Verlag: Emons Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die abenteuerliche Reise des Pieter van Aackeren in die neue Welt E-Book

Meinrad Braun  

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E-Book-Beschreibung Die abenteuerliche Reise des Pieter van Aackeren in die neue Welt - Meinrad Braun

Ein packender historischer Roman. Amsterdam 1701: Um einer Anklage wegen Ketzerei zu entgehen, macht sich der junge Pietist Pieter van Ackeren auf den beschwerlichen Weg in die niederländische Kolonie Suriname. Auf seiner Reise begegnet er Seemännern und Sklavenhändlern, Indianern und Wissenschaftlern, der Malerin Maria Sibylla Merian – und seiner großen Liebe, die ihm sein Glaube jedoch verbietet. Zwischen unbändiger Natur, roher Gewalt und christlichen Missionaren sucht Pieter nach seiner ganz eigenen Wahrheit.

Meinungen über das E-Book Die abenteuerliche Reise des Pieter van Aackeren in die neue Welt - Meinrad Braun

E-Book-Leseprobe Die abenteuerliche Reise des Pieter van Aackeren in die neue Welt - Meinrad Braun

Meinrad Braun, geboren 1953, ist Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Mannheim. Er schrieb bisher drei Kriminalromane mit der Titelfigur des Psychiaters Sebastian Sailer. Der erste, »Das Schwedengrab«, erschien bereits im Emons Verlag. Weitere Titel des Autors: »Casa dei Nani« (Erzählung, 2005, Verlag der Autoren); »Winterreise« (Roman, 2006, Axel Dielmann Verlag).

Dieses Buch ist ein Roman. Die Handlung ist frei erfunden, wenngleich in ein historisches Umfeld eingebettet. Einige Personen, wie beispielsweise Maria Sibylla und Dorothea Merian, Ereignisse, Zeitangaben und Schreibweisen sind historisch belegt, einige sind es nicht oder nicht in heutiger Lesart verwendet.

Im Anhang befindet sich ein Glossar.

© 2017 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: akg-images/PAULD STEWART/SCIENCE PHOTO LIBRARY, akg-images Umschlaggestaltung: Nina Schäfer eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-237-3 Roman Originalausgabe

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Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine suchen hat seine Zeit. Töten hat seine Zeit, Heilen hat seine Zeit. Zerreißen hat seine Zeit, Zunähen hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit.

Aus: Prediger Salomo, Kohelet 3,1–7

Überfahrt

Wenn du den Herrn, deinen Gott, suchst,so wirst du ihn finden.

1

Pieter van Ackeren stand an der Reling. Kein Wind wehte, er hatte nur das träge Meer um sich, dessen undurchsichtige Oberfläche alles Licht in ein schmerzhaftes Gleißen verwandelte. Seit Tagen lag das Schiff in den Kalmen westlich von Cabo Verde und rührte sich nicht mehr, als wäre mit dem Wind der Mut von ihm gegangen oder als sei es von einem Trotz befallen, mit dem es die strafen wollte, die auf ihm fuhren. Und nichts wies darauf hin, dass diese Lähmung ein Ende nehmen könnte.

Der Schweiß rann über Van Ackerens Gesicht, obwohl der schwarze Predigerhut seinen Kopf schützen sollte, der einzige Hut, den er besaß, der aber nicht gemacht für eine Seereise und für die Sonne tropischer Breiten.

Man hörte leises Singen. Eine Knabenstimme, die Mühe hatte, die Wörter zu formen, ein paarmal neu ansetzte, ohne die Melodie zu verlieren. Solkers brauner Sklave sang, ein schönes, biblisch anmutendes Kind aus Batavia mit flinken Augen, der Einzige an Bord, der in der Kapitänskajüte ein und aus gehen durfte.

Die hochbordige Fleute rollte um ihre Längsachse, ohne sich vom Fleck zu rühren. Masten und Spieren ächzten, Taue knarrten in den Blöcken, schlugen gegen die Masten. Van Ackeren schaute hinunter auf seine Hände, die auf dem schwundrissigen Holz der Reling lagen. Immer galt es, sich irgendwo festzuhalten; auch wenn kein Wind wehte, hörte ein Schiff nicht auf, sich zu bewegen, selbst an der Pier konnte es nicht ruhig liegen bleiben.

Und nun war man schon drei Wochen unterwegs in dieser hölzernen Kammer aus Luft, die die Menschen am Leben zu halten vermochte auf der unbarmherzigen See, eine Bußkammer und ein Gefängnis, in dem sie alle zusammengepfercht waren für zwölf lange Wochen von Amsterdam nach Suriname. Das Schiff ein Ort, dem man nicht entrinnen konnte, erfüllt vom Dunst der Leiber, der Ausscheidungen, dem Gestank der Schweine und Hühner in ihren Ställen, des schimmelnden Lederzeugs und des in den Fässern verfaulenden Dörrfleischs. Heimstatt der Ratten und Klangkörper für die Geräusche von vierzig Menschen, die ihre Bedürfnisse und ihre Nöte miteinander teilen mussten. Und darunter, wie die Hölle ein noch tieferer Ort war als das Elend der Welt, befand sich das Sklavendeck mit den achtzig angeketteten Negern aus Cabo Verde, deren Jammern man Tag und Nacht auf dem Schiff hören musste.

Die Schiffsglocke wurde einmal angeschlagen.

Der wimmernde Klang breitete sich aus, und Van Ackeren überlegte, wie weit man die Glocke wohl über dem Wasser hören konnte. Er entschied: sehr weit.

Heute früh war ein Kind geboren worden. Eine der Frauen auf dem Armendeck kam nieder, wie zu erwarten gewesen, da sie schon hochschwanger an Bord gekommen war. Man konnte sich denken, dass die Schlepper in Amsterdam die Kneipen und Hurenhäuser abgeklappert hatten und schließlich in den letzten Morgenstunden noch die Gassen am Hafen, so sie ihre Liste noch nicht voll hatten. Unterschriften brauchte es nicht, ein Daumenabdruck genügte, und auch der ließ sich später noch hinzufügen. Wer konnte schon schreiben von dem halben Dutzend Weibspersonen, die vor dem Großmast der Fleute in einer gemeinsamen Kajüte ihre armselige Heimstatt hatten und ihr Schicksal erwarteten. Wenn sie Glück hatten, wurden sie in den Kolonien verheiratet, dort, wo weißhäutige junge Frauen gesucht waren, und jemand kaufte den Kontrakt, den sie mit der Compagnie geschlossen hatten.

Die Schiffsglocke wurde zum zweiten Mal angeschlagen.

Der zweite Ton eilte dem ersten hinterher, ohne ihn zu erreichen. Van Ackeren schaute noch immer auf seine Hände. Das Kind, das zur Welt drängte, hatte wie eine Wunde den Stillstand der Reise durchbrochen. Die Geburt schuf ein Ereignis, das stärker war als die Lethargie des hilflos in der Hitze daliegenden Schiffes.

War nicht, dachte Van Ackeren traurig, eine Geburt der erste Akt einer großen Hoffnung? Und war nicht Christus selbst diesen Weg gegangen, und gerade deshalb?

Während die Schreie der Frau letzte Nacht jeden Winkel des Schiffes erreicht hatten, bis die Schweine einstimmten, die, wie man inzwischen sattsam zur Kenntnis nehmen musste, zu den sensibelsten Mitfahrern zählten, war Van Ackeren ein heftiger Schwindel angekommen. Sein Herz hatte zu rasen begonnen, wie oft, wenn er einer Sache nicht ausweichen konnte, wenn sich keine Tür für ihn auftat, noch nicht einmal die Pforte der Erklärungen oder das Gebet, das ihm meistens heraushalf. Sechs Stunden lang schrie die Kreißende ohne Unterlass wie ein verletztes Tier. Ihr Becken sei zu eng, meinte am Morgen die robuste Leydenerin, auch sie eine vom Armendeck. Sie habe, sagte die Frau zu ihrer stumm bleibenden Umgebung gewandt, während sie ein nasses Tuch auf den prallen Bauch der Gebärenden presste, ja schon manches Sündenkind auf diese erbarmungslose Welt gezerrt. Aber wer wisse, was für ein Riesenkerl dem Mädchen das Kind gemacht habe; mit sechzehn Jahren sei sie vielleicht alt genug gewesen, in sein Bett zu kriechen, aber selbst doch noch ein Kind, Gottverdammich. Und schaute beim Fluchen über die stöhnende Frau gebückt zu Van Ackeren hin, der dastand und in die Kabine hineinsah, den Vorhang halb zurückgezogen, weil er helfen wollte. Helfen, ja. Und das Weibsbild gab dazu ein Lachen, in dem kein Mitleid war, bloß Selbstgewissheit.

Er ließ den Vorhang wieder zurückfallen, welcher als Tür diente für die Mittellosen, deren Aussichten sich nur durch ihre Hautfarbe unterschieden von denjenigen der Neger, deren achtzig ein Stockwerk tiefer in Ketten lagen. Für den Fall, dass man sie verschmähte, kostete der Kontrakt die Frauenzimmer fünf Jahre Arbeit, und danach mussten sie sich für fünf weitere verschulden, was die meisten von ihnen nicht überlebten, wenn sie in dieser Zeit nicht noch einen Ehemann fanden, der sie freikaufte. Sie zahlten noch nicht genug mit ihrer Arbeit und mit ihrem Leben.

