Der Zaubersamen - Bärbel Junker - E-Book

Der Zaubersamen E-Book

Bärbel Junker

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Beschreibung

"Der Rat der Weisen hat die Zukunft aller Erdbewohner in deine Hände gelegt. Deine besonderen Fähigkeiten werden dir bei der Suche nach dem Zaubersamen helfen. Nur durch ihn kann der Perlmuttbaum zu neuem Leben erweckt, das Böse besiegt und die Erde gerettet werden", erklärt die Zauberin Xzatra Samiras, ihrer Ziehtochter. Gemeinsam mit ihren Gefährten, der schwarzen Pantherin Danina und dem Mauswiesel Mawi, dem Zwergenführer Hetzel und dem Elfenkönig Ephlor, der von seiner Zauberin Beruna auf Drasgo, ihrem goldenen Drachen, begleitet wird, macht sich Samiras auf zur Burg des Magiers Teufat, der den Zaubersamen versteckt hält und mit Argusaugen bewacht. Unter höllischen Strapazen dringen sie in die Todeswüste vor. Hier treffen sie auf die halb verdursteten Krieger Karon und George, die ebenfalls auf der Suche nach dem Magier sind. Grauenvolle Ungeheuer wie der Drachenwurm versuchen alles, um Samiras und ihre Freunde auszuschalten, bevor sie die Burg erreichen. Da geraten die Gefährten nach einem Sandsturm in die Gewalt bösartiger, insektenartiger Wesen, den Skorps. Doch mit Hilfe deren Gegner, den Sandokka, welche die Fähigkeit des Teleportierens besitzen, gelingt ihnen die Flucht. Wird es Samiras und ihren Gefährten gelingen, den Zaubersamen zu finden? Und kann ihnen die Königskobra Ashra dabei helfen? Oder werden Teufat und der Formwandler Lestopoktus mit Unterstützung von Ihm, einem Dämon, der das absolut Böse verkörpert, siegen und die Erde im Chaos versinken lassen?

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Bärbel Junker

Der Zaubersamen

Die Samiras-Saga 1

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

ZUM BUCH

DIE ZAUBERIN XZATRA

DER MAGIER TEUFAT

DAS SCHLOSS DER ZAUBERIN

XZERUS BRINGT DIE GOLDENE PHIOLE

LESTOPOKTUS SPITZT DIE OHREN

DER FORMWANDLER

DIE STRASSE DER ZUKUNFT

DIE MACHT DES BÖSEN

GEFAHR!

TÖDLICHE FALLEN!

DIE ZWERGENSTADT

ANGRIFF DER LAUTLOSEN

DAS ORAKEL

SCHWARZE MAGIE

DANINA

GEFAHR IM APHRAT-GEBIRGE

ELFEN UND EINHÖRNER

BITTERE WAHRHEIT

ESDAHL, STADT DER ELFEN

EIN BÖSER PLAN!

DER ÄLTESTENRAT

WO IST DANINA?

BEGEGNUNG IN DER TODESWÜSTE

GEFANGENE DER SKORPS

BEI DEN SANDOKKA

IM NETZ DES SPINNENSKORPIONS

FURCHT!

VERRAT!

ENTKOMMEN!

DRACHENWURM

HOFFNUNG IM SCHATTEN DES BÖSEN

VISIONEN

VERBANNT!

DER DÄMON!

AUF DEN FLÜGELN DES REGENBOGENS

Leseprobe

Impressum neobooks

ZUM BUCH

„DER RAT DER WEISEN hat die Zukunft aller Erdbewohner in deine Hände gelegt. Deine besonderen Fähigkeiten werden dir bei der Suche nach dem Zaubersamen helfen. Nur durch ihn kann der Perlmuttbaum zu neuem Leben erweckt, das Böse besiegt und die Erde gerettet werden“, erklärt die Zauberin Xzatra Samiras, ihrer Ziehtochter.

Gemeinsam mit ihren Gefährten, der schwarzen Pantherin Danina und dem Mauswiesel Mawi, dem Zwergenführer Hetzel und dem Elfenkönig Ephlor, der von seiner Zauberin Beruna auf Drasgo, ihrem goldenen Drachen, begleitet wird, macht sich Samiras auf zur Burg des Magiers Teufat, der den Zaubersamen versteckt hält und mit Argusaugen darüber wacht.

Unter höllischen Strapazen dringen sie in die Todeswüste vor. Hier treffen sie auf die halb verdursteten Krieger Karon und George, die ebenfalls auf der Suche nach dem Magier sind.

Grauenvolle Ungeheuer wie der Drachenwurm versuchen alles, um Samiras und ihre Freunde auszuschalten, bevor sie die Burg erreichen. Da geraten die Gefährten nach einem Sandsturm in die Gewalt bösartiger, insektenartiger Wesen, den Skorps. Doch mit Hilfe deren Gegner, den Sandokka, welche die Fähigkeit des Teleportierens besitzen, gelingt ihnen die Flucht.

DIE ZAUBERIN XZATRA

Als Samiras von ihrem eigenen Schrei erwachte, sah sie geradewegs in Daninas goldfarbene Augen, die besorgt auf ihr ruhten.

„Ich habe nur schlecht geträumt“, beruhigte sie die schwarze Pantherin. Aber war es wirklich nur ein Traum? Konnte es nicht ebenso gut ein Blick in die Zukunft gewesen sein? Immerhin hatte sie ja von Anfang an gewusst, auf was sie sich da einließ. Andererseits hatte die Entscheidung darüber nie wirklich in ihrer Hand gelegen.

„Es ist deine Bestimmung den Zaubersamen zu finden und den Perlmuttbaum, die einzige Waffe gegen das immer weiter um sich greifende Verderben, zu neuem Leben zu erwecken, damit das Böse nicht noch mehr an Macht gewinnt und die Erde zu etwas verändert, auf dem Leben wie wir es kennen nicht mehr existieren kann. Die Zeit drängt, denn wo heute noch blühende Vielfalt herrscht, versinkt vielleicht schon morgen alles in stinkendem Morast“, hörte sie wie damals die Zauberin Xzatra sagen.

Und gerade eben hatte sie wieder von Teufat geträumt, dem Magier, der den Zaubersamen in seiner Burg in der Todeswüste versteckt hielt und nach Xzatras Beschreibung ein ebenso skrupelloses wie grausames Scheusal war, welches sie nun bereits seit drei Tagen in ihren Träumen heimsuchte. Kein Wunder, wenn ich da schreiend erwache, dachte sie.

Daninas feuchte Nase an ihrer Hand riss sie aus ihren Gedanken. Die schwarze Pantherin hatte sich lautlos genähert und sah sie auffordernd an. Und jetzt machte sich auch Mawi, ein drolliges Mauswiesel bemerkbar, welches sie vor zwei Tagen aus einer Felsspalte befreit hatte und das ihr seitdem nicht mehr von der Seite wich.

