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Ein Flohmarkt. Ein geheimnisvolles Portal. Eine Reise durch die Zeit. Max wollte eigentlich nur zu Hause bleiben und Videospiele spielen. Stattdessen schleppt ihn seine Mutter auf einen überfüllten Flohmarkt. Zwischen altem Ramsch und staubigen Büchern entdeckt Max etwas, das sein Leben für immer verändern wird: ein seltsames Artefakt, das ein Portal durch die Zeit öffnet. Plötzlich findet sich der Teenager in verschiedenen Epochen wieder - mal in der Vergangenheit, mal in der Zukunft. Jede Zeitreise bringt neue Herausforderungen, fremde Welten und unerwartete Begegnungen. Max lernt, dass die Zeit keine gerade Linie ist, sondern ein komplexes Geflecht aus Möglichkeiten und Konsequenzen. Doch die Zeitreisen sind nicht nur ein Abenteuer. Max entdeckt, dass seine zufälligen Sprünge durch die Zeit Teil eines größeren Plans sind. Jemand oder etwas hat das Portal erschaffen - und will, dass Max bestimmte Ereignisse beeinflusst. Aber wem kann er trauen, wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschwimmen? Mit jeder Reise wird klarer: Max ist nicht nur ein Zeitreisender, er ist der Zeitnarr - eine Figur aus alten Prophezeiungen, die zwischen den Epochen tanzt und deren Entscheidungen weitreichende Folgen haben. Er muss lernen, die Verantwortung zu tragen, die mit dieser Macht kommt. Als Max erkennt, dass seine eigene Gegenwart in Gefahr ist und nur er die Zukunft retten kann, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit selbst. Er muss Rätsel lösen, die Jahrhunderte überdauern, Verbündete in verschiedenen Epochen finden und verstehen, dass manche Dinge geschehen müssen - auch wenn sie schmerzhaft sind. Eine spannende Geschichte über Zeitreisen, Verantwortung und die Frage: Was würdest du ändern, wenn du könntest? "Der Zeitnarr" ist ein fesselndes Jugend-Fantasy-Abenteuer voller Action, Rätsel und philosophischer Tiefe. Für junge Leser, die von Zeitreisen träumen und Geschichten lieben, in denen jede Entscheidung zählt. Für Jugendliche ab 12 Jahren.
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Prolog
Kapitel 1: Der Flohmarktfund
Kapitel 2: Der erste Sprung
Kapitel 3: Heimkehr und erste Konsequenzen
Kapitel 4: Das Rätsel der Uhr
Kapitel 5: Die Französische Revolution
Kapitel 6: Die Regeln der Zeit
Kapitel 7: Gefangen in der Zukunft
Kapitel 8: Die Zeitwächter
Kapitel 9: Verrat und Freundschaft
Kapitel 10: Die letzte Lektion des Hüters
Kapitel 11: Der finale Sprung
Kapitel 12: Abschied von der Uhr
Epilog
Über den Autor – Helmut Wegner
Der Regen fiel in dichten, kalten Strömen, als Max unter dem löchrigen Dach des Flohmarkts Zuflucht suchte. Der Platz war ein Durcheinander aus zusammengewürfelten Ständen, an denen alles von verstaubten Büchern bis zu zerbrochenem Spielzeug angeboten wurde. Die Geräusche von klapperndem Metall und gedämpften Gesprächen mischten sich mit dem leisen Trommeln des Regens. Max schlenderte ziellos zwischen den Reihen umher, die Hände tief in den Taschen vergraben, als sein Blick auf einen unscheinbaren Stand fiel. Er war klein, kaum mehr als ein Tisch mit einer schiefen Plane darüber, und die darauf ausgestellten Gegenstände wirkten, als wären sie gerade erst aus einem alten Dachboden gerettet worden. Der Verkäufer, ein Mann mit tiefen Falten und durchdringenden grauen Augen, musterte Max mit einer Mischung aus Neugier und Amüsement.
„Suchst du etwas Bestimmtes, Junge?“ fragte der Mann, während er eine antike Taschenuhr in seinen knorrigen Fingern drehte. Max schüttelte den Kopf, doch etwas an der Uhr fesselte seine Aufmerksamkeit. Sie war aus poliertem Messing gefertigt, die Oberfläche von feinen Gravuren durchzogen, die bei genauerem Hinsehen wie winzige Zahnräder und komplexe Muster wirkten. Eine Gravur auf der Rückseite zeigte eine Inschrift in einer Sprache, die Max nicht lesen konnte.m„Die hier?“ fragte der Verkäufer mit einem schwachen Lächeln, als er Max’ Blick bemerkte. „Eine ganz besondere Uhr. Vielleicht mehr, als du dir vorstellen kannst.“ Max zögerte. „Was kostet sie?“mDer Mann betrachtete ihn lange, als würde er etwas in ihm suchen. „Für dich? Fünf Euro.“mEs war ein lächerlich niedriger Preis für ein so kunstvolles Stück, aber Max zückte das Geld, bevor der Mann es sich anders überlegen konnte. Kaum hatte er die Uhr in die Hand genommen, spürte er ein seltsames Kribbeln, das von seinen Fingerspitzen ausging und seinen gesamten Körper durchlief. „Sei vorsichtig damit“, sagte der Verkäufer leise. „Die Zeit ist ein eigenwilliger Gefährte. Sie gibt nur selten eine zweite Chance.“mDoch Max hörte die Worte kaum. Er war bereits in Gedanken versunken, den Blick auf die filigrane Uhr gerichtet, während er sich auf den Heimweg machte. Was er nicht wusste: Mit jedem Schritt, den er tat, schien die Welt um ihn herum ein wenig zu flimmern, als würde die Zeit selbst den Atem anhalten. Der erste Schritt in ein Abenteuer, das ihn durch die Jahrhunderte tragen und seine Sicht auf die Welt für immer verändern würde, war getan.
Der Flohmarkt war eine Welt für sich. Reihen von Ständen zogen sich über den kleinen Marktplatz, jeder beladen mit einer kunterbunten Mischung aus Altem, Kuriosem und Wertvollem. Max schob sich durch die Menschenmenge, die Hände tief in den Taschen seiner abgetragenen Jeans vergraben. Seine Mutter hatte ihn mitgeschleppt, obwohl er eigentlich lieber zu Hause geblieben wäre. Ein Samstag wie dieser hätte perfekt sein können – ausschlafen, Videospiele spielen, vielleicht Leo treffen. Stattdessen wurde er durch enge Gassen zwischen Ständen geschoben, während fremde Menschen an ihm vorbeidrängten und nach Ramsch und Schnäppchen suchten. „Hier, Max! Schau mal, alte Bücher!" Seine Mutter winkte ihm enthusiastisch zu, ihre Augen leuchteten mit der Begeisterung einer passionierten Sammlerin. Sie verschwand zwischen den Ständen, verschluckt von der Menge, die sich um einen Tisch mit verstaubten Hardcovern drängte. Max seufzte. Bücher waren nicht sein Ding. Er konnte verstehen, warum seine Mutter sie liebte – sie war Bibliothekarin und verbrachte ihre Tage zwischen Regalen voller Geschichten.
