Deutsche Geschichte II - Gunnar Klatt - E-Book

Deutsche Geschichte II E-Book

Gunnar Klatt

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Beschreibung

Eine Darstellung der deutschen Geschichte von 1870 bis 1945 in den Schritten: Das Wilhelminische Kaiserreich - Die Zeit Wilhelm I und Otto von Bismarcks - Die Zeit Wilhelm II vom Dreikaiserjahr bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges - Die Geschichte der deutschen Kolonien Der Erste Weltkrieg - Die Ursachen und der Beginn des Krieges - Der Kriegsverlauf an der Ostfront, Westfront und der Seekrieg - Der Krieg in den Kolonien - Die innere Entwicklung Deutschlands im Krieg Die Weimarer Republik von der Revolution bis zur Währungsreform Die Weimarer Republik von den Goldenen Zwanziger Jahre bis zu den Präsidialkabinetten Das Dritte Reich von 1933 bis 1938 - 1933 "Machtergreifung" oder Machtübertragung - Die Festigung des Systems ab 1934 - Innenpolitische und außenpoltische Entwicklungen bis 1938 Der Holocaust Der Widerstand gegen das Dritte Reich Der Zweite Weltkrieg - Der Blitzkrieg und der Westfeldzug - Der Krieg gegen die Sowjetunion - Vom Rückzug zum Zusammenbruch Eine kleinteilige Gliederung der einzelnen Schritte und klare Sprache machen dieses Buch zu einem idealen Nachschlagewerk für Schüler, Studenten, Lehrer und alle an Geschichte Interessierten. Das Buch besitzt 400 teilweise farbige, großflächige Illustrationen, die den Text lebendig machen und weitere Informationen bieten.

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Der Autor

Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Hannover. Studium des Deutschen Theaters im 20. Jahrhundert an der Universität Bristol. Promotion an der Universität Lancaster mit einer Arbeit zur vergleichenden Literaturwissenschaft über Literatur zum Ersten Weltkrieg. Lehrtätigkeit in Europa und Asien. Seit 2012 Lehrtätigkeit an Universitäten in China; seit 2014 an der Ozean Universität Chinas in Qingdao. Lehr- und Forschungsschwerpunkt: Deutsche Literatur, Geschichte und Kultur

Für Alina

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zum zweiten Teilband

Das wilhelminische Kaiserreich – Die Zeit Wilhelm I. und Otto von Bismarcks

Der Krieg von 1870/71 und die Gründung des Deutschen Kaiserreichs

Die Struktur des Reiches und die Reichsverfassung

Die Herrschaftszeit Wilhelm I

Die Innenpolitik des Deutschen Reichs bis 1890

Die

Gründerzeit

Der

Kulturkampf

Das Aufkommen des modernen Antisemitismus

Die Sozialistengesetze

Die Ursprünge der deutschen Arbeiterbewegung

Gesetzliche Maßnahme gegen die Sozialdemokraten

Sozialgesetzgebung

Die Außenpolitik des Deutschen Reiches bis 1890

Außenpolitik im europäischen Raum

Abbildungen Die Zeit Wilhelm I. und Otto von Bismarcks

Die Geschichte der deutschen Kolonien

Die Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus

Die Grundlagen der deutschen Kolonialpolitik unter Bismarck

Der Erwerb deutscher Schutzgebiete

Die Hochzeit des deutschen Kolonialismus

Das Pachtgebiet Kiautschou

Gewaltsame Konflikte in den Kolonien

Der

Boxeraufstand

Der Aufstand der Herero

Der Maji-Maji Aufstand

Die Auswirkung des deutschen Engagements in den Kolonien im Überblick

Abbildungen Die Geschichte der deutschen Kolonien

Das wilhelminische Kaiserreich – Vom Dreikaiserjahr zum Beginn des Ersten Weltkrieges

Das Ende der Kanzlerschaft Bismarcks

Deutschland unter Wilhelm II

Die Kanzlerschaft Leo von Caprivis

Die Kanzlerschaft Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingfürsts

Heeres- und Flottenpolitik unter Wilhelm II

Die Heerespolitik unter Wilhelm II

Der Schlieffenplan

Die Flottenpolitik unter Wilhelm II

Die Kanzlerschaft Bernhard von Bülows

Die Kanzlerschaft Theobald von Bethmann Hollwegs

Die Juli-Krise

Das Augusterlebnis

Das Ende einer Epoche

Abbildungen Vom Dreikaiserjahr bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges

Der Erste Weltkrieg

Die Kriegsziele

Der Kriegsverlauf

Die Westfront

Die Ostfront

Der Seekrieg

Der Krieg außerhalb Europas

Afrika

Togo

Kamerun

Deutsch-Südwest-Afrika

Deutsch Ostafrika

China und der Pazifikraum

Die Entwicklungen innerhalb Deutschlands im Krieg

Wirtschaft und Wirtschaftspolitik

Vom Pazifismus zum Massenstreik

Ludendorffs „Militärdiktatur“

Kriegs(w)ende

Abbildungen Erster Weltkrieg

Die Weimarer Republik – Von der Revolution bis zur Währungsreform

Die Revolution von 1918/19

Die erste Phase der Revolution – November 1918 bis Januar 1919

Die zweite Phase der Revolution – Januar 1919 bis August 1919

Der Versailler Vertrag

Die Weimarer Verfassung

Der Kapp-Putsch

Das Krisenjahr 1923

Die Vorgeschichte

Der Ruhrkampf und die Hyperinflation

Die Reichsexekution gegen Sachsen und der „Hitlerputsch“

Abbildungen Von der Revolution zur Währungsreform

Die Weimarer Republik – Von den Goldenen Zwanziger Jahren zu den Präsidialkabinetten

Die „Goldenen Zwanziger Jahre“

Der Dawes-Plan

Die Reichspräsidentenwahl von 1925

Die Locarno-Verträge

Streit um die Fürstenenteignung

Panzerschiff oder Kinderspeisung?

Der Young-Plan

Die Zeit der Präsidialkabinette

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933

Die Kanzlerschaft Heinrich Brünings

Die Reichspräsidentenwahl 1932

Die Kanzlerschaft Franz von Papens

Die Kanzlerschaft Kurt von Schleichers

Warum scheiterte die Weimarer Republik?

Abbildungen Von den Goldenen Zwanziger Jahren zu den Präsidialkabinetten

Das Dritte Reich – Die Jahre von 1933 bis 1938

Die Vorgeschichte – Die NSDAP in der Weimarer Republik

1933 – „Machtergreifung“ oder Machtübertragung?

Die Übernahme des Kulturbetriebs

1934 – Die Festigung des Systems

Die Ruhe vor dem Sturm – 1934 bis 1938

Innenpolitische Entwicklungen

Außenpolitische Entwicklungen

Abbildungen Das Dritte Reich – Von 1933 bis 1938

Das Dritte Reich – Von der Ausgrenzung zur Ausmerzung

Die Ausgrenzung

Die Ausmerzung

Die Aktion T4

Der Holocaust

Die ersten Lager

Die Einrichtung von Ghettos

Das System der Konzentrationslager

Die „Endlösung der Judenfrage“

Abbildungen Das Dritte Reich – Von der Ausgrenzung zur Ausmerzung

Das Dritte Reich – Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Was ist Widerstand?

Die Kirchen und der Widerstand

Die römisch-katholische Kirche

Die evangelisch-lutherische Kirche

Der Widerstand von Jugendlichen

Die Herbert-Baum-Gruppe

Die Weiße Rose

Georg Elser – ein Einzeltäter

Widerstand traditioneller Eliten

Die Goerdeler Gruppe

Der Kreisauer Kreis

Der 20. Juli 1944

Vergeblicher Widerstand?

Abbildungen Das Dritte Reich – Der Widerstand

Das Dritte Reich – Der Zweite Weltkrieg 1939 bis 1945

Die Vorbereitung des Krieges

Der Beginn der deutschen Aggression – Blitzkriege

Polen

Skandinavien

Der Seekrieg im Zweiten Weltkrieg

Der Westfeldzug

Die Luftschlacht um England

Der strategische Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg

Das Unternehmen Barbarossa

Rückzug an allen Fronten

Zusammenbruch und Kapitulation

Abbildungen Das Dritte Reich – Der Zweite Weltkrieg 1939 bis 1945

Verzeichnis der verwendeten Literatur Teil 2 Von der Gründung des wilhelminischen Kaiserreichs bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges

Primärquellen

Sekundärliteratur

Vorwort zum zweiten Teilband

Es sind nur 75 Jahre, die dieser Teilband behandelt, aber sie sind so wechselhaft, wie kaum eine andere Zeit in der deutschen Geschichte. In dieser Zeit hat Deutschland drei verschiedene Staatsformen und ist das Zentrum zweier Weltkriege. Es ist eine Zeit, in der deutsche Geschichte fast immer auch gleichbedeutend ist mit Weltgeschichte. Dabei ist Deutschland jedoch nur sehr bedingt auch das Zentrum der Entwicklung, denn Geschichte ist die Entwicklung eines komplexen Geflechts gegenseitiger Abhängigkeiten. Bei aller Vielschichtigkeit lässt trotzdem noch immer klar Deutschlands Position bestimmen und dabei speziell deutsche Erscheinungen zu erkennen und darzustellen.

Die Darstellung folgt dabei dem in den beiden anderen Teilbänden vorhandenen Muster der chronologischen Darstellung, in die längere dauernde Entwicklungen als eigenständige Einheiten eingebettet werden. Zahlreiche Abbildungen unterstützen auch in diesem Teilband die Darstellung in der dort ebenfalls vorhandenen Art und Weise.

Auch dieser Abschnitt der Darstellung ist in vielfacher Art und Weise von den Studierenden der Ozean Universität Chinas in Qingdao geprägt worden, die hier einer Zeit begegnen, die sehr nah an unserer Gegenwart ist und doch genauso weit entfernt scheint, wie das Mittelalter, da sie so ganz anders ist.

Dann sei auch an dieser Stelle meiner Frau für ihr Verständnis und ihre Geduld gedankt, die sie für die scheinbar nie enden wollende Arbeit an diesem Text aufgebracht hat und ohne die mir das Verfassen dieser Darstellung nicht möglich gewesen wäre.

