leise.

»Er ist noch am Leben«, entgegnete Raisa. »Diese Verbindung funktioniert in beide Richtungen. Ich würde es wissen, wenn er tot wäre.«

»Die Stadt könnte inzwischen gefallen sein«, fuhr Byrne fort. »Wie wird er sich wohl fühlen, wenn Ihr dort auftaucht und von Montaigne gefangen genommen werdet und alle seine Mühe umsonst war?«

Jetzt konnte sich Raisa nicht mehr beherrschen. Mit voller Wucht trat sie gegen die Tür der Sattelkammer – so kräftig, dass sie zersplitterte. Ghost riss den Kopf herum und zerrte an der Gebissstange. Tränen der Wut brannten in Raisas Augen und liefen über ihre Wangen, als sie sich wieder Byrne zuwandte.

»Amon Byrne ist besser als Ihr und besser als ich; er ist zu wertvoll, um einfach so weggeworfen zu werden, und das wisst Ihr auch.« Ihre Stimme bebte. »Er ist – er war schon immer – mein allerbester Freund.«

»Dann vertraut ihm«, sagte Byrne. »Wenn es überhaupt irgendwie möglich ist, aus Tamron herauszukommen, wird er es schaffen.«

Raisa wischte sich mit dem Handballen die Tränen ab. »Hauptmann Byrne, wenn Amon irgendetwas zustößt, werde ich Euch das nie, nie, nie vergeben.«

Byrne legte seine Hände auf ihre Schultern; er packte so fest zu, als wollte er sie schütteln. Das Licht der Laternen übergoss sein Gesicht mit einem goldenen Schimmer. »Wenn Ihr etwas für Amon tun wollt, dann seht zu, dass Ihr am Leben bleibt«, sagte er. Seine Stimme klang heiser und irgendwie eigenartig. »Lasst sie nicht gewinnen, Eure Hoheit.«

Raisas Gedanken rasten vor Sorge um Amon und die Grauwölfe, während sie den Stallhof in Richtung Schenke überquerte. Sie suchte immer noch nach einem Rettungsplan.

Die Schenke hatte inzwischen geschlossen, und mit etwas Glück würde niemand mehr im Schankraum sein. Sie würde ihre paar Habseligkeiten holen, und dann konnten sie sich sofort auf den Weg machen.

Als sie aufblickte, sah sie Esmerell und Tatina im Regen auf sie zu eilen; sie hoben ihre Röcke an, damit sie nicht über den schmutzigen Boden schleiften.

Na toll, dachte sie und verdrehte die Augen. Das hat mir gerade noch gefehlt.

Dann stürzten zwei der Kartenspieler, die Raisa vorher schon bemerkt hatte, aus der Hintertür und jagten den Frauen hinterher.

Raisas Verstand ratterte, um das zu verstehen, was da vor ihren Augen passierte – und kam zu einem raschen Schluss. Die Männer waren also doch Diebe, und vermutlich hatten sie mitbekommen, wie die wohlhabenden Damen mit der Geldbörse herumgewedelt hatten.

»Achtung, hinter Euch!«, rief Raisa und hechtete ihnen entgegen, während sie an ihrem Gürtel nach dem Dolch tastete, den sie normalerweise dort trug.

Die Frauen hielten sich gar nicht erst damit auf, sich umzudrehen, sondern rannten nur noch schneller. So schnell, dass es Raisa verblüffte. Die Kartenspieler, die hinter ihnen herspurteten, brüllten etwas, aber Raisa konnte es nicht verstehen. Stattdessen hörte sie, wie hinter ihr die Stalltür aufgerissen wurde, dann folgten Rufe und laute Schritte.

»Hinter mich!«, rief sie den Frauen zu, die immer näher kamen. Dann wurde sie von etwas getroffen und umgeworfen und landete seitlich im Dreck. Sie kam genau in dem Moment wieder auf die Beine, als die Frauen von den Kartenspielern zu Boden gerissen wurden.

Edon Byrne packte Raisa an den Schultern und hielt sie fest.

