Desaster Nummer 3 - Natalie Rabengut - E-Book

Desaster Nummer 3 E-Book

Natalie Rabengut

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Beschreibung

Nachdem Veronika ihren Freund mit ihrer besten Freundin im Bett erwischt hat, hat sie die Nase gestrichen voll von ihren sogenannten Freunden und besucht spontan ihre Tante in Berlin. Aus dem geplanten Kurzbesuch werden sechs Monate und pünktlich zur Silvesternacht kehrt Veronika zurück. Sie ist fest entschlossen, dieses Mal alles anders zu machen und das neue Jahr endlich einmal mit schlechten Vorsätzen zu beginnen. Und was eignet sich da besser als ein One-Night-Stand mit einem stadtbekannten Frauenhelden? Don ist nur allzu gern bereit, Veronika mit zu sich nach Hause zu nehmen. Allerdings will er auf gar keinen Fall mit ihr schlafen – stattdessen soll sie direkt bei ihm einziehen …   Gefühlvolle Handlung. Explizite Szenen. Happy End. Alle Bücher der Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden, sind aber durch wiederkehrende Figuren miteinander verbunden.

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DESASTER NUMMER 3

DATE-REIHE 4

NATALIE RABENGUT

ROMANTISCHE LIEBESKOMÖDIE

Copyright: Natalie Rabengut, 2014, Deutschland.

Korrektorat: Claudia Heinen – http://sks-heinen.de

Covergestaltung: Natalie Rabengut

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

www.blackumbrellapublishing.com

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Epilog

Nächster Band der Reihe: 47 – Unklare Absichten

Über Natalie Rabengut

KAPITEL1

Draußen vor dem Gebäude blieb ich stehen und zwang mich dazu, ruhig weiterzuatmen. Ein enger Ring legte sich um meine Brust und ich fragte mich unwillkürlich, ob ich dort jetzt wirklich hineingehen wollte. Sechs Monate waren eine verdammt lange Zeit.

Doch viel schlimmer als der Gedanke, hineinzugehen, war die Erinnerung an die Zeit vor Berlin. Hinter der Tür lag die alte Kneipe des Vaters meiner ehemaligen besten Freundin Kerstin. Sie wurde schon lange nicht mehr in ihrem ursprünglichen Sinn genutzt und immer, wenn es etwas im »privaten« Kreis zu feiern gab, lud Kerstin alle hierhin ein. Wobei »privat« sehr variabel ausgelegt werden konnte: Mal sollten keine anderen Leute dabei sein, mal waren einige einfach zu pleite, um sich einen Abend in einem der Klubs leisten zu können, in die meine alte Clique sonst ging.

Je länger ich über meine Abwesenheit nachdachte, desto weniger Lust verspürte ich eigentlich, ihnen allen wieder gegenüberzutreten. Mit den meisten Leuten konnte ich gar nicht so richtig etwas anfangen, wusste nicht, worüber ich mit ihnen reden sollte, und ahnte schon, dass ich ihnen aufgrund meines Äußeren suspekt war.

Dann fielen mir meine Vorsätze wieder ein und ich richtete mich zu meiner vollen, imposanten Größe von 1 Meter und 55 auf. Eigentlich war ich wirklich lang genug nett, zuvorkommend und höflich gewesen. Was hatte es mir eingebracht? Unehrliche Freunde, vorgetäuschte Freundschaften und eine unbefriedigende Beziehung, die sehr abrupt geendet hatte.

In Berlin hatte ich den Entschluss gefasst, dass ich zurück in meine Heimatstadt kehren und noch einmal ganz von vorne beginnen würde. Und mal ehrlich: Welcher Abend eignete sich besser für die Erfüllung schlechter Vorsätze als Silvester?

Ich war im Begriff, eine Party zu crashen, auf der absolut niemand wusste, dass ich zurück war, und ausgerechnet dort würde ich mir den ersten One-Night-Stand meines Lebens suchen!

Meine Finger schlossen sich um die Türklinke und ich betrat den muffigen Flur. Zwar waren meine Knie immer noch recht wacklig, aber im Grunde hatte ich ja nichts zu verlieren.

Für einen Moment lang starrten alle mich an, als ich den Raum betrat. Schnell ließ ich meinen Blick möglichst gleichgültig über die Runde gleiten. Alles war exakt so, wie ich es erwartet und mir vorgestellt hatte. Allerdings war es tatsächlich eine etwas größere Menge, als ich gedacht hätte. Offenbar hatte die Clique sich dazu herabgelassen, ein paar »Außenseiter« einzuladen, um frischen Wind in die Veranstaltung zu bringen. Das war gut, vielleicht würde ich meinen erhofften One-Night-Stand unter ihnen finden.

Im Grunde hatte ich mich hauptsächlich durch Majas Überredungskünste überzeugen lassen, überhaupt hier aufzukreuzen. Die Aussicht, den Silvesterabend allein in diesem unappetitlichen Hostelzimmer zu verbringen, hatte mich dazu verleitet, die Party meiner ehemals besten Freundin zu besuchen. Ansonsten hätte ich nur den Plan mit dem lockeren Sex durchgezogen und mir einen Mann in irgendeiner Bar oder Disco gesucht – oder wo zum Himmel man solche Männer halt sonst fand.

Von Männern hatte ich im Grunde nämlich ohnehin keine Ahnung. Mein Ex-Freund Thilo war das beste Beispiel dafür. Aber das hatte man vermutlich davon, wenn man seit seinem 15. Lebensjahr von Beziehung zu Beziehung stolperte. Wirklich gut im Single-Sein war ich nicht.

Ich straffte die Schultern und steuerte die Bar an. Dabei ignorierte ich sowohl meinen Ex-Freund als auch Kerstin, die verdächtig nah neben ihm stand. Zumindest er suchte meinen Blick, doch die Freude würde ich ihm ganz sicher nicht gönnen.

Ein halbes Jahr war vergangen, seit ich überstürzt nach Berlin aufgebrochen war und seit gestern Abend war ich zurück – wie es schien, hatte sich hier rein gar nichts verändert. Kontakt hatte ich nur zu Maja gehalten. Kaum zu glauben, wie die unscheinbarsten Menschen sich als die einzig zuverlässigen entpuppen, wenn es hart auf hart kam.

Bianca tauchte neben Kerstin auf und sie tuschelten aufgeregt miteinander, ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel und bestellte ein Bier. Maja winkte mir zu und ich nickte zurück, allerdings schaffte ich es beim besten Willen nicht, mir dazu noch ein Lächeln abzuringen.

Meine momentan einzige Freundin stand neben zwei sehr attraktiven Männern, die mir beileibe nicht fremd waren. Obwohl meine Heimat sich eine Großstadt schimpfte, lief man doch unweigerlich immer wieder den gleichen Menschen über den Weg. Ein Freund von einem Freund bringt einen Bekannten mit und schon trifft man regelmäßig die gleichen Leute, ohne sie wirklich zu kennen.

In diesem Fall wusste ich ihre Namen zwar nicht, aber gesehen hatte ich die beiden schon unzählige Male. Den Großen mit den dunklen Haaren hatte ich früher bestimmt jedes Wochenende mit einer anderen Frau nach Hause gehen sehen. Kerstin und Bianca waren immer scharf darauf gewesen, regelmäßig auszugehen, und so viele Diskotheken, die nicht mit Minderjährigen überflutet waren, gab es hier nicht.

