8,49 €
Durch eine unerwartete Wendung des Schicksals findet sich der junge Arzt Sachi Amamiya plötzlich in der Rolle der „Ehefrau“ seines Kindheitsfreundes Kengo Shinonome, einem charismatischen Unterboss der Yakuza, wieder. Kengo schockiert Sachi mit der Nachricht, dass sie nun ein Kind hätten, den kleinen Fumi – ein engelsgleicher Junge, der gerade seine Mutter verloren hat. Anfangs fühlt sich Sachi in seine neue Rolle hineingedrängt, doch im Laufe der Zeit findet er zu seinen eigenen Gefühlen und es entsteht ein tiefes Verhältnis zu Kengo. Inmitten der Wirren dieser unerwarteten Bindung versucht Sachi, seinen Weg durch das komplizierte Terrain des Liebes- und Familienlebens zu finden. Dabei muss er zusammen mit Kengo alltägliche Herausforderungen meistern, während sie lernen, eine Familie zu sein. Zusätzlich intensivieren die Gefahren durch Kengos Yakuza-Leben ihre Beziehung, in der nicht zuletzt ihre wachsende körperliche Nähe eine zentrale Rolle spielt …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Der Yakuza ist ein Papa und hingebungsvoller Ehemann
Nachwort
Farbseite
Über JNC Nina
Impressum
Farbseiten
Inhaltsverzeichnis
Die Amamiya-Klinik, die genau zwischen einem Wohnviertel und einem Vergnügungsviertel lag, wurde zu Beginn der Showa-Zeit von Chiaki Amamiya gegründet und ging irgendwann an seinen Enkel in der dritten Generation über.
Das äußerlich in die Tage gekommene Gebäude, das einen, wie so viele andere Bauten auch, an die gute alte Zeit zurückdenken ließ, wurde seit der Eröffnung der Klinik kaum verändert. Die Holzböden im Wartezimmer und in den Korridoren knarrten gelegentlich, was im Einklang mit dem letzten Willen des verstorbenen Chiaki stand, der stets die Priorität seiner Patienten betonte und anstelle einer Schließung für Renovierungsarbeiten immer nur kleinere Reparaturen durchführen ließ.
Mit nur einem Arzt und einem Krankenpfleger herrschte in der Amamiya-Klinik immer Personalmangel und das Wartezimmer war stets überfüllt. Doch jeder wartete ruhig ab, ohne sich zu beklagen, was nicht zuletzt Sachi Amamiya, dem Enkel des Gründers, zu verdanken war. Nachdem er mit Bestnoten die medizinische Fakultät einer renommierten Universität abgeschlossen hatte, wurde er ein erstklassiger Chirurg und führte zahlreiche Operationen an Universitätskliniken durch, bevor er schließlich die Amamiya-Klinik übernahm. Das allein hätte bereits ausgereicht, um die Klinik florieren zu lassen, doch er besaß noch ein unvergleichliches anderes Talent.
Sachi hatte leicht gewellte, helle Haare und immer funkelnde, eindrucksvolle Augen. In der Nähe dieser befand sich auch ein unauffälliger, perfekt platzierter Leberfleck, der zusammen mit seiner frischen Haut, die man einfach anfassen wollte, jeden in seinen Bann zog. Seine Statur, die mit 170 Zentimetern im Durchschnitt lag, zeichnete sich durch eine schlanke und anmutige Form aus, die in etlichen Menschen das Verlangen weckte, ihn einfach zu umarmen.
Ja, er hatte das angeborene Talent, alle zu verzaubern. Das Problematische daran war nur, dass er sich dessen nicht bewusst war, was dazu führte, dass in seiner Umgebung immer Unruhe herrschte. Doch dank dieser Tatsache florierte die Praxis. Allerdings wusste die Klinik nicht mit den vielen Patienten umzugehen, die Krankheiten vortäuschten, nur um Sachi zu treffen.
Abgesehen davon hatte die Amamiya-Klinik noch einen weiteren schwierigen letzten Willen auf ihrem Rücken – ihre Verpflichtung gegenüber der Shinonome-Gruppe.
Im Untersuchungsraum hallte die klägliche Stimme eines Mannes wider: „Autsch! H-Hey, Sachi, so hab doch Erbarmen!“
Auf einem Sessel mit Rollen sitzend drückte Sachi, der in einem Arztkittel gekleidet war, dem Mann absichtlich mit Desinfektionsmittel getränkte Watte fest auf die Wunde, während er mit einem kühlen Gesichtsausdruck seine Schreie gezielt überhörte.
„Als Yakuza wirst du das doch wohl noch aushalten. Wer den Schmerz scheut, darf sich halt nicht verletzen.“
Typisch Yakuza. Immer so schnell mit den Fäusten.
