Verlag: Limes Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Der Zorn der Einsiedlerin E-Book

Fred Vargas  

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„Vargas schreibt die schönsten und spannendsten Krimis in Europa.“ Tobias Gohlis, DIE ZEITIm Süden Frankreichs sterben mehrere Männer – angeblich sind sie dem Biss der Einsiedlerspinne zum Opfer gefallen. Allerdings reicht das Gift einer einzigen Spinne nicht aus, um einen Menschen zu töten. Adamsberg und sein Team von der Brigade Criminelle des 13. Pariser Arrondissements ermitteln. Seine Nachforschungen führen den eigenwilligen Kommissar zu einem Waisenhaus bei Nîmes und zu einer Gruppe von Jungen, die dort in den 1940er-Jahren lebte. Und plötzlich erscheinen die Todesfälle, die bislang nicht als Morde betrachtet wurden, in einem anderen Licht …

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E-Book-Leseprobe Der Zorn der Einsiedlerin - Fred Vargas

Buch

Im Süden Frankreichs sterben mehrere Männer – angeblich sind sie dem Biss der Einsiedlerspinne zum Opfer gefallen. Allerdings reicht das Gift einer einzigen Spinne nicht aus, um einen Menschen zu töten. Adamsberg und sein Team von der Brigade criminelle des 13. Pariser Arrondissements ermitteln. Seine Nachforschungen führen den eigenwilligen Kommissar zu einem Waisenhaus bei Nîmes und zu einer Gruppe von Jungen, die dort in den 1940er-Jahren lebten. Und plötzlich erscheinen die Todesfälle, die bislang nicht als Morde betrachtet wurden, in einem anderen Licht …

Autorin

Fred Vargas, geboren 1957, ist ausgebildete Archäologin und hat Geschichte studiert. Sie ist heute die bedeutendste französische Kriminalautorin mit internationalem Renommee. 2004 erhielt sie für Fliehe weit und schnell den Deutschen Krimipreis, 2012 den Europäischen Krimipreis für ihr Gesamtwerk und 2016 den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International für Das barmherzige Fallbeil.

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Fred Vargas

Der Zorn der Einsiedlerin

Kriminalroman

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Quand sort la recluse« bei Flammarion, Paris.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © 2017 by Fred Vargas und Flammarion

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018

by Limes in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Michaela Kolodziejcok

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: Mohamad Itani/Arcangel Images

AF · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-22313-7V001

www.limes-verlag.de

1

Adamsberg saß auf einem Felsblock der Hafenmole und sah den Fischern von Grímsey zu, wie sie von ihrem täglichen Fang zurückkehrten, anlegten, die Netze hochzogen. Hier auf der kleinen isländischen Insel nannte man ihn »Berg«. Seewind, 11 Grad, Sonne leicht verhangen, es stank nach Fischabfällen. Er hatte vergessen, dass er noch vor einiger Zeit Kommissar der Brigade criminelle im 13. Arrondissement von Paris gewesen war, an der Spitze von siebenundzwanzig Beamten. Sein Telefon war in ein Häufchen Schafköttel gefallen, und das Tier hatte es ohne böse Absicht mit einem akkuraten Huftritt noch hineingedrückt. Was eine beispiellose Art war, sein Handy zu verlieren, Adamsberg hatte es gebührend zu schätzen gewusst.

Er sah Gunnlaugur, den Besitzer des kleinen Gasthofs, zum Hafen herunterkommen, wohl um sich die besten Stücke für das Abendessen auszusuchen. Lächelnd gab er ihm ein Zeichen. Aber Gunnlaugur schien nicht seinen guten Tag zu haben. Er beachtete den Beginn der Fischauktion gar nicht, kam geradewegs auf ihn zu, die blonden Brauen gefurcht, und reichte ihm ein Papier.

»Fyrir pig«, sagte er und deutete mit dem Finger auf ihn. [Für dich.]

»Ég?« [Mich?]

Adamsberg, der unfähig war, sich auch nur die einfachsten Begriffe einer fremden Sprache zu merken, hatte sich auf der Insel unerklärlicherweise ein Arsenal von annähernd siebzig Wörtern zugelegt, und das alles in nur siebzehn Tagen. Man drückte sich im Gespräch mit ihm so einfach wie möglich aus und untermalte seine Worte mit Gesten.

Aus Paris natürlich, die Nachricht kam aus Paris, woher sonst. Man rief ihn zurück, was sonst. Traurige Wut stieg in ihm hoch, er schüttelte den Kopf zum Zeichen der Weigerung und wandte das Gesicht zum Meer. Aber Gunnlaugur ließ nicht locker, er faltete das Blatt auseinander und schob es ihm in die Hand.

Frau mit dem Auto überrollt. Ein Ehemann, ein Geliebter. Nicht so einfach. Anwesenheit erwünscht. Weitere Informationen folgen.

Adamsberg senkte den Kopf, er machte die Hand auf und ließ das Blatt mit dem Wind davontreiben. Paris? Wieso Paris? Wo lag das überhaupt, Paris?

»Dauður maður?«, fragte Gunnlaugur. [Ein Toter?]

»Já.«

»Ertu að fara, Berg? Ertu að fara?« [Reist du ab, Berg?]

»Nei«, erwiderte er.

»Jú, Berg«, seufzte Gunnlaugur. [Doch, Berg.]

»Já«, gestand Adamsberg.

Gunnlaugur rüttelte ihn an der Schulter und zog ihn mit sich fort.

»Drekka, borða«, sagte er. [Trinken, essen.]

»Já.«

Der Aufprall des Fahrwerks auf dem Rollfeld von Roissy-Charles de Gaulle löste bei ihm augenblicklich eine Migräne aus, wie er sie seit Jahren nicht mehr erlebt hatte, und gleichzeitig das Gefühl, er würde durchgeprügelt. Es war die Rückkehr, die Attacke von Paris, der großen steinernen Stadt. Es sei denn, es waren die Gläser, die er am Abend zuvor gekippt hatte, als man im Gasthof seinen Abschied begossen hatte. Dabei waren sie sehr klein gewesen, die Gläschen. Aber zahlreich. Und es war der letzte Abend. Und es war Brennivín.

Ein flüchtiger Blick durchs Bullauge. Nur nicht aussteigen, nicht hingehen.

Er war schon da. Anwesenheit erwünscht.

2

Es war Dienstag, der 31. Mai, sechzehn Beamte der Brigade saßen bereits Punkt neun im Sitzungssaal, bestens vorbereitet mit Laptops, Akten und Kaffee, um dem Kommissar den Verlauf der Ereignisse zu schildern, mit denen sie es unter Leitung der Commandants Mordent und Danglard in seiner Abwesenheit zu tun gehabt hatten. Mit ihrer Ungezwungenheit und dem plötzlich einsetzenden Geplauder bekundete die Mannschaft ihm ihre Zufriedenheit, dass sie ihn wiederhatte, sein Gesicht und seine Eigenheiten, ohne dass man sich fragte, ob sein Aufenthalt dort im Norden Islands, auf jener kleinen Insel der Nebelbänke und wechselnden Strömungen, seine Umlaufbahn verändert hatte oder nicht. Und wenn es so war, auch egal, sagte sich Lieutenant Veyrenc, der wie der Kommissar zwischen dem Felsgestein der Pyrenäen aufgewachsen war und ihn mühelos verstand. Er wusste, dass die Brigade mit dem Kommissar an der Spitze mehr einem breiten Schoner glich, der manchmal mit starkem Rückenwind auf sein Ziel zusegelte, manchmal aber auch mit schlaffen Segeln auf der Stelle dümpelte, als einem mächtigen Außenborder, der einen Schwallvon Gischt hinter sich lässt.