Erst jetzt bemerkt ich, dass der Dunkelhaarige mich aus zusammengekniffenen Augen musterte, doch es ließ mich kalt. Mit meinem Äußeren fiel ich zu hundert Prozent direkt aus seinem Beuteschema, zumindest so viel hatte ich beobachtet. Irgendwo in meinem Hinterkopf regte es sich. Vielleicht wusste ich seinen Namen doch, aber ich kam nicht drauf.

Maja kam herübergeschlendert und umarmte mich. »Wie schön, dass du wieder da bist.« Während sie meine Schultern umfasst hielt, betrachtete sie mich von oben bis unten. »Du hast dich ganz schön verändert in dem halben Jahr. Hast du abgenommen?«

Ich zuckte mit den Schultern. Das hatte ich zwar, aber es war nicht wirklich freiwillig gewesen. In den ersten Monaten hatte ich schlicht keinen Appetit verspürt. Was ich für nicht weiter verwunderlich hielt, immerhin hatte ich erst einmal verarbeiten müssen, dass mein gesamtes früheres Leben sich als eine gigantische Lüge entpuppt hatte.

»Ein wenig. Aber ich arbeite dran.« Schwach lächelte ich sie an.

»Wie geht es dir damit, hier zu sein?«, erkundigte sie sich vorsichtig und schielte dezent über meine Schulter. Ich wusste, dass sie genau wie ich Bianca und Kerstin im Auge behielt.

»Bisher erstaunlich gut. Ich bin ziemlich ruhig, obwohl ich ehrlich gesagt befürchtet hatte, sofort in Tränen auszubrechen, wenn ich einen von ihnen sehe.«

»Und?«, bohrte Maja nach.

Langsam hob ich den Kopf und sah ihr direkt in die blauen Augen, bevor ich sagte: »Es geht mir gut, Maja. Wirklich. Ich schwöre, dass ich kein Maschinengewehr dabei habe und gleich alle hier umbringen werde.«

Maja nickte, dann wurden ihre Gesichtszüge weich. »Das Piercing ist klasse. Ich bin ziemlich neidisch.« Sie hielt mir ihre Bierflasche hin und wir stießen an.

Noch immer hatte sich keiner meiner sogenannten Freunde getraut, mich anzusprechen. Vermutlich bot ich inzwischen einen noch einschüchternderen Eindruck als früher.

Die offizielle Version lautete, dass ich spontan nach Berlin gefahren war, um meine einzige noch lebende Verwandte, Tante Doris, zu besuchen, weil sie krank war. Leider war es im Verlauf meines Besuchs mit ihrer Gesundheit immer weiter bergab gegangen und so hatte ich meinen Aufenthalt kontinuierlich verlängert. Das war natürlich Quatsch, Doris ging es blendend und sie hatte sich gefreut, mich zu sehen; direkt am ersten Abend hatte sie mich in einer Eckkneipe mit Cocktails abgefüllt, bis ich ihr voll bis unter die Dachrinne die ganze Geschichte erzählt hatte.

Am nächsten Tag, während ich mich mit einem riesigen Kater quälte, hatte sie mir nahegelegt, mir eine Auszeit zu nehmen und mich selbst wieder zu finden – allerdings hatte sie das wesentlich blumiger und esoterischer formuliert, die Botschaft blieb allerdings die gleiche. Nach ein paar Wochen hatte ich beschlossen, dass sie recht hatte, und endlich die ganzen Sachen gemacht, auf die ich aus Liebe zu Thilo bisher verzichtet hatte. Dazu gehörten unter anderem deutlich sichtbare Tattoos und Piercings, was meinem spießigen Ex-Freund immer missfallen hatte – allerdings nur nach außen hin. Insgeheim hatte er garantiert einen Fetisch dafür gehabt, denn er hatte sich ewig mit meinen Piercings an dezenteren Stellen beschäftigen können.

Tante Doris war ganz begeistert gewesen und hatte mich schließlich begleitet, um sich eine riesige Sonnenblume auf die Schulter tätowieren zu lassen – und das mit Ende 60. Die Zeit mit meiner verrückten Tante hatte mir sicherlich gutgetan.

Das Piercing, das Maja noch immer bewunderte, war meine neueste Errungenschaft und zierte nun mein Gesicht mittig zwischen Nase und Oberlippe. Das war meine letzte große Veränderung gewesen, nachdem ich zuvor beim Friseur gewesen war, um mich von meinen langen Haaren zu trennen.

»Thilo starrt dich an«, flüsterte Maja mir nun zu, bevor sie selbst einen Blick über die Schulter warf, um nach ihrem Flirt Ausschau zu halten.

Ich lächelte bitter. »Er kann von mir aus starren, bis ihm die Augen bluten. Sag mir lieber, was du mit diesen Frauenhelden willst.«

Maja drehte sich wieder mir zu und ihre Augen funkelten, während sie spitzbübisch grinste. »Ich habe beschlossen, mir an dir ein Beispiel zu nehmen und endlich mal zu machen, was mir gefällt.«

»Und dann direkt ein Dreier?« Skeptisch zog ich eine Augenbraue hoch und bedeutete dem Barkeeper, mir einen Schnaps einzuschenken.

Majas Wangen färbten sich rot. »Ähm, nein. Ich wollte erst einmal klein anfangen. Frank ist echt nett.«

»Frank?«, fragte ich nach.

»Der Blonde. Soll ich dich bekannt machen?«, wollte sie von mir wissen.

Da es nur eine Frage der Zeit war, bis Thilo sich ein Herz gefasst hatte und mich ansprechen würde, wollte ich ihm dazwischenfunken und zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Meinem Plan kommt es ohnehin entgegen.«

Ich ließ mich vom Barhocker gleiten und folgte Maja – allerdings erst, nachdem ich den klaren Schnaps gekippt hatte. Es war nicht überraschend, dass es sich um Korn handelte. Wie bisher auch war Kerstin durch und durch berechenbar. Kein Wunder, dass Thilo und sie sich näher gekommen waren. Schnell schluckte ich das bittere Gefühl hinunter.

Maja stellte sich nah neben Frank und überließ mir damit den größeren Weiberhelden. Ich sah ihn an und nickte stumm.

Doch Maja ließ das nicht gelten: »Frank, Don, das ist meine Freundin Veronika.«

Genau, das war sein Name. Don. Sofort tauchten in meinem Kopf Auszüge der Geschichten auf, die ich von anderen Frauen schon über ihn gehört hatte – ziemlich viele davon hatten jedenfalls mit Sex zu tun. Wenn ich da mal nicht den perfekten Kandidaten für die heutige Nacht gefunden hatte.

Probehalber versuchte ich, meine Mundwinkel nach oben zu ziehen, was mir nicht ganz gelang. Don starrte mich an, als hätte er vorher noch nie eine Frau gesehen, und jagte mir damit einen leichten Schauer über den Rücken. Ich hatte ihn doch schon so oft Frauen verführen und den Charmeur spielen sehen. Warum musterte er mich dann so ungläubig?

