Deutschland. Ein Drehbuch - Peter Felixberger - E-Book

Deutschland. Ein Drehbuch E-Book

Peter Felixberger

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Beschreibung

Nichts überrascht mehr. Nirgends. Debatten. Überall. Sechs Drehbücher aus Deutschland: Szene 1 – Flüchtlinge! Eine Frage der Identität Szene 2 – Sozialstaat! Eine Frage der Gerechtigkeit Szene 3 – Big Data! Eine Frage der Kontrolle Szene 4 – Chef! Eine Frage der Führung Szene 5 – Vermögen! Eine Frage der Verteilung Szene 6 - Ärztlich assistierter Suizid! Eine Frage der (gestalteten) Autonomie Die Welt ist schneller, bunter und unübersichtlicher geworden. Wir gehen förmlich unter in der täglich reißenderen Medien- und Informationsflut. Mit diesen Sätzen beginnt heute jede anständige Kulturkritik. Gleichzeitig passiert im öffentlichen Raum kaum mehr etwas Überraschendes. Alles, was passiert, ist im selben Moment bereits Schnee von gestern. Alles, was besprochen wird, ist längst bekannt. In den Zeitungen steht nur noch, was wir schon immer wussten. Das Neue verschleimt. Peter Felixberger und Armin Nassehi, die Herausgeber des Kursbuchs, legen die Mechanik öffentlicher Diskurse und zentraler Debatten frei. Sie beschreiben, dass solche Debatten aussehen, als folgten sie Drehbüchern und Skripten, freilich ohne zu behaupten, dass jemand sie geschrieben hätte. Sie arbeiten Rituale, Reflexe und Tiefenschärfungen heraus, Namen von Akteuren spielen dabei keine Rolle mehr. Jeder erfüllt seine Funktion im Diskurs. Das wirft Fragen auf: Aus welchen intellektuellen Quellen speisen sich die einzelnen Rollen? Wann und wie erfüllen sie ihre Aufgabe in der Kaskade öffentlicher Aufgeregtheiten und Dramatisierungen?

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Peter Felixberger Armin Nassehi

Deutschland.Ein Drehbuch

Inhalt

kursbuch.edition

Intro / Das Drehbuch zum Drehbuch

Szene 1 / Flüchtlinge! Eine Frage der Identität

Szene 2 / Sozialstaat! Eine Frage der Gerechtigkeit

Szene 3 / Big Data! Eine Frage der Kontrolle

Szene 4 / Chef! Eine Frage der Führung

Szene 5 / Vermögen! Eine Frage der Verteilung

Szene 6 / Ärztlich assistierter Suizid! Eine Frage der (gestalteten) Autonomie

Nachklapp / Reflexe zum Buch! Eine Frage der Aufmerksamkeit

Über die Autoren

Impressum

Intro / Das Drehbuch zum Drehbuch

Es sei kaum auszuhalten. Kaum komme man noch zur Ruhe, weil stets nur Unerwartetes passiere, alles infrage gestellt und alles neu werde. Die Überraschung sei die Regelmäßigkeit unserer Zeit, Beschleunigung der Index unseres Verhaltens. Das ist die Geschichte, die wir uns über uns erzählen und in der wir uns so abbilden, als lebten wir inzwischen alle wie die männlich heldischen Erfolgsmenschen, die sich den täglichen Herausforderungen selbstkontrolliert stellen und sie ebenso bestehen. Zur Ruhe kommen, ein wenig Regelmäßigkeit ein- und Inseln des Erwartbaren aufbauen – jede Art von Entlastungsstrategie muss mit viel Aufwand organisiert und mit viel Geld entgolten werden. Unsere Geschichte hört sich an, als müssten wir, die schnellen Überraschungsagenten, uns immer noch gegen den kontinuierlichen Fluss der Zeit früherer Welten behaupten, in denen sich angeblich kaum etwas veränderte und die uns aus heutiger Sicht wie stationäre Einheiten erscheinen. Nicht nur der Kritikstil der Post-68er-Generation ist zur Marke geworden, die bereits zur Traditionsbildung taugt und biedermeierliche Formen angenommen hat. Auch die beleidigten Kleinbürger, die die Kritikpose der Früheren in Form von Pegida und durch Protestparteigründung aufgenommen haben, gefallen sich als Widerständler gegen das Überraschende, gegen das Neue. Sie gerieren sich als Anti-Establishment – gegen das Establishment des Pluralismus und der Veränderung. Sie sind empört über die Unverschämtheit des Neuen, darüber, dass sich die Leute nicht ihrer Herkunft gemäß verhalten, sondern unbotmäßig Ansprüche stellen, vor allem Ansprüche auf andere Beschreibungen als die altbekannten.

