Des Kummers Nacht - Ralph Knobelsdorf - E-Book

Des Kummers Nacht E-Book

Ralph Knobelsdorf

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4,99 €

  • Herausgeber: Lübbe
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Erleben Sie mit Wilhelm von der Heyden die Entwicklung der preußischen Kriminalpolizei im Berlin des 19. Jahrhunderts! Berlin, 1855: Wilhelm von der Heyden steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums, als er Zeuge einer Explosion wird. Die Fenster der gegenüberliegenden Wohnung sind zerstört, eine Frau hängt leblos im Zaun. Um ihr zu helfen, eilt er an den Unglücksort - und gerät selbst in Verdacht. Der Wachtmeister hat sein Urteil schon gefällt, der Chef der Kriminalpolizei ist jedoch von Wilhelms Beobachtungsgabe begeistert und stellt ihn ein. Talentierte neue Mitarbeiter werden in der noch jungen preußischen Ermittlungsbehörde dringend benötigt. Doch Fingerspitzengefühl ist gefragt, denn bald schon führen die Ermittlungen Wilhelm und seine Kollegen in die höchsten Kreise ...

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Seitenzahl: 761

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumGedichtWidmungBerlin, Sommer 1855123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445464748495051525354555657Fakt oder Fiktion?Preußen und Europa im Jahr 1855Berlin im Jahr 1855Berlin und seine PolizeiHistorische PersonenOrteEreignisse und HintergründeLiteratur- und andere HinweiseDanksagung

Über dieses Buch

Von der Heydens erster Fall

Erleben Sie mit Wilhelm von der Heyden die Entwicklung der preußischen Kriminalpolizei im Berlin des 19. Jahrhunderts!

Berlin, 1855: Wilhelm von der Heyden steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums, als er Zeuge einer Explosion wird. Die Fenster der gegenüberliegenden Wohnung sind zerstört, eine Frau hängt leblos im Zaun. Um ihr zu helfen, eilt er an den Unglücksort – und gerät selbst in Verdacht. Der Wachtmeister hat sein Urteil schon gefällt, der Chef der Kriminalpolizei ist jedoch von Wilhelms Beobachtungsgabe begeistert und stellt ihn ein. Talentierte neue Mitarbeiter werden in der noch jungen preußischen Ermittlungsbehörde dringend benötigt. Doch Fingerspitzengefühl ist gefragt, denn bald schon führen die Ermittlungen Wilhelm und seine Kollegen in die höchsten Kreise …

Über den Autor

Ralph Knobelsdorf, Jahrgang 1967, wurde in Löbau/Sachsen geboren. Der Informatikkaufmann studierte in Halle an der Saale Philosophie, Jura und Geschichte mit dem Schwerpunkt Deutschland im 19. Jahrhundert. Nach Tätigkeiten in Werbe- und Internetagenturen arbeitet er gegenwärtig in einem Unternehmen der ITBranche. Mit Des Kummers Nacht legt er sein Debüt als Autor historischer Kriminalromane vor. Der begeisterte Eishockeyanhänger und bekennende Liebhaber von Downton Abbey lebt mit Frau und zwei Kindern in Erfurt.

RALPH KNOBELSDORF

DES KUMMERS NACHT

VON DER HEYDENS ERSTER FALL

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Dr. Stefanie Heinen

Umschlaggestaltung: U1berlin / Patrizia Di Stefano unter Verwendung von Motiven von © getty-images: Colin Utz | EyeEm; © Arcangel: Derek Adams

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-0380-2

luebbe.de

lesejury.de

Hier der Freude reiches Streben,Dort des Kummers Nacht,Das ist das Berliner Leben,Wie es weint und lacht!

David Kalisch (1820–1872)

Für Petra, Henriette und Luise.

Berlin, Sommer 1855

1

Ein Traum. Es musste ein Traum sein. Nie sonst war das Licht an einem sonnigen Sommertag so diffus, niemals würde er keinen Windhauch spüren, obwohl sich die Wellen auf dem See kräuselten und die Blätter in den Bäumen bewegten. Und niemals konnte es so vollkommen still sein. Kein Geräusch war zu hören, wenn er seinen Fuß in den schlammigen Untergrund setzte, kein Rascheln kam vom Schilf, das er mit den Händen zerteilte. Doch wenn es ein Traum war, warum brannte dann die Sonne so heiß auf seiner unbedeckten Schulter? Warum schnitt das Schilf so schmerzhaft in seine nackten Beine? Und warum war er überhaupt in der Lage, darüber nachzudenken, ob er sich in einem Traum befand oder nicht? Warum wusste er, dass er das alles schon mehrmals erlebt hatte?

Der kahle Baum auf der Landzunge war nicht mehr weit weg. Er wusste, dass er eigentlich nur über einen langen schmalen Pfad, umgeben von dichten, hohen Brombeersträuchern, zu erreichen war, er aber näherte sich durch das dichte Schilf der Uferseite. Was er dort wollte, wusste er nicht mehr oder hatte es noch nie gewusst, aber er musste dorthin, unbedingt. Sah er dort Menschen? Undeutliche Bewegungen?

Er spürte, dass sich von hinten etwas näherte. Jetzt hörte er Schilf rascheln und etwas, das an Schritte in tiefem Morast erinnerte. Wasser plätscherte. Also nun doch Geräusche? Aber warum nur diese, nichts sonst? Rief da jemand?

Der Waldrand, von wo er gekommen sein musste, war schon ziemlich weit entfernt, und nichts war zu sehen, keine Bewegung, selbst das Schilf stand komplett still. Dennoch diese matschenden Schritte, noch entfernt, doch sich nähernd. Da rief doch jemand, oder nicht?

Er lauschte. War es sein Name? Nicht der richtige Vorname, eher eine Kurzform. Anglisiert natürlich, das war heutzutage modern. Hieß er so? Aber wer rief da? Und wo war der Rufer? Ein Mann, so viel war sicher. Stellte er eine Gefahr dar? Doch warum rief er ihn dann bei seinem Namen, wenn es denn sein Name war? Aber wen sollte der Unbekannte sonst meinen, hier in dieser sonnenbeschienenen Einsamkeit?

Vielleicht die Menschen unter dem riesigen abgestorbenen Baum vor ihm, die der Rufer möglicherweise gesehen hatte. Seltsamerweise schien der Baum nun weiter entfernt zu sein als noch vor einem Augenblick, obwohl er sich die ganze Zeit in diese Richtung bewegt hatte. Also doch ein Traum, in Wirklichkeit kam es nicht vor, dass man sich zu einem festen Punkt bewegte, der sich dennoch entfernte. War es Panik, die langsam in ihm aufstieg? War es Panik, die ihm das Atmen schwer machte und den Puls rasend? Seinen Herzschlag würde er noch eine Weile ignorieren können, aber diese Beklemmung … Warum fiel das Atmen immer schwerer, und warum wurde die rufende Stimme immer lauter?

Das Atmen hörte auf, der Druck auf der Brust war nicht mehr auszuhalten. Er –

»Hermann Friedrich Wilhelm von der Heyden!«

Er schlug die Augen auf. Weiß. Er sah nur weiß. Und hörte Geräusche. Und spürte einen Lufthauch, der über seinen schweißnassen Körper strich.

Mit einem Ruck setzte er sich auf. Sofort war der vertraute Kopfschmerz da. Er stöhnte in das Laken, das er sich über das Gesicht gezogen haben musste.

»Wieder unter den Lebenden, Willy?«

Kein Wunder, dass ihm die Stimme im Traum bekannt vorgekommen war. Johann Schmidt, anscheinend gut gelaunt und im Vollbesitz seiner Kräfte. Warum eigentlich? Hatte er ihn nicht erst gestern fast volltrunken nach Hause gebracht? Oder vielmehr vorhin? In der Nacht, vor viel zu kurzer Zeit?

Er räusperte sich. Er räusperte sich noch einmal. Erst dann war er in der Lage zu sprechen. »Um Himmels willen, Johann! Wie spät ist es zum Teufel?«

»Gleich halb zwölf. Und meine Großmutter sagte immer, man soll nicht vor Mittag fluchen und danach erst gar nicht anfangen.«

Wilhelm brummte. Der Schmerz war geradezu gigantisch. Wenn er sich nicht bewegte, würde er dann aus den Schläfen, dem Hinterkopf, dem Nacken, den Schultern verschwinden oder nachlassen, wenigstens für einen kurzen Moment? »Wie kann man nur so gut gelaunt sein? Nach einer solchen Nacht? Johann, wie machst du das?«

»Sonnenschein, frische Luft und drei rohe Eier im Glas. Deine Wirtin hat mich hereingelassen, wir wollten doch um drei Uhr unter die Linden.«

Wilhelm stöhnte.

»Wieder Kopfschmerzen?« Johanns Stimme klang nun leiser und sanfter. »Und wieder der Albtraum?«

»Ja und ja«, murmelte Wilhelm.

