Desdemona - Kristin Wöllmer-Bergmann - E-Book
Beschreibung

Wie immer, wenn ich ihn sah, kam eine Mischung aus Abscheu und Wehmut in mir hoch. Haakon und ich hatten eine Geschichte, wie sie unschöner nicht hätte sein können. Ich spürte immer noch die gleiche Bitterkeit und konnte ihm nach wie vor nicht vergeben. Und er mir auch nicht. Als Mitglied der höchsten Instanz der Hölle hat man es nicht leicht. Niemand weiß das so gut wie Desdemona. Doch momentan machen ihr nicht nur die Engel das Leben schwer, denn Satan schickt sie zu einem Einsatz nach Oslo, bei dem sie mit ihrem schlimmsten Feind in der Hölle zusammenarbeiten muss: Haakon, ihrem ehemaligen Liebhaber. Wohl oder übel müssen sie miteinander auskommen, denn die Attacken der Engel werden immer heftiger und die Zeit drängt wichtige Entscheidungen zu fällen. Und dann ist da noch Jan, ein junger Musiker, der Desdemona nicht mehr aus dem Kopf geht.... Band 3 der Reihe "Im Bann der Unterwelt"

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Als Mitglied der höchsten Instanz der Hölle hat man es nicht leicht. Niemand weiß das so gut wie Desdemona.

Doch momentan machen ihr nicht nur die Engel das Leben schwer, denn Satan schickt sie zu einem Einsatz nach Oslo, bei dem sie mit ihrem schlimmsten Feind in der Hölle zusammenarbeiten muss: Haakon, ihrem ehemaligen Liebhaber.

Wohl oder übel müssen sie miteinander auskommen, denn die Attacken der Engel werden immer heftiger und die Zeit drängt wichtige Entscheidungen zu fällen.

Und dann ist da noch Jan, ein junger Musiker, der Desdemona einfach nicht mehr aus dem Kopf geht…

Außerdem bisher bei Books on Demand erschienen:

Die „Helene“-Reihe:

Helene – Im Bann der Unterwelt Band I, ISBN: 978-3-7460-2296-3

Amelia – Im Bann der Unterwelt Band II, ISBN: 978-3-7528-0539-0

Weitere Bände sind in Vorbereitung

Für Desdemonas größten Fan.

Und für alle Frauen, die stärker sind, als sie selbst gedacht haben.

Inhaltsverzeichnis

Prologue

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Ich bin… Iridessa: Die dritte Königin der Hölle

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Register

Prolog

Es war die Ruhe vor dem Sturm, das spürte er ganz deutlich. Jeder seiner Sinne war geschärft und sein Nacken prickelte in der Erwartung der Dinge, die bald geschehen würden.

Bald.

Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde es endlich geschehen und er würde sehen, ob sein Plan aufging oder ob er einen gewaltigen Fehler gemacht hatte.

Sein Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln. Es durfte kein Fehler sein, nicht nach all den Opfern, die er bereits gebracht hatte.

Nicht einmal seine engsten Vertrauten kannten seine Pläne, sie hatten keine Ahnung, was er vorhatte und das war auch besser so, denn sie würden sie nicht verstehen. Sie könnten nicht nachvollziehen, warum er bereit war, so große Risiken einzugehen, im schlimmsten Fall würden sie versuchen, ihn umzustimmen.

Es gab keine Alternative zu seinem Plan.

Entweder er scheiterte und richtete sich damit selbst zugrunde oder er trat als strahlender Sieger hervor. Er war fest entschlossen, dass letzteres der Fall sein würde.

Die Zukunft seines Reichs hing davon ab, wie sehr er sich seiner Position als würdig erwies und an ihm würde es sein, seine Untertanen in eine bessere Zeit zu führen.

Dafür war er bereit, weitere, schwerwiegende Opfer zu bringen, auch, wenn es sich anfühlte, als krampfte sich seine Brust zusammen.

Eine unwillkommene, zweifellos menschliche Anwandlung, die er nicht gebrauchen konnte. Es ging hier nicht um Menschlichkeit, nicht um Milde und Herzensgüte.

Es ging ums Überleben und darum, wie dieses Leben im Anschluss gestaltet werden würde.

Er betrachtete sein Gesicht in der Spiegelung der Fensterscheibe, vor der er stand und erkannte seine eigene Entschlossenheit. In der langen Zeit seiner Existenz war er noch nie vor einer Entscheidung zurückgeschreckt und das würde sich auch jetzt nicht ändern.

Erneut atmete er tief ein, dann sah er sich selbst fest in die Augen, deren Farbe sich kontinuierlich veränderte, wenn man genau hinsah.

Die Zeit war reif.

1

Die Herrin der Unterwelt und Fürstin der Hölle sah mich finster aus schmalen, viel zu stark geschminkten Augen an und schnalzte mit der Zunge gegen ihre Vorderzähne.

Sie saß auf einem hochlehnigen Stuhl am Ende eines gläsernen Konferenztisches, sodass es aussah, als hielte sie gerade Audienz. Eigentlich fehlten zur Vervollständigung des Bildes nur noch ein Krönchen und ein Zepter. Den finsteren Blick bekam sie mittlerweile recht gut hin.

Mich konnte sie mit diesem Blick allerdings nicht einschüchtern. Ich beherrschte ihn besser als sie, ich war schließlich über vierhundert Jahre länger im Geschäft als meine Königin.

Sie schob die Unterlippe trotzig vor, es war ihr wohl gerade aufgegangen, dass sie mich mit einem bösen Blick nicht im Mindesten beeindrucken konnte.

„Desdemona...“, sie ließ meinen Namen im Raum hängen. Wahrscheinlich hatte sie gestern wieder einmal eine Crime Serie gesehen und ahmte nun die Verhörmethoden nach. Es belustigte mich regelmäßig, wenn sie „Gibbs“ aus NCIS imitierte.

Als würde so was bei mir funktionieren.

Ich nickte ihr nur knapp zu. Mehr Aufmerksamkeit hatte dieser lahme Versuch nicht verdient.

Wäre sie nicht die Herrscherin der Hölle und mit Satan - meinem Herrn und Erschaffer - verheiratet und außerdem seit ihrer Verlobung meine beste Freundin, wäre ich schon längst auf und davon gewesen. Ich hatte schließlich Länder zu regieren.

Aber unter den gegebenen Umständen verzieh ich ihr das merkwürdige Gehabe natürlich.

„Helene“, entgegnete ich wesentlich kühler und professioneller als sie. Die hochgezogene Augenbraue hatte schon bei so manch anderem weiche Knie verursacht und auch bei Helene machte sie keine Ausnahme.

Ich hatte dieses Verhalten perfektioniert, seit ich Mitglied im Rat der Lords war. Wäre ich nicht hart und eloquent, hätte ich es niemals so weit gebracht.

Und wie erwartet: bei mir funktionierte der böse Blick tadellos. Helene sank ein wenig in sich zusammen und senkte den Blick. Dabei löste sich eine Strähne aus ihrer komplizierten Hochsteckfrisur, für die irgendein armes Dämonenmädchen heute Morgen sicherlich eine halbe Ewigkeit gebraucht hatte und kitzelte sie an der Nase.

Sie nieste und weitere Strähnen lösten sich. Ungeschickt stopfte sie sie wieder in die Frisur und richtete damit ein heilloses Chaos auf ihrem Kopf an.

„Mist“, murrte sie. Ihre hübschen, grell geschminkten braunen Augen richteten sich Hilfe suchend auf mich. „Desi...“, wimmerte sie dann.

„Nenn mich nicht so“, sagte ich automatisch und verschränkte die Hände vor der Brust.

Führungskräfte haben keine Spitznamen, schärfte ich mir immer wieder ein, aber ich wollte nicht grob zu ihr sein.

Niemals. Das hatte sie nicht verdient.

Helene war mittlerweile wie eine Schwester für mich geworden. Eine manchmal sehr quengelige Schwester, aber eine geliebte Schwester auf jeden Fall.

Seitdem sie sich vor knapp drei Jahren für meinen Herrn entschieden hatte, hatte sie sich unglaublich entwickelt und war auf dem Weg, eine wunderbare Herrscherin zu werden.

Egal, wo sie auftauchte, nachdem die Tatsache verdaut worden war, dass sie nach wie vor ein Mensch war, waren alle hellauf begeistert von ihr.

Helene überzeugte durch ihre Menschlichkeit und ihre eigenwillige Sicht der Dinge, die sich nicht selten stark von derjenigen der Dämonen unterschied. Meist erkannte sie aber Punkte und Merkmale, die jemandem wie mir, der schon so lange im Geschäft war, möglichweise als unwichtig erschienen waren oder komplett außer Acht gelassen worden wären, die sich aber bei näherer Betrachtung als wichtig entpuppten. Dafür schätzte ich sie sehr.

Deswegen ging ich jetzt am Tisch entlang und richtete ihr Haar. Das forderte zwar kaum meine Fähigkeiten heraus, aber es schuf ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen uns, das ich sonst mit niemandem teilen konnte. Auch deswegen liebte ich sie: weil ich vor ihr nicht den Schein waren musste, stets unbesiegbar und bestens vorbereitet zu sein. Selbst wenn das bedeutete, dass ich ihr die Haare frisierte.