Gunnar Klatt

Qingdao, Ostersamstag, 3. April 2021

Das wilhelminische Kaiserreich – Die Zeit Wilhelm I. und Otto von Bismarcks

Dieser Abschnitt behandelt

die Gründung des wilhelminischen Kaiserreichs

den Kulturkampf, die Sozialistengesetze und weitere Elemente der Innenpolitik unter Bismarck

die Außenpolitik Bismarcks

Bismarck versteht es den langanhaltenden Gegensatz zu Frankreich auszunutzen, um unter der Führung Preußens eine Einheit Deutschlands zu formen. Das so entstandene Deutsche Reich ist eine führende Macht im Westen Europas und ohne außenpolitische Konkurrenten kann sich Bismarck der Innenpolitik zu wenden um die deutsche Einheit auf diese Art und Weise zu stärken. Die katholische Kirche und die Arbeiterbewegung werden von Bismarck als innere Gegner betrachtet. Bismarck kümmert sich im Gegensatz zur Innenpolitik wenig um die Außenpolitik und wenn überhaupt dann nur um Europa, während die anderen europäischen Länder sich um Kolonien in Afrika bemühen. Unter Kaiser Wilhelm I. kann Bismarck aber begünstigt durch die Konstruktion der Verfassung weitgehend unabhängig seine Politik machen.

Der Krieg von 1870/71 und die Gründung des Deutschen Kaiserreichs

Was zunächst nur nach einer innerspanischen Krise aussieht, weitet sich nach einem Militärputsch gegen das spanische Königshaus im September 1868 zu einem europaweiten Problem aus. Spanien soll eine Monarchie bleiben haben die Putschisten beschlossen; doch wer sollte der neue Monarch sein, woher soll er kommen? Zunächst sucht man in Italien, doch da hatte man keinen Erfolg. Ähnlich wie Italien hat aber auch Deutschland eine ganze Reihe aristokratischer Familien, deren Rang hoch genug ist, um einen König zu stellen.

Die Wahl fällt schließlich im Februar 1870 auf Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen.(Abb.1) Dies ist die süddeutsche, katholische Nebenlinie der Hohenzollern, der der preußische König – jetzt Wilhelm I. – als Familienoberhaupt vorsteht. Auch wenn es nur eine Nebenlinie ist, es bleibt ein Hohenzoller und damit sieht sich Frankreich im Falle seiner Krönung von zwei Seiten von dieser Familie umschlossen und damit von zwei Seiten bedrängt. Der preußische König zögert, seine Zustimmung zu diesem Antrag aus Spanien zu geben, da er die Situation ebenso wie Frankreich als bedrohlich empfindet. Bismarck hingegen versucht den Erbprinzen zu überzeugen die Anfrage anzunehmen und hat damit zunächst auch Erfolg. Kaum hat sich der Kanzler aber dann aus gesundheitlichen Gründen auf seinen Landsitz zurückgezogen, ändert Leopold seine Meinung und zieht die Zusage zurück.

Bismarcks Abwesenheit ist dabei zwar einerseits wirklich berechtigt, gleichzeitig ist sie aber auch ein geschicktes Manöver. Er weiß sehr wohl um die Provokation, die er mit der Zusage heraufbeschwört, will sich aber als wenig an der Sache interessiert zeigen, während er dann Zeit hat sein weiteres Vorgehen zu überlegen. Der Ausgewählte entscheidet sich ohne den König noch um Zustimmung zu bitten auf das erneute Eingreifen Bismarcks hin das Angebot doch anzunehmen. Der nach Berlin zurückgekehrte Kanzler und Ministerpräsident, überredet den König danach auch noch, in dem er auf den Zuwachs des Ansehens des Hauses Hohenzollern allgemein verweist zur Zustimmung, damit ist die weitere Entwicklung ab dem 21. Juni 1870 vorhersehbar. Die Entscheidung soll eigentlich geheim bleiben bis das spanische Parlament ihr offiziell zugestimmt hat, sie wird dann jedoch durch eine Panne früher bekannt, dies macht für Frankreich aber keinen Unterschied, denn es erklärt einen Hohenzollern auf dem spanischen Thron niemals dulden zu wollen. Daraufhin gibt der zum Sommerurlaub nach Bad Ems gereiste preußische König schließlich bekannt, dass er die Kandidatur nicht mehr unterstütze und erhält dabei vom Vater Leopolds gleichlautenden Zuspruch. Frankreich kann triumphieren und will diesen Moment der offensichtlichen Schwäche Preußens weiter ausnutzen.

Der französische Botschafter wird nach Bad Ems geschickt, um vom König einen dauerhaften Verzicht auf den spanischen Thron durch die Hohenzollern und eine Entschuldigung für die gerade zurückgenommene Entscheidung zu drängen. Auch ohne Bismarcks Rat geht dem König dieser Antrag zu weit. Er weist den Botschafter entschieden aber in aller Form höflich zurück. Telegrafisch geht ein Bericht über den Antrag des französischen Botschafters nach Berlin, damit Bismarck über die passende Form und den Zeitpunkt der Veröffentlichung entscheiden kann. Diese Emser Depesche benutzt Bismarck nun in seinem Sinne, in dem er nicht ein Wort in ihr verändert, sie aber so kürzt, dass sie den Eindruck eines äußerst unfreundlichen Vorgehens des Botschafters und Frankreichs bei ihrer Veröffentlichung erweckt. Auf diese Kränkung durch Bismarck kann Frankreich nun nicht mehr anders reagieren, als auf den Krieg hinzuarbeiten. Am 14. Juli wird die Mobilmachung angeordnet und am 19. Juli erfolgt die Kriegserklärung. Preußen kann sich nun problemlos als Opfer eines Angriffskrieges darstellen. Die Öffentlichkeit reagiert mit einer Welle der nationalen Begeisterung auf die „Beleidigung“ des preußischen Königs und die süddeutschen Staaten sehen die Bedingungen der Anrufung der Beistandspakte mit Preußen erfüllt. Auf einer emotionalen Ebene ist die Einheit Deutschlands damit bereits erreicht.

Der erste französische Angriff des Krieges am 2. August 1870 wird von der preußischen Armeeführung sehr effektiv abgewehrt, so dass in der Folge mit der Schlacht bei Sedan am 2. September bereits eine Entscheidung erfolgt. Der französische Kaiser Napoleon III. gerät in Kriegsgefangenschaft, sein Reich bricht zusammen, Frankreich wird erneut zu einer Republik.(Abb.2) Die neue Regierung setzt den Widerstand gegen die deutschen Truppen fort. Statt eines schnellen triumphalen Kriegsendes beginnt nun ein langer zermürbender Guerillakrieg, da die französischen Truppen in der offenen Schlacht keinen Sieg erringen können, andererseits die Preußen aber Paris, trotz eines um die Stadt geschlossenen Belagerungsringes, nicht einnehmen können.

Gegen die auch damals geäußerte Vermutung, dass Bismarck diesen Krieg lange vorbereitet habe, spricht vor allem das erst mit dem Beginn des Krieges klare Kriegsziele ausgearbeitet werden. Dies waren auch nur bedingt die Ideen des preußischen Außenministers, als vielmehr Dinge, die ihm von anderen Seiten zugetragen werden. In der nationalistisch aufgeheizten Presse sind Gedanken an die Annexion französischer Gebiete zuerst aufgetaucht. Diese Forderungen werden von Professoren wie Theodor Mommsen untermauert, es werden falsche historische Rechte, kulturelle Verbindungen und die Unterdrückung deutscher Sympathien angeführt. Das Elsass und Lothringen sollen – wieder – unter deutsche Herrschaft kommen.(Abb.3) Schon im August werden diese bereits von deutschen Truppen besetzten Gebiete auch mit einer grundlegenden deutschen Verwaltung ausgestattet. Bismarck nimmt die Annexion hingegen erst im September offiziell in die Kriegsziele auf. Dieser Anspruch auf Elsass und Lothringen, der im Vorfrieden vom 26. Februar 1871 bereits auftaucht und im endgültigen Frieden vom 10. Mai bestätigt wird, ist für die Besiegten eine nationale Katastrophe und für den Sieger ein unübertroffener nationaler Triumph.

Die französische Demütigung wird noch stärker durch die Gründung des deutschen Kaiserreichs. Seit dem Sieg von Sedan ist die Einigung Deutschlands vorbereitet worden. Formell ist es ein Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund, dessen Verfassung übernommen werden soll. Während Baden, Hessen-Nassau und Württemberg ohne größere Änderungswünsche und Vorbehalte beitreten, handelt Bayern noch Sonderrechte wie den Oberbefehl über die Armee in Friedenszeiten und Sonderzahlungen heraus. Aber am 8. Dezember können die Einigungsverträge im Norddeutschen Bund angenommen werden und zum 1. Januar 1871 kann die Reichsverfassung in Kraft treten.

Die Struktur des Reiches und die Reichsverfassung

Es ist eine bewusste Entscheidung in der Verfassung von „Reich“ und „Kaiser“ zu sprechen.(Abb.4) Diese Begriffe sind im Rückgriff auf die Geschichte ausgewählt worden, sie sollen über die Erinnerung an die frühere Größe eine ebensolche Zukunft verheißen. Die Begriffe bieten fast allen politischen Richtungen etwas, dass sie akzeptabel macht. Dabei kann man sich zunächst nicht auf die genaue Formulierung des Herrschertitels einigen. Der Vorschlag „Kaiser von Deutschland“ erscheint als unangemessen, weil er die anderen Herrscher ignoriert, genauso wie „Kaiser der Deutschen“ die einzelstaatlichen Traditionen nicht genügend berücksichtigt. So kommt als Kompromiss der Ausdruck „Deutscher Kaiser“ dabei heraus.