Commandant Danglard dagegen befürchtete immer irgendetwas. Er suchte den Horizont nach allen möglichen Bedrohungen ab, schürfte sich sein Leben an der rauen Schale seiner Ängste auf. Schon bei Adamsbergs Abreise nach Island, am Ende einer aufreibenden Ermittlung, hatte ihn Sorge erfasst. Dass ein gewöhnlicher, allenfalls etwas erschöpfter Geist sich zur Entspannung in ein nebliges Land aufmachte, dünkte ihn eine kluge Entscheidung. Sinnvoller jedenfalls, als in die Sonne des Südens zu reisen, deren grausames Licht noch die kleinsten Unebenheiten, die geringste Höhlung eines Kiesels hervorhob, was ganz und gar nichts Entspannendes hatte. Doch dass ein nebulöser Geist in ein nebliges Land reiste, erschien ihm dagegen gewagt und voll möglicher Konsequenzen. Danglard befürchtete gravierende Spätfolgen, vielleicht sogar unumkehrbare. Er hatte ernsthaft in Erwägung gezogen, dass durch eine chemische Fusion der Nebel eines menschlichen Wesens mit denen eines Landes Adamsberg in Island versinken und nie mehr wiederkehren würde. Die Nachricht von der Rückkehr des Kommissars nach Paris hatte ihn ein wenig beruhigt. Als Adamsberg aber den Raum betrat, mit seinem stets etwas wogenden Gang, jeden mit einem Lächeln bedachte, Hände drückte, wurden Danglards Befürchtungen augenblicklich wieder wach. Windiger und wogender denn je, mit unstetem Blick und vagem Lächeln, schien der Kommissar alle genauen Bezugspunkte verloren zu haben, denen seine Ermittlungen ja doch immerhin folgten wie zwar spärlichen, aber beruhigenden Wegemarkierungen. Wirbellos, haltlos, schloss Danglard. Amüsant, noch immer etwas nebelfeucht fand ihn dagegen Veyrenc.

Der junge Brigadier Estalère, der zuständig war für das Kaffeeritual, das er zelebrierte, ohne sich jemals zu irren – sein einziger Exzellenzbereich, wie die meisten seiner Kollegen fanden –, brachte dem Kommissar sofort seinen Kaffee mit der adäquaten Zahl von Zuckerstückchen.

»Dann schießen Sie mal los«, sagte Adamsberg mit sanfter, wie von fern kommender Stimme, die viel zu entspannt klang für einen Menschen, der sich konfrontiert sah mit dem Tod einer siebenunddreißigjährigen Frau, die zweimal von den Rädern eines SUV überrollt worden war, die ihr das Genick und die Beine gebrochen hatten.

Das war vor drei Tagen passiert, vergangenen Samstagabend in der Rue du Château-des-Rentiers. Welches Château? Was für Rentiers?, fragte sich Danglard. Das wusste keiner mehr, aber der Name klang seltsam in diesem Viertel des 13. Arrondissements. Er nahm sich vor, den Ursprung herauszufinden, denn dem enzyklopädischen Geist des Commandants erschien kein Wissen überflüssig.

»Haben Sie die Akte gelesen, die wir Ihnen zu Ihrer Zwischenlandung nach Reykjavík geschickt haben?«, fragte Commandant Mordent.

»Natürlich«, sagte Adamsberg achselzuckend.

Sicher, er hatte sie gelesen während des Fluges von Reykjavík nach Paris. Aber in Wirklichkeit war er gar nicht in der Lage gewesen, sich darauf zu konzentrieren. Er wusste, dass die Frau, Laure Carvin – ausgesprochen hübsche Person, hatte er insgeheim notiert –, zwischen 22.10 Uhr und 22.15 Uhr von diesem SUV getötet worden war. Die präzise Mordzeit erklärte sich aus der sehr geregelten Lebensweise des Opfers. In der Zeit von 14 Uhr bis 19.30 Uhr verkaufte sie Kinderkleidung in einer Luxusboutique des 15. Arrondissements. Danach machte sie sich an die Buchhaltung, und um 21.40 Uhr schloss sie das Ladengitter. Sie überquerte die Rue du Château-des-Rentiers jeden Tag zur gleichen Zeit, an der gleichen Ampel, zwei Schritt von ihrem Haus entfernt. Sie war mit einem reichen Typen verheiratet, einem, der »es zu etwas gebracht hatte«, doch Adamsberg erinnerte sich weder an seinen Beruf noch an sein Bankkonto. Und es war der SUV des Ehemanns, dieses reichen Typen – wie war noch mal sein Vorname? –, der die Frau überfahren hatte, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Es klebte noch Blut am Reifenprofil wie auch an den Kotflügeln. Noch am selben Abend waren Mordent und Justin mit einem Polizeihund die Fahrstrecke der mörderischen Räder abgegangen, er hatte sie geradewegs zu dem kleinen Parkplatz einer Videospielhalle geführt, dreihundert Meter vom Tatort entfernt. Der leicht hysterische Hund hatte eine Menge Streicheleinheiten als Belohnung für seine Leistung verlangt.

Der Chef des Etablissements kannte den Besitzer des blutverschmierten Wagens gut: ein treuer Kunde, der jeden Samstagabend von ungefähr 21 Uhr bis Mitternacht in seiner Halle zubrachte. Wenn er eine Pechsträhne hatte, konnte es vorkommen, dass er bis zur Schließung um 2 Uhr morgens verbissen vor seinem Gerät hockte. Er hatte ihnen den Mann auch gezeigt, Jackett, gelöste Krawatte, sehr auffällig unter all den Kapuzenpullis mit ihren Bierdosen. Der Typ schlug sich wütend mit einem Bildschirm herum, auf dem kadaverähnliche titanische Kreaturen auf ihn einstürzten, die er mit dem Maschinengewehr abknallen musste, um sich seinen Weg auf den Gewundenen Berg des Schwarzen Königs zu bahnen. Als die beiden Beamten der Brigade ihn unterbrachen, indem sie ihm die Hand auf die Schulter legten, schüttelte er heftig den Kopf, ohne seine Joysticks loszulassen, und schrie, dass er bei siebenundvierzigtausend sechshundertzweiundfünfzig Punkten, so dicht vorm Level des Bronzenen Pfads, auf keinen Fall aufhören würde, niemals. Commandant Mordent musste brüllen, um sich im Lärm der Automaten und dem Geschrei der Kunden verständlich zu machen und dem Mann zu eröffnen, dass seine Frau gerade ums Leben gekommen sei, kaum dreihundert Meter weit entfernt von einem Auto überfahren. Da war der Mann über dem Bedienpult zusammengesunken, und das Spiel war aus. Auf dem Bildschirm erschien mit musikalischer Untermalung der Satz: »Goodbye, Sie haben verloren.«

»Und nun behauptet der Ehemann«, sagte Adamsberg, »dass er das Spielcasino nicht verlassen hat?«

»Wenn Sie den Bericht gelesen haben …«, begann Mordent.

»Ich höre es lieber«, fiel Adamsberg ihm ins Wort.

»So ist es. Er habe die Halle nicht verlassen.«

»Und wie erklärt er, dass sein eigener Wagen Blutspuren trägt?«

»Mit der Existenz eines Liebhabers. Der Liebhaber würde seine Lebensgewohnheiten kennen, er hätte sich seinen Wagen ausgeliehen, hätte seine Mätresse überfahren, wäre danach umgekehrt und hätte das Fahrzeug wieder an derselben Stelle geparkt.«

»Um ihm den Mord anzuhängen?«

»Genau, da die Bullen stets den Ehemann beschuldigen.«

»Wie war er so?«

»Wie meinen Sie das?«

»Wie hat er reagiert?«

»Er war wie vor den Kopf geschlagen, aber mehr schockiert als traurig. Später dann, in der Brigade, hat er sich wieder ein wenig gefasst. Das Paar hatte vor, sich scheiden zu lassen.«

»Wegen des Liebhabers?«

»Nein«, sagte Noël mit verächtlicher Grimasse. »Weil ein Mann wie er, ein Anwalt, der so weit nach oben gelangt ist, sich durch eine Frau aus der Unterschicht behindert sieht. Wenn man zwischen den Zeilen seiner Rede zu lesen versteht.«

»Und seine Frau«, fügte der blonde Justin hinzu, »fühlte sich gedemütigt, weil sie von allen Cocktail-Empfängen und Abendessen, die er in seiner Kanzlei im 7. Arrondissement für seine Mandanten und seinen Bekanntenkreis gab, ausgeschlossen blieb. Sie wünschte sich, dass er sie dahin mitnahm, er lehnte ab. Es gab ständig Szenen deshalb. Sie hätte nicht ›in den Rahmen gepasst‹, meint er, sie hätte sich ›danebenbenommen‹. Also so einer ist er.«

»Ein Ekel«, sagte Noël.