„Warum passte es diesmal nicht?“, fragte sie mich düster und hielt den Kopf mit dem rotblonden Haar, das sich fürchterlich mit ihrem korallenroten Kleid biss, gerade.

Ich seufzte und wünschte mich innerlich in eine Höhle voller blutrünstiger Himmelsengel, die mit brennenden Pfeilen auf mich losgingen - dort wäre es angenehmer als hier.

Helene hatte es sich in den Kopf gesetzt, mich „an den Mann zu bringen“, ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, weil es kaum einen Mann gab, der es mit mir aufnehmen konnte und sich nicht von meinem Status einschüchtern ließ.

Der, den sie mir gestern aufs Auge gedrückt hatte, war wieder so einer gewesen, der nichts mehr mit mir anfangen konnte, sobald ich ein, zwei intelligente Bemerkungen gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte er gedacht, dass sich mein hübsches Gesicht nicht mit Intelligenz vereinbaren ließ.

Falsch gedacht.

„Er war nicht mein Typ“, antwortete ich ausweichend, weil ich sie nicht verletzten wollte. Er war ein Mensch gewesen, ein Manager in irgendeiner Firma, die Helene und Satan besucht hatten und sie hatte den Kontakt zwischen uns hergestellt und mich gedrängt, mich mit ihm zu treffen. Vor lauter Frustration über ihr ständiges Gejammer hatte ich irgendwann nachgegeben. Und einen ganzen Abend verschwendet.

„Klug, witzig und erfolgreich ist also nicht dein Typ?“, schoss Helene in diesem Moment zurück und sah mich entsetzt aus ihrem überschminkten Gesicht an. Ich erwog, auch dieses Problem zu beheben und wischte einmal schnell über ihre Wangen und Augen. Sofort wurde das Make-up korrigiert und Helenes hübsches Gesicht wurde perfekt betont.

Nicht mein Typ. Wenn sie wüsste...

Ich schüttelte nachdrücklich den Kopf.

Meine Frisur hielt.

Sie hielt immer.

„So witzig ist er nun auch wieder nicht. Keine Diskussion“, schnitt ich ihr das Wort ab, bevor sie wieder anfangen konnte zu lamentieren. „Die geschäftliche Situation ist momentan nicht die beste und ich weiß nicht, ob das jetzt der passende Zeitpunkt wäre, mir einen Mann zu suchen“, schon ich erklärend hinterher.

„Aber du bist jetzt schon wie lange Single?“, fragte sie beharrlich und legte den Kopf schief. Dieses Mal hielt die Frisur, aber ich hätte Helene nur zu gern mit einer der Haarnadeln malträtiert.

„Lange genug, um mich mit diesem Umstand abzufinden“, erwiderte ich kurzangebunden. Sie musste ja nicht wissen, dass es bald schon 153 Jahre waren. Ich schloss die Augen für einen Moment und redete mir ein, dass ich kein Problem damit hatte.

Mein Job war wichtiger als eine Beziehung.

Nein, meine Berufung war wichtiger als jede Beziehung.

Dass ich einwandfrei funktionieren konnte, war wichtiger als eine Beziehung.

Meine Hoheitsgebiete in Griff zu haben... das war wesentlich mehr, als ein Mann, ob Mensch oder Dämon, mir geben konnte und weit wichtiger als jede Romanze.

Nur dass Helene das einfach nicht verstehen konnte. Für sie waren ihr Partner und ihr berufliches Leben so eng miteinander verflochten und eine so natürliche Kombination, dass es ihr einfach nicht in den Sinn wollte, dass es noch andere Lebensmodelle als ihres gab. Und sie hatte den Wunsch, dass jeder, der ihr etwas bedeutete, das gleiche Glück wie sie hatte und brachte eine unglaubliche Energie auf, um dieses Ziel zu erreichen.

Ehrlich gesagt hatte ich anfangs meine Zweifel gehabt, ob sie sich wirklich so entwickeln würde, wie wir alle es gehofft hatten, aber mittlerweile wusste ich, dass Satan keine bessere Wahl hätte treffen können, um das kosmische Gleichgewicht zu stabilisieren.

Helene war die perfekte Ergänzung zu ihm, auch wenn es mich manchmal schmerzte, mir einzugestehen, dass es so war. Lange Zeit wäre ich die logische Wahl für die Position der rechten Hand Satans gewesen. Aus politischen Gründen war dies nie offiziell geworden, denn es gab andere in dem Rat der Lords, dem ich als eine der Obersten Dämonen angehörte, die ein älteres Anrecht auf diese Position gehabt hätten.

Und jetzt musste ich einsehen, dass die junge menschliche Frau vor mir mit dem riesigen Herzen eine wesentlich bessere Besetzung war als ich.

Deswegen hatte ich mich dazu entschieden, sie zu lieben und in allem zu unterstützen, was sie tat. Das war ich auch Satan schuldig, nach allem, was er für mich getan hatte und für das Leben, dass er mir ermöglicht hatte. Davon abgesehen war eine Symbiose wie Helene und Satan sie eingegangen waren, für mich unrealistisch, wenn nicht gar unmöglich.

Und das war vollkommen in Ordnung.

„Außerdem gibt es wirklich andere Dinge, die mir den Schlaf rauben“, fügte ich hinzu, weil ich das Gefühl hatte, dass sie niemals Ruhe geben würde.

„Es wird nichts passieren, Desdemona“, sagte Helene fest. „Das waren… dumme Aktionen, die sich nicht wiederholen werden. Gott hat mir sein Wort gegeben: meinetwegen wird es nicht zum Krieg kommen. Die Engel werden keinen Krieg anfangen, das hat Gott mir versprochen.“

Sie betonte jedes einzelne Wort, als hätte sie den Satz auswendig gelernt. Wahrscheinlich war er zu ihrem Mantra geworden. Und sie klammerte sich daran, wie eine Ertrinkende an ein Stück Treibholz.

„Das mag sein“, räumte ich ein, behielt aber für mich, dass Gott schon lange nicht mehr die Geschicke des Himmelsreiches in den Händen (die er ja nicht hatte) hielt, sondern sein Lieblingsengel Michael. Es war lange vor meiner Erschaffung gewesen, dass Gott sich noch selbst um seine Engel und das Himmelsreich gekümmert hatte. Mittlerweile war er nur noch eine Art überirdisches Bewusstsein, das die Welt beobachtete. Einfluss nahm er schon lange nicht mehr auf den Hohen Kader der Erzengel, der jetzt herrschte. Und der Oberste dieses Kaders, Michael, hatte einen solchen Hass auf meine Königin, dass es sogar mir Angst machte.

„Ich weiß, dass Gott es dir versprochen hat, aber wenn du dich vielleicht an den Angriff auf Santini vor anderthalb Jahren erinnerst...“, versuchte ich noch einmal an ihr Gedächtnis und ihren Verstand zu appellieren.

Tatsächlich schwieg sie eine Minute und dachte nach.

„Natürlich war das keine schöne Sache...“, gab sie zu und zwirbelte eine Strähne zwischen ihren Fingern.

Ich schnaubte. Ein sehr unschöner Laut, den ich mir sonst immer verkniff. „Dass Raphael erst ihn und dann seine Frau fast getötet hätte? Ich finde, keine schöne Sache trifft es nicht ganz“, wandte ich ein. Diese Sache hatte uns alle überrascht und im höchsten Maße alarmiert.

Helene schniefte. „Du hast ja Recht“, sagte sie dann langsam. „Ich will nur... ich will keinen Krieg, Desi.“ In ihren Augen glänzten ungeweinte Tränen.

„Desdemona“, korrigierte ich sie automatisch und hatte sofort wieder ein schlechtes Gewissen. Sie nahm sich alles immer gleich zu Herzen. Schnell legte ich ihr tröstend die Hand auf die Schulter. Trost hätte ich manchmal selbst gut gebrauchen können. „Ich auch nicht, Helene. Allerdings scheinen die Himmelsbewohner es darauf anlegen zu wollen.“

Sie sah mich aus großen Augen an und ihr Mund verzog sich kämpferisch. „Ich habe alles getan, was ich konnte. Ich habe es in der Verhandlung erstritten und trotzdem ist Michael auf meiner Hochzeit aufgetaucht und hat mir gedroht, obwohl Gott es mir versprochen hat.“ Sie schluckte trocken und sah sehr unglücklich aus. Helenes größte Angst war eine Eskalation der Feindseligkeiten, die viele Leben auf beiden Seiten kosten würde.

Deswegen konnte ich es ihr nicht sagen.

Nicht meine ehrliche Meinung.

Denn es sah in der Tat so aus, als geschähen alle Angriffe und Ausfälle der letzten zweieinhalb Jahre einzig und allein aus dem Grund, dass Satan sich Helene als Frau ausgesucht hatte.

Helene war eine „Weiße“ gewesen, eine derjenigen, die nach ihrem Tode Engel werden und in Gottes Dienste treten sollten. Dieser Anspruch war auf ihrer Seele und ihrem Körper in Form eines Males gekennzeichnet gewesen. Satan hatte das gewusst und sie trotzdem ausgewählt. Und damit den Zorn des Himmels und all seiner Bewohner, vor allem aber des Hohen Kaders, der seit jeher nur auf die Gelegenheit wartete, einen Krieg mit uns anzufangen, auf sich gezogen.