Auch jetzt hockte Mawi (den Namen hatte sie ihm gegeben) wieder vor ihr und sah sie mit seinen großen, blau-weiß gesprenkelten Augen treuherzig an. Plötzlich legte er seine winzige Pfote – in der sich eine scharfe, hochgiftige Kralle verbarg – sanft auf ihren Arm. Ein kleiner Kratzer nur, doch die Maus war innerhalb weniger Sekunden verendet. Sie war zufällig Zeuge dieses Vorfalls geworden, als sie nach ihrem neuen Gefährten gesucht hatte. Mawi fiepste auffordernd, was so viel wie streichle mich hieß. Als sie nicht reagierte, zog er die Oberlippe zurück und zeigte keck seine nadelspitzen Zähne.

„Nicht jetzt, Kleiner. Wenn wir noch rechtzeitig einen geeigneten Platz für die Nacht finden wollen, müssen wir uns sputen“, sagte Samiras und stand auf. Eilig packte sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und setzte Mawi in eine der zahlreichen Taschen ihres laubgrünen Umhangs. Wenig später brachen sie auf.

Der Weg, den sie gewählt hatten, zog sich so schnurgerade wie eine Perlenkette dahin. In der Ferne versprach ein Meer von Baumwipfeln ein sicheres Nachtquartier, doch bis dahin war es noch ein eintöniger Fußmarsch von mindestens einer Stunde.

Samiras trottete hinter Danina hinterher und nahm ihre Gedanken von vorhin wieder auf. Doch sie dachte nicht an den Magier Teufat, den sie fürchtete. Nein, die erste Begegnung mit der Zauberin Xzatra, die ihr die Pantherin als Gefährtin geschickt hatte, fiel ihr ein und wie schon so oft, rief sie sich die Geschehnisse dieses Tages ins Gedächtnis zurück:

In einem funkelnden Lichterglanz erscheint sie aus dem Nichts. Groß und schön. Nicht real und doch kein Schemen. Mit einem Gesicht, welches bei ihr ein so intensives Gefühl des Dèjá-vu auslöst, dass es sie schwindelt. Dieses Gesicht! Sie kennt es, kennt es aus einer Vergangenheit, die ihr bislang verschlossen geblieben ist. Sie weiß nichts über sich, außer ihrem Namen. Doch woher kommt sie? Wer sind ihre Eltern? Tausend Mal und mehr hat sie sich diese Fragen gestellt, doch keine Antwort darauf gefunden. Wird sie jetzt endlich etwas über sich erfahren?

„Wer seid Ihr?“, fragt sie.

„Schließe deine Augen. Konzentriere dich. Durchdringe die Nebel und du wirst wissen, wer ich bin.“

Sie schließt die Augen. Fächerförmige Schatten bilden sich unter ihren dichten, langen Wimpern, setzen sich hinter den geschlossenen Lidern fort, verdichten sich zu geballter Schwärze, einer Finsternis, die sich hemmend vor den Bereich ihrer Erinnerungen legt. Doch sie gibt nicht auf, schlägt konzentriert auf die Schwärze ein, durchdringt das Dunkel und gelangt an eine Grenze diffusen Lichts, hinter dem ein schleierförmiges Gespinst etwas verbirgt. Sie fegt es beiseite.

Eine Brücke! Und in der Mitte der Brücke!

Sie schlägt die Augen auf. „Xzatra“, sagt sie. „Ihr seid die Zauberin Xzatra. Meine Ziehmutter.“

„Deine Bestimmung wartet in der Zukunft auf dich. In deiner Hand wird das Schicksal Vieler liegen“, hatte sie vor langer Zeit gesagt, damals, auf der Brücke zu ihrem Schloss. Aber da war noch jemand bei ihr gewesen, erinnert sie sich. Aber wer? Es fällt ihr nicht ein. Nur diese grenzenlose Traurigkeit ist plötzlich wieder da und ein Gefühl des Verlustes, von dem sie nicht weiß, was es bedeutet.

„Weshalb versteckt der Magier den Zaubersamen?“

„Er versteckt ihn, weil die Neuerstehung des Perlmuttbaumes einer Welt, die er hasst und zutiefst verabscheut, den Weg bahnen würde. Er versucht dem Bösen den Weg zu ebnen und muss daran gehindert werden, denn seine Bosheit und Schlechtigkeit hat in der Vergangenheit schon einmal großes Unheil angerichtet und unschuldiges Leben gekostet. Das darf nicht noch einmal geschehen.“

Dann hatte Xzatra sie und Danina auf die Suche nach dem Zaubersamen geschickt und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, wie sie diese Aufgabe jemals bewältigen sollte. Zwar würden sie und ihre künftigen Gefährten, die ihr Xzatra versprochen hatte, nicht unter Hunger oder Durst zu leiden haben, dafür würden der magische Vorratsbeutel und die ebenfalls magische Wasserflasche sorgen, die sich auf ihren Wunsch hin immer wieder auffüllten.

Doch wie sollte sie in den unzähligen Räumen, Gängen und Verliesen der Burg den Zaubersamen finden? Er konnte überall versteckt sein; und falls Teufat sie entdeckte, würde er sich nicht lange mit ihr aufhalten, sondern sie wie eine lästige Fliege zerquetschen, denn was hatte sie schon den Kräften eines Magiers entgegenzusetzen?

Und doch war sie trotz all dieser Bedenken vor vier Tagen aufgebrochen. Zusammen mit Danina hatte sie sich auf den Weg nach Norden zum Krakhet-Gebirge gemacht, wo sie Hetzel zu finden hoffte, den Anführer der Zwerge, den sie auf Geheiß der Zauberin für ihr Vorhaben gewinnen musste.

Und danach galt es den Elfenkönig Ephlor von ihrer Mission zu überzeugen, obwohl selbst Xzatra ihr nicht hatte sagen können, wie sie das Elfenvolk in dem zerklüfteten und unwegsamen Aphrat-Gebirge, welches sich im Osten über weite Teile des Landes erstreckte, überhaupt jemals finden sollte.

„Das Schicksal wird dich geleiten“, war die orakelhafte Antwort gewesen, bevor der gleißende Lichterbogen erloschen und die Zauberin mit ihm verschwunden war. Tags darauf hatte sie dann das schmale, rote Büchlein gefunden; und der Vers darin hatte sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingegraben:

Ungebetener Fremdling gib Acht!

Auf der „Straße der Zukunft“ das Verhängnis lacht.

Mord und Totschlag, Unheil und Gräueltaten,

Hier wohnen und gierig auf dich warten.

Deine Fantasie narrt dich, treibt dich voran.

Keine Umkehr, der Weg ist versperrt, bietet sich an.

Spukgestalten, unbesiegbar, verfolgen dich.

Sie greifen dich an.

Einer schwingt ein Beil, ein andrer ein Schwert,

Ein Dritter die Keule.

Dein Leben ist keinen Heller mehr wert.

Du kannst nicht entfliehen;

Deinem Schicksal nicht entrinnen.

Hier lauert der Tod, und er wird gewinnen.