»Je mehr er sich fasste«, ergänzte Voisenet, »desto angriffslustiger wurde er, er stritt sich herum, als sähe er sich in seinem Videospiel auf den Höllenpfad gedrängt. Und benutzte immer kompliziertere oder unverständlichere Ausdrücke.«

»Die Strategie ist einfach«, sagte Mordent und schob seinen langen, mageren Hals ruckweise aus seinem Rollkragen, nein, der Commandant hatte in diesen zwei Wochen nichts von seinem Gebaren eines alten, der Prüfungen des Daseins müden Stelzvogels verloren. »Er setzt auf den Kontrast zwischen sich selbst, dem Unternehmensanwalt, und dem Liebhaber.«

»Der wer ist?«

»Ein Araber, das hat er von vornherein ausdrücklich betont, Monteur von Getränkeautomaten. Er wohnt im Nebenhaus. Nassim Bouzid, Algerier, in Frankreich geboren, Frau und zwei Kinder.«

Adamsberg zögerte, aber dann schwieg er. Er konnte seine Mitarbeiter nun wahrlich nicht bitten, ihm die Befragung dieses Nassim Bouzid zu schildern, die im Bericht ebenfalls protokolliert sein musste. Aber er hatte keine blasse Erinnerung an den Mann.

»Was macht er für einen Eindruck?«, riskierte er und bedeutete Estalère, ihm einen zweiten Kaffee zu bringen.

»Ein hübscher Kerl«, antworteteLieutenant Hélène Froissy und drehte ihren Bildschirm zu Adamsberg um, damit er das Foto eines traurigen Nassim Bouzid sah. Lange Wimpern, honigfarbene Augen, die wie geschminkt aussahen, blendend weiße Zähne und ein charmantes Lächeln. »›Alle mögen ihn gern in seinem Haus, wo er sozusagen Mädchen für alles ist. Nassim wechselt Glühbirnen aus, Nassim repariert eine undichte Wasserleitung, Nassim sagt nie Nein.«

»Woraus unser Ehemann schließt, dass er ein schwacher und serviler Charakter ist«, sagte Voisenet. »›Aus dem Nichts gekommen und es zu nichts gebracht‹, so hat er gesagt.«

»Ein Ekel«, wiederholte Noël.

»Ist der Gatte eifersüchtig?«, fragte Adamsberg, der lustlos begonnen hatte, sich ein paar Notizen zu machen.

»Er behauptet, nein«, sagte Froissy. »Er hat nur Verachtung für dieses Verhältnis, aber im Fall einer Scheidung kommt es ihm gelegen.«

»Also?«, sagte Adamsberg und wandte sich wieder an Mordent. »Sie sprachen von einer Strategie, Commandant?«

»Er setzt auf die Reflexe von Polizisten, die er generell für ungebildet, rassistisch und in Stereotypen denkend hält: Hat ein Bulle vor sich einen vermögenden Anwalt mit hochgestochener bis unverständlicher Ausdrucksweise und einen arabischen Kofferträger, wird er immer auf den Araber tippen.«

»Was wären solche hochgestochenen und damit unverständlichen Ausdrücke?«

»Schwer zu sagen«, meinte Voisenet, »da ich sie ja nicht verstanden habe. Wörter wie ›Apperzeption‹ oder auch, warten Sie, ›hetero… heteronom‹. ›Heteronom‹, hat das was mit abweichendem sexuellen Verhalten zu tun? Er hat den Begriff in Bezug auf den Liebhaber gebraucht.«

Alle Blicke richteten sich Hilfe suchend auf Danglard.

»Nein, es bedeutet vielmehr, dass einer nicht autonom ist. Vielleicht sollte man auf sein Spiel eingehen.«

»Da zähle ich auf Sie, Commandant«, erwiderte Adamsberg.

»Wird gemacht«, sagte Danglard, innerlich jubelnd bei dem Gedanken, und für einen Augenblick vergaß er die beunruhigenden Entrücktheiten von Adamsberg und seine gegenwärtige Stümperei. Denn von dem Bericht, den er mit solcher Sorgfalt geschrieben hatte, hatte der Kommissar eindeutig nicht viel mitbekommen.

»Er gebraucht auch viele Zitate«, ergänzte Mercadet, der gerade aus einer seiner schläfrigen Phasen auftauchte.

Mercadet, gleich nach Hélène Froissy der überaus brillante Informatiker der Brigade, litt an Hypersomnie, und ausnahmslos alle Mitarbeiter respektierten das schwere Handicap ihres Kollegen, ja stellten sich schützend vor ihn. Wenn der Divisionnaire davon erfahren hätte, wäre Mercadet auf der Stelle rausgeflogen. Was tun mit einem Polizisten, den alle drei Stunden ein unwiderstehliches Schlafbedürfnis übermannt?

»Und Maître Carvin erwartet, dass man auf seine verdammten Zitate reagiert«, fuhr Mercadet fort, »dass man zum Beispiel den Autor nennt. Er weidet sich an unserer Ignoranz, er ergötzt sich förmlich daran, einen zu zertreten, das ist nicht zu übersehen.«

»Zum Beispiel?«

»So einen Satz hier«, sagte Justin und schlug sein Notizbuch auf, »natürlich auf Nassim Bouzid gemünzt: Die Menschen fliehen das Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden durch Betrug.«

Wieder warteten alle auf einen erhellenden Kommentar von Danglard, der sie von den wiederholten Demütigungen des Anwalts entlasten würde, doch der Commandant hielt es für taktvoller, darauf zu verzichten und sich so auf eine Stufe zu stellen mit der gesamten Brigade in ihrer Unwissenheit. Dieses Zartgefühl verstand zwar keiner, aber man verzieh Danglard, denn man konnte von keinem Menschen verlangen, so unfassbar seine Bildung auch war, alle bedeutenden Sätze aus der Literatur zu kennen.

»Was im Klartext heißt«, nahm Mordent den Faden wieder auf, »dass Anwalt Carvin uns liebenswürdigerweise ein Mordmotiv für Bouzid in die Hände spielt: Bouzid tötet seine Mätresse, um dem Schaden zu entgehen, den sein Ehebruch und die Zerstörung seiner Familie anrichten würde.«

»Und von wem ist dieser Satz, Commandant Danglard?«, fragte Estalère und durchbrach die allgemeine Zurückhaltung in seinem unheilbaren Mangel an Geistesgegenwart – oder auch in seiner anhaltenden Dummheit, wie manche meinten.

»Von Nietzsche«, antwortete Danglard schließlich.

»Und, ist der Typ von Bedeutung?«

»Sehr.«

Adamsberg zeichnete vor sich hin und fragte sich wie so oft schon, welches unergründliche Geheimnis sich hinter Danglards phänomenalem Gedächtnis verbarg.

»Ach so«, meinte Estalère verblüfft und mit weit aufgerissenen grünen Augen.

Aber Estalères grüne Augen waren immer weit aufgerissen, als könnte er sich von seinem grenzenlosen Erstaunen über das Leben nicht erholen. Und vermutlich hatte er recht, dachte Adamsberg. Die Vorstellung dieser brutal zermalmten Frau, zum Beispiel, hatte etwas so Verstörendes, dass sich das Entsetzen darüber auch im Blick spiegeln musste.

»Weil«, fuhr Estalère sehr konzentriert fort, »man kein bedeutender Mensch sein muss, um zu wissen, dass wir die Auswirkungen unserer Lügen fürchten. Wenn diese Furcht nicht wäre, wäre es ja nicht so schlimm, oder?«

»Stimmt«, bestätigte Adamsberg, immer bereit, den jungen Mann zu verteidigen, was kein Mensch verstehen konnte.

Er hob den Stift vom Papier. Er hatte die Silhouette seines Freundes Gunnlaugur gezeichnet, wie er die Fischauktion im Hafen überwachte. Dazu Möwen, Schwärme von Möwen.

»Was spricht für und was gegen ihn?«, fuhr er fort, »bei dem einen wie dem anderen?«

»Der Anwalt«, sagte Mordent, »hat das Alibi der Spielhalle. Das allerdings nicht viel taugt, denn wer in dieser Menge lärmender, besessener Spieler, die nur auf ihren Bildschirm starren, würde mitkriegen, wenn einer für fünfzehn Minuten verschwindet? Außerdem hat er verdammt viel Geld auf der Bank. Im Fall einer Scheidung verlöre er die Hälfte seiner vier Millionen zweihunderttausend Euro, die er dort gebunkert hat.«

»Vier Millionen zweihunderttausend Euro?«, warf der schüchterne Brigadier Lamarre ein. »Wie viele Jahre müsste unsereiner dafür arbeiten?«

»Versuchen Sie’s gar nicht erst herauszufinden, Lamarre«, Adamsberg hob besänftigend die Hand. »Sie tun sich damit nur sinnlos weh. Fahren Sie fort, Mordent.«

»Aber wir haben keinen zwingenden Beweis gegen ihn. Nassim Bouzid dagegen ist in einer heikleren Lage, da gibt es belastendes Material. Auf dem Teppichboden im Wagen haben wir vor dem Beifahrersitz drei weiße Hundehaare gefunden, und am Bremspedal klebte eine rote Faser. Nach den ersten Analysen stammen die Haare eindeutig von Bouzids Hund. Und die Faser ist identisch mit dem Kelim in seinem Esszimmer. Ein Doppel vom Autoschlüssel kann er sich bei seiner Mätresse besorgt haben. Alle Schlüssel hängen dort im Flur.«

»Und warum sollte er den Hund mitnehmen, wenn er seine Geliebte ermorden geht?«, fragte Froissy.

