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Jack Hamilton und seine Teamkollegen sind auf der Durchreise zu einem sportlichen Wettkampf. Auf dem Weg nehmen sie eine junge Frau namens Sandy mit, deren Fahrzeug liegen geblieben ist. Später lernt Jack diese Frau von einer völlig neuen Seite kennen und ist mit der Situation gänzlich überfordert. Keiner ahnt jedoch im Geringsten, von jenem schrecklichen Geheimnis, das sich hinter Sandys Zielort Devilstown verbirgt. Schon bald gehen merkwürdige Dinge vor sich. Mit der späteren Bekanntschaft einer Waffenverkäuferin namens Nelly, die Jack in die Wildnis von Devilstown entführt, nimmt ein fatales Schicksal seinen Lauf ...
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2022
Guido Lickfeldt, Anne Hattemer, Peter Ferges
Devilstown
Jacks Reise
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Inhaltsverzeichnis
Titel
JACK AUF DER REISE
Aufbruch
Eine Bekanntschaft
Devilstown
Es kam, wie es kommen musste
In der Krankenbaracke
Jack kauft ein Bowiemesser
Weichenstellungen
Unterm Sternenhimmel
Peter Ripley erhebt die Stimme
Aufbruch zur Wolfsjagd
Gespräch am Feuer
Unheimliche Geräusche in der Nacht
Der alte Ben
Nelly begräbt den Wolf (Nelly erzählt)
Begegnung mit einem Heiler
Nelly in Panik (Nelly erzählt)
Not lehrt beten
Nelly reitet wie der Teufel
Jacks Leiden
Ein harter Brocken
Am Wendepunkt
Hasenbraten und Suppe
Abschied
Emma
Ein Déjà-vu-Erlebnis
Rückkehr nach Devilstown
Ein zweifelhafter Arzt
Sandys Drama
Begegnung mit einer Schönheit
„Warum quält ihr mich so?“
Der Tod im Sheriffbüro
Bericht eines Überlebenden
Ein Versteck
Befremdlicher Tod
Neue Pläne und Erkenntnisse
Vom Handauflegen und geheimnisvollen Zeichen
Abenteuer in der Funkstation
Nelly in Aktion
Nelly fasst einen Entschluss
„Kannst du eigentlich kochen, Nelly?“
Jack läuft
Flucht
Jack und Nelly
Am Devilstone
Ratlos und doch voller Hoffnung
Das Waisenhaus
Frisch gepresster Orangensaft und Müsli
Auf dem Autofriedhof
Das Ende einer Lebensform
General Stone
Ein Ring aus Wasser
Eine große Familie und ihre Sorgen
Ein Wunder
Impressum neobooks
The Story of Devilstown
von
jojobada
1. Auflage 2008 2. Auflage 2022
2008 / 2022 jojobada
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikroverfilmung, oder eines anderen Verfahrens) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert, oder unter Verwendung elektronischer Systeme, vervielfältigt (auch auszugsweise), verarbeitet oder verbreitet werden. Die Bildrechte liegen ausschließlich beim Autor.
Umschlaggestaltung: Anne Hattemer,
Umschlagbild, Cover: Anne Hattemer,
Bildgestaltung im Buch: Anne Hattemer, Peter Ferges
Druck:
Verlagsarbeit:
ISBN: 978-3-940167-50
The Story of Devilstown
jojobada 2008/2022
Alle Namen in der Geschichte sind frei erfunden.
Jacks Geschichte
„Jack, Jack, steh auf! Jetzt weine nicht wieder! Komm zu Mum. Wie sieht dein Knie denn wieder aus? Du musst ein wenig aufpassen, wo du hinläufst. Dass du auch immer hinfallen musst! Komm her, ich mach’ die Wunde sauber und dann kleben wir ein Pflaster darauf.“
„Mum, es tut so weh. Ich hab doch aufgepasst!“
„Ja, ich weiß, mein Schatz, es ist immer dasselbe mit dir. Wo du auch hintrittst, da fällst du hin...“
Schweißgebadet sitze ich in meinem Bett. Diesen Alptraum muss ich erst einmal verarbeiten...
Es ist kurz vor Mittag. Etwas verwirrt schaue ich auf meine Uhr. Verdammt, schon wieder verschlafen. Normalerweise stehe ich an meinen freien Tagen nie so spät auf.
Wobei sich meine freien Tage eher auf die Wochenenden beziehen, denn an der Tankstelle, wo ich arbeite, muss ich auch schon mal samstags die Kundschaft bedienen.
Aber heute muss es ja so kommen; immer wieder holen mich die Alpträume meiner Kindheit ein.
Schon damals war ich dauernd über meine eigenen Füße gestolpert und ständig zu spät zum Unterricht gekommen.
Auch Heute noch passiert es mir immer wieder, dass ich an manchen Tagen verschlafe und total verpennt zur Arbeit komme. Aber mit dem Hinfallen, das ist so eine Sache. Um ehrlich zu sein: Das hat sich bis heute nicht geändert. Dabei habe ich mich bewusst ganz und gar dem Sport und der Leichtathletik verschrieben, um dieser Schwäche entgegenzuwirken.
Doch leider habe ich das Problem mit dem Hinfallen immer noch nicht in den Griff bekommen; immer wieder stolpere ich über meine eigenen Füße...Ich bin in Lewistown im Staat Pennsylvania zu Hause, hier habe ich meine Freunde, und auch sonst fühle ich mich hier sehr wohl. Doch jetzt muss ich mich beeilen, denn am späten Nachmittag wollen meine Sportskollegen und ich nach Kingstown reisen, wo die Vorentscheidung für das große Finale stattfindet. Bis dahin habe ich noch etliche Dinge zu erledigen. Denn die lange Fahrt mit dem Bus wird uns durch Ohio, Indiana, Illinois und Missouri führen. Schnell eile ich ins Bad, um mich zu duschen und zu rasieren. Nachdem ich mich hastig angekleidet habe, packe ich noch einige Kleidungsstücke und meinen Kulturbeutel in eine große Sporttasche und verlasse eiligst meine Wohnung. Ich halte ein Taxi an, das vorbeifährt, werfe meine Tasche auf den Rücksitz und lasse mich in die Stadt bringen. Einige Stunden später – ich musste noch meine komplette Sportausrüstung, die ich leider zu spät bestellt hatte, abholen – beeile ich mich, um noch rechtzeitig zum Treffpunkt zu kommen.