»Wir kennen uns, oder?«, fragte er jetzt. Scheinbar hatte er seine Sprache doch wiedergefunden. Seine dunkle Stimme hatte einen angenehmen Klang.

Knapp nickte ich. »Ja, zumindest vom Sehen her. Allerdings war ich ein halbes Jahr in Berlin, deswegen dürfte die Erinnerung etwas getrübt sein.«

Don schüttelte den Kopf. »Nein. Du hattest längere Haare. Das Piercing ist neu und die Tattoos auch.« Er deutete auf meine Arme und jetzt war ich es, die verblüfft schwieg. Ich hätte meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass er meine Existenz bisher nicht einmal zur Kenntnis genommen hatte.

»Das stimmt«, sagte ich. »Ich muss zugeben, dass ich beeindruckt bin.«

Seine Augen lagen noch immer auf mir und obwohl ich es gewohnt war, offen gemustert zu werden, fühlte ich mich unter seinem eindringlichen Blick unwohl. Meine Kopfhaut prickelte und ich umfasste den Hals der Bierflasche fester, als könnte sie mir den nötigen Halt verleihen.

»Auftritt Thilo«, zischte Maja leise und zog Frank einfach mit sich. Ich erwartete, dass Don sich ihnen anschließen würde. Doch er war zu sehr damit beschäftigt, mich weiterhin anzustarren. Vielleicht sollte ich ihm ein Bild von mir schenken.

»Veronika.« Wie immer klang Thilo leicht atemlos. Anfangs hatte ich das aus irgendeinem Grund für sexy gehalten, jetzt wollte ich ihm dafür nur noch ins Gesicht schlagen.

»Das ist mein Name.« Ich drehte mich nicht um, sondern starrte lieber auf Dons Brust. Stand ich so nah vor ihm oder war sein Brustkorb wirklich so breit? Natürlich war er mir früher schon aufgefallen, allerdings war ich zu dem Zeitpunkt in einer Beziehung gewesen und er nicht unbedingt der Kandidat für irgendetwas, das über eine Nacht hinausging.

Ich fragte mich, ob mir vielleicht eine Erfahrung entgangen war, weil ich noch nie mit einem solchen Trophäensammler nach Hause gegangen war. Das galt es dann wohl herauszufinden.

»Du hast dich gar nicht gemeldet.« Thilos Stimme klang nicht mehr nur atemlos, sondern auch vorwurfsvoll.

Ganz langsam drehte ich mich um und bedachte ihn mit einem kalten Blick. »Ich bin gerade erst zurück.«

Er hatte wirklich die Ruhe weg, dass er die gesamten Geschehnisse einfach mit keinem Wort erwähnte. Er glaubte doch wohl nicht, dass wir nahtlos dort weitermachen würden, wo wir aufgehört hatten? Zumal er sich nicht unbedingt ein Bein ausgerissen hatte, um den Kontakt mit mir zu halten, während ich in Berlin war. Eine schöne Beziehung war das gewesen, die wir geführt hatten. Manche Sachen fielen einem wohl erst auf, wenn man einigen Abstand dazu gewann.

Thilo beugte sich vor und wollte mich küssen. Erschrocken trat ich einen Schritt nach hinten. Dabei stieß ich gegen Don, der noch immer wie angewurzelt an der gleichen Stelle stand. Seine warmen Hände legten sich auf meine Schultern, um mich zu halten. Ein wohliges Gefühl durchströmte mich; sein Körper hatte sich gerade während des kurzen Kontakts alles andere als schlecht angefühlt.

Mein Ex-Freund riss die Augen auf und konnte scheinbar nicht glauben, dass ich ihm ausgewichen war. Sein Blick fiel auf Dons Hände. Merkwürdig – er hielt mich noch immer fest und machte keine Anstalten, mich loszulassen.

»Veronika, was soll das?«

»Was meinst du?«, fragte ich süßlich nach.

»Du bist meine Freundin«, verkündete Thilo seelenruhig, als hätten wir nicht sechs Monate lang kein einziges Wort miteinander gewechselt. Der Typ hatte wirklich Nerven.

»Nein, das bin ich nicht. Ich bin Single und maximal auf der Suche nach ein wenig Spaß.« Eigentlich hätte es mir leichtfallen müssen, das zu sagen. Trotzdem veranlasste Thilos fassungsloses Mienenspiel mein Gewissen dazu, sich zu melden. Doch es gab keinen Grund, warum ich mich schlecht fühlen musste. Thilo hatte sich alles andere als galant verhalten und ich würde sicherlich nicht zu ihm zurückkriechen.

Bei meinen Worten verkrampften Dons Finger sich für einen kurzen Moment. Erst jetzt fiel mir auf, dass seine Hände noch immer auf meinen Schultern lagen, völlig selbstverständlich. Zu meinem großen Erstaunen war es mir nicht unangenehm. Thilo sah verwirrt zwischen uns hin und her und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das meinst du doch nicht ernst, Veronika. Baby.« Er klang fast schon weinerlich und ich seufzte leise. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie oft ich ihn bereits gebeten hatte, mich einfach nicht »Baby« zu nennen.

Bevor ich jedoch antworten konnte, übernahm es Don für mich: »Um ehrlich zu sein, wollten wir gerade gehen.«

Thilo riss seine Augen weit auf, der Unterkiefer klappte herunter, und obwohl ich selbst von Dons Worten schockiert war, empfand ich eine gewisse Genugtuung.

Wer hätte gedacht, dass der Frauenheld mir zur Hilfe eilen würde? Und ich hatte mir schon den Kopf darüber zerbrochen, wie ich ihm meinen Vorschlag, mit ihm Sex zu haben, am besten würde unterbreiten können. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass ich mir die Mühe bei einem solchen Aufreißer getrost sparen konnte.

Fassungslos stand Thilo da und sah zu, wie Don und ich den Raum durchquerten. Egal, wie der Abend jetzt weiter verlaufen würde – einen bleibenden Eindruck auf der Party hatte ich bereits hinterlassen. Nur Maja zwinkerte mir zu, als ich den Raum verließ, alle anderen starrten entsetzt in unsere Richtung.

Don reichte mir meinen Mantel und ich fragte mich flüchtig, woher er wusste, dass es meiner war. Vielleicht hatte er mich gesehen, als ich gekommen war. Er selbst schlüpfte in einen dunklen Parka.

Zusammen gingen wir nach draußen und der Schnee knirschte unter unseren Sohlen. Wie erwartet folgte Thilo uns nicht – außer Vorwürfen und atemlosen Geplapper war von ihm aber sowieso nicht viel zu erwarten.

Als ich mich zu Don drehte, bildete mein Atem kleine Wölkchen. Schnell sagte ich: »Danke für die Rettung. Allerdings wollte ich dir nicht die Party vermiesen.«

Er sah auf mich hinunter, was nicht weiter überraschend war, da er mindestens zwei Köpfe größer war als ich. »Für Silvester habe ich ohnehin nicht so viel übrig.«

Ich nickte nur und blickte mich um. Es erschien mir wenig verlockend, jetzt schon ins Hostel zurückzukehren. Selbst wenn ich Schlaf finden würde, um Mitternacht würde mich das Silvesterfeuerwerk ja doch wecken.

Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass Don meine Hand nahm und sich in Bewegung setzte. Überrascht stolperte ich hinter ihm her. »Wohin gehen wir?« Vor Aufregung schlug mein Herz ziemlich schnell, und ich fürchtete mich ein wenig vor der Antwort.

»Da vorne ist ein Burger King. Du kannst dich für deine Rettung bedanken, indem du mir erzählst, was es mit der Generalüberholung auf sich hat.«

Hinter seinem Rücken verzog ich das Gesicht, als hätte ich Zahnschmerzen. »Können wir nicht lieber zu dir gehen?«

Meine Frage schien ihn irgendwie zu verwirren, und er blieb stehen. »Das halte ich für keine gute Idee.« So knapp, wie er das hervorstieß, hätte er mir auch gleich sagen können, dass er mich hässlich fand.

Gleichzeitig versuchte ich, mich damit zu trösten, dass nun einmal nicht jeder Mann auf kurze Haare, Tattoos und Piercings stand – so viel zu meinem aufregenden One-Night-Stand.

Don hielt mir die Tür zu dem Schnellrestaurant auf, während ich immer noch meinen angeknacksten Stolz zu beschwichtigen versuchte.

Wenigstens war es hier drin warm. Ich rieb meine Hände aneinander und sagte dann: »Ich nehme nur einen Kaffee.«

»Du solltest etwas essen, du bist wirklich furchtbar dünn.« Er betrachtete mich mit zusammengezogenen Augenbrauen.

Autsch. Das wurde ja immer besser.

»Irgendwie müssen die Gerüchte über dich, dass du furchtbar charmant bist, gelogen sein.« Damit drehte ich mich um und ließ ihn stehen. Mit dem Rücken zum Kassentresen schob ich mich in eine der Nischen und verschränkte wütend die Arme. Dieser Blödmann.

Da es Silvester war, fand ich es nicht weiter überraschend, dass die Burger-King-Filiale nahezu leer war. Die einzigen anderen Gäste waren männlich und scheinbar in meinem Alter. Bei der Uhrzeit – es war gerade einmal kurz nach 21 Uhr – ging ich davon aus, dass sie gleich zusammen zu irgendeiner Party aufbrechen würden. Einer der Männer, süß und blond, bemerkte meinen Blick und zwinkerte mir zu. Ich grinste zurück und entspannte mich wieder ein bisschen. Ganz so hässlich war ich offenbar doch nicht.

Polternd fiel das Tablett vor mir auf den Tisch. Ich erschrak, denn ich hatte nicht gesehen, dass Don gekommen war. Bevor er sich setzte, schickte er einen Furcht einflößenden Blick zu dem Blonden.

Auf dem Tablett lagen zwei Portionen Pommes, einen Kaffee konnte ich nirgends entdecken. Das konnte ja heiter werden. Aus Angst, die Beherrschung zu verlieren und Don anzuschreien, schob ich mir ein paar Pommes zwischen die Lippen.

Während ich kaute, überlegte ich, was ich sagen sollte. Ehrlich gesagt war ich mit dieser Situation etwas überfordert – ich hatte gedacht, wir würden uns entweder unten auf der Straße trennen oder zu ihm gehen und Sex haben. Stattdessen hockte ich am deprimierendsten aller Tage bei Burger King und musste mich beleidigen lassen.

Der Blonde tauchte am Tisch auf und grinste frech. Trotzdem konnte ich erkennen, dass er ein wenig nervös war. »Dein Freund?«, fragte er mich mit einem schnellen Blick auf Don.

Zaghaft schüttelte ich den Kopf und Dons Augen verengten sich merklich.

»Cool«, stieß der Typ erleichtert hervor. »Gibst du mir deine Nummer?«

»Also, ich würde. Aber ich bin gerade erst hierher gezogen und habe noch kein neues Handy. Das alte ist – äh – abhandengekommen. Schreib mir doch deine auf.« Ich lächelte einladend und zum ersten Mal an diesem Abend hatte ich das Gefühl, dass mein Lächeln ehrlich wirkte.

Don räusperte sich, was irgendwie bedrohlich klang. »Ich glaube nicht, dass das nötig ist.«

Überrascht sah der Blonde ihn an, ich blinzelte nur langsam. Es geschah Don nur recht, unter die Nase gerieben zu bekommen, dass es durchaus Männer gab, die mich anziehend fanden.

»Doch, schreib sie auf«, sagte ich zum Blonden; dazu versetzte ich Don unter dem Tisch einen leichten Tritt vors Schienbein.

Allerdings hatte ich nicht mit seiner Reaktionsschnelligkeit gerechnet, denn noch während ich nach ihm trat, packte er mein Bein und hielt es fest umklammert. Schlimmer noch, er zog daran und ich rutschte ganz langsam über die Sitzbank nach unten. Dieser miese Kerl!

»Sie braucht deine Nummer nicht.« Dons Stimme klang beeindruckend gereizt.

Der Blonde war nun sichtlich verwirrt und ich konnte nicht antworten, denn mit einem heftigen Ruck zog Don mich zu sich. Mit den Händen konnte ich mich gerade noch am Sitzpolster festhalten. Schulterzuckend wandte mein Flirt sich ab und verschwand mit seiner lärmenden Truppe nach draußen.

Don ließ mein Bein los und ich richtete mich schnaufend auf. »Besten Dank, du Blödmann.«

»Gern geschehen, Zicke.«

Empört starrte ich ihn an. »Was sollte das? Du hast doch gesagt, dass du nicht mit mir schlafen willst, da kann ich ja wohl ein wenig flirten.«

»Das habe ich nicht gesagt. Und jetzt iss.« Auffordernd schob er mir das Tablett hin.

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen und ich versuchte, das Chaos in meinem Kopf zu sortieren. Was meinte er damit, dass er das nicht gesagt hatte?

»Ich bin verwirrt«, stellte ich fest, während ich mir immer noch widerwillig ein paar Pommes in den Mund schob.

»Und ich bin neugierig. Du warst plötzlich verschwunden und dann tauchst du so verändert wieder auf. Was ist passiert?«

Dons interessierte Frage verursachte mir eine Gänsehaut – schon allein, weil ich nicht das geringste Verlangen verspürte, sie zu beantworten. »Willst du mir jetzt weismachen, du hättest mich früher schon bemerkt?«

»Ja. Ich weiß, wer du bist. Und da eure Truppe immer aufeinanderhängt, war es nicht schwer, zu sehen, dass du nicht mehr dabei warst.« Don betrachtete mich schon wieder mit diesem eindringlichen Blick, der mich ganz verrückt machte.

»Tut mir leid. Ich dachte, ich würde einfach durch dein Radar fallen, immerhin habe ich weder blonde Locken noch Körbchengröße ›unendlich‹ zu bieten.«

Unverschämterweise senkte er den Blick auf meinen Oberkörper und begutachtete mich, dann zuckte er gleichgültig mit den Schultern.

Mir blieb die Luft weg. »Du bist ja so ein aufgeblasener Blödmann! Ich fasse es nicht! Warum bin ich überhaupt hier?« Entnervt warf ich die Arme in die Luft.

»Weil du das hier viel zu sehr genießt«, stellte er schlicht fest und grinste mich an.