In dem altmodischen Untersuchungsraum standen ein hölzerner Schreibtisch, der schon seit der Zeit seines Großvaters in Gebrauch war, der Sessel, in dem Sachi saß, Stühle für die Patienten, Regale mit Arzneimitteln und ein Untersuchungstisch, auf dem Patienten für die Untersuchung liegen konnten. Hinter einem weißen Vorhang im Hintergrund befanden sich Betten für Patienten, die eine Infusion benötigten. Alles war ziemlich alt, aber dank der sorgfältigen Behandlung durch seinen Großvater und Vater war die Einrichtung immer noch im aktiven Gebrauch.
Die Amamiya-Klinik war als Krankenhaus durchaus erfolgreich, doch fehlte es ihr an Geräten wie einem Computertomografen. Sachi, der gern in solche Geräte investieren wollte, war jemand, der vorhandene Geräte bis zum Verschleiß einsetzte.
Dass Sachi, der einst fern seiner Heimat in einem Universitätskrankenhaus erfolgreich tätig gewesen war, die Leitung der Amamiya-Klinik übernahm, war einzig und allein einer List seines Vaters, Yasutomo, geschuldet. Eines Tages wurde er unter dem Vorwand, dass sein Vater krank sei, zu ihm gerufen und dieser bat ihn, die Klink zu übernehmen, da er im Sterben liegen würde. Überrumpelt von seinem völlig veränderten Auftreten ließ sich Sachi aus Unvorsichtigkeit täuschen und willigte ein. Kaum hatte Sachi ihm das Versprechen gegeben, die Leitung der Klinik zu übernehmen, erholte sich Yasutomo wie durch ein Wunder und setzte, angeblich auf Heilbäderreise durch ganz Japan, keinen Fuß mehr in die Klinik.
Es war wirklich außergewöhnlich, dass ein Arzt einem anderen Arzt eine Krankheit vorspielte. Sein Vater war schon ein Spezialfall. Er war Yasutomo dankbar, dass er ihn seit dem Tod seiner Mutter in der Mittelschule allein großgezogen hatte, aber eine solche Hinterlist machte ihn wütend.
„Aber das ist unser Revier. Wir müssen es beschützen. Autsch, das tut weh!“
Was heißt hier „beschützen“?
Während er die Blutung stoppte, zog er gnadenlos die Scherbe einer Bierflasche aus seinem Arm und wischte das Blut mit einem Tupfer ab, um die betroffene Stelle genauer zu betrachten. Zu seiner Erleichterung schien die Verletzung nicht so tief zu sein, wie vorerst gedacht. Bei einer Wunde dieser Art würde eine sorgfältige Naht wahrscheinlich keine große Narbe hinterlassen.
Mensch, unglaublich, wie sich hier alle immer und immer wieder Verletzungen zuziehen.
Seit Sachi die Klinik übernahm, schien es immer mehr Verletzte als Kranke zu geben. Dies lag zweifellos daran, dass die Klinik inmitten des Territoriums der Shinonome-Gruppe lag und zum Stammkrankenhaus der Gruppenmitglieder wurde.
„Von ‚Schützen‘ sollte man nur sprechen, wenn man sich auch selbst richtig schützen kann. Wie oft hast du allein diese Woche Hilfe bei mir gesucht? Ah, verstehe. Ist es die mangelnde Gutherzigkeit eures Unterbosses, weswegen ihr so übel zugerichtet werdet?“, fragte er, während er mit einem Finger schnell über eine Schürfwunde auf der Wange des Mannes fuhr. Dieser errötete verlegen und versuchte verzweifelt sich zu rechtfertigen.
„Nein, so ist das nicht! Der Unterboss sagt uns immer, dass wir nicht über die Stränge schlagen sollen ...“
„Verstehe. Für euch ist der Unterboss also jemand, dem ihr nicht unbedingt gehorchen müsst.“
„Hä? Nein, so war das nicht gemei... Autsch!“
Noch bevor er seinen Satz beenden konnte, wurde seine Wunde schnell und geschickt genäht.
„Sachi, was ist mit der Betäubung?!“
„Bei einer solchen Verletzung würde die Nadel der Betäubungsspritze mehr schmerzen. Sei still und halte durch, du bist doch ein Mann, oder?“
Die Injektion der Betäubung konnte überraschend schmerzhaft sein. Bei zwei Stichen konnte es also weniger wehtun, ohne Betäubung zu nähen. Es handelte sich keineswegs um Schikane.
Schnell nähte er die zwei Zentimeter lange Wunde und zufrieden mit dem Ergebnis bat Sachi den bereitstehenden Krankenpfleger, Mao Kotone, die letzten Schritte durchzuführen.