Wie verabredet trafen sich meine Kollegen und ich am großen Denkmal „The Mifflin County Courthouse“. Zwar war ich spät dran, aber meine Freunde kannten es ja nicht anders von mir.
Sie schauten mich dann immer so merkwürdig an und murmelten etwas vor sich hin. Aber im Großen und Ganzen waren sie mir nie böse. Oder vielleicht doch? Ich glaube eher nicht, denn sie mochten mich mit meinen Fehlern, da war ich mir fast sicher.
Wir stiegen in den großen Greyhound-Bus, der schon auf uns wartete. Alle freuten sich auf die Vorentscheidung zum Einzug ins große Finale. Unsere Reise sollte uns ins neunhundertsechzig Meilen entfernte Kingstown führen. Da saßen wir nun: fünfundzwanzig Athleten in einem Bus, sangen Lieder und erzählten uns lustige Witze. Alle waren wir gut gelaunt, und unseren Kontrahenten wollten wir es dieses Jahr nicht leicht machen!
Wir fuhren über den staubigen Highway. Nach und nach verstummten die Stimmen meiner Freunde. Zusehends wurde es ruhiger. Einige von ihnen hatten es sich in den Sitzen gemütlich gemacht, andere führten leise, angeregte Gespräche miteinander. Hier und da vernahm ich ein Schnarchen. Schließlich wurde es ganz still. Nur Berry, der ja schließlich den Bus fuhr und ich waren noch wach.
Ich lehnte mich in meinen Sitz zurück und versuchte mich zu entspannen, was mir anfangs nicht gelingen wollte. Dann ließ ich meinen Gedanken freien Lauf. Hier und da fielen mir die Silhouetten der unebenen Landschaft auf, die still an mir vorüber zogen. Nach kurzer Zeit fand ich meine innere Ruhe und zu mir selbst.
Ich dachte an das Erlebnis vom letzten Jahr. Ich hatte es nicht verarbeiten können.
Es bedrückte mich fortwährend. Immer wieder hatte ich vor Augen, wie ich damals im abschließenden 1.500 -Meter-Lauf ins Stolpern geriet und zu Boden fiel...
Damit hatten wir den Einzug ins Finale verpasst. Und ich war schuld daran! Das ganze letzte Jahr über war ich immer wieder von Alpträumen heimgesucht worden. Je näher der Tag des Sportfestes kam, desto schlimmer wurden sie. Ich wartete mit zunehmender und quälender Ungeduld auf die nächsten Tage, denn ich hatte etwas gut zu machen. Doch das liegt in meiner Vergangenheit, daher werde ich es Ihnen später erzählen. Auf jeden Fall kam es so, dass ich mich selbst mit der Zeit gewaltig unter Druck gesetzt hatte. Ja, Sie sehen, auch ich habe so meine Probleme.
Für einen Moment starrte ich gedankenlos in die Dunkelheit und glaubte dann und wann, ein kleines Licht zu erblicken. Meine Konzentration ließ nach.
Meine Augenlider wurden immer schwerer... Die Sonne erhellte die Erde. Die Landschaft zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Große, wuchtige Bäume mit riesigem Blattwerk standen am Wegesrand. Eine Fülle unterschiedlicher Blumen blühte in allen Farben. Berry war die ganze Nacht durchgefahren. Als er bemerkte, dass wir langsam wach wurden, drehte er die Musik lauter, bis auch der Letzte von uns aus dem Schlaf kam, sich die Augen rieb und versuchte, sie vor den gnadenlos hellen Strahlen der Sonne zu schützen, die den ganzen Raum des Busses durchfluteten. Nach etwa zwei Stunden wurde die Umgebung immer kahler. Nur vereinzelt standen karge Bäume und Sträucher am Wegesrand. „Noch eine Meile bis zum nächsten Truckstop“, rief Berry in das Mikrofon. Es dauerte nicht lange, da konnte ich das Gebäude schon von weitem sehen.
Als wir ankamen, stiegen meine Freunde und ich aus dem Bus; einer nach dem anderen verschwand in dem Gebäude. So stand ich bald allein da und schaute mich um. Alles um mich herum war von Sand bedeckt. Ich schwitzte leicht und bemerkte, wie der feine Staub sich mit meinem Schweiß vermischte. Gerade wollte ich ebenfalls in den Shop gehen, als ein Cadillac, der hinter sich eine Staubwolke herzog, an die Zapfsäule fuhr. Die Fahrertür öffnete sich, und eine junge Frau stieg aus dem braunen Gefährt, das ringsherum mit kleinen Aufklebern, die Blumen darstellten, beklebt war. Dichter heller Qualm drang aus dem Inneren. Ein eigenartiger Geruch wehte zu mir herüber. War es vielleicht der Geruch eines Joints?
Ich fragte mich, ob sie mit Drogen zu tun haben könnte. Etwas schwankend lief die junge Frau auf die andere Seite ihres Fahrzeuges und hantierte ungeschickt am Tankverschluss herum. Nachdem ich ihr eine Weile zugesehen hatte, ging ich zu ihr, sagte einfach nur „Hallo“ und stellte mich neben sie. Gekonnt öffnete ich den Tankdeckel und lächelte sie an. Wir standen uns gegenüber; einen kurzen Moment lang schauten wir uns in die Augen. Sie hatte einen dunklen Teint. Das Haar fiel ihr in ganzer Fülle auf die Schultern und glänzte in einem warmen, braunen Farbton. Mit leuchtenden Augen – sie waren braun wie ihr Haar – sah sie mich an. Ihr Blick verriet mir große Sensibilität. Dann sagte sie mit leicht bebender Stimme: „Wenn doch nur alle Männer so nett und zuvorkommend wären wie Sie, dann hätte ich es in meiner Vergangenheit sicherlich einfacher gehabt...“
So stand sie da; einige Tränen liefen ihr über die Wangen. Ich war über ihren Gefühlsausbruch total überrascht, holte schnell ein Taschentuch aus meiner Hosentasche
und drückte es ihr in die Hand. Sie tupfte sich damit die Augen ab und gab es mir wieder.