Es dauerte einen Augenblick, bis Raisa so weit wieder zu Atem gekommen war, um etwas sagen zu können.

»Was soll das?«, stieß sie hervor und versuchte, sich loszureißen. Sie war völlig durchnässt, schmutzig und zitterte. Ihre Zähne klapperten.

Die Männer rappelten sich auf, aber die beiden Frauen blieben rücklings auf dem Boden liegen. Sie rührten sich nicht, und ihre schönen Kleider saugten sich mit Blut und Regen voll.

Sie waren von den Kartenspielern erstochen worden.

»Gute Arbeit«, sagte Edon Byrne barsch und nickte ihnen zu. »Aber beim nächsten Mal seht ihr zu, dass sie gar nicht erst so nah an die Thronerbin rankommen.«

Die Kartenspieler rissen ihre Klingen aus den Leichen und wischten sie an den üppigen Kleidern ab. Einer von ihnen kniete sich hin und durchsuchte die Frauen mit geschickten Fingern. Er fand drei Messer und ein kleines, gerahmtes Bild, das er, nachdem er es gemustert hatte, ohne ein Wort an Raisa weitergab.

Es war das Porträt von ihr, das für ihren Namenstag angefertigt worden war.

Byrne stieß etwas mit dem Fuß an, das neben den beiden Leichen lag, bückte sich dann und hob es mit zwei Fingern auf.

Es war ein Dolch, filigran und weiblich gearbeitet und von tödlicher Schärfe.

KAPITEL ZWEI

Alte Kamellen

Auf der Straße nach Fetterford war viel mehr los, als Han Alister erwartet hatte. Ein Strom hohläugiger Flüchtlinge zog sich nach Norden, während Gerard Montaignes Armee im Süden das Land versengte. Die Flüchtlinge wirkten wie verhext, und manche von ihnen – die von der Katastrophe völlig überrascht worden waren – trugen immer noch die feine, aber mittlerweile zerschlissene Kleidung der Blaublütigen.

Han hatte den Eindruck, als wäre ganz Tamron auf den Beinen – die Landbewohner suchten Zuflucht in den Städten, während die Städter aufs Land flohen. Wie groß mochte da wohl die Wahrscheinlichkeit sein, dass er in all dem Chaos ein ganz bestimmtes Mädchen fand, das allein oder mit zwei Magiern reiste?

Die Straße folgte dem Tamron nördlich von Odenford. Östlich des Flusses befanden sich Arden und die dichten Laubwälder von Tamron; im Westen lagen Tamrons sonst so fruchtbaren Felder, die jetzt von kämpfenden Soldaten zertrampelt wurden. Rauchfahnen kräuselten sich über verkohlten Bauernhöfen und Herrenhäusern.

Die Schwertschwinger schienen gern etwas abzufackeln.

Tamron mochte zwar die Kornkammer der Sieben Reiche sein, aber im Augenblick war es oft nicht einmal mit viel Geld möglich, irgendwo etwas zu essen aufzutreiben. Kleine Dörfer, einen Tagesritt voneinander entfernt, säumten die Straße wie Knoten eine ausgefranste Schnur. Jedes einzelne Dorf schützte sich mithilfe einer bunt zusammengewürfelten Bürgerwehr aus Einheimischen, die sich mit Mistgabeln, Stöcken und Langbogen bewaffnet hatten und fest entschlossen waren, die räuberischen Horden, die sie zu überrennen drohten, in die Flucht zu schlagen – mochten sie nun aus Soldaten oder anderen Bürgern bestehen.

Glücklicherweise war der Hunger für Han nichts Neues.