Johann lachte leise. »Dann hat es wohl wenig Sinn, heute Morgen deine Fähigkeiten zu prüfen, oder? Was könnte ich jetzt verändert haben?«

»Das wird schon gehen.« Wilhelm setzte sich langsam auf. Er öffnete die Augen, schloss sie wieder und öffnete sie nach einigen Augenblicken erneut. Langsam, sehr langsam sah er sich in dem kleinen Zimmer um. Das Fenster stand offen, Sonnenschein und eine Brise bewegten die dünne Gardine. Neben dem Bett stand ein Eimer mit Wasser, Gott sei Dank unbenutzt. Sein Magen meldete sich. »Die Vase mit den Blumen stand auf der linken Seite des Tisches, außerdem waren es fünf und nicht vier Grasnelken. Frau Brenke zieht sie im Garten und achtet penibel auf die Anzahl. Das Bild von Anna hing schon gestern schief, allerdings nach rechts. Außerdem war der Waschtrog gestern nicht mit Wasser gefüllt.«

Johann pfiff leise durch die Zähne, nahm sich einen Stuhl und setzte sich ans Bett. Er blickte aus dem Fenster und sagte dann: »Nicht schlecht. Wirklich nicht schlecht. Drei von vier, und das in deinem, gelinde gesagt, jämmerlichen Zustand. An dir wird etwas verloren gehen, wenn ich auch noch nicht weiß, was genau.«

Wilhelm legte beide Hände in den Nacken und begann, sachte den Kopf hin- und herzudrehen. »Es ehrt dich, dass du an meiner beklagenswerten Situation Anteil nimmst. Es wundert mich immer wieder, dass dir anscheinend niemals Gleiches widerfährt. Rohe Eier, wie?«

»Mit etwas Inhalt«, antwortete Johann. »Pfeffer, Kräuter aus dem Garten und ein winziger Schuss Cognac.«

»Beneidenswert.« Wilhelm massierte vorsichtig seinen Nacken. »Wenn du mit Nummer vier die Jacke meinst, die hatte ich gestern auf den Boden geworfen, und du hast sie aufgehängt. Aber das war gestern oder vielmehr heute früh, und das zählt nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen ›jetzt‹ und ›früher‹.«

Johann starrte ihn an. Langsam schüttelte er den Kopf und lächelte. »Du solltest damit auftreten, irgendein Varieté könnte dich gut gebrauchen.«

»Nicht ohne Kaffee. Hast du nicht von Kaffee gesprochen und, wenn nein, warum nicht?«

»Weil uns dieses teure Vergnügen erst heute Nachmittag zusteht und wir es uns Unter den Linden gönnen werden, jetzt, wo unser Studium zu Ende ist und wir gestandene Männer werden.«

Johann griff in seine Tasche und holte eines der neumodischen Rauchwerke heraus, die er Zigarette nannte und von einem deutschen Fabrikanten in Sankt Petersburg bezog. Bürgersohn einer Familie mit weitreichenden Handelsbeziehungen halt, was nutzte ihm da sein alter, armer Adel.

»Frau Brenke lässt dir übrigens ausrichten, dass sie dir unten ein umfangreiches Frühstück bereitet hat. Das soll – so ihre Worte – für den Tag genügen. Sie ist zu ihrer Schwester gegangen und wird erst spät am Abend zurückkehren.« Johann zog aus der anderen Tasche eine Schachtel mit Streichhölzern hervor, der letzte Schrei, mit rotem Phosphor, bei dem man nicht in Gefahr geriet, seine Kleidung und sich selbst spontan zu entzünden. Er bezog sie direkt vom Fabrikanten in Schweden – natürlich.

Wilhelm unterdrückte ein Seufzen. Er würde wohl bei einer gelegentlichen Zigarre und einer Kerze bleiben. Im nächsten Augenblick drangen ein Knall von splitterndem Glas, ein halber Schrei und ein undefinierbares dumpfes Geräusch in sein Ohr und mischten sich mit seinem Kopfschmerz.

Johanns Hand mit dem brennenden Streichholz erstarrte auf dem Weg zum Mund. Er fuhr mit weit aufgerissenen Augen auf, ließ das Streichholz fallen und wandte sich tonlos an Wilhelm: »Das wirst du jetzt nicht glauben.«

»Was ist geschehen?« Wilhelm wandte sich zum Fenster. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schien im zweiten Stock ein Fenster explodiert zu sein. Ein Rahmen fehlte komplett, der andere hing traurig in nur noch einer Angel.

Johann drehte sich zu ihm. »Zieh dich an, mein Freund. Wie es scheint, ist soeben eine Frau aus dem Fenster gestürzt.« Er ging eilig zur Tür und wandte sich noch einmal um. »Oder sie wurde gestoßen. Mach dich auf, Willy. Ich warte drüben auf dich.«

2

Sie lag ausgebreitet auf den lilienförmigen Dornen des gusseisernen Zauns. Zwei Spitzen ragten aus ihrem Rücken, Blut rann die Stäbe hinunter und verteilte sich auf dem Gehsteig. Schwarze Haare, lang und lockig, und ungewöhnlich langgliedrige Finger mit etwas, das wie Spritzer verschiedener Farben aussah, waren das Einzige, was Wilhelm auffiel, ehe er rasch den Blick abwandte.

»Ich habe eine Decke dabei«, sagte er, das Offensichtliche betonend, »und es wäre besser, wenn du die Zigarette ausmachst.«

»Natürlich«, sagte Johann, »wie unsensibel von mir.«

»Das meine ich nicht. Seit rund fünfzig Jahren gibt es Gasbeleuchtung und etwa zehntausend Anschlüsse in Berlin. Wir haben zwar keinen, aber da oben gibt es immerhin ein herausgeblasenes Fenster.«

Johann trat die Zigarette aus, nahm Wilhelm die Decke aus der Hand und legte sie behutsam über die Frau. »Keine Lebenszeichen mehr«, sagte er leise. »Ich habe einen Jungen auf die nächste Wache geschickt. Die Polizei sollte bald hier sein.«

Wilhelm nickte. »Ich denke, ich suche den Haupthahn. Es wäre fatal, wenn weiter Gas ausströmen sollte. Vielleicht bleibst du besser hier und passt auf, dass sich niemand der Lei…, dem Opfer … Du weißt schon, was ich meine?«

»Schon recht.« Johann sah die Straße entlang. »Zum Glück sind nicht viele Menschen unterwegs, einen Auflauf können wir nun wirklich nicht gebrauchen.«

Die Haustür war schwarz und ziemlich schwer. Wilhelm drückte sie auf und sah sich nach der Gasleitung um. Auf dem ersten Treppenabsatz sah er Rohre, die aus dem Keller zu kommen schienen. Er schnüffelte, aber kein ungewöhnlicher Geruch stieg in seine Nase. War Gas geruchlos? Er hatte keine Erfahrungen damit, weder zu Hause auf dem Gut noch bei seiner Vermieterin gab es einen Anschluss.

Die Tür zum Keller befand sich auf der rechten Seite und war nur angelehnt. Hatte jemand vergessen abzusperren, oder war es im Haus üblich, die Tür offen stehen zu lassen? Wilhelm wusste so gut wie nichts über das Haus, obwohl es dem Zimmer, in dem er seit zwei Jahren logierte, gegenüberlag. Er meinte, sich zu erinnern, dass Frau Brenke, gestandene Witwe und Vermieterin, auch über diese Nachbarn in langschweifigen, hektischen Monologen zu erzählen wusste, wie sie es über alle Bewohner der Straße den Block hinauf und hinunter mehrmals getan hatte. Und er erinnerte sich auch daran, dass er nie richtig zugehört und nur an strategisch möglicherweise wichtigen Stellen genickt oder eine belanglose Bemerkung gemacht hatte. Jetzt bedauerte er seine Versäumnisse und nahm sich vor, Frau Brenke am Abend ausführlich zu befragen – nachdem er ausgiebig Bericht erstattet hatte. Frau Brenke würde mit absoluter Sicherheit darauf bestehen.

Er konzentrierte sich. Hörte er oben einen Hund winseln?

Im Keller entdeckte er ein Rohr, das aus der Decke kam und auf halber Höhe in der Wand verschwand. Das musste die Gaszufuhr sein. Kurz über dem Knick befand sich ein Schieber, den er versuchsweise bewegte. Er glaubte, ein leichtes Zischen zu vernehmen, und schob den Hahn zurück. Das Zischen verstummte. Um sich zu vergewissern, wiederholte er die Prozedur: Schieben, Zischen, Schieben, Stille. Das Gas war offenbar abgestellt.

Wilhelm überlegte. Vielleicht wäre es angebracht, oben in der Wohnung nachzusehen. Ihm wurde heiß. Gab es womöglich weitere Opfer oder Verletzte?

Er rannte eilig nach oben, nahm mehrere Stufen auf einmal und schaute sich im Treppenhaus um. Er zählte drei Etagen, auf denen vermutlich jeweils zwei oder drei Wohnungen lagen. Er klopfte an die erste Tür. Als keine Reaktion erfolgte, wiederholte er die Prozedur an jeder Tür, bis er vor der Wohnung stand, in der die Explosion stattgefunden haben musste. Unschlüssig blieb er stehen. Bislang hatte niemand geöffnet. Die Explosion war nicht zu überhören gewesen, und er hielt es für sicher, dass die Bewohner auf die Straße gegangen wären oder zumindest nachgesehen hätten, was einen solchen Lärm verursachte. Es war also wahrscheinlich, dass sich niemand im Haus befand. Man könnte später bei den anderen Wohnungen noch einmal nachsehen, hinter dieser Tür lag aber womöglich ein Verletzter. Oder Schlimmeres.

Die Tür sah stabil aus. Kein Rauch drang aus den Ritzen, ein Feuer war also nicht zu vermuten. Sicherheitshalber prüfte Wilhelm den Türknauf. Kalt. Er drehte ihn, aber die Tür ließ sich nicht öffnen. »Hallo? Ist jemand in der Wohnung?« Wilhelm rief drei Mal und lauschte am Holz. Nichts. Wo blieb die Polizei?

Am Treppenabsatz befand sich ein Fenster. Es ging auf die Straße hinaus, und Wilhelm konnte Johann erblicken, der versuchte, der Toten ins Gesicht zu schauen, und dazu die langen Haare zur Seite schieben musste. Auf der anderen Straßenseite blieb ein offensichtlich gut situiertes Paar stehen. Der Mann hatte schützend den Arm um seine Begleiterin gelegt, die die Faust vor den Mund gepresst hatte. Angestrengt hinüberblickend sprachen sie miteinander. Davon abgesehen war die Straße leer, nichts bewegte sich.