„Wenn man erst mal an Doktor Sachi gerät, sind selbst Yakuza machtlos“, sagte er lächelnd, während er mit seinen Händen geschickt die Behandlung beendete.
Bei dem Namen „Mao“ allein hätte man zuerst an eine Frau denken können, doch er war unverkennbar ein Mann. Laut den alten Damen, die die Klink besuchten, sah er wie ein Märchenprinz aus. Sein weißes Krankenpflege-Outfit hätte man für einen Smoking halten können, und wenn Mao lächelte, erröteten die Damen, als wären sie wieder zu jungen Mädchen geworden. Ein schönes Gesicht zieht scheinbar beide Geschlechter an, sodass manchmal selbst die Männer erröteten. Ehrlich gesagt war das schon unheimlich.
Mao begann seinen Job in der Amamiya-Klinik, als Sachi die Leitung übernahm. Der Krankenpfleger, der bis dahin dort gearbeitet hatte, wurde zu alt und nahm Yasutomos Rückzug als Anlass, auch in Rente zu gehen. Anfangs war es chaotisch, aber dank Maos Kompetenz gelang der Übergang reibungslos, wofür Sachi ihm sehr dankbar war. Als Krankenpfleger war er außerordentlich begabt und übernahm zeitgleich auch noch alle Büroarbeiten. Manchmal wunderte sich Sachi, wie ein solches Talent wie Mao in einer kleinen Klinik wie dieser arbeiten konnte. Als er ihn einmal danach fragte, erhielt er eine vorbildliche, interviewtaugliche Antwort. Dieser sagte, dass er schon zuvor in einer kleinen Klinik wie der Amemiya-Klinik gearbeitet hatte, wo er Erfahrungen sammeln konnte, die in einem großen Krankenhaus mit strikter Rollenverteilung nicht möglich gewesen wären, und dass er sich auch weiterhin der medizinischen Versorgung in der Region widmen wollte. Für Sachi, der ihm bisher nicht viele Erfahrungen bieten konnte, war das allerdings keine beruhigende Antwort.
„Komm in einer Woche wieder zum Fäden ziehen. Ich gebe dir ein Desinfektionsmittel mit. Achte darauf, es jeden Tag ohne Ausnahme zu benutzen. Meide starke körperliche Aktivitäten, die Wunde könnte sonst wieder aufgehen.“
Nachdem er den Verband angelegt hatte, konnte er sich ein Kichern nicht verkneifen.
Ein wenig Übertreibung schadet nicht, im Gegenteil, sie ist gerade nötig. Es ist nur gut, wenn es für sie so richtig unangenehm wird und sie darüber reflektieren. Diese Kerle denken immer nur an eins: Streiten, streiten, und nochmal streiten. Ehrlich gesagt ist es lästig, wenn Männer wegen eines einfachen Kratzers direkt in die Klinik kommen.
Als Arzt wusste er, dass es falsch war, zu sagen, dass sie einfach auf die Wunde spucken sollen, damit sie heilen würde, aber bei diesen Kerlen hätte er es gerne getan.
„Hä? Was meinst du mit starken körperlichen Aktivitäten ...?“
„Wenn du es mal wieder nötig hast, dann komm zuerst zu mir.“
Solltest du vorhaben, dich wieder zu prügeln, sodass die Wunde wieder aufreißt, werde ich dich betäuben und dafür sorgen, dass du einschläfst. Nein, oder sollte ich besser Salz in die offene Wunde streuen? Wenn ich darüber nachdenke, kommen mir am Ende solche Gedanken.
„I-Ich soll zu dir kommen ...?“
Ein Mann schluckte hörbar seinen Speichel herunter. Vielleicht stellte er sich vor, wie eine Betäubungsspritze schmerzhaft in sein Gesäß gedrückt wurde. Sollte er es diesmal wirklich tun?
„Ja, wenn du nicht sterben willst, behältst du deine Hände bei dir.“
In dem Moment, als Sachi seine Augen auf die Patientenakte richtete, hörte er das Geräusch, wie Mao dem Mann die Hand wegschlug.
Schon wieder?
„Pass ja auf, ich behalte so was nicht für mich.“
„O-Oh nein, ich wollte doch nicht ... B-Bitte melde das nicht!“
Offenbar hatte er trotz allem versucht, Maos Gesäß zu berühren. Mit dem meisten Gesindel, das in die Klinik kam, endete es so, dass Mao ihnen die Hand wegschlug.
Was ist so spaßig daran, einem Mann an den Po zu fassen?
Auch um Maos Keuschheit willen, winkte Sachi den Mann heraus. Er war als Krankenpfleger wichtig. Hätte er wegen sexueller Belästigung durch die Patienten gekündigt, hätte die Klinik nicht weiter bestehen können.