In jedem Dorf gab es mindestens eine Schenke, und in jeder stellte Han die gleiche Frage. »Habt Ihr hier ein Mädchen durchkommen gesehen, ein Halbblut mit grünen Augen und dunkler Haut? Sie ist klein, etwa so groß.« Woraufhin er seine Hand auf Schulterhöhe hob. »Ihr Name ist Rebecca Morley. Möglicherweise reist sie zusammen mit zwei Amulettschwingern … Bruder und Schwester. An die würdet Ihr Euch erinnern – sie sind beide groß, die Schwester hat weißblonde Haare und blaue Augen, und der Bruder hat dunkle Haare und dunkle Augen.«

Manche von denen, die er befragte, versuchten sich als Witzbolde. »Na, ist dir dein Mädel weggelaufen?« Die meisten allerdings schienen die richtigen Schlüsse aus Han’s Miene zu ziehen, oder aus dem Amulett, das um seinen Hals hing, oder aus seinem Äußeren, das in diesen hoffnungslosen Zeiten ziemlich mitgenommen von der Reise war.

In Zeiten des Krieges gab es keinen Grund, über vermisste Mädchen zu lachen.

Der Tod war überall. Leichen baumelten wie grausige Früchte von den Bäumen, drehten sich langsam im leichten Südwind. Die Schlachtfelder waren von toten Soldaten übersät, an denen sich die Aasvögel gütlich taten. Fliegenschwärme erhoben sich in Schwaden von den Tierkadavern entlang der Straße, und viele Wasserläufe waren von Leichen verunreinigt.

An den meisten Tagen, an denen Han unterwegs war, hatte er den Verwesungsgestank in der Nase. War es wirklich erst ein Jahr her, dass er zusammen mit Dancer auf dem Weg nach Odenford durch Arden geritten war?

Dieses Gift, das Tamron befallen hatte, drohte auch die Fells zu überschwemmen.

Du solltest dich da raushalten, Alister, sagte Han zu sich selbst. Du hast auch so schon genügend Kämpfe vor dir.

Ein Schenkenwirt glaubte, sich an ein Mädchen erinnern zu können, auf das Rebeccas Beschreibung passte und das allein auf einem grauen, viel zu großen Flatland-Hengst unterwegs war. Ein magerer Hinweis, bestenfalls.

Han konnte nur hoffen, dass Rebecca unbehelligt durchgekommen war und dass die Gerüchte nicht stimmten, laut denen Rebecca Gerards Invasionstruppen in die Quere gekommen war.

Vielleicht war sie unterwegs irgendwo abgebogen und hatte Zuflucht in der Hauptstadt Tamron Court gesucht, die jetzt von Gerard Montaignes Armee belagert wurde. Han dachte daran, nach Westen in Richtung Hauptstadt zu reiten, aber er hatte nicht die geringste Ahnung, ob sie tatsächlich dort war oder nicht. Und wenn sie dort war, konnte er trotzdem nichts tun.

Er atmete tief durch und zwang sich, den Nacken und die Schultern zu entspannen und die Fäuste zu öffnen.

Wie auch immer, Korporal Byrne und seine Grauwölfe waren bereits nach Tamron Court unterwegs. Er selbst musste einem anderen Pfad folgen.

Hätte er sich nicht so große Sorgen um Rebecca gemacht, dann wäre er gar nicht so wild darauf gewesen, die Fells möglichst schnell zu erreichen. Wieso sollte er auch erpicht darauf sein, seinen Platz als magischer Söldner der Clans, die ihn getäuscht und betrogen hatten, so bald wie möglich einzunehmen? Wieso sollte er den Magierrat so rasch angreifen wollen? Wollte er wirklich den Helden für Marianna spielen – die Königin, die dafür verantwortlich war, dass er so vieles verloren hatte? Die Königin, die vermutlich immer noch einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatte?

Selbst wenn Han die Fells erreichte, konnte er den Clans nicht über den Weg trauen. Die Demonai-Krieger verachteten ihn, weil er die Gabe der Magie besaß. Er war für sie nichts weiter als ein Werkzeug, das nur den Zweck hatte, ihnen etwas Zeit zu verschaffen.

Wäre Rebecca nicht gewesen, hätte er genauso gut in die entgegengesetzte Richtung reiten können. Solange er sich von den Bergen fernhielt, konnte er möglicherweise denjenigen entkommen, denen er sich auf Monate oder gar Jahre verpflichtet hatte. Er konnte immer noch irgendwo in den Flatlands ein Versteck finden und untertauchen.