»Bouzid hat eine Frau. Was gibt es Besseres, als ihr zu sagen, er gehe mit dem Hund Gassi?«

»Und wenn der Hund nun schon pinkeln war?«, fragte Noël.

»War er nicht«, sagte Mordent, »es ist genau die Zeit, zu der er immer ausgeführt wird. Bouzid gibt bereitwillig zu, dass er draußen war, aber er schwört, dass er nie der Liebhaber von Laure Carvin gewesen ist. Ja, er versichert sogar, die Frau nicht mal zu kennen. Vom Sehen vielleicht, so auf der Straße. Wenn er die Wahrheit sagt, hätte Anwalt Carvin sich seinen Sündenbock mit Bedacht ausgesucht. Die paar Hundehaare und eine Teppichfaser hätte er aus Bouzids Wohnung mitnehmen können, das Schloss kriegt man mit dem Fingernagel auf. Finden Sie diese beiden Details nicht ein bisschen übertrieben?«

»Eins hätte in der Tat genügt.«

»Das haben Menschen so an sich, die allzu stolz auf ihre Intelligenz sind«, mischte Danglard sich ein. »Ihre Selbstgefälligkeit blendet sie, sie schätzen die anderen nicht richtig ein und tun darum entweder ein bisschen zu viel oder nicht genug. Ihr Eichmaß ist, entgegen ihrer Selbsteinschätzung, nicht verlässlich.«

»Außerdem«, Justin hob die Hand, »sagt Bouzid, dass er den Hund immer in eine Tasche setzt, wenn er ihn mit ins Auto nimmt. Und in der Tat haben wir in seinem eigenen Wagen kein einziges Haar gefunden. Weder vom Hund noch vom Teppich.«

»Sind die beiden Männer gleich groß?«, fragte Adamsberg, während er das Porträt von Gunnlaugur mit dem Gesicht zur Tischplatte drehte.

»Bouzid ist kleiner.«

»Weshalb er den Sitz und die Rückspiegel für sich verändert haben müsste. In welcher Position waren sie?«

»Für große Leute. Also entweder hat Bouzid nach seiner Rückkehr daran gedacht, die Einstellung wieder zu korrigieren, oder der Anwalt hat sie gelassen, wie sie war. Auch hier kommen wir also nicht weiter.«

»Und die Fingerabdrücke im Auto? Lenkrad, Schalthebel, Türen?«

»Wohl geschlafen im Flieger?«, bemerkte Veyrenc grinsend.

»Kann sein, Veyrenc. Es stinkt.«

»Sicher stinkt’s. Wir kommen nicht weiter, wir beißen immer wieder auf Granit.«

»Ich meine, es stinkt wirklich, hier im Raum stinkt’s. Riecht ihr nichts?«

Die Mitarbeiter hoben sämtlich den Kopf, um den Geruch auszumachen. Seltsam, dachte Adamsberg, dass der Mensch instinktiv die Nase um zehn Zentimeter hebt, wenn es darum geht, einen Geruch wahrzunehmen. Als ob zehn Zentimeter auch nur das Geringste ändern würden. Von jenem tierischen Instinkt getrieben, der sich seit Urzeiten erhalten hat, erinnerte die Schar seiner Beamten durchaus an eine Gruppe Rennmäuse, die den Geruch des Feindes zu wittern versuchen.

»Stimmt«, sagte Mercadet, »es riecht etwas brackig.«

»Es riecht nach altem Hafen«, präzisierte Adamsberg.

»Finde ich nicht«, sagte Voisenet ziemlich entschieden. »Wir sehen später nach.«

»Wo waren wir stehengeblieben?«

»Bei den Fingerabdrücken«, sagte Mordent, der, am oberen Ende des langen Tisches neben Danglard sitzend, nichts Unangenehmes gerochen hatte.

»Genau. Fahren Sie fort, Commandant.«

»Die Fingerabdrücke«, und Mordents Reiherblick überflog seine Notizen mit schnellen, ruckartigen Kopfbewegungen, »passen zur einen wie zur anderen Version. Alles ist abgewischt. Entweder von Bouzid oder dem Anwalt, um Bouzid zu belasten. Es war nicht ein Haar auf der Kopfstütze.«

»Nicht einfach«, murmelte Mercadet, dem Estalère gerade zwei Tassen Kaffee auf einmal serviert hatte, beide randvoll.

»Weshalb wir uns entschieden haben, Sie schon etwas vor der Zeit zurückzurufen«, ergänzte Danglard.

Er war es also, schloss Adamsberg. Danglard, der ihn aus seinem sanften Schlingern gerissen und so dringlich zurückbeordert hatte. Der Kommissar beobachtete seinen ältesten Stellvertreter und kniff dabei die Augen leicht zu. Danglard hatte Angst um ihn gehabt, das stand fest.

»Kann ich Bilder von den beiden Männern sehen?«, fragte er.

»Sie haben die Fotos gesehen«, meinte Froissy, aber drehte ihren Bildschirm noch einmal in seine Richtung.

»Ich will sie in Bewegung sehen, während der Befragungen.«

»An welchem Punkt der Befragungen?«

»Egal. Sie können sogar den Ton wegnehmen. Ich will nur ihren Gesichtsausdruck sehen.«

Danglard spannte sich. Von jeher hatte Adamsberg diesen entsetzlichen Hang, Menschen nach ihren Gesichtern zu beurteilen, darin das Gute vom Bösen zu trennen, was Danglard ihm laut vorwarf. Adamsberg wusste es und spürte, wie sein Stellvertreter sich verkrampfte.

»Tut mir leid, Danglard«, und dabei lächelte er auf seine schräge Art, die widerstrebende Zeugen verführte, ja mitunter sogar Gegner entwaffnete. »Heute habe nun mal ich ein Zitat zu meiner Rechtfertigung. Ich fand das Buch in Reykjavík, jemand hatte es auf einem Stuhl liegen lassen.«

»Nämlich?«

»Augenblick, ich weiß so was ja nicht auswendig«, sagte er, während er in seinen Taschen wühlte. »Hier: ›Das gewohnte Leben prägt die Seele, und die Seele prägt die Physiognomie.‹«

»Balzac«, brummte Danglard.

»Genau. Und den lieben Sie, Commandant.«

Adamsbergs Lächeln wurde noch breiter, er faltete das Blatt zusammen.

»Und in welchem Buch steht das?«, fragte Estalère.

»Aber das ist doch völlig egal, Brigadier!«, sagte Danglard.

»Es war«, wandte Adamsberg zur Verteidigung Estalères ein, »die Geschichte eines braven, nicht sehr schlauen Pfarrers und einiger gehässiger Seelen, die den Pfarrer am Ende zur Strecke bringen. Sie spielte, glaube ich, in Tours.«

»Und der Titel?«

»Den weiß ich nicht mehr, Estalère.«

Enttäuscht warf Estalère seinen Stift hin. Er verehrte Adamsberg, ebenso wie die mächtige Retancourt, das genaue Gegenstück zu Adamsberg, und er versuchte den Kommissar in allem nachzuahmen, so zum Beispiel auch dieses Buch zu lesen. Den Wunsch, Retancourt nachzueifern, hatte er dagegen instinktiv fallen gelassen. Denn mit ihr konnte es kein Mann und keine Frau aufnehmen, selbst der überhebliche Noël hatte es am Ende begriffen. Danglard kam dem jungen Mann schließlich zu Hilfe.

»Die Novelle heißt Der Pfarrer von Tours.«

»Danke«, sagte Estalère herzlich und notierte es stockend, denn er war Dyslektiker und hatte Schwierigkeiten beim Schreiben. »Mit dem Titel allerdings hat Balzac sich kein Bein ausgerissen.«

»Von einem Balzac, Estalère, sagt man nicht, dass er sich ›kein Bein ausgerissen‹ hat.«

»Verstehe, Commandant. Ich werde es nicht noch mal sagen.«

Adamsberg drehte sich zu Froissy um.