Wilhelm ging zurück zur Tür und trat gegen das Schloss. Die Tür erbebte und gab schließlich dem dritten entschlossenen Stoß nach, flog herum und prallte gegen die Wand. Glas ging zu Bruch.

Er gelangte in einen kleinen Flur, dessen Mobiliar aus einer kleinen Garderobe, einem Schirmständer und einem Spiegel bestand, in dem sich ein Loch auf Höhe des Türknaufes befand. Zahlreiche Risse gingen von ihm aus. Ein Bild an der Wand zeigte die Skizze einer schönen jungen Frau mit offenen Haaren und einer Rose in der Hand. Ihre Bluse war geöffnet, doch das Bild endete, bevor mehr zu sehen war, als eintretenden Gästen zugemutet werden konnte.

Rechts führte eine halb geöffnete Tür in eine Badestube mit Holzzuber, Waschschüssel mit Krug und einem kleinen gusseisernen Ofen. Wilhelm warf nur einen kurzen Blick auf den Luxus – niemand. Er rief erneut und erhielt abermals keine Antwort.

Neben dem Bad führte der Flur weiter um die Ecke, zwei Türen schlossen sich an. Die eine führte zu einer kleinen Küche, die andere zu einem mondänen Schlafzimmer, das von einem riesigen Bett dominiert wurde. Anscheinend mochten die Bewohner riesige Tücher, die als Vorhänge drapiert waren. Ein großer Kamin beherrschte eine Wand, die andere wurde von einem dunklen Schrank eingenommen. Ein Paravent versperrte teilweise den Blick auf das Fenster. Auch hier war niemand.

Wilhelm kehrte um und öffnete den Zugang zum Zimmer links der Eingangstür. Hier ging es spartanisch zu: ein Bettkasten, ein Schrank, ein Nachtschränkchen mit Petroleumleuchte, ein Stuhl vor einem kleinen Schränkchen mit geöffnetem Deckel. Darin eine Wasserkaraffe und eine Schüssel, daneben ein sauberes Handtuch. Das Zimmer eines Dienstmädchens, nahm Wilhelm an und öffnete die Tür zum Salon.

Geld, dachte er als Erstes, hier hat jemand viel Geld hineingesteckt. Kostbare Läufer orientalischen Stils lagen auf dem ebenso kostbaren Parkett, Rosenholz vielleicht oder Palisander. Ein riesiger Kronleuchter hing über einem Tisch, locker umgeben von blau bespannten Sesseln und einem Sofa. Eine passende Ottomane stand vor einem der beiden Fenster, das andere war geöffnet. Die weiße Stuckdecke ging in ebenfalls weiße Wände über, die kostbare französische Wandbehänge zur Geltung brachten. Auf der rechten Seite rahmten sie einen gusseisernen Ofen, der von einer Siegesgöttin gekrönt war. Eine eingelassene Tür führte vermutlich ins Schlafzimmer. An der gegenüberliegenden Wand standen ein Aufsatzsekretär und eine weitere Sitzgruppe, die nah an einer weiteren Tür abschloss, die zu einem letzten Zimmer zur Straßenfront führen musste. Durch sie waren Stöße von Papier hereingeweht. Rechts der Eingangstür boten zwei verglaste Bücherschränke ihren augenscheinlich kostbaren Inhalt dar.

Der allgemeine Eindruck von Vornehmheit und Eleganz wurde nur in der linken Ecke des Zimmers gestört. Hier befanden sich eine zugehängte Staffelei, ein unaufgeräumter Sekretär, eine Decke mit zahllosen Farbspritzern und durcheinanderliegende Bildbände. Es roch leicht nach frischer Farbe. Wilhelm ging zur letzten Tür.

Kein Mensch war im Zimmer, das mit zwei Fenstern auf die Straße blickte. War das Schlafzimmer von weiblicher Hand geprägt, hatte hier offensichtlich ein Mann das Sagen. Die Decke war zwar in Pastelltönen gehalten, doch die Wände waren, von einem breiten Stucksims abgesehen, in moderner dunkelgrüner Farbe gehalten, die das Mobiliar dezent zur Geltung brachte. Rechter Hand standen zwei schwere Ledersessel vor einem Kamin und umrahmten einen kleinen Beistelltisch. Während die Explosion den Sesseln nichts hatte anhaben können, von einigen Brandlöchern abgesehen, war der elegante kleine Tisch umgeworfen und hatte ein Schachbrett samt Figuren teilweise unter sich begraben. Neben dem weißen, wieder mit Stuck verzierten Kamin standen ein Bücherregal und ein Regal mit zahlreichen Flaschen und Rauchutensilien. Einige Flaschen waren heruntergefallen, mindestens zwei zerbrochen. Der Duft von Hochprozentigem mischte sich mit einem leichten Brandgeruch und etwas, das Wilhelm an den Pulverdampf aus seiner Dienstzeit erinnerte. Was war hier nur geschehen?

Wilhelm blickte sich weiter um. Die Einzelteile einer Wasserpfeife lagen verstreut auf dem Boden. Gegenüber, auf der anderen Zimmerseite, stand ein wuchtiger Eichenschreibtisch vor einem Bücherregal, das die gesamte Breite der Wand einnahm. Bücher und Folianten standen, anscheinend säuberlich sortiert, in ordentlichen Reihen hinter gesprungenem Glas. Im unteren, offenen Teil waren Akten und ein eingelassener Safe untergebracht. Farblich aufeinander abgestimmte Läufer lagen unter beiden Tischen und ließen genügend Sicht auf das aufwendig verlegte zweifarbige Parkett. Zwischen den beiden Fenstern, die zur Straße hinauswiesen, wirkte ein kleiner Sekretär verloren, der als Ablage zu dienen schien. Sämtliche lose Papiere waren im Zimmer verteilt, ein Globus und eine Büste des österreichischen Kaisers waren auf den Boden gefallen. Der Globus war aus seiner Fassung gebrochen, dem Kaiser fehlte das rechte Ohr. Über dem Sekretär hing, nunmehr schief und angesengt, ein Ölporträt, das dieselbe Dame zeigte wie die Skizze im Flur. Das Fenster rechts neben ihr war komplett herausgerissen, die schweren Vorhänge mitsamt der Stange heruntergefallen. In halber Höhe war etwas zu sehen, das Wilhelm für einen Blutfleck hielt. Das linke Fenster hingegen war erstaunlicherweise völlig unversehrt. Vor dem Sekretär, dessen helles Holz versengt war, lag ein kleiner Amboss mit passendem Hammer. Daneben befanden sich kleine Teile, die zu einem Uhrwerk gehören mochten.

Wilhelm kniete sich nieder und nahm den seltsam anmutenden Amboss in die Hand. Von der kostbaren Wanduhr, die dem Porträt genau gegenüber hing und auf ein kleines Sofa herabsah, konnten er und die anderen Teile nicht stammen, denn sie hatte die Explosion intakt überstanden, sah man von ihrem Glas ab, das ebenfalls gesprungen war.

Lautes Trampeln genagelter Stiefel drang an sein Ohr, Stimmen, zunächst im Flur und gleich darauf im Salon.

»Wer sind Sie, und was machen Sie hier?«, ertönte gleich darauf eine scharfe Stimme, deren Autorität durch heftiges Schnaufen nur unwesentlich gemildert wurde. Sie gehörte zu einem grotesk dicken uniformierten Schutzmann, der schwitzend seinen Tschako vom hochroten Kopf nahm. Sein kurzer Schnauzbart war ebenso feucht wie seine Haare. Es machte den Eindruck, als seien er und sein Kollege, den Wilhelm im Hintergrund mit jemandem streiten sah, den ganzen Weg von der Wache bis hierher gerannt. Der Aufstieg zur Wohnung schien dem Mann den Rest gegeben zu haben.

»Mein Name ist von der Heyden, ich wohne im Haus gegenüber.« Wilhelm richtete sich auf. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass mittlerweile vier Uniformierte vor dem Haus standen und mit einem großen hageren Mann sprachen, der anscheinend Anweisungen erteilte. »Ich habe die Wohnung aufgebrochen, um zu sehen, ob sich hier vielleicht Verletzte aufhalten. Im ganzen Haus habe ich bisher niemanden angetroffen, es wäre daher –«

»Mir sieht das eher nach Schnüffeln aus«, unterbrach ihn der Schutzmann.

»Und Anweisungen erteilen hier nur wir«, ergänzte sein Kollege, der nun mit Johann das Zimmer betrat. War der eine Polizist einfach fett und ziemlich kurz geraten, war der zweite größer und stämmiger. Zusammen gaben sie ein eindrucksvolles Bild ab. Wilhelm fühlte sich an Karikaturen erinnert, die hier und da an den neuen Litfaßsäulen zu sehen waren, die in ganz Berlin binnen weniger Wochen aus dem Boden geschossen waren.

»Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass mein Freund nach dem Gashahn gesehen hat.« Johann wirkte genervt. Unsichtbar für die Schutzmänner verdrehte er demonstrativ die Augen.

»Uns wird immer viel erzählt«, erwiderte der Mann ungerührt, schob die Daumen hinter das Koppel, trommelte mit den Fingern auf dem Schloss und richtete sich hoch auf. »Sie haben geschnüffelt! Haben Sie auch etwas an sich genommen?«

»Natürlich nicht.« Wilhelm war empört. »Ich bin, wie gesagt –«

»Dazu kommen wir später! Auf der Wache werden Sie genug Gelegenheit haben, uns Ihre Version der Geschichte zu erzählen.«

»Und Sie leeren auf der Stelle Ihre Taschen«, ergänzte der erste Polizist, der langsam wieder zu Atem kam. Sein Kopf nahm allmählich wieder eine normale Farbe an.