Er schnaubte. Als wenn das möglich wäre. Odenford hatte er zwar geliebt, aber die Flatlands liebte er nicht. Obwohl er ein Stadtjunge war, war er in einer Bergstadt aufgewachsen, und zu viel freie Fläche um sich herum verunsicherte ihn. Er wollte lieber wieder von Bergen umgeben sein.

Wie auch immer, er hatte noch nie Glück gehabt, wenn es darum ging unterzutauchen. Früher oder später würde er wieder eine Bande haben, eine Gang, die er unterstützen musste, und Leute, die von ihm abhängig waren. Leute, die den Preis für seine Fehler bezahlen würden.

Daher hatte er auch nie ernsthaft daran gedacht, seine Vereinbarung mit den Clans zu brechen. Oder jedenfalls nicht, indem er weglief. Es reichte ihm nicht, auf der Seite der Sieger zu stehen. Er würde alles Notwendige tun, um sicherzugehen, dass er, Han Alister, ganz oben landete.

Han und die Clans hatten einen gemeinsamen Feind, Lord Gavan Bayar, den Hohemagier der Fells – den Mann, der für den Tod von Han’s Mutter und Schwester verantwortlich war. Bayar hatte Han’s Freunde foltern und töten lassen, um ihn zu finden und das Amulett zurückzubekommen, das Han den Bayars abgenommen hatte. Das Schlangenstab-Amulett hatte einmal Alger Waterlow gehört, dem berüchtigten Dämonenkönig – und Han’s Vorfahr. Jetzt trug Han es auf seiner Haut.

Und dann war Rebecca Morley zusammen mit Lord Bayars Sohn Micah einfach aus Odenford verschwunden. Wenn Han’s Suche nach Rebecca erfolglos blieb, würde er Micah Bayar so lange jagen, bis er ihn ausfindig gemacht hatte und zwingen konnte, die Wahrheit auszuspucken. Wenn Rebecca noch lebte, war die Sache von höchster Dringlichkeit. Wenn sie tot war, würde er die Bayars dafür bezahlen lassen.

In Odenford war Han sich seiner selbst viel zu sicher gewesen. Jetzt fühlte er sich von seinen eigenen Worten verspottet.

Ihr Bayars müsst lernen, dass Ihr nicht immer alles kriegen könnt, was Ihr haben wollt. Ich werde es Euch beibringen.

Viel treffender waren da jene Worte, die er einmal zu Rebecca gesagt hatte.

Jedes mal, wenn ich etwas für die Zukunft beiseitelege, wird es mir weggenommen.

Er würde von Feinden umgeben sein, wenn er jetzt nach Hause zurückkehrte, genau wie damals, als er als Streetlord der Ragger nach Southbridge marschiert war. Mit dem Unterschied, dass das Blut, das möglicherweise vergossen werden würde, das der anderen war.

Und das bedeutete, dass er bessere Waffen brauchte. Und dazu musste er das Risiko eingehen und nach Aediion zurückkehren, um sich mit Crow zu treffen.

Crow, der mysteriöse magische Lehrmeister, hatte Han ebenfalls angelogen – er hatte ihn zum Narren gehalten, hatte ihn rücksichtslos benutzt, um ihre gemeinsamen Feinde, die Bayars, zu töten. Allerdings hatte Han während ihrer nächtlichen Unterrichtsstunden so viel über Magie gelernt, wie ihm das auf der Akademie niemals möglich gewesen wäre.

Han wollte sich von Crow eine Zusage geben lassen, ehe er die Grenze zu den Fells überschritt. Um Aediion aufzusuchen, musste er sich allerdings an einem sicheren Ort aufhalten, da sein Körper in der Zeit, in der er sich nicht in ihm befand, verletzlich sein würde. Schließlich fand er etwa einen Tagesritt südlich von Fetterford einen Lagerplatz in einer kleinen Schlucht, wo ein Bach in einen größeren Fluss mündete.