Formell gesehen wird mit der Ernennung Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser der deutsche Nationalstaat wiederhergestellt. Im Inneren ist das Deutsche Reich deswegen noch lange keine Einheit. Zwar verlieren alle 22 Staaten und 3 Städte des Reiches ihre Eigenständigkeit und werden Träger der Staatsgewalt des Reiches, trotzdem behalten sie alle ihre Parlamente und diese Rechte, wie zum Beispiel die Erhebung direkter Steuern. Bismarck sieht das Reich gerne als einen „Fürstenbund“, dieser ist es aber ganz klar nicht, auch wenn es mit dem Bundesrat, in dem 57 Stimmen die einzelnen Staaten vertreten eine derartige Organisation gibt. Der Bundesrat ist aber weitere Instanz, die die Kontrollaufgaben des Reichstages über die Regierung, genau so wie das Gesetzgebungsverfahren unterstützen. Dass der preußische König gleichzeitig auch der Kaiser und Bismarck in Personalunion preußischer Ministerpräsident, wie auch Reichskanzler sind und das sein preußisches Außenministerium zum Reichsaußenministerium gewandelt wird, mag die Einschätzung des Reichs als einer Verbindung der deutschen Fürstenhäuser unter preußischer Führung nahelegen. Die Doppelbesetzung zentraler Positionen des Reichs durch preußische Regierungsangehörige in ähnlicher Stellung gehört zu den Merkwürdigkeiten der Reichsverfassung. Dies ist aber kein Hinweis auf eine besondere Stellung der Staaten im Reich.

Die Verfassung überträgt dem Reich zentrale Aufgaben des Staates. Wichtig ist die Einrichtung eines ständigen Bundesheeres, dessen oberster Befehlshaber der Kaiser war. Genauso ist die Außenpolitik eine Angelegenheit des Reiches, das diese im Gegensatz zum Deutschen Bund nun allein vertritt. Für die Einheit der Justiz ist das Reichsgericht zuständig, dass die Rechtsprechung der den Ländern unterstellten sonstigen Gerichte zur Einheitlichkeit verpflichtet. Für derartige Aufgaben müssen auch entsprechende Verwaltungsstrukturen geschaffen werden, da es sich um Fachaufgaben handelt. Das Reichskanzleramt – das spätere Reichsamt des Inneren – , das Auswärtige Amt oder das Reichsjustizamt, sind jedoch keine Ministerien, sondern, wie ihr Name dies bereits sagt nur Bundesbehörden. An der Spitze dieser Ämter stehen dementsprechend auch keine Minister, sondern weisungsgebundene Staatssekretäre. Diese ranghohen Beamten unterstehen dann direkt dem Reichskanzler.

Bismarck missfallen die zahlreichen entstehenden Reichsinstitutionen, denn für ihn zählt zwar Zentralismus, doch ihm ist die Vereinigung der Entscheidungsgewalt in einer Hand am liebsten. Nach dem Verfassungskonflikt der ersten Hälfte der 1860er Jahre in Preußen hat er sich bereits im Norddeutschen Bund den Militärhaushalt für mehrere Jahre vom Reichstag genehmigen lassen. Diese langfristige Genehmigung strebt er nach der Reichsgründung auch an und zwar im ersten Versuch als ewiges Recht. Dies will der Reichstag ihm aber nicht zugestehen, denn das Recht über die Kontrolle des Haushalts gehört zu den stärksten Rechten des Parlaments. Bismarck muss sich zunächst mit den Jahren bis 1873 zufriedengeben, als es ihm gelingt einen Siebenjahreszeitraum für den Militärhaushalt zu erlangen. Damit ist dem Parlament aber nicht nur ein Teil eines zentralen Rechts genommen, es verliert auch Einfluss auf einen bedeutenden Bestandteil der Reichspolitik. Die Regierung Bismarcks wird deshalb auch als „Kanzlerdiktatur“ charakterisiert.(Abb.5) Das dies nur auf die Regierung Bismarcks zutrifft, ist dabei die entscheidende Einschränkung, denn von der Verfassung her, ist der Kanzler dem Kaiser untergeordnet. Das Verhältnis von Wilhelm I. zu Bismarck ist einzigartig in der Freiheit, die der Kanzler dabei besitzt und wird danach nicht wiederholt, da Wilhelm II. seine verfassungsgemäße Stellung sehr viel mehr gegenüber den Kanzlern seiner Zeit ausspielt.

Mit dem Blick auf ein Nebeneinander von Monarchen und Parlament drängt sich die Beschreibung der Staatskonstruktion als konstitutionelle Monarchie auf. Eine solche Form würde jedoch eine sehr viel ausgeglichenere Machtverteilung voraussetzen als sie die Verfassung vorsieht, denn dem Kaiser allein ist das Recht zur Einberufung genauso wie zur Auflösung des Parlaments gegeben. Die Volksvertretung ist hierdurch in einer deutlich schwächeren Stellung gegenüber dem Kaiser. Die Stärke des Parlaments liegt klar in seinem Haushaltsbeschlussrecht und seinem Recht auf Gesetzesinitiativen. Während über den Haushalt die konkrete Arbeit der Regierung mitbestimmt werden kann, ist die Möglichkeit Gesetze zu erlassen eine Möglichkeit die gesellschaftliche Entwicklung widerzuspiegeln und zu gestalten.

Die verfassungsgemäße Struktur des Deutschen Kaiserreichs von 1871 wird am besten als eine einmalige Mischung beschrieben. Fortschrittliche, demokratische, moderne Elemente treffen auf genau entgegengesetzte konservativ, rückwärtsgewandte, absolutistische Bestandteile. Die Probleme dieser Konstruktion können über die Person des Kaisers ausgeglichen werden. Für diese Stellung des Kaisers ist ein absolut notwendige Bedingung aber die uneingeschränkte Vormachtstellung Preußens, denn es stellt 65 % der Gesamtfläche und 62 % der Bevölkerung des Reiches.(Abb.6) Die darauf resultierende Situation heißt, dass Politik nur mit aber niemals gegen Preußen gemacht werden kann. Eine wirkliche Einheit kann nur so erreichen werden, denn die Alternative wären auf tagespolitisch ausgerichtete Bündnisse in wechselhaften Zusammensetzungen unter der ständigen Führung Preußens gewesen, sowie sie den Deutschen Bund geprägt haben. Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 löst damit sowohl die in der Revolution von 1848/49 aufgeworfene Frage ob klein- oder großdeutsch zugunsten einer kleindeutschen Lösung, weil man aus der Zwischenzeit die Lehre gezogen hat, dass es angesichts zu starker unterschiedlicher Interessen nur eine Führungskraft in einem Bund, der die nationale Einheit verkörpern will, geben kann.

Die Herrschaftszeit Wilhelm I.

Die formelle Kaiserproklamation Wilhelm I. erfolgt am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles bei Paris. Dies ist eine klare Spitze gegen Frankreich, dass ein solcher Akt an einem Symbol höchster nationaler Macht vollzogen wird. Aber in der Symbolik des Aktes wird für die Öffentlichkeit die eigentliche Reichsgründung vollzogen, so wird wahre Größe zur Schau gestellt, man zeigt dem Besiegten seine totale Niederlage, um so die eigene Überlegenheit noch zu steigern. Auf Symbolik kommt es in diesem Augenblick ganz besonders an. Doch Bismarck spielt bei der Proklamation selbst nicht die Rolle, die ihm Adolf Menzels Bild zuschreibt, dies ist eine nachträgliche Konstruktion. Dies ist u.a daran erkennbar, dass es die Uniform, die Bismarck trägt niemals gab, sie macht den Kanzler aber zur zentralen Figur für den Betrachter des Bildes.(Abb.7)

Die Innenpolitik des Deutschen Reichs bis 1890

Die Gründerzeit

Es gehört zu den weitverbreiteten Vorstellungen, dass mit dem Sieg über Frankreich und der Reichsgründung ein besonderer wirtschaftlicher Aufschwung in Deutschland einsetzt und das die Zahlungen, die Frankreich auferlegt werden, dazu beigetragen. In dieser verkürzten Form ist die Vorstellung unzutreffend. Es gilt zunächst festzustellen, dass Deutschland bereits seit 1866 einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, in den die Effekte des deutsch-französischen Krieges nur noch zusätzlich hineinkommen. Treibende Kraft ist wie auch vorher die Eisenbahn, die Stahl- und Kohleindustrie und den Maschinenbau mit sich zieht.(Abb.8) Durch den Wegfall der innerdeutschen Grenzen 1871 wird der Eisenbahnverkehr noch einmal angeregt, da er nun im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos betrieben werden kann. Am Wirtschaftsraum selbst ändert sich nichts in Deutschland. Der Zollverein besteht weiterhin, nur können seine Regelungen durch den Wegfall der Grenzen auch eine entsprechend breitere Wirkung entfalten.

Dem Zollverein ist schon vor der Reichsgründung bewusst gewesen, dass unterschiedliche Währungen in seinen Mitgliedsländern ein Handelshemmnis darstellen und er hat dementsprechend auch eine gemeinsame Währung definiert, ohne dabei aber die teilweise chaotische Vielfalt des Währungssystems durchgreifend zu beseitigen. Im Reichsmünzgesetz wird am 4. Dezember 1871 dann aber die „Mark“ als reichsweite einheitliche Währung geschaffen. Durch die Kopplung der neuen Währung an den Goldstandard wird sie allgemein anerkannt und verbreitet. In Verbindung mit der verbindlichen Einführung des metrischen Maß- und Gewichtssystems zum 1. Januar 1872 in allen Bereichen des Deutschen Reichs wird ein weiterer Schritt zur Vereinfachung vor allem des Handels gemacht. Das Gefühl der nationalen Einheit wird durch das so erleichterte wirtschaftliche Zusammenwachsen weiter gestärkt.

Der langanhaltende wirtschaftliche Aufschwung erwirtschaftet für die Unternehmen erhebliche Kapitalüberschüsse, die zwar einerseits den wirtschaftlichen Aufschwung durch ständige neue Investitionen in Gang halten, sie lassen dem Kapital aber auch noch immer viel Freiheit, das heißt eine hohe Liquidität der Wirtschaft ist gegeben. Dieses Geld, dass der Wirtschaft zur Verfügung steht, ist zum allergrößten Teil auch deutsches Geld, nur etwa 4 % des Gesamtkapitals der deutschen Wirtschaft stammen vor 1870 aus Frankreich und ähnliches ist auch für englisches Kapital anzunehmen. Als am 11. Juni 1870 vom Norddeutschen Bund eine Novelle des Aktiengesetzes beschlossen wird, nach der neue Gesellschaften nicht mehr der staatlichen Genehmigung bedürfen und sie ihre Anteilseigner nicht mehr offenlegen müssen und diese auch nicht mehr persönlich haftbar sind, ist dies der Beginn einer Gründungswelle von Aktiengesellschaften. Von 1858 bis 1867 werden im sehr stark industrialisierten Preußen 82 Aktiengesellschaften gegründet. Von 1871 bis 1873 werden unter den deutlich leichteren Bedingungen im dann Deutschen Reich aber 928 Aktiengesellschaften gegründet. Dividenden von durchschnittlich 12,45 % treiben den Boom zusätzlich. 2,81 Milliarden Mark werden in diesen neuen Gesellschaften, die vor allem im Bereich Kohle- und Stahl, aber auch im Bankensektor angesiedelt sind, investiert. In Hinblick darauf lassen sich die Anfangsjahre des Deutschen Reiches als Gründerjahre bezeichnen, deren Vorbedingungen und Voraussetzungen liegen jedoch eindeutig vor dem Krieg von 1871.