Aber weil die Welt so ist, braucht sie Gottes Wort, und das kostet keinen roten Heller.

Das Heil ist nicht käuflich.

Van Ackeren bewegte seine Finger, als wolle er die Reling fester angreifen. Weiche Finger und saubere Nägel. Für die er sich schämte, seitdem er an Bord gegangen war, weil sie keine Spuren von Arbeit aufwiesen.

Zuerst hatte er dem Schreien der Frau nicht entgehen können und bei Tagesanbruch nicht dem plötzlichen Anblick des Kindes, das schließlich dunkelblau zur Welt kam mit der Nabelschnur um den Hals. Und die Leydenerin, die’s in Händen hielt, schrie plötzlich nach einem Messer.

Ein Anliegen, dessen entsetzliche Dringlichkeit Van Ackeren erst begriff, als es schon vorüber war. Als das lavendelfarbene Kind tot in den Schatten eines Niedergangs gelegt wurde, wo jemand einen Rupfensack darüberwarf, während die aufgehende Sonne mit dem neuen Tag das Schiff aufs Neue mit der Wucht ihrer Strahlen überfiel. Eine halbe Stunde später, nachdem die Leydenerin die schluchzende Frau hinter dem Vorhang auf dem blutgetränkten Schragen von der Nachgeburt befreit hatte, taufte Van Ackeren in einer hastigen Zeremonie den toten Säugling, weil niemand sonst auf die Idee gekommen wäre, solches zu tun.

Vielleicht, meinte die Leydenerin, als sie mit blutigen Händen herauskam und bemerkte, was er gerade tat, könne er der Mutter gleich noch die Letzte Ölung spenden, das dumme Gör sei noch nicht über den Berg. Dazu warf sie das rostige Bootsmesser neben den kleinen Leichnam, und Van Ackeren, der dabeikniete, musste sich mit einem Mal fühlen wie der Zeuge einer Mordtat. Er versuchte, das Messer zu ignorieren, und mühte sich, sein Herz zu öffnen für das neugeborene Menschlein, dessen Augen für immer geschlossen bleiben würden. Kleine Schlitze bloß, durch die nie jemand die Welt sehen würde, das Mündchen eine offene Blüte. Ein Mund, der nie an einer Brust trinken, nie ein Wort in einer menschlichen Sprache sprechen würde.

Auch Capitain Solker war hergekommen. Vielleicht von jemandem gerufen.

Blieb stehen, warf einen Blick auf das tote Kind, das neben seinen Seestiefeln lag. Spuckte aus und verlangte mürrisch von Van Ackeren, er solle, wenn er mit der Taufe fertig sei, gleich seinen Beitrag zu der fälligen Bestattung leisten, da er ja hier mangels eines kanonischen Priesters wohl den Zuständigen gebe. Und entfernte sich mit festen Schritten, gefolgt von seinem braunen Sklavenjungen, der flink seine unberechenbaren Augen über Van Ackeren gehen ließ, den schönen Mund wie zum Pfeifen gespitzt und den flügelschlagenden Papagei an seiner Kette auf der Schulter festhaltend. Noch im sich entfernenden Knarren der hohen Stiefel meinte man den Groll des Capitains darüber herauszuhören, dass bei dem ganzen Lärm und Aufruhr auf seinem Schiff nichts Nützliches herausgekommen war.

Man solle doch, rief einer der Matrosen, die gerade am Seileflicken waren, das krepierte Balg einfach über Bord werfen, dann spare man sich weitere Mühe. Andere müßig herumhockende Seeleute wetteiferten mit anzüglichen Kommentaren, bei welchen sie die Kindsmutter auf derbe Weise einzubinden wussten, und wieder einmal wurde Van Ackeren das Deck der Fleute mit seinen siebzig Fuß Länge zu klein.

Sein Herz begann zu rasen, und er musste sich entfernen, so weit ihm möglich war, bis ans andere Ende des Schiffes, weiter ging es nicht. Wenigstens das aufgegeite Beiboot wollte er zwischen sich und die ungehobelten Rüpel bekommen.

Bis eine der Frauen zu ihm kam und ihm bedeutete, dass es so weit sei. Er folgte ihr und traf die Weibspersonen allesamt an der Reling stehend an, in ihren fadenscheinigen Kattunkleidern, die Hauben auf den gesenkten Köpfen. Sonst war niemand da. Bloß ein Matrose, an den Mast gelehnt, mit einem leeren Sack in der Hand, einen Stein in der anderen, seinen Priem kauend.

Stumm standen die Frauen an Deck, die Hände gefaltet, und schauten ihn an, der nun die richtigen Worte sprechen sollte. Er blickte in ihre jungen Gesichter, die meisten um einiges jünger noch als er, und er war doch eben erst zweiundzwanzig Jahre alt geworden an Matthäi.

Einen Segensspruch sagen. Das Licht suchen, das in uns ist. Immer da und in jedem, unbedingt, von Beginn an, weil wir so geschaffen sind. Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, schaute er nicht zum Wasser hinunter. Hörte aber das Plumpsen, mit dem der Sack über Bord ging. Sah hernach den Totengräber mit schlenkernden Armen breitbeinig davonstaksen.

Van Ackeren stand noch immer an der Reling.

Die ruhelose Wasserfläche formte Spiegelungen des blauen Himmels. Weich irrte das Bild über flache Kämme und sanfte Wirbel, ein tiefes Blau mit einer Komposition, wie sie das prunkvolle Deckenbild einer papistischen Kirche aufweisen könnte.

Er suchte und fand darauf sich selbst. Ein dunkler Umriss mit breitkrempigem Hut, der über die Reling hinausragte und seine Kontur beständig änderte, wie alles, was von dem trügerischen Spiegel der See gezeigt wurde.

Neben ihm tauchte ein zweiter Schatten auf.

Als ein Rinnsal ins Meer hinunterplätscherte und den irisierenden Spiegel mit platschenden Ringen verunzierte, wandte sich Van Ackeren empört dem pissenden Matrosen zu, der ihn angrinste, während er ungerührt zu Ende kam, sein Gemächt schüttelte und den Hosenlatz wieder heraufzog. Seinen Blick frech auf Van Ackeren ruhen ließ, derweil er sich die Hafteln festband.

Der Gedemütigte wandte sich ab, erneut auf der Flucht. Im Davoneilen musste er daran denken, dass Gott nach Auffassung der alten Gelehrten keinen Schatten wirft, wohl aber der Teufel.

Am 12.Februar 1701

Heute habe ich ein tot geborenes Kind getauft und sogleich auch müssen bestatten. Es war schwer, die richtigen Worte dafür zu finden, mein GOTT, aber ich habe es dennoch versucht. Die arme Mutter, im wahrsten Sinne arm, denn sie zählt zu denen sechs ärmsten Passagieren, den Kolonistenfrauen, die mit uns an Bord sich befinden, lag noch darnieder, selbst dem Tode nah. Ich habe vor dem toten Knäblein und den wenigen Anwesenden von Marien gesprochen und von dem großen und furchtbaren GOTT, der uns ins Leben lässt und uns auch wieder zu sich nimmt. Dem GOTT, der dieses Kind in seinem unerforschlichen Ratschluss auf dem Weg in die sündhafte Welt dazu auserkor, ohne Umwege sogleich zu ihm zurückzukehren und sich den Seligen anzuschließen. Und hat ihm der HERR damit das Irdische genommen, aber auch viele Irrwege erspart und das Unendliche geschenkt.

Man hat mir nicht viel Zeit gegeben, zu sprechen, obgleich auf dem Schiff derzeit nichts anderes getan werden kann, als auf Wind zu warten. Piet Solker, der Capitain, zeigt sich als ein barscher Mensch, der wohl seinen Respekt haben mag vor der Kirche, wie er uns auch täglich zusammen beten lässt, aber nichts zulassen will in seiner kleinen Welt, was ihm überflüssig scheint und seinen Principiis widerspricht. Nun war aber das Kind von mir getauft, auf den Namen Benedikt, den Heiligen des heutigen Tages, da anscheinend niemand, auch nicht die Mutter, einen Namen wusste, und GOTT gab mir danach die Kraft, ein würdiges Begräbnis für ihn zu verlangen. Es mag an den Beschränkungen liegen, die uns hier an Bord gar nichts erlauben, jedenfalls fand der Capitain, dass ein Kartoffelsack und ein Stein darin für die Procedur ausreichten, an der die Mannschaften und er selbst nicht teilnahmen.

Eine halbe Stunde nachdem der kleine Leichnam versunken, erschien indessen etwas Seltsames über der See, das wir zuerst für eine dunkle Wolke halten mussten. Ein paar von den Matrosen erhoben sich und wollten schon an die Taue gehen, um das Schiff für eine Sturmböe zu rüsten. Sogar der Capitain wurde herbeigerufen, als wir gewahr wurden, dass dieselbe dunkle Wolke, ohne dass eine Spur von Wind zu spüren war, sich auf unerklärliche Weise dem Schiff näherte. Als sie indessen über uns angelangt, sahen wir, dass sie aus Tausenden und Abertausenden von Schmetterlingen bestand, welche gleich einem blauen Regen über dem Schiff herabkamen, wo sie sich allesamt auf den Masten und Spieren niederließen.