Aber für ihn waren Bücher einfach nur Papierstapel, die Staub sammelten. Er streifte ziellos durch die Gassen, seine Blicke schweiften über Stände mit rostigem Werkzeug, verblichenen Postern und kitschigen Porzellenfiguren. Der Geruch von gebratenem Fleisch und süßem Gebäck hing in der Luft, vermischt mit dem muffigen Duft alter Kleidung und verrottenden Holzes. Dann blieb sein Blick an einem kleinen Stand hängen. Er war unscheinbar, fast versteckt zwischen zwei größeren Ständen, die mit bunten Tüchern und glitzerndem Schmuck prangten. Ein alter Mann mit einem zerknitterten Gesicht saß auf einem wackeligen Stuhl hinter einem Tisch, auf dem eine Ansammlung von scheinbar wertlosem Kram lag. Verbogene Löffel, zerbrochene Bilderrahmen, eine Sammlung von Schlüsseln ohne Schlösser. Doch etwas auf diesem Tisch zog Max magisch an, als würde eine unsichtbare Schnur ihn näher ziehen. Eine Taschenuhr. Die Uhr war aus Messing, verziert mit filigranen Gravuren, die sich wie ein Labyrinth über die Oberfläche zogen. Spiralen und Linien, die sich ineinander verschlangen, Symbole, die Max nicht kannte, aber die irgendwie vertraut wirkten. Ihr Glas war leicht zerkratzt, kleine Risse zogen sich wie Spinnweben darüber, und der Deckel lag halb offen, als würde die Uhr einladend nach ihm greifen. Max zögerte, seine Hand schwebte über dem Tisch. Dann griff er zu. Sie fühlte sich überraschend schwer an, viel schwerer, als sie aussah. Das Messing war kühl gegen seine Haut, und als er sie öffnete, begannen die Zeiger wie von selbst einen wilden Tanz. Sie drehten sich vorwärts, dann rückwärts, hielten inne, sprangen weiter. Es war, als hätte die Uhr ein Eigenleben, als würde sie auf seine Berührung reagieren. „Interessierst du dich für alte Dinge?" Der Mann musterte ihn mit wachen Augen, die zwischen Neugier und Geheimnis changierten. Seine Stimme war heiser, wie das Knarzen alter Holzdielen. Tiefe Falten zogen sich über sein Gesicht, und seine Hände, die auf dem Tisch ruhten, waren von Altersflecken übersät. „Vielleicht." Max drehte die Uhr in seiner Hand, während das Zifferblatt im Licht der Nachmittagssonne aufblitzte. Die Gravuren schienen im Licht zu tanzen, zu atmen fast. „Was kostet sie?" Der Mann schien kurz nachzudenken, sein Blick ruhte auf Max' Gesicht, als würde er etwas abwägen. „Für dich? Zehn Euro. Aber sei vorsichtig mit ihr." Er beugte sich vor, seine Stimme wurde leiser, eindringlicher. „Diese Uhr hat mehr Geschichte, als du dir vorstellen kannst. Sie ist nicht... gewöhnlich." Max hätte fragen sollen, was er damit meinte.
Hätte fragen sollen, woher die Uhr kam, was sie besonders machte. Aber die Neugier brannte in ihm, stärker als die Vorsicht. Er zog sein Taschengeld hervor – einen zerknitterten Zehn-Euro-Schein, den er für neue Fußballkarten gespart hatte – und legte ihn auf den Tisch. Der Mann nahm das Geld mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung. Seine Finger waren erstaunlich geschickt für jemanden so alt. Er faltete den Schein zusammen, steckte ihn in eine verborgene Tasche seines Mantels und nickte knapp. „Pass gut auf sie auf, Junge.
Und denk daran: Manche Türen sollten geschlossen bleiben."
Max verstand die Warnung nicht, nickte aber trotzdem. Er steckte die Uhr in seine Jackentasche und spürte ihr Gewicht, ihre Wärme. Als er sich umdrehte, um seine Mutter zu suchen, hätte er schwören können, dass der alte Mann ihm nachsah, sein Blick schwer und besorgt. Zuhause setzte sich Max an seinen Schreibtisch. Die Nachmittagssonne fiel durch sein Fenster und warf lange Schatten über sein unaufgeräumtes Zimmer. Poster von Fußballspielern hingen an den Wänden, ein Stapel ungelesener Schulbücher türmte sich in der Ecke, und sein Computer summte leise im Standby-Modus.
Max hatte seiner Mutter gesagt, er würde Hausaufgaben machen, aber in Wahrheit zog ihn die Uhr an wie ein Magnet. Er klappte sie auf und betrachtete das Zifferblatt genauer. Es war nicht wie bei normalen Uhren. Es zeigte nicht nur Stunden und Minuten – es hatte zusätzliche Zeiger, kleinere Zifferblätter innerhalb des großen, Symbole am Rand, die er nicht deuten konnte. Das Ticken war leise, aber eindringlich, fast hypnotisch. Die Gravuren auf der Außenseite schienen sich zu bewegen, wenn er nicht direkt hinsah, als würden sie tanzen, atmen, leben. Ohne lange nachzudenken, ohne die Warnung des alten Mannes zu beachten, zog er die kleine Krone an der Seite auf. Nur ein bisschen, nur um zu sehen, was passieren würde. Plötzlich vibrierte die Luft im Raum. Es war kein Geräusch, eher ein Gefühl, als würde die Welt selbst zittern. Ein tiefes Summen erfüllte seine Ohren, so tief, dass er es mehr in seiner Brust spürte als hörte. Die Wände um ihn herum verschwammen, ihre Konturen wurden weich, unscharf. Die Farben verblassten, wurden blass und durchscheinend. Max riss die Augen auf, wollte die Uhr fallen lassen, doch sie klebte wie festgewachsen an seiner Hand. Seine Finger weigerten sich, loszulassen, als hätte die Uhr ihn im Griff und nicht umgekehrt. Ein grelles Licht flammte auf, so hell, dass Max die Augen zukneifen musste. Es brannte auf seiner Netzhaut, schmerzhaft und überwältigend. Und für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Das Summen verstummte. Das Licht erlosch. Stille. Dann war es vorbei. Als Max blinzelte, fand er sich nicht mehr in seinem Zimmer wieder. Die vertrauten Poster waren verschwunden, sein Computer, sein Bett – alles weg. Stattdessen stand er in einer engen, kopfsteingepflasterten Gasse. Die Gebäude zu beiden Seiten waren alt und schief, aus grobem Holz und Stein gebaut, mit Fachwerk und schiefen Dächern, die aussahen, als würden sie jeden Moment einstürzen. Max' Blick wanderte über die Dächer der schiefen Häuser. In der Ferne ragte ein massiver Turm auf, weiß schimmernd wie Marmor, völlig fehl am Platz in dieser dunklen, verwinkelten Stadt. Daneben glitzerte etwas – vielleicht ein Brunnen auf einem größeren Platz? Er hörte das ferne Rauschen von Wasser. Und dort, am Rand seiner Sicht, ein verfallenes Archivgebäude mit schweren Steinsäulen. Diese Stadt hatte Geheimnisse, alte Geheimnisse. „Wo bin ich?" Die Worte kamen heiser über seine Lippen. Seine Kehle fühlte sich trocken an, seine Zunge wie Schleifpapier. Er spürte die Uhr in seiner Hand pulsieren, wie ein zweites Herz, warm und lebendig. Und dann hörte er eine Stimme hinter sich, leise und bedrohlich: „Na, Zeitnarr? Du hast keine Ahnung, was du da angerichtet hast." Max wirbelte herum, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Die Gasse war leer. Keine Person, kein Schatten, nichts. Nur die schiefen Häuser, die ihn anstarrten wie stumme Zeugen. Seine Hände zitterten, und er ballte die freie Hand zur Faust, um die Kontrolle wiederzuerlangen. „Wer ist da?" Seine Stimme hallte zwischen den Wänden wider, schwach und unsicher. Keine Antwort. Nur das Flüstern des Windes, der durch die Gasse zog und an seinem T-Shirt zerrte. Max blieb wie angewurzelt stehen, während die kühle Luft der Gasse seine Haut prickeln ließ. Die Worte hallten in seinem Kopf wider: Zeitnarr... keine Ahnung, was du da angerichtet hast. Sein Blick huschte über die unebenen Pflastersteine und die schiefen Holztüren der umliegenden Häuser. Kein Mensch war zu sehen, der die Worte hätte sprechen können. Doch das Gefühl, beobachtet zu werden, kroch ihm den Rücken hinauf wie eine Spinne.