Satan war das egal gewesen. Zwar war er unser aller Erschaffer und er hatte eine Verbindung zu jedem einzelnen Dämon in seinem Herrschaftsgebiet, trotzdem hatte er im Laufe der Jahrtausende so viele von uns leben und sterben sehen, dass es ihn nicht aus der Bahn warf, wenn er jemanden verlor.

Bei Helene war das ganz anders.

Wenn es um seine Frau ging, zeigte mein Herr Seiten an sich, die weit menschlicher waren, als alles, was ich in den vorangegangenen Jahrhunderten von ihm gesehen hatte.

Sie war die einzige, um die er sich sorgte und wegen der er wütend wurde und wesentlich besitzergreifender war als sonst. Dank ihr war das kosmische Gleichgewicht endlich wieder in einem guten Zustand und der Überhang des Himmels war beinahe ausgeglichen worden.

Das wollte er auf keinen Fall aufs Spiel setzen und arbeitete er verbissen daran, sie zu schützen und den drohenden Krieg zu verhindern.

Helene bekam das mit und war entsprechend besorgt. Sie tat alles, was in ihrer Macht stand, aber aus Verhandlungen mit Engeln, speziell mit Höherrangigen, hielt Satan sie grundsätzlich heraus. Das Risiko, das etwas passierte, war einfach zu groß, vor allem, wenn sie ihren Kodex wirklich verworfen hatten.

Auch das machte Helene verrückt, weil sie nicht dabei sein konnte und Angst hatte, keinen Einfluss auf wichtige Entscheidungen nehmen zu können. Die angesprochene Sache mit Santini, dem obersten General der Höllischen Armee, war dabei eine der schlimmeren Angelegenheiten, um die sie sich selbst gekümmert hatte, weil Santini ihr persönlich am Herzen lag.

„Helene...“, ich streichelte ihre Schulter und sprach mit sanfter Stimme. „Natürlich nicht. Du wurdest für unschuldig befunden bei der Verhandlung vor drei Jahren. Sie dürfen deswegen keine Angriffe durchführen. Sie finden andere Gründe.“

Helene starrte trübsinnig ins Leere. All ihre gute Laune von eben war verschwunden und es tat mir leid, dass ich mit dem Thema angefangen hatte.

„Allein der Gedanke, dass Sebastien meinetwegen so übel zugerichtet wurde, dass Raphael auch Amelia so schwer verletzt hat... und die beiden so lange getrennt waren, nur weil Damian und ich zusammen sind...“, Sie brach ab und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

Obwohl es beiden mittlerweile wieder gut ging und sie vor wenigen Wochen ihre Hochzeit gefeiert hatten, setzten die vorangegangenen Ereignisse ihr doch immer noch mehr zu, als ich gedacht hatte.

Amelia, die ebenfalls ein Mensch war, hatte von Santinis wahrer Natur nichts gewusst, bis Raphael ihr davon erzählt und sie soweit beeinflusst hatte, dass sie nichts mehr von Santini hatte wissen wollen. Geschickt hatte der Erzengel sie dann an die Kirche gebunden und sich auf Santini konzentriert, ihn in eine Falle gelockt und fast getötet.

Helene, die unerträglich neugierig war und als einzige von Santinis Beziehung zu Amelia wusste, war dann zu ihr geeilt und hatte sie überzeugt, dass Santini sie brauchte. Und Amelia, deren Liebe trotz aller Beeinflussungen nie abgenommen hatte, war mit ihr nach Berlin gekommen und hatte Santini gerettet, indem sie eine Verbindung mit ihm eingegangen war, die ihn geheilt hatte.

Und als wir dachten, es wäre überstanden, war Raphael hier in Berlin im Hauptquartier aufgetaucht und hatte Amelia schwer verletzt. Nicht einmal Satan hatte sagen können, ob das Absicht gewesen war, denn per se konnten Engel Menschen kein Leid zufügen, ohne zu fallen und aus dem Himmel verbannt zu werden.

Raphael war nach wie vor ein Erzengel, doch sein Angriff hatte so versiert gewirkt, dass ich mittlerweile argwöhnte, dass Michael dieses von Gott gewollte Gesetz, den Kodex, nachdem alle Engel leben sollten und der ausdrücklich besagte, dass kein Engel einen Menschen töten durfte ohne zu fallen, ausgehebelt hatte, um seine eigenen Ziele zu verfolgen.

Wenn dem so war, waren die Karten neu gemischt und wir mussten uns neu aufstellen.

Amelia hatte ihre massiven Verletzungen dank der Energieverbindung zu Santini überlebt, seinen Antrag angenommen und ihn vor zwei Monaten geheiratet, allen Umständen zum Trotz. Jetzt war sie neben Helene die einzige Sterbliche, die sich freiwillig aus Liebe an die Hölle gebunden hatte, ohne einen Seelenhandel mit Satan eingegangen zu haben.

Ich war nicht besonders romantisch veranlagt, aber die Geschichte, soweit ich sie von London aus mitbekommen hatte, war schon rührend gewesen.

Und hatte mir wieder das Gefühl gegeben, unendlich glücklich zu sein, weil ich solchen Stress nicht hatte.

Ich nahm die noch immer unglücklich dreinschauende Helene in den Arm und drückte sie. Manchmal erschreckten mich diese menschlichen Anwandlungen geradezu, denn ich hatte sie jahrhundertelang nicht praktiziert. Aber für Helene hatte ich mir diese menschlichen Reaktionen durch Studien in Form von Populärliteratur und Frauenfilmen wieder angeeignet.

Sie schniefte an meiner Schulter und hinterließ mit Sicherheit einen Tränenfleck auf meiner Seidenbluse.

„Ich will doch nur, dass alle, die mir wichtig sind, glücklich sind, Desdemona“, heulte sie. Ich ahnte schreckliches. „Deshalb will ich doch auch, dass du einen netten Mann findest!“

Ich hätte es ahnen müssen.

Es war reinste Folter, sie so zu sehen. Kein Angriff durch Engel konnte so unangenehm sein wie dieses emotionale, menschliche Zeug.

„Helene...“, setzte ich wieder an, nachdem ich tief durchgeatmet hatte. „Ich weiß das wirklich zu schätzen... aber vielleicht suche ich mir meinen Partner selbst aus, wenn die Zeit dazu gekommen ist.“

Sie nickte an meiner Schulter. Gerade als ich mich in Sicherheit wähnte, fing sie wieder an: „Wenn du es nur machen würdest. Ich habe manchmal das Gefühl, du willst gar keinen Mann.“

Ich schwieg.

Und dachte an das Leben, das ich vor meiner Verwandlung im 17. Jahrhundert geführt hatte.

An meinen Ehemann, der mich geschlagen und auch auf jede andere Art misshandelt hatte, bis ich eines Tages nur noch einen Wunsch hatte: ihn zu töten und das möglichst grausam.

Ich schloss die Augen und versuchte die Erinnerungen zu verdrängen. Und wie es manchmal so war, war ich chancenlos gegen sie.

London, 1603

Ich stand im Wohnraum unseres mickrigen kleinen Holzhauses in Whitechapel, dem wohl widerlichsten Stadtteil Londons und mein Mann Charles hatte sich vor mir aufgebaut. Sein Atem roch widerlich nach dem billigen Wein und dem Ale, das er in der Spelunke in der Nähe gesoffen hatte.

Ich hoffte, dass er bald umkippte und ich endlich raus könnte.

Mit blutunterlaufenen Augen stierte er mich an, die Hand um seinen allgegenwärtigen Weinbecher geballt.

„Mona...“, knurrte er und ich wusste schon, dass ich es heute nicht einfach haben würde. Mit einem Knall, der mich zusammenzucken ließ, stellte er seinen Becher auf die Platte des zerschrammten Tisches, an dem er zuvor gesessen hatte und kam auf mich zu.

Mit der einen Hand packte er meine Brust, mit der anderen zerrte er schon an seinem Hosenband. Ich keuchte vor Schmerz auf, weil sein Griff nichts Zärtliches hatte und morgen bestimmt einige blaue Flecken mein Dekolleté verunstalten würden.

Viel zu schnell hatte er die Hose geöffnet und stand jetzt mit nacktem Unterleib vor mir. Mit einem Knurren, das ihn herrisch und männlich wirken lassen sollte, aber kaum noch an einen Menschen erinnerte, fasste er mich an der Hüfte und warf mich auf den Tisch. Ich quiekte, als ich auf dem Becher landete und diesen umwarf.

„Dummes Stück!“, keifte er und schlug mich ins Gesicht.

Ich wehrte mich nicht. Jedes Wort würde ihn nur noch mehr reizen und mit harten Schlägen bestraft werden. Diese Erfahrung hatte ich allzu oft machen müssen während der sieben Jahre unserer Ehe.

Aber innerlich schrie ich wie am Spieß und trat wild um mich. Äußerlich musste ich zulassen, dass diese widerliche Missgeburt von einem Mann meinen Rock hochschob und mich bestieg wie ein Köter eine Hündin in irgendeinem Hinterhof.