„Danke! Sie scheinen mir aber ein netter und zuvorkommender Mensch zu sein“, sagte sie schluchzend. Dann griff sie nach dem Zapfhahn und steckte ihn unbeholfen in den Tankstutzen. Sie wippte mit den Füßen unruhig hin und her und wirkte ein wenig aufgeregt. Schweigen breitete sich aus. Auch ich starrte wie blöd durch die Gegend, weil mir kein einziger Satz über die Lippen kam. Als der Tank voll war, steckte sie den Zapfhahn in die Vorrichtung, während ich, der ich noch immer den Verschluss in der Hand hielt und die ganze Zeit nervös damit herumgespielt hatte, ihn auf den Tankstutzen drehte.
„Jack ist mein Name“, sagte ich endlich zu ihr.
„Mein Name ist Sandy“, antwortete sie. „Jack, kommen Sie, ich lade Sie zu einem Kaffee ein.“
„Ist okay“, antwortete ich und ging dann geradewegs mit ihr in das Gebäude. Das Eis zwischen uns war endlich gebrochen. Es war so, als ob wir uns schon eine Weile kannten. Wir befanden uns wohl auf der gleichen Wellenlänge, wie ich feststellte.
Sie bezahlte ihre Tankrechnung und bestellte bei der Bedienung zwei Becher Kaffee.
Als ich mich mit Sandy an einen freien Tisch setzte, riefen mir meine Sportskameraden, die überall verteilt an den anderen Tischen saßen, im Chor zu: „Jack, was hast du denn heute wieder aufgerissen?!“
Damit war es dann aber auch getan. Ab und an konnten die Jungs auch richtig nett sein. Ich entschuldigte mich bei Sandy für meine Freunde, doch sie lächelte nur darüber, nickte leicht mit dem Kopf und hob dabei die Schultern. Wir saßen da und schauten uns an. Die Bedienung brachte uns den Kaffee. Ich streckte meine Hand nach dem Zucker aus. Im gleichen Moment tat Sandy das gleiche, sodass sich unsere Hände berührten. Als ich dann meine Hand zurückzog, um nach dem Milchkännchen zu greifen, stieß ich ungeschickt an das Kännchen; es kippte um und der Inhalt verteilte sich auf der Tischdecke.
Ich fluchte leise und murmelte, dass es mir Leid täte. Doch Sandy strahlte mich nur an. Sie nahm ein Tuch und tupfte damit die von Milch benässten Stellen ab.
„Alles halb so schlimm“, sagte sie lächelnd. Nachdem sie alles sauber gemacht hatte, führten wir ein angeregtes Gespräch miteinander. Sie konnte unwahrscheinlich gut erzählen, sodass ich an ihren Lippen hing und gar nicht merkte, wie die Zeit verging.
So erfuhr ich von ihrer letzten Beziehung, die am heutigen Tag endgültig gescheitert war. In mir hatte sie jemand gefunden, mit dem sie reden konnte. Doch ob ich das alles verstehen konnte, was sie mir zu sagen hatte? Mir kam es so vor, als ob sie sich all die schlimmen Jahre in ihrem Leben von der Seele reden wollte. Und ich war dieser jemand, der ihr über den Weg lief. Doch wie sollte ich ihr helfen? Würde es reichen ihr zuzuhören? Unsere Zeit war viel zu knapp bemessen, als das wir alles bereden konnten. Die Betroffenheit und die tiefe Traurigkeit, die ich in ihren Augen sah, waren kein Geheimnis für mich. Ja, ihre Augen, sie hatten so etwas romantisches, aber auch trauriges. Sie schienen viel zu sagen, aber auch vieles zu verbergen. Das Braun ihrer Augen war das Gleiche wie die kleinen Tupfen auf ihrem Kleid, das sie trug. Auch ihre Stimme schien mir so vertraut und hatte eine faszinierende Wirkung auf mich. Ein Gefühl von Geborgenheit und Verständnis war auf einmal da. Diese Frau hatte soviel durchlebt. Sie war einfach nur hinreißend. Für einen Augenblick dachte ich an meine erste Liebe zurück. Ohne etwas zu sagen, schauten wir uns sekundenlang in die Augen. Ich sah so viel Güte und Liebe in ihnen. Es war für mich prickelnde Romantik, die sich langsam in mir entfaltete und eine wohltuende Wärme in mir aufsteigen lies. Sie war mir so nah. Ich verspürte eine Gänsehaut, die sich leicht über meinen Rücken legte. Mein Herz pochte...
Sandy erzählte mir, dass sie einfach nur den Highway entlang fahren wollte, solange bis sie irgendwo angekommen war, wo es ihr gefiele, um einen Neuanfang zu wagen.
Als ich den Blick von ihr abwandte, waren meine Sportsfreunde schon alle auf dem Weg zum Bus. Eiligst erhob ich mich, gab ihr noch schnell die Hand und wünschte ihr – mit einem letzten traurigen Blick – alles Gute.
Ihre Augen waren jetzt klarer, und ihre Stimme klang nicht mehr so bedrückt, als wir uns voneinander verabschiedeten.
Mit einem bedauerlichen Gefühl verließ ich nachdenklich den Truckstop. Die kurze Zeit mit Sandy, hatte mich doch sehr berührt. Noch einmal schaute ich mich um und sah durch die große Scheibe, wie sie mir nachschaute.
„Wie würde es ihr in Zukunft wohl ergehen“, dachte ich so bei mir.
Nachdem ich als letzter in den Bus gestiegen war, fuhren wir sofort los.
Wieder machte ich es mir in meinem Sitz gemütlich und lehnte meinen Kopf zurück. Verträumt starrte ich auf die weißen Wolken am Himmel, die, wie es schien, mit uns zogen.
Die Müdigkeit holte mich ein. Ich fiel in einen leichten Schlaf, der mich durch eine bizarre Traumwelt führte.
So fuhren wir eine Zeit lang den Highway entlang, bis ich auf einmal aus meinen Träumereien hochschreckte und meine Augen aufschlug. Sandy fuhr mit ihrem Wagen neben dem Bus her! Sie hupte und winkte mir zu, als sie mich zu Gesicht bekam.
Ich war von ihrem plötzlichen Erscheinen erstaunt,winkte zurück und lächelte sie an. Einige Augenblicke lang fuhr sie neben uns her, bis sie schließlich unseren Bus überholte, eine Staubwolke hinter sich herzog und nicht mehr zu sehen war. Nach einer weiteren halben Stunde Fahrt bremste der Busfahrer unerwartet ab und brachte den Bus zum Stehen.