Sie beklagen also, dass sie nicht mehr die Paramount-Version gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen liefern dürfen und wehren sich in ihrem Neo-Biedermeier gegen alles, was zuvor gerade eben geduldet wurde: dass Männer keine richtigen Männer mehr sind, Frauen aber schon, dass Einwanderer sich als Leute mit Ansprüchen herausstellen und ihnen grundlegende Rechte zukommen, dass der Stolz auf die eigene industrielle Produktivität sich nicht einmal in einer eigenen kruppstahlharten Währung niederschlägt und das Eigene lieber protektionistisch – kulturell, finanziell, industriell, milieumäßig – gegen das Fremde abgeschottet wird. Es ist ihnen tatsächlich alles zu schnell und alles zu überraschend. Sie kommen nicht mehr mit (und wollen es auch nicht).

Wenn schon unter dem Getriebe der Welt leiden – alles neu, alles unkalkulierbar, nichts wirklich erwartbar, die Welt spricht nicht mehr zu uns –, dann also wenigstens programmatisch. Die Sehnsucht nach dem Erwartbaren und nach Ordnung und wechselseitiger Zugehörigkeit, die Sehnsucht also nach Prinzipien der alten Welt, findet sich nicht nur bei den beleidigten Kleinbürgern, die sich in ihrem stationären Denken und in der angsthasigen Selbstvergewisserung von keiner der sogenannten etablierten Parteien mehr repräsentiert fühlen. Diese Sehnsucht findet sich auch bei denen, die auf der Seite der Guten, derer, die im Licht stehen, normativ erhaben, im Zweifel links und zugleich von keinem Zweifel auch nur angekränkelt sind. An den neuesten Vertretern der kritischen Theorie, der linksliberalen Avantgarde mit ihren zum Teil ziemlich selbstgerechten Positionen kann man eine analoge Form des Beleidigtseins studieren. Wir wollen nur einen stellvertretend nennen, der bekannt geworden ist als Diagnostiker der großen, kaum aufzuhaltenden Beschleunigung der Moderne – und übrigens eine in weiten Teilen zutreffende Diagnose geliefert hat, die ebenso erfolgreich wie übersetzbar ist in die kleinen Leben derer, die die schöne Ruhe der alten Welt verloren haben. Dieser Diagnostiker hat inzwischen ein Therapeutikum entdeckt, das er »Resonanz« nennt. Die Welt spreche nicht mehr zu uns, es gebe keinen gemeinsamen Resonanzboden, dabei gelinge das gute Leben nur dann, wenn es zu so etwas wie synchronen Schwingungen von Ich und Welt kommt, wenn der andere und das andere mir nicht mehr fremd sind, sondern sich mir »gütig« zuneigen, was im »Kapitalismus« – wo auch sonst? – eben nicht möglich sei. Er extrapoliert plausible Beispiele – das Hören eines Musikstücks, die Naturerfahrung, ein gutes Gespräch, also Beschäftigungen des wohlsituierten Bürgers mit Zugang zur romantischen Literatur im eigenen Bücherschrank – auf größere, unpersönliche Ordnungen. Auch die Politik soll sprechender werden, und Arbeit ihre Entfremdungspotenziale loswerden. Diese biedermeierliche Abwehr gegen die Entzweiungen der Moderne feiert hier fröhliche Urständ. Gar als Basis einer neuen »Kritischen Theorie« soll dies dienen – wohl weil sich Entfremdung so gut auf Kapitalismus reimt und ihre Kritik auf Kapitalismuskritik.