Ich biss mir auf die Lippe, um vor Schmerz und Ekel nicht zu schreien und dankte Gott dafür, als er endlich keuchend über mir zusammengebrochen war. Dann wartete ich mit angehaltenem Atem, bis er sich wieder aufrichtete und mir einen groben Schubs verpasste.

„Bring mir Wein“, grunzte er. Ich machte, dass ich wegkam. In der Küche wischte ich die Sauerei notdürftig mit etwas Wasser und einem Lappen weg und schleuderte ihn dann in den Eimer.

Schon oft hatte ich überlegt, den Hurensohn einfach umzubringen. Irgendwie. Mit Gift, oder einem Strick. Ich würde ihn einfach in der Themse versenken und so tun, als sei er von einer Sauftour nicht nach Hause gekommen. Ich würde die betroffene Witwe spielen und dann einfach von der Bildfläche verschwinden.

Dann könnte ich mich den Schauspielern im Theater anschließen. Sie würden mich verstecken, falls jemand auf die Idee kam, nach mir zu suchen.

Mit diesen finsteren Gedanken stellte ich den gefüllten Weinbecher vor Charles auf den Tisch. Der Widerling war mittlerweile eingeschlafen, mit noch immer bis zu den Knien heruntergelassener Hose.

Angeekelt starrte ich das schlaffe Stück Fleisch an, mit dem er mich eben malträtiert hatte und stellte mir vor, es mit einem scharfen Messer abzutrennen. Statt es einfach zu tun, nahm ich mein Schultertuch und schlich mich aus dem Haus.

Zielstrebig eilte ich durch die Straßen des nachmittäglichen Londons. Es stank aus allen Gassen vor Dreck und Tod, doch in genau diesem Moment fühlte ich mich freier und unbeschwerter als in jedem anderen meines Lebens, ob die Luft nun besser war, oder nicht.

Ich war auf dem Weg nach Hause. Dorthin, wo mein Herz wohnte und wo ich mich lebendig fühlte. Dort, wo ich hingehörte und sein sollte und längst wäre, wenn Charles nicht existieren würde. Was mich am Leben hielt, war die Hoffnung, dass ich eine Möglichkeit finden würde, eines Tages nur noch hier zu sein.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erreichte ich die Themse und die London Bridge. Ich überquerte das Wasser und fühlte mich frei. Unweit der Brücke stand das Globe Theatre, der Ort meines Lebens und meiner Liebe.

Theater und William.

William war der Hausdichter des Theaters, ein brillanter Mann mit schier unerschöpflichen, phantastischen Ideen hinter seiner hohen Stirn. Er war fast vierzig, also gut fünfzehn Jahre älter als ich, aber das störte mich nicht. Sein Intellekt machte ihn unendlich interessant für mich, die ich völlig ungebildet war und nicht einmal lesen konnte. Die mit schwarzen Buchstaben gefüllten Blätter erschienen mir immer wie die Anleitung zu einem besseren Leben und es betrübte mich, dass ich sie nicht verstand. William wiederum machte es nichts aus, dass ich nur die bedauernswerte Ehefrau eines versoffenen Handwerkers war, schmutzig und dumm.

Er war immer geduldig mit mir und gab mir das Gefühl, klug und begehrenswert zu sein. Wenn ich bei ihm war, hatte ich das Gefühl, in seine Erzählungen einzutauchen und mein erbärmliches Leben zu vergessen.

Dass er verheiratet war, interessierte mich überhaupt nicht, seine Frau war noch älter als er selbst, weit fort in irgendeinem Dorf und mehr als einmal hatte er mir versichert, dass er nur mich liebte.

Doch nicht einmal das war mir so wichtig wie die weiblichen Hauptrollen seiner Stücke zu spielen. William hatte mich John Ward genannt und als festes Mitglied seiner Truppe ausgegeben. Meine für eine Frau ungewöhnliche Größe half mir dabei und jedem, der fragte, erzählte William, dass ich niemals in den Stimmbruch gekommen sei und meine Stimme deswegen so hoch sei.

So als Mann verkleidet war es mir möglich, als Frau, vor allem als verheiratete, wäre ich sicher schon im Tower oder am Galgen gelandet.

Aber als John Ward konnte ich, so oft es Charles‘ Sauferei zuließ, die freie Luft der Theaterbühne schnuppern und das tun, wozu ich geboren wurde.

Heute kam ich unverkleidet, denn keine Probe stand an und die anderen Leute interessierten sich nicht für mich. Wahrscheinlich dachten sie, dass ich eine Prostituierte war, die William sich hatte kommen lassen. Auch das war mir völlig egal.

William begrüßte mich mit einem scheuen Kuss auf die Wange. Er war noch nie ein Freund der öffentlichen Zuneigungsbekundungen gewesen und ich war dankbar dafür. Vor allem heute, wo mein ganzer Leib von Charles' Misshandlungen schmerzte.

Er merkte es sofort.

„Desdemona, was ist geschehen?“, fragte er mich besorgt und strich mir mit dem Handrücken sanft über die Wange. Er nannte mich immer Desdemona, eine verrückte Form meines langweiligen echten Namens. Schon bei unserem ersten Treffen hatte er mir gesagt, dass Mona ein viel zu simpler und langweiliger Name für eine Frau wie mich sei.

Dass ich eine Göttin gefangen im Leib einer sterblichen Frau, den Leiden der irdischen Welt ausgesetzt. Er erzählte mir, er habe mich geträumt mit flammendrotem Haar und Augen so grün wie Smaragde, wie eine sinnliche Botschafterin der Leidenschaft.

Dass ich in Wahrheit kaum durchschnittlich war, störte seine Künstlerseele kaum, mit meinem struppigen braunen Haar, das einen leichten Rotstich hatte und das ich für die Bühne zu einer als Männerhaarschnitt durchgehenden Länge geschnitten hatte. Außerdem war ich viel zu groß, fast so groß wie Charles selbst, weswegen ich schon oft seinen Zorn in Form von Prügeln auf mich gezogen hatte. Aber auch das unterstützte mich bei meiner Verkleidung, wenn ich meine Brust mithilfe eines Verbandes flachdrückte und wie mich wie ein Mann verhielt, der vorgab, eine Frau zu sein.

Doch für William wollte ich diese göttliche Frau sein.

Heute fiel es mir schwer, die tapfere Fassade aufrecht zu erhalten. Ich schüttelte tapfer den Kopf. „Mein Mann“, sagte ich nur und wusste, dass William verstand.

Tröstend nahm er meine Hand und drückte sie. Und bevor ich in Selbstmitleid versinken konnte, hatte er sein Mitleid schon überwunden und sah mich wieder fröhlich an.

„Ich habe eine Idee für ein Stück, Desdemona. Und ich werde die weibliche Hauptrolle nach dir benennen.“

„Ich hoffe, du machst mich nicht lächerlich, indem du mich für eine Komödie benutzt“, sagte ich leise. Ich liebte seine Komödien, doch mein eigenes, bemitleidenswertes Selbst in einer wiederzufinden wäre unerträglich für mich.

„Oh nein. Es wird eine Tragödie. Der Schmerz, den ich empfinde ist unbegreiflich. So wie der deine.“ sagte William feierlich. „Die ganze Welt wird vor Kummer mit dir weinen, wenn sie von deinem Schicksal erfährt, Desdemona. Niemals hat es eine größere Tragödie gegeben als die der unglücklichen Desdemona und des eifersüchtigen Othello.“

Das allerdings glaubte ich gern. Er griff nach meiner Hand.

„Komm mein Kind, ich werde dir zeigen, was mir im Kopf herumgeht“, und zog mich in sein privates Arbeitszimmer.

Mit William war es ganz anders als mit Charles. Er war sanft und zärtlich und liebte mich mit einer ehrfürchtigen Bewunderung, die ich nicht verdient hatte. Bei ihm vergaß ich den Schmerz, den mir mein eigener Mann jeden Tag zufügte.

Dann erläuterte er mir ausführlich seine neueste Vision und ich war angetan von seiner Brillanz und der Rolle, die ich spielen würde. Er hatte sie mir auf den Leib geschrieben und es würde phantastisch werden, dessen war ich mir sicher. Es war elendig viel Text, den er mir würde beibringen müssen, doch für ihn lernte ich jedes Wort von Herzen gern.

Ich fühlte mich besser, als ich nach der Probe nach Hause ging, doch wie jeden Abend lauerte in mir die Angst, dass Charles zu früh aufgewacht sein konnte und bemerkt hatte, dass ich nicht da war.

Bisher hatte ich immer Glück gehabt.

Auch heute Abend war alles dunkel in unserem schmutzigen kleinen Haus und ich schlich mich fast lautlos hinein. Vielleicht hatte ich meine Schulden für heute schon bezahlt und das Schicksal meinte es gnädig mit mir. Vielleicht hatte Charles sich auch zu Tode gesoffen, aber auf ein solches Glück wagte ich nicht zu hoffen.

Im Finsteren tappte ich vorsichtig bis zu unserer Schlafstatt und hatte schon aufgeatmet, als ich plötzlich brutal von hinten an den Haaren gerissen und zu Boden geschleudert wurde.