„Okay, cool bleiben." Er zwang seine Beine, sich zu bewegen. Jeder Schritt fühlte sich schwer an, als würde er durch Sirup waten. Die pulsierende Taschenuhr in seiner Hand fühlte sich fast heiß an, und er schloss sie mit einem entschlossenen Klacken. Sofort ließ das seltsame Vibrieren nach, aber das flaue Gefühl in seinem Magen blieb, schwer und unbequem.
Er ging langsam die Gasse entlang, sein Kopf drehte sich von rechts nach links, während er die Umgebung absuchte. Jedes Geräusch ließ ihn zusammenzucken – das Knarren eines Fensterladens, das Lachen von Kindern aus einem offenen Fenster, das Klappern von Hufen auf Stein. Eine Markise, ausgeblichen und von Rissen durchzogen, hing über einem Laden, dessen schiefes Schild „Bäcker" verkündete. Die Schrift war altmodisch, in einer Sprache, die Max zwar lesen, aber nicht richtig einordnen konnte. Aus einer Seitengasse drang das Lachen von Kindern, hell und unbeschwert, und der Duft von frisch gebackenem Brot ließ Max kurz innehalten. Sein Magen knurrte – wann hatte er zuletzt gegessen? Doch bevor er den Mut fand, jemanden anzusprechen, ertönte ein erneutes Flüstern. Diesmal näher, viel näher, fast so, als stünde der Sprecher direkt hinter ihm, so nah, dass Max dessen Atem hätte spüren müssen. „Du gehörst nicht hierher." Max fuhr herum, seine Bewegungen ruckartig vor Angst. Wieder niemand. Das Flüstern war verschwunden, verschluckt von der Luft selbst. Aber diesmal bemerkte er etwas anderes: Ein Schatten huschte am Rand seines Blickfelds vorbei, schnell und geschmeidig wie eine Katze. Als er sich umdrehte, um ihm zu folgen, war er bereits verschwunden. „Hallo?" Seine Stimme brach ab, klang dünn und kindlich. Er ballte die freie Hand zur Faust, versuchte, Stärke zu projizieren, die er nicht fühlte. „Wer ist da? Zeig dich!" Eine Tür knarrte hinter ihm, laut in der Stille. Max drehte sich so schnell um, dass ihm schwindelig wurde, und schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen. Ein Junge, nicht viel älter als er selbst, trat aus einem der Häuser. Sein zerfledderter Umhang und die abgetragenen Stiefel passten perfekt in diese seltsam mittelalterliche Umgebung. Der Junge warf ihm einen misstrauischen Blick zu, seine Augen schmal und wachsam, und hielt einen Korb voller Holzstücke in den Händen. „Wer bist du?" Die Frage platzte aus Max heraus, bevor er sie zurückhalten konnte. Der Junge kniff die Augen zusammen, musterte Max von Kopf bis Fuß. Sein Blick blieb an Max' modernen Kleidern hängen, an seinen Turnschuhen, die so fehl am Platz wirkten wie ein Raumschiff in einem Pferdestall. „Du kommst nicht von hier."
Mehr eine Feststellung als eine Frage. „Pass besser auf.
Fremde haben hier keinen guten Stand. Die Leute misstrauen dem, was sie nicht kennen." Bevor Max etwas erwidern konnte, bevor er nach Hilfe fragen oder erklären konnte, dass er selbst nicht wusste, wie er hierhergekommen war, zog der Junge die Tür wieder hinter sich zu und ließ ihn allein. Der Klang des zuschlagenden Holzes hallte in der Gasse wider, endgültig und abweisend. „Was zum...?" Max strich sich mit der freien Hand durch die Haare, seine Finger verfingen sich in den Strähnen. Denk nach. Was würde Mom jetzt tun? Sie würde vermutlich nach einem Polizisten fragen. Oder nach einer Erklärung suchen. Aber hier gab es keine Polizisten, keine vertrauten Gesichter, nichts, was ihm Halt geben könnte. Er musste einen Weg finden, hier wegzukommen. Seine Finger schlossen sich um die Taschenuhr, umklammerten sie so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Sie war die einzige Verbindung zu seiner Welt, das einzige Vertraute in dieser fremden, beängstigenden Umgebung. Vielleicht konnte sie ihn zurückbringen, wenn er sie erneut aufzog. Vielleicht würde der gleiche Mechanismus, der ihn hierhergebracht hatte, ihn auch wieder nach Hause bringen. Doch die Worte des alten Mannes kamen ihm in den Sinn: Sei vorsichtig mit ihr.
Manche Türen sollten geschlossen bleiben. „Wieso hast du das nicht gleich gesagt, du Depp." Max' Stimme war bitter, gerichtet an den alten Mann, der jetzt unerreichbar weit weg war, in einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Max hob die Uhr, sein Daumen schwebte über der Krone. Der Gedanke, sie einfach aufzuziehen, erschien ihm gleichzeitig verlockend und furchteinflößend. Was, wenn es ihn nicht nach Hause brachte? Was, wenn es ihn noch weiter in die Vergangenheit schleuderte, in eine Zeit, in der er noch verlorener war? Was, wenn— Doch bevor er eine Entscheidung treffen konnte, verdunkelte sich der Himmel über ihm. Es war plötzlich, unnatürlich. Die Sonne, die eben noch hell geschienen hatte, verschwand hinter einer dunklen Wolke, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit näherte. Ein tiefes, grollendes Geräusch ließ den Boden unter seinen Füßen vibrieren, ein Dröhnen, das in seinen Knochen widerhallte. Max sah, wie die Menschen aus den umliegenden Häusern stürmten, ihre Gesichter bleich vor Angst. Sie zeigten zum Horizont, wo sich die dunkle Wolke zusammenballte, riesig und bedrohlich, wie eine lebendige Kreatur. „Der Sturm! Schließt die Tore!" Eine Frau zerrte panisch Kinder ins Haus, ihre Stimme schrill vor Panik. Ein Mann rannte vorbei, seine Arme voller Holzbretter, mit denen er vermutlich sein Fenster verbarrikadieren wollte. Max stand wie erstarrt da, seine Beine wollten sich nicht bewegen, als wären sie in den Pflastersteinen verwurzelt.
Was für ein Sturm konnte so etwas auslösen? Und warum hatte er das Gefühl, dass es irgendwie mit ihm zusammenhing, mit der Uhr, mit seiner Anwesenheit hier? Das Flüstern kehrte zurück, diesmal mit einem harten, eindringlichen Ton:
„Renn, Zeitnarr, bevor es dich erwischt!" Max' Instinkt übernahm. Er sprintete los, seine Beine bewegten sich, bevor sein Verstand aufholen konnte – direkt auf den drohenden Sturm zu. Er wusste nicht warum, wusste nicht, was ihn trieb, aber etwas in ihm sagte, dass er näher musste, dass er verstehen musste, was hier geschah. Max rannte, obwohl er keine Ahnung hatte, wohin er eigentlich lief. Die dunkle Wolke am Horizont wuchs mit erschreckender Geschwindigkeit, verschluckte den Himmel, löschte die letzten Sonnenstrahlen aus. Das dröhnende Grollen verstärkte sich, wie eine wütende Stimme, die ihn verfolgte, nach ihm griff. Die Pflastersteine unter seinen Füßen waren uneben, rutschig von Moos und Feuchtigkeit, und mehrmals stolperte er, fing sich aber im letzten Moment, seine Hände schürften über den rauen Stein.