Mein Mund klappte auf und wieder zu. Er hatte recht, das konnte ich nicht leugnen. Thilo war immer und ausnahmslos passiv aggressiv gewesen, wenn er sich nicht einfach schmollend in seine Ecke verzogen hatte. Ein Schlagabtausch oder ein klärendes Gespräch waren mit ihm unmöglich gewesen – zumindest war mir das jetzt bewusst. Thilo hatte sich immer und stets entschuldigt und meistens hatte er vermutlich nicht einmal gewusst, wofür.

Dass Don Widerworte gab und sich nicht einfach unterordnete, war mir völlig neu und irgendwie gefiel es mir. Meine Mundwinkel zuckten. »Du hast mich eine Zicke genannt.« Dann lachte ich.

Dons lächelte mich an und in seinen Augen lag jetzt ein anderer Ausdruck. »Glaub mir, ich habe meine Schwester schon mit wesentlich schlimmeren Ausdrücken bedacht«, bemerkte er trocken.

»Du hast eine Schwester? Ich bin ein Einzelkind.« Ich stützte die Ellenbogen auf und beugte mich weiter über den Tisch.

»Eine Schwester und einen Bruder. Aber du weichst meinen Fragen aus. Wo warst du?«

Mist, so leicht ließ er sich nicht aufs Glatteis führen. »Bei meiner kranken Tante.«

»Mehr wirst du dazu vermutlich nicht sagen?«, hakte er nach.

Energisch schüttelte ich den Kopf und sah dann nach draußen. Es hatte wieder zu schneien begonnen, schwer seufzte ich.

»Was ist los?«, wollte er sofort wissen.

»Nichts. Ich bin nur etwas überstürzt zurückgekommen und habe noch keine Wohnung, nur ein Zimmer in einem Hostel und die Aussicht, gleich dort zu schlafen, ist nicht berauschend.«

Dons Grinsen wurde breiter. »Du kannst bei mir schlafen.«

Seine Formulierung sorgte für ein Stirnrunzeln bei mir. Bei ihm schlafen, nicht mit ihm – wobei das nicht einmal ein schlechtes Angebot war.

»Und du bist sicher, dass ich dich nicht von deinem Silvester-Vergnügen abhalte?«, fragte ich vorsichtig, um nicht vorschnell Zustimmung zu signalisieren.

Sein Tonfall war recht zweideutig, als er sagte: »Ganz im Gegenteil.«

Auf seinen Vorschlag hin nahmen wir ein Taxi und waren in weniger als zehn Minuten bei ihm. Um diese Uhrzeit war es noch kein Problem, ein Taxi zu bekommen, und der Fahrer war schier begeistert, dass wir noch nicht einmal betrunken waren.

Als Don die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, fragte ich mich, ob ich einen Versuch unternehmen sollte, ihn zu verführen. Allerdings war sein Verhalten so merkwürdig, dass ich nicht wusste, ob er mich nun vögeln würde oder nicht. Er hatte zwar gesagt, dass er nicht mit mir schlafen wollte und mich zu dünn fand, dann aber einen potenziellen Flirt von mir davongescheucht.

Ich entschied, ihn den ersten Schritt unternehmen zu lassen. Eine weitere Zurückweisung würde ich vermutlich ohnehin nicht verkraften. Nach außen hin entspannt nahm ich auf der Couch Platz und lehnte mich zurück. Er hatte eine hübsche Wohnung und ich wunderte mich, ob er sie alleine eingerichtet hatte. Da fiel es mir schlagartig wieder ein.

Don kam gerade wieder aus der Küche und stellte zwei Gläser auf den Tisch. »Sekt?«, fragte er beiläufig. »Ist immerhin Silvester.«

»Ich hasse Silvester«, antwortete ich atemlos, bevor ich direkt fortfuhr: »Was ist mit deiner Freundin?«

Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe. »Ich habe keine Freundin.«

Ich kramte tiefer in meinem Gedächtnis. »Doch, doch. Ich weiß ganz genau, dass du mit irgendeiner meiner Bekannten geschlafen hast, und am nächsten Morgen kam deine Freundin zu früh nach Hause.« Meine Mimik zeigte deutlich, was ich davon hielt, und in diesem Moment ahnte ich, dass meine Männerwahl ein Fehler gewesen sein könnte.

Er wischte mit der Hand über sein Gesicht. »Das war nicht meine Freundin. Manche Frauen können sehr anhänglich sein, also –« Verlegen brach er ab und holte tief Luft. Er wartete offensichtlich darauf, dass ich ihm die Antwort erließ, stattdessen verschränkte ich die Arme und sah ihn auffordernd an.

Don seufzte. »Meine Schwester kommt dann und spielt die empörte Freundin. Allerdings verschwindet sie direkt in der Küche, deswegen gab es auch noch nie eine Konfrontation mit der angeblichen Freundin. Oder hast du mich am Anfang des Abends jemals mit einer Begleitung gesehen?«

»Das ist ja fast schon brillant. Schade, dass ich keinen Bruder habe«, stimmte ich enthusiastisch zu. Dabei entging mir nicht, dass Dons Miene sich verdunkelte.

Doch er wandte sich ab und fragte, während er in die Küche ging: »Möchtest du lieber einen Kaffee statt Sekt?«

»Gern.«

Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Päckchen Spielkarten und ich streckte die Finger danach aus. Tante Doris war eine begeisterte Kartenspielerin und besserte ihre ohnehin nicht schmale Rentenkasse dadurch auf, dass sie regelmäßig die Nachbarschaft ausnahm – und mich, bis sie mir einige ihrer Falschspielertricks gezeigt hatte. Mir kam eine Idee …

Ich ließ die Karten durch meine Finger gleiten und wartete, bis Don zurückkam. »Wie trinkst du deinen Kaffee?«

»Mit Milch und Süßstoff, wenn du welchen hast. Pokerst du?« Ich versuchte, ruhig zu klingen und mich nicht jetzt schon durch Aufregung zu verraten.

»Ja, ab und zu. Ich hole schnell den Süßstoff.«

Als er zurückkehrte, mischte ich bereits den Stapel durch.

»Du willst spielen?«, fragte er überrascht.

Ich nickte und als Don die Hand nach den Spielchips ausstreckte, hielt ich ihn zurück. »Mir schwebt da ein interessanterer Einsatz vor.«

Für einen kurzen Moment schloss Don die Augen und seine Stimme klang belegt, als er fragte: »Und der wäre?«

»Wir spielen fünf Runden, und wenn ich gewinne, bekomme ich Sex von dir.« Ich wurde am Ende des Satzes merklich leiser, doch ich war mir sicher, dass er mich dennoch gehört hatte.

»Und wenn ich gewinne?«

Zu meiner Erleichterung hatte er zumindest nicht direkt abgelehnt. »Was du möchtest«, sagte ich leichthin und zuckte mit den Schultern.

»Du hast noch keine Wohnung, richtig?«, fragte er und sein Gesichtsausdruck alarmierte mich.

Zögerlich antwortete ich: »Richtig.« Ich war definitiv auf der Hut.

