Diabolic (1). Vom Zorn geküsst - S. J. Kincaid - E-Book

Diabolic (1). Vom Zorn geküsst E-Book

S.J. Kincaid

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Beschreibung

Eine Diabolic ist stark.

Eine Diabolic kennt kein Mitleid.

Eine Diabolic hat eine einzige Aufgabe: Töte, um den einen Menschen zu schützen, für den du erschaffen wurdest.

 

Als Nemesis und Tyrus sich am Imperialen Kaiserhof begegnen, prallen Welten aufeinander. Sie - eine Diabolic, die tödlichste Waffe des gesamten Universums. Liebe ist ihr völlig fremd. Er - der Thronfolger des Imperiums, der von allen für wahnsinnig gehalten wird. Liebe ist etwas, das ihn nur schwächen würde. Dass ausgerechnet diese beiden zusammenfinden, darf nicht sein. Denn an einem Ort voller Intrigen und Machtspiele ist ein Funke Menschlichkeit eine gefährliche Schwachstelle …

 

Nemesis und Tyrus. Diabolic und Thronerbe. Ein Mädchen zwischen unbändigem Zorn und ergreifender Liebe, und ein Junge, dem Gefühle das Leben kosten könnten. Eine großes Fantasy-Spektakel, das den Lesern den Atem rauben wird!

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S. J. Kincaid

DIABOLIC

VOM ZORN GEKÜSST

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Thiele

 

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »The Diabolic« bei Simon & Schuster Books For Young Readers, einem Imprint der Simon & Schuster Children’s Publishing Division. Copyright © S. J. Kincaid, 2016

 

 

 

1. Auflage 2017 © 2017 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Aus dem Amerikanischen von Ulrich Thiele Covergestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock ISBN 978-3-401-80658-7

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Inhaltsverzeichnis

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Danksagung

Für Jamie (a.k.a. Poosen) und Jessica (a.k.a. The Real Yaolan)

Einen Menschen zu haben, dem man blind vertrauen, auf den man sich immer verlassen kann, sein Leben lang, das ist ein Segen.

Ich habe das Glück, zwei davon zu haben.

Ihr beide bedeutet mir mehr, als ihr euch vorstellen könnt.

Schuf er, der das Lamm schuf, auch dich?

William Blake, Der Tiger

 

 

 

Alle glaubten sie, Diabolics seien furchtlose Kreaturen, doch in meinen ersten Jahren kannte ich nichts als Angst. Die Angst hatte mich auch an jenem Morgen fest im Griff, als die Impyreaner mich in den Gehegen besichtigten.

Sprechen konnte ich nicht, doch ich verstand vieles von dem, was gesagt wurde. In heller Aufregung redete der Gehegevorsteher auf seine Gehilfen ein: Bald würden Senator von Impyrean und seine Frau eintreffen, die Impyreanische Matriarchin. Die Wärter streiften um meinen Käfig und musterten mich von Kopf bis Fuß auf der Suche nach Makeln.

Mit pochendem Herzen und Muskeln, die für den Kampf bereit waren, wartete ich ab. Senator und Matriarchin? Wer war das?

Da kamen sie.

Alle Abrichter, alle Wärter fielen vor ihnen auf die Knie. Ehrfürchtig führte der Gehegevorsteher ihre Hände an seine Wangen. »Euer Besuch ehrt uns.«

Angst durchzuckte mich. Was waren das für Wesen, vor denen sich selbst der schreckliche Gehegevorsteher in den Staub warf? Noch nie hatte ich mich derart eingeengt gefühlt vom leuchtenden Kraftfeld meines Käfigs. Ich quetschte mich in die hinterste Ecke, während Senator von Impyrean und seine Frau herübergeschlendert kamen, um mich durch die transparente Barriere zu begutachten.

»Wie Ihr seht«, sagte der Gehegevorsteher, »ist Nemesis ungefähr im Alter Eurer Tochter und körperlich exakt auf Eure Vorgaben zugeschnitten. In den nächsten Jahren wird sie noch wachsen und an Kraft zulegen.«

»Sicher, dass dieses Mädchen eine Gefahr darstellt?«, erwiderte der Senator gelangweilt. »Sieht mir nach einem verängstigten Kind aus.«

Seine Worte ließen mich frösteln.

Verängstigt durfte ich nicht erscheinen. Mit Angst handelte ich mir Stromstöße ein, reduzierte Rationen und Qualen. Angst durfte ich keinesfalls zeigen. Also warf ich dem Senator einen grimmigen Blick zu.

Als er mein Starren bemerkte, wirkte er überrascht. Sein Mund öffnete sich, er wollte etwas sagen, zögerte dann jedoch und betrachtete mich aufmerksam, bevor er sich wieder von mir abwandte. »Vielleicht haben Sie recht«, murmelte er. »Man sieht es an den Augen – die fehlende Menschlichkeit. Liebste, bist du dir wirklich sicher, dass wir uns eine solche Abscheulichkeit ins Haus holen sollten?«

»Heutzutage hat jede große Familie einen Diabolic. Unsere Tochter darf nicht als einziges Kind schutzlos dastehen.« Damit wandte sich die Matriarchin an den Gehegevorsteher. »Ich wüsste gerne, was wir für unser Geld bekommen.«

»Selbstverständlich«, antwortete dieser mit einem Wink in Richtung eines Wärters. »Irgendein Köder –«

»Nein«, fuhr die Matriarchin dazwischen, ihre Stimme wie ein Peitschenknall. »Wir müssen Gewissheit haben. Wir haben drei Sträflinge mitgebracht, die die Kreatur angemessen fordern werden.«

Der Gehegevorsteher lächelte. »Ausgezeichnete Idee, Grandeé von Impyrean. Hier ist größte Vorsicht angebracht, schließlich wimmelt es von unfähigen Züchtern … aber Nemesis wird Euch nicht enttäuschen.«

Auf das Nicken der Matriarchin hin trat die Gefahr endlich offen zutage: Drei Männer wurden von außerhalb meines Blickfelds zum Käfig getrieben.

Ich drückte mich gegen das Kraftfeld und spürte das vibrierende Kribbeln am Rücken, während sich in meinem Bauch ein eisiger Abgrund auftat. Ich wusste, was geschehen würde. Diese drei waren nicht die Ersten, die dazu verdammt waren, mir einen Besuch abzustatten.

Die Gehilfen des Gehegevorstehers lösten meine Ketten, schalteten das vordere Kraftfeld aus, schubsten die drei zu mir hinein und aktivierten das Feld wieder. Ich atmete stoßweise. Ich wollte das nicht. Ich wollte nicht.

»Was soll das?«, fragte ein Sträfling, dessen Augen zwischen mir und dem Publikum dieser spontanen Vorstellung hin und her huschten.

»Ist das nicht offensichtlich?« Die Matriarchin hakte sich beim Senator unter und nach einem zufriedenen Blick auf ihren Mann belehrte sie die Sträflinge in freundlichstem Tonfall: »Mit brutalen Verbrechen habt ihr euch in diese Lage gebracht – aber jetzt habt ihr die Chance, euch zu retten. Tötet ihr das Kind, wird euch mein Gatte begnadigen.«

Zweifelnd starrten die Sträflinge auf den Senator, der nur gleichgültig mit der Hand wedelte. »So soll es sein.«

Einer der Männer stieß einen hässlichen Fluch aus. »Ich weiß, was für ein Vieh das ist. Haltet Ihr mich für dumm? Dem Ding werde ich nicht zu nahe kommen!«

»Wenn das so ist«, erwiderte die Matriarchin lächelnd, »werdet ihr hingerichtet. Alle drei. Jetzt tötet das Kind.«

Die Sträflinge beäugten mich und nach einer Weile verzerrte sich der Mund des massigsten zum anzüglichen Grinsen. »Das ist ein kleines Mädchen. Das erledige ich selbst. Komm schon, Kleine.« Er kam näher. »Wollt Ihr Blut sehen oder soll ich ihr einfach das Genick brechen?«

»Deine Entscheidung«, sagte die Matriarchin.

Die Zuversicht des einen ermutigte die anderen, in ihren Gesichtern loderte die Hoffnung auf Freiheit. Mein Herz trommelte gegen den Brustkorb. Ich hatte keine Möglichkeit, die drei vor mir zu warnen. Selbst wenn, sie hätten nicht auf mich gehört. Ihr Anführer hatte mich zum schwächlichen Mädchen erklärt – damit stand ihr Urteil fest. Ein tödlicher Fehler.

Viel zu leichtsinnig fuhr der Große den Arm aus, wollte mich packen. Er kam mir so nahe, dass ich seinen Schweiß roch.

Es war ein Geruch, der in mir einen Schalter umlegte, wie jedes Mal: Die Angst verschwand, die Panik wurde weggespült von der Flut des Zorns.

Mein Gebiss schloss sich um seine Hand. Kupferrot leuchtendes Blut spritzte hervor. Schreiend versuchte er, sich loszureißen – vergeblich. Ich fasste ihn am Handgelenk, warf mich nach vorne und verdrehte ihm dadurch den Arm. Knirschende Gelenkbänder. Ein Tritt in seine Kniekehle, um ihn zu Boden zu stoßen, ein Satz über seinen Rücken. Meine Stiefel landeten krachend auf seinem Hinterkopf und zersplitterten ihm den Schädel.

Da drüben stand der Zweite, der sich in seinem Leichtsinn zu weit nach vorne gewagt hatte und jetzt seinen Fehler erkannte. Erschrocken schrie er auf, konnte aber nicht entkommen. Ich war zu schnell. Mein Handballen rammte sich in seinen Nasenknorpel und trieb diesen direkt ins Gehirn.

Über die beiden Leichen hinwegsteigend näherte ich mich dem Dritten, dem Vernünftigen, der mich fürchtete. Der Mann kreischte, stolperte rückwärts gegen das Kraftfeld und kauerte sich zusammen wie ich kurz zuvor, ehe ich von der Wut erfasst worden war.