Die Taschenuhr in seiner Hand pulsierte jetzt so heftig, dass sie beinahe zu vibrieren schien, als würde sie auf die nahende Bedrohung reagieren. „Was soll das hier alles?" schrie Max in die Leere, seine Stimme verzweifelt. Seine Worte schienen von den schiefen Wänden der Gasse verschluckt zu werden, verloren im Heulen des herannahenden Sturms. Keine Antwort. Nur das Echo seiner eigenen Worte, die sich mit dem drohenden Lärm vermischten. Plötzlich wurde Max am Arm gepackt und grob in einen Hauseingang gezogen. Die Bewegung war so abrupt, dass er fast das Gleichgewicht verlor.
„Bist du verrückt? Willst du, dass der Sturm dich erwischt?" Max taumelte gegen die Wand des schmalen Flurs, in den er gestoßen worden war. Sein Rücken schlug gegen grobes Holz, und er keuchte. Vor ihm stand eine Frau, ihr Gesicht war von einer Kapuze halb verborgen. Ihre Augen, scharf und funkelnd wie Klingen, fixierten ihn mit einer Intensität, die ihn zusammenzucken ließ. „Wer...?" brachte Max hervor, aber sie schnitt ihm das Wort ab. „Keine Zeit für Fragen, Zeitnarr. Du bist das Ziel des Sturms, nicht der Schutz." Max blinzelte sie an, sein Verstand versuchte, ihre Worte zu verarbeiten. „Was soll das heißen? Wieso bin ich das Ziel? Und warum nennt ihr mich alle so?" Die Frustration in seiner Stimme war unüberhörbar. Die Fremde ignorierte seine Fragen. Sie zog die schwere Holztür mit einem Seufzen zu und ließ die Dunkelheit des Flurs über sie hereinbrechen. Nur das schwache Leuchten einer Laterne, die sie in der Hand hielt, spendete spärliches Licht. Die Flamme flackerte, warf tanzende Schatten an die Wände. „Die Uhr." Sie deutete auf Max' Hand mit einem knochigen Finger. „Hast du sie benutzt?" „Ja, aber ich weiß nicht, wie das alles funktioniert! Ich wollte nur—" „Natürlich hast du es nicht verstanden." Ihre Stimme war scharf, aber nicht unbarmherzig. „Niemand, der dieses Artefakt findet, versteht es sofort. Aber jede Nutzung hat ihren Preis. Der Sturm ist nur der Anfang. Du hast die Aufmerksamkeit von Dingen erregt, die besser im Verborgenen bleiben sollten." Max' Mund wurde trocken, seine Zunge klebte am Gaumen.
„Was meinst du mit ‚Preis'? Und wie kann ich das rückgängig machen? Ich will nur nach Hause, verstehst du? Ich will nur zurück zu meiner Mom, zu meinem Leben." Die Verhüllte musterte ihn kurz, dann lachte sie trocken, ein Lachen ohne Freude. „Rückgängig machen? Junge, das hier ist keine Spieluhr. Die Zeit lässt sich nicht einfach zurückdrehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Jede Veränderung, jeder Eingriff hat Konsequenzen, die sich durch die Jahrhunderte ziehen." Bevor Max eine Erwiderung finden konnte, wurde die Tür von einem mächtigen Schlag erschüttert. Holz splitterte, kleine Risse erschienen im schweren Holz, und ein kalter Wind fegte durch den Raum, ließ die Laterne flackern und fast erlöschen.
Die Verhüllte drehte sich hastig um, ihre Bewegungen angespannt. „Sie sind hier." Ihre Stimme bebte, und zum ersten Mal sah Max Angst in ihren Augen. „Wer?" Max' eigene Angst kroch in seine Kehle, würgte ihn fast. Sie packte ihn erneut am Arm und zog ihn weiter ins Dunkel, tiefer in das Haus hinein. „Die Jäger. Sie kommen, um zu holen, was ihnen gehört. Wenn du nicht schnell lernst, die Uhr zu kontrollieren, wirst du nicht überleben. Sie werden dich finden, egal wo du dich versteckst, egal in welche Zeit du fliehst." Max ließ sich mitziehen, während sein Verstand vor Fragen und Angst überquoll. Die Wände des engen Flurs schienen näher zu rücken, die Decke tiefer zu hängen. Das Heulen des Sturms draußen mischte sich mit einem unheilvollen Kreischen, einem Geräusch, das Max das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Es klang nicht menschlich, nicht tierisch – es klang wie nichts, was er je gehört hatte. „Bleib bei mir." Sie warf einen schnellen Blick über die Schulter, ihre Augen glühten im Schein der Laterne. „Ich kann dich nicht ewig schützen, aber vielleicht gibt es noch einen Weg, dich zu retten. Vielleicht." Max presste die Lippen zusammen, seine Hände umklammerten die Uhr fester, so fest, dass seine Knöchel schmerzten. Was habe ich nur getan? Der Gedanke hallte in seinem Kopf wider, immer und immer wieder. Er hatte nur neugierig sein wollen, hatte nur ausprobieren wollen, was die Uhr konnte. Und jetzt war er hier, gejagt von Kreaturen, die er nicht verstand, in einer Zeit, die nicht seine war. Die Dunkelheit drückte auf Max' Sinne, als sie durch den schmalen Gang eilten. Sein Herz raste, und sein Atem ging flach, jeder Atemzug ein Kampf gegen die Panik, die in ihm aufstieg. Die Worte der Verhüllten hallten in seinem Kopf wider: Vielleicht gibt es noch einen Weg, dich zu retten. Doch sie schien genauso gehetzt wie er selbst – keine Spur von einem Plan, der ihm Hoffnung geben konnte.