Das durch den Friedensvertrag mit Frankreich dann 4,2 Milliarden Goldmark nach Deutschland fließen, ist eine willkommene Unterstützung. Aber da von diesem Geld, aber etwas mehr als die Hälfte auf dem deutschen Kapitalmarkt von französischen Banken aufgenommen wird, ist der Reingewinn an Investitionskapital recht begrenzt, da das deutsche Geld in einem Kreislauf zurückfließt. Mit den französischen Zahlungen werden vor allem Staatsschulden beglichen, aber auch die Kosten für Rüstung und Festungsbauten werden so bezahlt. Ein Teil des Geldes dient dann auch dem Aufbau eines Kriegsschatzes und sichert den Wert der neuen Währung ab; es liegt in diesem Sinne still.

Mit einer Wirtschaftskrise, die im April 1873 in Österreich beginnt, als erste Firmen angesichts nur leicht nachlassender Nachfrage Zahlungsschwierigkeiten bekommen und die sich über den Zusammenbruch einer US-amerikanischen Bank dann vollends zur Weltwirtschaftskrise ausweitet, endet die Gründerzeit in Deutschland in der Gründerkrise.(Abb.9) Viele der in den Boomjahren gegründeten Firmen erweisen sich beim ersten Anzeichen einer Krise als finanziell zu schwach und brechen zusammen.

Der Kulturkampf

Beide christliche Konfessionen erleben seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland einen Aufschwung. Religiöse Literatur jeder Art ist ein Bestseller und auch in den Zeitungen sind Berichte über religiöse Themen stark vertreten. Beide Konfessionen bleiben dabei sehr bewusst voneinander getrennt im Alltagsleben. Es gibt in vielen Bereichen Organisationen, die für jeweils eine der beiden Konfessionen eintreten, wie etwa Gewerkschaften aber auch die Freizeit konnte so bestimmt werden wie etwa durch Gesangsvereine. Mischehen beider Konfessionen sind extrem selten. Im Deutschen Reich sind ungefähr ein Drittel aller Bürger katholisch und zwei Drittel protestantisch. Regional verteilen sich beiden Konfessionen aber sehr unterschiedlich mit einem deutlich vom Protestantismus bestimmten Preußen im Norden zu einem katholisch dominierten Bayern im Süden. Die Gegensätze sind unverkennbar und mit ihnen umzugehen, muss Teil der Ausformung eines einheitlichen Nationalstaates sein.

Die Probleme mit der religiösen Einheit des jungen deutschen Nationalstaates werden durch die Entwicklung des Katholizismus zusätzlich verschärft. Der Protestantismus ist seit Luther staatstragend auf die jeweiligen Herrscher ausgerichtet und im Zweifel eng mit ihnen verbunden. Der Katholizismus hingegen bleibt eher staatsfern und stark auf den Papst in Rom konzentriert. Der Papst gerät in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber unter starken Druck durch zwei Entwicklungen. Die eine ist die Schaffung des italienischen Nationalstaates, die ihn als bis dahin noch immer auch Landesherrn über beträchtliche Gebiete entmachtet. Dann verliert der Papst mit dem schwindenden Einfluss Österreichs auch seinen wichtigsten Verbündeten in Europa. Noch in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches, dessen Kaiser sich am Beginn diese Position als Verteidiger des Papstes erkämpfen, tritt auch der österreichische Kaiser als Verteidiger des Papstes auf, wenn auch nicht mehr mit seiner Armee so doch mit seinem politischen Einfluss.

Der Papst reagiert, so wie man dies von einem unter Druck Geratenen erwarten kann, der über wenig konkrete Machtmittel verfügt, durch eine Verschärfung seiner Ansichten, die sein Beharren auf seiner Position in weltlicher Hinsicht durch die geistige Ebene untermauern sollen. Die, wie er sie sieht, Übel der Zeit werden vom Papst nun in jeder Form angegriffen. Dazu wird von Papst Pius IX. das Erste Vatikanische Konzil einberufen, dass von 1868 bis 1870 tagt. Als besonders folgenreich soll sich dabei die zum Ende des Konzils am 18. Juli 1870 verabschiedete Erklärung der Unfehlbarkeit des Papstes in allen seinen offiziellen Lehren erweisen. Da das Konzil mit dem „Syllabus errorum“ ein Verzeichnis der Irrlehren vorlegt, gibt es damit auch gleich ein Programm, dessen sich das neu definierte Papsttum annehmen kann. Es werden die staatliche Schulhoheit, die Trennung von Staat und Kirche und die rechtliche Gleichstellung von Katholiken und Nichtkatholiken von nun an als Irrlehren verurteilt. Es ist eine Kampfansage an die geistige Welt der Aufklärung und die politischen Errungenschaften der Französischen Revolution. Formal innerkirchlich und nur für die Religion von Bedeutung hat sich das Papsttum damit jedoch politisiert. Das was 1873 dann zuerst von Rudolf Virchow als „Kulturkampf“ bezeichnet wird, die Auseinandersetzung des gewandelten Papsttums mit dem Staat spielt sich dabei in dieser Zeit nicht nur in Deutschland ab, sondern in ganz ähnlicher Weise in Italien, Österreich und Spanien. (Abb.10)

Die Bedingungen, unter denen sich diese Auseinandersetzung abspielt, sind in jedem Land dabei trotz des gemeinsamen Feindbildes etwas anders. In Deutschland ist der Kulturkampf auf der zunächst unmöglich erscheinenden Zusammenarbeit der Nationalliberalen mit dem erklärt erzkonservativen Bismarck gegründet. Die Nationalliberalen unterstützen seit 1867 die Politik Bismarcks sehr entschlossen, da ihr oberstes Ziel die Erringung des Nationalstaates ist und sie jeden Schritt in dieser Richtung unterstützten. Die Nationalliberalen haben keine einheitliche soziale Basis, was sie eint, ist der Protestantismus. Im Dezember 1870 wird dann jedoch die Zentrumspartei gegründet, die sich ganz bewusst als die Partei des Katholizismus darstellt und sich zum Ultramontanismus bekennt. Damit gemeint ist, dass man sich auf das konzentrierte was jenseits der Berge (lateinisch ultra montes) – womit die Alpen und damit Italien oder genauer noch Rom und der Vatikan gemeint sind – vorgegeben wird. Das die Partei gleichzeitig auch noch Unterstützung für eine Herauslösung des 1866 in Preußen aufgegangenen Königreichs Hannovers an hervorragender Stelle präsentiert, macht das Zentrum in doppelter Hinsicht zum Gegner der Nationalliberalen. Während die Nationalliberalen in den Wahlen zum ersten Reichstag im März 1871 als stärkste Fraktion erscheinen, kommt auf dem zweiten Platz bereits das Zentrum, dass es sehr erfolgreich versteht die große Mehrheit der katholischen Wähler an sich zu binden. (Abb.11)

Was Bismarck zu seiner antikatholischen Politik bringt, ist unklar. Es gibt Spekulationen, dass er eine katholische Verschwörung gegen Deutschland befürchtet, doch gibt es dafür keine eindeutigen Beweise. Sehr viel klarer ist seine Haltung gegenüber dem konkreten Auftreten der Zentrumspartei. Die Partei ist extrem darauf geprägt die Religion zum alleinigen Thema ihrer Politik zu machen. Ihr erster Antrag noch in der Eröffnungsdebatte des Reichstages zielt darauf, das sich das Deutsche Reich in Italien für den Papst und gegen den ebenfalls noch jungen italienischen Staat einsetzen soll. In der sich dann anschließenden Debatte um die Verfassung wird von ihr verlangt, dass die Kirche betreffende Grundrechte allein in die Verfassung übernommen würden. Eine derartig einseitige Politik widerstrebt Bismarck egal welchen Inhalt sie hat. Ein Problem mit der katholischen Kirche sieht Bismarck im Osten Preußens. Wo in Posen, Teilen Westpreußens sowie in Schlesien die polnische Sprache angefangen von den Schulen stärker gefördert wird, da sieht er vor allem katholische Geistliche als „Agenten Polens“, die dieses unterstützen. Hier ist in den Augen Bismarck nicht der Bestand Deutschlands, aber in ganz ähnlicher Weise wie es die Nationalliberalen sehen die territoriale Einheit gefährdet und der Katholizismus wird als Unterstützer dieser Tendenzen eingestuft. Die Auflösung der „katholischen Abteilung“ im Kulturministerium im Juli 1871 ist daher auch seine erste Aktion gegen den kirchlichen Einfluss.

Der erste Gesetzesbeschluss und damit der Beginn des öffentlichen Kulturkampfes ist der Kanzelparagraph am 10. Dezember 1871. Im Strafgesetzbuch wird der Paragraph 130a eingefügt, in dem Geistliche mit einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren bedroht werden, wenn sie in Ausübung ihres Amtes durch Stellungnahmen zu Maßnahmen des Staates den „öffentlichen Frieden gefährden“. Auch wenn er allgemein gehalten für alle Geistlichen gedacht ist, so zielt er doch allein auf den politischen Katholizismus, denn dem Protestantismus ist aufbauend auf der Zwei-Reiche-Lehre derartige Einmischung fremd.