Mit einem hässlichen Geräusch löste sich eine dicke Strähne von der Kopfhaut und mir lief Blut in die Augen. Außerdem schoss mir ein scharfer Schmerz durch den Arm, der nur bedeuten konnte, dass er gebrochen war.

Doch diesen Schmerz hatte ich kaum bemerkt, als Charles begann, auf mich einzuschlagen und mich zu treten. Genau wie er es getan hatte, nachdem ich während meiner ersten (und einzigen) Schwangerschaft unser Kind verloren hatte. Danach war ich nie wieder schwanger geworden, was Charles auch dazu verleitet hatte, mich immer wieder zu schlagen.

Ich spürte, wie meine Rippen unter seinen Tritten brachen. Ein Schrei, den ich eigentlich hatte unterdrücken wollen, entschlüpfte meiner Kehle. Ich klang nicht mehr menschlich. Ich klang wie ein Tier, so, wie er mich misshandelte.

Wehrlos lag ich auf dem Boden und konnte mich nicht mehr rühren. So schlimm war es schon lange nicht mehr gewesen.

„Warst du bei deinem Geliebten, du Hure?“, schrie Charles mich an, aber ich hörte ihn kaum, weil vor Schmerzen Blitze durch meinen Schädel rasten und alles andere betäubten. „Dachtest du, ich merke das nicht? Dass du dich hier aus dem Haus schleichst?“

Noch ein Tritt, wieder packte er meine Haare, zog mich hoch, sodass ich halbwegs saß und versetzte mir dann einen Faustschlag ins Gesicht. Der Knochen unter meinem Auge gab nach und der grelle Schmerz nahm mir den Atem und dann das Bewusstsein. Dankbar glitt ich in die Dunkelheit, die mich wie eine warme Decke umfing.

Als ich wieder aufwachte, brannte mein ganzer Körper wie Feuer. Meine Rippen, mein Gesicht, mein rechter Arm... ich konnte kaum atmen, weil mir jedes Luftholen ungeheuerliche Schmerzen bereitete.

Unter mir spürte ich die Bodendielen, also lag ich auf dem Boden und konnte mich nicht rühren. Andererseits wagte ich es auch nicht, denn schon das Atmen schmerzte unerträglich.

Ich würde sterben.

Heute Nacht noch.

Wie sollte ich je wieder gesund werden? Die meisten Frauen bekamen den einen oder anderen Schlag von ihren Männern ab, doch Charles ging weiter als viele andere Männer. Und die Kirche würde ihm recht geben, das wusste ich sicher.

Und jetzt war es vorbei.

Keine Schauspielerei mehr, nie wieder würde ich William sehen.

Meine Knochen würden, wenn überhaupt, krumm und schief wieder zusammenwachsen, weil Charles sich eher kastrieren ließe, als einen teuren Arzt für mich zu rufen. Er würde mich kaltblütig verrecken lassen, wenn er die Möglichkeit dazu bekam.

Vielleicht war es besser so. Ich würde endlich von diesem elenden Leben erlöst werden und müsste nie wieder Charles Schikanen ertragen. Er würde ungestraft davonkommen, weil niemand sich für einen Mann interessierte, der seine untreue Ehefrau zu Tode prügelte.

Irgendjemand, der nicht halb so gut war wie ich, würde meine Rolle in Williams Stück übernehmen. Auch das war Charles‘ Schuld.

Dieser Gedanke erfüllte mich mit einer solchen Wut, dass ich fast meinen Schmerz vergaß. Es war einfach ungerecht, dass ich zu diesem elenden Leben verdammt gewesen war, nur weil ich arm geboren wurde. Es war so ungerecht, dass ich so viel erleiden musste, nur um am Ende von einem widerlichen Säufer totgeprügelt zu werden.

Er würde leben und ich würde hier in meinem eigenen Blut verrecken und keiner würde mir eine Träne nachweinen.

Ich hatte so viel mehr verdient als dieses Schicksal.

Mehr als alles andere auf der Welt wünschte ich mir eine Möglichkeit, es ihm heimzuzahlen. Der Hass brannte in mir wie Höllenfeuer und ich schaffte es, mich auf den Rücken zu rollen.

Der Schmerz ließ mich fast die Besinnung verlieren, aber mein Kopf blieb klar. Wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, mich an ihm zu rächen, dann würde ich sie ergreifen. Selbst wenn ich dafür meine unsterbliche Seele hergeben müsste, sie war sowieso nichts mehr wert.

Ich hatte doch nichts mehr zu verlieren. Gott würde mir nicht helfen, das wusste ich. Als Lügnerin und Ehebrecherin kannte er keine Gnade mit mir. Doch wenn es sowieso heute Nacht ein Ende mit mir nahm, konnte ich genauso gut zum Teufel beten, dass er wenigstens Charles' erbärmliche Seele zu sich nahm.

„Ich würde alles tun, damit dieser Bastard leiden muss“, flüsterte ich mit aufgesprungenen Lippen. Mir fehlten ein paar Zähne, die Charles mir herausgeschlagen hatte und meine Luftröhre brannte wie Säure. Mein Mund war voller Blut. Ich sprach trotzdem weiter. „Alles, Satan.“

„Wirklich alles?“, ertönte plötzlich eine tiefe Stimme neben mir. Sie vibrierte durch meinen ganzen Körper und versetzte ihn in Schwingungen. Überrascht keuchte ich und stöhnte dann, weil eine neue Welle des Schmerzes mich erfasste.

„Wer seid Ihr?“, fragte ich ängstlich. Vielleicht hatte Charles die Gendarmerie gerufen und man würde den Rest, der noch von mir übrig war, jetzt doch in den Tower werfen lassen.

„Der, den du gerufen hast“, entgegnete der Mann im Dunkeln. Mein Herz begann zu rasen, als ich begriff, dass es Satan war, der mir leibhaftig erschienen war.

War ich zu weit gegangen mit meinem Wunsch? Würde ich jetzt die ewige Verdammnis erfahren?

Eine Träne rollte aus meinem Augenwinkel und ich fühlte mich klein und unbedeutend. Und ich hatte Angst. Der Dielenboden neben mir knarrte, als Satan sich neben mich kniete. Sein warmer Atem strich über meine Wange. Und ich konnte nirgendwo hin.

Ich war verloren.

Was sollte ich jetzt machen? Ich hatte ihn gerufen. Mein Lebenswille ließ nach, aber in mir brannte immer noch der Hass auf Charles und auf die Ungerechtigkeit dieser Welt.

„Ich biete dir einen Pakt an, Frau. Ich gebe dir Unsterblichkeit und die Kraft, deinen Racheplan in die Tat umzusetzen. Dafür gibst du mir deine Seele“, sagte Satan, seine Stimme war tief und schmeichelnd. Sie berührte einen Teil meines Selbst, den ich totgeglaubt hatte und die wie Balsam durch meine schmerzenden Glieder floss.

Der Schmerz ließ nach und ich konnte wieder klar denken. Ich brauchte nicht lange zu überlegen: Meine Seele war sowieso verloren. Ehebrecherinnen und Lügnerinnen kamen nicht ins Paradies. Die Pfaffen in der Kirche predigten es immer wieder. Unsterblichkeit und Kraft hingegen klangen verlockend, genau wie Charles für alle Qualen leiden zu lassen, die er mir in den Jahren unserer Ehe zugefügt hatte.

„Kein Fegefeuer?“, fragte ich, aber selbst das wäre kein Grund gewesen, sein Angebot abzulehnen. Ich war mir sicher, dass es nicht schlimmer als mein derzeitiges Leben sein konnte.

Er lachte leise. „Nein.“

„Ich schließe mit dir den Pakt, Satan“, sagte ich ohne zu zögern, fast, als seien mir die Worte in den Mund gelegt worden. Mein Herz raste und ich riss die Augen auf, als er meine Hand nahm und auf einmal Licht um uns war. Jetzt konnte ich Satan sehen: er war wunderschön, groß, schwarzhaarig und hatte ein scharf geschnittenes, edles Gesicht. Mein Herz schlug schneller als je zuvor, doch jetzt aus einem anderen Grund. Er lächelte mich an und ich ertrank in seinen grünen Augen.

„So sei es denn. Dein Name?“, fragte seine seidenweiche Stimme und die Welt sah nicht mehr so trostlos aus.

„Desdemona“, sagte ich schneller, als ich denken konnte. Auch wenn ich ihn nie mehr wiedersehen würde, wollte ich das einzig Gute in meinem Leben, William, nicht loslassen. Ich würde diesen Namen tragen als Andenken an die Momente meines sterblichen Lebens, die ich genossen hatte.

„Desdemona…“, wiederholte er bedächtig, mit einem hintergründigen Lächeln und wäre ich dazu in der Lage gewesen, wäre ich errötet. Satan betrachtete mich noch einmal lange und dann passierte es plötzlich: Mir wurde heiß, als brannte ich lichterloh. Meine zerbrochenen Knochen rutschten wieder ineinander und verbanden sich zu ihrem ursprünglichen Zustand. Meine ausgeschlagenen Zähne befanden sich plötzlich wieder an ihrem ursprünglichen Platz und aufgeplatzte Haut verschloss sich, als wären die Wunden nie da gewesen. Die Schmerzen verschwanden mit den Verletzungen und ließen mich vergessen, dass es sie gegeben hatte.