Ihre Bewegungen waren fahrig, unsicher, als würde auch sie improvisieren. „Wo führen Sie mich hin?" Max versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen, doch sie zitterte vor Nervosität, vor der nackten Angst, die ihn zu überwältigen drohte. „Raus aus der Reichweite der Jäger." Ihre Antwort kam knapp, abgehackt. „Solange sie dich nicht erwischen, bleibt noch Zeit. Zeit, um einen Plan zu machen, Zeit, um dich vorzubereiten." Max blieb abrupt stehen und zog seinen Arm aus ihrem Griff. Seine Füße schienen sich in den Steinboden zu bohren. „Zeit? Was soll das alles überhaupt bedeuten? Warum jagen die mich? Und was haben Sie mit all dem zu tun? Woher wissen Sie von der Uhr, von den Jägern?" Die Fragen sprudelten aus ihm heraus, unkontrolliert. Die Verhüllte drehte sich zu ihm um, ihre Augen glühten im schwachen Schein der Laterne. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte sie ihn anfahren, ihn zurückweisen. Doch dann seufzte sie, und ihre Schultern sackten leicht nach unten. Sie deutete mit einem Finger auf die Taschenuhr in seiner Hand. „Das Ding da ist keine gewöhnliche Uhr. Es ist ein Schlüssel, ein Anker, ein Fluch – alles in einem. Jeder, der es benutzt, öffnet die Tür zur Zeit, aber niemand kann diese Tür wieder schließen, ohne die Balance zu zerstören. Du hast einen Riss geschaffen, eine Wunde in der Zeit selbst. Und Wunden ziehen Raubtiere an." Max starrte sie an, sein Verstand versuchte verzweifelt, ihre Worte zu verarbeiten. „Balance? Wovon reden Sie? Ich wollte doch nur..." Seine Stimme brach, und er hasste sich dafür. „Nur ausprobieren, was passiert?" Sie lachte bitter, ein Lachen, das in der Dunkelheit widerhallte. „Das wollen sie alle. Bis sie merken, dass sie nicht die Kontrolle haben, sondern die Zeit. Die Zeit ist kein Spielzeug, Junge. Sie ist eine lebendige Kraft, und du hast sie provoziert." Ein lautes Krachen unterbrach ihre Worte. Der Boden unter ihren Füßen bebte, und Staub rieselte von der Decke. Aus der Dunkelheit hinter ihnen drang ein widerliches Knirschen, als ob etwas Großes durch die Mauern des Hauses brach, Holz und Stein zermahlte, als wäre es Papier. „Sie sind hier." Ihre Stimme bebte jetzt, und Max konnte sehen, wie ihre Hand, die Laterne hielt, zitterte. Bevor Max reagieren konnte, packte sie ihn erneut und zog ihn weiter den Gang hinunter, ihre Schritte hastiger jetzt, verzweifelter. Die Luft wurde kälter, so kalt, dass Max seinen Atem sehen konnte, kleine Wölkchen, die in der eisigen Luft hingen. Ein eisiger Hauch ließ Max' Nacken kribbeln, als würden unsichtbare Finger über seine Haut streichen. Er drehte sich um, konnte nicht anders, musste sehen. Eine schemenhafte Gestalt kroch aus der Dunkelheit auf sie zu. Ihr Körper schien aus Schatten zu bestehen, aus purer Finsternis, die Form angenommen hatte. Ihre Augen – wenn man sie so nennen konnte – glühten wie brennende Kohlen, rot und gierig. Die Kreatur bewegte sich nicht wie ein Mensch oder ein Tier. Sie glitt, floss, als wäre sie Teil der Dunkelheit selbst, geboren aus der Abwesenheit von Licht.
„Lauf!" Die Panik in der Stimme der Verhüllten ließ Max' Blut gefrieren. Es war nicht die kontrollierte Angst von jemandem, der eine Gefahr kannte. Es war pure, nackte Panik. Seine Beine setzten sich in Bewegung, getrieben von purem Überlebenswillen. Doch sein Blick blieb immer wieder an der unheimlichen Gestalt hängen, die ihnen folgte. Mit jeder Sekunde schien sie näher zu kommen, obwohl sie sich nicht schneller zu bewegen schien. Die Distanz zwischen ihnen schmolz einfach dahin, als würde die Kreatur die Regeln von Raum und Zeit ignorieren. „Was ist das?" Max' Schrei hallte durch den Gang, während sie um eine weitere Ecke bogen. „Ein Jäger. Einer von vielen. Wenn er dich erwischt, wird er die Uhr nehmen – und dich in der Zeit zerreißen. Du wirst nicht nur sterben, du wirst ausgelöscht, als hättest du nie existiert." Die Worte ließen Max' Magen umdrehen, Übelkeit stieg in ihm auf. Er rannte weiter, seine Lungen brannten, jeder Atemzug ein stechender Schmerz. Der Gang schien enger zu werden, die Wände rückten näher, oder bildete er sich das nur ein? Vor ihnen tauchte eine schwere Holztür auf, massiv und alt, mit eisernen Beschlägen. Die Verhüllte stürzte sich darauf, riss sie mit überraschender Kraft auf. „Rein da!" Max stolperte durch die Tür, seine Beine gaben fast nach. Er fiel keuchend auf den Boden, schmeckte Staub auf seiner Zunge. Die Verhüllte folgte ihm, knallte die Tür hinter sich zu und schob mit zitternden Händen einen massiven Riegel vor. Das Holz war dick, alt, aber würde es reichen? Von draußen hörte Max das Scharren und Klopfen des Jägers, begleitet von einem tiefen, unheilvollen Knurren, das durch Mark und Bein ging.
Es klang wie das Zerreißen von Stoff, wie das Brechen von Knochen, wie etwas, das nicht in diese Welt gehörte. „Das hält ihn nicht lange auf." Die Verhüllte sah sich um, ihre Bewegungen jetzt fahrig, verzweifelt. Sie suchte nach etwas, nach einem Ausweg, nach einer Lösung. Max richtete sich auf, seine Arme zitterten unter seinem eigenen Gewicht. „Also was jetzt? Wo sollen wir überhaupt hin? Gibt es einen anderen Ausgang?" Die Verhüllte zog eine kleine Tasche unter ihrem Umhang hervor, ihre Finger fummelten an den Verschlüssen.
Sie holte ein altes Pergament heraus, vergilbt und brüchig, bedeckt mit Zeichen, die Max nicht deuten konnte. „Es gibt einen Ort, einen sicheren Punkt in der Zeit. Wenn wir es schaffen, dich dorthin zu bringen, können wir die Uhr stabilisieren. Aber..." Sie hielt inne und sah ihn eindringlich an, ihre Augen bohrten sich in seine. „Du musst bereit sein, Opfer zu bringen." „Was für Opfer?" Max' Kehle schnürte sich zu, seine Stimme kam heiser heraus. Sie schüttelte den Kopf, ihre Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen. „Das wirst du früh genug erfahren. Manche Dinge kann man nicht im Voraus wissen, sonst würde man nie den Mut aufbringen, sie zu tun." Bevor Max protestieren konnte, bevor er mehr fordern konnte, begann die Tür zu vibrieren. Das Holz ächzte unter einem unsichtbaren Druck. Ein lauter Knall, und ein Teil des Riegels sprang ab, flog durch die Luft und landete klirrend auf dem Steinboden. „Keine Zeit mehr." Die Verhüllte griff nach Max' Arm, ihre Finger gruben sich in sein Fleisch.