Er breitete seine Decken ein Stück oberhalb des Baches auf dem Hang aus. Dann kratzte er ein grobes Loch in die felsige Erde und entzündete darin ein kleines, rauchloses Feuer, das nur zu sehen sein würde, wenn man sich direkt über ihm befand.

Han aß seine übliche Mahlzeit aus Wegebrot, Käse, geräuchertem Fisch und getrockneten Früchten und spülte alles mit Tee hinunter, den er mit etwas Bachwasser zubereitete. Dann beugte er sich näher zum Feuer hin, um besser in seinem Buch mit Zaubersprüchen lesen zu können.

Crow konnte Illusionen erzeugen, aber er schien nicht in der Lage zu sein, selbst Magie zu wirken. Es mangelte ihm an dem Blitz, an der von Magiern erzeugten Energie, mit der sich die Amulette aufluden und die dafür sorgte, dass magische Dinge geschahen. Wenn also Magie das einzige Werkzeug war, das in Aediion Schaden anrichten konnte, sollte Han in Sicherheit sein, wenn er dorthin zurückkehrte. Wenn es so war.

Han trug noch immer den Talisman aus Eberesche und Eiche, den Fire Dancer für ihn hergestellt hatte; bei Han’s letztem Besuch in Aediion hatte er Crow immerhin daran gehindert, von ihm Besitz zu ergreifen. Han musste darauf vertrauen, dass der Talisman ihn auch diesmal schützte. Es war ein kalkuliertes Risiko, aber Crow hasste die Bayars ebenso sehr wie er selbst, und Han brauchte einen Verbündeten. Crow war vermutlich das einzige Wesen, das verfügbar und willig war, Han das alles beizubringen, was er für seinen Sieg können musste.

Han holte tief Luft und konzentrierte sich in Gedanken auf den Raum ganz oben im Mystwerk-Turm, der all die Monate während seiner Zeit in Odenford als Treffpunkt gedient hatte. Er ging zwar davon aus, dass es nicht wichtig war, welchen Ort er wählte, aber dann eignete sich dieser ihm bereits vertraute auch genauso gut wie alle anderen. Er visualisierte also den abgenutzten Holzboden, die riesigen Glocken über seinem Kopf, das Muster, das vom Mondlicht an die Wand geworfen wurde. Dann schloss er die Hand um das Amulett und sprach die Beschwörungsformel, die ihn dorthin bringen würde.

Als er die Augen wieder öffnete, fand er sich im Glockenturm von Mystwerk House wieder und trug die elegante Kleidung der Blaublütigen. Er sah sich rasch um, behielt dabei aber die Hand am Amulett. Er war allein.

Er atmete die warme, feuchte Luft ein – die Luft des Südens. Draußen klapperte ein Wagen über das Straßenpflaster. Würde er ihn sehen können, wenn er zum Fenster eilte? Wenn er nach draußen ging, wenn er nach Hampton House ging – würde er dort Dancer finden? Er wusste es nicht.

Han wartete. Eine Minute verging. Dann noch eine. Vielleicht hatte er sich geirrt, und Crow würde nicht kommen. Enttäuschung wallte in ihm auf. Geduld, Alister, dachte er. Es ist einen Monat her, und ziemlich sicher rechnet Crow nicht damit, dass du überhaupt noch einmal aufkreuzt.

Schließlich zitterte die Luft vor seinen Augen, dann wurde sie heller, und schließlich schien sie sich zu verdichten.

Es war Crow, aber er unterschied sich deutlich von der Gestalt, die Han in Erinnerung hatte. Crow wirkte zerbrechlich, substanzlos, und seine Kleidung wogte wie Engelsflügel um ihn herum. Sein ehemaliger Lehrmeister stand ein Stückchen von ihm entfernt da, breitbeinig und mit erhobenen Armen, als wollte er sich verteidigen. Seine Haare, vorher kohlrabenschwarz, waren jetzt hellblond, beinahe durchsichtig. Nur seine Augen zeigten noch immer dieses strahlende Blau, an das Han sich erinnerte.