»Ich muss doch aber protestieren!«, mischte sich Johann erneut ein. »Immerhin haben wir die Polizei rufen lassen.«

3

»Das wird sich alles aufklären«, sagte eine ruhige Stimme an der Tür. Die Schutzmänner fuhren herum und nahmen augenblicklich Haltung an. Im Rahmen stand ein schlanker Mann mit kurzen dunklen Haaren und sorgfältig gekämmtem Schnurrbart. Ausgeprägte Geheimratsecken wiesen auf ein mittleres Alter hin. Ruhig blickte er umher und ließ seinen forschenden Blick schließlich auf dem Sekretär ruhen. Es machte den Eindruck, als würde seiner Aufmerksamkeit nur wenig entgehen.

Eben noch unten Anweisungen erteilt, jetzt bereits hier oben, dachte Wilhelm beeindruckt.

»Kriminalsekretär Vorweg«, stellte sich der Mann mit einem kurzen Nicken vor. »Und die Herren sind …«

»Ein Herr von der Heyden, nach eigener Aussage wohnhaft im Haus gegenüber«, beeilte sich der dicke Polizist mitzuteilen.

»Und ein gewisser Johann Schmidt, Adresse noch nicht festgestellt«, fügte der größere hinzu.

»Danke, Kwiatkowski. Danke, Grothe.« Vorweg sah sich um. »Schauen Sie nach, ob sich noch andere Personen im Haus befinden, und sorgen Sie dafür, dass niemand diese Wohnung betritt.«

Die Schutzmänner salutierten und stürmten eilig hinaus. Vorweg fuhr mit seiner Musterung des Raumes fort.

»Und Sie befinden sich an einem mutmaßlichen Tatort, weil …« Vorweg ließ den Satz als Frage ausklingen, ohne Wilhelm und Johann besonders zu beachten. Er schritt durch das Zimmer, hob ein Stück Papier auf, blieb kurz vor dem Porträt stehen und strich mit der Hand über den schwarzen Fleck auf dem Sekretär. Kurz roch er an den Fingern, dann entnahm er der Tasche seines Dreiteilers ein Tuch, säuberte sich die Hand und sah fragend auf.

»Wie wir bereits den Schutzmännern mitgeteilt haben, haben wir nach dem Gas und weiteren Personen gesehen, die möglicherweise noch im Haus waren«, sagte Wilhelm.

Vorweg nickte. »Und dazu mussten Sie die Tür eintreten, wie?« Er ging weiter umher. »Ich werde mich jetzt noch etwas umsehen. Wie wäre es, wenn Sie mir in der Zwischenzeit die Geschichte von Anfang an erzählen? Ich rechne in den nächsten Minuten mit dem Eintreffen meines vorgesetzten Kriminalinspektors und wäre dankbar, wenn ich ihm dann bereits einige Informationen zukommen lassen könnte. Das verstehen Sie doch sicher, meine Herren?«

Während Vorweg weiter umherging, hier etwas aufhob, dort etwas betrachtete, berichteten Wilhelm und Johann, was seit der Explosion geschehen war. Vorweg sah sie nicht an, unterbrach sie nicht, stellte keine Zwischenfragen, sondern fuhr unbeirrt mit der Inspektion des Tatorts fort. Eine unangenehme Stille breitete sich aus, als die beiden Freunde mit ihrer Erzählung zum Abschluss kamen und noch immer keine Reaktion des Kriminalbeamten folgte.

Schließlich räusperte sich Vorweg und fragte: »Der Gashahn war also bereits abgestellt, wie?«

Wilhelm nickte. Bevor Vorweg weitersprechen konnte, kam der dicke Polizist eilig ins Zimmer. »Kriminalinspektor Lüdenscheid ist eingetroffen. Er befindet sich in Begleitung des Herrn Kriminaldirektors. Sie kommen soeben die Treppe hoch«, verkündete er außer Atem, wandte sich in Richtung Tür und nahm Haltung an.

»Von Herford?«, murmelte Vorweg und richtete sich auf.

Zwei Männer betraten den Raum und quittierten das Salutieren des Schutzmannes mit einem kurzen Nicken. Der erste Mann trug einen Dreiteiler, hatte schütteres Haar und finstere Augen, die das bartlose Gesicht beherrschten. Der andere Mann mochte um die fünfzig Jahre alt sein. Halbglatze und grauer Schnurrbart vermochten nicht, den Eindruck von Stärke und Dynamik zu zerstreuen. Hellwache Augen nahmen das Chaos im Zimmer zur Kenntnis, registrierten die beiden Freunde und blieben auf Vorweg ruhen. Leutselig trat der Mann auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Vorweg, ich grüße Sie«, sagte er mit dröhnender Stimme. »Eine schöne Bescherung haben wir hier, was? Bin zufällig auf Lüdenscheid getroffen und gleich mitgekommen. Basisarbeit hautnah erleben, Sie wissen schon. Was gibt es zu berichten?«

Vorweg setzte zu einer Antwort an, doch Lüdenscheid kam ihm zuvor. »Herr Direktor«, schnarrte er mit einem tiefen Grollen, »ich denke nicht, dass wir diese Angelegenheit vor Zivilisten besprechen sollten.«

Der Kriminaldirektor lachte und zog seine Uniform glatt. »Keine Bange, Inspektor. Vor diesen Männern können wir offen reden. Wie geht es uns denn so, junger Mann?« Von Herford trat auf Wilhelm zu und schlug ihm auf die Schulter. »Bin eigentlich auf dem Weg ins Ministerium, daher das Lametta«, fuhr er fort und erwiderte den Gruß Wilhelms mit einem Nicken. Dann registrierte er die verwunderten Blicke seiner Untergebenen. »Lüdenscheid, nun schauen Sie nicht so! Das ist Wilhelm von der Heyden, der Sohn eines meiner ältesten Freunde. Habe ihn etwas unter meine Fittiche genommen, nicht dass es nötig gewesen wäre. Hat bei mir Kriminalwissenschaften belegt, und das zusätzlich zum Strafrecht. Könnte ein brillanter Kopf werden. Was hat Sie eigentlich hierher verschlagen?«

Während Lüdenscheid missgelaunt brummte, verfolgte Vorweg den Auftritt seines höchsten Vorgesetzten stumm und aufmerksam.

Wilhelm berichtete noch einmal, was geschehen war. Vorweg rührte sich ebenso wenig wie sein vorgesetzter Inspektor, während Herford nachdenklich an seinem Schnauzbart zog.

»Eine Bombe also?«, fasste er zusammen.

»Ganz recht, Herr Direktor«, sagte Vorweg ruhig. »Die Bombe stand vermutlich auf dem Sekretär, die Reste eines Uhrwerks könnten ein Zeitzünder gewesen sein. Und ich nehme an, dass der Täter selbst das Gas abgedreht hat, damit nicht das ganze Haus in die Luft fliegt.«

»Der Kamin dort drüben wird mit Gas betrieben«, ergänzte Wilhelm.

Während Lüdenscheid erneut brummte, sah Vorweg ihn finster an. »Das Opfer muss hier am Fenster gestanden haben, als die Bombe explodierte. Die Sprengwirkung war ziemlich stark, aber eine große Hitzeentwicklung ist nicht zu verzeichnen. Mir ist noch nicht ganz klar, wie so etwas geschehen kann.«

»Die Bombe war in einem Päckchen.« Wilhelm sah auf einige Fetzen Packpapier, die angekohlt auf dem Fußboden lagen. »Ich nehme an, dass die Dame hereinkam und das Fenster öffnete –«

»Sie nehmen an?« Lüdenscheid schob sich vor und hatte offensichtlich vor, den vorlauten jungen Mann in seine Schranken zu weisen. Vorweg beobachtete interessiert, wie Herford nur knapp den Arm hob und Lüdenscheid stehen blieb.

»Fahren Sie fort, Wilhelm«, sagte der Direktor.

»Als die Bombe explodierte, wurde das Opfer nach rechts geschleudert und stieß wohl mit dem Kopf gegen den Fensterrahmen.« Wilhelm wies auf den Blutfleck. »Der Explosionsdruck muss sie so weit angehoben haben, dass sie nach dem Aufprall zurück in Richtung Fensterbank und anschließend aus dem Fenster hinausfiel. Viel Sprengstoff kann aber nicht vorhanden gewesen sein. Es gibt hier viel brennbares Material, und das hätte bestimmt Feuer gefangen.«

»Knallzucker?«, ließ sich Johann vernehmen.

»Wie bitte?«, fragte Lüdenscheid, zunehmend ungehalten über die Anwesenheit der beiden Zivilisten.

»Es könnte Knallzucker gewesen sein«, fuhr Johann fort. »Das ist ein Gemisch aus sechzehn Teilen konzentrierter Schwefelsäure, acht Teilen Salpetersäure und einem Teil Rohrzucker. Der Teig wird geknetet und anschließend gekühlt. Irgendwann wird das Gemisch hart und explodiert bei harten Schlägen schnell und rückstandslos.«

»Auszulösen etwa mittels eines Ambosses«, schloss sich Wilhelm den Ausführungen an.

Sichtlich beeindruckt nickte Herford. »Ihr Freund scheint ebenso brillant wie Sie zu sein, mein lieber Wilhelm. Vielleicht sollten wir auch für ihn eine passende Verwendung suchen. Apropos, Wilhelm – haben Sie sich mein Angebot überlegt?«

Unsicher sah Wilhelm in die Runde. »Ich habe mit meinem Vater noch nicht im Detail über meine Zukunft gesprochen. Vom Polizeidienst ist er jedenfalls nicht begeistert.« Ihm entging nicht, wie Vorweg aufmerkte und ihn aufmerksam musterte.