»Wenn ich gewinne, ziehst du für 12 Wochen bei mir ein.« Er trug diesen Vorschlag vollkommen ruhig vor – gerade so, als wäre es nicht das Absurdeste, was er jemals laut gesagt hatte.

Ich hätte protestieren sollen, doch stattdessen hörte ich mich sagen: »Eine Woche.«

»Acht Wochen«, hielt er ruhig dagegen.

Mein Gehirn warf ein, das gerade vermutlich ein guter Moment war, um seine Wohnung zu verlassen. »Sechs Wochen.«

»Einverstanden«, schoss Don sofort zurück.

Ein ungutes Gefühl machte sich in meinem Bauch breit. Hatte ich gerade eingewilligt, für sechs Wochen bei dem größten Frauenhelden einzuziehen, den ich kannte – vorausgesetzt, ich verlor im Pokern gegen ihn?

Don zog die Karten unter meiner Hand weg. »Du hast ja sicher nichts dagegen, wenn ich noch einmal mische. Bei dem Einsatz möchte ich lieber nicht verlieren.«

Schnell schnappte ich mir die Kaffeetasse und trank einen Schluck. Glücklicherweise verliehen Tante Doris’ Tipps mir Selbstvertrauen. Ich würde gewinnen.

Nach vier Runden hatte ich diesen verdammten Mann mehr als einmal zum Teufel gewünscht. Die ersten zwei Runden hatte ich spielend gewonnen und hatte mich dafür nicht einmal anstrengen müssen. Don hatte anfangs den Eindruck gemacht, als könne er mit Mühe und Not gerade einmal die Karten halten.

Ich ignorierte die feine Stimme, die mich darauf hinwies, dass es irgendwie erbärmlich war, dass ich überhaupt um Sex pokern musste.

Dann zeigte der Mann sein wahres Gesicht und gewann die dritte und vierte Runde. Sein breites Grinsen dabei verunsicherte mich und mir kam der Verdacht, dass er sehr viel besser spielen konnte, als er zugab. Aber warum sollte er wollen, dass ich hier wohnte, und sich damit einen Klotz ans Bein binden? Immerhin war er dafür bekannt, jedes Wochenende eine andere Frau abzuschleppen – würde das nicht schwer werden, wenn ich in seiner Wohnung hockte?

Ich teilte für die fünfte Runde aus und war fest entschlossen, zu gewinnen – sicherheitshalber wollte ich ihn trotzdem etwas ablenken. Mir war durch den Kaffee und die Aufregung ohnehin warm. Unter dem Oberteil mit den Dreiviertelärmeln, das ich trug, hatte ich noch ein dünnes Trägertop an. Genau wie der Rest meiner Freunde, von Maja abgesehen, kannte er die neuen Tattoos nicht, vielleicht würde ihn das ablenken. Ich nahm die Karten hoch, betrachtete sie und legte sie wieder auf den Tisch. Wir waren noch vor der ersten Runde in die Küche gegangen, weil wir uns dort gegenübersitzen konnten.

Als Don mich neugierig ansah, vermutlich um seine Gewinnchancen zu berechnen, zog ich mein Oberteil aus. Seine Augen weiteten sich, als er das Tattoo auf meinem Dekolleté betrachtete. Die Sanduhr mit den Fledermausflügeln war eins meiner liebsten Motive und ich konnte es selbst stundenlang bewundern.

Schließlich musste ich mit den Fingern schnippen, um Dons Aufmerksamkeit wieder aufs Eigentliche zu lenken. »Können wir weiterspielen?«

Abwesend nickte er und ich freute mich. Mein Plan funktionierte besser, als ich gedacht hatte. Zug um Zug stieg meine Aufregung und ich war mir sicher, dass ich gewinnen würde. Ich wartete, dass Don seine Karten auf den Tisch legte, und bedankte mich innerlich bei Tante Doris.

»Das nennst du ›ab und zu‹ spielen? Du bist ein wirklich hervorragender Lügner.«

Spöttisch zog Don eine Augenbraue hoch und seine Mundwinkel zuckten verdächtig. »Das ist so eine Art Familientradition.«

Sein Lächeln bescherte mir weiche Knie und ich fragte mich flüchtig, warum ich ihn früher nie bewusst wahrgenommen hatte. Er war wirklich wahnsinnig attraktiv. In diesem Moment war ich dankbar, dass ich saß, denn meine Beine fühlten sich wie Pudding an.

Plötzlich stand Don ziemlich abrupt auf und umrundete den Tisch. Dicht neben mir blieb er stehen und meine Kehle wurde eng. Obwohl ich protestierte, umfasste er meinen Oberarm und zog mich vom Stuhl hoch. Bevor ich wusste, was er vorhatte, drängte er mich nach hinten gegen die Wand. Mit einer Hand hielt er mich fest, während er sein Bein zwischen meine Schenkel schob. Grundgütiger, der Mann hatte eine Körpertemperatur, die einfach unnatürlich war.

»Hey«, versuchte ich schwach, Einwand zu erheben.

Er legte nur den Kopf schräg und seine andere Hand strich über meine Hüfte nach oben. An dem schmalen Streifen Haut zwischen Jeans und Top verharrte er. Mein Körper prickelte überall dort, wo er ihn berührt hatte, wie verrückt. Zielsicher glitt er unter meinen Hosenbund und fischte nach der Spielkarte.

Mit einem Grinsen zog er die Karte hervor und sagte: »Pik As, was für ein Zufall – genau die hat mir gefehlt.« Ohne meinen Arm loszulassen, ging er zum Tisch und warf das As darauf, dann drehte er seine Karten um. »Royal Flush«, verkündete er lässig. »Ich habe gewonnen.«.

Ich starrte entsetzt auf den Tisch. »Das ist statistisch unmöglich!«, protestierte ich.

»Es ist auch statistisch unmöglich, dass beim Mischen aus Versehen Karten in deine Kleidung wandern.«

»Du hast betrogen.« Ich sah zu ihm auf.

Er versuchte nicht einmal, es zu leugnen. Das ergab doch keinen Sinn. Warum wollte er nicht mit mir schlafen, aber war so versessen darauf, dass ich bei ihm einzog?

Die Sekunden dehnten sich und er hielt noch immer meinen Oberarm fest. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Dann setzten draußen die Feuerwerke ein.

Zeitgleich wanderten unsere Blicke zu der großen Uhr an der Küchenwand. Es war Mitternacht, das neue Jahr hatte begonnen.

Don zog mich an sich. »Frohes neues Jahr«, murmelte er dicht an meinen Lippen. Schließlich beugte er sich vor und küsste mich hungrig.

KAPITEL2

Atemlos sank ich gegen ihn und erwiderte den Kuss. Ich hätte zu gern meine Arme um seinen Nacken geschlungen, doch er hielt mich immer noch fest, als würde ich sonst weglaufen.

Doch das hatte ich gar nicht im Sinn – nicht vor einem Mann, der so gut küssen konnte. Die Stimme in meinem Hinterkopf wisperte böse, dass Don ja auch genügend Erfahrung besaß. Aber das war mir egal, ich wollte nur ein wenig Spaß.

Schließlich löste er sich von meinen Lippen und ich musste mich zusammenreißen, um ihn mit meinen Augen fixieren zu können.