Dann, wie ein Eishauch, rutschte etwas aus meiner Brust und trieb wie silbriger Nebel auf Satan zu. Er absorbierte den Nebel und schloss genießerisch die Augen. Ich erkannte, dass das meine Seele gewesen sein musste und für einen kurzen Moment fühlte ich ein Bedauern, sie eingetauscht zu haben. Dann verschwand dieses Gefühl und ich dachte nie wieder an sie.

Der Bruch unter meinem Auge verheilte mit einem letzten Zwicken und ich spürte, wie die Haare, die Charles mir ausgerissen hatte, wieder nachwuchsen. Ich konnte aufstehen.

Mein neuer Herr reichte mir seine Hand und zog mich zu sich hoch. Als wir uns Auge um Auge einander gegenüberstanden, holte mich das erste Mal mein neues Wesen ein.

Ich fühlte mich anders, stark und unbesiegbar. Meine Fingerspitzen knisterten geradezu vor Energie und meine Haare fühlten sich geladen an. Ich atmete tief ein und genoss die neue Macht, die er mir gegeben hatte.

Ich spürte, dass ich alles würde tun können.

Für ihn.

Wenn er mich darum bat, würde ich sogar die Welt zerstören.

Jede Faser meines Körpers strotzte vor Energie, vor Kraft und Leben. Es war kein Vergleich zu meinem bisherigen Dasein.

Satan betrachtete mich aufmerksam.

„Interessant“, stellte er fest und legte den Kopf leicht schief. „Schon so stark.“ Er sah mir tief in die Augen. „Und nun geh, Desdemona und tu, was es dich verlangt. Danach werden wir einen weiteren Pakt schmieden, durch den du für immer zu mir gehörst.“

Und das tat ich.

Ich tötete Charles auf so bestialische Art und Weise, dass noch wochenlang von mir in den Gazetten berichtet wurde, als Schlächter von Whitechapel.

Schließlich hatte ich es mir nicht nehmen lassen, den Leichnam, oder das, was ich davon übriggelassen hatte, auf dem Marktplatz zur Schau zu stellen, nackt und an den Galgen genagelt, die abgetrennten Teile sorgsam um ihn herum arrangiert.

Hätte ich damals lesen und schreiben können, hätte ich Obszönitäten in seinen Körper geritzt, so beschränkte ich mich auf Bildersprache. Und ich genoss jede Sekunde meiner Rache. Von dem Moment an, als ich ihn weckte und mich an seinem Entsetzen, dass ich völlig gesund vor ihm stand, weidete, bis zu dem Augenblick, als er sein Leben aushauchte. Diese süßen Stunden, die ich ihn für alles leiden ließ, was er mir angetan hatte, entschädigten mich für die sprichwörtliche Hölle, durch die ich seinetwegen gegangen war.

Ich hatte mich niemals besser gefühlt, doch als es vorbei war, wusste ich, dass mein Leben einen Sinn, einen Inhalt brauchte, damit ich die vor mir liegenden Jahrhunderte und Jahrtausende bewältigen konnte. Charles‘ Tod war nur der Anfang meines neuen Lebens gewesen, eines Lebens, in dem auch William keinen Platz haben würde und durfte. Und ich wollte dieses Leben ganz meinem Erschaffer widmen.

Also rief ich nach Satan.

„Wie kann ich dir dienen, Herr?“, fragte ich ihn, als er mir erschienen war, begierig, meine Macht zu vergrößern und mich für ihn unersetzlich zu machen.

Er lächelte mich an wie ein Vater sein Kind, das etwas getan hatte, auf das beide nun stolz waren. Und ich war wirklich stolz, zu ihm zu gehören. Das war das erste Mal, dass ich so etwas fühlte und ich wollte mehr von diesem Hoch, das mich gerade mit sich trieb.

„Kommmit mir“, wieder nahm er meine Hand und strich mit den Spitzen seiner freien Hand über ihren Rücken. Ein ungeheures Glücksgefühl durchfuhr mich wie ein Rausch. War ich mir vorher schon sicher gewesen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, wusste ich es jetzt mit hundertprozentiger Sicherheit. Dieses Gefühl wollte ich niemals mehr missen.

„Du, Desdemona, wirst noch eine große Rolle im Höllengefüge spielen“, prophezeite er mir. Seine Stimme streichelte mein Inneres und brachte mich zum Vibrieren.

Ich nickte und fühlte mich so frei wie nie zuvor. Nur eines fehlte mir noch, um dieses Leben vollständig hinter mir zu lassen: „Satan?“ Er sah mich an, seine Augen unergründliche grüne Seen, in denen die Zeit verschwamm. „Kannst du mich verändern? Äußerlich?“ Er lächelte und beugte sich an mein Ohr. „Wie möchtest du aussehen?“, flüsterte er.

Ich berichtete von Williams Traum, von dem flammend roten Haar und den grünen Augen. Von der gottgleichen Frau, die ich ab jetzt sein konnte und wollte. Und Satan entsprach meinem Wunsch und ich ließ die letzten Reste meines sterblichen Lebens hinter mir zurück. Danach folgte ich ihm in die Hölle, die mein Himmel war und wurde für immer seine Dienerin.

2

Nachdem ich Helene davon überzeugt hatte, dass ich eines Tages ganz sicher einen Mann finden würde, verließ ich die Berliner Zentrale der Hölle.

Berlin war eine meiner liebsten Städte in Europa, auch wenn ich den Kontinent lange Zeit gemieden hatte. Helene war in Hamburg geboren und aufgewachsen und Satan hatte ihren Wunsch erfüllt, in der Nähe ihrer Familie zu bleiben und sein Leben von seinem Privatjet in eine Villa in Hamburg verlegt. Deswegen fanden viele der wichtigen Meetings, die mich sonst in aller Herrenländer verschlagen hatten, seit der Hochzeit in Berlin, Kopenhagen, Den Haag oder Brüssel statt.

Satan verstand sein Höllenreich längst nicht mehr als eine Horde umherstreifender Dämonen, die menschliche Energie absorbierten, so wie es noch bis vor tausend Jahren der Fall gewesen war.

Er hatte uns, den Rat der Lords, einst seine größten Kriegsherren, mit neuen Aufgaben betraut und ihnen die Leitung der Kontinente übertragen. Hier hatten meine Vorgänger und diejenigen, die heute noch übrig waren, die ansässigen Dämonen strukturiert und ein System geschaffen, mit dem die Hölle an Boden, und damit an Seelen, gewinnen sollte.

Nach der Entdeckung der neuen Welten und Industrialisierung hatte er einen internationalen Konzern gegründet, mit Stützpunkten in fast jeder Großstadt der Welt. Und wir, die Lords, hielten noch immer je einen Kontinent und die Kontrolle über alle Geschehnisse.

Seit meiner Verwandlung vor rund vierhundert Jahren hatte sich viel geändert. Und es wurde immer besser und schlimmer zugleich. Seitdem Helene in Satans Leben aufgetaucht war, war das aller anderen völlig aus den Fugen geraten.

Natürlich war das nicht Helenes Schuld. Der eigentlich Verantwortliche war Satan. Aber er hatte sich noch nie sonderlich für die Konsequenzen seines Handels interessiert, wenn er etwas unbedingt haben wollte. Wahrscheinlich, weil er noch nie Angst um sein Leben gehabt hatte. Ich hatte ihn aber auch noch niemals in solcher Sorge erlebt wie damals, als er dachte, Michael habe ihr etwas angetan.

Der Aufzug klingelte leise, als ich die Tiefgarage der Zentrale erreichte. Und ausnahmsweise freute ich mich, in meine Wohnung zu fahren und ein wenig zu entspannen. Es war ein langer Tag gewesen, voller Meetings und Konferenzen.

Ich seufzte, als ich in meinen dunkelblauen Audi S5 stieg und der Motor mit einem leisen Schnurren startete. Liebevoll strich ich über das schwarze Leder des Lenkrads und lehnte meinen Kopf an die Nackenstütze des Fahrersitzes, während ich tief durchatmete. Als Dämonin brauchte ich viel weniger Schlaf als Menschen, auf Nahrung konnte ich tagelang verzichten und ich würde auch niemals dicker oder dünner werden, außer, ich wollte es.

Aber heute war ich müde. Wahrscheinlich hatte ich mir in den letzten Tagen zu viel zugemutet. Es war viel passiert und ich machte mir Sorgen um die Zukunft der Hölle. Um die Zukunft aller, wenn Michael ernst machte und einen Krieg mit Satan anfing.

Ich strich mein rotes Haar aus dem Gesicht, das ich seit Beginn der vierhundert Jahren meines zweiten Lebens trug. Niemand außer Satan wusste, dass ich einmal anders ausgesehen hatte. Niemand hatte mich vor meiner Verwandlung gesehen.

Ich war dankbar dafür, denn die hämischen Gesichter von Leuten wie Haakon Welhaven oder Yani Akutagawa, den Lords von Europa und Asien, hätte ich nicht ertragen können.