»Also, Froissy, zeigen Sie mir nun mal die Visagen der beiden Burschen. Und während ich sie mir ansehe, können Sie alle Ihre Pause machen.«

Zehn Minuten später, er saß allein vor dem Bildschirm, wurde Adamsberg sich bewusst, dass er bis auf die allerersten Bilder von Maître Carvin nichts gesehen, nichts gehört hatte. Der Isländer Brestir hatte ihn unter dem beifälligen Blick der anderen Seeleute aufgefordert, mit zum Fischen zu kommen. Eine große Ehre für einen Fremden, so viel stand fest, eine Ehre, die man dem Besieger jenes teuflischen Inselchens erwies, dessen schwarzes Relief man wenige Kilometer vorm Hafen liegen sah. Adamsberg durfte, kaum waren die Netze eingeholt, beim Sortieren der Fische mithelfen, wobei sie die jungen Fische, die trächtigen Weibchen und alles Ungenießbare ins Meer zurückwarfen. Dort auf dem glitschigen Deck, die Hände im Netz, sich die Haut an den Schuppen aufschürfend, hatte er diese zehn Minuten verbracht. Brutaler Schnitt, er sah vor sich wieder das Gesicht von Maître Carvin, versetzte den Rechner in den Ruhemodus und ging hinaus zu seinen über den großen Büroraum verstreuten Mitarbeitern.

»Und?«, fragte Veyrenc.

»Noch zu früh, um etwas sagen zu können«, erwiderte Adamsberg ausweichend. »Ich muss mir das noch mal anschauen.«

»Natürlich«, sagte Veyrenc lächelnd. Feucht, glitschig, dachte er, man kriegte ihn einfach nicht zu fassen.

Adamsberg bedeutete Froissy, dass er an ihren Laptop zurückkehrte, unterbrach sich aber dann.

»Es stinkt wirklich«, sagte er. »Und es kommt aus diesem Raum.«

Mit um zehn Zentimeter erhobener Nase begann der Kommissar durch den Saal zu gehen, wie ein Polizeihund dem ekelerregenden Geruch hinterherschnüffelnd, und blieb schließlich vor Voisenets Schreibtisch stehen. Voisenet war Polizist, und sogar ein sehr guter, aber seit seiner Jugend auch leidenschaftlicher Ichthyologe, was zu seiner Laufbahn zu machen sein Vater ihm jedoch vehement untersagt hatte, so dass er seiner Passion nur heimlich frönen konnte. Den Begriff »Ichthyologie« hatte Adamsberg sich schließlich sogar gemerkt: Voisenet war Spezialist für Fische, insbesondere Süßwasserfische. Man hatte sich daran gewöhnt, dass auf seinem Schreibtisch immer alle möglichen Fachzeitschriften und Artikel herumlagen, und Adamsberg tolerierte es in gewissen Grenzen. Aber es war das erste Mal, dass echter, übler Fischgeruch von Voisenets Territorium ausging. Stutzig geworden, lief Adamsberg um den Schreibtisch herum und zog einen großen Gefrierbeutel unter dem Stuhl hervor. Voisenet, ein kurzbeiniger kleiner Mann mit schwarzem Haar, kugeligem Bauch und vollen roten Wangen, richtete sich mit aller Würde auf, die seine Statur ihm erlaubte. Ein verhöhnter, zu Unrecht beschuldigter Mann, wollte er mit seiner Haltung sagen.

»Das ist privat, Kommissar«, sagte er laut.

Adamsberg riss mit einem Ruck die Klammern auf, die den Beutel verschlossen, und öffnete ihn weit. Er schrak zurück und ließ das Ganze los, das mit schwerem, weichem Geräusch auf den Boden fiel. Es war Jahre her, dass der Kommissar vor etwas zurückgeschreckt war. Seine wenig nervöse, um nicht zu sagen infranervöse Natur konnte so leicht nichts erschüttern. Doch außer dem pestilenzialischen Gestank, der dem Beutel entstieg, hatte der grässliche Anblick seines Inhalts ihm diesen Schock versetzt. Der widerliche Kopf eines Tieres mit starrem Blick und aufgerissenem, riesigem Maul, das mit Furcht erregenden Zähnen geharnischt war.

»Was ist das für ein Dreckzeug?«, schrie er.

»Das ist mein Kescher«, erklärte Voisenet.

»Es ist nicht Ihr Kescher!«

»Es ist eine Muräne, eine gefleckte Muräne aus dem Atlantik«, erwiderte Voisenet selbstbewusst. »Genauer gesagt, ein Muränenkopf mit sechzehn Zentimetern Körper. Und das ist weiß Gott kein Dreckzeug, sondern ein wunderschönes Exemplar von einem männlichen Tier, das eine Länge von 1,55 Meter hatte.«

Wutausbrüche von Adamsberg waren so selten, dass die Mitarbeiter betroffen aufstanden und brabbelnd und mit zugehaltener Nase an dem Tier vorbeidefilierten, sich aber auch sofort wieder abwandten. Selbst der hartgesottene Lieutenant Noël murmelte: »Hier darf man ja wohl mal sagen, dass die Natur ihr Ding vermasselt hat.« Nur die stämmige, robuste Retancourt zeigte keinerlei Reaktion angesichts des abstoßenden Fischkopfes und kehrte unbeeindruckt an ihren Platz zurück. Danglard lächelte verstohlen, er war entzückt über den Vorfall, der, so meinte er, den Kommissar brutal in die Wirklichkeit zurückholte, in das Reich der echten Emotionen. Adamsberg aber war verärgert über sich. Er bedauerte, dass er die Insel Grímsey verlassen hatte, bedauerte, dass er zusammengezuckt und laut geworden war, bedauerte, dass er sich nur so halbherzig für den grauenvollen Tod der kleinen Frau unter den Rädern eines SUV interessierte.

»Aber eine Muräne, das ist schon was«, sagte Estalère, fassungsloser denn je.

Voisenet nahm seinen Gefrierbeutel mit Würde wieder an sich.

»Ich bringe den Fisch zu mir nach Hause«, sagte er und maß seine Kollegen mit verächtlichem Blick wie eine Horde bornierter, in ihren Vorurteilen befangener Gegner.

»Gute Idee«, sagte Adamsberg, der sich schon fast beruhigt hatte. »Ihre Frau wird sich über das Mitbringsel freuen.«

»Ich lasse ihn von meiner Mutter zubereiten.«

»Das zeugt von Verstand. Mütter verzeihen alles.«

»Ich habe nicht wenig dafür gezahlt«, wandte Voisenet ein, dem daran gelegen war, den Wert seines Fisches zu beweisen. »Mein Händler führt mitunter recht außergewöhnliche Stücke. Vor zwei Monaten hatte er einen ganzen Schwertfisch im Angebot, mit einem Schwert von einem Meter Länge. Ein Traum. Aber ich konnte ihn mir nicht leisten. Bei der Muräne hat er mir einen guten Preis gemacht, weil sie schon zu verderben begann. Da habe ich zugeschlagen.«

»Kann man verstehen«, sagte Adamsberg. »Schaffen Sie mir das Viech auf der Stelle hier raus, Voisenet. Sie hätten das Ding ja auch draußen in den Hof legen können. Wir werden drei Tage brauchen, die Räume zu lüften.«

»In den Hof? Damit man ihn mir klaut?«

»Immerhin«, wiederholte Estalère, »so eine Muräne, das ist schon was.«

Voisenet nickte dem Brigadier dankbar zu. Er glitt hinter seinen Schreibtisch, und mit raschem, beinahe verstohlenem Griff schaltete er seinen Bildschirm aus. Dann verließ er den Ort ohne alle Eleganz – die besaß er nicht –, aber doch mit einer gewissen Forschheit, seine schwere Trophäe am Arm schwenkend, voller Verachtung für die Banausen-Truppe seiner Kollegen. Aber konnte man von Bullen etwas anderes erwarten?