Am 30. Januar 1872 erklärt Bismarck in einer Debatte im Abgeordnetenhaus, die Gründung des Zentrums sei seiner Meinung nach „eine Mobilmachung gegen den Staat“. Diese Auffassung nimmt er in der zweiten Kammer des Parlaments 1873 noch einmal auf und sagt, der Staat sei „gefährdet“ und „zur Notwehr gezwungen“. Seine Unnachgiebigkeit in der Auseinandersetzung unterstreicht er am 14. Mai 1872 mit dem Satz: „Nach Canossa gehen wir nicht, weder geistig noch körperlich“. Damit spielt er auf den Streit zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. an, der mit der Selbstdemütigung Heinrichs vor der Festung von Canossa endet.

In der Reihe der Gesetze im Rahmen des Kulturkampfes folgt im März 1872 die Unterstellung aller Schulen unter staatliche Aufsicht und im Juli das Jesuitengesetz, in dem dem besonders konservativen und papsttreuen Orden verboten wird Niederlassungen in Deutschland zu unterhalten, allein in der Krankenpflege darf er noch tätig sein. Angehörigen des Ordens werden strikte Aufenthaltsbeschränkungen auferlegt. Das Deutsche Reich bricht den diplomatischen Kontakt zum Vatikan ab, was von Bismarck als Außenminister veranlasst werden kann. 1873 wird die Übernahme einer Priesterstelle von dem Abschluss eines deutschen Gymnasiums und einer Prüfung zu deutscher Philosophie, Geschichte und Literatur abhängig gemacht. Jede Anstellung ist darüber hinaus bei den Behörden zu melden, die bei Bedenken gegen die Unterordnung unter die staatliche Ordnung durch den Priester, dessen Einsetzung ablehnen können. Dies wird durch ein zentrales staatliches Disziplinargericht ergänzt, dass in Berlin ansässig für alle kirchlichen Angelegenheiten zuständig ist. Dieses Recht wird den Bischöfen abgenommen, die, wenn sie sich widersetzen, abgesetzt werden können. Die Zivilehe, das heißt, dass eine rechtsgültige Ehe nur vor einem staatlichen Beamten geschlossen werden kann, wird in Preußen ebenfalls 1873 eingeführt und 1875 dann für das gesamte Reich übernommen. Dazu werden die Standesämter gegründet, die auch Geburten und Sterbefälle amtlich beurkunden. Das ebenfalls gesetzlich neu geregelte Recht auf Austritt aus der Kirche wird damit deutlich erleichtert. Statt einer Zurückdrängung der Katholiken und des Zentrums erlebt Bismarck aber genau das Gegenteil, denn in den Reichstagswahlen 1874 kann das Zentrum seine Stimmen im Vergleich zur vorherigen Wahl verdoppeln.(Abb.12)

Die Jahre 1874 und 1875 markieren aber auch den Höhepunkt des Kulturkampfes. So wird im Mai 1874 das sogenannte Expatriierungsgesetz verabschiedet, das das Aufenthaltsrecht von Geistlichen bis hin zur Ausweisung einschränkt. Dieses Gesetz ist selbst unter der Reichsverfassung ein höchst bedenkliches, da es grundlegende Freiheitsrechte einschränkt. Ebenso wird im Mai ein Gesetz erlassen, dass den preußischen Kultusminister ermächtigt Bistümer, die infolge staatlicher Eingriffe nicht besetzt sind als Stellvertreter zu verwalten. Ein katholischer Arbeiter verübt im Juli 1874 ein Attentat auf Bismarck, bei dem dieser unverletzt bleibt, dass aber die antikatholische Stimmung weiter aufheizt. Wie sehr man sich hier eine Entwicklung hat, in der es nur die Verschärfung gibt, zeigt zum einen das Papst Pius IX. am 5. Februar 1875 alle deutschen Kirchengesetze für ungültig erklärt und die Ausführenden mit der Exkommunikation bedroht. Dies kommt zwar einerseits einer Kriegserklärung des Papstes gleich, zeigt aber auch dessen verzweifelten Versuch in diesem Streit seine Position zu behaupten, denn gegen den Protestanten Bismarck und zumindest staatliche, wenn nicht auch protestantische Beamte, die zur Umsetzung der Gesetze verpflichtet sind, ist eine solche Erklärung kaum ein wirkungsvolles Mittel. Zudem zeigt eine solche Androhung, dass hier ein Streit zwischen mittelalterlichen und neuzeitlichen Denkstrukturen vollzogen wird, wozu Bismarcks Canossa Aussage durchaus passend ist, denn er sieht sich in Verbindung mit den Nationalliberalen auf der Seite des historischen Fortschritts.(Abb.13) Auf die Erklärung des Papstes reagiert man in Deutschland mit ebensolchen existenzbedrohenden Gesetzen, so wird mit dem „Brotkorbgesetz“ vom April 1875 der katholischen Kirche die staatliche Finanzunterstützung gestrichen und im Mai alle Niederlassungen der Kirche, die nicht der Krankenpflege dienen geschlossen. In dieser Hochzeit des Kulturkampfes sind etwa 2000 katholische Priester im Gefängnis, zeitweise sind alle preußischen Bischofssitze wie auch ein Viertel der übrigen Priesterstellen unbesetzt.

Dieser Ausweitung des Kampfes folgt eine sehr langsame und stille Abkühlung des Streits für die Ursachen und Anzeichen nicht voneinander zu trennen sind. Auch wenn Bismarck sich am Anfang des Kulturkampfes sehr direkt gegen das Zentrum ausgesprochen hat, so richten sich seine Maßnahmen immer nur gegen die Organisation der katholischen Kirche und nie gegen die Partei, die unter dem Eindruck des Streits nur noch fester hinter ihren Zielen steht und ständig mehr Zulauf der Katholiken erhält. Auf der anderen Seite müssen Bismarcks Unterstützer die Nationalliberalen Verluste hinnehmen. Eine Ursache dafür ist, dass sie mit den Maßnahmen des Kulturkampfes teilweise deutlich gegen Kerngedanken des Liberalismus verstoßen. Ihre schwindende Vertretung im Parlament macht es für Bismarck nötig, sich um andere Unterstützer seiner Politik zu bemühen. Dabei gerät die Zusammenarbeit von Bismarck mit den Liberalen auch durch andere innenpolitische Entwicklungen unter Druck, denn mit der Gründerkrise wird der Ruf nach staatlicher Unterstützung der deutschen Wirtschaft durch strenge Strafzölle sehr laut. Staatliche Schutzpolitik für bestimmte Gruppen ist jedoch die Linie für die Liberalen, die nicht überschritten werden kann. Im konservativen Lager und damit auch beim Zentrum finden diese wirtschaftspolitischen Maßnahmen jedoch sehr viel mehr Anklang, so dass Bismarck einen sehr langsamen Kurswechsel vornimmt, der ihm eine derartige Politik ermöglicht.

Mit dem Amtsantritt von Papst Leo XIII. 1878 setzt auch in der Kirche eine klare Mäßigung der Politik ein, die eine Verständigung beider Seiten möglich macht. Im Frühjahr und Sommer 1879 geht der Kulturkampf dann so informell, wie er begonnen hat auch wieder zu Ende.(Abb.14) 1882 werden die diplomatischen Beziehungen Deutschlands zum Vatikan wieder aufgenommen. Viele Gesetze des Kulturkampfes werden in den 80er Jahren zurückgenommen. Es bleiben jedoch einige Gesetze bestehen, wie die staatliche Schulaufsicht und die Zivilehe, die eine klare Trennung von Staat und Kirche darstellen und den Staat damit in eine konfessionell neutrale Position bringen. Was ebenfalls bestehen bleibt, ist eine Skepsis gegenüber den Katholiken, was ihre nationale Zuverlässigkeit gegenüber dem Deutschen Reich betrifft.

Das Aufkommen des modernen Antisemitismus

Diese Skepsis gegenüber einer Religionsgemeinschaft trifft aber nicht nur die Katholiken, sondern sie ist schon traditionell den Juden gegenüber aufgetreten. Juden stellen etwa 1 % der Bevölkerung des Deutschen Reiches, sie ziehen aber eine proportional weitaus größere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Der Antisemitismus des Mittelalters ist religiös motiviert und wirkt immer wieder wie ein Ventil für sozialökonomische Spannungen in gewaltsamen Ausschreitungen gegen die Juden. Kaiserliche Schutzpatente bringen zumindest die Gewalt unter Kontrolle, sie können die Vorurteile jedoch nicht ausräumen. Mit dem Zeitalter der Aufklärung und der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert gerät der Antisemitismus fast in Vergessenheit. Mit der Gründerkrise lebt die Judenfeindschaft in Deutschland mit geänderten Grundlagen in ihrer traditionellen Form wieder auf.

In einer in keiner Weise nachvollziehbaren Verbindung wird die Gründerkrise sowohl den Liberalen, wie auch den Juden angelastet. Während die Liberalen für ihre Politik des freien Handels zur Verantwortung gezogen werden, die Handel und Gewerbe ruinieren soll, stehen angeblich die Juden hinter dem Liberalismus, weil sie die Börsen beherrschen sollen. Beispielhaft für diese Fehleinschätzung ist der als „Eisenbahnkönig“ bezeichnete Unternehmer Bethel Henry Strousberg, der vielfältig vom Bau von Lokomotiven bis zum Bau von Schienenstrecken mit der Eisenbahn verbunden ist.(Abb.15) Die Eisenbahn ist die Triebkraft der Industriellen Revolution in Deutschland, aber auch sie ist nicht ohne Risiken. Strousberg verspekuliert sich mit fragwürdigen Methoden der Geldbeschaffung für sein Unternehmen und zieht damit in der Folge der Gründerzeitkrise auch zahlreiche Kleinanleger mit sich, die ihm vertraut haben.

Das Beispiel Strousbergs zeigt, dass es nicht – nur – um die Religionszugehörigkeit geht, da er aus einer jüdischen Familie stammend in seiner Jugend christlich getauft wurde, sondern das wofür er mit seinem Ruf steht: die Industrialisierung. Besonders unter den Bauern, Handwerkern und kleinen Kaufleuten kann der moderne Antisemitismus seine Anhänger finden. Doch ist dies keine Bewegung der Unterschichten, auch wenn diese sich am ehesten von der Entwicklung der Zeit unter Druck gesetzt sehen. Auch in den höheren Schichten der Gesellschaft ist der Antisemitismus akzeptiert. Er tritt nicht als reine hasserfüllte Hetze gegen Juden auf, sondern ist auch um ein tragfähiges wissenschaftliches Fundament bemüht. Die Theorien von Charles Darwin, Herbert Spencer und Arthur de Gobineau werden für diesen Zweck vielfach herangezogen und werden dann je nach Bedarf entsprechend in Teilen angewendet.