Sie zog ihn zu einer weiteren Tür am anderen Ende des Raums, kleiner, unauffälliger. „Los, beweg dich!" Max folgte ihr, sein Kopf war ein Wirbel aus Fragen, Angst und Verzweiflung. Was auch immer hier geschah, dachte er, während er einen letzten Blick auf die vibrierende Tür warf, mein Leben wird nie wieder dasselbe sein. Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht. Selbst wenn er nach Hause kam, selbst wenn er überlebte – er würde nie wieder der gleiche Max sein, der heute Morgen auf den Flohmarkt gegangen war. Max taumelte hinter der Verhüllten her durch die Tür, die sie aufgestoßen hatte. Der Raum dahinter war klein und stickig, die Luft war dick und schwer, erfüllt von einem muffigen, erdigen Geruch, der an Gräber und vergessene Orte erinnerte. Die Wände bestanden aus grob behauenem Stein, feucht und mit Moos bedeckt. Auf dem Boden verstreut lagen zerfledderte Bücher, ihre Seiten aufgeweicht von Feuchtigkeit, Pergamente mit verblichener Schrift, und alte Werkzeuge, deren Zweck sich Max nicht erschloss – rostige Metallstücke, seltsam geformte Haken, Dinge, die aussahen wie chirurgische Instrumente aus einem Alptraum. „Wo sind wir jetzt?" Max' Stimme war kaum mehr als ein Keuchen, seine Lungen brannten immer noch. „Ein Versteck." Die Verhüllte begann hektisch in einem Regal an der Wand zu wühlen, ihre Bewegungen wurden panischer. Bücher und Gegenstände fielen zu Boden, klatschten auf den Stein. Sie zog ein dickes Buch hervor, dessen Einband von Zeit und Feuchtigkeit gezeichnet war, das Leder rissig und fleckig. Sie schlug es auf einer Seite auf, die mit kryptischen Zeichen bedeckt war – Symbole, die Max an die Gravuren auf der Uhr erinnerten, aber komplexer, verwobener. „Das hält sie nicht lange auf." Sie sprach mehr zu sich selbst als zu ihm, ihre Stimme ein leises Murmeln. Ihre Finger fuhren die Schriftzeichen entlang, während sie leise vor sich hinsprach, Worte in einer Sprache, die Max nicht kannte, aber die irgendwie alt klang, uralter als alles, was er je gehört hatte. Max drückte seinen Rücken an die kalte Steinwand und lauschte. Sein ganzer Körper zitterte, teils vor Kälte, teils vor Erschöpfung, teils vor Angst. Von draußen war das Scharren und Knurren des Jägers noch immer zu hören, näher jetzt, eindringlicher. Ein weiterer Schlag gegen die Tür ließ sie erbeben, und Max spürte die Vibration durch die Wand, gegen die er sich lehnte. „Was ist das da draußen?"
Seine Frage kam leise, aber die Angst in seiner Stimme war kaum zu verbergen. Die Verhüllte sah kurz zu ihm auf, ihre Augen schienen ihn zu durchbohren, als würden sie direkt in seine Seele blicken. „Ein Fragment. Es jagt Anomalien, Dinge, die nicht in die Zeit gehören. Und du..." Sie ließ den Satz unvollendet, als würden die Worte zu schwer wiegen, um sie auszusprechen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Buch. Max schlang die Arme um sich, versuchte, die Kälte abzuwehren, die in seine Knochen kroch. „Anomalie? Ich bin keine Anomalie. Ich bin einfach nur ein Junge, der einen Fehler gemacht hat. Ich bin—" „Ein dummer Junge, der eine Uhr benutzt hat, die er nicht verstehen kann." Ihre Stimme schnitt durch die Luft wie ein Messer, scharf und unnachgiebig.
„Aber jetzt bist du das Problem der Zeit. Du bist eine Störung im Gefüge, ein Fehler in der Gleichung. Und wenn wir nicht handeln, wird sie dich verschlingen, und mit dir alles, was dir je wichtig war." Die Tür ächzte erneut, lauter diesmal, verzweifelter. Max warf einen panischen Blick in Richtung des Eingangs. Risse erschienen im Holz, feine Linien, die sich wie Spinnweben ausbreiteten. „Was soll ich tun? Wie kann ich das stoppen?" Die Verhüllte knallte das Buch zu, die Lautstärke ließ Max zusammenzucken, sein Herz machte einen Sprung. Staub wirbelte von den Seiten auf. „Das wirst du noch früh genug herausfinden." Sie griff in eine Tasche ihres Gewandes, aus der sie ein kleines, metallisches Objekt zog. Es war ein Schlüssel, alt und abgenutzt, das Metall dunkel angelaufen, aber mit feinen Gravuren bedeckt, die an die Verzierungen auf der Taschenuhr erinnerten. Sie waren fast identisch, als wären sie von derselben Hand geschaffen worden.
„Was ist das?" Max' Augen waren auf den Schlüssel geheftet, fasziniert trotz seiner Angst. „Ein Toröffner." Sie steckte den Schlüssel in eine unauffällige Vertiefung in der Wand, die Max nicht bemerkt hatte. Die Vertiefung war kaum größer als ein Fingernagel, verborgen zwischen den Steinen. „Wenn wir es bis zum Knotenpunkt schaffen, können wir die Verbindung zur Uhr stabilisieren. Aber bis dahin..." Ein ohrenbetäubender Schlag ließ die Tür fast aus den Angeln springen. Das Holz splitterte, große Stücke brachen heraus, und ein klirrendes Geräusch deutete darauf hin, dass der Riegel endgültig nachgab. Durch die entstandene Öffnung konnte Max die Schatten sehen, die sich bewegten, warteten, hungerten. Die Verhüllte drehte den Schlüssel mit einem leisen Klicken. Für einen Moment geschah nichts, und Max' Herz sank. Dann öffnete sich mit einem dumpfen Grollen ein schmaler Spalt in der Wand, kaum breit genug für eine Person. Dahinter lag ein schummrig beleuchteter Tunnel, dessen Ende im Dunkeln verschwand. Eine kühle Brise wehte heraus, trug den Geruch von feuchtem Stein und etwas anderem, etwas Metallischem.
„Rein da!" Die Verhüllte befahl es nicht, sie flehte fast. Sie schob Max grob durch die Öffnung. Er stolperte in den Tunnel, seine Hände fanden die Wand, um sich abzustützen. Der Stein war rau und feucht unter seinen Fingern. Er spürte, wie die kühle, feuchte Luft seine Haut prickeln ließ, seine verschwitzten Kleider an seinem Körper klebten. Die Verhüllte folgte ihm, ihre Bewegungen schnell und geschickt. Kaum war sie eingetreten, schloss sich die Wand hinter ihnen mit einem dumpfen Grollen, einem Geräusch wie fallendes Gestein. Max drehte sich zu ihr um, seine Augen weit vor Angst und Verwirrung. Im schwachen Licht des Tunnels konnte er ihr Gesicht besser sehen – die scharfen Züge, die schmalen Lippen, die Linien der Sorge, die sich um ihre Augen zogen.
„Das wird sie doch nicht aufhalten, oder? Die können doch einfach—" „Nein." Sie nickte langsam, während sie die Laterne erneut entzündete. Die Flamme flackerte, stabilisierte sich dann, warf tanzende Schatten an die Tunnelwände. „Aber es verschafft uns Zeit. Und Zeit..." Sie hielt inne und warf ihm einen ernsten Blick zu, ihre Augen glänzten im Laternenlicht.
„... ist alles, was wir haben. Zeit ist die einzige Währung, die hier zählt." Der Tunnel war schmal, die Decke niedrig, sodass Max den Kopf einziehen musste. Er krümmte sich vor ihnen in eine Richtung, die Max nicht erkennen konnte. Die Stille war erdrückend, fast physisch. Nur das leise Tropfen von Wasser, das irgendwo in der Ferne auf Stein fiel, und das Knirschen ihrer Schritte hallte wider. Jeder Laut schien verstärkt, verzerrt in der Enge des Tunnels. Max öffnete den Mund, um eine weitere Frage zu stellen – es gab so viele, sie drängten sich in seinem Kopf, kämpften um Aufmerksamkeit.
Doch die Verhüllte hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, ihre Bewegung abrupt und bestimmt. „Nicht jetzt."
Ihr Flüstern war kaum hörbar, aber eindringlich. „Hör zu.