Er hob die zitternden Hände, sein Leib wurde von Schluchzern geschüttelt. »Bitte nicht. Bitte tu mir nicht weh. Bitte!«

Bei diesen Worten zögerte ich.

So hatte ich mein ganzes Leben verbracht, von Geburt an: mit der Abwehr von Angreifern, mit dem Töten, um nicht selbst getötet zu werden. Ein einziges Mal hatte ein Opfer um Gnade gefleht. Damals hatte ich nicht weitergewusst und jetzt, im Angesicht dieses angstgekrümmten Mannes, sickerte dieselbe Verwirrung in meinen Geist und lähmte mich. Was sollte ich tun?

»Nemesis.«

Plötzlich stand die Matriarchin vor mir, lediglich geschützt vom Kraftfeld. »Versteht sie meine Worte?«, fragte sie den Gehegevorsteher.

»Ja, sie können unsere Sprache begreifen – dafür haben sie genügend Menschliches an sich. Aber zu antworten lernt sie erst, wenn sich die Maschinen an ihrem Gehirn zu schaffen gemacht haben.«

Mit einem Nicken drehte sich die Matriarchin zu mir. »Du hast mich beeindruckt, Nemesis. Jetzt frage ich dich: Willst du diesen Ort hinter dir lassen? Willst du etwas Eigenes haben, etwas Kostbares, das du beschützen und dem du deine Liebe schenken kannst? Ein Zuhause voller Annehmlichkeiten, die du dir nie erträumt hättest?«

Liebe? Annehmlichkeiten? Seltsame Worte. Ihre Bedeutung kannte ich nicht, doch ihr verheißungsvoller Klang lockte mich, verwob sich mit meinem Geist wie eine Melodie und übertönte das Wimmern des Verzweifelten.

Ich war wie gebannt vom schneidenden Blick der Matriarchin.

»Willst du mehr sein als ein Tier in einem nasskalten Käfig?«, sagte sie. »Dann beweise mir, dass du würdig bist, unserer Familie, den Impyreanern, zu dienen. Zeige mir, dass du gehorchen kannst, wenn es nötig ist. Töte ihn.«

Liebe. Annehmlichkeiten. Was auch immer das war, ich wollte es. Ich würde es mir holen. Ich machte zwei, drei schnelle Schritte und zerschmetterte dem Sträfling das Genick.

Als die dritte Leiche zu meinen Füßen landete, sah ich die Matriarchin lächeln.

Später brachten mich die Wärter ins Laboratorium, wo ein kleines Mädchen wartete. Zu ihrem Schutz wurde ich fixiert, meine Arme und Beine eingeschlossen in massives Eisen, umgeben von einem Ring aus leuchtender Elektrizität. Ich konnte nicht anders, als das merkwürdige Wesen anzustarren, ein schmales, bibberndes Ding mit dunklem Haar, gebräunter Haut und einer Nase, die nie gebrochen worden war.

Ich wusste, was das war: ein echtes Mädchen.

Woher ich das wusste? Ich hatte mal eines getötet.

Als mir das Mädchen einen Schritt zu nahe kam, fauchte ich.

Sie zuckte zurück. Ihre Unterlippe bebte. »Sie hasst mich.«

»Nemesis hasst dich gewiss nicht«, erwiderte der Arzt, überprüfte aber zur Sicherheit nochmals meine Fesseln. »So benehmen sich alle Diabolics in diesem Entwicklungsstadium. Sie sehen aus wie wir, sind aber keine echten Menschen. Sie sind Raubtiere. Sie können kein Mitgefühl empfinden, keine Sanftmut, dazu sind sie schlicht nicht fähig. Deswegen müssen wir sie zivilisieren, sobald sie ein bestimmtes Alter erreicht haben. Komm, Sidonia.« Er krümmte den Finger und Sidonia folgte ihm zu einem Computermonitor. »Schau.«

Auch ich konnte die Anzeige erkennen, interessierte mich jedoch nicht dafür. Wer schon so viele Schädel geknackt hatte, der wusste, wie ein Menschengehirn aussah.

»Das ist der sogenannte Frontallappen.« Für einen Moment verstummte der Arzt und in seinem verstohlenen Blick auf das Mädchen flackerte Angst. »Natürlich habe ich das alles nicht selbst erforscht, aber in meinem Metier lernt man automatisch dazu, wenn man den Maschinen zusieht.«

Sidonias Augenbrauen zogen sich zusammen, offenbar wunderte sie sich über seine Worte.

In Verlegenheit gebracht, plapperte der Arzt rasch weiter. »Meinen bescheidenen Erkenntnissen nach vergrößern die Maschinen den Frontallappen – sie vergrößern ihn sehr stark, wodurch Nemesis’ Intelligenz erhöht wird. Sie lernt, mit dir zu sprechen und ihren Verstand zu gebrauchen. Außerdem wird der Prägungsprozess eingeleitet.«

»Sie wird mich mögen?«

»Schon heute Abend ist sie deine beste Freundin.«

»Und dann ist sie nicht mehr so zornig?«, fragte Sidonia mit leiser Stimme.

»Nun ja, den Diabolics ist eine erhöhte Aggression eingepflanzt – die Nemesis aber nicht mehr gegen dich richten wird. Bald bist du der einzige Mensch im großen, weiten Universum, den sie jemals lieben wird. Aber sollte dir jemand wehtun wollen … der muss sich vorsehen.«

Sidonia lächelte verschüchtert.

»Und jetzt, Liebling, stellst du dich bitte so hin, dass Nemesis dich sieht. Für eine erfolgreiche Prägung ist Blickkontakt ganz entscheidend.«

Der Arzt schob Sidonia vor mich hin, deutlich außer Reichweite meiner Hände. Darauf bedacht, meinem bissigen Maul auszuweichen, setzte er mir Stimulationsknoten auf den Schädel, die bald zu summen begannen. Ein Prickeln in meinem Gehirn, vor meinen Augen funkelten Sterne.

Mein Hass, meine Lust aufs Schlagen, Schlachten und Zerstören … legte sich. Verging.

Wieder knisterte Elektrizität. Und noch einmal.

Mein Blick ruhte auf dem kleinen Mädchen und in mir regte sich etwas Neues, eine vollkommen fremde Empfindung. Mein Schädel war erfüllt von einem anhaltenden Tosen, das mich wandelte, mein Inneres verschob.

Ich wollte dem Mädchen helfen. Es beschützen.

Das Tosen schien kein Ende zu nehmen, und als es doch abebbte, wirkte das Universum öde und leer – bis auf sie.

Die Modifikationen an meinem Gehirn nahmen Stunden in Anspruch, begleitet von den Experimenten des Arztes. Er wies Sidonia an, sich mir zu nähern, Schritt für Schritt. Sein Blick fixierte mich, meiner das Mädchen.

Schließlich war es so weit.

Der Arzt zog sich zurück, nur Sidonia kauerte noch vor mir, allein. Am ganzen Leib zitternd erhob sie sich. Zur Sicherheit visierte mich der Arzt mit einer Schockkanone an und entriegelte dann meine Fixierung.

Ich richtete mich auf und schüttelte die Fesseln ab. Als das Mädchen scharf einatmete, wölbte sich unter ihrem dürren Hals das Schlüsselbein hervor – ich hätte es ihr mit Leichtigkeit brechen können, das wusste ich. Ja, ich hätte ihr wehtun können. Ich stand vor der Kleinen wie vor so vielen anderen, die ich hingemetzelt hatte, doch die bloße Vorstellung, dieser zarten Kreatur Schaden zuzufügen, ließ mich frösteln.

Lieber machte ich einen Schritt nach vorne, um sie besser betrachten zu können, dieses unendlich kostbare Wesen, dessen Überleben mir nun stärker am Herzen lag als mein eigenes. Wie klein das Mädchen war. Was war das für ein seltsames Gefühl, das mein Innerstes erglühen ließ? Sie war es, die die Glut anfachte.

Als ich die weiche Haut ihrer Wange betastete, erschauderte sie. Ich untersuchte ihr dunkles Haar, ein krasser Kontrast zu meinem blassen Weißblond, und beugte mich noch näher zu ihr, studierte die Regenbogenhaut ihrer riesigen Augen. In ihrer Tiefe lag eine Furcht, die ich auslöschen wollte. Da Sidonia noch immer bibberte, legte ich die Hände auf ihre schwachen Arme und hielt mich ganz still, um sie vielleicht durch meine Ruhe zu besänftigen.

Da ließ ihr Zittern nach. Die Angst fiel von Sidonia ab und ihre Mundwinkel krümmten sich nach oben.

Ich imitierte ihren Gesichtsausdruck, zog meine Lippen rechts und links nach oben – ein eigenartiges, unnatürliches Gefühl, doch ich tat es für sie. Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich nicht nur an mich selbst.

»Hallo, Nemesis«, flüsterte Sidonia und schluckte hörbar. »Ich heiße Sidonia.« Eine Falte grub sich zwischen ihre Augenbrauen, ehe sie ihre Hand auf die eigene Brust drückte. »Si-do-ni-a.«

Erneut machte ich sie nach, klopfte mir auf die Brust und sagte: »Sidonia.«

Da lachte sie. »Falsch.« Sie nahm meine Hand und legte sie auf ihren Brustkorb, sodass ich ihren rasenden Herzschlag spürte. »Ich bin Sidonia. Aber nenn mich doch Donia.«

»Donia«, wiederholte ich und tippte ihr aufs Schlüsselbein. Ich hatte verstanden.

Und als auf Donias Gesicht ein Lächeln erstrahlte, wurde mir ganz … warm. Ich war glücklich, stolz.