»Und ihr anderen, macht alle weit die Fenster auf!«, befahl Adamsberg. »Kommen Sie, Froissy, wir sehen uns den Mitschnitt noch mal von vorne an.«

»Ist Ihnen etwas aufgefallen?«

»Vielleicht«, log Adamsberg. »Einen kleinen Moment, bitte, warten Sie.«

Misstrauisch trat der Kommissar noch einmal hinter den Schreibtisch seines Ichthyologen-Kollegen. Warum hatte Voisenet seinen Bildschirm ausgeschaltet, bevor er ging? Er schaltete ihn wieder ein, es erschien die zuletzt von ihm konsultierte Website. Da waren weder eine Muräne zu sehen noch irgendwelche polizeilichen Vermerke. Dafür das Foto einer kleinen braunen, nicht sonderlich interessanten Spinne. Unbefriedigt ging er nacheinander alle Seiten durch, die der Lieutenant zuletzt im Internet aufgerufen hatte. Spinne, Spinne, immer die gleichen zoologischen Artikel, Verbreitung in Frankreich, Lebensweise und Ernährungsgewohnheiten, Gefährlichkeit, Paarungszeiten, dazu Zeitungsausschnitte jüngeren Datums mit reißerischen Überschriften: Kehrt die Einsiedlerspinne zurück? Ein Mann in Carcassonne durch Spinnenbiss ums Leben gekommen. – Müssen wir uns fürchten vor der Braunen Einsiedlerspinne? Ein zweites Opfer in Orange.

Adamsberg unterbrach seine Lektüre. Froissy wartete, elegant, sehr gerade, sehr schlank. Gemessen an der Menge der Nahrungsmittel, die sie vertilgte – in aller Heimlichkeit, wie sie meinte –, getrieben von der panischen Angst, es könnte ihr mal an irgendetwas fehlen, blieb die Vollkommenheit ihrer Figur ein Rätsel.

»Lieutenant«, sagte Adamsberg zu ihr, »erfassen Sie mir mal sämtliche Dateien, die Voisenet sich in den letzten drei Wochen angesehen hat. Und die was mit einer Spinne zu tun haben.«

»Was für einer Spinne?«

»Der Einsiedlerspinne. Oder auch Violinen-Spinne. Kennen Sie sie?«

»Mitnichten.«

»Spinnen sind nicht sein Forschungsgebiet. Er hat uns schon zur Genüge mit Nebelkrähen, Siebenschläferkot und Fischen unterhalten, dafür ist er bekannt, aber mit Spinnen noch nie. Ich würde gern wissen, wo unser Lieutenant sich so herumtreibt.«

»Es ist nicht sehr korrekt, im Rechner eines Kollegen herumzuschnüffeln.«

»Sehr nicht. Aber ich möchte es sehen. Können Sie mir das Ganze auf meinen Rechner schicken?«

»Selbstverständlich.«

»Perfekt, Froissy. Und hinterlassen Sie keine Spuren.«

»Ich hinterlasse nie Spuren. Und was soll ich den Kollegen sagen, die mich fragen werden, was ich an Voisenets Computer mache?«

»Sagen Sie, er habe Sie auf einen Programmierfehler aufmerksam gemacht. Und Sie nutzten seine Abwesenheit, um das in Ordnung zu bringen.«

»Er stinkt mächtig, sein Schreibtisch.«

»Ich weiß, Froissy, ich weiß.«

3

Diesmal konnte Adamsberg sich auf die Befragungen des Proletariers Nassim Bouzid und des hochmütigen Maître Carvin konzentrieren. Mehrmals ließ er einige Passagen durchlaufen, in denen der Anwalt ohne die geringste Scheu sein Überlegenheitsbewusstsein und seinen Zynismus ausspielte. Seine »Strategie«, wie Mordent gesagt hatte, aber vor allem sein Temperament. Adamsberg meinte, dass der Commandant sich über die wahre Natur dieser Strategie täuschte.

Mordent: Ihr Bankkonto weist ein Guthaben von vier Millionen zweihundertsechsundsiebzigtausend Euro auf. Davon waren Sie vor nicht mal sieben Jahren weit entfernt.

Carvin: Sie haben doch von der massenhaften Rückkehr der Steuerflüchtlinge gehört? Die sich bemühen, ihre Steuerbereinigung gegenüber dem Staat zu den bestmöglichen Bedingungen zu verhandeln? Nun, das ist das reinste Manna für einen Anwalt, glauben Sie mir. Vorausgesetzt, er hat die entsprechende Fachkompetenz. In puncto Recht, natürlich, aber vor allem was die Schliche des Rechts angeht. Geist und Buchstabe des Gesetzes, Sie verstehen? Ich favorisiere den Geist in seiner unendlichen Geschmeidigkeit.

Voisenet: …

Carvin: Aber ich sehe nicht, was das mit dem Tod meiner Frau zu tun hat.

Mordent: Nun, ich frage mich, warum Sie mit einem solchen Vermögen noch immer zur Miete in dieser Dreizimmer-Parterrewohnung in der tristen Impasse des Bourgeons wohnen.

Carvin: Was hat das schon zu sagen? Ich verbringe meine Tage in der Kanzlei, einschließlich der Wochenenden. Ich komme spät nach Hause, und dann schlafe ich.

Voisenet: Essen Sie zu Hause zu Abend?

Carvin: Selten. Meine Frau ist zwar eine gute Köchin, aber man muss an seinem Netzwerk arbeiten. Das Netzwerk ist für unsereinen der Garten.

»Plumpe Anspielung auf Voltaire«, murmelte Danglard, der hinter Adamsberg getreten war. »Als wäre dieser Schnösel auch nur irgendwie berufen, ihn zu zitieren.«

»Ein Ekel«, sagte Adamsberg.

»Aber er schafft es, Voisenet aus dem Konzept zu bringen.«

Voisenet: …

Carvin: Lassen Sie’s sein, Lieutenant. Ich warte immer noch darauf, dass Sie mir den Zusammen-

hang mit dem Tod meiner Frau erklären.

Mordent: Wie ein großer König einst auf seine Kutsche wartete.

Man sah, wie Carvin mit den Schultern zuckte. Danglard verzog das Gesicht.

»Guter Versuch«, sagte er, »aber an der falschen Stelle. Carvin hat sie alle beide abgehängt.«

»Warum haben nicht Sie die Befragung durchgeführt, Danglard?«

»Ich wollte, dass Carvin vor uns das ganze Spektrumseiner Vernichtungstaktik sichtbar werden lässt. Vernichtung der Bullen, vielleicht auch seiner Frau. Dass er auf diese Weise seine verborgene Gewaltbereitschaft zu erkennen gibt. Aber ich begreife nicht, worauf er hinauswill. Dass er die Bullen demütigt, macht es ihm doch auch nicht leichter, sie in die Tasche zu stecken, im Gegenteil.«

»Er demütigt sie nicht, Danglard, er beherrscht sie. Das ist etwas ganz anderes. Unser Zoologe Voisenet würde Ihnen sagen, dass das Rudel der Polizisten dem Willen des dominanten Männchens, Carvin, mit gesenktem Haupt folgen wird. Weil Carvin das, hierarchisch gesprochen, dominante Männchen der Brigade – Commandant Mordent – besiegt hat. Sie, Danglard, sind nur nicht so empfänglich für Carvins Attacken, weil Sie selbst ein Alphatier sind.«

»Ich?«

»Já.«

Danglard schwieg verwirrt, nahm er sein Leben doch eher als Verkettung von Ängsten und Unzulänglichkeiten wahr, ausgenommen seine fünf Kinder.

»Es war zweifellos ein Fehler von Ihnen, Danglard, dass Sie nicht selbst die Federführung bei dieser Befragung übernommen haben. Sie hätten den Herrn Advokaten an die Wand gespielt, und die Brigade hätte sich stärker gefühlt. Mögen unsere Leute ihn auch spöttisch behandeln, sagen, dass er ein ›Ekel‹ ist – was stimmt –, sie sind ihm dennoch partiell ergeben. Und darum nicht sehr geeignet, über den Urheber dieses Verbrechens sachlich zu urteilen.«

»Es ist keiner eine dominante Person, nur weil er hier und da ein bisschen Voltaire oder Nietzsche zu zitieren weiß.«

»Es kommt immer auf den Kontext an. In unserem Fall setzt Carvin auf den Umstand, dass eine Polizeibrigade nicht unbedingt ein Ort ist, wo der Geist Funken schlägt. Also greift er uns mit genau dieser Waffe an, trifft uns an unserem schwächsten Punkt. Verdammt, Danglard, dieses Gefecht hätten Sie führen müssen.«

»Tut mir leid, so habe ich die Dinge nicht gesehen.«

»Noch ist es nicht zu spät.«

Mordent: Aber Ihre Frau verbrachte jeden Abend und jeden Morgen zu Hause. Seit wie vielen Jahren?