Nach kurzer Zeit waren das Schiff, seine Aufbauten, die Segel und alles an Deck von den Tierchen bedeckt, die still nebeneinander sich festhielten, gleich Schiffbrüchigen, und bloß ihre azurblauen Flügel viele Male öffneten und schlossen. Die Seeleute fingen gleich damit an, die Schmetterlinge totzuschlagen. Sie sind von ständigem Aberglauben durchdrungen; was sie nicht verstehen, macht ihnen Angst. Die Tierchen indessen flohen nicht. Sie flatterten nur hin und her, als müsse dieser Blutzoll gegeben werden dafür, dass sie einmal rasten durften auf ihrer Reise, die sie wer weiß wohin führt.

Nach einer Stunde verließen sie uns. Alle flogen auf einmal fort, als stünde ein Entschluss dahinter. Wie sie in die Höhe flatterten, wollte es für Augenblicke scheinen, als stiegen Rauchschwaden empor, und es machte den Anschein, als habe das Schiff Feuer gefangen. Über unseren Köpfen fanden sich die Falter wieder in einer Wolke zusammen und flogen über das sonnenbeschienene Meer davon, ihre kühne Wanderschaft fortzusetzen.

2

Master Pitt saß auf der Marsrah. Seinem schwankenden Lieblingsplatz, von dem aus er das ganze Schiff überblicken konnte. Seine kleinen, dicht beisammenstehenden Augen von der Farbe alten Genevers waren unablässig in Bewegung, es trieb ihn ein nie verlöschendes Bedürfnis, Unheil anzurichten. Zunächst, weil es ihm pures Vergnügen bereitete. Geert Varte behauptete, in Pitt stecke der Geist eines gottverdammten Puritaners, und Puritaner seien von Grund auf verdorben, was sie schließlich auch nicht müde würden zu bekennen. Zum anderen sicherten Pitt seine Streiche die Aufmerksamkeit der Matrosen und nicht selten auch einen leckeren Bissen von irgendetwas– Pitt verschmähte auch Kautabak nicht, den ihm der zuwarf, der gerade nicht der Geschädigte war. Der Affe trug sein besticktes, mottenzerfressenes Jabot, das ihm Vartes braunhäutige Liebste in Manila als Beweis ihrer Hingabe einmal genäht haben soll.

Pitt fing eine Laus und zerknackte sie zwischen den menschlich anmutenden Nägeln von Daumen und Zeigefinger, ohne hinzusehen. Er konnte seinen Blick jetzt nicht mehr von dem jungen Mann lösen, der mit schwarzem Hut in schwarzer Kleidung zwanzig Ellen tiefer im Schatten des knatternden Großsegels an Deck stand und in einem Buch las, sich dabei halb auf der Nagelbank sitzend an den Mast gelehnt hatte.

Dreihundert Fuß über Van Ackeren und über Master Pitt, hoch in der blauen Luft, schwebte mit zehn Fuß spannenden Schwingen seit Stunden ein weißer Albatros. Das stampfende Schiff unter ihm schien eine mit den hellen Flecken der Segel besetzte Muschel, die auf der glitzernden Oberfläche des Meeres einen weißen Streifen hinter sich herzog.

Van Ackeren, der nicht ahnt, was der Affe vorhat, und nichts weiß von dem Vogel über ihm, hält sich am gespannten Marsfall fest und gleicht die Bewegungen des Schiffes mit den Beinen aus.

Die Seekrankheit mit ihren schlimmen Gestionen hat ihn zum Glück inzwischen verlassen. Man fährt mit gemächlichen drei Knoten westwärts, angeschoben von einem stetigen Wind, der vor zwei Tagen eingesetzt hat und von dem man annehmen kann, dass er die »Marije van Flanderen« dorthin bringen wird, wo der tropische Passat ihn ablöst, der nie zu wehen aufhört und die Reisenden mitnehmen wird bis zu ihrem Etappenziel, der Insel Sint Eustacius, und von dort weiter südwärts zur fernen Küste von Niederländisch-Westindien.

Vorläufig aber befindet sich das Schiff noch auf dem westlichen Atlantik, dessen blau schimmernde Dünung sich neben dem Schiff heraufreckt, als wollten die Wellen, dass man ihnen dabei zusehe, wie sie seinen schweren Rumpf auf ihre glänzenden Rücken nehmen und einander weiterreichen, mit schmatzenden Berührungen dabei nicht geizen und sich in Schaumnetzen verflüchtigen, um Platz für die nächste der Wellen zu machen, die sich in unerschöpflicher Folge hintereinanderdrängen auf ihrer Reise nach Westen.

Unter dem großen Vogel, der sich einen Büchsenschuss hoch über dem Schiff hielt, lag die ganze Einsamkeit des Meeres ausgebreitet, dessen faltige Oberfläche bis hin zum Horizont reichte, von Wolkenbänken gesäumt, die in der nachmittäglichen Sonne wie Gletscher leuchteten. Die Sonne spiegelte sich als gelber Punkt in den hellen Jägeraugen des Vogels, die alles sahen: den nach unten starrenden Affen in der Takelage, den Matrosen an der leewärts gelegenen Reling, der sich außenbords zum Scheißen an den Rüsten festklammerte, den Rudergänger, der unter seinem Palmblatthut hervor Tabakrauch in den Wind paffte und von einem glatzköpfigen Gesellen mit goldenem Ohrring gerade eine entkorkte Flasche Schnaps zugesteckt bekam, die beiden blasshäutigen jungen Frauen, die im Schatten des Hochdecks miteinander flüsterten, den Matrosen mit dem grauen Zopf, der sie lüstern beobachtete, die Hand in der Tasche dazu hin und her bewegend, und die beiden jungen Kerle, die gerade Geld zählend hintereinander in die Luke hinunterstiegen, die in das Sklavendeck führte, und sich noch einmal umsahen, ehe sie die Klappe über sich schlossen. Der Albatros sah auch die dunklen Schatten von zwei großen Haien, die das Schiff ein paar Faden tief nahe der luvseitigen Bordwand begleiteten.

Master Pitt auf seinem luftigen Ausguck zerknackte noch eine Laus.

Was er über Menschen wusste, hatte ihn zu der Überzeugung geführt– soweit ein Makakenaffe Überzeugungen entwickelte–, dass sie eine plumpe, aber reizbare Sorte Affen darstellten, die man nicht ernst zu nehmen brauchte. Sie waren dumm und laut, aber sie hatten Pitt bislang nichts Ernsthaftes angetan. Während einer langweiligen Seereise, von denen Pitt schon einige hinter sich hatte, boten sie jedenfalls genügend Abwechslung.

Pitt beendete sein Anstarren Van Ackerens. Er hangelte sich Hand über Kopf an der Backbordbrasse der Marsrah entlang, wo das geblähte Marssegel ihn vor Blicken von Deck her schützte. Danach hatte er vor, mit einem kühnen Sprung auf die beigeholte Bramrah zu wechseln und von dort aus in die Wanten zu gelangen. Von da war es ein Leichtes, nach unten zu klettern, Van Ackeren das Buch aus der Hand zu reißen und damit nach oben zu rasen. Es wäre nicht das erste Buch, das Pitt erbeutet hatte. Mit Genuss erinnerte er sich daran, wie er einmal im Großmasttop das Psalterbuch eines Matrosen zerfledderte, während der Eigentümer sechzig Fuß tiefer auf Deck die Fäuste schüttelte und brüllte wie eine gestochene Sau. Die Prügel, die Pitt danach bezog, hatten ihn umso mehr davon überzeugt, dass das Ganze eine große Sache gewesen war.

Van Ackeren liest in den Schriften Labadies. Er liest von den Auserwählten und vom gottseligen Leben, vom Glauben, der den letzten Kreis erschließt, den Kreis der Erwählten von Zion.

In Luv bricht aus einem Wellenkamm eine Schule fliegender Fische heraus und schwebt wie eine Schar silberglänzender Heuschrecken mit schwirrenden Flügeln durch die Luft, um einen Steinwurf weiter mit dem Aufspritzen, das eine Fuhre Kieselsteine verursacht hätte, in die See zurückzufallen.

Van Ackeren lässt das Buch sinken. Sein Mund formt die Worte: »Das Licht ist in dir. Alle Wesen werden von Gott geliebt. Du selbst bist das Licht, Gott ist in dir, du musst ihn nur finden, er wartet nicht irgendwo auf dich. Das, was du tust, bringt ihn zum Vorschein, nicht das, was du denkst.«

Acht Wochen war es her, da hatte man ihn nachts aus dem Bett geholt, in den Keller des Amsterdamer Rathauses gesperrt und tags darauf vor den Rat zitiert, ohne dass er zuvor seine Eltern hatte sehen dürfen: Besitz zersetzender Schriften, die auf den Index gestellt waren. Die Finger der Ratsherren klopften auf den geschnitzten Eichentisch, jedes Wort ein trockener Klang. Es gebe Kunde, dass er sich in Zirkeln getroffen habe, die Namen wurden aufgesagt, einer nach dem anderen. Das Traktat des jungen Eiferers lag neben der beringten Hand, die klopfte. Weiß die Knöchel, die alten Finger wie Klauen gekrümmt. Van Ackeren durfte gehen, danach.