Da! Ein Lichtblick, ein Hoffnungsschimmer.

Eine Fata Morgana. Ein Traum.

Bist du vielleicht doch ein Gewinner?

Der „Stein der Wahrheit“ schwebt

über dir in der Luft.

Du vermeinst Rosen zu sehen,

Zu riechen ihren köstlichen Duft.

Er zeigt sich nicht jedem.

Aber nur mit ihm vermagst du zu gewinnen.

Nur mit ihm gelingt es,

Einem schrecklichen Schicksal zu entrinnen.

Dem Schicksal, für immer und ewig an diesem Ort,

hier zu verbleiben.

Für den Rest der Zeit,

Wird dich das Heer der Spukgestalten einverleiben.

Suche ihn!

Finde ihn!

Bezwinge deine Fantasie.

Verscheuche die Spukgestalten, bekämpfe sie.

Lass sie hinter dir zurück. Eile weiter.

Suche den Stein, denn er ist dein Wegbereiter.

Er wird dir helfen, dich führen,

Dir die Zukunft beschreiben.

Er wird dir verraten, ob du wirst müssen leiden.

Er wird dein Leben verändern,

wird dich unterstützen.

Doch findest du ihn nicht,

Wird dir die Fata Morgana nichts nützen.

Du wirst leiden auf immer, und du wirst beten:

Ach, lieber Gott, hätte ich die „Straße der Zukunft“

Doch niemals betreten.

Du bist gewarnt.

Entscheide dich für oder gegen das Glück.

Doch ich rate dir gut:

Kehre besser wieder zurück.

„Der Stein der Wahrheit“, murmelte Samiras. „Ich hoffe nur, er hat etwas Gutes zu bedeuten.“

Nachdenklich ging sie weiter und wäre fast über Danina gefallen, die plötzlich stehen geblieben war. Versunken in ihre Gedanken hatte sie nicht bemerkt, dass sie für heute ihr Ziel erreicht hatten. Unter einer mächtigen alten Eiche schlugen sie ihr Lager auf.

DER MAGIER TEUFAT

Gewaltige Sandmassen vor sich her peitschend, jagte der Sturm unter infernalischem Getöse über die Todeswüste. Ein dem dröhnenden Donnerschlag vorausgegangener Blitz durchdrang sekundenlang die Dunkelheit und tauchte die bizarren Türme und Erker der Burg, dem einzigen Bauwerk weit und breit, in fahles Licht. Gespenstische Schatten huschten über Winkel und Ecken. Klägliches Wimmern verlor sich im Tosen der Nacht.

Blitz und Donner störte reges Leben in spinnwebenverhangenen Winkeln, pflanzte sich durch Spalten und Hohlräume fort, drang in die tief unter der Erde liegenden modrigen Gewölbe und weckte das hier hausende Böse, welches spinnenhaft geduldig auf seine Chance lauerte.

Angsterfüllte Schreie durchdrangen die einsamen Gänge, hingen vibrierend in der stickigen Luft und endeten wie abgeschnitten vor einer massiven Tür, unter der ein schmaler Streifen schimmernden Lichtes hervordrang.

„Widerliches Gejammer“, knurrte Teufat und zog die Injektionsnadel aus dem Arm des bewusstlosen Zwergs, der auf einer Bahre lag. „Xzatra bespitzelt mich. Ich spürte ihre Magie. Falls sie etwas plant, will ich wissen, was es ist. Hast du mich verstanden, Lestopoktus?“ Er drehte sich zu seinem Diener um, der regungslos in einer Ecke lag.

„Ja, Herr“, murmelte dieser und kroch unter dem kalten Blick der schlammfarbenen Augen noch mehr in sich zusammen. Teufat war zornig und dann war nicht mit ihm zu spaßen, das wusste Lestopoktus aus leidvoller Erfahrung nur allzu gut. Ängstlich beobachtete er seinen hochgewachsenen Herrn der an einem hohen Becken lehnte, dessen Glaswände das schmale, totenbleiche Gesicht mit dem kohlrabenschwarzen Bart unter der scharf geschnittenen Adlernase widerspiegelten.

Doch der Magier war in Gedanken versunken und beachtete ihn nicht. Trotzdem wagte sich Lestopoktus nicht zu rühren. Am liebsten hätte er sich unsichtbar gemacht. Doch das konnte er trotz seiner beachtlichen Fähigkeiten leider nicht.

Eine halbe Ewigkeit später straffte sich Teufats hagere Gestalt unter den dunklen, mit magischen Zeichen bestickten Gewändern. Er bückte sich und holte aus einem Käfig eine ängstlich quiekende Maus hervor, die er am Schwanz haltend vor Lestopoktus hin und her schwenkte. „Na, eine kleine Zwischenmahlzeit gefällig?“, fragte er grinsend.

Lestopoktus vergaß seine Angst und rückte gierig schmatzend näher. Die Maus keine Sekunde aus den Augen lassend verlagerte er sein Gewicht auf die Hinterbeine und hob den Kopf. Plötzlich schnellte seine klebrige Zunge so schnell und unausweichlich wie eine Peitsche zwischen den wulstigen Lippen hervor und riss seinem grinsenden Meister das verzweifelt strampelnde Tier aus der Hand. Er grunzte, schluckte und starrte seinen Herrn bittend an.

„Nichts da. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Finde heraus, was die Zauberin vorhat und eine Belohnung ist dir sicher. Versagst du jedoch ...!“ Er musste nicht weitersprechen, Lestopoktus zuckte auch so vor Entsetzen zusammen. Grinsend tätschelte Teufat den kahlen Schädel der grauenhaft hässlichen Kreatur. „Sei vorsichtig“, warnte er. „Mit Xzatra ist nicht zu spaßen. So, und nun mach dich davon.“

Lestopoktus nickte und hastete so schnell ihn seine kurzen Beine trugen aus dem Raum. Noch immer zitternd schlurfte er zum Ende des langen Ganges und stieg ächzend die ausgetretenen Steinstufen empor, die zu seiner Unterkunft führten. Oben angekommen, trottete er zu einer massiven Eichentür. Schnaufend blieb er davor stehen. Mit ungelenken Fingern suchte er in den Taschen seines kittelartigen Umhangs nach seinem Schlüssel. Endlich hatte er ihn gefunden. Er steckte ihn in das altertümliche Schloss, öffnete die in ihren Scharnieren ächzende Tür und schlurfte mit hängenden Schultern zu einem dicken Stapel weicher Kissen. Seufzend ließ er sich darauf fallen.

Wie er da so zwischen den Kissen thronte, ähnelte er mit seinen kurzen, dicken Gliedmaßen und der warzigen Haut einer aufgedunsenen, besonders hässlichen Kröte. Mit den sechs fingerartigen Auswüchsen der einen Hand kratzte er seinen kahlen, vernarbten Schädel, während er mit der anderen seine wulstigen, gelblich marmorierten Lippen unter der breiten Nase betastete.