Carvin: Seit über fünfzehn Jahren.

Mordent: Haben Sie niemals in Erwägung gezogen, ihr ein lichteres Zuhause zu bieten, in einem weniger einsamen Viertel, wenn sie so spät am Abend heimkehrte?

Carvin: Commandant, man reißt eine Napfschnecke nicht von ihrem Felsen.

Mordent: Das heißt?

Carvin: Wenn ich den Fehler begangen hätte, meine Frau aus diesem Viertel herauszuholen, hätte ich ihre Wurzeln wie mit der Axt gekappt. Ihretwegen habe ich diese Wohnung behalten. In den hohen Räumen der Haussmann’schen Boulevards hätte sie jeden psychosozialen Halt verloren.

Voisenet: Glauben Sie nicht an die Macht der Anpassung? Durch die sich Intelligenz ja definiert?

»Voisenet versucht Boden zu gewinnen«, meinte Adamsberg. »Jetzt ist er auf seinem Gebiet: dem der Viecher.«

»Und es wird keinerlei Wirkung haben.«

»Ich weiß. Diese Stelle habe ich mir schon zweimal angesehen.«

Carvin: Meine Frau war nicht intelligent, Lieutenant.

Mordent: Und warum haben Sie sie dann geheiratet?

Carvin: Wegen ihres Lachens, Commandant. Ich selbst lache nicht. Und dieses erfrischende Lachen schlug jeden in seinen Bann, sogar den Araber. Es war kein ordinäres Lachen, es brach nicht wie ein Sturzbach, eine Kaskade aus ihr heraus, es perlte in Tropfen, ein Seurat, wenn Sie so wollen.

Mordent: …

Carvin: Und dieses Lachen wird mir fehlen.

Voisenet: Nicht so wie die zwei Millionen, die sie im Fall einer Scheidung mitgenommen hätte.

Carvin: Ein so vitales Lachen lässt sich nicht beziffern. Selbst als geschiedener Mann – und so weit waren wir noch gar nicht – hätte ich weiterhin mein Quäntchen aus diesem Quell schöpfen wollen«.

»Mir reicht’s«, sagte Adamsberg und hielt das Video mit einem energischen Mausklick an.

»Und Nassim Bouzid?«

»Den habe ich.«

»Und was meinen Sie nun zu den beiden Kerlen? Was lesen Sie in ihren ›Visagen‹?«

»Es gibt Zeichen, Falten, Markierungen, Gesten. Aber das reicht nicht aus. Bevor ich heute Morgen in die Brigade kam, bin ich die Strecke zwischen der Spielhalle und dem Tatort hin und zurück abgelaufen. Und da habe ich etwas Interessantes bemerkt.«

»Wir haben die Zeit schon gestoppt.«

»Das meine ich nicht, Danglard. Ich meine die Reste von Splitt, die da noch auf einer Baustelle liegen.«

»Und?«

»Wir sind uns doch darüber einig, dass unter den Milliarden Löwenzahnpflanzen, die auf dieser Erde wachsen, es keine zwei gleichen gibt?«

»Gewiss.«

»Dasselbe gilt für Autofahrer. Keine zwei Fahrer, die einander gleichen. Bestellen Sie Löwenzahn Nummer 1, Carvin, zu 14 Uhr, und Löwenzahn Nummer 2, Bouzid, zu 15 Uhr in die Brigade. Wir werden eine Runde drehen. Und lassen Sie die Leute von der Spurensicherung kommen, sie sollen da sein, wenn ich zurückkomme.«

»Sehr gut, dann bleibt uns ja noch genügend Zeit, um essen zu gehen.«

»Drekka, borða«, sagte Adamsberg lächelnd. [Trinken, essen.]

Na gut, sagte sich Danglard. Jetzt sprach Adamsberg schon Isländisch – wie hatte er diese paar Wörter bloß gelernt? Doch seit dem Zwischenfall mit der Muräne sah es ja so aus, als sei er wieder ein wenig bei ihnen angekommen.

»Noch etwas, Danglard«, sagte Adamsberg im Aufstehen. »Gegen 14.30 Uhr, wenn ich mit Carvin von der Spazierfahrt zurück bin, werden Sie ihn befragen. Aber diesmal schlagen Sie ihn mit seinen eigenen Waffen. Ich will, dass er von seinem hohen Ross herunterkommt. Anschließend soll sich die ganze Brigade die Aufzeichnung anhören. Das wird sie wieder zur Vernunft bringen. Ich will, dass jeder unserer Mitarbeiter für Carvin wie für Nassim Bouzid die gleiche Wahrnehmung entwickelt. Also, gehen Sie mit seinen eigenen Waffen gegen ihn vor und zertreten Sie ihn.«

Danglard verließ den Raum mit etwas weniger schlaffem Schritt als sonst, auf etwas festeren Beinen, ein klein wenig aufgehellt durch seinen neuen Rang als »Alphatier«, an den er mitnichten glaubte.

Und diese Sache mit dem Splitt hatte er absolut nicht verstanden.

4

Maître Carvin war ein kaltblütiger Mensch, weder ungeduldig noch cholerisch, und als Lamarre und Kernorkian zu ihm in die Kanzlei kamen und ihn mitten in der Arbeit unterbrachen, um ihn in die Brigade mitzunehmen, bat er sie, fünf Minuten zu warten, damit er eine Seite beenden konnte, dann folgte er ihnen widerstandslos.

»Worum geht es diesmal?«, fragte er.

»Der Kommissar«, begann Kernokian zu erklären.

»Oh, der! Er ist also zurück? Ich habe so einiges über ihn gehört.«

»Er will Sie sehen, Sie und Nassim Bouzid.«

»Vollkommen normal. Ich bin bereit, ihm Rede und Antwort zu stehen.«

»Ich glaube gar nicht mal, dass er mit Ihnen reden will, er will im Auto mit Ihnen eine Runde fahren.«

»Was schon nicht mehr ganz so normal ist. Aber ich nehme an, er weiß, was er tut.«

Adamsberg hatte in seinem Büro zu Mittag gegessen und dabei noch einmal den Bericht gelesen, den er auf dem Flughafen von Reykjavík erhalten hatte. Er las wie üblich im Stehen, in dem kleinen Raum auf und ab gehend. Der Kommissar arbeitete selten im Sitzen, wenn es sich denn vermeiden ließ. Und während er las, wobei er jedes Wort leise vor sich hin murmelte – was seine Zeit brauchte –, konnte er nicht verhindern, dass Voisenets kleine Spinne ihm durchs Gemüt lief, immer von links nach rechts. Sie lief sehr bedächtig, wie um nicht bemerkt zu werden, um nicht zu stören. Aber stören tat sie bereits, seit Adamsberg wusste, dass sie durch Froissys Talent nun auch in seinem eigenen Rechner wohnte. Er legte den Bericht auf den Tisch und schaltete den Bildschirm ein. Lieber gleich wissen, was es mit dieser Spinne auf sich hatte, dann sollte sie sich aus dem Staub machen. Lieber gleich wissen, was Voisenet mit diesem Tierchen im Sinn hatte, selbst heute Morgen noch, als er doch voll auf die bevorstehende Versammlung hätte konzentriert sein müssen wie auch auf das Problem mit seiner vor sich hin gammelnden Muräne. Warum also hatte er dennoch ein weiteres Foto der Einsiedlerspinne aufgerufen?

Immer noch im Stehen öffnete er die Datei, die Froissy ihm auf seinen Rechner überspielt hatte, und sah sich die Vorgeschichte an: Schon seit achtzehn Tagen beobachtete der Lieutenant seine Spinne. Heute Morgen hatte er die wichtigsten Lokalzeitungen des Departements Languedoc-Roussillon durchgesehen und erneut verschiedene Diskussionsforen zum Thema überflogen. In denen wurde ziemlich erbittert über die zurückgezogen lebende Spinne debattiert. Da trafen die Ängstlichen, die angeblichen Kenner, die Pragmatiker, die Umweltschützer, die Panikmacher aufeinander. Voisenet hatte sogar noch Nachrichten aus dem vergangenen Sommer hochgeladen, wo in derselben Region sechs nicht tödliche Bisse von Einsiedlerspinnen Panik gesät hatten bis hinauf in einige überregionale Wochenzeitungen. Und das alles, weil ein von irgendwoher aufgetauchtes Gerücht seinen üblen Atem verbreitete: War die Braune Einsiedlerspinne aus Amerika in Frankreich angekommen? Die nämlich galt als gefährlich. Wo hielt sie sich auf, und wie zahlreich war sie? Es gab ein maßloses Geschrei, bis eine seriöse Forscherin auf den Plan trat und dem Ganzen ein Ende setzte: Nein, die amerikanische Spinne hatte sich in Frankreich nicht blicken lassen. Eine ihrer Verwandten hingegen hatte hier schon immer gelebt, im Südosten des Landes, und sie war nicht giftig. Zumal sie, von Natur aus ängstlich und nicht aggressiv, zurückgezogen in ihrem Loch lebte und das Risiko, mit einem menschlichen Wesen zusammenzutreffen, daher eher selten war. Um die aber handelte es sich, um keine andere, Loxosceles rufescens – den Namen konnte Adamsberg nicht mal murmelnd aussprechen.