»Hallo Crow«, sagte Han.

Crow legte den Kopf schief und betrachtete Han, als würde dieser jeden Augenblick auf ihn losgehen. »Wieso bist du hier?«, fragte er. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dich noch einmal wiederzusehen.«

»Das hier könnte auch das letzte Mal sein«, sagte Han, als wäre es ihm egal, wenn es so wäre. »Aber ich dachte, ich sollte dir die Chance geben, mir alles zu erklären.«

»Wieso sollte ich dir irgendetwas erklären?«, fragte Crow und kniff die Augen zusammen. »Du hast deutlich mehr von unserer Zusammenarbeit profitiert als ich. Ich habe dir die Möglichkeit gegeben, die beiden Bayars ein für alle Mal loszuwerden, und du hast es verpfuscht.«

»Schön«, sagte Han. »Schätze, das hier ist reine Zeitverschwendung. Dann also auf Wiedersehen.« Er nahm sein Amulett und öffnete den Mund, als wollte er die Worte sprechen, die den Zauber beendeten.

»Warte.« Crow hob die Hände und ließ sie dann langsam wieder sinken. Diesmal hatte er auf seine übliche extravagante Aufmachung verzichtet. »Bitte bleib.«

Han stand mit der Hand am Amulett da und wartete.

»Soll ich dir etwas ganz Bestimmtes erklären?«, fragte Crow seufzend. »Nur, damit wir nicht unnötig Zeit vergeuden.«

»Ich möchte wissen, wer du bist und wieso du nicht willst, dass ich weiß, wer du bist. Ich möchte wissen, warum du so einen Groll gegen die Bayars hegst und dich mit mir zusammentun wolltest«, sagte Han. »Das reicht erstmal für den Anfang.«

Crow rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Stirn. Er wirkte ziemlich mitgenommen. »Würde es nicht reichen, wenn ich dir verspreche, dich in Zukunft nicht mehr wie einen Dummkopf zu behandeln?«

Han schüttelte den Kopf. »Nein, das reicht nicht.«

»Du würdest mir die Wahrheit nicht glauben, selbst wenn ich sie dir erzähle«, sagte Crow. »So ist es immer. Die Leute beschränken sich ohne Not, und dann versuchen sie, dich zu beschränken.«

»Bis jetzt hab ich noch nichts von dem erfahren, was ich wissen will«, stellte Han fest. »Und ich bin kein sehr geduldiger Mensch.«

»Ich auch nicht«, gab Crow zurück. »Und doch musste ich über einen sehr viel längeren Zeitraum, als du dir vorstellen kannst, unglaublich geduldig sein.« Er dachte einen Moment nach. »Wer ich bin? Ich war einmal der Feind der Bayars. Ihr größter Rivale.«

Han war inzwischen klar, dass er die ganze Geschichte nur häppchenweise und in Rätseln aufgetischt bekommen würde. »Und jetzt bist du das nicht mehr?«, fragte Han.

Crow lächelte schwach. »Ich denke, man könnte sagen, dass ich ein Schatten meiner selbst bin. Ein Geist meines früheren Ichs. Ein Überrest desjenigen, der ich einmal zu sein pflegte, nur noch aus Erinnerungen und Gefühlen bestehend. Die Bayars nehmen mich nicht mehr als Bedrohung wahr. Und doch«, er tippte sich an die Schläfe, »habe ich etwas, das sie furchtbar gern hätten.«

»Wissen«, vermutete Han. »Du weißt etwas, das sie wissen müssen.«

»Ich weiß etwas, das sie wissen müssen, und ich habe vor, es einzusetzen, um sie zu vernichten«, sagte Crow nüchtern. »Das ist der Grund für meine Existenz.«

Han verstand nicht so recht. »Wenn du sagst, dass du ein Geist deines früheren Ichs bist, was meinst du damit genau?«

Crows Gestalt begann zu schimmern, und dann löste sich das Bild auf und setzte sich neu zusammen. »Das ist alles, was noch von mir übrig ist«, sagte er. »Ich bin eine Illusion. Ich existiere in deinem Kopf, Alister. Und in Aediion, dem Treffpunkt der Magier. Nicht in der Welt, die du als wirklich bezeichnest.«

»Willst du damit sagen, dass du … tot bist?« Han starrte Crow an. »Das ergibt keinen Sinn.« Zumindest passte es nicht mit dem zusammen, was man ihm im Tempel beigebracht hatte. Aber andererseits hatte er nie behauptet, sich mit Religionen auszukennen.