Wenn wir am Knotenpunkt sind, musst du bereit sein. Was auch immer passiert, lass die Uhr nicht los. Sie ist deine einzige Verbindung zur Realität, dein einziger Anker. Ohne sie bist du verloren in der Zeit, treibst durch die Jahrhunderte, ohne Ziel, ohne Halt." Max nickte stumm, obwohl er kaum verstand, was sie meinte. Was war dieser Knotenpunkt? Warum war die Uhr so wichtig? Und was würde mit ihm geschehen? Seine Finger umklammerten die Taschenuhr fester, spürten ihr warmes Pulsieren, als würde sie versuchen, ihn zu beruhigen. Während die Schatten des Tunnels um ihn her zu tanzen schienen, sich bewegten wie lebendige Wesen, spürte Max tief in seinem Inneren, dass dies erst der Anfang war. Der Anfang von etwas viel Größerem, viel Gefährlicherem, als er sich je hätte vorstellen können. Max schritt durch den engen Tunnel, jeder Schritt ein Echo in der Stille. Seine Schritte hallten dumpf wider, vermischten sich mit dem Tropfen des Wassers. Die Wände um ihn herum waren feucht, glitschig, das Wasser tropfte unaufhörlich von den Deckenrändern und bildete kleine Rinnsale auf dem unebenen Boden. Die Dunkelheit, durch die flackernde Laterne der Verhüllten kaum erhellt, schien ihn fast zu verschlucken, sich um ihn zu legen wie ein schweres Tuch. Er hatte das Gefühl, jeder Schritt brachte ihn tiefer in etwas hinein, das er nicht verstand – eine Welt voller Rätsel, Gefahren und unheilvoller Geräusche, die wie ein Schatten in seinem Nacken hingen. „Was genau ist der Knotenpunkt?" Max' Stimme war leise, beinahe ehrfürchtig in der Stille. Er flüsterte mehr zu sich selbst als an die Verhüllte gerichtet, doch sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Es ist ein Ort, an dem die Zeit zusammenläuft, wie Fäden in einem Gewebe." Ihre Stimme war fest, fast emotionslos, als würde sie eine oft gesprochene Wahrheit wiederholen. „Dort kann man reparieren, was beschädigt wurde, oder es endgültig zerstören. Es ist der Mittelpunkt von allem, der Punkt, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich berühren. Aber der Weg dahin ist gefährlich. Die Zeit lässt sich nicht ohne Widerstand manipulieren. Sie wehrt sich gegen jeden, der versucht, sie zu kontrollieren." Max schluckte schwer, sein Mund fühlte sich trocken an trotz der feuchten Luft. „Also könnte ich...?" „Sterben?" Sie nickte knapp, ihre Bewegung abgehackt. „Ja, wenn du nicht aufpasst. Oder schlimmer. Du könntest in der Zeit gefangen werden, für immer feststecken in einem Moment, der sich endlos wiederholt. Es gibt Schicksale, die schlimmer sind als der Tod." Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, ließ seine Nackenhaare sich aufstellen. Er richtete seinen Blick wieder nach vorn, versuchte, die Angst zu verdrängen, die in ihm aufstieg. Der Tunnel schien sich ins Unendliche zu erstrecken, als ob die Welt sie bewusst herausfordern wollte.
Das schwache Licht der Laterne malte groteske Schatten an die Wände, verzerrte Formen, die wie gespenstische Hände auf sie zuzukommen schienen, nach ihnen griffen. Plötzlich blieb die Verhüllte abrupt stehen. Ihre Laterne zitterte leicht in ihrer Hand, die Flamme flackerte wild, als sie aufmerksam in die Dunkelheit vor ihnen starrte. Max hielt ebenfalls inne, sein Herz beschleunigte sich. „Hörst du das?" Ihr Flüstern war angespannt, wachsam. Max hielt den Atem an, presste seine Lippen zusammen. Zuerst vernahm er nichts außer dem gelegentlichen Tropfen des Wassers, dem Echo ihrer eigenen Atemzüge. Doch dann – ein leises, gleichmäßiges Klicken, wie das Ticken einer riesigen Uhr, aber verzerrt, unnatürlich. Es wurde immer lauter, näher, begleitet von einem tiefen, mechanischen Grollen, das die Wände zum Vibrieren brachte. Staub rieselte von der Decke, kleine Steinchen fielen zu Boden. „Was ist das?" Max' Stimme war kaum mehr als ein Hauch, seine Kehle wie zugeschnürt. Die Verhüllte zog ihn hastig in eine kleine Nische in der Wand, einen Rücksprung im Gestein, kaum groß genug für zwei Personen.
Sie drückte ihn mit einer Hand fest gegen den kalten Stein, ihre Finger gruben sich in seine Schulter. „Das ist eine Zeitschleife." Ihr Flüstern war dringend, fast verzweifelt.
„Bleib still. Wenn sie dich bemerkt, bist du verloren. Sie wird dich einfangen, in einem endlosen Kreislauf gefangen halten."
Max wollte etwas sagen, wollte fragen, was das bedeutete, doch die Intensität in ihren Augen hielt ihn davon ab. Er presste sich gegen den Stein, spürte dessen Kälte durch sein T-Shirt, und versuchte, so still wie möglich zu sein. Das Geräusch wurde lauter, und er spürte die Vibrationen jetzt deutlich unter seinen Füßen, in seinem ganzen Körper. Der Tunnel vor ihnen begann sich zu verändern. Der Stein schien zu zittern, zu pulsieren, sich aufzubäumen wie eine lebendige Masse. Die Luft flimmerte, wurde dicht und schwer. Und plötzlich schälte sich ein dunkler, massiver Schatten aus der Dunkelheit, materialisierte sich vor ihren Augen. Es war kein Jäger wie zuvor, sondern etwas anderes, etwas Fremdartiges.
Eine groteske, mechanische Kreatur, die aussah, als wäre sie aus Zahnrädern und Metallplatten zusammengefügt, aus Teilen, die nicht zusammengehörten. Ihr „Körper" schien von einer unsichtbaren Kraft zusammengehalten zu werden, schwebte fast, ohne den Boden wirklich zu berühren. Ihre glühenden Augen – wenn es Augen waren – bohrten sich durch die Dunkelheit wie Suchscheinwerfer, scannten den Tunnel, suchten nach Abweichungen, nach Fehlern. Max presste sich noch fester gegen die Wand, versuchte, eins mit dem Stein zu werden. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, sein ganzer Körper ein einziger Knoten aus Angst. Während das Wesen langsam durch den Tunnel schritt, erzeugte jeder Schritt ein metallisches Scheppern, ein Klirren von Ketten und Zahnrädern, das in seinen Ohren dröhnte. Die Kreatur blieb plötzlich stehen, ihr Kopf bewegte sich ruckartig von einer Seite zur anderen, wie eine defekte Maschine. Sie schien die Luft nach etwas abzusuchen, nach einer Spur, nach einem Hinweis. „Sie reagiert auf die Uhr."
Die Verhüllte hauchte die Worte kaum hörbar, ihre Lippen bewegten sich kaum. „Versteck sie. Jetzt." Hastig schob Max die Taschenuhr tiefer in seine Jackentasche, vergrub sie unter dem Stoff, versuchte, ihr Leuchten, ihr Pulsieren zu dämpfen.
Er hielt den Atem an, jede Sekunde fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Die Kreatur blieb noch einen Moment reglos, ihr mechanischer Kopf drehte sich langsam, scannte die Umgebung. Dann, mit einem dröhnenden Knurren, das mehr Maschine als Lebewesen klang, setzte sie ihren Weg fort, glitt weiter den Tunnel hinunter, bis sie in der Dunkelheit verschwand. „Los." Die Verhüllte zog Max wieder auf die Beine, ihre Bewegungen schnell und entschlossen. „Wir müssen schneller sein als die Schleife. Sie wird zurückkommen, und beim nächsten Mal werden wir nicht so viel Glück haben." „Die Schleife?" Max stolperte hinter ihr her, seine Gedanken überschlugen sich, versuchten, Sinn in das Chaos zu bringen. „Ein Wächter der Zeit. Sie korrigiert Abweichungen, indem sie alles auslöscht, was nicht in die Linie passt – und das schließt uns ein." Ihre Stimme war angespannt, getrieben. „Sie ist nicht lebendig, nicht im eigentlichen Sinne. Sie ist eine Funktion, ein Mechanismus, der die Zeit stabilisiert. Und wir sind Fehler in ihrem System." Max wagte keinen weiteren Einwand und folgte ihr schweigend.