Nach einer Weile wälzte er sich stöhnend herum, wobei er sich mit seinem kräftigen, in einer blasenförmigen Verdickung endenden Schwanz abstützte. „Nur befehlen kann er“, murmelte er verbittert.

„Lestopoktus hierhin, Lestopoktus dorthin, hole dies, hole das, töte dies, töte das, langsamer Lestopoktus, Qualle, Widerling, nie ein gutes Wort, nie ein Lob. Aber ich muss ihm gehorchen, muss tun, was er befiehlt, denn er ist grausam und böse. Oh ja, ich bin sein Diener, muss sein Diener bleiben, solange ich lebe.“ Er rutschte von dem Kissenberg herunter und schlurfte zum offenen Fenster, wo er regungslos stehen blieb.

Plötzlich begann sein Körper zu flimmern, löste sich teilweise auf, setzte sich wieder zusammen, seine Konturen zerflossen, vage kristallisierte sich eine neue Form heraus, ein Aufblitzen und ... Lestopoktus verschwand. Dort, wo er eben noch gestanden hatte, hüpfte eine schwarze Krähe auf den Fenstersims und spreizte die Flügel. Mit einem Schrei schwang sie sich empor und flog davon. In eine Krähe verwandelt gehorchte Lestopoktus wie stets seinem Herrn und Meister, den er mehr fürchtete, als den Tod.

Er war ein FORMWANDLER, ein Wesen, welches die Gestalt anderer Lebensformen anzunehmen vermochte. Diese seltene Gabe machte ihn einerseits außerordentlich nützlich für des Magiers dunkle Pläne und schützte ihn andererseits vor einem plötzlichen Ende. Allerdings bewahrte es ihn nicht vor Teufats grausamer Bestrafung, wenn er versagte.

Und so hatte sich Lestopoktus auf die Suche begeben. Er musste und er würde das Schloss der Zauberin Xzatra finden, denn ihm blieb keine andere Wahl.

DAS SCHLOSS DER ZAUBERIN

Leise Musik perlte süß wie Vogelgezwitscher und zart wie das Rauschen der Blätter im Wind durch den lichtdurchfluteten Saal in dem die Zauberin Xzatra in einem blütenförmigen, aus einer einzigen lilienweißen Schaumperle geformten Sessel saß. Auf ihrer Schulter hatte sich der edle Falke Xzerus niedergelassen, Xzatras treuester Freund und kluger Berater.

„Ich spüre Gefahr und Verrat, Herrin. Etwas Böses naht“, warnte der Falke.

Xzatra runzelte besorgt die Stirn. „Hoffentlich hat Teufat nichts von meinem Besuch bei Samiras bemerkt. Wir müssen sehr vorsichtig sein.“

„Vielleicht solltet Ihr noch einmal das Orakel befragen.“

„Das werde ich, Xzerus, denn ich sorge mich um Samiras. Sie hat die goldene Phiole vergessen, die ich ihr bei meinem Besuch gab. Ohne sie kann sie mich nicht zu Hilfe rufen, sollte sie in Not geraten.“

„Ihr möchtet, dass ich sie ihr bringe?“

„Ja, mein guter Xzerus. Aber beeile dich.“

Der Falke nahm mit dem Schnabel die Phiole aus ihrer Hand, breitete seine Schwingen aus und schwebte davon.

Die Zauberin aber raffte ihren kobaltblauen, mit goldenen Kolibris bestickten Samtumhang und erhob sich. Gestützt auf ihren Zauberstab aus Lapislazuli verließ sie den Raum und folgte dem sich in zahlreichen Windungen schlängelnden Flur. Vor einem von zwei goldenen Falken mit Diamantaugen flankierten Bronzetor blieb sie stehen. Wie von Geisterhand bewegt schwang es nach innen auf und die Zauberin trat in den dahinterliegenden Saal.

Langsam ging sie zu dem auf einem polierten Granitsockel thronenden Orakel, einer ovalen mannshohen Rispe aus feinstem weißen Marmor, gekrönt von einem geschwungenen Auge mit einer hühnereigroßen Pupille aus klarem Aquamarin, die Iris eine walnussgroße schwarze Perle, umrahmt von funkelnden Diamanten. Ihre schlanken Hände glitten sanft über den glatten Stein. Da ertönte eine wundersame Melodie, die das Auge des Orakels erst in intensivem Glanz erstrahlen und dann durchscheinend werden ließ. Gespannt beugte sich die Zauberin vor.

Doch diesmal war ihr das Orakel keine große Hilfe. Sie sah Teufat in seinem Labor regungslos vor einem übermannshohen Spiegel stehen und wie hypnotisiert in das nachtdunkle Glas starren, während das zweite Bild eine schwarze Krähe zeigte, die offenbar in großer Eile einem unbekannten Ziel zustrebte. Mehr zeigte das Orakel nicht. Die Pupille verlor ihre Durchsichtigkeit, wurde wieder aquamarinblau, und die zauberhafte Melodie verklang.

Xzatra setzte sich in einen Sessel, dessen Rückenlehne sich in Form einer Kobra emporschlängelte, und starrte nachdenklich vor sich hin. Der hohe Spiegel in Teufats Labor beunruhigte sie. Doch warum? Es war doch nur ein Spiegel. Nur ein dunkler Spiegel. Dunkel! Das war es! Das dunkle Glas hatte eine Jahrhunderte alte, verschüttete Erinnerung in ihr geweckt. Und diese Erinnerung beunruhigte sie zutiefst!

Währenddessen suchte Lestopoktus in seiner Krähengestalt verzweifelt nach dem Schloss der Zauberin, welches keinen festen Standort hatte, sondern schwebend durch die Wolken glitt. Ihm war nicht nur klar, dass Xzatras Schloss schwer zu finden sein würde, er wusste außerdem, dass ein Schleier undurchdringlicher Magie ein Eindringen unmöglich machte. Und doch gab es eine Möglichkeit hineinzugelangen; sein Meister hatte sie ihm genannt.

Also hoffte er auf das Schloss zu treffen, wenn der Falke unterwegs war. Nur dann, hatte Teufat erklärt, hebt die Zauberin für kurze Zeit den Bannspruch auf, damit Xzerus wieder hineingelangen kann.

Und das ist meine einzige Chance, dachte Lestopoktus, denn falls es mir nicht gelingt, werde ich ein weiteres Mal Teufats Unbarmherzigkeit zu spüren bekommen und ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertragen kann.

Er suchte weiter und passierte eine dichte Nebelwand. Und da war es! Xzatras Schloss! Er näherte sich vorsichtig einem offenen Fenster und äugte misstrauisch hindurch.

Sollte er es wagen? Er musste! Wer weiß, ob sich ihm jemals eine günstigere Möglichkeit bieten würde. Also fasste er sich ein Herz und flog hinein, wobei er ängstlich nach der Zauberin Ausschau hielt. Doch er hatte Glück. Das Zimmer war leer. Mutig geworden sah er sich um.