Sie drehte sich zum Arzt. »Sie hatten recht! Sie hasst mich nicht mehr.«

Ein Nicken. »Nemesis wurde auf dich geprägt. Ihr restliches Leben lang wird sie keinen anderen Gedanken kennen als dein Wohlergehen.«

»Ich mag sie auch«, stellte Donia fest und lächelte mich an. »Ich glaube, wir werden gute Freundinnen sein.«

Der Arzt lachte leise. »Freundinnen? Gewiss. Nemesis wird deine allerbeste Freundin sein, das verspreche ich dir. Sie wird dich dein ganzes Leben lang lieben.«

Endlich wusste ich, wie dieses eigentümliche, aber wundervolle Gefühl in mir genannt wurde – die Impyreanische Matriarchin hatte nicht zu viel versprochen.

Das war Liebe.

1

Donia hatte einen gefährlichen Fehler begangen.

Sie war damit beschäftigt, aus einem großen Felsblock eine Statue zu schnitzen. Das helle Blitzen und Zischen der Laserklinge vor dem dunklen Fenster hinaus zum Sternenmeer war ein hypnotisierender Anblick. Nie ließ Donia die Klinge niedersausen, wo ich es erwartet hätte, stets formte sie den Stein zu einer Figur, die meine Fantasie niemals hätte hervorbringen können. Heute war es ein zur Supernova explodierter Stern, eine Szene aus der helionischen Geschichte, die sie im Fels zum Leben erweckte.

Doch mit dem letzten Klingenhieb hatte Donia einen viel zu großen Brocken aus dem Sockel gehauen. Ich erkannte die Gefahr sofort und sprang auf, hochgeschreckt von kribbelnder Furcht. Die Skulptur war instabil. Jeden Moment würde die ganze Statue zu Boden donnern.

Donia kniete darunter und überprüfte das Ergebnis des letzten Schnitts, vollkommen ahnungslos.

Leise näherte ich mich. Ich wollte Donia nicht warnen – womöglich wäre sie zusammengezuckt, hochgefahren und hätte sich dabei am Laser geschnitten. Es war klüger, die Situation eigenhändig zu bereinigen. Meine Schritte trugen mich quer durch den Raum, und kaum hatte ich Donia erreicht, ertönte ein erstes Knarren, Steinstaub rieselte auf sie herab, die Statue kippte nach vorne.

Ich warf mich auf Donia und fegte sie aus dem Weg, während hinter uns ein gewaltiger Knall detonierte. Staub erstickte die abgestandene Luft des Kunstzimmers.

Schnell nahm ich ihr die Laserklinge ab und schaltete sie ab.

Donia wand sich aus meinem Griff und rieb sich die Augen. »Oh nein! Das hatte ich nicht kommen sehen.« Beim Blick auf die Trümmer erschlafften ihre Gesichtszüge vor Kummer. »Ich hab sie ruiniert, was?«

»Vergiss die Statue«, sagte ich. »Bist du verletzt?«

Niedergeschlagen winkte sie ab. »Das kann doch nicht wahr sein. Ich bin so gut vorangekommen …« Sie trat mit dem Fuß gegen einen Steinsplitter. Dann sah sie mich an und seufzte. »Hatte ich mich schon bedankt? Nein, oder? Danke, Nemesis.«

An ihrem Dank hatte ich kein Interesse. Mir lag allein an ihrer Sicherheit. Ich war ihre Diabolic. Der Wunsch nach Anerkennung war etwas für Menschen.

Diabolics waren keine Menschen.

Zugegeben, wir sahen aus wie sie, wir hatten das gleiche Erbgut und waren doch etwas anderes: Kreaturen, die einerseits auf absolute Skrupellosigkeit gepolt waren, andererseits auf bedingungslose Treue zu einem einzigen Individuum. Für diese eine Person töteten wir ohne jegliches Zögern. Deshalb waren wir sehr begehrt bei den hochrangigsten Familien des Imperiums – als ewige Leibwachen ihrer selbst und ihrer Kinder, als Schrecken ihrer Feinde.

Doch in letzter Zeit steigerten sich die Diabolics offenbar zu sehr in ihre Aufgabe hinein. Donia klinkte sich häufig in die Liveschaltung des Imperialen Senats ein, um ihrem Vater bei der Arbeit zuzusehen, und seit ein paar Wochen wurde dort über die »Diabolic-Bedrohung« debattiert: Auf eigene Faust handelnde Diabolics töteten die Feinde ihrer Herren schon wegen kleinster Beleidigungen, ja, sie töteten selbst Verwandte des ihnen zugewiesenen Kindes, weil sie hofften, so dessen Aussichten zu verbessern. In manchen Familien wurden die Beschützer zum Sicherheitsrisiko.

Ich ahnte, dass der Senat endlich sein Urteil über uns gefällt hatte, denn an diesem Morgen hatte die Matriarchin ihrer Tochter ein Schreiben überbracht – direkt vom Kaiser. Nach einem einzigen Blick auf diese Botschaft hatte Donia sich in die Schnitzarbeit gestürzt.

Seit fast acht Jahren lebten Donia und ich zusammen, wir waren praktisch Seite an Seite aufgewachsen. So fahrig und in sich gekehrt wurde sie nur aus Sorge um mich.

»Was stand in dem Schreiben, Donia?«

Sie fingerte an einem abgebrochenen Statuenklumpen herum. »Nemesis … Diabolics wurden verboten. Rückwirkend.«

Rückwirkend. Folglich betraf das Verbot auch lebende Diabolics. Wie mich. »Der Kaiser erwartet von dir, mich zu beseitigen.«

Donia schüttelte den Kopf. »Das mache ich nicht.«

Natürlich nicht – und für ihre Weigerung würde man sie bestrafen. Ein scharfer Unterton kroch in meine Stimme. »Wenn du es nicht über dich bringst, mich zu eliminieren, nehme ich die Sache selbst in die Hand.«

»Was habe ich gesagt, Nemesis? Ich mache das nicht – und du auch nicht!« Donias Augen blitzten, ihr Kinn hob sich. »Es muss einen anderen Weg geben.«

Donia wirkte nach außen hin seit jeher zahm und schüchtern, doch dieser Eindruck trog. Ich hatte schon lange begriffen, dass unter der Oberfläche eine stählerne Entschlossenheit schlummerte.

Senator von Impyrean, Donias Vater, kam uns überraschend zu Hilfe. Er hegte eine starke Abneigung gegen Randevald von Domitrian, den Kaiser.

Als der Senator seine Tochter um mein Leben flehen hörte, glimmte ein aufsässiges Funkeln in seinen Augen. »Ach, der Kaiser verlangt ihren Tod? Nur die Ruhe, meine Hübsche. Du sollst deine Diabolic behalten. Ich lasse dem Kaiser ausrichten, dass die Hinrichtung vollzogen wurde, und damit ist die Angelegenheit erledigt.«

Da irrte sich der Senator.

Wie in mächtigen Kreisen üblich, bevorzugten die Impyreaner ein Leben in der Isolation, unter Menschen begaben sie sich nur im virtuellen Raum. Der nächste Überschuss, also Menschen, die frei auf Planeten verstreut waren, hauste mehrere Sternensysteme entfernt. Über diese Massen herrschte der Senator von einem strategisch günstigen Rückzugsort aus: Die Familienfestung befand sich in einer Umlaufbahn um einen unbewohnten, von toten Monden umringten Gasriesen.

Entsprechend verblüfft waren wir alle, als Wochen später ein Raumschiff aus den Tiefen des Alls eintraf – ohne Ankündigung, ohne Anmeldung. Der Kaiser selbst schickte es unter dem Vorwand, die Leiche der Diabolic »inspizieren« zu lassen. Doch an Bord war kein simpler Inspektor.

Sondern ein Inquisitor.

Senator von Impyrean hatte den kaiserlichen Unmut gegenüber den Impyreanern unterschätzt und ich lieferte dem Kaiser einen willkommenen Vorwand, einen Agenten in die Familienfestung einzuschleusen.

Inquisitoren waren ein besonderer Menschenschlag: eine Art Priester, aber eigens dafür ausgebildet, den Heiden die Stirn zu bieten und die Dekrete der helionischen Religion durchzusetzen, oftmals mit Gewalt.

Allein der Schrecken des bloßen Erscheinens eines Inquisitors hätte den Senator zum Gehorsam zwingen sollen, doch Donias Vater umging erneut den kaiserlichen Willen.

Der Inquisitor wollte eine Leiche sehen? Dann würde man ihm eine zeigen.

Nur nicht meine.

Eine Servitorin der Familie litt seit Längerem an der Solarkrankheit. Servitoren waren wie Diabolics genetisch auf den Dienst an ihren Besitzern ausgelegt, mussten anders als wir aber keine eigenen Entscheidungen treffen, weshalb sie auch nicht mit dieser Fähigkeit ausgestattet waren. Der Senator führte mich ans Bett der leidenden Servitorin und reichte mir einen Dolch. »Du bist die Expertin, Diabolic.«

Nur gut, dass er Donia in ihre Gemächer geschickt hatte – sie durfte das nicht mit ansehen. Ich drückte die Klinge unter die Rippen der Servitorin. Diese zuckte weder zusammen noch wollte sie fliehen, sah mich nur mit leeren, stumpfen Augen an und war Sekunden später tot.

Erst danach durfte das Schiff des Inquisitors an die Festung andocken. Bei der oberflächlichen Begutachtung der Toten hielt der Inquisitor inne. »Eigenartig. Die Leiche wirkt erstaunlich … frisch.«

An seiner Schulter stand der aufgebrachte Senator. »Die Diabolic litt seit Wochen an der tödlichen Solarkrankheit. Als Ihr unser System erreicht habt, hatten wir gerade beschlossen, ihrem Leiden ein Ende zu setzen.«

»Was allerdings Eurem Schreiben widerspricht.« Ruckartig drehte sich der Inquisitor zum Senator. »Dort hieß es, die Hinrichtung sei bereits erfolgt. Und nun, wo ich die Tote sehe, wundere ich mich über ihre Körpergröße. Recht schmächtig für eine Diabolic, was?«

»Jetzt zieht Ihr also die Leiche in Zweifel?«, dröhnte der Senator. »Hört doch zu – hinter ihr liegt wochenlanges Siechtum!«

Ich beobachtete den Inquisitor von der Ecke aus, in eine frische Servitorenrobe gehüllt, deren wallender Stoff meinen groß gewachsenen, kräftigen Körper kaschierte. Sollte der Mann die Täuschung durchschauen, würde ich ihn töten.