»Darüber reden wir später. Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Beobachtungsgabe der jungen Männer, meine Herren«, wandte Herford sich an seine Kollegen. »Was wissen wir über das Opfer?«

»Laut Pass eine Österreicherin. Beatrice Gräfin Wassilko von Kerecki«, sagte Vorweg und reichte Herford ein Dokument. »Sie wohnt hier mit einem Josef Baron Holly auf Mersdorf aus Schlesien. Er ist ebenfalls Österreicher.« Ein weiteres Dokument wurde Herford in die Hand gedrückt.

Lüdenscheid zog tief die Luft ein.

Herford starrte ungläubig auf die Pässe. »Meine Güte«, sagte er schließlich. »Das ändert die Sachlage natürlich.« Er reichte die Papiere an Lüdenscheid weiter.

»Unterzeichnet sind beide Pässe übrigens ebenfalls von einem Kerecki«, fügte Vorweg hinzu. »Die Namen sind mir unbekannt, dennoch muss ich von einer Verwandtschaft ausgehen.«

»Das stimmt. Die Kereckis sind ein uraltes Geschlecht mit Verbindung in die höchsten Kreise des Hofes in Wien.« Herford schüttelte unwirsch den Kopf. »Diesen Leuten gehört faktisch die Bukowina, und einer von ihnen ist Staatssekretär im Wiener Außenministerium.«

»Dann wird der wohl die Pässe unterschrieben haben«, meinte Vorweg.

»Davon ist auszugehen.« Herford nickte, überlegte lange und straffte sich schließlich. »Vorweg, durchsuchen Sie mit den Schutzmännern die Wohnung. Alles, was geschrieben ist, will ich auf meinem Schreibtisch haben. Notizbücher, Kalender und so weiter. Gedruckte Bücher fallen, wie ich ausdrücklich betonen möchte, nicht in diese Kategorie.« Herford musterte den dicken Schutzmann, der stramm salutierte. »Ich möchte nicht wieder ein Drama wie letztes Jahr erleben. Eintausendundfünfzig Bände! Als Beweismaterial! Mein Gott!«

Herford schien sich in Rage zu reden und bemerkte erst jetzt Wilhelms und Johanns Blicke. »Ein Fall aus dem letzten Jahr. Unsere Freunde von der Schutzwache haben doch tatsächlich Bücher als schriftliches Beweismaterial gesichert und auf die Wache geschleppt. Zwei Zimmer waren tagelang nicht zugänglich!«

Herford atmete durch. »Aber ich will mich nicht aufregen«, fuhr er ruhiger fort. »Jetzt stehen wir vor einem anderen Problem.«

Er sah sich im Zimmer um und fasste schließlich einen Entschluss. »Ich ziehe die Sache an mich. Vorweg, Sie sind für den Tatort verantwortlich. Die Wohnung bleibt gesperrt und wird bis auf Weiteres bewacht. Sie sammeln alle interessanten Hinweise und bringen sie direkt zu mir. Suchen und finden Sie diesen Mersdorf. Rapport morgen neun Uhr in meinem Büro. Lüdenscheid, Sie übernehmen den Fall in der Neuenburger Straße, ich will Vorweg hier dabeihaben. Dieser Fall hat ab sofort oberste Priorität.«

Herford ging zur Tür und drehte sich noch einmal um, während Lüdenscheid einen finsteren Blick auf Vorweg warf. »Wilhelm, ich möchte Sie morgen in meinem Büro sehen, sagen wir gegen zehn Uhr? Und auch Sie, Johann. Ihre Fähigkeiten werden möglicherweise in einem höheren Interesse benötigt. Kommen Sie, Lüdenscheid, ich muss ins Ministerium.«

Die Männer verließen den Raum. Als ihre Schritte im Flur verklangen, sah Wilhelm Vorweg an. »Dürfen wir uns auch empfehlen?«

Vorweg nickte bedächtig. »Ihre Adressen habe ich. Und wir sehen uns augenscheinlich morgen früh wieder. Das könnte interessant werden, meinen Sie nicht?« Er wandte sich an den Polizisten und befahl ihm, seine Kollegen von der Straße zu holen. Dann drehte er sich zum Fenster. »Noch hier, meine Herren?«

4

Langsam brach der Abend herein, und die Sonne spielte mit den Schornsteinen auf den Dächern. Wilhelm und Johann saßen in der Küche bei einer Tasse Tee. Sie hatten eine dritte Tasse auf den Tisch gestellt, da sie jeden Moment mit der Rückkehr von Frau Brenke rechneten. Es gab nichts zu sagen, deshalb schwiegen sie fast die ganze Zeit. Beiden standen die schrecklichen Bilder der Explosion und vor allem der jungen Frau, aufgespießt von den Dornen des Straßenzauns, vor Augen.

Wie von Geisterhand öffnete sich die Tür. Die Männer rührten sich nicht. Sie hatten nichts an der Tür gehört, keine Schritte im Flur. Daher konnte es sich nicht um Frau Brenke handeln. Und tatsächlich schritt ein dicker rostbrauner Kater in die Küche und drehte eine gemächliche Runde um den Tisch, ohne die Männer zu beachten. Er inspizierte den Futternapf und ignorierte den Inhalt, den Wilhelm einige Minuten zuvor eingefüllt hatte. Futter nahm der Kater ausschließlich von Frau Brenke an. Er begab sich in die Mitte der Küche, hockte sich hin und betrachtete die Männer einen nach dem anderen. Dann streckte er ihnen das Hinterteil entgegen, hob eine Hinterpfote und begann, sich ausgiebig zu putzen.

Der Kater, dem sie den Namen Kuno gegeben hatte, war Frau Brenke vor einigen Jahren zugelaufen. Wilhelm hatte allerdings eher den Eindruck, dass Kuno das Haus der Witwe zu seinem Domizil gemacht hatte, um von diesem Stützpunkt aus die umgebenden Straßen als sein Reich zu beherrschen. Außer Frau Brenke, der er gestattete, für Nahrung und Obdach zu sorgen, ignorierte er alle Menschen und Tiere. Allenfalls ließ er sich zu einigen Gesten der Geringschätzung hinreißen, insbesondere Johann und Wilhelm gegenüber, deren Anwesenheit in seinem Haus er wohl oder übel hinnehmen musste.

Gewöhnlich reagierte wenigstens einer der beiden irgendwann auf seine Beleidigung mit dem Hinterteil und versuchte, den Kater mit Leckereien zu locken, die dieser stets hochmütig ignorierte, wodurch er klarstellte, wer der Herr im Haus war. Heute Abend aber war es anders. Die Männer schwiegen weiter. Kuno ließ seine Pfote in der Luft schweben und betrachtete sie nachdenklich. Dann stellte er die Ohren auf, als irgendwo ein Fensterladen gegen eine Wand schlug.

Es hatte sich zugezogen, sodass kaum noch Licht in die Küche gelangte und Johann zwei Petroleumleuchten entzünden musste. Dann frischte der Wind auf, und schließlich prasselte der Regen. Augenblicke später ging die Haustür und eine wenig amüsierte Frau Brenke stampfte in die Küche.

»Das hat mir gerade noch gefehlt. Wäre der Bus pünktlich gewesen, wäre ich trocken nach Hause gekommen. Aber er war es nicht, und das Ergebnis sehen Sie ja, meine Herren. Wenigstens haben Sie an den Tee gedacht, danke dafür.«

Sie griff nach unten und strich Kuno über den Kopf, der sich zur obligatorischen Begrüßung erhoben hatte. Frau Brenke mit schlechter Laune bedeutete für die abendliche Verpflegung wenig Gutes.

»Aber das ist nur die Krönung des Tages«, fuhr Frau Brenke fort, ohne die gedrückte Stimmung im Raum zu bemerken. Sie war noch immer aufgeregt, wie sie es stets war, wenn sie ihre Schwester draußen in Charlottenburg besucht hatte.

Wilhelm nickte zerstreut. Er hatte die Bilder des Zauns immer noch im Kopf, wusste aber, dass nichts Frau Brenkes Redeschwall unterbrechen konnte, es sei denn, er würde direkt mit der grauenvollen Neuigkeit herausplatzen. Aber er mochte Frau Brenke und wollte das Unangenehme lieber noch etwas herauszögern.

Aus zahlreichen Erzählungen wusste Wilhelm, dass Frau Brenkes Mann, seligen Angedenkens, Apotheker gewesen war und ihr, da beiden keine Nachkommen vergönnt waren, nicht nur die Apotheke, sondern auch das Haus hinterlassen hatte. Die Apotheke hatte sie schnell und zu einem guten Preis verkauft, denn sie war gut gelegen und durch ihren Mann exzellent geführt worden. Sie hatte einen Namen, nicht nur in der Straße, sondern im ganzen Viertel und eigentlich auch, wie Frau Brenke stets bescheiden hinzufügte, in der ganzen Stadt diesseits der Spree. Jedenfalls hatte sie sich vom Erlös zur Ruhe setzen können, und weil sie selbst sich aufs Parterre beschränkte, konnte sie drei weitere kleine Wohnungen im Haus vermieten. So ganz ohne Tätigkeit, nein, das war nichts für sie. Das hatte Wilhelm angesichts des stets geschäftigen Treibens seiner Vermieterin schnell erkannt.

Der Nebenverdienst deckte ihre Kosten reichlich ab. Frau Brenke konnte es sich leisten, ihre Mieter auszusuchen, und so unterzog sie jeden Kandidaten einer eingehenden und ausführlichen Prüfung – eine Kandidatin kam nie in Betracht, junge Damen sollten schließlich bei ihrer Familie wohnen. Diesen Standpunkt hatte Frau Brenke gleich bei ihrem ersten Gespräch mit Wilhelm deutlich gemacht.