Zwei kunstvoll bemalte Lackschränke an der Wand weckten sein Interesse. Was da wohl drin war? Vielleicht etwas, das seinen Meister interessieren könnte? Er hätte gerne nachgesehen, doch da ihm sein derzeitiger Gastkörper keine Möglichkeit bot die Schränke zu öffnen und eine neuerliche Umwandlung zu anstrengend gewesen wäre, erlosch sein Interesse wieder. Aber er musste Teufat Informationen bringen, sonst erging es ihm schlecht!

Da vernahm er sich rasch nähernde Schritte auf dem Flur.

„Die Zauberin!“, stöhnte er entsetzt. Sein Blick hetzte durch den spärlich möblierten Raum, suchte verzweifelt nach einem Versteck. Der Paravent! Pfeilgeschwind schoss er darauf zu und verschwand im selben Moment dahinter, in dem sich die Tür öffnete. Der Formwandler hielt den Atem an. Hatte ihn die Zauberin gesehen? Doch auch diesmal war das Glück mit ihm. Xzatra bemerkte ihn nicht.

XZERUS BRINGT DIE GOLDENE PHIOLE

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Samiras und Danina im Schatten einer kargen Felsgruppe Rast machten. Danina lag auf einem von Wind und Wetter glatt polierten Felsplateau und döste, während Mawi wenige Schritte von ihr entfernt hockte und fasziniert ihre zuckende Schwanzspitze beobachtete. Endlich hielt er es nicht mehr aus und haschte danach. Daninas Pranke zuckte vor. Fauchend beäugte sie ihren zitternden Gefangenen und ... schleckte ihn genüsslich ab.

Klitschnass rettete sich das etwa zwanzig Zentimeter lange Kerlchen (zuzüglich buschigem Schwanz) in Samiras´ Hand. Sie nahm ein Tuch und trocknete sein weiches, rötlich braunes Fell. Das gefiel Mawi. Fiepsend streckte er ihr auch noch sein kleines, weißes Bäuchlein entgegen. Samiras lächelte gerührt. Doch ihre Fröhlichkeit währte nicht lange. Nervös strich sie sich die Haare aus der Stirn. Was macht mich nur so kribbelig? fragte sie sich. Sie spürte Daninas Blick und sah sie an. Und plötzlich wusste sie, was mit ihr los war!

Goldene Augen! Die goldene Phiole! Sie hatte sie zu Hause liegen lassen. Und was nun? Wieder zurückgehen und die vergangene Zeit einfach in den Sand setzen? Durfte sie das überhaupt? Eher nicht! „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren“, hatte die Zauberin gesagt. Sie musste ohne die Phiole weitergehen.

Danina schlenderte herbei. Mit einem fast menschlich anmutenden Kopfschütteln blieb sie vor ihrer Gefährtin stehen. Sie sah sie an und die deutliche Aufforderung in ihren schrägen Augen war nicht zu übersehen. Doch Aufforderung wozu?

Samiras starrte zurück, und ein seltsames Gefühl, der Hauch einer Ahnung von etwas Verlorenem überkam sie unter dem intensiven Blick der goldenen Augen. Doch bevor sie sich auf diese Empfindung näher einlassen konnte, verschwand sie wieder, und auch die Aufforderung in Daninas Augen erlosch. Die Pantherin trollte sich und verschwand hinter den Felsen.

Mit dem Gefühl, soeben etwas Wichtiges verpasst zu haben, sah ihr Samiras hinterher. Sie strich sich fahrig über ihr schulterlanges, kupferfarbenes Haar und die seltsame Empfindung verschwand, doch ein Gefühl von Traurigkeit blieb. Still und in sich gekehrt hängte sie den Lederbeutel mit ihren Habseligkeiten über die Schulter und folgte Danina, die bereits einen gehörigen Vorsprung hatte.

Am späten Nachmittag begann es zu regnen. Der bislang eher sandige Boden wurde zunehmend steiniger, was darauf hindeutete, dass sie sich dem Krakhet-Gebirge näherten, der Heimat des Zwergenvolkes. Doch zuerst einmal mussten sie Schutz vor dem stärker werdenden Regen finden. Das Blätterdach eines Hains, nicht allzu weit entfernt von ihnen, schien Samiras geeignet. Im Laufschritt eilte sie darauf zu.

Doch die Bäume waren weiter entfernt als vermutet. Als sie sie endlich erreichten, war Samiras zwar nicht völlig durchnässt, denn ihre Kleidung aus besonderem Leder (ebenfalls ein Geschenk Xzatras) hielt nicht nur Waffenhieben stand, sondern auch die schlimmsten Wettereinflüsse ab. Trotzdem fühlte sie sich klamm in ihren Sachen. Als sie dann wenig später auf einen versteckt zwischen den Bäumen liegenden Felsüberhang stieß, sorgte sie zuerst einmal für ein anheimelndes Feuer.

Sie hatten Glück, einen so geschützten Platz gefunden zu haben, denn das Blätterdach war bei näherem Hinsehen lange nicht so dicht wie Samiras es sich gewünscht hätte. Auch hier hatte das Böse bereits seine Spuren an den verkrüppelten Blättern und langsam dahinsiechenden Stämmen hinterlassen. Und es griff immer weiter um sich und veränderte die Natur ebenso wie alles Leben von Tag zu Tag mehr. Samiras war in der Umgebung ihres kleinen Bauernhauses, in der sie mit Danina gelebt hatte, immer öfter auf die Auswirkungen des Bösen gestoßen, ohne es sich erklären zu können. Erst durch die Zauberin war ihr das Wie und Warum klar geworden.

Und natürlich trugen wie stets die Menschen die Hauptschuld an dem, was erneut geschah und noch geschehen konnte. Anscheinend lernten sie nie dazu. Und bei diesem Gedanken verfärbte sich ihre bräunliche Haut und nahm einen sanft schimmernden Grünton an, ein untrügliches Zeichen ihrer inneren Anspannung.

Daninas massive Aufforderung sich endlich um etwas Essbares zu kümmern, riss Samiras aus ihren trüben Gedanken. Als sie den magischen Vorratsbeutel und die Wasserflasche aus ihrem Beutel nahm, hatte sie sich beruhigt und ihre Haut wieder ihre normale Tönung angenommen.

Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, legte Danina ihren Kopf in Samiras´ Schoß und ließ sich das dichte, seidige Fell streicheln, dem kein Unwetter etwas anhaben konnte. Aber schließlich war Danina ja auch keine gewöhnliche Pantherin.

„Sie verfügt über besondere Fähigkeiten und ist unsterblich, solange sie ihre Unsterblichkeit will“, hatte die Zauberin gesagt. Doch welche Fähigkeiten das waren, hatte ihr Xzatra nicht verraten wollen. „Das wirst du schon früh genug selber erfahren“, war ihre lapidare Antwort gewesen.