Der erschrockene Vater erwirkte bei der Compagnie eine Einladung nach der Brüderkolonie Suriname, Neu-Niederland. Welche Maßnahme vom Rat der Stadt ästimiert worden war, weil Reisen läutert und Abstand schafft, bis das Gerede verstummt ist und der Brand in jungen Herzen wieder ausgehen kann, was meistens nicht lange dauert. Zurück blieben die unmündige Schwester und der kränkelnde jüngere Bruder. Aber Pieter van Ackeren fühlte sich gerufen. Das Diesseitige mochte seinen Gang gehen. Er hatte einen Weg vor sich.

Master Pitt befand sich inzwischen auf der Luvbrasse der Bramrah, zehn Fuß noch über dem Mann mit dem schwarzen Hut. Den eingerollten Schwanz in die Höhe gereckt, begab er sich zu den Wanten, um seine Attacke auszuführen.

Van Ackeren starrt über das schräg stehende Deck, ohne etwas zu sehen.

Die junge Frau, die das Kind gebar, das er sich zu taufen und zu bestatten ermächtigte. Er hat von ihr nichts gesehen als ein Paar kraftlos herunterhängende weiße Arme und Beine, das aufgelöste rote Haar und die blutgetränkten Tücher auf dem Schragen. Noch nie in seinem Leben hat er so viel Blut gesehen. Die Leydenerin mochte er nicht nach dem Namen der Frau fragen, und in der Musterrolle wollte er nicht nachsehen lassen, dazu hätte er dem Capitain seine Neugier offenbaren müssen. Vielleicht, denkt er, hat sie ja wirklich ihr Leben wie viele seit dem zwölften Jahr in einem Hurenhaus verbracht. Die Schwangerschaft, die sie nicht zu verhindern wusste, hätte ihr und dem Kind das hartselige Stücklein Brot noch weggenommen, das sie mit ihrem traurigen Gewerbe verdiente. Vielleicht war sie darum fortgegangen.

Und dann die Leydenerin. Diese feste Person, die doch schon recht alt und gut über dreißig Jahre zählen mochte. Dennoch den Eindruck machte, dass sie die harte Arbeit in der Kolonie überstehen könne. Und die beiden jungen Frauen aus Brügge, die sich, hatten sie mit leisen Stimmen erzählt, als Netzflickerinnen die Finger wund spannen, jeden Tag, so lange das Licht reichte, und das für einen halben Stuiver, und die nun hofften, in der Kolonie ein besseres Leben zu finden, wenn man sie erst verheiratet habe. Sklaven täten dort die Arbeit, hätten sie erzählen hören, und brauchten dabei bloß beaufsichtigt zu werden. Beide Frauenspersonen im gleichen Alter wie seine Schwester Greetje, sechzehn oder siebzehn Jahre, aber aus ihren jungen Gesichtern schaute einen das Misstrauen der Armut an, das nicht weit weg von Klugheit liegt. Die um ihr Brot kämpfen, wissen, dass man es immer noch schlechter treffen kann.

Van Ackeren wusste nichts zu solchen Eröffnungen zu sagen. Er hatte nicht die rechten Worte bereit, die Herzen einfacher Menschen flogen ihm nicht zu. Aber er will sich Mühe geben, das ist, was er tun kann zu Ehren Gottes.

Seine Finger umklammern das Buch Labadies.

Ihm hat man einfach geschenkt, was die verkauften Seelen im Armendeck buchstäblich mit dem Leben bezahlten: die Überfahrt nach Suriname. Weil die West-Indische Compagnie und ihr ehemaliger Direktor Johannes de Laet von frommer Denkungsart geleitet waren und einen jungen Mann aus angesehener Familie, der in Genf und in Waltha gewesen war, auf die Fürsprache der Eltern hin an Bord nahmen. Wobei er nicht gefragt hatte, wie viele Gulden dafür den Besitzer wechselten.

Er sieht die Eltern wieder am Pier stehen im Dämmerlicht der Frühe, den Vater mit dem altmodischen Hut und der Halskrause wie eine Geistererscheinung, die Mutter mit der Haube, die Schwester weint an ihrer Schulter. Den Bruder, der von der schon fahrenden Schute auf die Pier zurückspringt, nachdem er ihm die Hand gegeben hat. Der nur »Also dann, Pieter« sagte, ihn dabei nicht ansehen wollte, allein gelassen mit einer zu schweren Bürde.

Während die Pferde die Treckschute fortzogen, hinein in die Nebel des frühmorgendlichen Amsterdam, standen sie da, selbdritt, wie unbediente Puppen in einer Aufführung, die keiner besucht. Niemand winkte ihm. Aber das Heil ist nicht käuflich.

Pitt, der wie eine Spinne über Van Ackeren in den Wanten hing, nahm Maß für den Sprung. Einer hinunter an Deck, dann einer zum Buch und wieder einer zurück ins Rigg, das brauchte Finesse, aber das war Pitt egal. Er war so angestochen von seinem Vorhaben, dass er es jetzt einfach tun musste. Er sprang, ein brauner Blitz mit flüchtig wahrnehmbarem Brokatornament des Jabots, federte auf dem Deck auf und hechtete nach dem Buch in Van Ackerens Hand. Da traf ihn, der schon beide Arme ausgestreckt hatte, etwas Hartes am Kopf. An Pitts Ohr knallte es, und alles wurde dunkel.

»Drecksaffe, vermaledeiter!«, knurrte Varte, der mit wiegenden Schritten über das Deck herankam, an Van Ackeren vorbeiging und den eichenen Belegnagel aufhob, den er nach dem Affen geworfen hatte. »Die Bestie klaut alles, Herr Aspirant«, erklärte er, während er den Affen, der an Deck lag wie ein Bündel Lumpen, am Schwanz griff und ihn mit Schwung hinter die Treppe am Poopdeck warf.

»Ist er tot?«, wollte Van Ackeren wissen. Den »Herrn Aspiranten« mochte er nicht korrigieren, aus Furcht, sonst von dem Bootsmann, der für seine scharfe Zunge bekannt war, noch mehr vexiert zu werden.

Varte grinste ihn an. »Ach, woher. Der hat einen harten Schädel. Er hätte Euer Brevier zerrissen und sich damit den Arsch gewischt, verzeiht.«

Van Ackeren murmelte: »Ich danke Euch.« Ihm war nicht wohl vor dem wässrigen Blick des Matrosen.

Varte zuckte die Achseln. In seinem Mund wechselte ein dicker Priem von links nach rechts. Geschickt spuckte er einen braunen Strahl an Van Ackeren vorbei über die Reling. »Und was werdet Ihr anfangen, wenn Ihr erst dort seid, in Neu-Niederland, junger Herr?«

»Ich werde nach Providentia gehen und zusammen mit meinen Brüdern und Schwestern Gottes Wort verkünden«, sagte Van Ackeren, der Mühe hatte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen, weil Vartes Interesse ihn weiterhin eher beunruhigte als erfreute. Aber Varte nickte bloß.

»Tut das, tuet desgleichen.« Er streifte Van Ackeren mit einem schwer zu deutenden Blick seiner alterstrüben Augen, blaue Fenster in dem ledernen, von der Sonne verbrannten Gesicht. »Man wird Euch brauchen können, wo Ihr hingeht«, setzte er mit überraschendem Ernst hinzu.

»Wart Ihr«, traute sich Van Ackeren nun, »seid Ihr denn… schon mehrmals in der westindischen Kolonie gewesen?«

Varte schob die Unterlippe vor. Ein wenig brauner Saft rann heraus. Er wischte ihn mit dem Handrücken ab. »Wir bleiben nicht lange in Para Maribo, es sei, dass man uns dazu zwingt. Der Fluss ist verdammt tückisch und die Luft nicht gesund. Alles voller Mücken. Man bekommt Fieber davon. Und wegen der maledeiten Franzmänner aus Cayenne, verzeiht, muss das Schiff beständig unter Wache liegen. Das Land besteht aus Sümpfen, und die sind voll von giftigem Kroppzeuch. Spinnen, Skorpione, Schlangen. Nicht zu reden von den Banditen und Indianern. Abgehauene Negroes leben dort und Rothäute, die fressen Menschen, sagt man. Wir sehen zu, dass wir Ladung bekommen, und verschwinden wieder. Es sei denn, die Herren Pflanzer lassen uns auf Kosten der Compagnie vorher noch ein Weilchen für sich schuften.« Varte zupfte eine Laus aus seinem Bart und schnippte sie mit dem Wind über das Deck. »Nichts für ungut, Herr Aspirant. Ich sehe jetzt mal nach dem verdammten Vieh.« Er tippte an eine unsichtbare Hutkrempe und wiegte sich nach hinten zum Poopdeck.

Van Ackeren sah, wie der Matrose den Affen aufhob und ihn in den Arm nahm. Pitt jammerte leise vor sich hin. Er reckte die dünnen Arme und legte sie um Vartes Stiernacken wie ein kleines Kind.

3

Kapitän Solker sagte zu dem Jungen, er solle sich anziehen und ihm Kaffee holen. Aus den offenen Fenstern des Achterkastells hatte der Wind die Gardinen nach draußen gezogen und ließ sie in die Sonne hinausflattern. Das Licht, das in die Kajüte hereinkam, zeichnete den Umriss des nackten Jungen hart und scharf wie einen Scherenschnitt, und Solker, der ihm vom Bett aus zusah, rührte sich nicht, weil er sich angesichts von so viel Schönheit vorstellte, er wäre jetzt tot und die Zeit dürfe stehen bleiben für immer. Der Junge streifte sein Kattunhemd über und lief aus der Tür. Dem Kapitän entfuhr ein Knurren, er wusste nicht, warum. Vielleicht weil die Zeit jetzt wieder angefangen hatte zu laufen.