„Die Untersuchung ist beendet. Dort ist der Ausgang.“
„V-Vielen Dank!“
Als der Mann sich verbeugte und den Untersuchungsraum verließ, schrieb Sachi etwas in die Patientenakte, während Mao die eingesetzten Instrumente wegräumte. Beim flüchtigen Durchblättern der dicken Akte überkam ihn eine Welle der Niedergeschlagenheit, da diese fast ausschließlich Schnitt- und Schürfwunden enthielt.
Sollte ich nächstes Mal am Eingang der Klinik ein Schild aufhängen, dass wir keine Schürfwunden behandeln?
„Jetzt mal echt, du lebst gefährlich“, murmelte Mao mit einem Seufzer und neigte seinen Kopf fragend.
„Was meinst du damit?“
„Nun, bei intensiver körperlicher Betätigung ... Nein, ich hab nichts gesagt. Bleib bitte einfach so, wie du bist. Wenn es dir bewusst wird, könnte es noch nerviger werden.“
„Ich verstehe nicht ganz, wie du das meinst. Willst du es mir nicht so erklären, damit auch ich es verstehe?“
„Nein.“
„Okay. Da kann man nichts machen.“
Wenn Mao so sprach, bedeutete das, dass er es wirklich nicht erklären würde.
Es war sinnlos, weitere Zeit damit zu verschwenden, also konzentrierte er sich wieder auf das Ausfüllen der Patientenakte. Eine Umstellung auf die elektronische Variante hätte vieles erleichtert, doch der Gedanke an die Kosten und besonders den zuvor entstehenden Aufwand, die riesige Menge an Patientenakten zu digitalisieren, ließ diese Idee in weite Ferne rücken.
„So, fertig. Der nächste Patient kann hereinkomm...“
Während er sich zu Mao umdrehte, um diesen anzusprechen, wurde es im Wartezimmer laut. Als sich beide fragend anschauten, was los war, näherte sich jemand mit lautem Getrampel und plötzlich öffnete sich die Tür zum Untersuchungsraum.
„Hey, Sachi!“
Als Sachi den Mann sah, der, ohne zu klopfen, einfach den Raum betrat, machte er ein genervtes Gesicht.
„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du hier nicht einfach hereinplatzen sollst?“
Der Mann war ein Bekannter von Sachi aus Kindheitstagen und besagter Unterboss. Sein Name war Kengo Shinonome. Seine Gestalt mit seinem teuren Markenanzug hätte einem Host alle Ehre gemacht, aber er war durch und durch ein Yakuza. Verglichen mit diesem Mann erschienen jene, die wegen Bagatellverletzungen in die Klinik kamen, geradezu liebenswert. Ohne einen wirklichen Grund tauchte er ständig auf und störte Sachi bei seinen Untersuchungen, aber was würde ein Unterboss sonst wohl mit seiner Freizeit anstellen? Zwar kannte Sachi den Mann schon seit seiner Kindheit, doch das hieß nicht, dass er ihn mochte. Er hasste ihn zutiefst.
Zuerst war da sein Äußeres. Sein makelloses Gesicht, bei dem jedes Detail perfekt positioniert war, war ganz anders als Sachis, der als Kind wegen seiner weiblichen Züge oft geneckt worden war. Männlichkeit und sexuelle Anziehungskraft, zwei Eigenschaften, die eigentlich im Widerspruch zueinanderstehen sollten, verschmolzen bei ihm. Selbst wenn er nur still dasaß, strahlte er eine einschüchternde Präsenz aus, die er von Geburt an besaß, aber wenn man in seine Augen blickte, schien man dem Zauber seines Charmes nicht entkommen zu können.
Obwohl Kengo wie Sachi 29 Jahre alt war, besaß er eine Würde, die Männer einschüchterte und alle Frauen aufseufzen ließ, wenn er auch nur leicht lächelte. Trotz seiner unnahbaren Aura, die ihn von anderen Menschen abhob, übte er auf der Straße auf Frauen eine ungewöhnliche Anziehungskraft aus. Ungeachtet dessen verbarg er sein mürrisches Gesicht unter dem Deckmantel der Gleichgültigkeit.
Ich mag den nicht. Und dann auch noch diese Arroganz.
Die beiden kannten sich schon fast seit ihrer Geburt und die Geschichten über seinen Hochmut nahmen kein Ende. Von der willkürlichen Einteilung Sachis für dieselben Aufgaben in der Grundschule über das Umschreiben einer Bewerbung in der Mittelschule bis hin zur Änderung vom Universitätswunsch in der Oberschule – wenn er sich an früher zurückerinnerte, gab es lauter Dinge, die ihn vor Wut kochen ließen. Eigentlich wäre er auf eine andere Universität gegangen und selbst heute noch dachte er daran, wie wütend er geworden war, als er Kengo im Saal der Eintrittsfeier getroffen hatte.