»Komm, wir holen deine Sachen.«

Ich starrte ihn an. »Was? Jetzt? Du meinst das ernst?«

»Natürlich, du gehörst jetzt für sechs Wochen mir.«

Unwillig schüttelte ich den Kopf, doch ihn schien seine Wortwahl genauso zu verwirren wie mich. »Also, du wohnst jetzt hier, meine ich«, verbesserte er sich.

»Aber warum sollten wir jetzt die Sachen holen? Draußen ist bestimmt die Hölle los«, wandte ich ein. Ich wollte Sex und nicht durch die eisigen Temperaturen stapfen. Wen interessierte schon, dass ich das Spiel verloren hatte? Immerhin hatte er mich bereits geküsst und davon wollte ich definitiv mehr.

»Wir sind schnell wieder hier. Auf diese Weise kannst du es dir wenigstens nicht anders überlegen.« Don verschränkte die Arme, als würde er jetzt keinen Widerspruch mehr dulden.

»Keine Sorge, ich stehe zu meinem Wort. Aber lass mich raten: Du bist das älteste Geschwisterkind.«

»Woher weißt du das?«

Ich rollte mit den Augen. »Nur so eine Theorie. Dann zieh ich mich mal wieder an. Unglaublich.«

Stumm sah er mir zu, dabei wanderten seine Augen immer wieder über meinen Körper. Ich fuhr mir durch die kurzen Haare, die mittlerweile bestimmt wild von meinem Kopf abstanden, und konnte mir nicht verkneifen zu sagen: »Du fragst dich gerade, wo ich noch überall tätowiert bin.«

Tatsächlich färbten seine Wangen sich rot und er wich meinem Blick aus. Zufrieden drehte ich mich um und sagte über die Schulter: »Tja, hättest du mich gewinnen lassen, wärest du jetzt schlauer.«

Für einen Moment glaubte ich, dass er knurrte: »Das werde ich sowieso noch.« Doch dann ging er mit einer solch unbewegten Miene an mir vorbei, dass ich mir sicher war, mich getäuscht zu haben. Offenbar suchte der Mann wirklich nur einen Mitbewohner und niemanden für sein Bett.

Mein Selbstbewusstsein würde sich von dieser Nacht mit Sicherheit nicht so schnell erholen. Don hielt mir die Tür auf und zog dabei den Reißverschluss seines Parkas hoch.

Kaum standen wir unten vor dem Haus, schob ich die Hände in die Taschen. Es war wirklich verdammt kalt und ich freute mich schon jetzt darauf, wieder im Warmen zu sein. Don stand wie angewurzelt vor der Tür und starrte mich an. Verwirrt blinzelte ich zurück und sah dann, wie er auffordernd seine Hand ausstreckte.

»Du willst Händchen halten?«, fragte ich fassungslos.

»Spätestens auf dem Alten Markt wird so viel Gedränge herrschen, dass ich lieber nicht das Risiko eingehe, dass du mir entwischst.« Er machte einen Schritt auf mich zu.

»Aber mir werden die Hände abfrieren, ich habe keine Handschuhe dabei«, warf ich einen lahmen Protest ein.

Ohne meine Worte zu beachten, ergriff Don meine Hand und schob seine Finger zwischen meine, dann schob er unsere Hände in die Tasche seines Parkas.

Schweigend stapfte ich neben ihm her und fragte mich, wer von uns beiden eigentlich mehr von seinem Verstand eingebüßt hatte. Den Anfang des neuen Jahres hatte ich mir definitiv anders vorgestellt. Zwar hatte ich gehofft, dass es aufregend werden würde – aber so viel Aufregung war fast zu viel des Guten.

»Okay. Ich finde es irgendwie sehr leichtsinnig von dir, dass du mich einfach bei dir einziehen lassen willst. Vielleicht bin ich total gestört und gehe mit einem Skalpell auf dich los. Außerdem könnte ich pleite sein und die Miete nicht zahlen, dafür aber ständig Ferngespräche nach Australien führen. Die Zeitansage soll auf Englisch ja viel interessanter sein, habe ich gehört.«

Don schmunzelte und bedachte mich mit einem eigenartigen Seitenblick. »Ich brauche dein Geld nicht und bin mir ziemlich sicher, dass ich mich gegen dich wehren kann. Wie viel wiegst du? 30 Kilogramm?«

»Sehr witzig, du Blödmann«, fauchte ich und zerrte probehalber an meiner Hand, die sich in seinem festen Griff nicht einen Millimeter bewegte. Sein Lächeln wurde zufriedener.

»Aber ich weiß nichts über dich – du könntest genauso gut ein irrer Serienmörder sein.«

Er lachte leise. »Genau! Das ist sicherlich eines der heißesten Gerüchte von denen, die du über mich gehört hast.«

Die Erwähnung besagter Gerüchte sorgte dafür, dass ich verlegen den Kopf senkte. Sicherlich standen meine Wangen in Flammen. Ich war im Begriff, meine Sachen zu holen und ausgerechnet bei dem Mann einzuziehen, der sich durch die halbe Stadt geschlafen hatte und nur mit mir offenbar nicht vögeln wollte. Trotzdem fühlte ich mich in seiner Gegenwart wohl – ein Zustand, den ich so schon lange nicht mehr verspürt hatte.

»Was machst du beruflich? Wie lange bist du am Tag zu Hause? Was erwartest du von mir? Hast du überhaupt ein Gästezimmer?« Die Fragen sprudelten aus mir heraus, doch die einzige Reaktion von Don war, dass er seinen Schritt beschleunigte.

»Können wir das besprechen, wenn wir wieder zu Hause sind?«, fragte er und klang schon wieder leicht genervt.

Meine Kopfhaut prickelte. Wenn er »wir« sagte, konnte ich mir für einen Moment einreden, dass es so etwas tatsächlich gab. »Wir müssen hier rechts. Siehst du da vorne das blaue Leuchtschild?« Ich wies mit dem Finger der freien Hand auf die Leuchtreklame über der Eingangstür des Hostels.

»Ich warte hier – oder hat das Ding auch einen Hintereingang?« Don fragte das so besorgt, dass ich lachen musste. Er wirkte sehr überzeugend in seiner gespielten Sorge, dass ich ihm davonlaufen könnte.

Also seufzte ich gequält und sagte: »Wo sollte ich denn sonst hin?«

»Zu deinem Ex-Freund.« Mit verschränkten Armen funkelte Don auf mich hinunter.

Meine Miene gefror. »Ganz sicher nicht. Unter gar keinen Umständen. Abgesehen davon weiß ich gar nicht, wo er jetzt wohnt.« Ich hatte nicht ohne Grund vor sechs Monaten den Kontakt zu allen abgebrochen, mit denen ich bisher zu tun gehabt hatte – von Maja mal abgesehen. Doch sie war die Einzige, die ich nur flüchtig gekannt hatte.

Dons Augenbraue fuhr in die Höhe. »Wo hat er denn vorher gewohnt?«

Ich ignorierte die Frage mit voller Absicht und drehte mich auf dem Absatz um. »Ich hole meine Sachen.« Dann betrat ich das Hostel und ließ die Tür hinter mir zufallen.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich nichts vergessen hatte, verließ ich das Zimmer. Ich hatte nur eine Nacht hier geschlafen und war mir doch sicher, dass ich es nicht vermissen würde.