Warum Wilhelm die Prüfung bestand, hatte er erst später und eher zufällig erfahren, als er ein Gespräch von Frau Brenke mit einer Nachbarin mitbekam. Frau Brenke hatte ihn als adretten und höflichen jungen Mann bezeichnet, noch dazu mit untadeliger Herkunft. Und so zuvorkommend, gar nicht typisch für diese Zeit und die vielen jungen Leute mit ihren neumodischen Ansichten. Er wusste, dass die agile Witwe ihn rasch in ihr weites Herz geschlossen hatte. Was Johann, der häufig zu Besuch kam, zum Anlass für zahlreiche spitze Bemerkungen nahm. Der Freund konnte sich das leisten, denn Frau Brenke hielt zwar viel vom Adel, mehr aber noch von Manieren, über die Johann reichlich verfügte.

»Stellen Sie sich vor! Gleich morgens bin ich zum Metzgermeister Ziolkowski, denn ich wollte den Schinken mitnehmen, den es nur dort gibt und der vorbestellt werden muss. Ziolkowski hat mir bereits vor drei Tagen hoch und heilig versprochen, dass der Schinken bereitliegen würde. Vor drei Tagen!«

Frau Brenke schüttelte angesichts dieser Ungeheuerlichkeit energisch den Kopf.

»Und wer war nicht da? Richtig, beide. Weder Ziolkowski noch Schinken. Der arme Geselle hat alles durchsucht und war völlig durch den Wind. Ich habe schon befürchtet, selbst tätig werden zu müssen, aber zum Glück hat er ihn dann doch gefunden. Den Schinken, nicht den Meister.«

Endlich nahm sie Platz und schenkte sich Tee ein.

»Kamille aus dem Garten? Und sogar mein selbst gemachter Kandiszucker. Meine Herren, Sie haben aber auch an alles gedacht.«

Frau Brenke schien sich langsam zu beruhigen, rührte in ihrer Tasse und fuhr fort: »Jedenfalls musste ich mich beeilen. Man kann nie wissen, wann der Pferdeomnibus fährt. Obwohl es mittlerweile fünf Linien gibt und obwohl die Fahrpläne festgeschrieben sind. Ich meine, warum hängt man die Pläne aus, wenn sich niemand daran hält? Unsere Concessionierte Berliner Omnibus Compagnie sollte ihre Anstrengungen eher in Pünktlichkeit als in das Finden hochtrabender Titel investieren. Aber vielleicht lehrt die aufkommende Konkurrenz die Compagnie etwas Demut, ich habe schon wieder einen der anderen Wagen gesehen. Na ja, jedenfalls muss der Omnibus pünktlich gewesen sein. Aber durch die Geschichte im Metzgerladen war ich zu spät! Und deshalb traf ich erst zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit bei meiner Schwester ein. Das war schon etwas peinlich, meine Herren.«

Wilhelm stellte sich auf ein weiteres der zahlreichen Tischgespräche ein, die das Leben von Frau Brenkes Schwester und insbesondere ihres Gatten, eines Gymnasialprofessors, und dessen ungepflegtes Erscheinungsbild zum Thema hatten. Auch Kater Kuno war geläufig, dass Frau Brenkes Tischreden häufig zu umfangreichen Monologen ausarteten. Das verstimmte ihn, denn die Aufmerksamkeit im Haus sollte sich doch auf ihn konzentrieren. Ungehalten stupste er Frau Brenkes Knöchel an.

Sie strich ihm geistesabwesend nochmals über den Kopf. »Wie auch immer. Wir haben den ganzen Tag mit Kochen und Backen und Anrichten und Einräumen verbracht, denn es musste ja für den geplanten Empfang alles fertig sein. Gerade einmal eine Stunde konnten wir uns Zeit nehmen, um uns über wichtige Themen auszutauschen, von denen Männer nichts verstehen. Und der Herr Gymnasialprofessor, für dessen Kollegen wir die ganze Arbeit auf uns genommen haben, erst recht nicht. Habe ich schon erwähnt, dass er wieder außerordentlich nachlässig gekleidet erschien, als die Tafel gedeckt war? Meine diesbezüglichen Verbesserungsvorschläge scheinen bislang nicht gefruchtet zu haben. Meine Schwester bestand darauf, dass ich zum Empfang bliebe, aber ich war ja nun wirklich nicht dafür ausgestattet. Deshalb habe ich mich höflichst entschuldigt und bin vor einer geschlagenen Stunde aufgebrochen. Und was geschah? Natürlich war der Omnibus nicht nur über alle Maßen unpünktlich, sondern auch noch überfüllt, sodass ich den ganzen Weg hinten stehen musste. Und dann noch das Gewitter.«

Es blitzte grell, und Sekunden später grollte ein Donner tosend am Fenster vorbei. Das schreckte Kater Kuno keineswegs. Dennoch konnte er es offenbar nicht hinnehmen, von Frau Brenke in dieser geradezu impertinenten Art und Weise ignoriert zu werden. Kuno sprang auf den freien Stuhl und deutete an, seinen Weg bis auf den Tisch fortsetzen zu wollen. Sofort nahm Frau Brenke ihn auf den Schoß und begann, seine Ohren zu kraulen. Kuno schloss die Augen, nicht ohne noch einen triumphierenden Blick auf Wilhelm zu werfen.

»Aber ich rede ja immer nur von mir. Wie war Ihr Tag?« Erst jetzt schien Frau Brenke die Stimmung der beiden Männer zu bemerken. »Ist etwas Unangenehmes passiert? Ihre Prüfungen vielleicht …«

Wilhelm schüttelte den Kopf. »Nein, damit scheint alles in Ordnung zu sein. Allerdings ist etwas geschehen.« Er berichtete kurz und knapp, was sich seit dem Morgen ereignet hatte.

Frau Brenke brach weder in Wehklagen aus, noch unterbrach sie seine Erzählung durch Kommentare. Sie war, trotz ihrer zierlichen Gestalt und des offenen, freundlichen Charakters, hart im Nehmen. Schicksalsschläge, so hatte sie bereits früh lernen müssen, gehörten zum Leben dazu. Der Tod ihres Gatten war nur der letzte Punkt in einer langen Verlustliste. Frau Brenke hatte Wilhelm einmal erzählt, dass sie etwa drei Jahre alt gewesen war, als die Liste mit einem alten Kater eröffnet wurde, den ein französischer Füsilier im Rausch erschlug. Schnell folgten zwei Geschwister, die im Kindbett starben, das letzte gemeinsam mit der ohnehin bereits kränkelnden Mutter. Der Vater ging zum Glück erst viel später, aber auch er ging. Und da sie ihn in ihren eigenen Vierzigern immer noch so liebte wie als kleines Kind, traf sie der Verlust, so absehbar er auch war, mit derselben Wucht wie die schreckliche Tat des Soldaten in der fremden Uniform. Fast ihr ganzes Leben wohnte sie nun schon in dieser Straße, und sie konnte all die Verwandten, Bekannten und Freunde, die mittlerweile dahingegangen waren, kaum noch zählen. Zum Glück wurde, so hatte ihr Vater es nach dem verlustreichen Befreiungskrieg einmal gesagt, in der Stadt und vor allem in ihrer Straße viel geboren. Es wurde aber auch, wie Frau Brenke erfahren musste, viel gestorben. Damit musste man umgehen, und so hatte Frau Brenke neben einigen anderen Prinzipien verinnerlicht, dass es häufig darauf ankam, Haltung zu bewahren. Nicht, um anderen etwas vorzumachen. Fremden vielleicht, aber nicht Vertrauten gegenüber. Wichtiger war ihr, dass man durch Haltung, so war es Frau Brenkes Überzeugung, andere stützen konnte. Vor allem konnte man selbst mit einem Verlust leben lernen.

Und so folgte Frau Brenke Wilhelms Bericht lediglich mit offenem Mund und ungläubigem Staunen. Schließlich schüttelte sie langsam den Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Haltung bedeutete auch für sie nicht, Emotionen zu unterdrücken. »Mein Gott. In meinem Tran habe ich nicht einmal das zerstörte Fenster bemerkt. Und die Stadtwache habe ich auch nicht gesehen«, sagte sie schließlich.

»Soweit ich weiß, sind die Wachen im Haus.« Johann rutschte unbehaglich auf dem Stuhl herum.

»Und dann diese schöne junge Frau! Sie war so voller Leben, hatte immer ein freundliches Wort, sogar für die Bediensteten. Ganz anders als dieser … dieser Mitbewohner. Ein unangenehmer Mensch, und unhöflich noch dazu.«

Sie sprach das Wort »Mitbewohner« mit deutlichem Abscheu aus. In einer ordentlichen Welt, so sagte sie oft, sollten Mann und Frau nur dann zusammenleben, wenn sie sich vor Gott das Jawort gegeben hatten. Auch wenn es bei einem Aufenthalt im Ausland für Verlobte Zwänge geben mochte, Umstände, an die man sich anpassen musste – an Anstand und Regeln musste man sich dennoch halten.

»Aber wer kann schon hinter die Fassade schauen?«, sagte sie. »Die Annemarie meinte erst kürzlich zu mir, dass es mit der Dame noch einmal ein schlimmes Ende nehmen werde.«

»Annemarie ist die Bedienstete bei Notar Falkenberg?«, fragte Wilhelm.

»Nein, das ist Gertrud. Annemarie ist das Zugehmädchen bei Oberst von Bardeleben.«

»Ach, ist das nicht die Blonde mit dem leichten Silberblick?« Johann schenkte noch einmal Tee nach.

»Meine Herren, Sie wissen aber auch gar nichts!« Frau Brenke schüttelte verwundert den Kopf. Warum waren Männer nicht in der Lage, Namen und Gesichter den richtigen Anstellungen und Tätigkeiten zuzuordnen, vor allem dann, wenn sie diesen Personen andauernd über den Weg liefen? Man konnte von Männern wohl nicht erwarten, den kompletten Überblick über das Viertel zu haben, aber in der eigenen Straße?