Es zeigte sich, dass der Wind um einiges zugelegt hatte. Man musste ein paar Grad höher steuern, um die Drift auszugleichen, sonst wurde man zu weit nach Süden versetzt, und das konnte er nicht gebrauchen. Zudem lief das Schiff luvgierig, und der Tölpel am Ruder merkte es nicht. Man hörte bis hier drin, wie die Lieke flatterten, nach dem einfallenden Wind gierten und ihn nicht kriegten. Ach, das Hirn eines Rudergängers war einfach nicht dafür eingerichtet, etwas Selbstständiges zu tun. Man würde hingehen und es ihm anweisen müssen. Aber wenigstens Varte hätte es merken und ein Wort reden können, aber der war wohl wieder unter Deck beschäftigt.

Solker kramte nach seinen Beinkleidern und nach den Seestiefeln. Als er den Fuß auf den Boden aufsetzte– er tat es, ohne nachgedacht zu haben–, schoss aus der geschwollenen Großzehe ein Blitz durch seinen Leib, der ihn die Augen zupressen ließ vor dem lavendelfarbenen Licht des Schmerzes und in seinen Hinterkopf einschlug. Solker krallte die Hände in das Leinentuch und biss die Zähne zusammen, bis der Schmerz abebbte. Danach gelang ihm das Kunststück, die Hose anzuziehen, ohne den Stoff mit der Zehe zu berühren. Nun hockte er keuchend auf seiner Pritsche und starrte den rechten Stiefel an. Er überlegte, ob er mit dem gichtigen Fuß überhaupt hineinkam oder ob er sich gleich Fußlappen umbinden sollte. Aber dann sieht jeder, dachte Solker, dass ich alt bin. Das sollte sie nicht sehen, die Lumpenbagage, mit der er zur See fuhr. Sie würden es ausnützen und ihn hinters Licht führen, noch mehr, als sie es ohnehin taten.

Der brasilianische Ara schaukelte in seinem quietschenden Ring und starrte zu dem Kapitän herüber. Aus seinem Schnabel kam ein Geräusch wie von einem schlecht geölten Scharnier. Mit dem langen Schwanz glich er das Rollen des Schiffs geschickt aus und knabberte an seinem tadellosen Gefieder, ohne den verschlagenen Blick von Solker zu nehmen. Der war inzwischen halb in seinem Stiefel drin. Mit zusammengebissenen Zähnen schaffte er sich Zoll für Zoll weiter hinein, er wollte, dass der Schmerz nachließ, wenn der Junge mit dem Kaffee zurück war, also jetzt oder nie. Er konnte aber den Schrei nicht unterdrücken, der ihm entfuhr, als er den geschwollenen Zeh vollends in das beinharte Leder hineingezwungen hatte.

Als habe er nur darauf gewartet, antwortete der Papagei mit einem krächzenden: »Aaa-ttackeee!«

»Halt’s Maul, Gottverdammich!«

Solker schnaufte. In seinem Fuß pulsierte es, als haue ein ausgeruhter Schmied mit dem Zweipfundhammer auf seinen Zeh ein, und sein Schließmuskel wollte sich öffnen, weil irgendetwas nachgeben musste. Mit Mühe und mit zugekniffenem Hintern kam er auf die Beine. Wankte zu seinem Waschtisch. Dort starrte er in den Spiegel, während er sich beidhändig an den festgeschraubten Sekretär klammerte und darauf wartete, dass der Schmerz nachließ. Aus dem halb blinden Glas sah er den alten Mann, der er war, zurückstarren. Die fetten Backen, seine herunterhängenden Tränensäcke, die weißen, drei Tage alten Bartstoppeln. Den schlecht rasierten Schädel, auf dem die Läuse nicht heimisch werden konnten, dafür feierten sie Vivat in der verhassten Perücke, die in der Ecke auf ihrem Ständer hing.

»Aaa-ttacke!«, schrie aufs Neue hinter ihm der Papagei.

»Attacke«, flötete der Javanese als Antwort, der eben mit dem Tablett hereinkam. Darauf standen eine türkische Kaffeekanne und ein Kupferkoppchen mit Holzstiel.

»Ja, ja. Attacke«, murmelte Solker und warf dem Jungen einen wütenden Blick zu, der sich mit großen Augen und schief gelegtem Kopf entfernte, als könne er Gedanken lesen.

Der Kapitän ließ sich, noch immer mit zusammengekniffenen Hinterbacken– er schafft es jetzt nicht bis zu dem kleinen Scheißhaus am Ende der Kajüte– auf den Schemel vor dem Sekretär sinken, die Augen zusammengekniffen. In solchen Momenten der Verzweiflung musste er an die »Ooranjie« denken, auf der er vor fast vierzig Jahren Pulverjunge war. Wie ein Fluch kamen die Bilder immer dann, wenn es ihm schlecht ging. Ein Dreidecker war sie, mit vierundzwanzig Geschützen, darunter vier Zweiunddreißigpfünder, genannt Witwenmacher. Acht Jahre alt war Solker, als sie die Engländer vor der Scheldemündung Mores lehrten. Attacke, ja. Er hat es überlebt, aber viele gute holländische Christen nicht und noch mehr Engländer. Die See hat sie zu sich genommen, die größte aller Huren, die alle in ihr Bett holt, die sie kriegen kann. Damals hat er zum ersten Mal Männer sterben sehen und sich gewundert, wie viele davon nach ihrer Mutter schrien und wie wenige nach Gott, dem sie doch gleich gegenüberstehen würden. Das Einzige, was die grausigen Bilder milderte, war die Erkenntnis, davongekommen zu sein, die sich jedes Mal neu einstellte, als könne er es nicht auf Dauer glauben.

Der Kaffee war stark und süß. Während der Schmerz im Zeh langsam verebbte, kaute Solker den zuckrigen Bodensatz aus dem Koppchen. Dazu verwendete er die rechte Backenseite, links saß ein Zahn, der vertrug es nicht süß. Der war vor der nächsten Fahrt fällig, dann waren noch drei Mahlzähne da. Nun, ein Mann mit fünfundvierzig Jahren auf dem Buckel konnte sich glücklich schätzen, wenn er wenigstens die vorderen noch herzeigen konnte für den seltenen Fall, dass einmal gelacht wurde. Am Kneipentisch und beim Psalmensingen in der Kirche taten sich genug zahnlose Münder auf von weit jüngeren Kerlen. Angeblich half ja das Priemkauen. Sagte jedenfalls sein Bootsmann.

Varte. Er würde gleich nach ihm sehen müssen. Und ihm auftragen, dass die Sklaven jetzt, wo es wärmer wurde, zweimal hochmussten an Deck. Erst drei waren ihm gestorben in den drei Wochen seit Cabo Verde, und das war nicht viel. Man konnte hoffen, von den achtzig Negroes vielleicht siebzig nach Sint Eustacius zu bringen. Für den Fall, dass man gut hinkam und einem nicht ein Kaperer über den Weg fuhr oder ein caraibischer Pirat. Die West-Indische Compagnie glaubte, sie könne ihre Schiffe schlechter ausrüsten als die schweren Pötte, die nach Batavia fuhren. Gut, dort wurde mehr investiert. Aber was tat man, wenn man nur acht zwölfpfündige Kanonen hatte und einer englischen Fregatte begegnete? Solker jedenfalls würde tun, was sein Verstand ihm auftrug, er würde den Schwanz einziehen. Schließlich war die »Marije van Flanderen« versichert, einschließlich der Lösegelder für den Kapitän und die zahlenden Passagiere, für die Fracht sowieso. Da lohnte es sich nicht, zu kämpfen, und Seeoffizier war man ohnehin nicht geworden, weil einem die Beziehungen abgingen, die man für derlei brauchte in einer Stadt wie Amsterdam. Also wohin mit der Tapferkeit beim Leib des Herrn Jesus Christus? Immerhin war man Capitain geworden, und das war doch genug für einen Mann, der noch zehn, fünfzehn Jahre vor sich hatte.

Solker würde sich gern erleichtern, aber er wusste nicht, ob er es schaffte bis zu dem Loch, in dem man die See rauschen hörte. Noch saß der Schmerz in seinem Leib wie eine Pulverladung, und das Aufstehen oder die paar Schritte bis zum Abtritt könnten sie zur Detonation bringen.

Die achtzig Neger jedenfalls brachten gutes Geld. Sie brauchten jetzt mehr von ihnen in Neu-Niederland, wo der Zuckerpreis stetig fiel, was blieb ihnen übrig? Einfach ins Meer schütten sollte man den Zucker, damit der Preis wieder stieg! Die Neger jedenfalls waren gut, frische portugiesische Ware von der Elfenbeinküste. Auf Geheiß der Compagnie hatte man sie in Cabo Verde mit Gewürzen und mit Genever bezahlt. Kriegte Solker sie gut an den Mann, konnte die Compagnie doppelt daran verdienen. Die Siechen könnte man in Sint Eustacius loswerden, in Para Maribo wurde ohnehin mehr bezahlt. Hauptsache, sie hielten bis dahin durch, denn empfindlich waren sie bei Gott.