Wozu es aber hoffentlich nicht kommen würde. Den Tod eines Inquisitors zu vertuschen, wäre … kompliziert.

»Würde Eure Familie dem Lebendigen Kosmos den gebotenen Respekt erweisen«, bemerkte der Inquisitor, »wäre Eurem Heim die Geißel der Solarkrankheit womöglich erspart geblieben.«

Zornig schnaufend setzte der Senator zur Erwiderung an, doch in diesem Moment huschte die Matriarchin von ihrem Posten an der Tür herüber und fasste ihren Gatten mahnend am Arm.

»Wie recht Ihr habt, Inquisitor! Wir sind unendlich dankbar für Euren wertvollen Rat.« Dazu lächelte die Matriarchin freundlich. Im Gegensatz zu ihrem Mann brannte sie nicht gerade darauf, den Kaiser herauszufordern.

Schon in jungen Jahren hatte sie den kaiserlichen Zorn zu spüren bekommen – ihre Familie hatte das Missfallen des Kaisers erregt, wofür ihre Mutter büßen musste. Jetzt war sie wie elektrisiert von innerer Unruhe, sie zitterte förmlich vor Eifer, den Gast zu beschwichtigen.

»Es wäre mir eine unbeschreibliche Freude, wenn Ihr unserem Abendgottesdienst beiwohnen würdet, Inquisitor. Vielleicht könntet Ihr uns auf Fehler hinweisen?«, sagte sie in einem süßlichen Tonfall, der nicht recht zu ihrer sonst so giftigen Stimme passte.

»Mit Vergnügen, Grandeé von Impyrean«, antwortete der Inquisitor, nun ein Vorbild an Höflichkeit, nahm ihre Hand und ließ ihre Knöchel über seine Wange gleiten.

Die Matriarchin wich einen Schritt zurück. »Ich beauftrage die Servitoren mit den Vorbereitungen. Diese hier nehme ich gleich mit. Du da – komm.« Mit einer Kopfbewegung forderte sie mich auf, ihr zu folgen.

Ich verließ den Inquisitor nur ungern. Ich wollte ihn auf Schritt und Tritt begleiten und jede seiner Regungen überwachen, doch die Matriarchin ließ mir keine Wahl, ich musste gehorchen wie eine brave Servitorin. Sie führte uns fort von der Kammer, und als sie fernab der Blicke des Inquisitors ihre Schritte beschleunigte, tat ich es ihr gleich. Gemeinsam schlängelten wir uns durch die Korridore zu den Gemächern des Senators.

»Irrsinn«, murmelte die Matriarchin. »Schierer Irrsinn, ausgerechnet jetzt ein solches Risiko einzugehen! Du solltest kalt und starr vor dem Inquisitor liegen. Aber nein, du läufst hier herum!«

Ich warf einen langen, prüfenden Blick auf meine Begleiterin. Für Donia wäre ich jederzeit gestorben, aber sollte ich zwischen meinem Leben und dem der Matriarchin entscheiden müssen, würde ich das ihre opfern. »Plant Ihr, den Inquisitor über meine Identität aufzuklären?«

Noch während ich redete, malte ich mir den Schlag aus, mit dem ich sie töten würde. Ein einziger Hieb auf den Hinterkopf – wozu einen Schrei riskieren? Lärm würde womöglich Donia aus ihren Gemächern locken und es wäre nicht optimal, ihre Mutter vor ihren Augen zu ermorden.

Doch die Matriarchin besaß den Überlebensinstinkt, den man ihrem Gatten und ihrer Tochter gewünscht hätte. Trotz meines ruhigen Tonfalls flimmerte Panik über ihr Gesicht. Aber nur so flüchtig, dass ich es fast für Einbildung hielt. »Niemals. Die Wahrheit wäre unser aller Untergang.«

Damit bewahrte sie sich vor dem Tod. Meine Muskeln lockerten sich.

»Aber wenn du schon am Leben bist«, raunte die Matriarchin, »dann mach dich auch nützlich. Du hilfst mir, die Umtriebe meines Gatten zu verbergen. Dieser Inquisitor wird sicherlich seine Gemächer durchsuchen.«

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Wir hasteten zum Arbeitszimmer des Senators, wo die Matriarchin mit hochgerafftem Kleid durch am Boden verstreute Trümmerteile watete – gotteslästerliche Datenbankfragmente, die die gesamte Familie augenblicklich dem Untergang weihen würden, sollte der Inquisitor sie zu Gesicht bekommen.

»Beeilung.« Mit einer Geste bedeutete sie mir, den Schutt zusammenzukehren.

»Ich bringe sie zum Verbrennungsofen und –«

»Nein.« Die Matriarchin klang verbittert. »Ihre Zerstörung würde meinen Mann bloß animieren, sich Nachschub zu besorgen. Wir schaffen sie nur vorübergehend aus dem Blickfeld.« Als sie ihren Finger in einen Spalt in der Wand schob und herumdrehte, glitt eine Bodenplatte beiseite. Ein Geheimfach.

Dann ließ die Matriarchin sich auf dem Stuhl des Senators nieder und fächelte sich Luft zu, während ich eine Ladung Trümmerteile nach der anderen in das Fach schaufelte, offenbar Überbleibsel von Computern und Speicherchips. In diesem Raum verbrachte der Senator ganze Tage, er reparierte, was noch zu retten war, und übertrug sämtliche Informationen in seine private Datenbank. Voller Begeisterung schmökerte er in seinen Funden und diskutierte diese häufig mit Donia – wissenschaftliche Theorien, technische Konstruktionspläne. Lauter blasphemisches Zeug, lauter Beleidigungen des Lebendigen Kosmos.

Nachdem ich den Computer des Senators zu den Trümmern gestopft hatte, schritt die Matriarchin erneut zur Wand und drehte ihren Finger im Spalt. Die Platte glitt über die Öffnung und ich wuchtete noch den Schreibtisch über das Geheimfach.

Als ich mich wieder aufrichtete, bemerkte ich den scharfen Blick der Matriarchin. »Vorhin auf dem Flur hättest du mich um ein Haar getötet.« Ihre glitzernden Augen forderten mich heraus, es abzustreiten.

Was ich nicht tat. »Ihr wisst, was ich bin, Madam.«

»Oh ja, das weiß ich.« Sie verzog den Mund. »Ein Monster. Ich weiß, was hinter deinen kalten, seelenlosen Augen vorgeht. Deshalb wurden Diabolics zu Recht verboten – die einen beschützen sie, alle anderen müssen sie fürchten. Aber eines darfst du nie vergessen. Sidonia braucht mich. Ich bin ihre Mutter.«

»Eines dürft Ihr nie vergessen. Ich bin Sidonias Diabolic. Mich braucht sie mehr.«

»Was verstehst du schon von der Bedeutung einer Mutter für ihr Kind?«, höhnte die Matriarchin.

Davon verstand ich tatsächlich nichts. Eine Mutter hatte ich nie gehabt. Aber ich wusste: Ich konnte Donia besser beschützen als jeder andere in diesem Universum. Besser als ihre nächsten Verwandten.

Die Matriarchin ließ ein hässliches Lachen los. »Ach, was streite ich noch mit dir? Wenn ein Wesen wie du einen Sinn für Familie hätte, könnten Hunde Gedichte verfassen. Nein, das Entscheidende ist doch, dass wir ein gemeinsames Ziel verfolgen: Meine Tochter ist naiv und gutherzig, und wenn sie außerhalb der Festung in der Weite des Imperiums überleben soll … braucht es vielleicht eine Kreatur wie dich. Aber du wirst nie, niemals, ein Wort über die Geschehnisse des heutigen Tages verlieren.«

»Niemals.«

»Und sollte irgendwer Gefahr laufen herauszufinden, dass unsere Diabolic verschont wurde, löst du das Problem.«

Der bloße Gedanke daran ließ in mir den Zorn hochkochen. Was dachte sie von mir? »Ohne Zögern.«

»Selbst wenn du, um das Problem zu lösen …« Die Matriarchin betrachtete mich mit bösen Vogelaugen. »… bei dir selbst anfangen musst.«

Diese unausgesprochene Frage war keine Antwort wert. Selbstverständlich würde ich für Donia sterben. Donia war mein Universum. Ich liebte nur sie, ihr Überleben war mein einziges Interesse. Ohne Donia wäre meine Existenz sinnlos.

Verglichen damit wäre der Tod eine Gnade.

2

An jenem Abend versammelte sich die ganze Hausgemeinschaft, Menschen wie Servitoren, in der transparenten Kuppel der Heliosphäre an der Spitze der Orbitalfestung. Allen Bitten der Matriarchin zum Trotz nahm sich der Senator nie Zeit für den Gottesdienst – es sei denn, es waren Gäste im Haus. Heute erschien er jedoch – sicherlich, um den Frieden zu wahren, allerdings ohne sein freches Grinsen vor dem Inquisitor zu verbergen.

Soeben hatte der Inquisitor seine Inspektion der Festung abgeschlossen und nichts gefunden, das eine Meldung beim Kaiser gerechtfertigt hätte. Ein kluger Mann hätte sich das Triumphlächeln verkniffen, doch der Senator war ein Narr.

Für den Gottesdienst hatte die Matriarchin dem Gast einen Ehrenplatz direkt hinter der Familie zugewiesen. In drückender Stille beobachteten wir, wie unsere Sonne über die Krümmung des unter uns liegenden Planeten stieg. Das Kristall der Fenster brach ihren Lichtschein genau so, dass er auf bestimmte, mit Spiegeln versehene Punkte im Saal fiel – und für eine Millisekunde sammelten sich all die hellen Strahlen auf einem zentralen Ziel: dem zeremoniellen Kelch. Das Licht entflammte das Öl in seinem Inneren und wir starrten auf das Feuer, während sich der Winkel zu unserem Stern verschob, bis sich das blendende Gleißen wieder zerstreute. Damit begann die Segnung.