Alle schauten neugierig hinaus. Sandy stand neben ihrem Wagen am Straßenrand. Die Motorhaube ihres Wagens war geöffnet, und weißer, dichter Qualm drang aus dem Motorraum.
Berry stieg aus und ging zum Cadillac. Ich folgte ihm.
„Hallo, Jack, so sieht man sich wieder! Ich glaube, der Motor ist hin“, sagte sie mit einem Ausdruck des Bedauerns.
Berry und ich schauten kurz in den Motorraum, und ich glaube, er hatte ein Einsehen mit ihr, als er sagte, dass sie mit uns fahren könnte. Sie hätte auch schlecht den weiten Weg zu ihrem Ziel laufen können. Aber wo lag eigentlich ihr Ziel?
Wir packten ihre wenigen Habseligkeiten in den Stauraum des Busses. Dann stiegen wir gemeinsam unter den johlenden Pfiffen meiner Sportskollegen in den Bus und setzten uns in die hintere Reihe, wo ich mit ihr allein war. Auf der ganzen Fahrt waren Sandy und ich in ein angeregtes Gespräch verwickelt. Wir bemerkten überhaupt nicht, wie es dunkel wurde und wir in einem Dorf ankamen, in dem Sandy abgesetzt werden wollte.
Auf dem Schild am Ortseingang stand „Devilstown“.
Ich registrierte, dass dies ein Ort des Teufels war. Was für ein Name!
Sandy hoffte hier in diesem Ort eine Bleibe zu finden, damit sie uns nicht weiter in Anspruch nehmen müsste. Ihr war die ganze Situation schon peinlich genug. Sie wollte uns mit ihren Problemen nicht belasten.
Es war schon spät geworden. Berry unser Busfahrer wollte bis zum nächsten Morgen hier in diesem Ort übernachten, um dann mit uns die Fahrt fortzusetzen. So quartierten wir uns für eine Nacht im Hotel des Dorfes ein. Meine Freunde und ich gingen anschließend ins Hotelrestaurant, um noch etwas zu essen und zu trinken – allerdings nur Wasser. Alkohol nahmen wir alle vor Sportereignissen nie zu uns. Der Abend verging recht zügig. Nach und nach holte uns die Müdigkeit ein
Gruppenweise zogen sich meine Sportskollegen auf ihre Zimmer zurück. Nur Sandy und ich saßen noch lange an einem Tisch und plauderten über alles Mögliche. Kurz nach Mitternacht gingen dann auch wir auf unsere Zimmer.
Unerwartetes
Am nächsten Morgen trafen wir uns alle im Frühstückssaal des Hotels und nahmen ein gutes Frühstück zu uns.
Nachdem wir unsere Zimmer geräumt hatten, hieß es dann wieder Abschied nehmen. Sandy stand mit einem Taschentuch in der Hand vor dem Bus und wartete bereits auf mich. Wieder standen ihr Tränen in den Augen. Ich zog sie an mich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Lange schauten wir uns in die Augen, sanft glitt meine Hand durch ihr braunes Haar. Sandy wirkte ein wenig bleich; ihre Haut war von einem feinen Schweißfilm bedeckt. Sie zitterte ein wenig!
„Geht es dir gut, Sandy?“, fragte ich sie besorgt.
„Es geht schon, Jack. Es ist doch immer das Gleiche – kaum lernt man einen netten Typen kennen, so wird man auch schon wieder von ihm verlassen.“
Ich schaute sie traurig an und versprach ihr, wiederzukommen. Dann kam Berry auf uns zu und bat mich in den Bus einzusteigen, damit wir endlich abfahren konnten. Ich schenkte Sandy noch ein Lächeln, dann fuhren wir die Straße entlang. Sie blieb zurück und winkte mit ihrem Taschentuch hinterher, bis wir das Ende der Ortschaft passierten und ich sie nach einer Straßenbiegung nicht mehr sehen konnte.
Obwohl ich Sandy erst kurz kannte, fiel mir der Abschied nicht leicht. In meinen Augen war sie ein Mensch, der Halt und eine starke Schulter zum Anlehnen brauchte. Ob ich dieser Mensch sein könnte? Ich wusste es nicht. Doch wir mussten jetzt endlich fahren, damit wir noch rechtzeitig nach Kingstown kommen würden.
Als wir etwa eine Viertelstunde gefahren waren und uns unmittelbar vor der Brücke, die den Fluss überquerte, befanden, machte Berry eine völlig unerwartete und heftige Vollbremsung – wir mussten uns festhalten, damit wir nicht aus den Sitzen geschleudert wurden! Unser Fahrer fluchte derart, dass wir zusammenzuckten. Er stieg als Erster aus; wir strömten hinterher. Da standen wir nun und trauten unseren Augen nicht, denn was wir sahen, war ein Schock für uns alle. Die Brücke, über die wir gestern noch nach Devilstown gefahren waren, war verschwunden. An den Ufern befanden sich nur noch Fragmente zerborstener Brückenteile und zwei Pfeiler, die aus dem Wasser ragten. Ansonsten war von diesem gewaltigen Bauwerk, das über den breiten wilden Fluss führte, nichts mehr zu sehen. Es war ein ungeheuerlicher, monströser Anblick! Wie hatte das geschehen können?
Noch eine ganze Weile standen wir an der Uferböschung herum und diskutierten darüber, ob und welche Möglichkeiten es gab, den Fluss zu überqueren. Wie sollten wir nur rechtzeitig in Kingstown ankommen? Auch unser Teamtrainer Aaron war sichtlich über das ganze Geschehen entsetzt. Nach Durchsicht unserer Landkarte, (sie war schon ein wenig älter) stellten wir fest, dass dieser Ort überhaupt nicht eingezeichnet war.
Doch alles was wir besprachen half uns nicht weiter, wir stiegen wieder in den Bus. Der Rückfahrt blickte ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Zum einen würde ich Sandy wiedersehen, zum anderen würden wir – so wie es aussah – nicht mehr rechtzeitig zu unserem wichtigen Treffen mit der Sportmannschaft in Kingstown kommen.