Deshalb Vartes täglicher Gang hinunter, um nach dem Rechten zu sehen. Natürlich war der alte Hurenbock noch aus anderen Gründen ständig dort unten.

Solker wollte sich mit zitternden Fingern Kaffee nachgießen, aber das Kännchen war leer. Der Papagei, der sich bemüßigt fühlte, alles zu beobachten, was in der Kabine passierte, stieß einen geziert klagenden Schrei aus. Der Captain griff nach einem seiner Pantoffeln, der gerade neben dem Hocker lag. Der Vogel machte einen Purzelbaum im Ring, stellte den Hals flach und zischte wie ein Dampfkessel. Solker winkte ab, den Schuh in der Hand. Er war nicht in der Stimmung, das Vieh zu reizen.

Er dachte an Vartes andere Gründe, das Unterdeck ständig zu frequentieren, und gestand sich ein, dass er sich für derlei inzwischen zu alt fühlte. Nicht nur dann, wenn er einen Gichtanfall hatte. Wichtig war, was bei so einer Sache heraussprang, und wenn es um Geld ging, musste man den Leuten immer auf die Finger sehen. In gewissem Umfang konnte man einem Bootsmann private Geschäfte erlauben, aber Solker wollte eine Liste der Matrosen, die Varte ihren Obolus für den Besuch des Kippenhok entrichteten, der gut frequentiert wurde. Nun musste man sagen, dass Varte sich auch Mühe gegeben hatte beim Aussuchen. Acht Meisjes, ganz jung und nicht tätowiert, abgesehen von den Brandzeichen– manche von den Negern sahen ja aus wie ein alter Plattfisch mit wulstigen Narben überall, sogar im Gesicht.

Und Varte hatte nun einmal einen Hang dazu. So wie andere an der Flasche hingen, trieb ihn an, was in seinem Hosenstall eingesperrt war. Für die Matrosen kostete eine halbe Stunde einen Stuiver, und zwanzig Stuiver waren ein Gulden. Kleinvieh machte auch Mist. Wobei Varte auch spanische Schiffspesos nahm, zu vier Sechzehntel Reales, da konnte er wieder ein Geschäft machen, aber nur, falls die Münzen nicht mit Zinn verschnitten waren. Solker jedenfalls ließ sich seinen Anteil prinzipiell in Gulden und in Stuivern auszahlen. Varte sollte sich ruhig bescheißen lassen mit dem schlechten spanischen Silber. Die Mädchen im Kippenhok würden wahrscheinlich schwanger ankommen, das wirkte sich gut aus auf den Preis, es war ja noch keine schwarze Jungfer aus einem Sklavenschiff ausgestiegen. Und Mischlinge waren gefragte Hausdiener, wie jeder wusste. Wenn so ein Kind gut gezogen war, konnte es apart bei Tisch bedienen oder eine Stellung im Haus erwerben, das hatte es alles schon gegeben.

Solker spuckte den Kaffeesatz zurück in das Koppchen. Vartes Geschäfte hin oder her, er wollte die Mädchen aus der Kammer gleich in Sint Eustacius verkaufen, möglichst an einen Franzosen oder an einen Portugiesen, seinethalben auch an einen Engländer, warum nicht, aber an keinen Holländer in Para Maribo, wenn’s nicht sein musste. Die niederländischen Patroons kauften zwar gern dralle Weiber, aber sobald der Hausherr so einen Fratz anbrachte, ließ sein biederes Ehegespons ihm die Nase ab- und eine Flechse durchschneiden, damit das hübsche Ding hässlich herumhumpeln musste und der Patroon nicht mehr in Versuchung kam. Solker betrachtete derlei als Verschwendung und war nicht dafür. In dieser Hinsicht hielt er es mit den Papisten. Wohl war das Fleisch schwach, aber es wurde durch Kasteiung nicht stärker, bloß bitterer.

Der Kapitän kam ächzend auf die Beine und wankte zum Scheißhaus. Tat einen verlorenen Blick in das Loch, in dem die See weiß heraufschäumte, ehe er die Hose herunterriss und sich keuchend auf den Sitz fallen ließ.

Das Sklavendeck lag auf zweiter Ebene unterflur, auf gleicher Höhe wie die äußeren Kanonendecks, unter dem Passagierdeck und den Mannschaftsunterkünften, aber über dem Frachtraum, dem untersten Stockwerk des Schiffes, wo die schwereren Güter hinkamen, welche die »Marije van Flanderen« in ihrem Bauch trug, gut versorgt in Fässern und Kisten. Salzheringe, Stockfisch, feines Portugieser Salz, Kichererbsen, Rosinen, Weißmehl, Rohleder, Feuersteine und Musketen, Schießpulver, Blei, Roheisenbarren, Äxte, Messer, Nägel, Schaufeln, Hacken, Krampen, Drahtrollen, Stahlbänder für Federn, Bleche und Nieten für Siedekessel, eingefettete Hanftaue, Wolltuche aus Irland, Flachstuche aus Holland, Farben aus Delft, Trientiner Wolle, chinesische Seide, Kattun aus Flandern, Glasperlen aus Venedig, holländischer Genever, Delfter Hartkäse, Dörrfleisch, Trockenbirnen, Apfelschnitze, Hasel- und Walnüsse. Das hatte alles sein Gewicht, wenn es dicht gepackt lag in Fässern, Kisten und Ballen für die lange Reise in die Neue Welt.

Vartes breitspuriger Gang glich das Rollen der Fleute aus, an seiner Hand hopste Master Pitt, dessen gelbe Augen im Halbdunkel glitzerten. Obgleich man die Neger dicht nebeneinandergelegt hatte und das Schiff leicht doppelt so viele aufnehmen hätte können, wenn man noch eine zweite Hürde darüber einziehen wollte, war die Luft hier unten zum Schneiden. Das Licht stand als helle Balken, die mit dem Rollen des Schiffes wanderten, von den drei Oberlichtern in den großen Laderaum herein. Auch von den Kanonendecks, die mit Holzwänden abgetrennt waren, kam etwas Helligkeit. Von dorther hörte man die See, ein Klatschen und Spülen, ein dumpfes Aufschlagen vom Bug, wenn die Fleute anhob und fiel. Und von überall das Jammern der Neger und das leise Klirren der Ketten, wenn sie sich auf ihren Gestellen rührten.

Sie jammerten ständig, eine Lautäußerung, an die man sich gewöhnt hatte. Manchmal waren gewiss auch Worte dabei oder Sätze. Varte war bekannt, dass sie sprechen konnten wie Menschen, aber das änderte nichts an der tierhaften Natur dieser Klage, weil ja keiner ihre Sprache verstehen konnte. Möglicherweise war’s ja gerade darum gar keine menschliche Sprache.

Varte kam in offizieller Mission, war dem Capitain verantwortlich für die Gesundheit der Sklaven, und Gesundheit hieß zuallererst Gehorsam. Die angeketteten Neger drängten sich auf der hölzernen Hürde wie Kartoffeln in einem Keller. So ähnlich sah Varte das jedenfalls, und wie man nach den Kartoffeln sehen muss in einem langen Winter, so sah er nach den Negroes, das aber viel öfter, nämlich zweimal am Tag und– gut, da war ja auch die verschlossene Kammer, genannt »Het Kippenhok«: der Hühnerstall. Auf dem Weg dorthin sah Varte immer abwechselnd einen krausen Schopf neben zwei helle Sohlen gepackt, wie es sein sollte. Er war noch nicht dahintergekommen, wieso bei den Negern die Handflächen und Fußsohlen hell waren und der Rest schwarz.

Dort, wo ein schwarzer Krauskopf lag, wandte sich Varte hin und wieder ein Augenpaar zu, das zu einem Gesicht gehörte, Augen, von denen er im Halbdunkel nur das Weiße sehen konnte, und der Schemen einer ängstlichen Miene, aber er hörte keinen Ton. Vielleicht wussten die Neger, dass ihr Jammern unnütz war, eine ungünstige Angewohnheit, die man ihnen leicht verbieten konnte, und ließen es deshalb bleiben, solange sie den Matrosen mit dem langen Zopf und dem lederfarbenen Gesicht sahen, der von ihnen keine Notiz zu nehmen schien, sondern mit der aufgerollten Peitsche im Ausschnitt seiner Teerbluse auf das Ende des Sklavendecks zusteuerte, wo sich eine Tür befand mit einem Vorhängeschloss am Riegel. Vartes Kippenhok, seine Zuckermühle und sein Silberkästchen, oh ja.

Der Affe war auf Vartes Schulter hinaufgeklettert, vielleicht weil er sich vor den vielen Leibern fürchtete, die vor Angst schwitzten. Varte zog beim Gehen immer mal wieder die Luft tief in die Nase und schnoberte hinterher, wie man es tut, wenn man einen guten Genever oder einen reifen Käse erkennen möchte, schnüffelte, wenn er hier durchging, seine Nase war von großem Wert fürs Geschäft. Er war nun schon auf vielen Schiffen gewesen, auch auf Guineaschiffen, die nur mit Sklavenfracht fuhren, und er wusste, dass die Miasmen, waren sie erst mal da, einen Schiffseigner und die Compagnie viele tausend Gulden kosten konnten. Also war seine Nase Gold wert. Wenn man so rechnete, sogar mehr als ihr Gewicht in Gold.