»Die Blonde mit dem leichten Silberblick«, fuhr Frau Brenke nunmehr gefasster und mit tadelndem Blick auf Johann fort, »ist Magda, die Tochter des Schusters Fritz unten an der Ecke. Sie ist Wäscherin und mit einem jungen Mann verlobt, der gegenwärtig seinen Dienst ableistet. Ein Blick auf den Silberblick, Herr Johann, lohnt sich also nicht.«

»Ich …«

Frau Brenke winkte ab. »Gertrud ist das Mädchen mit den auffallend roten Haaren. Auch sie ist vergeben, gottlob verheiratet.«

»Gottlob?«

»Haben Sie nichts bemerkt, meine Herren? Gertrud ist guter Hoffnung. Um Weihnachten herum sollte es so weit sein.«

»Das ist mir in der Tat nicht aufgefallen«, sagte Wilhelm. »Was hat denn nun aber die Annemarie gesagt?«

Frau Brenke überlegte kurz. »Das muss so vor drei oder vier Wochen gewesen sein. Ich traf sie vor dem Bäcker Glaseck. Sie kam gerade heraus, als ich Ihnen Ihre Mohnbrötchen besorgen wollte. Die gibt es nur am Mittwoch, wenn Sie sich entsinnen?«

Wilhelm nickte und lehnte sich geduldig zurück. Er wusste, dass Frau Brenke dazu neigte, manche Dinge bis ins Detail zu erläutern, um sicherzugehen, dass ihr Gegenüber auch tatsächlich alles verstand.

»Jedenfalls hatte sie für den Oberst eingekauft, der, wie Sie wissen, im selben Gebäude wie die Unglückliche wohnt. Er hat die Wohnung oben gegenüber und wohnt dort mit seinem Hund. Der Arme hat ja keine Frau mehr.«

Wilhelm nickte. Vermutlich hatte er sich heute Morgen doch nicht verhört, was den jaulenden Hund anging.

»Wir kamen ins Gespräch, und Annemarie erzählte gerade, wie der Oberst sie mit seinen Kriegserinnerungen quälte, als eine Droschke vor dem Haus hielt und die Dame ausstieg. Wir sahen, wie sie heftig mit jemandem in der Kutsche sprach und schließlich ziemlich stürmisch ins Haus ging. Und da sagte Annemarie, dass sie befürchte, dass es mit der Dame noch einmal ein schlimmes Ende nehmen würde. Da horcht man doch auf, oder?«

»Ich nehme an, Sie haben Annemarie nach dem Anlass ihrer Befürchtungen gefragt?«

»Watt Se annehmen können.« War Frau Brenke aufgeregt, konnte es passieren, dass sie in den Berliner Dialekt verfiel, den sie ansonsten stets vermied. Als Apothekersgattin war es schließlich angezeigt, in einem verständlichen Hochdeutsch zu sprechen. »Natürlich habe ich sie gefragt. Annemarie erzählte, dass sie meist spät vom Oberst fortkommt, oft erst am späten Abend. Und häufig hat sie beobachtet, wie die junge Dame von teuren Kutschen abgeholt wurde. Bestimmt dreimal in der Woche und immer spät. Es waren unterschiedliche Kutschen, aber eine kam wohl öfter. Sie ist ihr aufgefallen, weil sie keinerlei Zeichen trug und der Kutscher nie zu erkennen war. Richtig unheimlich, meinte Annemarie, alles zugezogen und komplett in Schwarz. Die beiden Laternen hinter dem Kutscher brannten auch nie. Und noch etwas: Die Kutsche hat wohl irgendeinen Fehler. Annemarie meinte, dass sie immer genau wusste, wann diese Kutsche gerade im Anmarsch war, denn sie ratterte immer so komisch.«

»Komisch?«

»Nun ja, Annemarie meinte, dass wohl eines dieser Dinger, die den Schmutz abhalten sollen, nur noch an einer Schraube hing und deswegen gegen das Rad klapperte.«

»War das auch die Kutsche, die Sie gesehen haben, Frau Brenke?«

»Wenn ich es recht bedenke, könnte sie es gewesen sein.« Frau Brenke trank nachdenklich einen Schluck Tee. »Unheimlich war es ja nicht, so mitten am Tag. Aber ich weiß noch, dass die großen Seitenscheiben schwarz verhangen waren und die Dame nur durch die halb geöffnete Tür sprach.«

»Und der Kutscher?«

»Ich bin mir nicht sicher. Aber er war wohl auch schwarz gekleidet … und ja, mit hochgezogenem Kragen. Dabei war es noch ziemlich warm. Er saß reglos auf seinem Bock und fuhr erst los, nachdem die Dame im Haus war.«

»Und er saß über der vorderen Achse?«

Frau Brenke hob ratlos die Augenbrauen.

»Über dem vorderen Rad, das womöglich etwas kleiner als das Hinterrad ist?«

»Stimmt! Jetzt, wo Sie es sagen.«

»Dann handelt es sich vermutlich um ein Coupé. Oder, Johann?«

»Mit solchen Dingen kennst du dich besser aus. Aber ein Coupé in Berlin zu finden? Hier fährt doch jeder Zweite damit. Und die meisten sind schwarz.«

Wilhelm nickte: »Aber komplett schwarz? Davon dürfte es nicht viele geben.«

Johann erhob sich. »Schon möglich. Ich sollte jetzt nach Hause gehen, morgen früh haben wir einen Termin.«

»Ganz recht.« Auch Wilhelm stand auf. Frau Brenke machte sich bereits an der Spüle zu schaffen. »Wir sehen uns kurz vor zehn am Molkenmarkt.«

5

Der Molkenmarkt war der älteste Platz von Berlin. Wilhelm würde es von seiner Wohnung in der Krausenstraße nicht weit haben. Dennoch brach er früher als erforderlich auf, hauptsächlich, um das schöne Wetter zu genießen. Er hatte ohne Albträume durchschlafen können und beschlossen, dieses seltene Geschenk durch einen Spaziergang zu krönen. Als er auf die Straße trat, war sie fast menschenleer. Das Fenster gegenüber war durch den Holzladen verschlossen, und nichts deutete mehr auf das Geschehen des gestrigen Tages hin.

Vermutlich würde es ein heißer Tag werden. Wilhelm blinzelte in die Sonne und wandte sich Richtung Osten. Am Lazarett vorbei überquerte er diagonal den Dönhoffplatz, von wo er über die Leipziger Straße den Spittelmarkt erreichte. Hier standen immer Straßenjungen, bei denen er häufig eine Zeitung erwarb. Auf der Gertraudenbrücke überquerte er den Spreekanal, von Petriplatz und Fischmarkt aus warf er einen kurzen Blick auf das königliche Schloss zu seiner Linken. Über den Mühlendamm mit seinen Kolonnaden und der Schleuse, an deren Pfeilern Mietkähne schaukelten, erreichte er wenig später die andere Spreeseite. In der Nähe der Nikolaikirche kannte er einen Bäcker, dessen Mohnbrötchen er schätzte, was er aber Frau Brenke besser nicht erzählte – sie waren schließlich von der falschen Spreeseite. Er ging zurück zum Mühlendamm, sah eine Weile auf die Spree und blätterte in der Zeitung. Nachdem er sein Brötchen aufgegessen hatte, war es Zeit für den wenige Schritte entfernten Molkenmarkt.

Als er gerade aufbrechen wollte, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Johann!

Wilhelm begrüßte den Freund und ging mit ihm durch die inzwischen belebte Straße zur alten Stadtvogtei, in der sich neben dem Gefängnis und dem Kriminalgericht auch das Polizeipräsidium befand. An der Wand mit der geschwungenen Treppe lehnte eine bekannte Gestalt. Vorweg betrachtete ruhig das Treiben auf dem kleinen Platz und kam ihnen zwei Schritte entgegen.

»Pünktlich auf die Minute, meine Herren«, sagte er. »Polizeidirektor Herford lässt sich für eine Weile entschuldigen, er hat noch eine Besprechung. Bis er Zeit für Sie hat, soll ich Sie ein wenig im Haus herumführen.« Er schüttelte leicht den Kopf, und Wilhelm hatte nicht den Eindruck, dass Vorweg von dieser Aufgabe sonderlich erbaut war.

»Gegenüber«, Vorweg wies auf einen stattlichen Bau, an dessen Fassade der Putz abbröckelte, »befindet sich im alten Ephraim-Palais eine der wichtigsten Grundlagen unserer Arbeit. Es gibt einige Wohnungen für Polizeioffiziere, vor allem aber arbeitet dort seit etwa zwanzig Jahren das Einwohnermeldeamt. Hier werden alle Einwohner Berlins geführt … die offiziellen Einwohner jedenfalls. Kommen Sie, gehen wir hinein.« Er wandte sich die Treppe hoch und ließ sich von einer Wache die Tür öffnen.

Wilhelm registrierte, dass der Posten salutierte.

Im Inneren herrschte lautes Treiben. Hinter einer Schranke saßen mehrere uniformierte Polizisten und bearbeiteten Akten. Eine Frau versuchte offenbar, dem Beamten hinter dem Schalter einen Diebstahl zu melden, ein älterer, gut situierter Herr stritt sich leise mit seinem Begleiter, während er darauf wartete, an die Reihe zu kommen.

»Das hier«, Vorweg ließ nachlässig seinen Arm schweifen, »ist das erste Polizeirevier und gleichzeitig Sitz der ersten Polizeihauptmannschaft, die für die Reviere eins bis sieben zuständig ist. In ganz Berlin gibt es derzeit sechsunddreißig Reviere, und vermutlich kommen noch welche hinzu, sollte jemals Charlottenburg eingemeindet werden. Seit drei Jahren gibt es in jedem Revier zwei oder drei Kriminalbeamte, die durch einen Leutnant angeleitet werden. Nein, jetzt heißen sie Kriminalkommissare – bei den ganzen Änderungen kann man schon einmal den Überblick verlieren.«

Vorweg schüttelte wieder den Kopf. »Oben befindet sich das Präsidium mit seinen verschiedenen Abteilungen, also die Politische Polizei, die Sittenpolizei, die Marktpolizei und so fort. Seit letztem Jahr bilden wir Kriminalbeamten eine eigenständige Abteilung unter Polizeidirektor Herford, der eigentlich Dirigent genannt werden müsste. Jedenfalls gab es letzte Woche eine entsprechende Order.« Erneutes Kopfschütteln.