Die Schritte der Kreatur hinter ihnen wurden leiser, verblassten in der Ferne, doch sein Herz klopfte unaufhörlich, hämmerte gegen seine Rippen. Die Taschenuhr in seiner Tasche schien schwerer denn je, ein Gewicht, das nicht nur physisch war, sondern auch mental, emotional. Sie war seine Rettung und sein Fluch zugleich. Der Tunnel öffnete sich schließlich, und Max spürte, wie der Raum um sie herum weiter wurde. Die Decke hob sich, die Wände wichen zurück.
Frische Luft – oder das, was in diesem Ort für frisch durchging – strömte ihm entgegen. Und dann sah er es. Sie waren angekommen.
Max spürte den kalten Schauer, der ihm über den Rücken lief, als die Zeit plötzlich einen Moment lang stillzustehen schien. Der Wind verharrte in der Luft, die Blätter der Bäume am Rand des Flohmarkts erstarrten mitten in ihrer Bewegung. Selbst die flimmernden Schatten, die sich eben noch über die Kopfsteinpflaster geschoben hatten, schienen sich in der Schwebe zu befinden, als hätte jemand die Welt auf Pause gedrückt. Die Taschenuhr in seiner Hand pulsierte regelrecht, vibrierte gegen seine Handfläche, als wäre sie lebendig, als hätte sie einen eigenen Herzschlag. Das Messing war warm geworden, fast heiß, und die Gravuren leuchteten mit einem schwachen, goldenen Schimmer. Etwas stimmte hier nicht, aber was genau, konnte Max nicht fassen. Noch nie hatte er ein solches Gefühl erlebt. Es war, als würde die Realität selbst atmen, ein- und ausatmen in einem Rhythmus, den nur er wahrnehmen konnte. Seine Finger zitterten, als er den Ziffernkranz weiterdrehte. Die kleinen Zeiger auf dem Zifferblatt drehten sich wild, sprangen von einer Position zur nächsten, als könnten sie sich nicht entscheiden, welche Zeit sie anzeigen sollten. Mit angehaltenem Atem drückte er den kleinen Hebel an der Seite, der die Uhr zu steuern schien.
In diesem Moment verschwammen die Umrisse des Marktplatzes. Die Stände, die Menschen, die bunten Markisen – alles begann sich aufzulösen wie Aquarellfarben im Regen. Ein grelles Licht umhüllte ihn, brannte auf seiner Netzhaut, drang durch seine geschlossenen Augenlider. Es fühlte sich an, als würde er durch einen Tunnel gezogen, als würde die Welt um ihn herum in alle Richtungen zerbrechen, nur um sich an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit wieder zusammenzusetzen. Sein Magen drehte sich, seine Sinne rebellierten gegen das, was geschah. Und dann kam die Stille. Max stolperte vorwärts, verlor das Gleichgewicht und fiel hart auf den Boden. Seine Handflächen schlugen auf Stein auf, Schmerz schoss durch seine Handgelenke. Als er die Augen öffnete, konnte er kaum glauben, was er sah. Der Flohmarkt war verschwunden. Die vertrauten Geräusche – das Rufen der Händler, das Lachen der Kinder, das Klappern von Geschirr – waren verstummt. Stattdessen befand er sich auf einer engen, staubigen Straße, umgeben von hohen Mauern, die aus grob behauenem Stein errichtet waren. Der Stein war alt, verwittert, mit Moos und Flechten bedeckt, als hätte er Jahrhunderte überdauert. Der Himmel über ihm war graublau, und das schwache Licht der Sonne schien durch eine dicke Schicht Wolken hindurch, warf ein diffuses, fast unheimliches Licht auf die Straße. In der Ferne konnte er das Hufgetrappel von Pferden hören, das rhythmische Klappern ihrer Hufe auf Stein, und das Rufen von Marktschreiern, deren Stimmen seltsam dumpf und fremd klangen, verzerrt, als kämen sie durch eine dicke Glasscheibe. „Wo bin ich?" Max' Stimme kam heiser, kaum mehr als ein Krächzen. Er sprang auf, seine Glieder schmerzten von dem plötzlichen Sturz, seine Knie waren aufgeschürft, und er konnte Blut durch den Stoff seiner Jeans sickern spüren. Es war keine große Stadt, in der er gelandet war – eher ein kleines Dorf, das wie aus einer anderen Zeit wirkte.
Männer in schmutzigen Tuniken aus grobem Leinen zogen Wagen durch die Straßen, ihre Gesichter von der Sonne und harter Arbeit gegerbt. Frauen in einfachen Kleidern, die bis zu ihren Knöcheln reichten, standen vor ihren Häusern und hantierten mit Körben voller frischer Lebensmittel – Rüben, Kohl, etwas, das wie Brot aussah, aber anders roch, schwerer, erdiger.
Sein Blick fiel auf einen belebten Platz in der Mitte des Dorfes, wo ein alter steinerner Brunnen stand, umringt von Marktständen. Dahinter, auf einem Hügel, ragte eine weiße Zitadelle empor, deren Türme selbst in diesem grauen Licht zu leuchten schienen. Seitlich davon erkannte er ein massives Gebäude mit Steinsäulen – vielleicht ein Archiv oder eine alte Bibliothek. Dieser Ort hatte Geschichte. Viel Geschichte.
Max rieb sich den Kopf, versuchte, den Schwindel abzuschütteln, der ihn erfasst hatte. Seine Gedanken rasten. Was war passiert? Hatte die Uhr ihn wirklich hierhergebracht? Oder war das alles nur ein verrückter Traum, eine Halluzination, ausgelöst von der Hitze des Tages? Doch der Schmerz in seinen Händen, das Brennen seiner aufgeschürften Knie – das fühlte sich zu real an, um ein Traum zu sein. Er wusste sofort, dass er nicht mehr in seiner gewohnten Welt war. Irgendetwas stimmte hier fundamental nicht. Diese Zeit, dieser Ort – es war alles völlig anders als das, was er kannte. Die Kleidung der Menschen, die Architektur der Gebäude, selbst die Art, wie das Licht fiel – alles war fremd, als hätte er die Seiten eines Geschichtsbuchs betreten und wäre mitten in einer längst vergangenen Epoche gelandet. Er begann, die Umgebung genauer zu mustern, drehte sich langsam im Kreis, versuchte, einen Hinweis zu finden, irgendetwas, das ihm sagte, wo – oder wann – er war. Sein Blick fiel auf ein Schild an einer der Hauswände, handgemalt mit verblichenen Buchstaben in einer Schrift, die er zwar lesen konnte, aber die altmodisch wirkte, wie aus einem mittelalterlichen Manuskript.
Dann fiel ihm ein Blick auf ein Gesicht auf, das ihn sofort beunruhigte. Ein Mann stand am Rand des Marktes, halb verborgen im Schatten einer überhängenden Markise. Seine Augen waren fest auf Max gerichtet, bohrten sich in ihn wie zwei schwarze Dolche.