Die Vorstellung seiner Nase auf einer Goldwaage ließ ihn grinsen. Aber so war es nun mal. Nicht jeder hatte die richtige Nase dafür. Hier unten roch es immer nach Schweiß und nach Exkrementen. Diese Art Gestank war nicht gefährlich. Daraus konnten jedoch die Miasmen entstehen, und an denen starben die Neger. Obwohl man sie täglich zum Tanzen und zum Scheißen über das Vorderdeck und an die Leeschanzen führte, wo man sie kräftig dreimal mit Seewasser abspülte, vertrugen sie es nicht, wenn sich in ihrem Quartier zu viel Schmutz sammelte. Dann fingen sie an zu sterben wie die Fliegen. Oft genug konnte man von hundert Negern bloß noch dreißig verkaufen, und die waren auch schon siech.

Die Haifische folgten dem Schiff seit Cabo Verde. Sie begleiteten alle Schiffe mit Westkurs, wie sibirische Wölfe hinter einem Pferdeschlitten herlaufen, und Varte wusste schon, worauf sie warteten. Bisher hatten sie aber erst drei von den Negern auf der »Marije van Flanderen« gekriegt, und man konnte hoffen, den Rest ans Ziel zu bringen. Natürlich vor allem die acht leckeren Meisjes, die Varte für den Kippenhok ausgesucht hatte, vor dem er inzwischen angekommen war, und von denen er gern ein paar bis zum Ende der Reise behalten würde. Es dauerte schließlich noch einmal ein paar Wochen von Sint Eustacius bis Para Maribo.

Er nahm den Schlüssel vom Hals, wo er ihn an einem ledernen Band hängen hatte wie ein Schmuckstück. Bootsmann sein bedeutete, über diesen Schlüssel zu verfügen, und klug sein bedeutete, für Gehorsam zu sorgen im Hühnerstall. Wollte eine nicht mehr essen, gab’s die Klammer für den Kiefer und die Zwangsfütterung wie bei den Gänsen. War eine trotzig, gab’s die Peitsche und Schießpulver in die Striemen. Das wirkte schnell und lehrte alle die nötige Duldsamkeit; die dabei zusahen, hatten ja Augen und Ohren.

Varte steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn, hakte das Schloss ab und öffnete die Tür. Den Affen nahm er immer mit, weil er sich damit lustig machen wollte. Die Negroes staunten oft, wenn sie Pitt mit seiner Weste sahen. Waren leicht abzulenken, hatten ja sonst nichts zu tun.

Die Meisjes saßen beieinander auf ihren Pritschen, die Laufkette durch die Handschellen gelegt. Nun hoben sie die Köpfe. Varte schloss die Tür hinter sich und knöpfte seinen Hosenlatz auf. Master Pitt fing an zu keckern.

4

Am 20.Februar 1701

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch gegen meine Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Es hilft mir, den Psalter mit der Feder niederzuschreiben, ob ich wohl die Worte kenne und jedes davon einzeln aufsagen könnte. Sie stehen jedoch so stark auf dem Papier, und ich brauche sie. Auf unserem Schiff wird an jedem Tage gebetet, denn die Compagnie befiehlt das tägliche Gebet. Capitain Solker hat mich gefragt– soll ich sagen: gefragt oder angewiesen?–; er wünscht jedenfalls, dass ich dazu aus der Bibel etwas vorlesen soll und auch den Vorsänger geben möge, wenn danach der Psalter gesungen wird. Dabei stehen wir alle beisammen zwischen den beiden großen vorderen Mastbäumen, wo das Deck mehr eben ist und unsere kleine Gemeinde Platz findet. Auch die vier Passagiere kommen zum Beten aus ihren Cajüten, welche sie sonst nur selten verlassen, und der Capitain gesellt sich zu uns. Unsere Gruppe ist die hinterste, weil auf einem Schiff hinten der vornehmere Platz ist, bei welchem auf dem Achterkastell auch des Capitains Cajüte sich befindet, zu der man zwei steile Treppen hinaufgehen muss. Vor uns Passagieren stehen als Nächste die Frauen aus dem Armendeck, angetan mit ihren bescheidenen Roben und Hauben, und ganz vorn stehen die Mannschaften. Das sind die fünfzehn Matrosen mit dem Bootsmann und die zwölf Seesoldaten. Diese Menschen würden zusammen ein kleines Kirchlein füllen. Nicht dabei ist der Matrose am Ruder, weil das Schiff nicht einen Augenblick ohne Steuermann gelassen werden kann.

Dies habe ich heute zum Anlass genommen, ein paar Worte zu sprechen, denn heute ist Sonntag, und GOTT hat mir den Mut dazu gegeben. Obgleich ich lediglich den Vorbeter und Vorsänger hätte machen sollen, habe ich es getan, denn allein, was man tut, ist wirksam, nicht, was nur bloße Absicht bleibt. Ich habe den Mann am Ruder in mein Gebet mit eingeschlossen und mit dem schönen Psalter vom HERRN, der mein Hirte ist, verbunden. Und gesagt, dass GOTT das Nämliche tut mit uns, indessen wir nichts davon bemerken, wenn er das Steuer führet als unser Gewissen, das sich immer rührt, wenn wir den falschen Kurs fahren, und dass es uns darum zu tun sein soll, fein hinzuhören auf diese wirkende Hand, die uns dahin lenkt, wohin es GOTT gefällt. Gerade, als der Steuermann auf den Capitain hören muss.

Solker nahm mich danach bei der Schulter und sagte, ich hätte fein gesprochen und dürfte von ihm aus sonn- und feiertags eine kleine Predigt an das Gebet fügen, solange keiner, sonderlich die Passagiere, etwas dagegen einzuwenden habe. Ich freute mich darüber und auch wieder nicht, denn ich spüre, dass die Passagiere mir nicht freundlich gesinnt sind. Man nimmt mich nicht ernst. Ich fürchte, von ihnen in einen Disput gezogen zu werden, bei dem man mir meinen Glauben übel nehmen könnte, denn unsere fromme Denkungsart ist nicht überall wohlgelitten in den sieben Provinzen. Aber der HERR wird mir Kraft geben. Ich muss lernen, mich zu ihm zu bekennen, auch wenn Anfechtungen und Verzagtheit mich hindern wollen.

Nach dem sonntäglichen Gebet fanden sich die Passagiere wie immer am Kapitänstisch ein zum Mittagsmahl. Zur Aufwartung bereit standen ein Matrose, welcher Küchendienst hatte, und Solkers javanischer Sklave. Wobei nur der beständig vor sich hin summende Junge den Eindruck machte, dass er etwas von der Bedienung bei Tisch verstehe. Der schweigende Matrose mit seinen tatauierten Handrücken und dem grauen Zopf wirkte geradeso fehl am Platz, wie er es vielleicht als Messdiener gewesen wäre, und machte sich auch gar nicht die Mühe, einen passenderen Eindruck zu erwecken. Der verspielte Junge indessen verstand es, das Rollen der Fleute mit Eleganz auszugleichen, und seine glänzenden Augen gingen überall umher. Wie ein Tänzer passte er sich dem Schwanken an, er setzte die Platten und Teller so geschickt ab, als warte er nur darauf, dass das Schiff ihm den Tisch dazu hochhebe, während der Matrose breitbeinig hin und her stakste, wie Matrosen es an sich haben, und die Mahlzeiten mit Geschepper auf die Platte stellte, ohne den mürrischen Ausdruck seiner Miene um ein Quäntchen zu ändern. Außerdem roch er stark nach Genever.

Bei Tisch saßen der Kapitän im geknöpften wollenen Rock, daneben ganz in gesetztem schwarzen Taft und weißem Linnen Mijnheer Veit Bruyninghuizen mit seiner Gattin, ein Reeder und Kaufmann aus Enkhuizen, welcher mit Gewürzen aus Batavia sein Geld gemacht und angeblich vorhatte, in Neu-Niederland einige Plantagen zu erwerben. Weiter saßen in der Runde ein Reisender im abgeschabten Kavaliershabit mit Degen, samtenem Justaucorps und seidenen Manschetten namens Maurits van Teerstraten und ein zurückhaltend gekleideter Deutscher, Doctor Jacob Maternus, seines Zeichens Abgesandter der Preußischen Akademie aus Dresden, der nach West-Indien reiste, um Handelsverträge in Übersee zu schließen. Und schließlich Van Ackeren in seinem besten, dennoch bescheidenen Anzug.

Es gab Grütze zu essen, wie für alle an Bord. Für die Passagiere dazu noch Fleischsuppe, gepökelten Hering mit Brot und Butter, gesottenes Salzfleisch und gestampften Stockfisch mit Birnenkompott, dazu ein paar Humpen flämischen Bieres. Das Armendeck wie auch die Matrosen und Seesoldaten bekamen zur gleichen Zeit von derselben Grütze und dazu gesottenes Pökelfleisch zu essen, die Sklaven erhielten bloß die Grütze. Van Ackeren durfte das Tischgebet sprechen, in dem er Gott dafür dankte, dass er den Reisenden Nahrung gab, wobei er auf die Bergpredigt kam, aus der er das »Sorget nicht ängstlich!« heraushob.