»So kam es«, sprach der Priester und hob den brennenden Kelch empor, »dass der Lebendige Kosmos entschied, durch unseren Geburtsstern Helios den Lebensfunken auf dem Planeten Erde zu entzünden. Dieser brachte unsere hochverehrten Vorfahren hervor, damals in den lang vergangenen Zeiten, als die Sterne nichts als ferne Punkte in unendlicher Dunkelheit waren. Damals, als die Menschen noch unter dem Schleier der Unwissenheit weilten und sich der Verehrung von nach ihrem eigenen Bilde erdachten Gottheiten hingaben, weil sie unfähig waren, die göttliche Natur des sie allüberall umgebenden Universums zu erkennen …«

Mein Blick strich langsam durch den Raum, vom angespanntwachsamen Gesicht der Matriarchin zur fast unverhohlen verächtlichen Miene des Senators. Ich musterte den Inquisitor, der konzentriert auf den Hinterkopf des Hausherrens starrte, und schließlich Donia, deren große braune Augen allein auf dem Kelch ruhten, während der Priester die Geschichte des Homo sapiens genesis erzählte. Donia war seit jeher seltsam fasziniert von den alten Legenden über das Ursprungssystem der Menschheit und die Sonne Helios, die Ernährerin der ersten Menschen.

Donia war religiös. Kaum hatte mich die Familie erworben, wollte sie, dass ich den helionischen Glauben annahm, und brachte mich zum Gottesdienst, um den Priester zu bitten, mich mit dem Sternenlicht zu segnen. Noch hatte ich nicht verstanden, was es mit dem Lebendigen Kosmos und der Seele auf sich hatte, aber wenn Donia es so wollte, würde ich mich liebend gerne segnen lassen.

Der Priester weigerte sich. Er belehrte Donia darüber, dass ich keine Seele habe, die den Segen empfangen könne.

»Diabolics sind Schöpfungen der Menschheit, nicht des Lebendigen Kosmos«, sagte er. »In ihnen steckt kein göttlicher Funke, der im Licht des Kosmos erstrahlen könnte. Als Ausdruck des Respekts vor deiner Familie kann die Kreatur der Segnung beiwohnen – aber niemals daran teilnehmen.«

Bei diesen Worten hatte sich ein fremdartiger Ausdruck auf das Gesicht des Priesters und der Matriarchin gelegt, und obwohl ich die Bedeutung von Mimik erst nach und nach begriff, konnte ich ihn entziffern: blanker Ekel. Sie waren angewidert von der Vorstellung, ihr geliebter Lebendiger Kosmos könnte sich auf die Ebene einer Diabolic herablassen.

Aus unerfindlichen Gründen ließ die Erinnerung an diesen Ekel noch bei der heutigen Predigt meinen Magen verkrampfen. Zur Ablenkung studierte ich den Inquisitor, der dem Kaiser später detailliert von seinem Besuch bei den Impyreanern berichten würde. Sollte er einen Mangel an Frömmigkeit feststellen, könnte ein einziges Wort von ihm den Senator in Ungnade fallen lassen. Viel schlimmer: Donia würde ebenfalls in Ungnade fallen.

Sollte ihr etwas zustoßen, was auch immer, würde ich Jagd machen auf den Inquisitor und ihn töten. Ich prägte mir seine stolzen, kalten Gesichtszüge ein. Für alle Fälle.

Der Priester redete und redete, bis der nächstgelegene Stern endlich so freundlich war, hinter die Krümmung des Planeten zu sinken. Damit verfinsterte sich die Heliosphäre, nur der flammende Kelch spendete noch Licht, bis der Priester den Tondeckel darauflegte und so das Feuer löschte.

In der Dunkelheit herrschte tiefe, schwere Stille.

Dann drehte ein Servitor die Lichter auf. Zunächst verließen die Menschen die Heliosphäre: die Impyreaner, der Inquisitor, zuletzt der Priester. Ich folgte unter den Servitoren.

Der Senator begleitete den Inquisitor direkt zur Luftschleuse, bot ihm also keine Übernachtung in der Festung an – eine Beleidigung. Ich schlich in sicherer Entfernung hinterher und konnte dank meines scharfen Gehörs von einem abseits gelegenen Korridor aus ihren Abschiedsworten lauschen.

»Also, wie lautet Euer Urteil?«, fragte der Senator. »Genügt meine Gottesfurcht den Vorstellungen des Kaisers? Oder stimmt Ihr in den Chor derer ein, die mich ›Großer Ketzer‹ nennen?«

»In erster Linie missfällt dem Kaiser Euer Benehmen«, erwiderte der Inquisitor. »Und in dieser Hinsicht wird er kaum eine Verbesserung feststellen. Wenn man Euch reden hört, könnte man fast meinen, Ihr wärt stolz auf den schändlichen Namen, den Ihr Euch erworben habt! Ketzerei ist gefährlich, Grande. Ich rate zur Vorsicht.«

»Senator. So habt Ihr mich zu nennen.«

»Selbstverständlich, Senator von Impyrean.« Der Spott des Inquisitors klang deutlich durch.

Damit waren die letzten Worte gewechselt.

Donia fand ich vor einem Fenster mit Blick auf das Schleusentor, wo sie sich offenbar schon länger aufhielt. Sie rührte sich nicht vom Fleck, ehe das Schiff des Inquisitors gestartet und in der Finsternis verschwunden war. Dann sank ihr Kopf in die Hände und sie brach in Tränen aus.

»Was ist mit dir?«, fragte ich voller Sorge.

»Ach, Nemesis, ich bin so erleichtert!« Mit tränennassem Gesicht sah Donia mich an – und lachte. »Du bist in Sicherheit!« Sie schmiss sich auf mich und drückte mich. »Kapierst du das nicht? Mag sein, dass Vater es sich mit diesem Mann verscherzt hat, aber dir passiert nichts.« Ihr Kopf grub sich in meine Schulter. »Ich könnte nicht leben ohne dich.«

Dieses Gerede kannte ich und ich verabscheute es. Als wäre ich Donias Ein und Alles, während sie doch tatsächlich mein Ein und Alles war.

Donia schluchzte und schluchzte. Also schloss ich sie in die Arme, für mich noch immer ein ungewohntes, fremdartiges Gefühl, und grübelte über das Phänomen des Weinens. Da ich keine Drüsen dafür hatte, konnte ich keine Tränen vergießen, aber alle Tränen, die ich bisher beobachtet hatte, waren aus Leid und Schmerz geflossen.

Wie es aussah, gab es auch solche, die aus Freude entstanden.

Von der Alleinerbin eines Galaktischen Senators wurde erwartet, dass sie nach dessen Eintritt in den Ruhestand den frei werdenden Senatssitz übernehmen würde. Aus diesem Grund musste Donia schon jetzt ihre politischen Instinkte schärfen und lernen, ihre Stimme unter der Grandiloquay zu erheben, der Herrscherklasse des Imperiums – denn in Zukunft müsste sie für stabile Bündnisse mit anderen Familien sorgen und den Einfluss der Impyreaner sichern.

Die einzige Gelegenheit, sich in den Feinheiten des Gesellschaftslebens zu üben, waren die virtuellen Foren. Ich hatte nie eines betreten, wusste aber von Donia, dass sie sich in einer Scheinrealität abspielten, in der man über Avatare kommunizierte.

Zweimal im Monat musste Donia an offiziellen Zusammenkünften in den Foren teilnehmen, um dort andere junge Grandiloquay aus entlegenen Sternensystemen zu treffen. Alle von ihnen waren ausersehen, Machtpositionen innerhalb des Imperiums zu erben. Für Donia waren diese Versammlungen jedoch nur eine ärgerliche Pflicht. Auch heute hingen ihre Schultern während der Vorbereitungen müde herab. Trübsinn zeichnete sie von Kopf bis Fuß.

Wie immer ignorierte die Matriarchin Donias Stimmung. »Der Inquisitor dürfte dem Kaiser inzwischen von seinem Besuch bei uns berichtet haben«, sagte sie. »Und sollte uns dein törichter Vater noch mehr Probleme eingebrockt –«

»Bitte nenn ihn nicht töricht, Mutter. Auf seine Weise ist er ein echter Visionär.«

»… sollte er das getan haben, wird der Kaiser mit seinen Vertrauten darüber geredet haben. Was wiederum deren Kindern zu Ohren gekommen sein wird. Also hör gut hin, Sidonia – auf das, was gesprochen wird, wie auf das Unausgesprochene. Von den Informationen, die du auf diesen Foren sammelst, könnte das Überleben der Familie abhängen.«

Der Matriarchin waren die Zusammenkünfte so wichtig, dass sie stets neben Donia Platz nahm und sich über ein zusätzliches Headset in die Übertragung einklinkte. So konnte sie den Auftritt ihrer Tochter überwachen und ihr Ratschläge – beziehungsweise Befehle – ins Ohr zischen.

Wie immer platzierten sich beide am Computerpult und blickten hinüber in eine Welt, die nur sie sehen konnten. Ich lauschte, wie Donia sich durch belangloses Geplapper stammelte. Unterlief ihr mal ein Fehltritt, wurde sie zur Strafe von der Mutter gezwickt.

Ich musste mich an jedes bisschen Selbstbeherrschung klammern, um nicht zur Matriarchin zu marschieren und ihr den Arm zu brechen.

»Habe ich dir nicht erklärt, dass gewisse Themen gemieden werden müssen?«, fauchte sie. »Was fragst du denn nach dem Sternennebel!«

»Ich wollte nur wissen, ob er so schön war, wie alle behaupten«, rechtfertigte Donia sich.