Don hatte offenbar telefoniert, denn mit einem Stirnrunzeln steckte er sein Handy wieder in die Hosentasche. Dann nahm er mir tatsächlich meine Reisetasche ab und streckte wieder die Hand aus. Obwohl ich die Augen verdrehte, ergriff ich sie und genoss es insgeheim, wie seine warme Haut sich anfühlte.

»Ich nehme an, dass du nicht scharf darauf bist, über deinen Ex-Freund zu sprechen.« Er klang viel zu beiläufig, um seine Neugier wirklich zu verbergen, und ich wandte den Kopf ab, damit er mein Grinsen nicht sah.

»Er ist fremdgegangen.« Ich musste tief Luft holen, um das verräterische Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

»Oh.« Don klang wirklich betroffen. Für einen Moment fühlte ich mich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Er mochte ein Frauenheld sein, aber bisher hatte ich immer gehört, dass er vorher klarstellte, dass er auf keinen Fall eine Beziehung wollte – also würde er vermutlich nicht fremdgehen. In meinem Kopf klang das stark nach der Art von Logik, die man übermüdet um ein Uhr morgens nun einmal hatte.

»Dein ›Oh‹ kannst du dir sparen. Eine Freundin hat angeboten, die ganze Misere aufzuklären und meinen Freund zur Rede zu stellen. Ich habe derweil verheult in ihrem Wohnzimmer gesessen und mich in Selbstmitleid und Dankbarkeit ihr gegenüber gesuhlt. Dann bin ich wütend geworden. So wütend, dass mir wieder eingefallen ist, dass ich kein Waschlappen bin und Thilo auch selbst den Kopf waschen kann. Deswegen bin ich zu unserer Wohnung gefahren, nur um meine beste Freundin ebenfalls mit ihm im Bett zu erwischen.«

Don blieb stehen und starrte mich aus großen Augen an, das Mitleid war nicht zu übersehen. »Er hat gleich mit zwei deiner Freundinnen geschlafen?«

»Mindestens zwei, würde ich sagen.« Ich zog ihn weiter. »Ich möchte heute noch nach Hause, wenn es geht.« Kurz sammelte ich mich. »Die beiden waren so intensiv miteinander beschäftigt, dass sie mich nicht gehört haben, also habe ich mir meine Tasche und meinen Computer geschnappt und bin zum Bahnhof gefahren. Der nächste Zug nach Berlin ging nur eine halbe Stunde später.«

»Wissen die beiden, dass du sie gesehen hast?«, fragte Don vorsichtig.

»Nein. Mein gesamter Freundeskreis denkt, dass ich einfach nur einen an der Waffel habe und meine kranke Tante besuchen gefahren bin. Keine Ahnung, warum ich dir das gerade überhaupt erzähle.« Ich zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf ihn. »Tratsch es weiter und du bist tot.«

Abwehrend zeigte er mir seine Handfläche. »Das habe ich nicht vor. Es tut mir leid.«

»Braucht es nicht. Ich lebe noch«, bemerkte ich trocken.

An einer roten Ampel blieben wir stehen und Don räusperte sich, bevor er vorsichtig fragte: »War das auch der Grund für die optischen Veränderungen?«

»So groß sind die Veränderungen nicht, ich habe nur immer Rücksicht auf Thilo genommen, auch wenn er ein Faible für Tattoos hat, fand er alles, was sichtbar war, nicht gut – und etwas anderes als versteckte Piercings war auch nicht drin«, erklärte ich.

Die Ampel war grün geworden, doch Don blieb einfach stehen. Verwundert sah ich zu ihm hoch, er schluckte schwer. »Was genau bedeutet ›versteckte Piercings‹?«

»Das, mein Lieber, wüsstest du wohl gern«, grinste ich.

Endlich setzte er sich in Bewegung und ich konnte kaum noch mit ihm Schritt halten. Er schwieg und ich war froh, als wir endlich wieder vor seiner Wohnungstür standen. Meine Nasenspitze fühlte sich an, als würde sie gleich abfallen.

Erleichtert rieb ich meine Hände gegeneinander, als wir wieder drinnen waren. Ein wenig nervös beobachtete ich, wie Don meine Tasche in das Schlafzimmer brachte. Ich sah mich um und zählte die Türen ab: Wohnungstür, Badezimmer, Küche und ein Schlafzimmer.

Mit einer schnellen Bewegung leckte ich mir über die Unterlippe und dachte nach. Er würde doch jetzt nicht wirklich sechs Wochen freiwillig auf der Couch schlafen, oder?

Obwohl mein Herz klopfte, folgte ich ihm und musterte den Raum. Er war weder besonders auffällig noch so eingerichtet, wie ich es mir nach den Erzählungen vorgestellt hatte, die ich gehört hatte. Ein schlichtes Bett mit Holzrahmen thronte an der Wand, rechts und links davon standen kleine Nachttische auf schlanken Beinen, jeweils mit einer schmalen Schublade versehen. Der Kleiderschrank besaß die gleiche Farbe wie das Bett und war das einzige weitere Möbelstück in dem Raum. Es gab noch einen Wandspiegel, sonst nichts – nicht einmal einen Fernseher. Der Raum war eindeutig nur zum Schlafen gedacht … Und für Sex.

Auf dem linken Nachttisch lag eine Armbanduhr. Ich folgerte daraus, dass Don wohl für gewöhnlich auf dieser Seite schlief, und sah zu, wie er meine schmale Reisetasche rechts neben das Bett stellte.

Mit einem überaus zufriedenen Lächeln drehte er sich zu mir um. »Vielleicht sollten wir jetzt zur Feier des Tages einen Sekt trinken.«

Da ich es nicht über mich brachte, mich nach meinem Schlafplatz zu erkundigen – für heute hatte ich wirklich genug Zurückweisungen erhalten –, nickte ich stumm und ging mit ihm in die Küche. Dabei betrachtete ich seine breiten Schultern und fragte mich verwundert, was hier eigentlich los war.

Mein Plan war es doch gewesen, das neue Jahr herrlich unvernünftig mit einem One-Night-Stand zu beginnen. Nach allem, was ich gehört hatte, gab es keinen geeigneteren Kandidaten als Don. Doch statt mich mit ihm durch die Laken zu wühlen, nahm ich mechanisch das Sektglas entgegen und trottete erneut hinter ihm her.

Auf der Couch achtete er sorgfältig darauf, dass wir genug Abstand zwischen uns hatten, um eine katholische Nonne zufriedenzustellen, und strahlte mich weiter an. Geradeso, als wäre er mächtig stolz auf sich. »So, dann erzähl mal, was du in Berlin gemacht hast.«

Ich zuckte mit den Schultern und verschaffte mir erst einmal ein wenig Zeit, indem ich an dem Sekt nippte. »Zeit mit meiner Tante verbracht und gearbeitet. Vielleicht ein bisschen zu viel gearbeitet. Außerdem habe ich, wie du ja schon so schön festgestellt hast, die eine oder andere Stunde beim Tätowierer verbracht.«

Don grinste. »Das ist kaum zu übersehen – und beim Friseur warst du auch. Die kurzen Haare stehen dir.«