Deutschland ist mit dem modernen Antisemitismus nicht alleine in Europa auch in Österreich, Ungarn und Frankreich gibt es ähnliche Entwicklungen, dennoch ist der deutsche Antisemitismus ein Wegbereiter, bei ihm wird vieles zuerst erdacht, dass dann in anderen Ländern übernommen wird. In Deutschland wird der Antisemitismus durch die gerade vollzogene Schaffung des Nationalstaates besonders gefördert. Mit Frankreich hat man einen klaren äußeren Feind – endlich – bezwungen, nun geht es um die Suche nach inneren Feinden der Nation. Den Juden wird dabei unterstellt, dass sie nicht Teil der Nation sind, weil sie als „Weltbürger“ überall anzutreffen sind. Im Antisemitismus lassen sich die Ablehnung des Fremden und der Fremdherrschaft, die man dem Ultramontanismus entgegenbringt, noch sehr viel besser ausleben; hier findet man vor allem eine Ursache für die wirtschaftlichen Sorgen, die es gibt. Existenzängste gehen im modernen Antisemitismus mit dem Nationalismus der Reichsgründung eine Verbindung ein, die sich als sehr dauerhaft erweist.

Die Sozialistengesetze

Die Verunsicherung des jungen Nationalstaates, die sich sowohl im Kulturkampf wie auch dem modernen Antisemitismus niederschlägt, ist nicht auf die 1870er Jahre beschränkt, die Suche nach den „inneren Feinden“ geht weiter und findet in der politisch organisierten Arbeiterbewegung ein weiteres Ziel ihres Kampfes.

Die Ursprünge der deutschen Arbeiterbewegung

Schon in den 1830er Jahren entstehen die ersten Arbeiterbildungsvereine. Diese stark bürgerlich beeinflussten Vereine verfolgen das Ziel umfassender Bildung für die Arbeiter und bieten dafür sowohl überfachliche wie auch fachlich orientierte Veranstaltungen an. Politische Diskussion gehören von Anfang an mit zum Alltag dieser Vereine. Mit der Niederschlagung der Revolution von 1848/49 werden sie verboten. Anfang der 1860er Jahre beginnen sie dann erneut zu entstehen. Aus dem Umfeld dieser Arbeiterbildungsvereine kommen die Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Ideengebend für den ADAV ist Ferdinand Lassalle.(Abb.16) Lassalle ist ein aktiver Teilnehmer der Revolution von 1848/49 und unter anderem persönlich mit Karl Marx und Friedrich Engels bekannt. Auf Initiative von Leipziger Arbeiterbildungsvereinen kommt es am 23. Mai 1863 zur Gründung des ADAV. Das Programm, das Lassalle der Vereinigung gibt, ist eine Mischung aus Forderungen der Liberalen und den Ideen von Marx und Engels. An den Liberalen missfällt Lassalle, das sie die sozialen Belange der Arbeiter nicht genügend berücksichtigen, deshalb tritt er für eine eigenständige Interessenvertretung der Arbeiter ein. Sein Ziel ist eine sozialstaatliche Umbildung des Staates. Diese soll allerdings im Gegensatz zu den Ansichten von Marx und Engels auf friedlichem Wege erfolgen, was zum Bruch der Beziehung führt. Von den Liberalen übernimmt Lassalle dazu nämlich den Kampf um das allgemeine und gleiche Wahlrecht, dass zentral für das Auftreten des Verbandes ist. Mit dem doppelten Bruch der Programmatik – von Liberalen und Sozialisten – bei gleichzeitiger Übernahme von Grundideen beider Seiten wird der ADAV die erste eigenständige Vertretung der Arbeiterbewegung in Deutschland.

Als Gegenbewegung zum ADAV, der von Teilen der Liberalen als ernsthafte Konkurrenz angesehen wird, wird am 7./8. Juni 1863 der Vereinstag deutscher Arbeitervereine (VDAV) in Frankfurt am Main gegründet. Der Verband ist eine breite Sammelbewegung unterschiedlichster Richtungen der Arbeiterbildungsvereine. Der VDAV ist großdeutsch ausgerichtet und sehr viel föderaler im Gegensatz zum kleindeutschen und zentralistischen ADAV.

August Bebel wird zur Gründungszeit Mitglied im VDAV, weil er mit dessen politischer Grundrichtung übereinstimmt.(Abb.17) In den dann folgenden Jahren wendet sich Bebel sehr gezielt dem Sozialismus zu, er setzt sich dabei mit den Ansichten Lassalles auseinander, die er aber ablehnt. Entscheidend für seinen weiteren Weg wird die Bekanntschaft mit Wilhelm Liebknecht, der persönliche Kontakte zu Marx und Engels hat.(Abb.18) 1866 wird Bebel Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) und machte damit seinen gedanklichen Anschluss an den Sozialismus deutlich. Mit Liebknecht gründet er im selben Jahr die Sächsische Volkspartei, in der sich antipreußische, großdeutsche, demokratische und sozialistische Politik vereinigen. Im Oktober 1867 wird er zum Präsidenten des VDAV gewählt. Auf dem fünften Vereinstag des VDAV in Nürnberg kommt es am 6. September 1868 unter Bebels Leitung dann zum Bruch innerhalb des VDAV, da sich eine Mehrheit den Prinzipien der IAA anschließt. Der bürgerliche Liberalismus der Handwerker und der Sozialismus der Industriearbeiter sind organisatorisch nun klar voneinander getrennt. Vollendet wird diese Trennung in Eisenach auf dem Allgemeinen Deutschen sozial-demokratischen Arbeiterkongress vom 7. bis 9. August 1869 als am 8. August das Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) verabschiedet wird. In der SDAP finden sich die Sächsische Volkspartei, die unter Bebel abgespaltenen Teile des VDAV und Mitglieder des ADAV wieder, die sich von dessen extremen Zentralismus abwenden. Das in Eisenach verabschiedete Programm ist in vielem ein Kompromiss und noch deutlich vom VDAV geprägt, jedoch mit eindeutigen Bekenntnissen zur IAA und der Ansicht, dass die Stellung der Arbeiter nur über den Kampf verbessert werden könnte, auch von sozialistischen Ideen durchzogen.

Bebel und Liebknecht sind über die Sächsische Volkspartei Mitglieder des Reichstages des Norddeutschen Bundes und nehmen ihr Mandat nach deren Gründung dann für die SDAP wahr. In der Abstimmung vom 19. Juli 1870 enthalten sich Bebel und Liebknecht der Stimme als es um die Bewilligung von Krediten zur Finanzierung des Krieges gegen Frankreich geht. Am 5. September 1870 rufen führende Mitglieder der SDAP die Arbeiter zu einem Protest gegen die Annexion von Elsass-Lothringen auf, sie folgen damit einem Schreiben von Marx und Engels aus dem August, in dem diese bereits einen Krieg gegen Russland in Folge des deutsch-französischen Krieges aufzeigen. Marx macht seine Kritik in Zweiten Adresse des Generalrates über den Deutsch-Französischen Krieg vom 9. September 1870 öffentlich und warnt vor weiteren Kriegen in der Folge. Die nicht als Abgeordnete vor Strafverfolgung geschützten Führungsmitglieder der SDAP werden unter Berufung auf das preußische Gesetz über den Belagerungszustand von 1851 festgenommen und in Festungshaft gebracht. Trotzdem stimmen am 28. November vier Abgeordnete der SDAP, drei des ADAV und ein Abgeordneter der Welfenpartei gegen weitere Kriegskredite. Den Antrag der dazu von Bebel und Liebknecht eingebracht wird, definiert den deutsch-französischen Krieg als einen Eroberungskrieg. Am 10. Dezember stimmen insgesamt sechs Abgeordnete der SDAP und des ADAV gegen die Änderungen der Verfassung, die durch die Einführung der Begriffe „Reich“ und „Kaiser“ entstehen. Nach der Auflösung des Reichstags am 18. Dezember 1870 werden Bebel und Liebknecht – nun nicht mehr durch das Abgeordnetenmandat geschützt – wegen des Versuchs der Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Die Entlassung erfolgt erst als Bebel im März 1871 erneut in den Reichstag gewählt wird. Die Anklage wegen Hochverrats wird kurz danach dann fallengelassen.

Als Bebel kurz nach der Haftentlassung dann für die Pariser Kommune argumentiert, führt dies zu einem neuen Hochverratsverfahren, dass im März 1872 in Leipzig vor dem Schwurgericht verhandelt wird. Erneut steht auch Wilhelm Liebknecht hier unter Anklage.(Abb.19) Die Vorwürfe sind extrem konstruiert und nicht sehr belastbar, trotzdem entscheidet das Gericht mit der gerade notwendigen Zahl an Stimmen für die Schuld der Beiden und verurteilt sie zu zwei Jahren Haft. Bebel wird darüber hinaus sein Abgeordnetenmandat aberkannt. Die deshalb notwendige Nachwahl im Januar 1873 bestätigt Bebels Reichstagsmandat allerdings mit einer noch größeren Mehrheit als zuvor, bringt ihn aber zunächst nicht in Freiheit.

Vom 22. bis 27. Mai 1875 findet in Gotha ein gemeinsamer Kongress von SDAP und ADAV statt, der eine Vereinigung beider Parteien und das dafür notwendige Gothaer Programm beschließt. Dieses Programm der neu entstandenen Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) macht viele Eingeständnisse an den ADAV, was Marx zur Kritik am Gothaer Programm veranlasst. Der Zusammenschluss hat für beide Parteien aber eine hohe Dringlichkeit, da sie nur als geeinigte Arbeiterpartei Aussichten auf Erfolg sehen. Wilhelm Liebknecht stimmt in vielem mit der Kritik von Marx überein und bemüht sich in den folgenden Jahren um entsprechende Korrekturen der Parteilinie.