Und Mawi? dachte Samiras. Ist er auch etwas Besonderes? Vermutlich, denn dass sie zufällig auf das Mauswiesel gestoßen war, hatte sie nicht eine Sekunde lang geglaubt, eher, dass die Zauberin ihr einen weiteren Gefährten geschickt hatte.

Sie lächelte, als sie ihn nicht weit entfernt unter den Büschen herumstöbern sah. Sicherlich nimmt auch dieses kleine Kerlchen einen wichtigen Platz im Plan derer ein, die uns aussandten, dachte sie und hoffte aus tiefstem Herzen, dass er ihr gemeinsames Abenteuer gesund überstehen würde.

Oh ja, ihre Verantwortung wuchs mit jedem Gefährten, der sich ihr anschloss, aber letztendlich war ja selbst die Zauberin auch nur eine Figur im Schachspiel derer, die sich „DER RAT DER WEISEN“ nannten. Keiner kannte ihre Namen. Niemand hatte sie jemals wirklich gesehen. Stets verhüllten wallende Gewänder ihre Körper, während silberne Masken und tief in die Stirn gezogene Kapuzen ihre Gesichter verbargen.

Seit dem letzten großen Krieg, der die Erde und die Menschheit fast ausgelöscht hätte, lenkten sie mit Umsicht und Weitblick die Geschicke der alten und der neu entstandenen Bevölkerung und sorgten dafür, dass sich Menschen und Zwerge, Elfen und Trolle und all die anderen Lebewesen respektierten und nichts zuleide taten.

Eine lange Zeit des Friedens und der Eintracht hatte dafür gesorgt, dass sich die Erde regenerierte und neues, wenn auch anderes, Leben hervorbrachte. Alles war so gut gelaufen. Doch dann hatte sich irgendwann heimlich still und leise erneut das Böse in die Herzen einiger Erdbewohner geschlichen und diese dazu gebracht, an vergangene, schreckliche Zeiten anzuknüpfen.

Ein wunderbarer Pfuhl für das rasch erstarkende Böse, das täglich an Kraft gewann, stärker und stärker wurde, bis es ihm vielleicht ein weiteres Mal gelingen würde, das Gute zu besiegen. Macht und Besitzgier waren wieder einmal die Triebfeder für das immer stärker um sich greifende Übel. Und trotz ihrer schuldbeladenen Vergangenheit taten sich die Menschen dabei wieder einmal besonders hervor.

Samiras seufzte und schaute zu den Baumkronen empor, in denen der Wind mit den verkrüppelten Blättern spielte und sie wispern ließ, was sich seltsam menschlich anhörte, fast so wie das Weinen eines Kindes. Und vielleicht war es das ja auch. Denn weshalb sollten diese armen missgestalteten, ihrer einstigen Schönheit beraubten Bäume schließlich nicht um ihre Brüder und Schwestern trauern? Sich nicht nach vergangenen Zeiten sehnen, als sie noch inmitten ihrer zahlreichen Verwandten in riesigen Wäldern lebten, deren vielfältige Flora und Fauna sie sich wie im Paradies vorkommen ließ?

Mit einem Mal übertönte ein seltsam kikernder Laut das leise Rauschen des Windes. Danina sprang federnd auf und stellte sich schützend vor ihre Gefährtin, während ihr langer Schwanz erregt über den Boden peitschte. Die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen, spähte sie zu den Baumkronen empor. Doch ihre Erregung legte sich so schnell wie sie gekommen war.

Sanft landete der Falke Xzerus mit der goldenen Phiole im Schnabel auf einem Ast und beäugte neugierig die Lebewesen unter sich.

„Ich kenne dich“, flüsterte Samiras. „Du warst einige Male bei meinem Haus.“

„So, war ich das?“, kikerte der Falke amüsiert. „Aber es stimmt. Und auch dieses Mal schickt mich meine Herrin, die Zauberin Xzatra, zu dir. Du hast nämlich etwas vergessen.“ Zielsicher ließ er die Phiole in Samiras´ Schoß fallen.

„Danke“, sagte Samiras verlegen.

„Schon gut. Aber pass künftig besser darauf auf. Nochmal bringe ich sie dir nämlich nicht hinterher.“

„Wieso kannst du sprechen?“, fragte Samiras verwundert.

„Was ist daran so verwunderlich? Du sprichst doch auch.“

„Aber du bist ein Tier!“

„Na, und?“

„Entschuldige. Ich war nur ein wenig überrascht. Hast du auch einen Namen?“

Der Falke schwebte vom Ast herab und landete vorsichtig auf ihrer Schulter. „Ich heiße Xzerus“, sagte er stolz.

„Das ist ein sehr schöner Name. Wirst du uns begleiten?“

Der Falke schüttelte den Kopf. „Nein. Ich muss schnellstens wieder zurück. Meine Herrin erwartet mich“, erwiderte er und schwang sich hinauf in die Lüfte. „Viel Glück! Und hüte dich vor Teufat“, rief er und wurde schnell kleiner und kleiner, bis er ihren Blicken gänzlich entschwand.

LESTOPOKTUS SPITZT DIE OHREN

Xzatra starrte wie in Trance in die pulsierende Zauberkugel vor sich auf dem Tisch. Erst der Flügelschlag des Falken riss sie aus ihrer Versunkenheit. Xzerus landete auf ihrer Schulter; und hinter dem Paravent hob Lestopoktus lauschend den Kopf.

„Hattest du Erfolg?“, fragte die Zauberin.

„Selbstverständlich, Herrin“, erwiderte Xzerus stolz.

„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, mein Guter. Es beruhigt mich, dass Samiras die goldene Phiole jetzt bei sich hat. Hoffentlich achtet sie von nun an besser darauf. Sie kommt gut voran. Wenn nichts dazwischen kommt, müsste sie in drei, spätesten vier Tagen das Krakhet-Gebirge erreichen.“

„Ja, Herrin. Aber trotzdem wird noch viel Zeit vergehen, bis sie Teufats Burg erreicht und den Zaubersamen gefunden hat.“

Versteckt hinter dem Paravent spitzte Lestopoktus die Ohren.

„Daran kann ich leider nichts ändern. Du weißt doch, dass ich nur bedingt eingreifen darf. Aber du hast natürlich recht. Die Zeit läuft uns davon, zumal Samiras den ersten Teil ihrer Aufgabe zu Fuß bewältigen muss, denn Reittiere würden in der glutheißen Wüste eher hinderlich sein. Zum Glück kann der Zaubersamen zwar versteckt, doch niemals vernichtet werden. Andernfalls hätte Teufat es schon längst getan und alles wäre verloren.“

Der Falke nickte müde.

„Du bist erschöpft, mein guter Xzerus. Sobald ich den Zauberbann um das Schloss gelegt habe, bringe ich dich zu deinem Lieblingsplatz, dort kannst du dich ausruhen“, sagte Xzatra und schritt mit dem Falken auf der Schulter zur Tür.