Das könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, wie weit die Welt inzwischen von den Grunderfahrungen solcher intellektueller Rekonstruktion entfernt ist – womöglich ähnlich weit wie diejenige jener Angsthasen, die eine übersichtliche Welt imaginieren, deren Existenz erst aufscheint, seit es sie nie gegeben hat.

Wir bekennen: Das ist überzeichnet – aber wir bekennen auch: nur ein wenig. Erklären lassen sich solche Denkungsarten nur dadurch, dass selbst in den reflexionsstarken Mittelschichten die nicht lineare Welt der Überraschungen und des stets Neuen bedrohlich wirkt – vor allem die Welt der unpersönlichen Ordnungsbildung und die moderne befreiende Erfahrung, dass wir in den meisten Fällen darauf verzichten können, Resonanz zu erwarten. In diesem Milieu kann man Erstaunliches kombinieren: Man kann Profiteur einer hochdifferenzierten Gesellschaft mit stark entkoppelten Aufgaben und wenig Resonanzansprüchen sein und sich zugleich als Kritiker dieser Entkoppelungen gerieren. Denn nur diese Entkoppelung erlaubt es, auf eine Empirie der sie umgebenden Gesellschaft weitgehend zu verzichten.

Wenige Überraschungen in einer überraschenden Welt

Nun wollen wir nicht das Neue gegen diese Widerstände verklären, das wäre genauso naiv wie einige dieser Widerstände. Wir wollen auch nicht so tun, als sei manche Kritik an dieser Unübersichtlichkeit moderner Lebensformen nicht berechtigt. Darum geht es uns gar nicht. Uns geht es um eine ganz andere Beobachtung: Wir finden kaum mehr Überraschungen. Es stimmt, dass die Welt schneller geworden ist, komplexer. Es stimmt auch, dass man oft nicht genau weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind, und dass sich kaum mehr etwas mit den einfachen Mitteln der kausalen Einflussnahme verändern lässt. Auch ist richtig, dass diese Gesellschaft tatsächlich unübersichtlicher geworden ist und die üblichen Chiffren nicht mehr passen, um sich einen Reim darauf zu machen.

Was wir also sagen wollen: Wir verschließen gar nicht die Augen davor, dass die Moderne anstrengend ist – ein Motiv, das immer wieder auftaucht, wenn es darum geht, die Zeitläufte auf den Begriff zu bringen. Der Begründer der Psychoanalyse hat das schon in den 1920er-Jahren auf den Begriff gebracht: Die Distanz zwischen Ich und Welt ist so groß, dass diese letztlich nur durch das Bekenntnis eines abstrakten Allgemeinen und die Bereitschaft, sich diesem zu unterwerfen, kompensiert und so das Unbehagen wenigstens temporär besänftigt werden kann. Wer das Anstrengende an der Moderne leugnet, ist ein Scharlatan, und wer dafür einfache Lösungen vorschlägt, erst recht – ihm geht es um ganz andere Kompensationsformen.

Das alles wissend, stoßen wir freilich auf etwas Merkwürdiges. Wir hatten vor, gemeinsam ein Buch darüber zu schreiben, wie die öffentliche Kommunikation derzeit funktioniert, wie sich Themen ordnen, was öffentliche Diskurse überhaupt vermögen, wie und wodurch eine gemeinsame Welt hergestellt wird, wie darin Diskurse, womöglich sogar öffentliche Lernprozesse entstehen oder auch behindert werden. Wir wollten in einem Medienbuch ausloten, wie eine Gesellschaft modernen Typs im Medium ihrer Medien sich ihrer selbst vergewissert und wie die Medien selbst sich darin verändern – in ihren Kanälen, ihren Trägern, in der Erreichbarkeit ihrer Nutzer und nicht zuletzt bezüglich sich verändernder ökonomischer Bedingungen für die Wissensdistribution.