Gesetzliche Maßnahme gegen die Sozialdemokraten

Die Gründung der SAP ist eine Reaktion auf den wachsenden Druck, dem sich die Arbeiterbewegung ausgesetzt sieht. Seit dem Beginn der Gründerkrise sieht Bismarck in deren Folgen eine Bedrohung der Gesellschaft und es wird die Furcht vor der „roten Gefahr“ geschürt. Gleichzeitig macht er auch die „sozialdemokratischen Umtriebe“ dafür verantwortlich, dass es überhaupt zu dem wirtschaftlichen Abschwung gekommen ist. 1874 wird deshalb ein Pressegesetz vorgelegt, dass eine strikte Zensur ermöglichen soll. Das Gesetz scheitert an den Liberalen. Genauso endet im nächsten Jahr auch der Versuch im Strafgesetzbuch einen Paragrafen einzuführen, der „Aufreizung zum Klassenhass“ unter Strafe stellen soll, da seine sehr weit auslegbare Formulierung für die Liberalen die Meinungsfreiheit zu bedrohen scheinen. Der ADAV wird allerdings in Preußen 1875 verboten.

Dass es Bismarck um die politische Bewegung des Sozialismus insgesamt und nicht nur die Partei geht, auch wenn er Bebels Auftreten im Reichstag als Teil des Problems betrachtet, lässt sich aus dem Wahlergebnis zum Reichstag von 1877 ablesen. Die SAP stellt mit 9 % der Stimmen 12 Abgeordnete und ist damit die viertstärkste Gruppierung im Reichstag nach den Nationalliberalen, Zentrum und Deutschkonservativen. Die SAP ist jedoch politisch weitgehend isoliert und stellt bei fast 400 Abgeordneten im Reichstag kaum eine ernsthafte oder wirksame Opposition dar.(Abb.20) Das Dreiklassenwahlrecht erfüllt mit einem derartigen Ergebnis auch nach der erfolgten Industriellen Revolution genau seine ihm zugedachte Aufgabe der unterprivilegierten breiten Masse eine Teilhabe an der Macht zu versagen und die schmale Oberschicht zu bevorzugen, um die herrschenden Machtverhältnisse nicht zu gefährden.

Die Liberalen zeigen sich in der Auseinandersetzung mit den Sozialdemokraten anders als im Kulturkampf aber als Verteidiger der Rechtsstaatlichkeit und schützen damit prinzipientreu auch ihre Gegner. Das zeigt sich auch als am 11. Mai 1878 Max Hödel ein – folgenloses – Attentat auf den Kaiser verübt (Abb.21) und Bismarck acht Tage später dem Reichstag einen Antrag auf Verbot der SAP vorlegt. Die Gesetzesvorlage wird mit 251 zu 57 Stimmen deutlich abgelehnt. Eine Aushöhlung des Rechtsstaates, der die Rechtsgleichheit aller Bürger sichert, durch eine Ausnahmejustiz wollen die Abgeordneten nicht zulassen. Am 2. Juni verübt Karl Eduard Nobiling ein weiteres Attentat auf Wilhelm I., das diesmal durchaus bedrohliche Folgen für den Kaiser hat. (Abb.22)

Am 11. Juni gelingt es Bismarck den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen für den 30. Juli anzusetzen. Bei diesen Wahlen kann Bismarck zum einen darauf setzen, dass die Liberalen sich in einem ständigen Abwärtstrend befinden und so schon auf weniger Stimmen zählen können. Dann setzt unter dem Eindruck vor allem des zweiten Attentats auf den Kaiser ein sehr emotionaler Wahlkampf ein, da dem Attentäter sehr lockere Verbindungen zu sozialistischen Kreisen nachgewiesen werden können. Die Liberalen, die kurz zuvor noch die Sozialdemokraten verteidigt haben, geraten in diesem Streit stark unter Druck. Die Zahl der nationalliberalen Abgeordneten sinkt in der Wahl dann auch von 128 auf 99, während die beiden konservativen Parteien von 78 auf 116 Abgeordnete steigen.(Abb.23)

Bismarck legt dem so neugestalteten Reichstag erneut ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vor, dass am 19. Oktober im Parlament verabschiedet wird und am 23. Oktober 1878 in Kraft tritt. Die Liberalen haben unter dem öffentlichen Druck ihre grundsätzliche Ablehnung des Gesetzes aufgeben müssen und können nur eine zeitliche Befristung auf 2 ½ Jahre mit der Möglichkeit zur Wiedervorlage im Parlament erreichen. Ihre große Sorge ist, einen Modellfall für weitere Parteiverbote zu schaffen, denn das Gesetz verbietet sozialistische, sozialdemokratische und kommunistische Vereine und Versammlungen sowie entsprechende Druckschriften als staatsgefährdend. Einzelpersonen können, entsprechend dem Kulturkampfgesetz zur Expatriierung auch des Landes verwiesen werden, für „gefährdete Bezirke“ kann der Belagerungszustand für bis zu einem Jahr verhängt werden, was den Einsatz der Armee möglich macht. Das Gesetz wird mehrfach verlängert und läuft erst Anfang 1890 aus.

In der Folge des Gesetzes werden rund 330 sozialdemokratische Vereine verboten, 1000 Druckschriften beschlagnahmt, insgesamt 1500 Jahre Haftstrafen verhängt und 900 Sozialdemokraten ausgewiesen. Offiziell hat die Sozialdemokratie damit keine Organisationsstruktur mehr in Deutschland, aber im Untergrund arbeiten viele Gruppen trotzdem weiter.(Abb.24) Schriften werden nun im Ausland gedruckt und als unverfänglich getarnte Druckerzeugnisse zurück nach Deutschland geschmuggelt und dort verteilt. Als Organisation verboten kann Einzelpersonen trotzdem nicht verboten werden mit der gebotenen Vorsicht bei Landtags- und Reichstagswahlen anzutreten. In den Wahlen von 1881 zeigt das Gesetz auch die geplante Wirkung und drängt die Zahl der Abgeordneten, die der Sozialdemokratie zugerechnet werden zurück.(Abb.25) 1884 sind es aber schon wieder 24 Abgeordnete und damit die fünftgrößte Gruppe (Abb.26); 1890 sind es dann 35 Abgeordnete bei 20 % der Stimmen. Wie beim Kulturkampf auch wird durch die Verfolgung genau das Gegenteil dessen erreicht, was man beabsichtigt, die Unterstützung der betroffenen Gruppe nimmt stark zu. Ebenso erreichen die Bemühungen wie im Kulturkampf auf der anderen Seite aber auch eine sehr dauerhafte Stigmatisierung der Sozialdemokratie.

Sozialgesetzgebung

Die Zurückdrängung der Sozialdemokratie ist ein von Bismarck lange gehegter Wunsch, für den er jedoch die passenden politischen Partner braucht und die Liberalen haben ihre Ablehnung in dieser Frage sehr klar herausgestellt. Als wirtschaftsliberale Partei treten die Nationalliberalen jedoch für den Freihandel ein, diese Politik ist nach der Gründerkrise nicht mehr unumstritten. Eine Schutzzollpolitik wird von Bismarck in dieser Situation als angemessen empfunden. Die einheimische Wirtschaft soll gegen die Konkurrenten aus dem Ausland geschützt werden. Die Reichstagswahl vom 30. Juli 1878 hilft ihm auch bei diesem Vorhaben, denn über eine konservative Mehrheit sind diese Pläne durchsetzbar, denn so etwas kommt der Landwirtschaft zugute und damit den Wählern der Konservativen sehr entgegen. Ein erschwerter Zugang für die ausländischen Produzenten nach Deutschland bedeutet auf der anderen Seite aber auch steigende Preise für die Verbraucher, dies ist in einer Wirtschaftskrise eine problematische Entwicklung. Aber so strikt wie Bismarck gegen die politische Vertretung der Arbeiter vorgeht, so ist er ebenso von der Notwendigkeit ihrer staatlichen Unterstützung überzeugt. Bismarck sieht durchaus die Probleme, denen sich die Arbeiter gegenüber sehen und auch die daraus resultierende Möglichkeit der Instabilität für den Staat und die Gesellschaft. Sozialpolitik ist damit auch für einen konservativen Politiker eine durchaus notwendige, weil langfristig staatstragende Politik.

Auch wenn die Zeit von 1878/79 als der Wechsel von der liberalen zur konservativen Epoche bezeichnet wird, weil die Liberalen nicht mehr die beherrschende Kraft sind, sondern sich das Verhältnis zugunsten der Konservativen verändert, so sind diese allein doch nie stark genug und es beginnt gleichzeitig auch eine Zeit der wechselnden Mehrheiten. Die Zollgesetze können von einer Koalition von Konservativen und Zentrum durchgesetzt werden. Das Zentrum erweist sich in der Folge aber als recht wechselhaft und übernimmt dabei die Rolle, die vorher die Liberalen in der Kontrolle der Ansprüche Bismarcks gespielt hatten. Bismarck muss jedes Gesetzesvorhaben an wechselnde Interessenlagen anpassen und kann seine Ideen nicht unbeschränkt umsetzen. Dies erklärt die lange Zeit, über die die Sozialgesetze eingeführt werden, genauso wie ihre Form. 1883 wird die Krankenversicherung als erstes eingeführt, es folgt ein Jahr später die Unfallversicherung und 1889 schließlich noch die Alters- und Invalidenversicherung.

Das größte Zugeständnis in diesen Versicherungen, das Bismarck machen muss, ist das ihre Finanzierung nicht durch den Staat erfolgt. Er hat dafür ein Tabakmonopol des Staates vorgesehen, dass jedoch im Parlament als Beschneidung des Haushaltsrechts gesehen wird, handelt es sich doch um eine Art von Steuer. Die Versicherungen werden jedoch Bismarcks Wunsch gemäß öffentlich-rechtlich abgesichert, Privatversicherungen werden ausgeschlossen, außerdem gibt es eine Versicherungspflicht. Über die Selbstverwaltungsorgane der Sozialversicherung hofft Bismarck das Parlament in der Zukunft ausschalten zu können, die Gremien werden in der Folge aber stark von den Sozialdemokraten dominiert und sind damit für derartige Vorhaben nicht mehr einsetzbar. Der Sozialdemokratie wird damit mittelfristig ein Weg zur gesellschaftlichen Integration geebnet, das umfassende Vorhaben die Arbeiter mit diesen Einrichtungen zu Dankbarkeit und Folgsamkeit gegenüber dem Staat zu verpflichten schlägt dennoch fehl, denn mangels staatlicher Finanzierung werden die Kassen letztendlich von den Arbeitern selbst getragen, so dass die Vorteile für sie überschaubar bleiben. Die Sozialgesetze sind aber trotzdem eine große Errungenschaft, denn sie sind die ersten ihrer Art weltweit und dienen in der Folge oftmals als Modell in anderen Ländern.