Und dann war da noch das, was Sachi an ihm am meisten verachtete: Dieser Mann war der Unterboss der Shinonome-Gruppe. Die Shinonome-Gruppe begann mit Kengos Großvater und ging dann in die Hände von Kengos Vater, Goro, über. Ursprünglich waren sie als Organisatoren von Jahrmärkten tätig, aber erweiterten dann ihren Tätigkeitsbereich großflächig auf Dinge wie die Leitung exklusiver Klubs sowie den Kauf und Verkauf von Immobilien und Aktien. Trotz der strengen Gesetze gegen organisierte Kriminalität schienen sie es irgendwie zu schaffen, den Behörden zu entgehen und einen großen Profit zu erwirtschaften. Das meiste entwickelte sich in diese Richtung, seit Kengo der Gruppe beitrat, was darauf hindeutete, dass seine Position als Unterboss nicht allein auf seine Blutsverwandtschaft zurückzuführen war.
Die Amamiya-Klinik diente bereits seit der Zeit seines Großvaters der Shinonome-Gruppe und gemäß dem letzten Willen dessen setzte sich diese Beziehung bis heute fort. Auch die Beziehung zwischen Sachi und Kengo fing, ohne zu übertreiben, mit ihrer Geburt an und auch ihre Eltern waren miteinander befreundet und hatten eine gute Beziehung zueinander.
Sachi lehnte die Yakuza nicht grundsätzlich ab. Auch wenn er es sich selbst nicht aussuchte, konnte er nicht leugnen, dass er von ihr profitierte. Die Shinonome-Gruppe verbot strikt den Handel mit Drogen und Waffen und schützte damit in gewisser Weise die Nachbarschaft vor anderen Gruppen. Aufgrund ihrer wachsamen Augen war die Kriminalitätsrate im Vergleich zu anderen Gebieten niedriger und es mochte unglaublich klingen, doch die Menschen aus der Gegend freuten sich, dass sie da waren. Doch Sachi fand es unmöglich, dass Kengo ein Yakuza war. Es machte ihn einfach wütend. Er konnte es sich nicht genau erklären, doch als Kengo die Familie übernahm, entschied er sich, diesen Mann zu hassen.
„Du bist ja heute schlecht drauf. Hast du Kalziummangel?“
„Wenn überhaupt, dann wohl eher eine Kengo-Allergie. Wenn du es gerallt hast, dann verschwinde endlich.“
„Ich bin doch gerade erst gekommen. Man sollte freundlich zu seinen Patienten sein.“
„Ungebetene Patienten sind keine Patienten. Wenn du ein Anliegen hast, dann raus damit.“
„Na ja, stimmt schon. Angesichts unserer Beziehung ist das Wort Patient zu förmlich.“
Kengo nickte, als ob er sich damit selbst überzeugt hätte.
Dieser positiv gestimmte Mistkerl. Was geht nur in seinem Kopf vor?
Sachi hatte nichts dergleichen gesagt. Er runzelte die Stirn, während Mao ein gequältes Lächeln aufsetzte, nachdem er mit dem Aufräumen fertig gewesen war.
„Manchmal denke ich mir, der Kengo, den ich hier treffe, und der, den ich draußen sehe, sind zwei verschiedene Personen. Ob Sachi wohl der Einzige ist, mit dem du so umgehst, Kengo?“
„Ich hab nicht darum gebeten.“
„Er ist halt deine Braut.“
Auf Maos Worte hin öffneten beide gleichzeitig den Mund und öffneten ihn bei den Worten des anderen erneut.
„Wer soll hier eine Braut sein?“
„Schäm dich nicht dafür.“
Daraufhin tauschten Sachi und Kengo Blicke aus, die so gegensätzlich waren, dass Mao unwillkürlich zu lachen begann.
„Oh, t-tut mir leid ... Es ist nicht gut, wenn man zu gut miteinander klarkommt, was?“
„Tun wir gar nicht!“
„Stimmt.“
Erneut überlagerten sich ihre Stimmen, wodurch Mao nur noch mehr lachen musste, woraufhin Sachi schließlich mit einem mürrischen Gesicht verstummte. Unvorstellbar, dass er mit Kengo gut ausgekommen würde. Das war einfach unmöglich.