Danach dankte der Kapitän mit vollem Mund dem Herrn Bruyninghuizen, der drei Fässer Präsenthering mit an Bord gebracht und auf diese Weise dafür gesorgt habe, dass man die gute Speise bis zum Ziel täglich am Kapitänstisch genießen könne. Bruyninghuizen, dessen feiste Backen besser ein Bart bedeckt hätte, beantwortete den Dank des Kapitäns mit einem knappen Nicken. Seine dünne Gemahlin, die selbst bei Tisch ihre Schute trug, aus der nicht ein einziges ihrer zurückgekämmten flachsfarbenen Haare herauslugte, nickte zur gleichen Zeit wie ihr Gatte, als wären ihre Köpfe durch eine Mechanik miteinander verbunden.

»Es geht doch nichts über Hering«, sagte Bruyninghuizen und setzte seinen Humpen, weil der Tisch gerade nach oben ging, mit einem zu lauten Knallen ab. »Am besten schmeckt uns gut gesalzener Brandhering oder Kreuzbrandhering, gefangen zu Sanct Jacobi, mit grobem Brot und flämischer Butter. Das ist doch eine Gottesgabe, die einem auch fern von der Heimat Trost spendet.« Er warf Maternus einen Blick zu. »Nicht zu vergleichen mit Ihlen oder Hohlheringen, die man vielleicht in Deutschland isst.«

Maternus hob lächelnd die Brauen, sagte aber nichts dazu.

»In Friesland«, machte Bruyninghuizen weiter, den Henkel seines Humpens festhaltend, »wird ja, wie ich höre, auch Hering gefischt. Aber man lernt dort noch, wie es geht, habe ich recht?«

»Die Friesen«, sagte Teerstraten und beugte sich vor, wobei er Maternus beobachtete, »sind gründliche Leute. Die fischen die Heringe bestimmt einzeln.«

Solker, Bruyninghuizen und Teerstraten lachten einander an und stießen ihre Humpen gegeneinander. Da machte das Schiff eine plötzliche Seitwärtsbewegung, die der Junge, der gerade einschenkte, in den Hüften abfing. Er brachte es fertig, dem Kapitän weiter vom Bier einzuschenken, ohne dass etwas danebenging. Der Matrose indessen, der sich bei der Tür hielt, kippte gegen den Rahmen und blieb unbeweglich stehen, als sei er eine Statue, die beinahe umgefallen wäre. Ein leises Rülpsen entfuhr seiner Kehle.

»Wir verstehen uns in Deutschland gewiss nicht in dem Maße auf die Kunst der Fischerei wie die Niederländer, meine verehrte Dame und meine verehrten Herren«, sagte Maternus, der dazu in die Runde blickte und seinen Humpen ein Stück anhob, als wolle er den Spöttern zutrinken.

»Auf welche Künste«, Bruyninghuizen zog die Nase hoch und wischte mit dem Handrücken nach, »versteht man sich denn in Deutschland, Herr Doctor Maternus? Auf den Handel etwa oder vielleicht gar auf den Krieg?«

Er suchte zu seiner Sentenz verständnisinnig den Blick des Kapitäns und Teerstratens, indem er sie nacheinander anschaute.

Das Schiff stieß mit dem Bug in eine querlaufende Welle. Man hörte den dumpfen Anprall des Wassers. Das Geschirr auf dem Messetisch machte einen kleinen Sprung, und über dem vorderen Deck prasselte es herunter, dass man an einen Platzregen erinnert wurde. Frau Bruyninghuizen packte die Tischkante so fest, dass ihre Daumengelenke weiß wurden.

»Lass einen Strich anbrassen«, rief Solker dem mürrischen Matrosen zu, der aus seinem Dämmern aufschreckte, neuen Stand fasste und aus der Tür ging.

»Auf die Kriegskunst doch wohl nicht, meine Herren«, griff der Kapitän danach Bruyninghuizens Einlassung auf. Im beschwichtigenden Konversationston wandte er sich an die Runde. »Haben nicht die Deutschen in diesem vergangenen Jahrhundert gerade so ihre Kriege geführt wie die anderen Völker, ohne dass etwas dabei herausgekommen wäre?« Solker hob die Hand zu Maternus hin. »Nichts für ungut, Herr Gesandter, aber die Engländer haben wenigstens den Royals die Federn gestutzt, und wir Niederländer haben die Papisten vertrieben. Und haben– beim Leib Christi!– allen anderen, die uns die Butter vom Brot holen wollten, gezeigt, dass man uns ernst nehmen muss.«

»Hört, hört«, sagte Teerstraten lachend.

Solker merkte, dass alle ihn ansahen. Er griff nach seiner Meerschaumpfeife. »Das darf schon einmal gesagt werden«, brummte er. »Nichts gegen Euch, Herr Maternus. Die Deutschen sind die Einzigen, die bisher nicht versucht haben, uns hinterrücks zu überfallen, und das ehrt sie.«

Von draußen hörte man lang gezogene Rufe, die das Brassen anleiteten, dazu setzte ein Knarren ein, unter dem das Schiff seine Schräglage um ein Weniges vermehrte.

Die Mefrouw Bruyninghuizen hatte die Tischkante indessen noch immer nicht losgelassen.

»Ich möchte Euch gern antworten, meine guten Herren, meine Dame«, sagte Maternus. »Nach meiner Meinung gibt es wohl etwas, worauf die Deutschen sich in besonderer Weise verstehen, und das sind die Wissenschaften. Darin, glaube ich, liegt im Besonderen ihr Können. Und ist es nicht auch ein Verdienst des Martinus Luther«, dabei blickte er zu Van Ackeren hinüber, als suche er Beistand bei ihm, »dass er uns den Blick geschärft für das Werk Gottes und zugleich uns ermuntern wollte zur Tat? Die Herrschaften kennen sicher alle den großen Kepler, der die Bewegungen der Gestirne erforscht hat. Ich will Euch nicht langweilen, aber ich führe in meinem Gepäck ein vortreffliches Fernrohr mit, das mir erlaubt, wie ich hoffe, in etwa zwei Monaten den Durchgang der Venus vor der Sonne zu erspähen, den Kepler uns für zweihundert Jahre im Voraus berechnet hat und der nur alle sechsunddreißig Jahre stattfinden kann.«

Bruyninghuizen, der, während Maternus sprach, die ganze Zeit verächtlich gelächelt hatte, tauschte einen Blick mit dem Kapitän. »Das scheint mir keine fromme Kunstfertigkeit, Herr preußischer Gesandter«, sagte er, »so man den Himmel, den Gott eingerichtet, mit kleinlichen Berechnungen erklären will. Euer Kepler ist ein Phantast und überdies ein Ketzer. Wir sollten unsere Augen im Gebet erheben und nicht mit Fernrohren dort hinaufstarren, um etwa Dinge zu sehen, die wir doch nicht verstehen. Für mich ist das nutzloses Tun, wenn nicht gar Teufelswerk.«

Seine Hausfrau nickte dazu bekräftigend. Sie hatte inzwischen die rechte Hand von der Tischkante genommen und schob eine nicht vorhandene Haarsträhne hinter die Schute. Ihre hellgrauen Möwenaugen gingen zwischen Maternus und dem Kapitän hin und her.

»Den Gang einer Venus, lieber Meister Maternus«, Van Teerstraten lehnte sich, sein Bärtchen streichend, über den aufgestützten Ellbogen, »würde ich hoffen, Euch früher als in zwei Monaten zeigen zu können. Zum Beispiel demnächst in Sint Eustacius und ganz ohne Fernrohr. Aber ich möchte mich dazu nicht weiter äußern, da eine Dame sich am Tisch befindet. Ich bitte um Eure Vergebung, geneigte Frau Patronin.«

In seinen Augen mochte sich etwas befinden, was die Entrüstung der Frau Bruyninghuizen in Zaum hielt, deren blasses Gesicht gerade tiefrot angelaufen war. Sie beantwortete Teerstratens betont demütige Verbeugung mit einem ungnädigen Nicken.

Das Knarren draußen und die Rufe der Matrosen hatten aufgehört. Das Schiff lag jetzt schräger, aber ruhiger. Der Junge balancierte das benutzte Geschirr hinaus. Zuvor hatte er im Vorbeigehen Solker sein Feuerzeug auf den Tisch gelegt.

Der schlug mit dem Stahl Funken in den Zunder, blies ihn behutsam an und legte den glimmenden Bausch auf die gestopfte Pfeife. Fing an, durch die Nase schnaubend zu paffen.

»Was sagt denn«, hob er an, eine Rauchwolke ausstoßend, »unser geistlicher Aspirant zu dieser Frage? Darf man den Himmel erforschen?«

Er blies eine zweite Wolke aus und schob gleichzeitig Van Ackeren den Bierhumpen näher.

»Heute wieder kein Bier, Herr Van Ackeren? Zu schade. Schenkt uns dennoch Eure Ansicht zu diesem heiklen Punkt, zu welchem ein einfacher Capitain, der bloß ein wenig nach den Sternen zu navigieren vermag, keine wissenschaftlichen Antworten weiß.«

Das darauf folgende Lachen trieb Van Ackeren die Schamröte ins Gesicht. Er spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Maternus indessen steuerte bloß ein höfliches Lächeln bei, während Bruyninghuizen dröhnend mit den Fäusten auf den Tisch haute und die Lippen seiner Gattin sich über die Zähne zurückzogen wie bei einem drei Wochen gedörrten Klippfisch. Van Teerstraten, der nicht mitgelacht hatte, schaute zu Maternus hinüber und taxierte ihn mit einem prüfenden Blick.