Die Außenpolitik des Deutschen Reiches bis 1890

Außenpolitik im europäischen Raum

Zu den Legenden der Gründung des Deutschen Reiches gehört, dass es gegen den Willen der anderen Mächte gegründet worden sei, dies stimmt aber nicht. Die anderen Großmächte stehen der Gründung eines deutschen Nationalstaates neutral bis wohlwollend gegenüber. Die Folgen sind dann jedoch, dass sich das Machtgleichgewicht in Europa verschiebt. Großbritannien hat wesentlich weniger Einfluss, während Deutschland unter preußischer Führung zu einer deutlich größeren Macht als der vorherige Deutsche Bund oder Preußen allein wird. Nach drei Kriegen fürchten die anderen Länder in Europa, dass Deutschland noch nicht befriedigt sei mit dem, was es erreicht hat. Es ist jedoch sehr gut belegt, dass, auch wenn Bismarck öffentlich lange Zeit schweigt, er nach 1871 doch nur auf eine Friedenssicherung in Europa hinarbeitet, Krieg ist keines seiner Ziele. Nach dem gegen Frankreich gewonnen Krieg strebt Bismarck dann vielmehr danach dieses diplomatisch völlig zu isolieren.

Die größte Gefahr sieht Deutschland in einem Krieg Frankreichs als Rache. Im Oktober 1873 wird deshalb das Drei-Kaiser-Abkommen geschlossen, in dem sich Russland, Österreich und Deutschland zu Beratungen in allen Fragen des gemeinsamen Interesses verpflichteten. Das Abkommen ist sehr ungenau und verpflichtet im Grund keine der Mächte zu besonderen Dingen, aber auf deutscher Seite hofft man so entsprechenden Annäherungen an Frankreich besser gegenüber treten zu können und die Verhältnisse der Erhaltung des konservativen alten europäischen Machtgefüges wiederaufleben zu lassen.

Unruhe löst in Deutschland die Aufrüstung Frankreichs in Verbindung mit starker Propaganda für eine Rückgewinnung Elsass-Lothringens im März 1875 aus. Bismarck sorgt dafür, dass in der Zeitung „Post“ am 8. April 1875 ein Artikel unter der Überschrift „Krieg in Sicht?“ erscheint, in dem über einen deutschen Krieg als Vorsichtsmaßnahme gegen Frankreich nachgedacht wird. Der Artikel sorgt für Unruhe in Großbritannien und Russland und veranlasst als Antwort zu einem Artikel in der Zeitung „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, der die französische Militärpolitik jetzt nicht mehr als Bedrohung schildert. Diese Krieg-in-Sicht-Krise ist eine der seltenen schweren diplomatischen Niederlagen, die Bismarck hinnehmen muss. Er provoziert und bekommt seine Grenzen dabei aufgezeigt.

Die europäischen Mächte werden nach dieser Krise um Frankreich aber übergangslos in eine Krise auf dem Balkan hineingezogen. Seiner Idee der Unterstützung der slawischen Völker hat Russland damit dem Panslawismus folgend, sich auf die Seite von Serbien und Montenegro in deren Kampf gegen die türkische Herrschaft gestellt.(Abb.27) Der daraus folgende Krieg endet im Januar 1878 als Konstantinopel von den Russen bedroht wird und Großbritannien signalisiert, dass dessen Fall ein Grund für den Kriegseintritt wäre. Diesem Risiko will sich Russland nicht aussetzen und schließt einen Vorfrieden mit der Türkei. Die russisch-britische Krise ist damit aber nur unzureichend entschärft, so dass Zar Alexander II. eine internationale Konferenz für die geeignete Lösung hält. Da Deutschland keine direkten Interessen auf dem Balkan hat, scheint Berlin als neutraler Tagungsort und der deutsche Außenminister als Vermittler gut geeignet. Diese Rolle kommt Bismarck sehr entgegen. Schon 1877 hat er im Kissinger Diktat einer kurzen Schrift aus Anlass des russisch-türkischen Konflikts, die er seinem Sohn Herbert während eines Kuraufenthaltes diktiert, erklärt, dass Deutschlands Ziel in der Außenpolitik nicht der Erwerb von weiteren Territorien sei. Er sieht es vielmehr als erstrebenswert an, dass alle Länder mit Ausnahme Frankreichs der Hilfe Deutschlands bedürften und sie durch ein Beziehungsgeflecht keine Gegner Deutschlands werden könnten.

Die Berliner Konferenz vom 13. Juni bis 13. Juli 1878 wird von Russland als Enttäuschung eingeordnet und Bismarck dafür viel der Schuld gegeben.(Abb.28) Zwar büßt die Türkei an Einfluss und Land auf dem Balkan ein, dafür gewinnt Österreich die Verwaltung von Bosnien und der Herzegowina. Aber die von Russland beabsichtigte Schaffung eines Satellitenstaates Rumänien ist zerschlagen worden. Großbritannien kann sich als Schutzmacht der Türkei im Hintergrund durchsetzen. So wird zwar ein Krieg beendet, doch ein wirklicher Friede auf dem Balkan nicht geschaffen.

In der Folge der Berliner Konferenz gibt es einen Versuch einer Annäherung Russlands an Frankreich, der scheitert. Dies ist eine leicht verdeckte Spitze gegen Deutschland, aber auch direkt verschlechtert sich das deutsch-russische Verhältnis, da Russland starke Truppenverbände an der deutschen Grenze zusammenzieht. Im deutschen Außenministerium ist man aufgebracht, da dies als Bruch des Drei-Kaiser-Abkommens gesehen wird. Im angespannten Verhältnis zu Russland, kann Bismarck nicht auf Großbritannien rechnen, das sich in Europa nicht binden will, er kann nur auf Österreich hoffen. Diese feste Bindung an nur eines der beiden Länder hat Bismarck lange gescheut, doch er erlebt die österreichische Seite als sehr zuverlässig und schließt darum eigenmächtig den geheimen Zweibund. Der Kaiser wehrt sich gegen die Vereinbarung, da er sie als Verrat an seinem Neffen dem Zaren ansieht. Bismarck versteht es jedoch den Kaiser so unter Druck zu setzen, dass er im Oktober 1879 dem auf zunächst fünf Jahre angelegten Bündnis zustimmt. Damit verpflichten sich Österreich und Deutschland wechselseitig zum Beistand im Falle eines russischen Angriffs. Auch wenn man angesichts eines solchen Vertrages meinen könnte, dass Russland als neuer Gegner Deutschlands behandelt werden soll, so will Bismarck doch genau das Gegenteil erreichen und das Zarenreich zur erneuten Annäherung drängen. 1881 ist es dann so weit, das deutsch-russische und österreichisch-russische Verhältnis ist wieder so, dass der Dreibund – Deutschland, Österreich, Russland – für drei Jahre geschlossen werden kann. Eine weitere Verlängerung dieses Bündnisses gelingt 1884. Aber 1885 kommt es zu einem neuen Balkankrieg und 1886 zu einem Putsch in Bulgarien die Österreich zusammengenommen auf dem Balkan stärken. Die Fortsetzung des Dreibundes ist deshalb 1887 unmöglich geworden.

Aus dem deutsch-österreichischen Zweibund entwickelt sich 1882 ein weiterer Dreibund, da Italien Unterstützung der beiden Länder gegen Frankreich sucht. Das entstehende Bündnis sichert Italien die Neutralität der anderen beiden im Falle des Angriffs durch ein Land zu und gewährt militärische Hilfe für den Fall des Angriffs durch mehrere Länder bzw. bei einem nicht provozierten Angriffs Frankreichs. Im letzteren Fall will Italien im Gegenzug aber auch Deutschland aktiv unterstützen. Das Bündnis ist auf fünf Jahre angelegt. Diesem Bündnis schließt sich 1884 Rumänien in Form eines geheimen und auf drei Jahre befristeten Schutzbündnisses mit Österreich an, dem auch Deutschland ohne Verzug beitritt; Italien tritt diesem Abkommen erst 1888 bei, nachdem im Jahr zuvor das Dreierbündnis erneuert worden ist. Bei dieser Erneuerung hat sich auch eine lockere Verbindung zu Spanien ergeben, die einen Interessenausgleich für den Fall notwendiger Änderungen des gegenwärtigen Gebietszustandes vorsieht, genauso wie man Italien auch Unterstützung für einen Konflikt mit Frankreich in Nordafrika zugesagt hat.(Abb.29)

Ein solcher Konflikt in Nordafrika ist aber sehr unwahrscheinlich geworden, da sich Österreich, Italien und Großbritannien 1887 in der Mittelmeerentente zur Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse im Mittelmeerraum und dem Schwarzen Meer verpflichten. Hier hat Bismarck im Hintergrund gewirkt, da er an einer Aufrechterhaltung der russisch-britischen Spannungen zur Schwächung Russlands interessiert ist. Das Übereinkommen der Mittelmeerentente ist geheim, aber Deutschland ist über den Inhalt als nicht beteiligtes Land trotzdem informiert und damit ein stiller Teilhaber an diesem Pakt.

Jede deutsche Beteiligung an dieser Mittelmeerübereinkunft ist jedoch ein Unterlaufen des zur gleichen Zeit mit Russland abgeschlossenen Rückversicherungsvertrages. Nach dem Scheitern des Dreibundes mit Österreich nimmt man nun den Gedanken einer wohlwollenden Neutralität im Falle eines Konflikts mit einer anderen Großmacht wieder auf, klammert aber einen nicht provozierten Angriff Russlands auf Österreich und einen ebensolchen Angriff Deutschlands auf Frankreich ausdrücklich aus. Russland kann sich der Unterstützung Deutschlands im Verhältnis zu Bulgarien sicher sein und auch für den Fall eines Konflikts um den Bosporus gilt diese Hilfszusage.