„Hey, jetzt schmoll hier nicht rum.“
„...“
„Schau mal, ich hab dir als Mitbringsel Mitarashi-Dango mitgebracht. Willst du die nicht essen?“
„Will ich ...“
Bei der von Kengo hingehaltenen Tüte handelte es sich um Mitarashi-Dango, die Sachi einfach liebte und die auf hundert Stück limitiert waren. Er hatte Kengo damit zwar nicht verziehen, aber das Essen konnte ja nichts dafür. Als er seine Hände greifend danach ausstreckte, wurden sie ihm sogleich übergeben. Er öffnete freudig die Verpackung, nahm einen Dango in die Hand und ließ sich den ersten Bissen auf der Zunge zergehen. Nicht zu süß und nicht zu salzig. Er war von den leicht braunen Dango mit ihrem unvergleichlichen Anko-Geschmack einfach verzückt. Der Himmel auf Erden. Es gab wahrlich nichts, was mit diesem Geschmack mithalten konnte.
„Mitarashi-Dango auf eine so erotische Weise zu essen, grenzt schon an Talent.“
„Hm?“
Als er – vertieft in die Mitarashi-Dango – Kengos Worte überhörte und seinen Kopf neigte, als er den zweiten Bissen zu sich nahm, erreichten Kengos Finger Sachis Mundwinkel, während er sagte: „Ist schon gut.“
„Du Schlabbermäulchen. Bist du etwa ein Kind?“
„Sei doch still ...“
Als Kengo mit seinem Finger Sachis Mund abwischte und ihn dann ableckte, lachte er.
Als Kind abgestempelt drehte sich Sachi schnaubend weg und biss entschlossen in den Dango.
Wer ist hier das Kind? Wenn ich ein Kind wäre, wärst du noch nicht einmal geboren. Ist er sich gar nicht bewusst, wie kindlich er sich für gewöhnlich verhält?
„Das nimmst du also einfach so hin.“
Mao murmelte irgendetwas, doch bevor Sachi nachfragen konnte, schlug Kengo mit der Faust auf.
„Ach ja. Das Thema Kinder erinnert mich an was.“
Kinder erinnern ihn an was? Ob dieser Typ wirklich ein familiäres Thema parat haben sollte?
Während Sachi noch darüber nachdachte, kaute er auf dem Mitarashi-Dango herum, doch Kengos nächste Äußerung ließ ihn fast daran ersticken.
„Ich hab jetzt ein Kind.“
„Gufoh, uh ...!“
„Hier, Sachi, Tee!“
Mao reichte Sachi, der gerade erst anfing, die Dango zu essen, hastig eine Tasse Gerstentee. Nachdem er die Tasse in einem Zug leerte und keine Gefahr mehr bestand, warf er Kengo einen durchdringenden Blick zu.
„Fast wär ich abgekratzt! Auch Humor hat seine Grenzen!“
„Das war kein Scherz. Aber hör mir zu. Laut Familienregister wird es mein Kind ...“
Bei diesen Worten zeigte sich auf Sachis Gesicht ein Ausdruck der Verachtung.
„Puh, du hast jemanden geschwängert? Wie abscheulich.“
„Nein. Ich hab doch dich, also würde ich so was nie tun.“
„Jetzt mal echt, du machst diese Art von Witzen jetzt schon seit Jahren, aber niemand findet sie lustig.“
Und sollte doch mal jemand lachen, dann wär es nur ein gequältes Lächeln.
„Jetzt, wo ich ein Kind habe, sollte ich das doch mit dem Familienregister regeln, oder?“
„Halluzinationen und Wahnvorstellungen ... Bei dir ist wohl schon Hopfen und Malz verloren. Am besten ziehst du jetzt sofort in den Dschungel und verbringst dort deinen Lebensabend. So, die Untersuchung ist vorbei. Der Ausgang befindet sich dort.“
„Hör auf, jede Gelegenheit zu nutzen, um Leute in unerforschte Gebiete zu verbannen, du Quacksalber.“
Als die beiden Gefahr liefen, zunehmend vom Thema abzukommen, räusperte sich Mao, um sie wieder auf Kurs zu bringen.
„Wie kann es sein, dass es dein Kind ist und dann wieder doch nicht, Kengo?“
„Ich möchte, dass das unter uns bleibt.“
Kengo warf Mao dabei einen flüchtigen Blick zu. Mao zuckte mit den Schultern und sagte lachend: „Ein Mann wie ich behält das, was ihm anvertraut wird, für sich, weißt du?“
„Die Sache ist, dieses Kind ist das Kind meines Vaters und seiner Geliebten ...“
Ohne ihn aussprechen zu lassen, hielt Sachi sich die Ohren zu und rief laut: „Ahhhhh!“
Nein. Dieser Typ ist das Letzte. Wenn ich mir das bis zum Ende hin gebe, passiert etwas Schreckliches. Ich will noch nicht sterben.