Vorweg wandte sich einer Tür zu, machte aber keine Anstalten hindurchzugehen. »Gegenwärtig haben wir zwei Hilfsdezernenten, einen Sekretär, zwei Kriminalinspektoren, zwölf Kriminalkommissare und fünfzig Kriminalschutzleute, die sich im Dienst abwechseln. Als Kriminalsekretär stehe ich zwischen den Kommissaren und den Schutzleuten.«

»Klingt ganz nach der Position, auf der die ganze Arbeit gemacht wird«, warf Johann ein.

Vorweg bedachte ihn mit einem langen Blick. Wilhelm war sich nicht sicher, glaubte aber, kurz ein halbes Lächeln auf dem ansonsten unbewegten Gesicht auszumachen.

»Seit Kurzem haben wir auch einen Leicheninspektor, aber mit diesem Detail möchte ich die Herren nicht langweilen«, fuhr Vorweg ungerührt fort. »Wir haben als Polizei drei Gebäude belegt. Hier am Molkenmarkt 1 ist, wie gesagt, das erste Revier, oben ebenso und auch nebenan im Molkenmarkt 2. Und schließlich gibt es noch, Sie werden es erraten haben, den Molkenmarkt 3. Während wir hier nur die Zellenräume der alten Stadtvogtei haben, befinden sich dort an der Spree drei Kriminalgefängnisse.«

»Die Riesenburg«, nickte Wilhelm.

»So sagt es der Volksmund.« Vorweg verschränkte die Arme und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. »Die Riesenburg ist eigentlich die mittlere der drei Stationen. Dort sitzen die ganz schweren Jungs ein. Es ist faktisch unmöglich, dort herauszukommen.«

»Habe ich nicht gelesen, dass ein viertes Gefängnis eröffnet wurde?« Johann zog die Schultern zusammen und schloss den Kragen. Trotz der vielen Menschen im Raum war es kühl, ein eklatanter Unterschied zu den sommerlichen Temperaturen draußen auf dem Platz.

»Das stimmt«, sagte Vorweg. »Gleich hinter Haus zwei gibt es ein dreistöckiges Gebäude, das seine Gäste als ›das Kühle‹ zu bezeichnen pflegen, was, wie Sie schon bemerkt haben, auf alle Gebäude zutreffen könnte. Überall ist es kühl und feucht, erst gegen Abend wird es wärmer, dafür aber auch stickiger.« Er ging zum Tresen und blätterte in einer Kladde. »Derzeit platzen wir aus allen Nähten. Zwar gibt es draußen in Moabit ein neues Zuchthaus, aber das hat nur Einzelzellen für Schwerverbrecher oder bessergestellte Strafgefangene. Hier bei uns sind zunächst alle anderen versammelt. Im Schnitt haben wir jeden Tag etwa fünfhundert Insassen in den Kriminalgefängnissen und zweihundertfünfzig Arrestanten, bei denen wir auch noch zwischen achtbaren Bürgern und Vagabunden unterscheiden müssen.«

Vorweg sah, wie Wilhelm die Augenbrauen hob. »Sie halten das für viel? Täuschen Sie sich nicht. Berlin hat derzeit fast eine halbe Million Einwohner, von denen etwa zwei Drittel im Einwohnermeldeamt und den Polizeiakten registriert sind. Davon sind«, Vorweg begann, an den Fingern abzuzählen, »etwa zehntausend Prostituierte, achtzehntausend angebliche oder tatsächliche Dienstmädchen, viertausend Bettler, zwölftausend Verbrecher unter Polizeiaufsicht, ebenso viele Illegale ohne Aufenthaltserlaubnis und zwanzigtausend Weber. Und die Aufzählung ist nicht vollständig, meine Herren.«

Johann stutzte: »Weber?«

»Weber«, nickte Vorweg. »Es sind in der Hauptsache tatsächlich Weber in Heimarbeit. Angesichts der Menge und der oft überschaubaren Auftragslage können Sie sich aber sicher vorstellen, dass diese Leute auch andere Einkommensquellen finden müssen, um ihre Familien durchzubringen. Wie viele davon dürften legal sein?«

Auf der gegenüberliegenden Seite entstand ein kurzer Tumult. Ein alter Mann, ungepflegt und mit verschlissenen Kleidern, brüllte etwas. Ein Polizist stand ihm ruhig gegenüber. Die Zivilisten hielten erschrocken in ihren Angelegenheiten inne, seitens der Beamten erfolgte aber, wie Wilhelm bemerkte, kaum eine Reaktion. Nur zwei Uniformierte erhoben sich und schlenderten langsam auf den Mann zu. Jetzt war auch etwas verständlicher, was er schrie.

»Jenau, den König, den wollt ick treffen … musste aber uffpassen … Dreimal hab ick’s versucht und tu’s wieder …«

Der Polizist legte dem Mann die Hand auf die Schulter, seine Kollegen nahmen ihn gemächlich in die Mitte.

»Hat der Mensch gerade einen Anschlag auf Seine Majestät gestanden?« Johann sah Vorweg fassungslos an. Dieser war eindeutig belustigt, und Wilhelm war sich sicher, dass es weniger die Situation an sich war, die ihn zu erheitern vermochte, als vielmehr die völlige Verständnislosigkeit Johanns.

»Hat er.« Vorweg grinste nun. »Wieder einmal.« Er ging zu den Männern hinüber und sprach leise auf den Mann ein. Nach kurzer Zeit schien ein Gewicht von den Schultern der schmächtigen Gestalt zu fallen, und sie ließ sich offensichtlich dankbar von einem der Polizisten zu einer Tür führen.

Vorweg kehrte zurück und rückte die Kladde auf dem Tresen zurecht. »Wir überführen ihn in den Polizeiarrest. Damit ist er in dieser Situation mehr als zufrieden.«

In Johanns Gesicht hatte die Ratlosigkeit keineswegs abgenommen. Vorweg seufzte. »Sehen Sie: Als Polizei haben wir eine gewisse Strafbefugnis. Bei bestimmten Vergehen können wir Delinquenten auch ohne Gerichtsverfahren eine Strafe erteilen oder sie ins Gefängnis bringen. Vagabunden wie jenen Mann überweisen wir normalerweise ins Arbeitshaus, oben im Ochsenkopf in der Alexanderstraße. Schwerwiegendere Delikte müssen wir aber hier behandeln. Und wenn Sie nun wissen, dass im Ochsenkopf bis zu zweitausend Menschen sitzen, die vierzehn Stunden am Tag ihr Leben beim Maschinendrehen riskieren, ihre Gesundheit beim Gipsstampfen ruinieren, stumpfsinnig spinnen oder in der Tretmühle laufen und dafür häufig nur eine warme Suppe und viel Prügel bekommen, während es hier im Kriminalgefängnis keinen Arbeitszwang, dafür aber klare Regeln gibt – was würden Sie tun?«

Johann hatte offenbar noch immer Klärungsbedarf. »Das würde von den Regeln abhängen.«

Vorweg nickte. »Eine Wolldecke, ein Strohsack. Ein Spucknapf, ein Essnapf, ein Holzlöffel, ein Handtuch und eine Wasserkanne«, zählte er auf. »Ein Klotz, tagsüber als Schemel, nachts als Kopfunterlage. Morgens Mehlsuppe, mittags Kutteln. Brot ausreichend. Sind Sie handwerklich geschickt, können Sie einen Überverdienst erhalten. Täglich ein Hofrundgang – theoretisch zumindest.« Er wandte sich zur Tür. »Wo würden Sie lieber einsitzen?«

»Aber ein Angriff auf den König …«

Vorweg lächelte und öffnete die Tür. »Eine Aussage, die man später, wenn man an der Reihe ist, widerrufen kann. Und das kann ein paar Wochen dauern. Willkommen in der Welt der Polizeiarbeit. Folgen Sie mir zu meiner Abteilung?«

Sie stiegen in schummriger Beleuchtung zwei schmale Holztreppen empor und gelangten zu einer Tür, die sie über einen Gang in ein Hintergebäude führte, unter dem die Zellen des Gefängnisses der Stadtvogtei liegen mochten. Licht war auch hier ebenso Mangelware wie frische Luft. Es roch nach feucht gewordenem Papier und ebenso feuchter Kohle. Johann stieß sich an einer Kiste und fluchte leise.

»Vorsicht.« Vorweg wandte sich nicht um. »Hier steht einiges in der Gegend herum.«

Johann grummelte, und Wilhelm meinte im Gesicht des Polizisten ein leichtes Grinsen zu sehen.

»Hier draußen lagern die Kohle für die Öfen und einiges an Papier, das wir nirgendwo anders unterbekommen. Für die Feuerwehr ist das ein Albtraum.« Vorweg steuerte auf eine weitere Tür zu und betrat ein niedriges Zimmer, dessen einziges Fenster einen aussichtslosen Kampf gegen die Dunkelheit führte. Ein Beamter saß an einem Tisch und stellte Listen aus verschiedenen Kladden zusammen. Durch eine weitere Tür drang Stimmengewirr.

»Voll besetzt, wie?« Vorweg wies auf die Tür.

Der Beamte nickte. »Der Herr Kriminaldirektor ist vor wenigen Minuten eingetroffen. Sie mögen bitte gleich zu ihm durchgehen.«

Vorweg nickte und stieß die Tür auf. Sofort schwoll der Geräuschpegel an.