Da sauste kreischend eine Krähe hinter dem Paravent hervor, stürzte auf das offene Fenster zu und schwang sich hinaus. Gerade noch rechtzeitig, denn als sie zurückblickte, umhüllte flirrendes Zaubergespinst Xzatras Schloss.

DER FORMWANDLER

Lestopoktus flog so schnell er konnte zurück zur Burg. Von Teufat unbemerkt landete er in der einzigen Fensteröffnung des Labors und beobachtete seinen Herrn.

Der Magier stand vor einem hohen Spiegel, den Lestopoktus noch niemals zuvor gesehen hatte. Tief in Gedanken versunken starrte er in das nachtschwarze Glas. Er muss ihn sonst irgendwo versteckt halten, dachte Lestopoktus gerade, als ihn eine unsichtbare Faust im Nacken packte und vom Fenstersims zu Boden stieß. Als er den Kopf hob, stand Teufat über ihm.

„Du hast zum letzten Mal spioniert, Krähe“, zischte der Magier und hob die Hände. Böse grinsend richtete er seine Fingerspitzen auf das zitternde Tier, das sich plötzlich teilweise auflöste, wieder zusammensetzte, hell flimmerte, bevor es in einem grellen Blitz verschwand. Dort, wo es eben noch hockte, lag jetzt Lestopoktus sich windend vor Furcht.

„Du bist das?“, zischte Teufat überrascht und senkte zögernd die Hände. „Bespitzelst du mich etwa?“

Halb tot vor Angst schüttelte Lestopoktus so hektisch den Kopf, dass er sich den Hals verrenkte.

„Dein Glück“, knurrte Teufat. „Was hast du erfahren?“

Noch immer unter der Wirkung des vorausgegangenen Schreckens stehend stotterte der Formwandler: „Herr, i...ich war bei de...der Zauberin.“

„Das weiß ich doch, du Schwachkopf. Ich will wissen, was du dort erfahren hast. Also?“

„I...ihr Fa...Falke ...“

„Verdammt noch mal, Kerl! Reiß dich zusammen und hör sofort mit diesem den Nerv tötenden Gestotter auf!“

Lestopoktus schluckte und bemühte sich, seine panische Furcht zu unterdrücken. „I...ich hatte Glück, denn ihr Falke, den sie mit einem Auftrag ausgeschickt hatte, kam zurück, um zu berichten“, fuhr er flüssiger werdend fort.

„Ja, und? Nun sprich endlich, du Ausgeburt der Hässlichkeit oder muss ich erst nachhelfen?“

Lestopoktus sprach hastig weiter: „Die Zauberin Xzatra will dir den Zaubersamen stehlen“, stieß er hervor. „Ihre Komplizin heißt Samiras. Sie soll hier eindringen und ihn holen.“

Teufat lachte schallend. „So ein Blödsinn, niemand vermag ihn zu finden. Nur ich alleine weiß, wo der Zaubersamen versteckt ist. Für wen hält sich dieses größenwahnsinnige Weib eigentlich? Xzatra, die große Zauberin! Pah! Damit ist es ein für alle Mal vorbei. Durch IHN bin jetzt ich stärker. Mit SEINER Hilfe werde ich sie besiegen, nur weiß sie es noch nicht“, kicherte er. Und plötzlich wieder zornig: „Was für einen Schwachsinn erzählst du mir hier eigentlich, du grässliche Missgeburt?“

Lestopoktus krümmte sich unter dem neuerlichen Wutausbruch seines Meisters zitternd zusammen.

„Wer ist diese Frau? Wie sieht sie aus?“

„Ich weiß es nicht, Herr. Ich kenne nur ihren Namen und hörte, sie sei auf dem Weg zum Krakhet-Gebirge. Und sie hat eine goldene Phiole bei sich.“

„Goldene Phiole? Was hat es damit auf sich?“

Lestopoktus zuckte mit den Schultern.

„Was weißt du Einfaltspinsel eigentlich? Aber das müsste ja rauszukriegen sein, oder?“

„Natürlich, Herr.“

„Hmm, na gut“, murmelte Teufat. Nachdenklich kaute er auf seiner Unterlippe. „Zum Krakhet-Gebirge, sagst du?“

Lestopoktus nickte so eifrig, dass er vornüber fiel.

„Das ist gut, du Trampel. Das ist sogar sehr gut. Dann habe ich genügend Zeit, um ihr eine tödliche Falle zu stellen.“

„Wunderbar, Meister. „Ich werde ...“

„Du wirst gar nichts, sondern augenblicklich von hier verschwinden“, unterbrach ihn Teufat unwirsch. „Du wartest in deinem Zimmer, verstanden?“

„Ja, Herr.“

Mit einer Handbewegung scheuchte ihn der Magier wie ein lästiges Insekt hinaus.

Als Lestopoktus verstohlen zu dem Spiegel hinübersah, stellte er überrascht fest, dass er verschwunden war.

DIE STRASSE DER ZUKUNFT

Immer wieder nahm Samiras unterwegs die Skizze mit der eingezeichneten „Straße der Zukunft“ in die Hand, die sie in dem schmalen, roten Buch gefunden hatte. Der Vers in dem Buch warnte vor schrecklichen Gefahren, denen sie nur allzu gern ausgewichen wäre. Andererseits jedoch konnte sie nur dort den „Stein der Wahrheit“ finden, der ihr helfen und sie leiten würde. Also würde sie sich wohl oder übel den Gefahren stellen müssen.

Nach einer kurzen Rast, sie hatte den letzten Bissen kaum runter geschluckt, sprang Danina auf und machte sich davon. Samiras erhob sich seufzend und eilte ihrer Gefährtin hinterher. Ohne Pause ging es weiter. An brachliegenden, von den Bauern verlassenen Feldern und Gehöften vorbei, die jedoch immer spärlicher wurden, bis nur noch verdorrende Wiesen das Bild bestimmten. Dürre und Verfall, soweit das Auge reichte. Zeichen des immer rascher um sich greifenden Verderbens. Die Zauberin hatte nicht übertrieben, begriff Samiras erschrocken. Die Zeit drängte. Sie mussten sich beeilen.

Irgendwann wurde der Boden hügeliger und das Gehen beschwerlich. Trotzdem kamen sie bis zum Nachmittag gut voran. Doch dann versperrte ihnen eine Hügelkette den Weg, die höchste bislang. „Rasten wir erst oder gehen wir weiter?“, fragte Samiras. Aber die Pantherin war nicht mehr neben ihr. Sie verschwand gerade auf der anderen Seite der Anhöhe. „Also keine Pause“, seufzte Samiras und kletterte ihr hinterher.

Oben angekommen sah sie unter sich eine breite Senke liegen, die sich zwischen mit Felsgestein verstärkten Wällen tief ins Land hineinschob und nicht besonders einladend aussah. Ich gehe da auf keinen Fall hinein! Eher gehe ich den ganzen Weg wieder zurück! Widerstrebend machte sie sich an den Abstieg.

Die Pantherin wartete in einer Lücke zwischen den Wällen auf sie.