„Ich habe nichts gehört! Also hör auf und zieh mich da nicht mit rein!“
Das Kind von Kengos Vater und seiner Geliebten? Nein, das macht mir Angst. Das ist ein verhängnisvoller Fluch, der nicht ausgesprochen werden darf.
„Kyoka weiß nichts davon, oder?!“
„Natürlich nicht. Wenn sie es wüsste, würde es Blut regnen.“
Kyoka war Kengos Mutter. Sie war etwa zwanzig Jahre jünger als Goro und wandte sich von ihren Eltern ab, da diese gegen ihre Ehe waren. Sie war die geborene Frau eines Yakuza und zeichnete sich normalerweise durch ihre Großherzigkeit und Freundlichkeit aus. Doch die Liebe zu ihrem Mann konnte erdrückend sein und wenn es um ihn ging, konnte sie zum Teufel werden.
Einmal wurde er Zeuge, wie Goros Affäre aufflog, was in einem wahren Blutbad mündete. Als Sachi von einem verwirrten Gruppenmitglied in einen Kabarettklub gebracht wurde, da dort jemand verletzt sein sollte, sah er, wie Kyoka lachend einen Splitter einer zerbrochenen Whiskeyflasche an Goros Hals hielt. Vor ihr war eine niederkniende Hostess, offenbar seine Geliebte, auf deren Kopf sie mit einem Fuß trat. Sie wirkte wahrlich wie eine Berserkerin. Als in dieser eisig stillen Atmosphäre Kyoka lachend sagte: „Von mir aus wandere ich auch mit dir zusammen in die Hölle“, war es selbst für Sachi, der damit nichts zu tun hatte, so erschreckend, dass ihm ein Schauder über den Rücken lief. Er wusste nicht, ob er Goro fürs weitere Fremdgehen bewundern sollte oder ob es ihn nicht vielmehr schockierte.
Goro war zwar nicht der Stärkste, aber anscheinend immer noch aktiv.
„Sobald man davon gehört hat, ist man ein Mittäter. Wenn das auffliegt, sag ich, dass auch du es von Anfang an wusstest.“
„Wie dreckig!“
Erst erzählst du es mir, ohne dass ich es hören will, und dann ziehst du mich da auch noch mit hinein, du Halunke.
Allein beim Gedanken an Kyokas Zorn, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. Wenn das herauskäme, wäre Kyokas Zorn von damals ein Witz dagegen.
Was hast du da nur angerichtet, Goro?
„Ich habe eine Bitte an dich.“
„Logik. Ich möchte, dass unser Gespräch logisch bleibt.“
Kengos Bitten waren nie von guter Natur. Und in diesem Kontext schien es auch vielmehr eine Drohung als eine Bitte zu sein. Kengo ignorierte Sachis Einwand und fuhr ungehindert mit seiner Erzählung fort.
„Es geht um ein Kind, das kaum mit anderen spricht. Meinem Vater zufolge wusste er nichts von ihm, bis er kurz vor dem Ableben der Mutter aufgrund einer ernsten Erkrankung kontaktiert wurde. Bald darauf starb sie, weswegen mir nichts anderes übrig blieb, als das Kind selbst über sein Leben, seinen Charakter und alles andere zu befragen, aber das gestaltet sich als schwierig. Du bist doch gut darin, andere auszutricksen, oder?“
„Bitte lass die üble Nachrede. Wann habe ich bitte jemals jemanden ausgetrickst?“
„Mich zum Beispiel?“
Kengo zog seinen Mundwinkel nach oben und lachte vielsagend.
„Ich hab dich nicht einmal in meinem Leben ausgetrickst. Ich lehne dich vielmehr mit ganzer Kraft ab.“
„Heißt es nicht, dass man sich wehrt, wenn man eigentlich jemanden mag?“
„Das führt hier zu nichts, könntest du also diese unlustigen Witze sein lassen? Ich bin kein Psychiater, also kann ich einfach nur mit ihm reden. Mach dir also keine falschen Hoffnungen.“
„Passt. Wenn es nichts bringt, überleg ich mir später was anderes.“
„Hey“, rief Kengo aus dem Zimmer heraus, woraufhin ein Mann erschien, der offenbar im Wartezimmer gewartet hatte.
„Hallo“, sagte er und verneigte sich höflich. Es war Isezaki, der Stellvertreter des Unterbosses.
Er war ein Mann von intellektueller Ausstrahlung und Gelassenheit, dessen Erscheinung mit Brille und einem Markenanzug eher an den Repräsentanten eines Unternehmens als an einen Yakuza denken ließ. Er hatte ungefähr Kengos Größe, wodurch die beiden nebeneinander sehr einschüchternd aussahen und die Höhe des Raumes niedriger wirkte, als es der Fall war.