Crow zuckte mit den Schultern. »Was bedeutet es, tot zu sein? Den Körper zu verlieren? Den Lebensfunken zu verlieren? Wenn das der Maßstab ist, dann bin ich tot. Oder bedeutet Leben die Fortdauer der Erinnerung und des Gefühls, des Willens und des Verlangens?«, sprach Crow weiter, als würde er ein Selbstgespräch führen. »Wenn das der Maßstab ist, bin ich sogar sehr lebendig.«

»Aber du hast keinen Körper.«

Crow lächelte. »Ganz genau. Ich habe keinen physischen Körper, nichts, was über das hinausgeht, was ich in Aediion heraufbeschwören kann. Aber ein Körper ist nötig, um in der wirklichen Welt etwas erreichen zu können. Ein Körper ist nötig, um sich an den Bayars rächen zu können. Genauer gesagt, der Körper eines Magiers – der mir die Möglichkeit geben würde, mein beträchtliches Wissen über Magie anzuwenden.«

»Und so bin ich ins Spiel gekommen«, ergänzte Han. »Ich könnte den Körper zur Verfügung stellen, den du brauchst.«

»Und so bist du ins Spiel gekommen«, bestätigte Crow. Er legte den Kopf leicht schief und beäugte Han kritisch. »Es hat alles perfekt gepasst. Du bist – überraschenderweise – außerordentlich mächtig. Du hattest wenig bis gar keine Ausbildung, was dich für mich zugänglich gemacht hat und dein Verlangen verstärkt hat, Zeit mit mir zu verbringen. Du hasst die Bayars, und angesichts deiner bewegten Vergangenheit habe ich vermutet, dass du rücksichtslos wärst und keine Prinzipien hättest. So weit, so gut.«

»So weit, so gut?«, fragte Han und verdrehte die Augen. So viel Ehrlichkeit hätte es jetzt auch wieder nicht gebraucht.

Crow nickte. »Zuerst konnte ich dich ziemlich gut kontrollieren, vor allem dann, wenn du dein Amulett benutzt hast. Ich habe dich sogar manchmal unterstützt, wenn es so ausgesehen hat, als könntest du vorzeitig getötet werden.«

»Du sprichst von der Dornenhecke an der Grenze zu Delphi, als wir verfolgt wurden«, sagte Han. »Und davon, wie wir bei Ardenscourt Prinz Gerard entkommen sind.« Han hatte einige von Montaignes Soldaten getötet, ohne dass er das Gefühl gehabt hatte, selbst viel dazu beigetragen zu haben.

»Ja«, sagte Crow. »Aber als du im Laufe der Zeit immer besser wurdest, hast du behelfsmäßige Barrieren errichtet, mit denen du mich von dir ferngehalten hast. Das war ziemlich frustrierend, und ich habe nach einem Weg gesucht, wie ich dich wieder für meinen Einfluss zugänglich machen konnte.«

»Und dann bin ich nach Aediion gekommen«, sagte Han.