Während wir zum Dorf zurückfuhren, machte ich mir Gedanken über Sandy. Eigentlich erschien sie mir sehr nett und aufgeschlossen. Doch ich hatte schon an der Tankstelle bemerkt, dass sie wahrscheinlich Drogen nahm. Aber war das nicht ihr Problem? Wie hätte ich ihr denn auch helfen können?
„Was war sie eigentlich für ein Mensch“, fragte ich mich selbst. Sie entfachte in mir rege Gefühlsschwankungen. Woran mochte das nur liegen? War es ihre traurige Kindheit, ihre so klägliche Vergangenheit, die sie kürzlich erst abgebrochen hatte, um einen Neuanfang zu wagen? Nachdenklich rutschte ich in meinen Sitz. Vergeblich suchte ich in mir die Antwort. Ein inneres Gefühl sagte mir, dass ich in naher Zukunft noch vieles mehr über Sandy erfahren würde. Hilfe musste her. Daher beschloss ich, bei Gelegenheit unseren Teamarzt zu fragen, von dem ich glaubte, dass er Sandy helfen könnte. Sie musste weg von den Drogen!
Im Dorf hielten wir direkt vor dem Büro des Sheriffs, wo wir alle gemeinsam ausstiegen. Die Mittagshitze, in die wir geradewegs hineinliefen, war unerträglich; so beschlossen wir, in dem Restaurant gegenüber einen Drink zu uns zu nehmen. In großen Lettern stand über der Eingangstür: „Billy`s Bar und Restaurant“. In der Zwischenzeit wollte sich Berry beim Sheriff erkundigen, was mit der Brücke geschehen war und ob es noch eine andere Brücke gibt, um aus diesem Ort herauszukommen.
Im Restaurant schoben wir die Tische zusammen und machten es uns gemütlich. Anfangs tranken alle noch Wasser und Limonade. Wir stellten wilde Spekulationen an. Einer von uns, es war Adam, kam sogar auf die Idee, seinen Bruder anzurufen, der bei einer Airline Pilot war. Vielleicht könnte der uns ausfliegen? Doch Devilstown hatte nicht einmal einen Flugplatz, geschweige denn eine Landebahn, wie uns der Barkeeper erklärte. So legten wir diese Idee ganz schnell wieder beiseite.
Die Zeit rann dahin. Anfangs hatten wir noch Hoffnung, dass wir doch noch rechtzeitig diesen Teufelsort verlassen könnten, aber dem war nicht so. Immer wieder starrten wir auf die große Wanduhr in Billy`s Restaurant und mussten mit ansehen, wie die Zeit ungenutzt dahinflog.
Unser Busfahrer erschien nicht wieder. Wo war er nur geblieben? Die Stimmung wurde zusehends schlechter und es kam, wie es kommen musste - Meine Freunde bestellten sich ein Bier nach dem anderen, um ihren Frust darin zu ertränken. Unser Teamtrainer Aaron wusste auch keine Lösung. Wir alle waren der Situation völlig ausgeliefert.
Mein Glas Fruchtcocktail war leer. Ich ging zur Theke und bestellte mir beim Barkeeper ein neues. Dabei fielen mir die vielen Urkunden und Pokale auf, die hinter der Theke über den Regalen an der Wand hingen. Unser Barkeeper entpuppte sich als der berühmte Marathonläufer Billy!
„Sie sind also Billy?“, fragte ich.
„Ja, ich bin es“, antwortete er, „oder sagen wir mal, ich war es. Billy, der schnelle Läufer.“
„Ich habe vor Jahren einen Artikel über Sie in der Zeitung gelesen. Auf dem Höhepunkt Ihrer Laufbahn, auf der Sie etliche Läufe gewonnen hatten, hatten sie einen schweren Autounfall. Ihre Karriere als Läufer war beendet. Sie hatten sich das rechte Bein gebrochen und das Knie wurde derart in Mitleidenschaft gezogen, dass Sie nie wieder an einem Lauf teilnehmen konnten.“
„Ja, so war es damals. Ich bedaure diesen Unfall sehr – ich war schließlich nicht ganz unschuldig daran. Seitdem rühre ich keinen Tropfen mehr an...
Der Erfolg der damaligen Läufe und das viele Geld sind mir einfach zu Kopf gestiegen. Nach der Genesung kaufte ich mir von meinem ersparten Geld dieses Restaurant und führe seit Jahren ein eher bescheidenes Leben.“ Um ehrlich zu sein, ich konnte die zum Teil abwertenden Blicke meiner Mitmenschen nicht mehr ertragen, obwohl sie doch eigentlich Recht hatten. Denn bei diesem Unfall hatte ich das Leben einer jungen Familie ausgelöscht...“, erzählte er mit einer tiefen Traurigkeit, die mich erschaudern ließ.
„Ich bin Jack und komme aus Pennsylvania“ stellte ich mich vor. „Genau wie meine Freunde dort drüben. Wir sind alle Leichtathleten und hätten Morgen eigentlich ein Treffen mit einer Sportmannschaft in Kingstown.
Aber die Brücke, über der wir hierher kamen, ist leider zerstört worden – und so können wir nicht weg. Ein Jahr lang hatten wir uns auf die nächsten Tage vorbereitet!
Übrigens, Tage, die mir persönlich sehr wichtig gewesen wären...“, fügte ich nachdenklich hinzu und fuhr dann fort; „Doch so, wie es aussieht, sind wir hier auf unbestimmte Zeit Gäste Ihrer Stadt.“
„Die Brücke ist zerstört? Wie kann denn das passiert sein? Haben Sie das selbst gesehen?
Das finde ich allerdings sehr merkwürdig. Meine Güte, ich kann es kaum glauben! Ich muss es mit eigenen Augen sehen!“
Billy sah mich zweifelnd an und sagte dann beunruhigt:
„Wissen Sie, diese Brücke ist der einzige mögliche Weg aus dem Dorf und unsere einzige Verbindung zu anderen Städten. Nebenbei: das, was Sie Stadt nennen, unser Devilstown, ist wohl eher ein Dorf, Jack. Oder vielmehr, wenn das wahr ist, was Sie erzählen, ist es jetzt eine Insel, denn der Ort ist ringsherum von Wasser umgeben. Ein Fluss, der an vielen Stellen sehr tief ist, an manchen Stellen mit einer reißenden Strömung.