Die Idee war, den »Strukturwandel der Öffentlichkeit« gewissermaßen fortzuschreiben – jenen Strukturwandel, in dem erst mit der Entstehung moderner Staatsverbände und mit dem Buchdruck nicht nur die Verbreitung von Informationen möglich wurde, sondern auch eine öffentliche Kommunikation überkollektiv wirksame und relevante Fragen gestritten wurde. Strukturwandel der Öffentlichkeit ist der Titel einer sehr wirkungsvollen Studie vom Beginn der 1960er-Jahre, die nachgezeichnet hat, wie sich aus den Salons der bürgerlichen Gesellschaft bis hin zu frei diskutierenden Öffentlichkeiten liberaler Demokratien mediale Formen entwickelt haben, die inzwischen große öffentliche Räume weniger zusammenführen, sondern eher fragmentieren, weil alle alles in allen möglichen Formaten sagen können und damit Informationswerte verschwinden. Unsere erste Intuition war so etwas wie eine Tribalisierungsdiagnose, die womöglich ein Trivialwerden des gesamten öffentlichen Diskurses aufspürt. Immerhin sind wir beide gemeinsam Herausgeber einer Kulturzeitschrift, die sich mit dem altmodischen Format des ausführlich argumentierenden Textes in die Öffentlichkeit wagt und deren spirituelle Verfassung einem credo quia absurdum gleicht.

Wir wussten selbst nicht genau, wo uns diese Grundintuition hinführen sollte, bis wir nach genauerer Betrachtung auf einen merkwürdigen Befund stießen: Der öffentliche Durchlauferhitzer bringt sehr vieles, sehr Unterschiedliches auf Betriebstemperatur und muss nach der Logik der Medien, die vor allem das Halten der Aufmerksamkeitsschwelle einfordert, immer wieder neue Informationen erzeugen.

Nun zeichnet sich eine Information bekanntlich dadurch aus, dass sie sich unterscheidet. Was keinen Unterschied macht, ist keine Meldung, und was keine Meldung ist, ist auch nicht öffentlichkeitsfähig, denn wer sollte seine Alltagsroutine unterbrechen, um etwas wahrzunehmen, was schon da war. Breaking news sind genau genommen ein Pleonasmus – breaking produziert schon news, und news müssen breaking sein, sonst sind sie keine. Wobei wir natürlich wissen, dass die hier gemeinten besondere news sind – oder besonders breaking? Wie auch immer – eine so überraschende, beschleunigte, komplexe, unübersichtliche, unkalkulierbare Welt müsste uns mit immer Neuem versorgen – und damit zwangsläufig zur Unübersichtlichkeit beitragen. Wohl nicht ganz zufällig nahmen die politischen Agenten der Angsthasen mit als eine der ersten Adressaten die »Lügenpresse« ins Visier, sicher auch deswegen, weil sich in den Medien die ganze Widersprüchlichkeit und das Anstrengende der Moderne abbildet. Sie hätten es eben so gerne, dass in der Zeitung steht, was sie schon vorher wussten. Es wären dann zwar keine news, aber alles wäre eben auch nicht so breaking.