„Keine Chance“, sagte Samiras. „Da bringen mich keine zehn Pferde rein. Wir wissen ja noch nicht einmal, wohin die Senke führt. Vielleicht laufen wir geradewegs in eine Falle.“

Daninas Antwort war ein ungeduldiges Fauchen. Als Samiras jedoch keinerlei Anstalten machte ihr zu folgen, kam sie unwillig knurrend heran und riss ihrer Gefährtin den Lederbeutel aus der Hand.

„He! Was soll das?“, rief Samiras überrascht.

Danina beachtete sie nicht. Sie zerrte mit den Zähnen den Verschluss auf, stülpte den Beutel um, schnappte sich die heraus flatternde Skizze und warf sie ihrer verdutzten Gefährtin vor die Füße, die endlich begriff.

„Du meinst, die Senke da ist die „Straße der Zukunft“? Soll das etwa ein Witz sein? Die Vertiefung dort kann man doch nicht als Straße bezeichnen!“

Daninas Antwort war ein kräftiger Stoß in die Seite, der Samiras fast von den Beinen riss.

„Sei nicht so ruppig. Man wird sich ja wohl noch Gedanken machen dürfen. Schließlich kannst selbst du dich ja trotz deiner besonderen Fähigkeiten auch mal irren, oder?“

Doch sie verschwendete nur unnötig ihren Atem. Ihr Protest ging ins Leere, denn Danina verschwand gerade in der Senke. Samiras blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Also warf sie ihre Bedenken über Bord, sammelte hastig ihre Habseligkeiten wieder ein und eilte ihrer Gefährtin hinterher.

Die unvermutete Hitze traf sie wie ein Faustschlag. Als sie Danina endlich eingeholt hatte, war sie in Schweiß gebadet. Anfangs hielt sie das Tempo der Pantherin mit, fiel aber nach einer Weile immer weiter zurück. Sie fühlte sich so matt, als sauge der Boden sämtliche Kraft aus ihren Gliedern. Und die Hitze wurde mit jedem Schritt drückender. Apathisch trottete sie mit gesenktem Kopf hinter Danina her, der die Bruthitze nichts auszumachen schien.

Samiras wusste nicht wie lange sie sich bereits in dieser Hölle aufhielt, als sich die Luft um sie herum plötzlich veränderte. Nebelfetzen die etwas Rotes, Oszillierendes verbargen waberten bebend und schwankend auf sie zu. Und dann bewegte sich auch noch der Boden unter ihren Füßen.

Was war das?!

Die Schwingungen wurden stärker, vermischten sich mit Stimmen und schrillen Geräuschen, die ihren Kopf fast zerspringen ließen. Mit letzter Kraft wehrte sie sich gegen die Stimmen – und plötzlich waren sie fort und ihr Kopf wieder frei.

Sie schloss mit bebenden Fingern den Riegel an der Tasche in der Mawi fest schlief und beeilte sich Danina einzuholen, als sich die grässlichen Stimmen erneut und mit verstärkter Wucht auf sie stürzten und ihren Kopf marterten. Sie versuchte zu schreien, wollte Danina zu Hilfe rufen, doch kein Laut drang über ihre Lippen. Ihre Stimmbänder verweigerten einfach den Dienst.

Wieso hört Danina nichts? fragte sie sich voller Qual und hielt sich die Ohren zu. Aber natürlich half das nicht, denn die Stimmen drangen nicht von außen auf sie ein, sondern schrien in ihrem Schädel, der fast zerbarst. Als sie strauchelte, bemerkte sie schaudernd phosphoreszierendes Leuchten unter ihren Füßen, das ihre Stiefel umklammerte und jeden Schritt zur Qual werden ließ. Und dann sackte plötzlich auch noch der Boden etwa einen halben Meter unter ihr weg, und das Kreischen in ihrem Kopf verstummte abrupt. Doch da nahten neuerliche Schrecken!

Wabernde Schatten sprangen aus dem Nichts, materialisierten zu monströsen Gestalten die ihr den Weg versperrten und sie von ihrer Gefährtin trennten, die noch immer nichts bemerkte.

Samiras blieb wie angewurzelt stehen und starrte fassungslos auf das unglaubliche Szenarium vor sich. Sie versuchte zu schreien. Umsonst. Ihre Stimmbänder waren noch immer blockiert. Einem Albtraum entsprungene Wesen bevölkerten die Straße; und der Boden war mit apfelgroßen Skorpionen übersät. Schreckliche Gesichter wandten sich ihr zu. Klauenhände drohten mit Krummsäbeln und Äxten, Schwertern und Eisenketten. Große und kleine, gesunde und missgestaltete Körper stürmten und humpelten, krochen und taumelten kreischend auf sie zu.

Samiras riss den Dolch, den ihr Xzatra gegeben hatte, aus der Scheide und stach auf alles ein, was sich ihr näherte. In letzter Sekunde wich sie dem Schlag einer Streitaxt aus, der in Brusthöhe an ihr vorbei sauste, und parierte Stahl, der dicht an ihr Gesicht herankam. Sie kämpfte so gekonnt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Schlagend und stechend versuchte sie Danina zu erreichen, die von alledem nichts bemerkte. Ihr skalpellscharfer Dolch schlug eine Schneise der Vernichtung in die sie bedrängenden Kreaturen, doch diese gaben nicht auf.

Nur für eine Sekunde vergaß Samiras die Gefahr, in der sie schwebte und sah Danina hinterher, die sich immer weiter von ihr entfernte. Und dieser kurze Moment wäre ihr fast zum Verhängnis geworden!

Plötzlich verlor sie den Boden unter den Füßen; Hände wie Eisenklammern rissen sie nach vorne und in die Luft; unaufhaltsam flog sie über den Kopf des Zerrbildes eines Mannes hinweg und stürzte mit einem schrecklichen Aufprall zu Boden. Eine Axt blieb knapp neben ihrem Kopf im Boden stecken; ein Messer schrammte über ihre Hand. Sie warf sich zur Seite und... schrie! Sie hatte ihre Stimme wieder!

„Hilfe Danina! Zu Hilfe!“

Die Pantherin fuhr mit einem Ruck herum. Sekunden später wütete sie wie ein Berserker unter den Angreifern. Aber auch sie stand auf verlorenem Posten, denn dort, wo eine der schaurigen Kreaturen fiel, tauchten zwei neue, noch scheußlichere auf. Es ist sinnlos, dachte die Pantherin. Wir müssen fliehen. Ich muss Samiras auf meinem Rücken aus der Gefahrenzone bringen.

Diese hatte sich zwar wieder aufgerappelt, aber der harte Aufprall auf dem felsigen Boden hatte sie mitgenommen. Ihre Bewegungen waren längst nicht mehr so sicher und ihre Abwehr so schwach, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie unterlag. Bisher hatte sie außer Abschürfungen und kleineren Verletzungen nicht viel abbekommen, doch das konnte sich sehr schnell ändern. Wir müssen hier weg, dachte auch sie. Aber wie?