»Ist mir egal, wieso du gefragt hast. Die Tochter des Großen Ketzers darf sich nicht in einer Weise äußern, die als Interesse an Wissenschaft missgedeutet werden könnte.«

Etwas später sagte die Matriarchin: »Da! Der Avatar von Salivar Domitrian. Bald wird man sich um eine Audienz bei ihm prügeln müssen! Schnell, mach ihm deine Aufwartung, bevor ihn die anderen sehen.«

Und ein paar Minuten darauf: »Was lungerst du bei dieser Menschentraube herum, Sidonia? Bei diesem unbedeutenden Volk?! Nichts wie weg, sonst denken die Leute noch, du wärst hier unter deinesgleichen.«

Einmal verkrampften sich sowohl Donia als auch die Matriarchin. Ich drückte den Rücken durch, den Blick auf ihre Köpfe gerichtet – wen hatten sie gesehen, dass sie derart nervös wurden? Die Hand der Matriarchin zuckte herüber und packte Donias Schulter.

»Im Umgang mit der Pasus-Tochter ist größte Vorsicht geboten …«

Pasus.

Die Augen zusammengekniffen, lauschte ich Donias nervösem Wortwechsel mit Elantra Pasus. Es konnte nur Elantra sein. Über die Pasier wusste ich Bescheid, denn ich betrachtete es als meine Pflicht, mich mit allen Feinden der Impyreaner vertraut zu machen – mit Donias Feinden. Vor einem Jahr hatte ich in der Liveübertragung aus dem Senat verfolgt, wie Senator von Pasus voller Schadenfreude Donias Vater an den Pranger gestellt hatte. Mit ihren gesammelten Stimmen hatten Pasus und seine Verbündeten, die eifrigsten Helioniker im Senat, eine offizielle Rüge wegen »Ketzerei« erwirken können. Das war ein heftiger Schlag für den Ruf der Impyreaner, den die Matriarchin ihrem Mann bis heute nicht verzeihen konnte.

Auch ich nahm dem Senator insgeheim vieles übel, gefährdete er doch seine Tochter durch sein öffentliches Gerede über Themen, über die man zu schweigen hatte. Er zweifelte am Verbot naturwissenschaftlicher Lehren, er hing seltsamen Idealen an und stürzte sich mit absurder Begeisterung ins Lernen. Auch zu diesem Zweck klaubte er alte Forschungsdatenbanken zusammen, jene Wissensspeicher, die die Matriarchin und ich in aller Eile vor dem Inquisitor verborgen hatten. Der Senator glaubte, die Menschheit müsse sich erneut dem Studium der Naturwissenschaften widmen, und bedachte dabei nie die Auswirkungen seines Tuns auf die Familie.

Er handelte unverantwortlich.

Nur wegen ihm mussten sich Donia und die Tochter von Senator von Pasus nun in scheinbarer Friedfertigkeit üben, als wären ihre Väter nicht die größten Rivalen.

Donia hielt das Gespräch nicht lange durch, bald entschuldigte sie sich und ging.

Zu meiner Überraschung klopfte die Matriarchin ihr auf die Schulter. »Gut gemacht.« Ein solches Lob war selten.

Nach einer Ewigkeit durfte Donia sich endlich das Headset vom Kopf zupfen, ihre Augen umrandet von dunklen Schatten der Erschöpfung.

»Dann wollen wir mal über deine Leistung sprechen.« Gebieterisch erhob sich die Matriarchin. »Tabuthemen hast du geschickt umgangen, in Gesprächen hast du angemessene Vorsicht walten lassen. Aber was hast du falsch gemacht?«

Donia seufzte. »Sagst du’s mir nicht sowieso gleich?«

»Du wirkst kleinlaut«, schimpfte die Matriarchin. »Bescheiden! Mehrere Male habe ich dich stottern gehört – dich, eine künftige Senatorin! Du kannst dir keine Schwäche erlauben. Schwäche ist ein Zeichen von Unterlegenheit und wir Impyreaner sind niemandem unterlegen. Eines Tages wirst du die Familie anführen, und wenn du nicht lernst, mit mehr Bestimmtheit aufzutreten, wirst du alles verspielen, was dir deine Vorfahren vermacht haben! Dank der Idiotie deines Vaters lechzen andere Grandiloquay bereits danach, unseren Platz einzunehmen. Tausend neidische Granden und Grandeén würden den Untergang der Ketzerfamilie bejubeln! Dein Vater scheint ja fest entschlossen zu sein, uns zu ruinieren. Nimm ihn dir bloß nicht zum Vorbild.«

Erneut seufzte Donia, während ich die Matriarchin unbemerkt und unbeachtet von der Zimmerecke aus studierte. Manchmal hatte ich den Verdacht, dass ich ihre Klugheit besser zu schätzen wusste als Donia selbst. Donias Selbsterhaltungstrieb war nur schwach ausgebildet, in ihrer behüteten Kindheit war sie nie darauf angewiesen gewesen. Dass sich jederzeit Feinde aus der Dunkelheit anschleichen könnten … diese Vorstellung war ihr fremd.

Ich war anders. Mich hatte keiner behütet.

Für jede Ohrfeige und jedes Zwicken, mit dem die Matriarchin ihre Tochter traktierte, hätte ich sie in Stücke reißen und ihre Knochen zermalmen können – doch zugleich sah ich die kalte, erbarmungslose Weisheit hinter ihren Warnungen. Sie glaubte aufrichtig, ihre Strenge und Schroffheit seien nur zu Donias Bestem. Aufgrund ihres ausgeprägten Überlebensinstinkts erkannte die Matriarchin die Gefahr, die der Senator durch seine dreisten, eigensinnigen Äußerungen über die Familie brachte. Unter den Impyreanern schien nur sie zu begreifen, was für ein bedrohliches Signal der Inquisitorenbesuch war.

Die Matriarchin schleppte Donia zum Senator, um ihre Kritik vor diesem zu wiederholen – sicherlich in der Absicht, ihm sein gefährliches Versagen in der Vaterrolle vor Augen zu führen. Meist begleitete ich die beiden, aber heute bot sich mir eine einmalige Gelegenheit.

Donias Netzhautscan war noch im Computerpult gespeichert.

Nur ein kurzer Blick, sagte ich mir und näherte mich dem Pult. Ein einziges Mal könnte ich die Avatare der Aristokratenkinder mit eigenen Augen sehen … meine einzige Chance, die Gefahren am Horizont aus erster Hand einzuschätzen. Ich würde einfach jedes Gespräch meiden.

Kaum setzte ich das Headset auf, wurde ich von einer Welle der Orientierungslosigkeit überrollt. Die Umgebung wandelte sich, mit einem Ruck fand ich mich in Gestalt von Donias Avatar auf einer Glasplattform zwischen anderen Glasplattformen wieder – umgeben von gähnendem Weltall.

Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen. Angestrengt schluckte ich herunter und sammelte mich. Als der Schwindel verging, nahm ich nach und nach andere Avatare wahr – rundherum tummelten sich junge Granden und Grandeén in kostbarster Kleidung und lachten in einem leeren Raum, den sie in der Realität keine Sekunde überlebt hätten. Sie wurden von künstlich übersteigertem Sternenlicht angestrahlt, das die übernatürliche Schönheit ihres selbst erwählten Erscheinungsbilds betonte.

Im vollen Bewusstsein, dass ich Donias Avatar nutzte, stieg ich langsam die Kristalltreppe zwischen zwei Plattformen hinauf. Ich bewegte mich, wohin mich mein Geist zog, vorbei an Avataren, die mich anscheinend nicht bemerkten. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, hielt ich mich ganz still. Nur ein paar Personen grüßten mich, verblüfft von Donias plötzlicher Rückkehr, aber nicht misstrauisch.

Gesprächsfetzen wurden an meine Ohren getragen.

»… das anregendste Rauschmittel …«

»… Zierlichter müssen in Maßen implantiert werden, sonst sieht es schnell protzig aus …«

»… ein unsagbar plumper Avatar. Was hat sie sich nur dabei …«

Erleichterung durchströmte mich – an diesem Ort wurden nichts als Belanglosigkeiten ausgetauscht! Auch nach einigen Minuten des Lauschens drang nichts an meine Ohren, das auf irgendwelche Verschwörungen schließen ließ. Das waren Kinder. Verwöhnte, geistlose Kinder mächtiger Familien, die sich an ihrem Status berauschten.

Sollten sich unter diesen jungen Grandiloquay gefährliche Schlangen verborgen haben, wussten sie ihre Natur entweder so geschickt zu verschleiern, dass man ihre Fangzähne nicht sah, oder sie hatten ihr Gift noch nicht ausgebildet.

Da sprach mich jemand von hinten an.

»Wie aufmerksam Ihr das Geschehen verfolgt, Grandeé Impyrean.«

In der Realität zuckte ich zusammen. Ich hatte gedacht, ich stünde am äußersten Rand der Menschenmenge! Im echten Leben hätte sich niemand hinter mir anpirschen können, doch meine virtuellen Sinne waren unterentwickelt, darauf war kein Verlass.

Als ich mich umdrehte, sah ich mich einem einzigartigen Avatar gegenüber.

Ganz und gar einzigartig.

Der junge Mann war vollkommen nackt.

Über meinen schockierten Blick lächelte er bloß und nippte gelangweilt an einem Weinkelch – eine Spiegelung von dem, was er in der Realität gerade trank.

Mit der strahlenden Perfektion der anderen Avatare hatte der Kerl wenig gemein. Er stellte seine Makel geradezu zur Schau: ein zerzauster Schopf kupferfarbener Haare, Augen von einem erstaunlichen, fast grotesken Hellblau, sein Gesicht gesprenkelt von zarten Sonnenflecken. Sommersprossen – dieses Wort kam mir bei seinem Anblick in den Sinn. Selbst seine Muskulatur war nicht nach der neuesten Mode gefertigt. Schon nach kurzer, eindringlicher Betrachtung bemerkte ich die leichte Asymmetrie. Seine Schönheitsbots hatten ihn im Stich gelassen … oder hatte er sich seine Muskeln etwa durch echte Anstrengung verdient?