Gleichzeitig zeichnet sich eine technologische Anpassung der Medien ab, in der die digitalen Medien nicht mehr nur nach breaking news fragen, sondern darüber hinaus nach der Rekombinierbarkeit ihrer Reaktionen und Reflexe. Die Inhalte werden ständig belebt, Interaktion und Assoziation vervielfältigen sich, Remix und Refill von Content sind unbegrenzt. Die Einbahnstraßen-Senderwelt von früher ist vom Aussterben bedroht. Deshalb regieren heute Suchmaschinen in jedweder Größe. Sie zähmen (scheinbar) die überbordende Fülle. Längst ist die Suchmaschine zur alles beherrschenden und kontrollierenden Medienarchitektur geworden mit einer Statik aus ständiger Interaktion und Assoziation. Wissen, Meinung, Tagesaktualität, Gedankensplitter und Theorie verbreien, ohne je Form anzunehmen in einem vorläufigen Ergebnis geschweige denn Ende. Alles, was gedacht und diskutiert wird, ist Anfang und Ende zugleich – ein Paradoxon, das Aktionismus auslöst, auslösen muss: Es wird remixt, recycelt und rebrandet. Jede Authentizität verliert sich – und wird oft dennoch im Modus der Authentizität vorgetragen. Alles passiert gleichzeitig und nicht. Denn die Suchmaschine fragt nicht nach intellektueller Tiefe, sondern nach dem beliebigen »quick and dirty«. Sie giert nach schnell wirkenden Contentdrogen. Dann entspannt sich die Suchmaschine und blubbert synchron mit dem Datenbrei. Ohne Unterlass. Im Hintergrund dramatisieren, skandalisieren und bewerten selbst ernannte Co-Autoren das Weltgeschehen. 

Die Tragik dabei ist: In den Zeitungen steht tatsächlich nur noch das, was wir schon immer wussten oder was die Suchmaschine längst verdaut und ausgeschieden hat. Und damit wollen wir – ganz nebenbei – nicht den Vorwurf der »Lügenpresse« wiederholen. Wie gesagt: Wir finden kaum mehr Überraschungen. In der öffentlichen Kommunikation scheinen vielmehr nachgerade rituelle Formen der Wiederholung stattzufinden, erwartbare Skripte für Reaktionen umherzuflattern, lassen sich die Konfliktlinien leicht rekonstruieren und stabilisieren sich schnell.

Noch einmal: Die Welt ist tatsächlich schneller, bunter und unübersichtlicher geworden. Wir gehen förmlich unter in der täglich reißender werdenden Medien- und Informationsflut. Jede anständige Kulturkritik heute findet in solchen oder ähnlichen Aussagen ihren Auftakt und muss doch insgeheim zugeben, dass kaum mehr etwas Überraschendes passiert im öffentlichen Raum. Das meiste, was passiert, ist im Moment des Geschehens bereits Schnee von gestern. Alles, was besprochen wird, ist längst bekannt. Wir lesen nur noch, was wir schon immer wussten. Das Neue ist alt.

Dieser Befund schien uns Grund genug, die Mechanik öffentlicher Diskurse und zentraler Debatten und die Macht der dazugehörigen Drehbücher und Skripte einmal freizulegen, die (mehr oder weniger aufwendig inszenierten) Rituale, Reflexe und Tiefenschärfungen als solche nachzuzeichnen. Namen von Akteuren spielen dabei keine Rolle mehr. Jeder erfüllt seine Funktion im Diskurs. Das wirft Fragen auf, die wir in sechs Kapiteln zu beantworten versuchen: Aus welchen intellektuellen Quellen speisen sich die einzelnen Rollen? Wann und wie erfüllen sie ihre Aufgabe in der Kaskade öffentlicher Aufgeregtheiten und Dramatisierungen? Warum reagieren die Beteiligten, wie sie reagieren? Warum weiß man meistens schon vorher, was die Leute sagen werden? Was sind die Ressourcen, auf die sie zurückgreifen könnten? In welchen Bedeutungsräumen bewegen sie sich?

Früher hätte man vielleicht von Interessen gesprochen und dahinter einiges Kalkül vermutet – strategisches Kalkül, das Argumente und ihre Formen und Rekombinationsmöglichkeiten zur Durchsetzung einsetzt. Man hätte mehr Reflexivität vermutet als da ist – und wenn man dann doch nachgewiesen hat, dass es an Reflexivität und Kalkül fehlt, hätte man Entlarvung oder Ideologiekritik geübt. Dabei geht es nur um blinde Flecke, um für die Akteure selbst unsichtbare Voraussetzungen für ihr Tun – was übrigens für die meiste Ideologiekritik und Entlarvungspose auch gilt, die von einem vermeintlich ideologiefreien Standpunkt aus argumentieren muss. Wir gehen eher von blinden Flecken aus – wir machen aus einem politischen oder kritischen Argument ein epistemologisches, wahrnehmungstheoretisches, kognitives Argument. Sie können nicht anders – wir übrigens auch nicht, aber dazu später.