Übrigens gibt es noch eine andere Brücke, aber die ist aus Holz und nicht mehr befahrbar. Als ich das letzte Mal – und das ist zwei Jahre her – beim Devilstone war, wo sich diese Brücke befindet, war sie schon in einem sehr schlechten Zustand.“
Da fiel mir Berry ein.
„Unser Busfahrer ist doch beim Sheriff und müsste jeden Moment zurück sein. Er wird uns sagen, wie es weitergeht.“
Mein Glas war immer noch leer und ich hatte eine trockene Kehle: „Machen Sie mir bitte noch einen Fruchtcocktail, Billy?“
„Ist okay, Jack, hatte ich nicht vergessen. Wird sofort erledigt!“
Während Billy sich umdrehte, ging die Eingangstüre des Restaurants auf, und mehrere bärtige Männer in Lederjacken und ausgefransten Jeans betraten den Raum. Sie schritten geradewegs auf die Bar zu.
„Acht Bier, rief einer von ihnen lauthals Billy zu, der hinter dem Tresen gerade meinen Drink mixte. Billy wandte sich zu ihnen um und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. Er stellte das frisch gefüllte Glas vor mich hin. Ich nahm es und ging zu meinen Kollegen zurück. Dabei schaute ich mir die Kerle, die mir ziemlich unsympathisch waren, von oben bis unten an.
Langsam entwickelte sich Ungeduld in mir. Ich sah auf die Uhr. Wo blieb Berry, unser Busfahrer? Ich beschloss, noch eine kleine Weile zu warten, dann wollte ich zum Büro des Sheriffs gehen und versuchen, ob ich etwas herausbekommen konnte.
Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf. Ich sah mir jeden einzelnen meiner Freunde an und stellte fest, dass sie alle in einem desolaten Zustand waren. Keiner von ihnen war an Alkohol gewöhnt. Alle waren mit Leib und Seele Sportler.
Doch jetzt waren sie extrem frustriert. Es herrschte eine angespannte Stimmung im Raum, und ich spürte, dass sie kurz davor stand, sich zu entladen. Wie das Gewitter das sich weiter zusammenbraute. Ich sah durch ein Fenster, dass der Himmel sich verdunkelte und auch im Raum wurde es dunkler. Ein Donnergrollen,das immer näher kam und Blitze hervorbrachte, die ab und an die Bar kurz und hell erleuchteten.
Da konnte ich es nicht mehr ertragen. Zermürbt von der ganzen Situation riss ich meinen Arm in die Luft und schmetterte meine Faust auf den Tisch, dass die Gläser darauf nur so klirrten. Alle schauten mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich stand abrupt von meinem Platz auf und lief geradewegs zur Theke.
„Johnny, Johnny Walker“, sagte ich zu Billy. „Die ganze Flasche.“
Billy schaute mich mit großer Besorgnis an; ich hatte den ganzen Nachmittag nur Softdrinks bei ihm bestellt. Mit einem Ausdruck tiefen Bedauerns – das erkannte ich an seinen Augen – gab er mir die Flasche über die Theke. Dann schritt ich zur Tür und verließ das Lokal.
Die Nachmittagshitze war drückend, die Luft extrem feucht. Kleine Gewitterfliegen flogen überall umher. Der Himmel war mit dunklen Wolken verhangen.
Dann ergoss sich mit einem Malder Regen auf mich nieder. Die ganze staubige Straße vor mir vermischte sich mit dem Regenwasser. Der Staub auf den Dächern wurde heruntergespült.
So schnell wie der Regen kam, so schnell verschwand er auch wieder. Ich fluchte laut. Mit geballter Faust grummelte ich vor mich hin.
Ich spürte, dass sich in mir eine ungeahnte Wut aufgestaut hatte. Gierig schraubte ich den Verschluss vom Flaschenhals und nahm einen kräftigen Schluck.
Erleichtert spürte ich, dass die Bedrückung des Tages sich allmählich von mir löste. Doch das sollte nur von kurzer Dauer sein. Die Tageshitze lastete immer noch auf mir und zollte ihren Tribut. Nach drei weiteren großen Schlücken stieg mir der Alkohol zu Kopf.
Jäh packte mich die Wut und ich schmiss die Flasche mit aller Kraft gegen eine nahe gelegene Hauswand. Die Flasche fiel klirrend zu Boden. Mit einem Mal tauchte ein schmutziges Gesicht mit zerzausten Haaren aus einem Berg von Pappe und Papier auf. Glasige und verschlafene Augen schauten mich verwundert an. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke. Der Mann runzelte seine Stirn und schnupperte wie ein Hund, der einen Knochen gerochen hatte. Plötzlich hörte ich einen lauten Knall. Erschrocken lief ich ins Restaurant zu meinen Freunden. Dort hatte sich eine wilde Schlägerei entwickelt, und Billy, der ein Gewehr zur Zimmerdecke gerichtet hielt, war offensichtlich gerade im Begriff, einen zweiten Warnschuss abzugeben. Im nächsten Moment sah ich den schweren Barhocker auf mich zufliegen. Ich stürzte zu Boden, fiel gegen die Eingangstür und riss sie mit mir. Dann verlor ich das Bewusstsein... Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich in einem Krankenbett wieder und mein Schädel brummte wie ein Wespennest.
Mir ging es überhaupt nicht gut. Es beunruhigte mich, welche Art von Verletzung mich in diese Baracke gebracht hatte. Verwirrt schaute ich mich im Zimmer um. Ein runder Holztisch und zwei hölzerne Stühle zierten das ganze Zimmer. Nicht einmal ein Gesteck aus Blumen stand auf dem Tisch, der scheinbar schon sehr alt und verblichen war. Die Luft war ein wenig abgestanden und auch sonst fühlte ich mich hier nicht sehr wohl.
Nach langem Warten öffnete sich die Tür und eine ältere Frau, die sich als Krankenschwester entpuppte, kam herein. Sie stellte sich als Schwester Ruby vor. Sie erweckte in mir den Eindruck, als wenn sie überhaupt keine Lust hatte, diesen Job zu machen.
Teilnahmsvoll fragte sie mich, wie es mir ginge.
„Fast schon wieder okay“, erwiderte ich. „Was war denn eigentlich los?“
Schwester Ruby erzählte mir zu meinem Erstaunen ausführlich, was sich im Restaurant zugetragen hatte. Vielleicht hatte ich sie von der menschlichen Seite falsch eingeschätzt, dachte ich so bei mir.