„Isezaki, beschützt du diesen Typen hier immer noch? Du bist echt masochistisch.“
Isezaki war in der Oberschule ein jüngerer Mitschüler von Kengo und Sachi und schon damals dafür bekannt gewesen, herausragend zu sein, doch irgendwie wurde er mit Kengo zum Yakuza. Sachi verstand bis heute nicht, wie das passieren konnte. Ein Mann wie Isezaki hätte überall anständige Arbeit finden können.
„Nein, es ist mir eine Ehre und macht mich glücklich. Und jetzt stell dich mal vor, Kleiner.“
Hinter Isezaki, der wie immer Sachis Häme mit einem Lächeln abschüttelte, trat unauffällig ein kleines Kind hervor.
„Ein Junge, oder ...?“
Er hatte weiche, lockige Haare, braune Augen mit langen Wimpern. Ohne das weiße Hemd mit Krawatte und die schwarze, kurze Hose mit Hosenträgern hätte man das Geschlecht nicht bestimmen können. Er vermittelte einen zarten Eindruck und sah aus wie eine Puppe. Er war so entzückend, dass Sachi es unwillkürlich überprüfen musste, doch er ähnelte Goro kaum. Seine Mutter muss eine Schönheit gewesen sein und es wäre gut denkbar, dass sie keine Japanerin war.
Als seine großen Augen ihn direkt ansahen, spürte Sachi einen bedingungslosen Beschützerinstinkt in sich hochkommen, den eigentlich nur Mütter haben konnten.
Die Nachricht von einem unerwarteten jüngeren Bruder muss für Kengo gemischte Gefühle hervorgerufen haben, aber egal wie sehr ihn sein Vater auch darum bat, schien es unwahrscheinlich, dass Kengo einfach in die Rolle des Vaters für das Kind schlüpfen konnte. Vielleicht gab es eine Abmachung zwischen ihm und seinem Vater, aber sicherlich trug auch die süße Erscheinung des Kindes dazu bei, Kengos Herz zu erwärmen.
„Wie heißt du denn?“, fragte Sachi, während er auf dem Stuhl sitzen blieb und versuchte, seinen Blick so gut wie möglich auf Augenhöhe zu bringen. Das Kind senkte verlegen die Augenbrauen und sagte mit einer Stimme so leise wie das Summen einer Mücke: „Ich bin ... Fumi.“
„Fumi? Wie schreibt man den Namen in Kanji?“
Die zweite Frage war an Isezaki gerichtet.
„Mit dem Zeichen für das Wort ‚Geschichte‘.“
„Mit dem Zeichen für ‚Geschichte‘ also. Verstehe. Ein cooler Name.“
Als er das sagte und ihm über den Kopf streichelte, zuckte sein Körper zunächst zusammen, doch akzeptierte daraufhin Sachis Hand ohne Widerstand, was dafürsprach, dass er wahrscheinlich kein Trauma durch Misshandlung oder Vernachlässigung erfahren hatte. Allerdings sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen, da jegliche Informationen fehlten.
„Wie alt bist du denn?“
Als er ihm beiläufig diese Frage stellte und überprüfte, ob er irgendwelche sichtbaren Verletzungen hatte, blieb Fumi still und streckte ihm seine Handfläche entgegen. Er schien wohl fünf Jahre alt zu sein.
Verstehe.
Genau wie Kengo es sagte, sprach Fumi kaum. Aber selbst Erwachsene wurden natürlich nervös, wenn sie von der Yakuza umgeben waren, weswegen das allein nichts heißen musste.
„Was meinst du, Sachi? Er sieht mir ähnlich und ist ziemlich süß, was?“
„Lern erst noch mal, was süß überhaupt bedeutet ... Du und Fumi seid so verschieden wie ein Löwe und ein Kätzchen. Da ist auch nur die Gattung gleich.“
Sachi verzog wegen Kengos Dummheit das Gesicht und schaute erneut zu Fumi.
Kengo und ein Kind also ...
Ein schwer zu beschreibendes Gefühl breitete sich in Sachis Brust aus. Er war noch nicht einmal verheiratet und wollte trotzdem ein Kind aufnehmen. Was dachte er sich eigentlich? Eigentlich wollte Sachi da nicht mit hineingezogen werden, aber der besorgte Blick Fumis brachte ihn dazu, seine Worte herunterzuschlucken.
Er war so angespannt, als würde er zerbrechen, wenn man ihn anfassen würde, immer darauf bedacht, die Reaktionen seiner Umgebung im Blick zu behalten. Unter diesen Umständen würde er sich wohl niemals entspannen können. Vielleicht sollte man damit beginnen, seine Anspannung zu lösen ...