Als wir begannen, über dieses Buch genauer nachzudenken, fand gerade jener Terroranschlag in Brüssel statt, bei dem gleichzeitig am Flughafen und in einer U-Bahn-Station in der Nähe des EU-Verwaltungszentrums Bomben explodierten und erneut zahlreiche Menschen verletzt und getötet wurden. Ein solches Ereignis ist geradezu der Prototyp für das Überraschende, für das Außeralltägliche, für einen Stillstand der Zeit, für eine Ausnahmesituation, vor der die Überraschungen des Tages zu Nichtigkeiten gerinnen. Und es ist auch wohl das, was solche Verbrechen erreichen wollen: die Zeit stillstehen zu lassen und für maximale Information zu sorgen, wenn man unter Informationen Ereignisse versteht, die tatsächlich einen Unterschied machen.

Und dennoch: Sieht man sich die kommunikativen Reaktionen auf dieses unvorhergesehene Ereignis an, so geschah genau das, was bei Ereignissen dieser Art immer geschieht. In Sondersendungen auf allen Kanälen wurde Sendeplatz geschaffen, ohne dass es genügend Informationen gab, die man hätte melden können. Erst langsam schälte sich eine Informationslage heraus, die dem antizipierbaren Grauen eine bildliche und semantische Gestalt gab. Politiker versicherten sich gegenseitig ihrer Abscheu, es begann ein Diskurs darüber, dass wir uns unsere Lebensart nicht nehmen lassen, die darauf aufgebaut ist, dass nicht alles bis ins Letzte kontrolliert werden kann. Die üblichen Verdächtigen erklärten den Generalverdacht gegen Muslime als völlig falsch, während andere übliche Verdächtige exakt diesen Generalverdacht zum Ausdruck brachten. Vonseiten der politischen Angsthasigkeit wurde nach einer weiteren kommunikativen Perfidie gesucht und in der Anmerkung gefunden, dass die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin mitverantwortlich sei für die Brüsseler Toten. O-Töne von Menschen, die am Tag des Anschlags in Brüssel waren, womöglich in der Nähe der Tatorte, berichteten von Verunsicherungen und mulmigem Gefühl. Fluggäste auf weit entfernt liegenden Flughäfen bestätigten in Interviews das mulmige Gefühl, während psychologische Experten in anderen Interviews versicherten, dass die Verunsicherung nach ungefähr zwei bis drei Wochen verflogen sein würde. Einer geostrategischen Einordnung des Anschlags – hier: Kompensation der militärischen Misserfolge des »Islamischen Staats« in der letzten Zeit – folgten Interpretationen, die auf die Herkunft der Täter aus schon bei den Anschlägen von Paris immer wieder angeführten Brüsseler Problembezirken hinwiesen. Politische Akteure entdeckten in den Anschlägen Stichworte für diese oder jene politische Forderung und Interpretation, die Börsenkurse reagierten ebenfalls zumeist kurzfristig. Sonderseiten und Sondersendungen zeigten immer wieder dasselbe, auch dieselben Interpretationen, von zum Teil denselben Leuten.

Was sollen die Leute sonst machen?