Ausgeschlossen. Von dieser oberflächlichen Bande würde sich doch kein Einziger freiwillig verausgaben.

»Und jetzt, Grandeé …«, bemerkte der Kerl mit leichtem Amüsement, »mustert ihr mich ebenso aufmerksam.«

Das stimmte. Ich legte das allseits bekannte Verhalten eines Diabolic an den Tag: Ich fixierte den Fremden mit einem bohrenden Raubtierblick, den kein echter Mensch über diese Dauer durchgehalten hätte. In meinen Augen spiegelte sich nichts, kein Gefühl, außer ich täuschte es vor. Die Matriarchin sagte häufig, dieser Blick sträube ihr die Nackenhaare. Meine wahre Natur schimmerte selbst durch Donias Avatar.

»Verzeiht.« Meine Zunge stolperte über den ungewohnten Ausdruck. Von einer Diabolic wurden keine Entschuldigungen erwartet. »Ihr müsst doch damit rechnen, dass Ihr Blicke auf Euch zieht.«

»Ach, trage ich ein derart faszinierendes Gewand?«

Das verwirrte mich. »Ihr tragt überhaupt kein Gewand.«

»Unsinn!«, rief er, offenbar ehrlich aufgebracht, direkt beleidigt. »Meine Techniker haben mir versichert, dass die Programmierung dieses Avatars dem Modegeschmack des Imperiums schmeichelt.«

Ich zögerte, nun wirklich ratlos – ein ungewohntes, extrem unangenehmes Gefühl. Er musste doch nur an sich hinabblicken, um festzustellen, dass er unbekleidet war? War das … Humor? Ein Scherz? Hatten ihn nicht schon andere auf seine Nacktheit hingewiesen? Das musste ein Witz sein.

Aber ich traute mir kein künstliches Lachen zu, dafür waren Diabolics nicht geschaffen. Lieber eine unverfängliche Bemerkung: »Eine hervorragende Darbietung gebt Ihr da.«

»Darbietung?« Kurz nahm seine Stimme eine unterschwellige Schärfe an, die sich bei den nächsten Worten wieder abmilderte. »Wie kommt Ihr nur darauf?«

Was hätte Donia geantwortet? Mir wollte nichts einfallen und so zwang ich mich bloß zu einem Lächeln. Deutete ich sein Verhalten völlig falsch? »Wer so bewusst die Blicke anderer auf sich zieht, dem muss es doch gefallen, sich selbst darzustellen?« Gleichzeitig schlich sich ein merkwürdiger Gedanke in meinen Geist, eine Lehre, die ich aus vergangenen Kämpfen gezogen hatte: Eine Finte in die eine Richtung offenbart häufig eine Schwachstelle auf der anderen Flanke des Gegners. »Oder wollt Ihr die Blicke der Leute in die eine Richtung lenken, damit etwas anderes übersehen wird?«

Ein seltsamer Schatten zog über die Miene des Burschen – die blassen Augen verengten sich, Anspannung ließ markante Gesichtsknochen hervortreten und für einen Moment glaubte ich zu erkennen, wie er als reifer Mann aussehen würde. Er erinnerte mich an jemanden, aber an wen?

»Verehrte Grandeé Impyrean«, sagte er sanft, »was für interessante Vorstellungen Ihr von mir habt.« Ohne auch nur zu blinzeln, beugte sich der Avatar ein wenig näher zu mir. »Vielleicht sollten sich gewisse Personen, die Euch nahestehen, in ebenjener Taktik üben.«

Dieser Satz ließ mich aufhorchen und in meiner Kehle drängte eine Frage nach oben: Was meinte er damit? Was wollte er andeuten? War das eine Warnung? Aber ich schwieg. Donia hätte nichts gesagt, und sollte ich mich irren …

Zu weiteren Worten kam es nicht. In diesem Augenblick versammelten sich mehrere Avatare um uns, warfen sich vor dem Nackten auf die Knie, führten dessen Knöchel an ihre Wangen und ergingen sich in albernen Schmeicheleien.

»Eure Hoheit, welche Freude, dass Ihr uns mit Eurer Anwesenheit beehrt!«

»Was für ein herrliches Gewand Ihr für Euren Avatar ausgewählt habt!«

»Ein wundervoller Stoff!«

Mit einem Schlag begriff ich, wen ich vor mir hatte. Ich erkannte die Ähnlichkeit zu seinem Onkel – dem Kaiser.

Direkt vor mir, nackt und bloß, aber ohne Scham, stand Tyrus Domitrian. Tyrus, der Successor Primus. Der Jüngling, der eines Tages den Thron besteigen würde.

Selbst ich hatte von Tyrus gehört. Beim Abendmahl schmunzelten die Matriarchin und Senator von Impyrean häufig über seine neuesten Eskapaden. Tyrus war die Schande des Imperiums, denn er war durch und durch wahnsinnig. In seiner geistigen Umnachtung hatte er vermutlich nicht mal begriffen, dass er nackt war, und niemand wagte, den Thronfolger darauf hinzuweisen.

Niemand außer mir.

In kleinen Schritten wich ich von der Menschentraube zurück, durchdrungen vom kribbelnden Entsetzen, eine Katastrophe angerichtet zu haben.

Noch viele Minuten nach dem Ausklinken aus dem Forum pulsierte der Schrecken durch meinen Körper.

Ich hatte geglaubt, ich könnte mein Wissen über die verwöhnten jungen Grandiloquay erweitern und so zu einer noch effektiveren Beschützerin werden. Stattdessen hatte ich Donia ins Blickfeld eines berüchtigten Irren gerückt – der die Macht besaß, sie zu zerstören.

3

»Vielleicht sollten sich gewisse Personen, die Euch nahestehen, in ebenjener Taktik üben.«

In den folgenden Tagen klang mir Tyrus Domitrians Andeutung in den Ohren wie eine unüberhörbare Warnung und doch … und doch wusste ich nicht, wie viel ich auf die Worte eines Wahnsinnigen geben sollte.

Die Familie der Domitrianer galt als »sonnenverflucht«, da so viele ihrer Mitglieder jung starben – dahinter lauerte allerdings eines dieser »offenen Geheimnisse«, von denen jeder wusste, aber niemand wissen wollte: Der Kaiser und seine Mutter hatten fast alle Rivalen um den Thron getötet, von den nächsten Verwandten war nur Tyrus übrig. Womöglich war er in den Wahnsinn abgeglitten, weil er mit ansehen musste, wie ein Großteil seiner Familie von den eigenen Angehörigen ermordet wurde.

Noch am selben Abend, sobald Donia aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters zurückgekehrt war, erzählte ich ihr von Tyrus’ Worten, die sie aber mit einem Achselzucken abtat. »Tyrus hat im Wahn gesprochen. Man darf ihn nicht ernst nehmen. Und bitte zerbrich dir nicht den Kopf, ob ihm dein vielleicht etwas merkwürdiges Verhalten in Erinnerung bleiben könnte … seine Besuche auf den Foren scheint er immer sofort zu vergessen.« Donia lächelte schief. »Schade, dass du nicht jedes Mal an meiner Stelle hingehen kannst. Wenn ich mir dieses Geplapper sparen könnte, hätte ich mehr Zeit, die Sterne zu beobachten.«

Donia befand sich in einem seltsam benebelten Zustand – wie immer, wenn sie mit ihrem Vater über alten Forschungsdatenbanken gebrütet hatte. An solchen Abenden verfiel sie in einen verträumten Optimismus, als hätten sich die Mysterien des Universums vor ihr offenbart.

Eigentlich wollte ich mich nicht vom Thema abbringen lassen, von Tyrus’ Andeutung und den drohenden Gefahren, doch als Donia neben sich auf die Matratze klopfte, konnte ich nicht Nein sagen. Ich legte mich zu ihr und eine merkwürdige Wärme umgab mich, ein Gefühl der Vertrautheit. Schon in meinen ersten Tagen in der Festung hatte Donia sich an mich geschmiegt wie … wie eine Schwester, schätze ich, und leise mit mir gesprochen. Als wären wir zwei Freundinnen, zwei Gleichgestellte. Manchmal hatte sie mir Geschichten zugeflüstert und später sogar Bilder von Buchstaben gezeigt. Sie wollte mir unbedingt Lesen beibringen. Ein paar Wochen später konnte ich es.

Heute erklärte sie mir einige der Entdeckungen, die sie und ihr Vater im Arbeitszimmer gemacht hatten. »Ich habe dir doch erzählt, dass unsere Körper aus winzigen Atomen bestehen, sogenannten ›Elementen‹? Jetzt kommt das Unglaubliche, Nemesis. Rate mal, woher die Elemente stammen.«

Ich spürte ihre Schläfe an meiner Schulter und empfand eine unerklärliche Milde, die nur Donia in mir auslösen konnte. »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Sag’s mir.«

»Aus dem Inneren von Sternen! Stell dir nur vor.« Verzückt streckte sie den Arm in die Höhe. »Jedes Teilchen unseres Körpers ist in einem Stern entstanden. Weil es nur dort zur Kernfusion kommt, so nennt man diesen Vorgang.« Sie unterdrückte ein Gähnen. »Findest du das nicht seltsam? Dass wir denkenden Wesen nichts als geformter Sternenstaub sind? Eigentlich sind sich die Helioniker und die alten Wissenschaftler einig, aber das begreift niemand.«

Ich dachte darüber nach und wog die Konsequenzen ihrer Worte ab. Sollte das wahr sein, wäre die ganze Welt ein Erzeugnis der funkelnden Lichtpunkte vor dem Fenster: das Bett, die Wände der Festung …

Donia lächelte schläfrig. »Was habe ich dir gesagt? In dir steckt derselbe göttliche Funke wie in mir. Ich hatte recht, Nemesis. Von Anfang an.«

Damit nickte sie ein, und nachdem ich noch eine Weile das träge Auf und Ab ihres Brustkorbs beobachtet hatte, glitt ich aus dem Bett, legte mich drüben auf meine Pritsche und grübelte weiter über Donias Worte. Eine Art Abgrund öffnete sich in meinem Inneren. Donia besaß das Temperament ihrer Mutter und die Neugier ihres Vaters, aber mehr Güte als beide zusammen.