Es war sowieso schwer, als Frau unter den chauvinistischen Lords zu bestehen und wenn einem dann die einzige andere Frau Steine in den Weg legte, wurde es noch schlimmer. Ich war mir nicht einmal sicher, ob die anderen ihre menschlichen Gesichter behalten hatten. Viele Dämonen wünschten sich einen endgültigen Schlussstrich zwischen ihrem menschlichen und ihrem neuen, unsterblichen Leben und baten Satan um eine Veränderung.

Er selbst änderte seine Gestalt, wann immer es ihm gefiel, doch jeder von uns hätte ihn immer wiedererkannt. Allein seine Anwesenheit rettete jeden Tag, an dem der Stress übermächtig wurde. Ihm hatte ich das alles zu verdanken und für ihn würde ich jede Grenze überschreiten.

Ich würde mich nie unterkriegen lassen.

Ich stand an der Spitze der dämonischen Hierarchie und hatte genauso viel Ärger am Hals wie damals, als ich angefangen hatte. Aber diesen Ärger verkraftete ich immer noch besser als mein menschliches Leben.

Im Rückwärtsgang glitt mein Auto fast wie von selbst aus der Parklücke. Ich hätte es auch mit meinen mentalen Kräften steuern können, aber ich liebte das Autofahren. Die Technik und all die Vorteile, die sie mit sich brachte, faszinierten mich, seit die ersten Autos in Detroit in Fließbandproduktion gegangen waren.

Ich verließ die Tiefgarage des Deutschlandstützpunktes in Berlin und fuhr zu meinem Appartement in Zehlendorf, wo ich immer wohnte, wenn ich in Deutschland war. Zwar sehnte ich mich nach meinem Stadthaus in Mayfair, London, wo alles so eingerichtet war, wie ich es liebte, aber da die ganze kommende Woche Konferenzen angesetzt waren und Helene keine Lust hatte, ständig in der Weltgeschichte umher zu pendeln, fanden sie eben in Berlin statt.

In Haakon Welhavens Herrschaftsgebiet.

Wie ich diesen arroganten Idioten hasste!

Ich parkte meinen Wagen vor dem mondänen Stadthaus in dem sich mein Appartement befand. Nur meins. Andere Lords in meiner Nähe in der wenigen Freizeit zu haben, wäre unerträglich für mich gewesen.

In meinem Hausflur türmten sich die Kisten und Pakete, die ich nach meinem letzten Kaufsuchtsanfall bestellt hatte. Mittlerweile wusste ich gar nicht mehr so genau, was ich mir da alles bestellt hatte.

Es war auch egal. Als Hoher Dämon und Leiterin über ganze Staaten hatte ich mehr Geld als ich in meinem ganzen Leben ausgeben konnte. Die finanziellen Mittel der Hölle waren schier unerschöpflich durch unseren internationalen Auftritt und unseres Mitmischens in fast jedem Wirtschaftszweig der Erde.

Ich besah die erste Kiste. Louis Vuitton Paris. Wahrscheinlich Schuhe.

Nach meiner Verwandlung in eine Dämonin war ich in einen regelrechten Konsumrausch verfallen. Nachdem ich als Mensch so gut wie nichts besessen hatte, hortete ich alles woran ich kam, was glitzerte und glänzte, schön aussah oder einfach teuer war.

Mittlerweile verfügte ich über eine Masse an Designerbekleidung, Schuhe, Möbel und Schmuck, bei deren Anblick so manche Milliadärsgattin vor Neid in Ohnmacht gefallen war, denn ich sammelte seit mehr als einhundertfünfzig Jahren und besaß Stücke, von deren Existenz nicht einmal die Hersteller selbst mehr wussten. Wenn mich je ein Engel erwischte, würde meine Nachlassverwaltung einige Dämonen sehr glücklich machen.

Die anderen angekommenen Pakete und Päckchen waren mit kaum weniger prestigeträchtigen Labels bedruckt als das erste: Gucci, Christian Louboutin, Miu Miu, Cartier, Chanel... alles was ich gern hatte.

Trotzdem ließ ich sie erst einmal liegen und sah nach, ob meine menschliche Haushälterin noch irgendwo in der Nähe war. Wenn ich gleich mit meinen dämonischen Kräften für Ordnung sorgte, brauchte ich keine menschlichen Zuschauer, denn sie wusste nichts von meiner wahren Natur.

„Magda?“ rief ich und bekam keine Antwort. Erleichtert stieg ich aus meinen Schuhen, Pradapumps aus schwarzem Lackleder mit Zwölfzentimeterpfennigabsatz und ging in das geräumige Wohnzimmer.

Unschlüssig blieb ich einen Moment stehen und stellte dann meinen Laptop auf den Couchtisch. Dann legte ich meinen Blackberry daneben. Ich runzelte die Stirn: Nach einem freien Abend sah das nicht aus.

Mit einem Blinzeln stellte ich den Fernseher an, wenigstens, um vor mir selbst den Schein zu wahren, aber wie immer lief nur unerträglicher Unsinn. Mit säuerlicher Miene schaltete ich durch die Kanäle, bis ich etwas halbwegs Annehmbares gefunden hatte.

Dann stellte ich mit einem weiteren Blinzeln den Backofen an. Magda war wie immer so gut gewesen, für mich zu kochen und mir das Essen dann in den Ofen zu stellen. Ihre Kochkünste waren der Hauptgrund, dass ich sie beschäftigte, denn ich hinterließ niemals Chaos oder Schmutz.

Die meisten menschlichen Angestellten, die ich seit meiner Verwandlung beschäftigt hatte, waren meinen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Aber hin und wieder wurde man doch positiv überrascht.

Den Fernseher ließ ich Fernseher sein und ging in mein Ankleidezimmer. Zwischendurch hielt ich noch einmal im Flur an und stapelte die Kartons übereinander, sodass ich sie mitnehmen konnte.

Im Ankleidezimmer legte ich sie auf den Schemel und schlüpfte aus meinem Kostüm. Ich drapierte es sorgfältig über dem Bügel und zog dann eine bequeme Yogahose und ein Langarmshirt an, bevor ich mich ans Auspacken der Kartons machte.

In einem solchen Outfit sah mich sonst niemand. Es war mir wichtig, immer seriös auszusehen, denn hatte man den Respekt der anderen einmal verloren, war es schier unmöglich, ihn wiederzuerlangen.

Deswegen machte ich mich jeden Tag so lange zurecht, bis ich aussah wie das eiskalte Miststück, das ich in den Augen der meisten meiner Mitdämonen war. War mir nur recht.

Die angekommenen Sachen zauberten mir ein verträumtes Lächeln ins Gesicht. Wer brauchte schon einen Mann, wenn man einen unbegrenzten Kreditrahmen hatte und bei allen Labels Stammkundin war? Zwar schaffte ich es nie zu den Shows oder zu sonstigen Verkaufsevents, weil regelmäßig dann Katastrophen eintraten, wenn ich mich doch dazu entschieden hatte, hinzugehen.

Jedenfalls gab es seit etlichen Jahren eine Ms. D. Gaunt in den Karteien aller großen Firmen, die fast jede andere Kundin mit ihren Einkäufen in den Schatten stellte.

Die neuen Kleider arrangierte ich in dem Teil des Kleiderschranks, der meinen neuesten Errungenschaften vorbehalten war und bewunderte sie noch einmal ausgiebig. Dann entschied ich, dass das Essen mittlerweile fertig sein musste.

Auf dem Weg in die Küche zog ich die Haarnadeln aus meiner Hochsteckfrisur und band die feuerroten Strähnen dann zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen. Im Spiegel im Wohnzimmer bewunderte ich meine Haare und hatte es nie bereut, Satan um die Farbänderung gebeten zu haben.

An meinem Gesicht hatte er kaum etwas verändert, nur die Augenfarbe und die Form der Nase ein wenig, der Rest, die hohen Wangenknochen, der scharf geschnittene, aber zarte Kieferknochen und der volle Mund, gehörten noch zu meinem menschlichen Ich.

Erst einige Jahre nachdem ich zur Dämonin geworden war, hatte ich bemerkt, dass ich schon als Mensch schön gewesen war. Doch als Ehefrau eines armen, versoffenen Schreiners, stets bedeckt von einer Schicht Dreck, hatte man es nicht sehen können.

Der Ofen klingelte, mein Abendessen war fertig. Mit bloßen Händen holte ich die glühende Auflaufform aus dem Gerät und ließ mich dann vor dem Fernseher nieder, zufrieden damit, einfach mal abschalten zu können.

Der Laptop surrte im Standbymodus auf dem Couchtisch und verschonte mich glücklicherweise mit Emails.

Das Läuten meines Handys riss mich aus dem Schlaf.

Ich zuckte zusammen und brauchte genau eine Sekunde um mich zu orientieren, dann hatte ich das Telefon schon vom Sofatisch geangelt und den Anruf angenommen.

„Gaunt“, meldete ich mich professionell mit dem Nachnamen, den ich mir ausgesucht hatte. Stark war er, der Name eines bedeutenden englischen Adligen aus dem 15. Jahrhundert. Ich hatte schon immer eine Schwäche für den Adel gehabt, sogar heute noch, obwohl monarchische Ränge kaum noch Bedeutung in der Politik hatten.