Meine Freunde, sagte sie, hatten sich mit den bärtigen Typen, die stadtbekannt sind, angelegt und waren jetzt allesamt im Gefängnis. Die Bärtigen natürlich auch.
„Und was ist mit mir?“, fragte ich.
„Sie haben eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde über dem rechten Auge.“
Vorsichtig fasste ich mit meiner rechten Hand auf meine Stirn. Bei der ersten Berührung wurde mir bewusst, wie heftig diese Wunde schmerzte und pochte.
Ein paar Tage müssen Sie schon noch hier bleiben, erklärte mir Schwester Ruby. „Der Doc wird schon wissen was er tut.“, sagte sie im ruhigen Ton
„Doc, ich habe hier überhaupt keinen Arzt gesehen“, sagte ich vorwurfsvoll.
„Doch, doch, er war schon da. Gestern, als sie zu uns gebracht wurden. Er hat sie eingehend untersucht. Sie werden sich wohl noch gedulden müssen.“
„Können Sie mir sagen, wie viel Dollar ein Tag dieses Luxus-Zimmer kostet?“, sagte ich ironisch.
„Da machen Sie sich mal keine Sorgen, das werden Sie sicherlich bezahlen können, und wenn nicht, dann werden ihre zahlreichen Freunde sicherlich für Sie einspringen.
Kaum hatte Schwester Ruby das Zimmer verlassen, grübelte ich,traurig wie ich war, vor mich hin. Meine Freunde im Knast! Ein Gedanke, der mich anschließend unruhig schlafen ließ.
Nach zwei weiteren Tagen Aufenthalt in dieser Baracke, es war gerade Mittag, hörte ich vor meiner Zimmertür lautes Stimmengewirr. Plötzlich und ohne Vorwarnung wurde die Tür aufgestoßen und all meine Kameraden stürmten an mein Krankenbett. Offenbar wieder auf freiem Fuß.
„Hallo, Jack! Wie geht’s dir, altes Haus?“, riefen sie ausgelassen.
Bevor ich auch nur einen Mucks tun konnte, packten mich Jimmy und Michael in den mitgebrachten Rollstuhl. Mein Kopf tat tierisch weh und ich ächzte: „Langsamer, Jungs!“
Dann unterhielten wir uns draußen, hinter der Baracke, über die Geschehnisse der letzten drei Tage.
Meine Freunde brachten Kaffee und Gebäck mit. Eine willkommene Abwechslung, bei dem, was hier aufgetischt wurde. Kurze Zeit später drängten die Jungs Michael dazu, mir zu erzählen, was sich in Billy`s Restaurant zugetragen hatte, (nachdem ich zu Boden gegangen war.)
Alle schauten gebannt auf Michael, unser Kraftpaket. Der hatte einen roten Kopf bekommen.
„Es tut mir schrecklich Leid, Jack. Ich war derjenige, der die Schlägerei angefangen hatte. Und ich war es auch, der den Barhocker in die Menge warf, der dich traf und zu Boden riss“, gestand er.
Für einige Sekunden herrschte ein unbehagliches Schweigen. Traurig und mit gesenktem Kopf stand er vor mir, wie ein kleiner Schuljunge, der sich vor seiner Mutter wegen einer Verfehlung in der Schule zu verantworten hatte. Das musste ich erst noch verarbeiten.
„Wie kam es überhaupt zu dieser Schlägerei, Michael?“, fragte ich.
„Jack, du kannst dich doch sicherlich noch an die Typen an der Theke erinnern? Die waren nur auf Streit aus! Billy gab ihnen dann kein Bier mehr und sie brüllten lautstark auf ihn ein und bedrohten ihn. Da ist mir einfach der Geduldsfaden gerissen! Mensch, den ganzen Tag dieser Druck, erst wegen unseres Treffens, dann konnten wir hier nicht weg! Und dazu noch diese widerlichen Typen! Man musste diese Kerle einfach ein wenig aufmischen, das musst du verstehen. Natürlich konnten die anderen nicht einfach zusehen, da mischten sie halt mit. Am Ende war alles ein einziges Chaos und erst, als du zu Boden geschleudert wurdest, wurde mir klar, dass das mein Barhocker gewesen war. Ich hatte ihn einfach mitten in die Schläger hinein gefeuert.
Kurz darauf kam der Sheriff und sperrte uns allesamt ins Gefängnis. Die Zelle war für uns alle zu klein. Wir zogen zwar eine Linie zwischen den Schlägern und uns, unsichtbar natürlich, aber die hielten sich nicht daran und wollten weiter auf uns einschlagen. Berry, der mit allem nichts zu tun hatte, verhandelte mit dem Sheriff. So kam es, dass wir uns mit Billy einigten und uns selbst um den von uns verursachten Schaden kümmern werden.
Der Sheriff ließ uns dann vor einigen Stunden frei. Als wir hörten, dass es dir besser geht und wir dich besuchen dürften, beschlossen wir spontan, hierher zu kommen. Jetzt weißt du, was geschehen ist.“
Immer noch klang in Michaels Stimme Besorgnis und Schuldbewusstsein mit. Schließlich war er derjenige, der dafür verantwortlich war, dass ich jetzt hier lag. Ein mit Muskeln bepackter Hüne. Ich musste lächeln – ich hatte ihm schon verziehen.
„Mir geht’s schon besser“, sagte ich und versuchte dabei mit etwas Mühe ein glückliches Gesicht zu machen. „In ein paar Tagen bin ich wieder draußen. Mach dir keine Sorgen.“
Dann reichte ich ihm die Hand und er tat es ebenso.
Im Laufe unseres Gesprächs, hatten mir meine Freunde noch erzählt, dass der Sheriff sich um die zerstörte Brücke und die defekte Telefonleitung kümmern wollte. Am späten Nachmittag brachten die Jungs mich dann wieder auf mein Zimmer und verabschiedeten sich von mir. Erschöpft und zufrieden über all die Neuigkeiten, schloss ich die Augen; wollte nur noch eins: schlafen. Doch da ging die Tür erneut auf. Oh Mann, wann bekam man hier nur mal seine Ruhe? Aber dann sah ich doch hin, wer gekommen war. Sandy!