Sie könnte zu einer bedeutenden Frau heranreifen. Ihr könnte gelingen, was ihr Vater nie geschafft hatte – eine Brücke zu schlagen zwischen den beiden Parteien im Senat, die Helioniker mit jenen zu vereinen, die eine Rückkehr zur wissenschaftlichen Forschung anstrebten. Falls sie bis dahin überlebte.

Sie würde überleben.

Glühende Entschlossenheit jagte durch meinen Körper.

Solange ich noch einen Atemzug tun konnte, würde ich Donia beschützen und so würde sie überleben.

Wie oft hatte ich die Geschichte schon gehört, von Donia oder vom Priester? Es war einer der zentralen Mythen der Helioniker: Vor Jahrhunderten dienten fünf Planeten einzig und allein dazu, auf riesigen Supercomputern die gesammelte naturwissenschaftlich-technische Weisheit der Menschheit zu speichern. Dann wurden sie auf einen Streich von einer gigantischen Supernova hinweggefegt – ein Weckruf für die Helioniker, die glaubten, dass der Lebendige Kosmos durch die Sterne seinem Willen Ausdruck verlieh. Der Interdikt, das geistliche Oberhaupt der Helioniker, erklärte die Zerstörungswelle der Supernova zum Akt Gottes.

Für das Imperium war die Supernova ein verheerender Schlag, doch der damalige Kaiser konnte sein wankendes Reich einen, indem er einen helionischen Kreuzzug ausrief. So zerstörten die Gläubigen systematisch alle übrigen Stätten des naturwissenschaftlich-technischen Wissens und das Studium von Naturwissenschaft und Mathematik wurde als Gotteslästerung untersagt. Seit diesen Tagen war keine neue Technologie geschaffen worden – die einzigen existierenden Raumschiffe und Maschinen waren vor der Supernova von den Vorfahren konstruiert worden. Diese Raumschiffe flogen noch, weil sie von Maschinen instandgehalten wurden, die wiederum von anderen Maschinen instandgehalten wurden, aber allmählich verfielen all diese Apparaturen. Und alle Technologie lag allein in den Händen der Grandiloquay.

Der Überschuss, also Menschen, die unter imperialer Herrschaft auf Planeten angesiedelt waren, konnte lediglich auf Maschinen zurückgreifen, die ihm leihweise von seinen Herren aus der Grandiloquay überlassen wurden. Und da jede Beschäftigung mit Naturwissenschaften als Blasphemie galt, würden diese Menschen nie eigene Raumschiffe bauen können.

Die Stabilität des Imperiums stand und fiel mit dieser Kluft zwischen Überschuss und Grandiloquay.

Senator von Impyrean, der im Senat gegen das Verbot naturwissenschaftlicher Studien anredete, gefährdete diese Machtverhältnisse. Die Stippvisite des Inquisitors machte deutlich, dass der Kaiser nicht gewillt war, seinem Treiben länger tatenlos zuzusehen.

Doch der Senator schlug die Warnung in den Wind.

Eines Abends übermittelte der Kaiser den Impyreanern eine Botschaft. Daraufhin brach ein Gebrüll aus, das mich aus dem Schlaf riss, während Donia dank ihres schwächeren Gehörs friedlich weiterschlummerte. Ich huschte von meiner Pritsche in den Korridor und schon im Atrium fand ich die beiden: Im Nachtgewand prügelte die Matriarchin auf die erhobenen Arme ihres Gatten ein, der sich unter den Schlägen krümmte.

»Narr! Du Narr! Dachtest du, niemand kommt dahinter? Deine Dummheiten haben unsere Familie zerstört!«

Ich machte ein paar schnelle Schritte und riss die rasende Matriarchin zurück, eine stattliche Frau, die meinen Kräften dennoch nicht gewachsen war. Der Senator stolperte nach hinten und richtete sich die Tunika.

»Idiot! Scheusal! Uns alle hast du ruiniert!«, kreischte die Matriarchin, unermüdlich gegen meinen Griff ankämpfend.

»Liebste.« Der Senator breitete die Arme aus. »Es gibt Dinge, die sind wichtiger als das Überleben Einzelner.«

»Und was ist mit unserer Familie? Unserer Tochter?! Alles ist verloren!« Die Matriarchin fuhr herum und packte mich. »Du!« Ihr grimmiges Starren verhakte sich an meinen Augen. »Bring mich fort von hier! Ich ertrage seine Gegenwart nicht mehr!«

Nach einem langen, prüfenden Blick auf den aufgewühlten Senator führte ich seine Gattin aus dem Atrium. Sie zitterte in meinen Armen. Wie eine gebrechliche Alte brachte ich sie in ihre Gemächer, wo sie sich prompt auf einen Stuhl fallen ließ und die Hände in ihr Gewand krampfte. »Verloren … Wir sind verloren …«

»Was ist geschehen?«, fragte ich. »Sagt’s mir. Sofort.«

Der Matriarchin hatte niemand Befehle zu erteilen. Aber sollte Donias Leben gefährdet sein, musste ich auf der Stelle informiert werden.

»Was soll schon geschehen sein?«, erwiderte die Matriarchin. »Mein Mann hat sich offen gegen den Kaiser gewandt! Und der Narr hielt sich auch noch für besonders clever! Weil sich der Kaiser strikt weigert, das Verbot naturwissenschaftlicher Studien zu lockern, wollte mein blödsinniger Gatte einen Umweg nehmen – und so hat er ein paar Überschüssige mit Informationen aus seinen albernen Datenbankruinen versorgt!«

»Überschüssige?«, wiederholte ich schockiert. War der Senator wahnsinnig? »Legt er es darauf an, hingerichtet zu werden?«

Ihre Lippen kräuselten sich. »Mein Schwachkopf von einem Mann dachte, er könnte den Kaiser in Zugzwang bringen. Er dachte, wenn sich dessen schlimmste Befürchtungen bewahrheiten und der Überschuss eigene Raumschiffe entwickelt, würde der Kaiser die Grandiloquay bedrängen, im Gegenzug ebenfalls welche zu bauen. So wollte er den Kaiser von seiner Sicht der Dinge überzeugen.« Ein bitteres Lachen. »Natürlich hat er sich verrechnet. Der Kaiser hat die aufsässigen Überschüssigen töten lassen. Und eben hat er uns mitgeteilt, dass ihm die Beteiligung meines Gatten an dem Desaster sehr wohl bewusst ist.«

Ich atmete scharf ein. »Madam. Der Senator wird zur Gefahr für die ganze Familie. Lasst mich …«

»Du wirst ihn nicht töten.« Die Matriarchin schnellte hoch. »Kapierst du nicht, dass es dafür zu spät ist? Der Kaiser setzt uns die Klinge aufs Genick. So weit ist es schon. Und wie üblich ist es an mir, die Dummheiten meines Mannes geradezubiegen.« Die Augen geschlossen, atmete sie ein paarmal tief durch. »Im Moment können wir nur abwarten. Komme, was wolle, wir beide werden meine Tochter gegen alle Gefahren absichern – um jeden Preis.«

»Um jeden Preis.« Und wenn ich Donia an einen sicheren Ort entführen müsste, ich würde nicht zögern.

Die Matriarchin umkrallte mein Handgelenk. »Sidonia darf keinen Wind davon bekommen. Das nächste Gesellschaftsforum steht kurz bevor – dort darf man ihr nicht das leiseste Schuldgefühl anmerken. Wirkt Sidonia völlig unwissend, wird sich das zu den Eltern der anderen herumsprechen. Wüsste sie von der Angelegenheit, könnte sie die anderen niemals täuschen. Meine Tochter hat viele Talente, aber eine geschickte Lügnerin ist sie nicht.«

Nachdenklich nickte ich. Donias Unschuld war ihr bester Schutz. Nichts konnte sie so gut von den drohenden Gefahren abschirmen wie ihre Unwissenheit. Nicht mal ich.

»Von mir erfährt sie nichts«, versprach ich.

Donia war keine Lügnerin.

Ich schon. Zum Glück für sie.

Als ich mich später in Donias Schlafgemach schlich, regte sie sich und rieb sich die verklebten Augen. »Nemesis? Stimmt etwas nicht?«

»Nein«, flüsterte ich sanft. »Ich war nur etwas unruhig. Hab eine Weile trainiert.«

»Pass nur auf …« Sie gähnte. »… dass du dir … keine Zerrung holst.«

Ich verzog die Lippen zu einem Lächeln. »Das passiert mir doch nie. Schlaf jetzt wieder.«

Und sie gehorchte. Sie versank im tiefen Schlaf der ganz und gar Unschuldigen.

Ich lag bis zum Morgen wach.

Der nächste Streich des Kaisers folgte bald. Ich wurde in die Gemächer der Matriarchin gerufen.

Dass sie direkt nach mir schickte, kam nur selten vor und sofort packte mich die Nervosität. Als ich eintrat, lag die Matriarchin auf ihrem Niedrigschwerkraftbett, wo sie sich von einem Schönheitsbot ihre grauen Haarwurzeln färben und die Falten aus dem Gesicht streichen ließ. Auf den ersten Blick sah sie aus wie Mitte zwanzig – die sogenannte Scheinjugend. Nur ihre Augen verrieten ihr wahres Alter. Kein junger Mensch hätte mich mit einem solchen Starren belegen können.

»Nemesis. Ich hatte mir gerade eine Opiatmassage gegönnt. Willst du nicht auch?«