„Desdemona“, drang Satans tiefe, melodiöse Stimme an mein Ohr. Unwillkürlich schlug mein Herz schneller, wie immer, wenn ich ihn sah oder seine Stimme hörte. Das würde sich auch niemals ändern. Mein ganzer Körper spannte sich an, um auf sein Wort hin, sofort loszustürmen.

„Es hat einen Zwischenfall in der Nähe von Oslo gegeben. Engel haben eine Zweigstelle angegriffen. Haakon schafft es nicht allein. Ich möchte, dass du ihn unterstützt.“ Seine Stimme hatte einen lauernden Unterton angenommen. Satan wusste von unserer auf Gegenseitigkeit beruhenden Antipathie und liebte es, uns damit zu quälen. Wahrscheinlich war er der Ansicht, dass er so unseren Charakter stärken konnte.

Oder es befriedigte ihn einfach, uns mit unseren Schwächen zu konfrontieren.

Selbstverständlich hätte ich lieber Gift genommen, als Haakon Welhaven zu unterstützen, aber meine uneingeschränkte Loyalität galt Satan, nicht ihm. Deswegen gab es für mich keine Option.

„In Ordnung“, sagte ich ohne zu zögern. „Wann soll ich fliegen?“

„Sofort. Der Jet wartet am Flughafen Tegel auf dich. Am Gate für die Privatflugzeuge, wie üblich.“

„Danke“, sagte ich, auch wenn ich ihn am liebsten gefragt hätte, warum er sich die Mühe machte, mich selbst anzurufen und damit keinen seiner vier Assistenten damit beauftragte.

Ich schmeichelte mir selbst damit, dass er es mir persönlich hatte sagen wollen. Dass ich immer noch eine Sonderstellung bei ihm hatte und deswegen eine besondere Behandlung erfuhr. Vielleicht machte ich mich damit wichtiger, als ich war, aber dieser Gedanke gab mir mehr Zuversicht und Frieden, als wenn ich ihn unterdrückt hätte.

Ich legte auf und machte mich startklar.

Kaum eine halbe Stunde später war ich, wieder in Kostüm und vollständig hergerichtet, am Flughafen. Ich raste über bestimmt sechs oder sieben rote Ampeln, ignorierte zwei Stoppschilder und stellte dann den S5 direkt vor dem Terminal auf den Seitenstreifen. Das Diplomatenkennzeichen würde dafür sorgen, dass mich mit Sicherheit niemand abschleppen würde.

Ich hatte schon eine SMS an Sadie, meine Assistentin, die mich nach Deutschland begleitet hatte und der ich heute Abend freigegeben hatte, geschickt, sie würde den Wagen abholen kommen und ihn zurück zu meinem Appartement bringen, bevor sie mir nach Oslo folgte. Mein zweiter Assistent, Roman, hatte sich bereits von London aus auf den Weg nach Norwegen gemacht.

Eine weitere halbe Stunde später saß ich schon im Privatjet und war in der Luft. Der Flug war nur kurz, keine anderthalb Stunden, aber trotzdem genug Zeit, um mich auf den letzten Stand zu bringen.

Satan hatte mir mittlerweile alle Einzelheiten gemailt und ich überflog die Emails auf dem Monitor meines Laptops von meinem bequemen Ledersessel aus und entnahm ihnen die genauen Daten des Anschlages auf einen kleineren Stützpunkt in der Stadt Drammen.

Anscheinend waren drei als Kuriere verkleidete Grundengel in das Entree gekommen und hatten eine Lichtbombe losgelassen.

Lichtbomben wirken ähnlich wie Strahlenbomben, sie sind mit Himmelsenergie geladen, welche äußerst schädlich für Dämonen ist und je nach Stärke des Dämons sogar den Tod verursachen kann.

In letzter Zeit häuften sich solche Vorfälle, die Engel wurden immer angriffslustiger und es hatte überall in der Welt schon Anschläge auf größere und kleinere Niederlassungen gegeben. Je nach Vorbereitung und Zeitpunkt des Anschlags, waren unterschiedlich viele Dämonen verletzt oder getötet worden.

Dieses Mal hatten wir Glück gehabt. Es gab nur vier Leichtverletzte und keine Toten. Das hatte vor drei Jahren in meiner Zentrale in London ganz anders ausgesehen, als Michael versucht hatte, Helene zu töten. Dabei war er perfide vorgegangen und hatte sie so unter Druck gesetzt, dass sie fast vom Dach gesprungen wäre. Damit wäre der Kodex dann auch eingehalten gewesen.

Erst hatten sie einen Anschlag verübt, um Satan und Helene nach London zu locken und Michael hatte sie durch einen Trick in seine Gewalt gebracht. Satan hatte gerade noch eingreifen können und sich einen Kampf mit Michael geliefert, bei dem der Erzengel schwer verletzt wurde.

Und dann war Helenes großer Moment gekommen, in dem sie unerklärliche Kräfte entwickelt und Michaels Wunde geheilt hatte. Seitdem lief er mit einem scharlachroten Mal auf der Brust herum und hasste Helene noch inbrünstiger als zuvor.

Niemand konnte es sich bis heute erklären, woher diese Kräfte plötzlich gekommen waren, Helene am allerwenigsten. Wir vermuteten, dass es eine Art Reaktion von verbliebener Himmelsenergie in ihrem Inneren gewesen war, Energie, die vielleicht aufgrund ihres vorherigen Status als Weiße noch übrig gewesen war und die auf Michaels Situation reagiert hatte.

Helene hatte mir erzählt, dass sie einen Drang gespürt hatte, Michael zu retten und dass sie kurz miteinander verbunden gewesen waren, als sie ihn heilte.

Michael war schon vorher kein Kind von Traurigkeit gewesen, aber seit diesem Ereignis war er richtiggehend verrückt geworden und trieb seine Untergebenen zu Anschlägen mit Selbstmordkommandos, wie man sie sonst nur von religiös Fehlgeleiteten kannte.

Diese Entwicklung bereitete mir die größten Sorgen, weil ich Angst hatte, dass Helene etwas damit zu tun hatte und dieses neue, schreckliche Verhalten ausgelöst hatte.

Aber darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken.

Nach etwas über einer Stunde Flug war ich sicher in Oslo-Fornebu gelandet, wo Roman, mein Assistent, schon am Rollfeld im Wagen auf mich wartete.

„Miss Gaunt“, begrüßte er mich höflich und hielt mir die Tür der schwarzen Limousine auf. Ein Glas Mineralwasser mit einer Zitronenspalte wartete im Inneren schon auf mich, ebenso eine rote Präsentationsmappe mit den gleichen Infos, die ich bereits im Flugzeug gelesen hatte.

Roman sah ein bisschen abgekämpft aus, wahrscheinlich war er kaum eine Viertelstunde vor mir in Norwegen angekommen.

„Ich bin in Sandfjord gelandet“, erzählte er auf meine Nachfrage hin. „Und dann sind wir so schnell es ging hergekommen, damit wir noch vor Ihnen da sind.“ Er grinste schelmisch, doch ich wusste, dass es ihm einige Angst einjagte, bei mir einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Vor allem, weil ich es hasste, zu warten.

Nicht, dass ich daraus einen Staatsakt gemacht hätte.

Nicht wegen einer Viertelstunde Wartezeit.

Aber dass Roman sich anstrengte, weil er vor der Möglichkeit mich zu verärgern Angst hatte, war nicht verkehrt. Für die Qualität seiner Arbeit konnte das nur von Vorteil sein.

Also nickte ich knapp und vertiefte mich wieder in die Informationen. Ein oder zwei Details waren sogar noch hinzugefügt worden. Roman war sehr gründlich.

Er war jetzt seit dreißig Jahren mein Assistent und erst seit etwa sechzig ein Dämon. Man konnte also mit Fug und Recht behaupten, dass er zielstrebig war.

Bei einem Einsatz in den Achtzigern hatte er sich als großartige Stütze hervorgetan und mich davon überzeugt, dass ich ein zusätzliches Paar Hände immer gebrauchen konnte.

Sadie, meine andere Assistentin, begleitete mich schon seit über zweihundert Jahren, fast so lange, wie ich im Rat der Lords war. Sie war eine treue Seele und immer zuverlässig. Wenn sie müsste, das wusste ich sicher, würde sie mir bis in den Tod folgen. Außerdem hatte sie, im Gegensatz zu Roman, überhaupt keine Aufstiegsambitionen und war, obwohl sie annähernd so alt war wie ich, noch immer ein Elementardämon.

Glücklicherweise kamen die beiden, so unterschiedlich sie auch waren, miteinander aus. Zwar gab es immer ein Konkurrenzgefühl zwischen ihnen, aber auch das war von Vorteil für mich, da beide stets exzellente Arbeit ablieferten.

Wir verließen den Flughafen und fuhren in östlicher Richtung nach Oslo. Als wir auf die E18 bogen, gab unser norwegischer Fahrer Gas und wir rasten mit knapp hundertachtzig Stundenkilometern die Autobahn hinunter.