Die Frage ist berechtigt. Und exakt das ist unsere Frage: Was sollen die Leute auch sonst machen? Interessant an diesem zugegebenermaßen sehr einfachen Beispiel ist, dass selbst in einem für Überraschung und Außeralltägliches paradigmatischen Fall wie dem Brüsseler Anschlag nichts Überraschendes geschieht. Es sieht tatsächlich fast so aus, als gebe es ein Drehbuch für das Geschehen – schon das Verbrechen selbst folgt einem Drehbuch, einem bekannten Muster, einem eingespielten Eigensinn, der sich im Hinblick auf besonders sensible Bereiche des öffentlichen Lebens als Angriffsziel entwickelt und stabilisiert hat. Zum Muster gehört aber auch, dass der Anschlag seinen Sinn nur dann erfüllt, wenn auch alle anderen ihre Rollen exakt so erfüllen, wie es in jenem virtuellen Drehbuch steht. Der Anschlag ergibt nur Sinn, wenn auch darüber berichtet wird und wenn jenes attackierte Abendland im Moment des Angriffs an sich sein Abendländisches wahrnimmt und entsprechend reagiert.

Uns interessiert jenes Mysterium, dass alle tun, was getan werden muss. Uns interessiert, dass in einer Gesellschaft, in der in der Tat alles anders sein könnte, doch alles nach relativ klar verteilten Rollen genau so geschieht, wie es geschieht. Uns interessieren die klaren und deutlichen Muster, die offensichtlich stärker sind als Einsicht und Intentionalität – oder anders gewendet: denen Einsicht und Intentionalität folgen und für die sie sich immer wieder neu entscheiden. Manche dieser Muster scheinen sich sehr brutal durchzusetzen – brutal meint hier nicht »gewaltsam«, sondern im Sinne eines factum brutum, hinter das zurückzutreten offensichtlich eher unwahrscheinlich ist. Zu diesen brutalen Voraussetzungen gehört etwa, dass sich auf Märkten nur das durchsetzen kann, was sich irgendwie rechnet und Zahlungen oder Nichtzahlungen nach sich zieht und ermöglicht; dass im politischen Wettbewerb das Sachargument stets hinter der Logik des politischen Spiels um Macht und Wirkmächtigkeit zurücktritt; dass die Lösung wissenschaftlicher Sachprobleme sich nicht einfach in unternehmerische oder politische Entscheidungen übersetzen lässt; dass die mediale Logik stets Neuheitswerte produzieren muss, selbst wenn immer dasselbe gesagt wird. Das mag holzschnittartig erscheinen, aber es verweist darauf, dass moderne Gesellschaften nur deshalb so komplex sein können, weil sie brutale Formen von Regelmäßigkeiten erzeugen – sich selbst aber andere Geschichten erzählen: Geschichten darüber, dass man, wenn man nur wollte … Wir wissen, wie solche Sätze weitergehen.

Wirklich ein Drehbuch?

Zur Erklärung stehen in den Sozialwissenschaften zwei Konzepte zur Verfügung: das der Reflexe und das der Pfadabhängigkeiten. Das erste Konzept ist längst ad acta gelegt. Die Reiz-Reaktions-Psychologie, die im Verhalten des Menschen letztlich nur die Reaktion auf einen äußeren Reiz, also gewissermaßen Reflexe sah, ist als zu simpel widerlegt. Schon vor einem Jahrhundert hat man im amerikanischen Pragmatismus die Theorie des Reflexbogens kritisiert, weil Reiz, Aktivität des Gereizten und Reizentladung nicht strikt gekoppelte Elemente eines Mechanismus sind, will heißen: Reflexe lösen sich selbst aus, können zumindest nicht eineindeutig auf einen äußeren Reiz zurückgeführt werden, was schon daran erkennbar ist, dass es sehr unterschiedliche Reaktionen auf denselben Reiz geben kann. Wenn also manche Reaktionen geradezu reflexhaft wirken, weil sie stark an die auslösenden Situationen gekoppelt zu sein scheinen, ist dies noch erklärungsbedürftiger, wenn man weiß, dass es stets»Selbstauslöser« sind, die da zur Anwendung kommen. Denn obwohl die Freiheitsgrade prinzipiell groß sind, widerspricht soziale Regelmäßigkeit dem empirisch. Insofern gehen reflexhafte Reaktionen tatsächlich auf so etwas wie »Selbstauslöser« zurück – der Reflex löst sich selbst aus und folgt damit nicht der Logik des Reizes, sondern dem Eigensinn des Reflexes.