»Zu meiner großen Freude.« Crow warf ihm einen schrägen Blick zu. »In Aediion warst du immer noch offen für die Visionen, die ich heraufbeschworen habe. Ich konnte immer noch in deinen Geist eindringen. Wir konnten richtige Unterhaltungen führen, und ich konnte dich unterrichten. Dadurch hat sich mir ein ganzes Feld von Möglichkeiten eröffnet.«

»Aber …« Han runzelte die Stirn. »Sogar als wir schon angefangen hatten uns zu treffen, hast du hin und wieder im echten Leben von mir Besitz ergriffen, richtig?«, fragte er. Einmal hatte er sich auf dem Fußboden der Bayar-Bibliothek zwischen alten, verstaubten Büchern wiedergefunden. Unter seinem Umhang war eine alte Landkarte von Gray Lady und eine Liste mit Beschwörungsformeln gewesen. Hastig hingekritzelte Notizen, die jetzt in seiner Satteltasche steckten. »Ich hatte riesige Zeitlücken an den Tagen, an denen wir uns getroffen haben.«

»Die Barrieren, die du errichtet hattest, haben gegen Ende der Unterrichtsstunden, wenn fast keine Magie mehr übrig war, mehr und mehr nachgegeben. Ich konnte Besitz von dir ergreifen und mit dir tauschen, wenn du die Traumwelt verlassen hattest«, sagte Crow ohne den geringsten Hinweis darauf, dass es ihm leidtat.

»Hast du mich deshalb so hart arbeiten lassen?«, fragte Han. »Damit ich müde und erschöpft war und du Besitz von mir ergreifen konntest?«

»Nun … ja, und dann gab es natürlich auch so allerhand zu tun«, sagte Crow. Er zuckte mit den Schultern. »Dummerweise warst du in deiner Erschöpfung für magische Aufgaben unbrauchbar, sonst hätte ich mich gleich an Ort und Stelle um die Bayars gekümmert. Aber ich hatte die Möglichkeit, in die Welt hinauszugehen.«

Han bekam eine Gänsehaut, als er sich vorstellte, wie Crow seinen Körper bewohnt hatte. »Aber du hast dich trotzdem dafür entschieden, deine Zeit in einer alten, staubigen Bibliothek zu verbringen«, sagte er.

Crow sah ihn stirnrunzelnd an. Er wirkte bestürzt. »Du erinnerst dich?«

»Du hast mich ein paar Mal an den falschen Stellen abgesetzt«, sagte Han. »In den Magazinen.«

»Ich hatte nur ein kleines Zeitfenster, bis dein Amulett ganz entleert war«, erklärte Crow. »Und einige Male war es leer, bevor ich dich zu deinem Ausgangspunkt zurückbringen konnte.«

»Und ich dachte schon, ich würde den Verstand verlieren«, sagte Han. »Was hast du gesucht?«

»Ich wollte dir nur ein Stück voraus sein«, antwortete Crow und biss sich auf die Lippe. Er wandte den Blick ab. »Du bist ein sehr fordernder Schüler, Alister, immerzu stellst du Fragen und willst Antworten.«

»Ich glaube dir nicht«, sagte Han. »Ich glaube, dass du eigene Pläne verfolgt hast. Hast du vielleicht nach einer Möglichkeit gesucht, mich vollständig und dauerhaft kontrollieren zu können?«

Crows Augen glänzten, was Han verriet, dass er ins Schwarze getroffen hatte. »Das wäre ein vollkommener Erfolg gewesen. Aber es ist unmöglich, wie es scheint.« Crow schloss die Augen, als würde er alles noch einmal durchleben. »Kannst du dir das vorstellen, Alister? Kannst du dir vorstellen, wie es für ein Geistwesen wie mich ist, die Welt wieder mit allen Sinnen zu erfahren – zu sehen und zu berühren, zu riechen und zu schmecken und zu hören?«

»Dann wäre ich sicher nicht in die Bibliothek gegangen, das kann ich dir sagen«, entgegnete Han trocken.

Crow lachte. »Du gefällst mir, Alister. Aber all das hier wäre einfacher gewesen, wenn du unausstehlich wärst. Und dumm. Du wärst dann deutlich lenkbarer.«

»Lenkbar zu sein bringt einen nirgendwohin«, sagte Han. Er fühlte sich wie ein Junge vom Land auf einem riesigen Stadtmarkt. Crow hatte ihm so viel vor die Füße geworfen, dass er die Einzelheiten im Augenblick gar nicht richtig erfassen konnte. Fragen ratterten durch sein Hirn.