Bis im Frühjahr besagte kleine Spinne zwei alte Männer biss. Aber diesmal starben die Gebissenen daran. Diesmal also hatte die Einsiedlerin sehr wohl getötet. Die Tode, so meinten einige, seien allein dem hohen Alter der Opfer geschuldet. Darüber war eine Polemik entbrannt, die schon wieder über hundert Seiten füllte, nach allem, was Adamsberg in der Eile feststellen konnte. Er warf einen Blick auf die Uhr des PC. 13.53 Uhr, Maître Carvin würde gleich in der Brigade sein. Er durchquerte den Büroraum, der trotz der geöffneten Fenster noch immer stank, und nahm sich aus dem Schrank den Schlüssel des einzigen Spitzenklassewagens, den die Brigade besaß. Was mochte Voisenet nur an dieser verdammten Spinne finden? Zwei Männer waren gestorben, gewiss, ihre geschwächte Immunkraft war dem Gift nicht gewachsen gewesen, klar, aber musste der Lieutenant deswegen die Situation seit nunmehr fast drei Wochen Tag für Tag verfolgen? Es sei denn, eines der Opfer war ein ihm nahestehender Mensch, ein Freund oder Angehöriger. Adamsberg verscheuchte die Einsiedlerin aus seinen Gedanken und beeilte sich, den Anwalt draußen auf dem Bürgersteig abzufangen, bevor seine vergesslichen Beamten ihn in den faulig riechenden Raum führen würden, der das Großraumbüro zurzeit war.

»Sie holen den Galaschlitten für ihn raus, Kommissar?«, warf ihm Retancourt im Vorbeigehen zu. »Sind Sie dem hochmütigen Charme des Herrn Anwalt nun auch schon erlegen?«

Adamsberg neigte den Kopf und sah sie lächelnd an.

»Haben Sie mich schon vergessen, Retancourt? In nur siebzehn Tagen?«

»Nein. Da muss ich wohl was verpasst haben.«

»Ja, Lieutenant. Den Splitt auf dem Weg zurück in die Spielhalle.«

»Den Splitt«, wiederholte sie nachdenklich. »Mehr können Sie mir wohl nicht sagen?«

»Aber sicher. Es gibt keine zwei Löwenzahn auf Erden und auch keine zwei Autofahrer, die sich absolut gleichen, das ist alles.«

»Das ist alles. Und da befürchtete Danglard, Sie hätten sich verändert.«

»Vermutlich ist es schlimmer geworden mit mir, aber kein Grund zur Aufregung. Sagen Sie«, fügte er hinzu und ließ die Autoschlüssel an seinen Fingerspitzen baumeln, »was halten Sie davon, wenn einer seinen zweiten Autoschlüssel verliert? Das ist jetzt eine ernste Frage.«

»Und eine sehr einfache. Ein Zweitschlüssel darf nie verloren gehen, Kommissar.«

»Und wenn er’s ist?«

»Dann sucht man ihn bis zur Erschöpfung. Der zweite Autoschlüssel gehört zu den Dingen, die einen um den Verstand bringen können.«

»Ich habe mein Telefon auf Grímsey verloren.«

»Wie das?«

»In die Exkremente eines Schafs gefallen, das Tier hat es mit einem Huftritt auch noch hineingedrückt.«

»Und Sie haben nicht bis zur Erschöpfung versucht, es herauszuziehen?«

»Unterschätzen Sie nicht den Huftritt eines Schafs, Retancourt. Das Gerät wird dabei wohl kaputtgegangen sein.«

»Und seitdem sind Sie ohne Telefon?«

»Ich habe das vom Kater genommen. Ich meine, das auf dem Fotokopiergerät neben dem Kater liegt. Es hat eine Macke, ich glaube, der Kater hat mal draufgepinkelt. Wahrscheinlich sind meine Telefone alle dazu bestimmt, ein exkrementales Schicksal zu erleiden. Ich bin mir nicht im Klaren, wie ich das verstehen soll.«

»Der Kater hat dem Handy überhaupt nichts getan«, warf Retancourt ein, die das Tier – das alle »die Kugel« nannten – wie ihren Augapfel hütete und verteidigte. »Aber es stimmt, das Telefon schreibt ›a‹, wenn man ein ›c‹ eingibt, und ›o‹ anstelle von ›f‹.«

»Genau. Wenn Sie also mal eine Nachricht wie: ›Iah oahre‹ erhalten, dann wissen Sie, sie kommt von mir.«

»Das vereinfacht die Arbeit. Also kein Grund zur Aufregung.«

»Keiner.«

»Wie geht es denen da auf der Insel?«, fragte sie dann sehr viel leiser. »Gunnlaugur, Rögnvar, Brestir …?«

»Die senden Ihnen viele Grüße. Sie mögen es glauben oder nicht, Rögnvar hat Ihr Porträt in ein Ruderblatt geritzt.«

Adamsberg war glücklich, Retancourt wiederzusehen, doch er hätte es ihr nicht anders als durch Gesten zu sagen verstanden. Mitunter beeindruckte die »vielseitige Göttin«, wie er sie nannte, ein Meter fünfundachtzig groß, hundertzehn Kilo schwer, ausgestattet mit der Energie von zehn Männern, ihn so sehr, dass ihm seine natürliche Ungezwungenheit abhandenkam. Retancourt verfügte über unvergleichliche Körperkräfte und eine nicht kleinzukriegende seelische Widerstandskraft, so dass sie Adamsberg wie einer von jenen Bäumen aus alten Legenden vorkam, auf dessen Äste sich sämtliche Mitarbeiter der Brigade, verloren in einem sturmgepeitschten nächtlichen Wald, flüchten könnten und in vollkommener Sicherheit wären. Eine keltische Eiche. Natürlich konnte sie bei so ungewöhnlichen Eigenschaften nicht gleichzeitig die Inkarnation weiblicher Anmut sein, und Lieutenant Noël konnte es sich nicht verkneifen, ihr das gelegentlich in flegelhafter Weise unter die Nase zu reiben. Dabei hatte Retancourt sogar recht feine Züge in einem allerdings nahezu quadratischen Gesicht.

Er parkte den glänzenden schwarzen Wagen gerade in dem Moment vor der Brigade, als Kernorkian und Lamarre mit Carvin eintrafen, der den Kommissar mit einem Blick musterte. Zerknitterte Hose, abgetragenes schwarzes Leinenjackett, verwaschenes T-Shirt, das einmal blau oder auch grau gewesen sein mochte, all das entsprach nicht der Vorstellung, die Maître Carvin sich vom renommierten Leiter der Brigade criminelle machte. Er gab ihm die Hand.

»Man sagte mir, Herr Kommissar, dass Sie mit mir eine Runde fahren wollen?«

Ohne eine Antwort zu erwarten, ging er auf die Beifahrertür zu.

»Maître«, sagte Adamsberg und reichte ihm den Schlüssel, »ich hätte gern, dass Sie sich ans Steuer setzen.«

»Oh, Sie wollen meine Eignung testen?«

»Wahrscheinlich.«

»Wie Sie wollen«, sagte der Anwalt und ging um das Fahrzeug herum.

Carvin konnte seinen leicht provokanten Ton nicht ablegen, doch Adamsberg fand ihn liebenswürdiger, als er gegenüber seinen Stellvertretern gewesen war. Für diesen Mann, der die dominante Haltung gewohnt war, war Adamsberg ein Chef, und instinktiv hielt er es für klüger, auf Distanz zu gehen. Dass einer ein altes Leinenjackett trägt und von kleiner Statur ist, besagt noch längst nicht, dass man ihn unterschätzen darf, wenn er ein Chef ist.