Das Konzept der Pfadabhängigkeit meint, dass sich Handlungsketten mit der Zeit einschränken, das heißt durch Entscheidungen bestimmte Folgeentscheidungen wahrscheinlicher machen, weil damit andere Möglichkeiten ausgeschlossen werden. Das Modell der Pfadabhängigkeit setzt aber voraus, dass es zunächst größere Freiheitsgrade gibt, die sich mit der Zeit einschränken und damit Wahrscheinlichkeiten neu ordnen. Auch diese Annahme passt nicht wirklich zu den Beobachtungen, die uns interessieren, denn das Erstaunliche scheint zu sein, dass die Pfade bereits da sind, Pfadabhängigkeiten also tatsächlich existieren. Soziologisch betrachtet, ist dies ein Hinweis darauf, wie brutal die Widersprüche einer modernen Gesellschaft sind, obwohl die sozial- und kulturwissenschaftliche Intelligenz vor allem davon fasziniert ist, wie sehr sich Strukturen und Erwartbarkeiten angeblich auflösen und sich angeblich alles neu ordnet. Besonders beliebt ist es derzeit, den Dingen, der Technik und dem Körper einen Akteurstatus zu verleihen, was zur semantischen Verfremdung von Bekanntem gesteigert werden kann und in wissenschaftlichen und kulturellen Debatten kaskadenhaft Publikationen, Kommunikation und Originalität nach sich zieht.

Die Konjunktur solcher Themen, gepaart mit besonders cool anmutenden, am Modell der Mode und seiner Verfallslogik orientierten Habitus, ist in den universitären Sozial- und Kulturwissenschaften ein probates Muster. Gerade in den Sozial- und Kulturwissenschaften steigert sich diese Novitätsorientierung durch Verfremdung. Auch das ist übrigens ein Reflex – oder ein Pfad? –, jedenfalls ein Selbstauslöser, der sich so sehr bewährt hat, dass er sich performativ ad absurdum führt. Er bestätigt durch permanente Wiederholung einer völligen Neuordnung der Welt eine Regelmäßigkeit, die die eigene These negiert. Auch dies wäre also ein Reaktionsmuster wiederholter Originalität. Die Verfremdung von Alltäglichem als unerwartbare Form der Beschreibung liefert das Drehbuch für die Etablierung neuer Beschreibungsformen.

Für uns trifft die Metapher des Drehbuchs die Sache recht gut, denn das Drehbuch ist ein Skript, das Handlungsstränge und entsprechende Anordnungen vorgibt, dessen Umsetzung aber so aussehen soll, als gebe es gar kein Drehbuch. Selbstverständlich gibt es für öffentliche Debatten nicht wirklich ein Drehbuch, schon weil in Gesellschaften weder die Position des Autors noch die des Regisseurs vorgesehen ist, auch gibt es keine Probemöglichkeiten, von einer Intendanz ganz zu schweigen. Das Spiel hat vielmehr immer schon begonnen. Oder um es in der Sprache eines Kybernetikers zu sagen: Die erste Anweisung »draw a distinction« kann nicht gehört werden, weil wir uns immer schon innerhalb von Unterscheidungen und ihren Räumen bewegen, selbst wenn wir darüber reden. Auch wenn das geschriebene Drehbuch für die Gesellschaft der heimliche Traum der Sozialplaner, Revolutionäre und radikalen Systemkritiker und all jener ist, die von zentraler Herrschaft oder wenigstens von der kollektiv wirksamen Durchsetzung wirksamer zentraler Hebel träumen – sie alle scheitern an der Eigendynamik, am Eigensinn und an der Komplexität einer Gesellschaft, die sich keineswegs aufgrund ihrer chaotischen Verfasstheit solchem Zugriff entzieht, sondern eben weil die unterschied