Meine Müdigkeit war – im wahrsten Sinne des Wortes – wie weggeblasen. Ich freute mich sehr über ihren Besuch. Sandy kam auf mich zu und begrüßte mich mit einem lang anhaltenden Kuss auf den Mund. Yepp!
Als eine Schwester (es war nicht Ruby) das Abendessen brachte, bat ich um ein zweites für Sandy.
Diesmal gab es einige Scheiben Brot mit Wurst und Käse, sowie Kamillentee. Gemütlich speisten wir zusammen. Sie erklärte mir, warum sie nicht früher hatte kommen können. Sie hatte einen neuen Job! Sie arbeitete in Billys Restaurant. Sie sollte in die Wohnung darüber einziehen.
Doch das würde noch eine Woche dauern, weil diese erst renoviert werden müsste. Sandy freute sich schon sehr auf ihr neues Heim. In ihren Augen bemerkte ich einen gewissen Glanz. Sie dachte doch nicht etwa daran, dass ich zu ihr ziehen würde?
Es bedrückte mich, das sie etwas mit Drogen zu tun hatte. Doch ich schwieg und sagte nichts. Ich wollte ihre Träume nicht gänzlich zerstören.
Wer weiß, vielleicht würde sie sich schneller ändern als ich dachte. Wir unterhielten uns anschließend ziemlich angeregt bis in den späten Abend hinein. Ab und an flachsten und scherzten wir sogar. Wir kamen uns wieder ein ganzes Stück näher.
Als die Nachtschwester ins Zimmer kam und Sandy bat zu gehen, damit ich mich erholen konnte, verabschiedeten wir uns mit einer zärtlichen Umarmung. Ich machte es mir in meinem Bett gemütlich, knipste das Licht aus und schlief endlich zufrieden ein.
Am Tag darauf besuchte sie mich wieder. Inzwischen wusste ich, dass ich am nächsten Mittag entlassen werden würde – und sie hatte frei!
Und nichts Angenehmeres, sagte sie, könne sie sich vorstellen, als mit mir durchs Dorf zu bummeln, um mir die wenigen Sehenswürdigkeiten von Devilstown zu zeigen.
Ungeduldig stand ich vor der Baracke und wartete auf Sandy. Als sie kam, lächelte ich vor lauter Freude. Glücklich über mein Wohlbefinden, welches sie mir wohl an den Augen ansah, nahm sie mich bei der Hand und führte mich die Hauptstraße entlang, vorbei an den wenigen Häusern, die nebeneinander standen. Das Dorf schien zu einem großen Teil aus der Hauptstraße zu bestehen, denn sonst gab es nicht allzu viele Häuser hier. Auf einem etwas größeren Platz stand die Statue eines Mannes, der in seinen Händen einen großen Stein hielt, vom dem aus Wasser in einen kreisrunden Brunnen lief, der sich vor dem Denkmal befand.
Ich schätzte die Anzahl der Bewohner auf höchstens zweihundert Menschen. Vielleicht waren es auch weniger. Wer sollte es hier schon lange aushalten? Es gab nur wenige Geschäfte und einen Supermarkt, der offensichtlich neu eröffnet war.
Wir schlenderten gemütlich die Straße entlang. Nach einer Weile kamen wir an einem Waffengeschäft vorbei. Im Schaufenster – zwischen verschiedenen Handfeuerwaffen – fiel mir ein handgeschnitztes Bowiemesser auf. Ich zog Sandy in den Laden.
„Hallo“, begrüßte uns die junge Frau hinterm Ladentisch freundlich. „Ich bin Nelly. Womit kann ich Ihnen dienen?“
„In Ihrem Schaufenster liegt ein Bowiemesser, das mir gut gefällt. Doch leider steht auf dem Schild daneben: unverkäuflich, sagte ich und musterte die Frau hinter der Ladentheke.
„Ja, das ist richtig. Das Messer ist noch von meinem Urgroßvater. Aber kommen Sie doch einfach mal mit in meine etwas klein geratene Waffenkammer“, sagte sie lächelnd.
Sie griff unter die Theke, holte einen Schlüssel hervor und schritt auf eine Metalltür im hinteren Bereich des Verkaufsraums zu. Als sie die Tür geöffnet hatte, bat sie mich hinein. Donnerwetter! Ich staunte nicht schlecht, als ich die vielen verschiedenen Waffen sah, alte und neue.
Während sie die Schubladen durchstöberte und ein Messer nach dem anderen hervorzauberte, schaute ich mich ein wenig um. Sandy wartete im Vorraum und spielte mit den Wellensittichen, die dort in einem Käfig hin und her hüpften. Es war schon erstaunlich, was es hier an Waffen und Munition gab. Sie oder ihre Familienangehörigen mussten alle Waffennarren sein.
„Hier habe ich verschiedene Ausführungen von Bowiemessern“, sagte Nelly. „Sie unterscheiden sich vor allem in der Farbe und in der Bearbeitung des Holzgriffs.“
„Sie scheinen sich aber gut mit Waffen auszukennen, Miss...“
„Nelly, nennen Sie mich einfach nur Nelly.“
„Ist okay, mein Name ist Jack.“
„In Ordnung, Jack, dann noch mal von vorne!“
„Nelly, Waffen haben es Dir anscheinend angetan.“
„Mein Vater war bei der Armee“, erklärte Nelly. „Waffen waren sein Spielzeug. Er hat mir sein ganzes Wissen darüber beigebracht. Dieses Geschäft habe ich nach seinem Tod von ihm geerbt.“
„Es ist schon beachtlich, was Du hier so allesrumstehen hast.“
„Handfeuerwaffen, Gewehre jeglicher Art und sogar Raketenwerfer wirst Du hier finden“, sagte Nelly stolz. „Armbrust, Pfeil und Bogen sind auch im Angebot. Für jeden etwas!“
Sie hatte sich von ihren Schubladen zu mir umgedreht und zeigte mir nun einige Messer. Ihre blauen Augen und die Meinen trafen sich. Etwas blitzte in ihnen auf.
„Hier, Jack, alle von Hand gearbeitet. Jeder dieser Griffe wurde von Hand geschnitzt und poliert. Du wirst solche Messer nirgends finden, außer in Devilstown. Denn diese hat noch mein Urgroßvater angefertigt. Der erste Einwohner von Devilstone.“
„Sagtest Du Devilstone!?“
